Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       ARBEITERBEWUSSTSEIN UND KRISE 1)
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       Johannes Henrich von Heiseler
       
       I.
       
       Wenn wir  hier die  Frage nach  den Wirkungen  der Krise, der Er-
       scheinungen der  Depression und  der Arbeitslosigkeit auf das Be-
       wußtsein der  Arbeiter und  Angestellten stellen,  so stellen wir
       die Frage nach der möglichen Entwicklung von Klassenbewußtsein in
       der Arbeiterklasse  der BRD  unter den  heutigen ökonomischen und
       sozialen  Bedingungen,   die  sich   ja  wesentlich   von   denen
       unterscheiden, die  jahrelang  für  die  Bundesrepublik  gegolten
       haben.
       Klassenbewußtsein -  auf die  Gefahr hin  zu wiederholen, stellen
       wir das  voraus - ist letzten Endes die entwickelte Form des Ver-
       hältnisses der  Klasse zu  sich selbst und ihrer sozialen und hi-
       storischen Lage.  Klassenbewußtsein entsteht  nicht abgelöst  von
       der wirklichen  Geschichte der  Klasse, als Reflexion über allge-
       meine Prinzipien;  Klassenbewußtsein  entsteht  als  theoretische
       Verarbeitung ihrer Kämpfe und Erfahrungen.
       Entwickeltes Klassenbewußtsein,  sozialistisches Bewußtsein  wird
       gekennzeichnet durch  die Erkenntnis,  daß  der  Widerspruch  von
       Lohnarbeit und  Kapital die  ganze Gesellschaft und nicht nur die
       betrieblichen Verhältnisse, nicht nur die Arbeitswelt prägt. Dar-
       aus ergibt sich im sozialistischen Bewußtsein die Erkenntnis, daß
       die Arbeiterklasse  den politischen  Kampf gegen die kapitalisti-
       sche Klasse  und ihre Gewalt führen muß, daß sie die zentrale po-
       litische Macht erkämpfen muß und daß sie die kapitalistische Ord-
       nung beseitigen  muß, um eine andere, die sozialistische, an ihre
       Stelle zu setzen.
       Entwickeltes Klassenbewußtsein ist also theoretisches Bewußtsein.
       Wenn wir darauf bestehen, so heißt das nicht, daß wir es von sei-
       ner lebendigen  Grundlage, der  Lage der Arbeiterklasse gegenüber
       den anderen  Grundklassen und  den anderen großen Gruppen der Ge-
       sellschaft, ihrer  Tätigkeit, ihren Erfahrungen und ihren Organi-
       sationen, ablösen  wollen .  Wir können vielmehr feststellen, wie
       aufgrund der  Lage der  Arbeiterklasse und  ihrer allgemeinen und
       konkreten Stellung  in der Gesellschaft spontane Prozesse wirksam
       werden, durch  die innerhalb der Arbeiterklasse Erkenntnisse über
       den Widerspruch  zum Kapital  vornehmlich auf betrieblicher Ebene
       und im  Arbeitsleben und  praktische Erkenntnisse der Aktionsmög-
       lichkeiten entstehen.  Solch ein  entsprechend den besonderen hi-
       storischen und  nationalen Bedingungen in kleinerem oder größerem
       Umfang innerhalb  der Arbeiterklasse sich spontan herausbildendes
       Bewußtsein wird  von uns  kategorial als  noch nicht  entfaltetes
       Klassenbewußtsein, als elementares Klassenbewußtsein, als gewerk-
       schaftliches Bewußtsein bezeichnet.
       Auf diese  Weise wird auch die Verbindung zwischen dem Klassenbe-
       wußtsein und  seiner Grundlage  in der  Lage der  Arbeiterklasse,
       ihre Tätigkeit, ihren Organisationen und Erfahrungen gekennzeich-
       net. Würde man das Klassenbewußtsein von seiner lebendigen Grund-
       lage ablösen, dann kämen seine Vermittlungen in die Nähe der mis-
       sionarischen Tätigkeit  irgendwelcher Heilslehren. Klassenbewußt-
       sein ist  ja Klassenbewußtsein  gerade deshalb  und insofern, als
       sich in ihm das Wesen der sich aus der objektiven Lage der Arbei-
       terklasse ergebenden  Aufgaben für  die Klasse  vorzeichnet. Aber
       zugleich ist  es wichtig,  zu betonen,  daß das Klassenbewußtsein
       nicht einfach  das jeweils  empirisch gegebene Bewußtsein der Ar-
       beiterklasse ist  und daß man nicht von einem naturwüchsigen Pro-
       zeß des  Wachstums von  Klassenbewußtsein lediglich  im Zuge  der
       sich ergebenden  Kampferfahrungen ausgehen  kann. Der  Prozeß der
       Aneignung des  Klassenbewußtseins durch eine beliebige Gruppe der
       Arbeiterklasse ist  ein Lernprozeß,  der spontan  beginnt und auf
       einer spontanen Grundlage beruht, aber als gesellschaftlicher Wi-
       derspiegelungsprozeß vermittelt und wesentlich geformt wird durch
       die ganze  Sphäre der  Politik und  Ideologie, wie  sie unter be-
       stimmten Umständen  für das Land, die Periode, ja die Region, die
       Gruppe der  Arbeiterklasse usw.  gegeben  ist.  Selbst  wenn  wir
       zunächst von  der politischen und ideologischen Vermittlung abse-
       hen, reicht die Vorstellung seines naturwüchsigen Wachstums nicht
       hin, weil  das Klassenbewußtsein  zwar starke spontane Grundlagen
       in der  objektiven sozialen  Lage hat,  aber zugleich in der Lage
       des Lohnarbeiters  in der kapitalistischen Wirklichkeit ebenfalls
       spontane Grundlagen  für die Entwicklung von bürgerlichem Bewußt-
       sein liegen. Die spontane Anschauungsweise der Arbeiterklasse ist
       also   z u n ä c h s t  aus sehr allgemeinen Gründen notwendiger-
       weise widersprüchlich.
       Gerade in  den sich am Marxismus orientierenden theoretischen und
       empirischen Ansätzen  in den letzten Jahren ist zu Recht oft her-
       vorgehoben worden,  daß für  die westdeutschen Arbeiter und Ange-
       stellten diese  Widersprüchlichkeit besonders  kennzeichnend ist.
       Man kann  dabei zeigen,  daß diese Widersprüche nicht nur im Kopf
       des einzelnen  Arbeiters und  Angestellten aufzufinden sind, son-
       dern sich  auch im  gesellschaftlichen Prozeß der Meinungsbildung
       unter den  Kollegen des  Betriebs zeigen. In unserer Untersuchung
       hat sich  gezeigt, daß diejenigen, die in ihren Vorstellungen von
       möglichen gesellschaftlichen  Veränderungen Elemente von Klassen-
       bewußtsein aufwiesen, stärker im Zentrum des betrieblichen Kommu-
       nikations- und Meinungsbildungsprozesses standen als die anderen,
       die diese  Vorstellungen nicht  hatten. Aber  ebenso galt das für
       die Kollegen  mit deutlich  sozialpartnerschaftlichen Vorstellun-
       gen. Auch sie stehen keineswegs am Rande des Meinungsbildungspro-
       zesses der Belegschaft, sondern mitten darin.
       Dieses Ergebnis  ist zunächst  noch überraschender  als die bloße
       Feststellung widersprüchlicher  Vorstellungen und  Haltungen  bei
       der Mehrzahl  der Arbeiter  und Angestellten  . Es  verweist aber
       darauf, daß man, will man die Ursachen der bestehenden Widersprü-
       che im  Bewußtsein der Arbeiter und Angestellten aufklären, nicht
       bei der  offensichtlichen Tatsache  stehen bleiben darf, daß hier
       fortschrittliche und  reaktionäre meinungsbildende  Faktoren ein-
       wirken. Es  ist sehr  richtig darauf  hingewiesen worden, daß man
       hier analytisch  zunächst einmal  die Grundlagen dieses Prozesses
       der Herausbildung  widersprüchlicher Vorstellungen und Haltungen,
       auf den  dann die  ganzen politischen  und ideologischen Vermitt-
       lungsinstanzen einwirken,  erfassen muß.  Aus der wirklichen Lage
       des Lohnarbeiters  muß sich zunächst und spontan ein widersprüch-
       liches Bewußtsein  herausbilden. Seine Grundlage liegt einerseits
       in der  Tatsache, daß  der Lohnarbeiter  seiner Lage nach letzten
       Endes objektiv darauf angewiesen ist, diese Verhältnisse, die ihn
       bedrücken, aufzuheben. Das ist die spontane Grundlage antikapita-
       listischer Haltung und Einstellungen. Aber zugleich verweist auch
       die Wirklichkeit  den Lohnarbeiter  immer wieder  auf die  andere
       Seite seiner  Existenz: Auf die objektive Konkurrenz zwischen dem
       einzelnen Verkäufer  seiner Arbeitskraft  und anderen  Lohnarbei-
       tern, die  selbst Ergebnis  und abgeleitetes  Moment der tieferen
       Erscheinung ist,  daß der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft verkau-
       fen muß,  um sein Leben zu sichern. Das ist die Grundlage für das
       spontane Wachstum  bürgerlicher  Ideologie  unter  Lohnarbeitern.
       Auch hier  verweist also  das verkehrte  Bewußtsein letzten Endes
       auf eine verkehrte Wirklichkeit. Eine gesellschaftliche Wirklich-
       keit, in  der die  Konkurrenz begleitendes Moment der Kooperation
       der Lohnarbeiter  ist, produziert  nicht  nur  mit  Notwendigkeit
       spontane Kritik  an diesen  Zuständen, sondern sie produziert mit
       Notwendigkeit auch spontane Illusionen.
       Scheinbar steht der Lohnarbeiter als Eigentümer einer Sache, sei-
       ner Arbeitskraft, oder wie es ihm scheint, seiner Arbeit, dem Ka-
       pitaleigentümer als  Kontraktpartner auf gleichem Fuße gegenüber.
       Wie es  diesem zusteht, beliebig mit seinem Kapital zu verfahren,
       so steht  es ihm  zu, beliebig  mit sich selbst zu verfahren. Die
       Freiheit gilt  für beide Vertragskontrahenten: Er ist frei, seine
       Arbeitskraft zu  verkaufen oder  keinen Arbeitslohn für seine Re-
       produktion zu  erhalten; das  Kapital ist  frei, ihn einzustellen
       oder ihn  arbeitslos zu lassen. Die Freiheit des Kapitals ist, so
       sieht es in dieser Welt des Scheins aus, auch seine Freiheit. Und
       um die  illusionäre Auffassung seiner eigenen Lage noch tiefer zu
       begründen ,  erscheint dem  Lohnarbeiter der  Arbeitslohn  -  der
       Preis seiner  zur Ware gewordenen Arbeitskraft - als Geldausdruck
       des Werts  "der Arbeit".  Die Vorstellung  vom Lohn als Preis der
       Arbeit wird  begünstigt und unterstützt durch die Lohnformen, die
       als Berechnungsgrundlage  die aufgewandte  Arbeitszeit  oder  die
       hergestellten Stücke  benutzen. Hier verschwindet dann völlig die
       grundlegende Unterscheidung  zwischen notwendiger und Mehrarbeit.
       Die gesamte Arbeitszeit scheint bezahlte Arbeitszeit zu sein. Je-
       der Begriff der Mehrarbeit geht verloren und damit auch jeder Be-
       griff von dem durch die Arbeiterklasse produzierten und vom Kapi-
       tal angeeigneten  Mehrwert. Die  Vorstellung vom  Wert der Arbeit
       mystifiziert letztlich den Wertbegriff überhaupt.
       In seiner  Analyse dieser  Illusionen besteht Marx darauf, daß es
       sich nicht bloß um ungenaue Metaphern handelt, die durch eine Art
       Sprachkritik zu  beseitigen seien. Er weist nachdrücklich darauf-
       hin, daß  sich diese  Form von Widersspiegelung elementar aus den
       objektiven Verhältnissen  selbst ergibt, solange die Widerspiege-
       lung noch  als nur  spontaner Prozeß, noch nicht als aktiver, be-
       wußter Vorgang  abläuft. "Auf der Oberfläche der bürgerlichen Ge-
       sellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit,
       ein bestimmtes  Quantum Geld,  das für ein bestimmtes Quantum Ar-
       beit gezahlt wird. Man spricht hier vom Wert der Arbeit und nennt
       seinen Geldausdruck  ihren... Preis." "Im Ausdruck - Wert der Ar-
       beit -  ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern
       in sein  Gegenteil verkehrt.  Es ist  ein imaginärer  Ausdruck...
       Diese imaginären  Ausdrücke entspringen  jedoch aus den Produkti-
       onsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsfor-
       men wesentlicher  Verhältnisse. Daß  in der Erscheinung die Dinge
       sich oft  verkehrt darstellen,  ist ziemlich allen Wissenschaften
       bekannt." 2)
       Die Entwicklung  des gewerkschaftlichen  und politischen Bewußts-
       eins der Arbeiter und Angestellten vollzieht sich daher nicht als
       ein einfacher Prozeß des Lernens aus Erfahrung. In den Lernprozeß
       gehen vielmehr  die Elemente  der ökonomischen,  politischen  und
       ideologischen Situation auf dieser Grundlage ein.
       Schon auf  der Ebene  der  Wertorientierungen  drücken  sich  die
       grundlegenden Widersprüche  aus. Als  beherrschende Wertorientie-
       rung zeigten sich in unserer Untersuchung Jugendlicher im Großbe-
       trieb die  Orientierung auf gemeinsames Handeln, die Orientierung
       auf Kollegialität,  auf Gleichheit  und  auf  Leistung.  Was  den
       letztgenannten Wert  angeht, so ist die Orientierung auf Leistung
       von Anfang  an immer  schon beides:  Zeichen der  Befangenheit in
       bürgerlichen Bewußtseinsformen, wie in der Untersuchung von Eier-
       baum u.a.  3) gesagt wird, aber zugleich, was hier völlig überse-
       hen wird,  möglicher Ansatzpunkt antikapitalistischer Kritik. Die
       sehr komplexe  und in sich selbst widersprüchliche Rolle der Ori-
       entierung auf Leistung für das Bewußtsein der Lohnarbeiter wenig-
       stens zum  Teil deutlich gemacht haben, ist das Verdienst der Er-
       langer Studie  von Kudera u.a. 4) Wie wir in unserer Untersuchung
       zeigen konnten,  geht allerdings sehr starke Orientierung auf den
       Wert Leistung tatsächlich meist zusammen mit integrationistischen
       und reaktionären  Haltungen in  anderen Bereichen.  So  ist  Lei-
       stungsorientierung zwar  einerseits Element des Selbstbewußtseins
       der wichtigsten  produktiven Klasse,  andererseits gelingt es der
       bürgerlichen Ideologie nach wie vor in starkem Maße, diese Werto-
       rientierung mit  der Seite  seiner Existenz zu verbinden, die den
       einzelnen Lohnarbeiter  als mit  anderen Lohnarbeitern konkurrie-
       renden Anbieter  seiner Arbeitskraft  erfaßt. Demgegenüber  zeigt
       sich, daß  die Orientierung  auf Gleichheit, auf gemeinsames Han-
       deln und auf Kollegialität meist mit Elementen von Klassenbewußt-
       sein verbunden  waren. Ein  absolut beherrschender Wert ist dabei
       die Orientierung auf Kollegialität; und es zeigt sich, daß es von
       dieser Wertorientierung  Beziehungen zu  den Vorstellungen im ge-
       werkschaftlichen und  politischen Bereich  bis hin zu dem Gesell-
       schaftsbild gibt.
       Wenn also davon gesprochen wird, daß sich die Herrschaft der bür-
       gerlichen Bewußtseinsformen gerade in den Wertvorstellungen zeigt
       (Westberliner Untersuchung), so kann man dem nur sehr bedingt und
       nicht in  dieser Form  zustimmen. Die  spontane Reproduktion  der
       bürgerlichen Ideologie  und das bewußte Aufgreifen dieser sponta-
       nen Reproduktion  durch die vermittelnden ideologischen Instanzen
       zeigt sich eine Ebene weiter. Es zeigt sich vor allem in der Ten-
       denz, die  Ergebnisse  gesellschaftlicher  Verhältnisse,  gesell-
       schaftlicher Widersprüche,  die Ergebnisse von Ausbeutung und Un-
       terdrückung einer  Klasse durch  die andere als individuelles Ge-
       schehen, als  individuelles Versagen  wahrzunehmen und erscheinen
       zu lassen.  Als Beispiel für eine solche Tendenz kann man die Zu-
       stimmung zu  der Aussage  "Wenn man  sich genügend anstrengt, be-
       kommt man  auch eine  gute Lehrstelle.  Die meisten  suchen  aber
       nicht richtig,  haben zu  schlechte Noten  oder sind zu pingelig"
       ansehen. (In  unserer Untersuchung stimmten dieser Aussage immer-
       hin 58  Prozent der  befragten Jugendlichen  zu, davon 25 Prozent
       ohne Einschränkung.)  Gerade das Ansteigen der Arbeitslosenzahlen
       hat offenbar zunächst dazu geführt, daß die Individual- und Grup-
       penkonkurrenz stark  betont wurde.  Dabei geht  in diese Reaktion
       der Arbeiterklasse  auf die  für  die  Bundesrepublik  neue  Lage
       selbstverständlich schon  das Ensemble  von Bedingungen  ein, das
       mit zu der Unterstützung dieser Seite der Arbeiterexistenz und zu
       der Behinderung der Entwicklung der anderen Seite beiträgt.
       Daß das  Kapital und seine politischen und ideologischen Institu-
       tionen die  Seite der  Konkurrenz gegenüber anderen Arbeitskraft-
       verkäufern aufgreifen,  ist naheliegend.  Aber es greift auch die
       andere Seite auf, die Tendenz nach Solidarität und Kollegialität.
       Es ist nichts anderes als das Bedürfnis nach Identifizierung nach
       einer "sozialen  Heimat" das kapitalistisch verbogen und verdreht
       die Grundlage  abgibt für  alle Illusionen über eine mögliche und
       erstrebenswerte soziale Partnerschaft zwischen Lohnarbeit und Ka-
       pital. Dabei  gehen auch Erfahrungen über die Verknüpfung des Ar-
       beiterschicksals mit der Lage des Kapitals gerade in der Krise in
       diese Vorstellungen ein.
       In unserer Untersuchung zeigte sich, daß sozialpartnerschaftliche
       Vorstellungen die  Zustimmung von  zwischen 86 und 96 Prozent der
       Befragten fanden.  Es gibt  keinen Grand  anzunehmen, die Zustim-
       mungsraten zu sozialpartnerschaftlichen Aussagen seien in anderen
       Gruppen und  Abteilungen der  Arbeiterklasse wesentlich niedriger
       als bei Jugendlichen in einem Großbetrieb. 5) Man kann davon aus-
       gehen, daß selbst in Gruppen, die in bezug auf andere Aussagen zu
       einem großen Teil antikapitalisrischer Kritik zustimmen, ja sogar
       zur Hälfte Sympathien zu einer sozialistischen Ordnung, oder dem,
       was sie  darunter verstehen, äußern, zugleich überwiegend sozial-
       partnerschaftlichen Vorstellungen anhängen.
       Die Tatsache,  daß die bürgerliche Ideologie in der westdeutschen
       Arbeiterklasse besonders  in Form  sozialpartnerschaftlicher Vor-
       stellungen erscheint  und daß  sie in  dieser Form  selbst solche
       Teile und  Gruppen der  Arbeiterklasse (mit Ausnahme kleiner Min-
       derheiten) durchdringt,  die in anderer Hinsicht ihren Klassenge-
       nossen in  der Orientierung  auf ihre Interessen voraus sind, ist
       selbst Ergebnis  der ökonomischen  und politischen Geschichte der
       Bundesrepublik. Die  lange Phase rascher Akkumulation ermöglichte
       einen solchen  Abbau der  Arbeitslosigkeit, daß  für  lange  Zeit
       selbst die Tiefpunkte des Zyklus sich nicht auf die Beschäftigung
       auswirkten. Zugleich ermöglichte diese Akkumulationsphase Steige-
       rungen der  Löhne und  Gehälter, die  von den Arbeitern und Ange-
       stellten mit dem niedrigen Niveau am Kriegsende verglichen wurden
       und zugleich  selten gewerkschaftliche  Aktionen kosteten,  wobei
       die Stärke  der Gewerkschaften  und die  Existenz des sozialisti-
       schen Nachbarlandes  die Bereitschaft  des Kapitals zu Zugeständ-
       nissen stark  erhöhte. Die Schwäche der kommunistischen Arbeiter-
       bewegung nach  den Jahren des Faschismus und ihre Illegalisierung
       in der  Adenauer-Ära harte  eine allgemeine Schwächung der an den
       Klasseninteressen orientierten Strömung in den Gewerkschaften zur
       Folge. Die  dominierende Linie  in den  Gewerkschaften trat, ohne
       auf den  Rückgriff auf  die Mobilisierung  der gewerkschaftlichen
       Militanz gänzlich  zu verzichten,  einer weiteren Verbreitung der
       sozialpartnerschaftlichen Illusionen nicht systematisch entgegen.
       Es ist  nicht verwunderlich,  wenn man  jetzt feststellt, daß die
       Anerkennung der Notwendigkeit der Gewerkschaften durch die Bevöl-
       kerung nach den Umfragen des Gewerkschaftsbarometers zyklisch und
       parallel zum  ökonomischen Zyklus  schwankt.  Ausgerechnet  dann,
       wenn die  Krise eine  wirkungsvollere Koalition  der Lohnarbeiter
       verlangt, sinkt  die Einsicht  in die  Notwendigkeit der  Gewerk-
       schaften ab.  Dies ist  das spontane Ergebnis der Bindung der ge-
       werkschaftlichen Organisation  an die staatliche Wirtschaftspoli-
       tik.
       Integrationistische Strömungen  spielen bei  der Politik  der Ge-
       werkschaften eine  nicht übersehbare Rolle. Wir können aber empi-
       risch feststellen,  daß sie  nicht im  Einklang mit  der sozialen
       Wirklichkeit der  Gewerkschaft an  der Basis  stehen. Aus unserer
       Untersuchung, -  in der  Jugendliche in einem Großbetrieb befragt
       wurden, in  dem die Betriebsratsführung gemeinsam mit der von ihr
       dominierten Verwaltungsstelle eine Politik des "Betriebsfriedens"
       macht -  geht hervor, daß sich Gewerkschaftsmitglieder auch unter
       solchen Verhältnissen  gegenüber ihren Kollegen dadurch auszeich-
       nen, daß  sie in  geringerem Maße  sozialpartnerschaftlichen Vor-
       stellungen verhaftet sind. Während von den gewerkschaftlich orga-
       nisierten befragten  Jugendlichen 58  Prozent dem  Satz "Wenn die
       Unternehmer gute  Gewinne machen,  können die  Arbeiter und Ange-
       stellten auch  gut verdienen",  zustimmten, waren  es unter ihren
       unorganisierten Kollegen  84 Prozent. Und während von den unorga-
       nisierten Befragten  62 Prozent waren, die meinten, es verbessere
       sehr viel, "wenn die Unternehmer und die Gewerkschaften sich bes-
       ser aufeinander  einstellen würden", waren es unter den befragten
       Gewerkschaftsmitgliedern 36 Prozent. Wir können daraus schließen,
       daß sich aus der Funktion der Gewerkschaften als allgemeinem öko-
       nomischen Interessenverband  Tendenzen entwickeln,  die  geeignet
       sind, sozialpartnerschaftliche Illusionen abzubauen.
       Es wird allerdings von der Politik der gewerkschaftlichen Organi-
       sationen abhängen, wie diese Tendenz wirksam wird. Daß es notwen-
       dig ist,  die Wirkung dieser spontanen Tendenz bewußt zu verstär-
       ken, zeigen beispielsweise die oben zitierten Zahlen mit gleicher
       Deutlichkeit.
       Am Anfang  des Jahres 1976 waren sich die meisten Beobachter dar-
       über einig, daß die Krise und die Arbeitslosigkeit vor allem eine
       dämpfende Wirkung  auf die  Aktivität der westdeutschen Arbeiter-
       klasse gehabt  hatten. (Allerdings  prognostizierten schon damals
       Josef Schleifstein und Jörg Huffschmid, ausgehend von den voraus-
       sehbaren objektiven  Entwicklungen, daß  mit zunehmenden Klassen-
       auseinandersetzungen zu rechnen sei.) Im Jahre 1976 kam der erste
       große Tarifkampf der IG Druck und Papier; es nahmen lokale Aktio-
       nen gegen Stillegungen zu; 1977 kam es zu größeren Aktionen gegen
       Stillegungspläne im  Saarland, in Bremen und anderswo; 1978 waren
       es dann  die Streiks der Hafenarbeiter, die zweite große Bewegung
       der Setzer  und Drucker  und die  Aktionen der  Metaller, die das
       Bild veränderten.  Für die  Aktionen war  - anders als 1969 - die
       Herausbildung der Haltung der gewerkschaftlichen Organisation und
       Führung von  großer Bedeutung  - ein  Problem auf das später noch
       einmal eingegangen wird. 6)
       Die lähmende  Wirkung, die  die hohe  Arbeitslosenzahl eine lange
       Zeit ausübte,  hätte  möglicherweise  unter  anderen  Bedingungen
       schon früher  überwunden werden  können. Sicher aber war sie auch
       und gerade  an der gewerkschaftlichen Basis spürbar. Wenn wir von
       dem Widerspruch  zwischen Solidarität  und Konkurrenz in der Lage
       der Lohnarbeiter  ausgehen, so  verstärkt die  Existenz eines Ar-
       beitslosenheeres zunächst  und spontan  die Seite der Konkurrenz,
       es sei denn, es sind von der Arbeiterbewegung überlieferte Inter-
       pretations- und Handlungsmuster schon dann wirksam. Solche Inter-
       pretations- und Handlungsmuster müssen aber in der Bundesrepublik
       erst erneut gebildet werden.
       Wie stark die Tendenz, die Verantwortung für die Arbeitslosigkeit
       auf den  einzelnen Arbeitslosen oder auf andere Gruppen von Lohn-
       arbeitern (ausländische Arbeiter) zu verlagern, unter den von uns
       befragten Jugendlichen im Großbetrieb im Herbst 1976 wirksam war,
       wurde sehr  deutlich an  einer Frage, in der es hieß: "Schon seit
       längerer Zeit  gibt es eine ziemlich hohe Arbeitslosigkeit in der
       BRD. Vor  allem viele  Jugendliche sind  arbeitslos. Uns interes-
       siert, woran  das wohl  liegt. Was  meinen Sie dazu?" Der Vorgabe
       "Wenn die  Ausländer weg  sind, gibt  es wieder  Arbeit für  uns"
       stimmten 45 Prozent der Befragten zu; der Vorgabe "Die Arbeitslo-
       sen sind  häufig auch faul; oft arbeiten sie schwarz" 62 Prozent,
       mindestens einer von beiden Vorgaben 79 Prozent. Von den gleichen
       Befragten stimmten  andererseits 40  Prozent einer Vorgabe zu, in
       der prinzipielle  antikapitalistische Aussagen  zur Arbeitslosig-
       keit enthalten  sind, nämlich der Vorgabe: "Arbeitslosigkeit gibt
       es, solange  es Privatunternehmen  gibt, die  nur produzieren, um
       Gewinne zu machen. Da gibt es für Jugendliche und ältere Kollegen
       keine größeren Unterschiede. Erst wenn die Kapitalistenklasse weg
       ist; ist  auch die  Arbeitslosigkeit verschwunden."  Auf die ein-
       gangs geschilderten  Widersprüche verweist  die Tatsache, daß 3 2
       Prozent der Befragten sowohl einer der beiden das Moment der Kon-
       kurrenz hervorhebenden  Aussagen als auch der letzten Aussage zu-
       stimmten. Die  weitaus stärkste  Zustimmung aber fand mit 91 Pro-
       zent eine Vorgabe, in der das System nicht in Frage gestellt wird
       und an  das, was sich die Befragten unter "Staat" vorstellen, ap-
       pelliert wird.  Diese Aussage  lautet: "Die  Arbeitslosigkeit ist
       schlimm, aber  es herrscht  nun mal  eine Krise.  Der Staat müßte
       aber für die Arbeitslosen und vor allem für die Jugendlichen mehr
       tun, damit die auch wieder arbeiten können."
       Hier wird  deutlich, daß die Erarbeitung einer alternativen Wirt-
       schaftspolitik nicht  nur -  und das ist selbstverständlich - für
       die gewerkschaftliche  Gesamtstrategie immer notwendiger wird; es
       zeigt sich,  daß diese  Aufgabe auch  unbedingt vom Gesichtspunkt
       der Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter und Angestellten an-
       gegriffen werden  muß. 7)  Die Erwartungen an den Staat gerade in
       der Krise paaren sich bei einem großen Teil der Befragten mit Il-
       lusionen über  den Charakter  dieses Staates;  aber sie verbinden
       sich auch  bei einem  großen Teil  der Befragten mit Handlungsbe-
       reitschaft. Nicht  selten findet  sich beides  nebeneinander.  58
       Prozent der  Befragten erklärten  sich bereit,  im Falle  von be-
       trieblichen Entlassungen  dagegen zu streiken, 71 Prozent erklär-
       ten, sie  würden an  einer Demonstration teilnehmen, wenn es eine
       große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit gäbe.
       Wir glauben,  daß sich in diesem Nebeneinander von Erwartungen an
       den Staat  und Handlungsbereitschaft ausdrückt, daß in den Erwar-
       tungen an  den Staat  zwar einerseits  auch spontan reproduzierte
       und  bewußt   gepflegte  bürgerliche  Ideologie  zu  finden  ist,
       zugleich aber  ist darin auch eine spontane Form der Widerspiege-
       lung der  Funktionserweiterung des  Staates im staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus  zu finden.  Das bedeutet  aber, daß  für eine
       Strategie der  Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter und Ange-
       stellten in  der BRD die Dimension staatlicher Wirtschaftspolitik
       nicht ausgespart werden kann.
       Wir hatten  festgestellt, daß  Vorstellungen von  einer möglichen
       und erstrebenswerten  sozialen Partnerschaft  zwischen Lohnarbeit
       und Kapital  offenbar bei den Arbeitern und Angestellten der Bun-
       desrepublik weit verbreitet sind. Diese Sozialpartnerschaftlichen
       Vorstellungen sind eine Hauptform, in der heute bürgerliche Ideo-
       logie bei  Arbeitern und Angestellten auftritt (und nicht so sehr
       autoritäre und konservative Varianten bürgerlicher Ideologie, die
       wohl von  Bierbaum u.a. in ihrer Bedeutung für die Arbeiterklasse
       heute überschätzt  werden). Dabei zeigen sich aber bedeutsame Un-
       terschiede, je  nachdem ob die sozialpartnerschaftlichen Vorstel-
       lungen auf  den Betrieb und die Kooperation im betrieblichen Rah-
       men oder  ob sie auf die "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" (in der
       sozialpartnerschaftlichen Terminologie  ) insgesamt  und auf  die
       Krise bezogen waren.
       Die eine  Vorgabe hieß:  "Im Betrieb ist es wie überall im Leben:
       Wenn man sich nicht verständigt, klappt es nicht. Arbeiter, Ange-
       stellte und  Betriebsleitung müssen  aufeinander Rücksicht nehmen
       und besser zusammenarbeiten, damit es weniger Probleme gibt." Die
       andere lautete:  "Arbeiter und  Arbeitnehmer  sollten  versuchen,
       miteinander auszukommen  und gemeinsam  die Krise zu überwinden."
       Beiden Aussagen stimmten jeweils 95 Prozent der Befragten zu. Der
       Unterschied zeigte sich bei der starken Zustimmung. Diese lag bei
       der ersten  Aussage bei  85 Prozent,  bei der zweiten bei 65 Pro-
       zent.
       Man kann  daher annehmen,  daß die sozialpartnerschaftlichen Vor-
       stellungen bei  den jugendlichen Befragten gleich weit verbreitet
       waren, gleichgültig,  ob es sich um den Bereich der betrieblichen
       Kooperation oder um den Bereich des Verhältnissses der Klassen in
       der Krise zueinander handelte; daß aber im ersteren Bereich diese
       illusionären Vorstellungen in den realen Verhältnissen eine Basis
       haben und  daher fester  verwurzelt sind,  während sie im zweiten
       Fall eher auflösbar sind.
       Das kann  bedeuten, daß  innerhalb der  bürgerlichen Ideologie im
       Zusammenhang mit  dem Übergang von einer langen Prosperitätsphase
       zu einer  Depressionsphase eine Verlagerung eintritt; es kann be-
       deuten, daß  die Bourgeoisie versuchen wird, dort, wo die sozial-
       partnerschaftliche Spielart  ihrer Ideologie nicht ausreicht, sie
       durch konservative  und autoritäre Spielarten zu ergänzen oder zu
       ersetzen.
       Die bisherige  Dominanz  sozialpartnerschaftlicher  Vorstellungen
       unter den  Arbeitern und  Angestellten in  der Bundesrepublik war
       zugleich verbunden  mit Ansprüchen auf die Erhaltung des erreich-
       ten Status. (Insofern ist es nicht falsch, wenn gesagt wurde, das
       Lohnbewußtsein der  Arbeiter trage  - in  einem großen  Teil  der
       Klasse -  systemkonforme Züge.  Wenn aber daraus die Schlußfolge-
       rung gezogen  wird, daß  in diesem  Lohnbewußtsein keine  Dynamik
       steckt, die freigesetzt werden kann, so wird die Widersprüchlich-
       keit des Bewußtseins der Arbeiterklasse unterschätzt).
       Die Erbitterung,  die in  den Kämpfen  dieses Jahres zum Ausdruck
       kam, geht  auf den Zusammenstoß der Erfahrungen von Angriffen auf
       den erreichten  Status mit  den in den Jahren der Prosperität ge-
       wachsenen Klassenansprüchen  wie mit  den in  den gleichen Jahren
       gewachsenen Sozialillusionen zurück.
       Die Erfahrung von Rationalisierungen und Stillegungen, die Erfah-
       rung des Drucks auf Löhne und Arbeitsbedingungen, der von der Ar-
       beitslosigkeit ausgeht, die Erfahrung der Arbeitslosigkeit selbst
       sind neue  Erfahrungen für die Arbeiter und Angestellten der BRD.
       Sie haben  sich rasch über den Kreis derer, die unmittelbar davon
       betroffen sind, verbreitet.
       Wir können  nicht sagen, daß diese neuen Erfahrungen für sich be-
       reits die Widersprüche, die das Arbeiterbewußtsein in der Bundes-
       republik kennzeichnen,  auflösen. Zunächst werden sich die Wider-
       sprüche zwischen  illusionären Elementen  und Ansätzen  von Klas-
       senerkenntnissen eher noch weiter verschärfen.
       
       II.
       
       Klassenbewußtsein als  theoretische Verallgemeinerung  der Kämpfe
       und Erfahrungen  der Klasse  - darin liegt sowohl die Bestimmung,
       daß Klassenbewußtsein  nicht abgelöst werden kann von der wirkli-
       chen Geschichte  der Arbeiterklasse,  als auch die Bestimmung als
       theoretisches Bewußtsein,  die es  abhebt gegenüber dem im Augen-
       blick gerade  vorfindlichen und  empirisch erfaßbaren  Bewußtsein
       der Klasse. Gerade um das in dieser gegenwärtigen Lage vorhandene
       Bewußtsein in  der Arbeiterklasse  beurteilen und  einschätzen zu
       können, um  mitzuhelfen an seiner Entwicklung, brauchen wir einen
       Begriff von Klassenbewußtsein, der nicht einfach mit dem, was ge-
       rade schon da ist, zusammenfällt.
       Dagegen ist  das, was  sich zunächst und elementar als Bewußtsein
       bei Arbeitern  und Angestellten  herausbildet, immer  beides:  Es
       enthält Ansätze  zu Klassenbewußtsein,  Keime von  Klassenbewußt-
       sein, aber  zugleich die elementare Reproduktion bürgerlicher Be-
       wußtseinsformen. Erst auf dem Wege der Erfahrungen in den prakti-
       schen Kämpfen  und Auseinandersetzungen  und der  Vermittlung von
       Bildungselementen -  beides konkret  verknüpft  mit  den  gewerk-
       schaftlichen und  politischen Organisationen der Arbeiterklasse -
       löst sich  diese Widersprüchlichkeit der Tendenz nach auf, bildet
       sich eine die eigene Lage angemessen widerspiegelnde Wahrnehmung,
       die verbunden  ist und  ausgerichtet ist  auf die  die  Lage  der
       Klasse verändernde Aktion, bildet sich zusammenhängendes Klassen-
       bewußtsein zunächst in seiner elementaren gewerkschaftlichen Form
       heraus, als  notwendige Vorbedingung  und Durchgangsstufe für die
       Entwicklung seiner höheren Form, sozialistischen Bewußtseins.
       "Die 'Idee'  blamierte sich immer, soweit sie von dem 'Interesse'
       unterschieden war." 8) Auf Aktion, letzten Endes auf grundlegende
       gesellschaftliche Veränderungen  gerichtet, ist Klassenbewußtsein
       immer  i n s o f e r n  instrumentelles Bewußtsein. Die Bedeutung
       von der  Instrumentalisierungsthese  für  die  Bewußtseinsanalyse
       kann daher auch nichts anderes als Verwirrung stiften. In letztet
       Instanz steht hinter der Benutzung der Instrumentalisierungsthese
       (wie bei  der Frankfurter  Studie) immer  auch das  Bemühen,  die
       "Idee" vom "Interesse" abzuheben.
       Auf der  anderen Seite  ist der Status von Elementen bürgerlichen
       Bewußtseins wie  von Elementen des Klassenbewußtseins bei den Au-
       toren der  Westberliner Studie ungeklärt. Sie entwickeln die Exi-
       stenz von  beidem aus  dem Reproduktionsprozeß im Ganzen. Daß die
       Denkform auf  der Grundlage  der Gesellschaftsform  entsteht, ist
       k e i n   Streitpunkt. Für  uns ist aber schon kategorial die ge-
       sellschaftliche Lage  der Lohnarbeiter  wichtiges Glied  der Ver-
       mittlungskette.
       Hieran knüpft  sich eine  andere Kontroverse.  Ich habe nicht die
       Absicht, noch einmal die Differenzen zwischen unserer Klassenana-
       lyse und  der Klassenanalyse  der Westberliner Autoren darzustel-
       len. In  einem wichtigen  Punkt zeigen  sich aber  an der Bewußt-
       seinsanalyse in  der Westberliner  Studie die  Unzulänglichkeiten
       ihrer Klassenanalyse.  Nach der Auffassung der Mehrheit der Auto-
       ren der Westberliner Studie fallen die im öffentlichen Dienst Be-
       schäftigten ganz  aus der Arbeiterklasse heraus. (Allerdings wird
       in "Ende  der Illusionen"  im Gegensatz zu dieser Anschauung auch
       wieder differenziert  und eine "kleine Gruppe industrieller Lohn-
       arbeiter beim  Staat" ausgenommen  a.a.O. S. 141) In der Untersu-
       chung zeigt sich nun, daß in einer ganzen Reihe von Fragen es in-
       nerhalb der Beschäftigten im öffentlichen Dienst deutlich erkenn-
       bare Ansätze  von Klassenbewußtsein gibt, in einigen Fragen sogar
       aufgrund der  geringeren Konkurrenz  gegenüber anderen Lohnarbei-
       tern im Ansatz weniger widersprüchlich. Dies ist mit dem klassen-
       analytischen Ansatz dieser Gruppe nicht gut vereinbar. Eigentlich
       hätte die Begegnung mit der Empirie des Bewußtseins hier auch zur
       Überprüfung der  spezifischen Theorie  der Klassenstruktur führen
       müssen.
       Schon auf  der Ebene  der Wertorientierungen drücken sich unserer
       Auffassung nach  die grundlegenden  Widersprüche in  der Lage der
       Lohnarbeiter im Kapitalismus aus. Darüber besteht wohl keine Dif-
       ferenz. Kontrovers wird es aber, wenn wir die Bedeutung einzelner
       Wertorientierungen zu  untersuchen haben, vor allem die Orientie-
       rung auf  Leistung. Die Autoren der Westberliner Untersuchung ge-
       ben hier zwei verschiedene Antworten. In der Darstellung in "Ende
       der Illusionen"  werden verschiedene,  gegensätzliche Dimensionen
       in der Orientierung auf Leistung unterschieden. 9) Auch die Auto-
       ren der Erlanger Untersuchung kommen zu dem Ergebnis, daß hier in
       der Orientierung  auf Leistung  völlig gegensätzliche Dimensionen
       zum Ausdruck  kommen können.  Sie belegen das aus ihrer genaueren
       Analyse der  Art der  Leistungsorientierung. In  unserer Untersu-
       chung hatten  wir festgestellt,  daß eine starke Orientierung auf
       Leistung oft  mit reaktionären Auffassungen mit Elementen bürger-
       lichen Bewußtseins  bei den  von uns  Untersuchten  zusammenging,
       aber daß  andererseits in der Orientierung auf Leistung auch Ele-
       mente des  Selbstbewußtseins der  wichtigsten produktiven  Klasse
       zum Ausdruck kommen, Vorstufen eines kollektiven Bewußtseins, das
       eine antikapitalistische  Zuspitzung erfahren kann. Deutlich wird
       das daran,  daß in der von uns untersuchten Gruppe zwar eine Min-
       derheit, aber  immerhin 29%  die Aussage  "Wer viel leistet, ver-
       dient auch  gut" nicht dem kapitalistischen, sondern dem soziali-
       stischen System zuordneten.
       Mit der  Darstellung in  "Ende der  Illusionen" scheint  es  also
       keine Widersprüche zu geben. Anders wird es, wenn man den Aufsatz
       in den  'Gewerkschaftlichen Monatsheften'  der  gleichen  Autoren
       heranzieht.  10)   Hier  wird   die  Orientierung  auf  den  Wert
       "Leistung" nur  noch eindimensional als Befangenheit in bürgerli-
       chen Bewußtseinsformen  interpretiert. Dieser  Widerspruch bleibt
       ebenso in  der Diskussion  aufzuklären wie die eigenartige Formu-
       lierung der gleichen Autoren, wenn sie schreiben: "In den kapita-
       listischen Staaten  verteilt der  Markt die  Einkommen nach  Lei-
       stung." 11)  Wenn irgendwo ein Leistungsbegriff vorgewiesen wird,
       der direkt  im  Zusammenhang  mit  der    b ü r g e r l i c h e n
       Ideologie der Leistung steht, dann doch sicher hier.
       Was allgemein die Frage der Wertorientierungen angeht, so scheint
       sie mir  in allen  Untersuchungen, unserer  eingeschlossen, nicht
       ausführlich genug behandelt. Offenbar hat sich bei uns allen erst
       im Verlauf  der Arbeit  herausgestellt, wie  wichtig diese Fragen
       für die  Erfassung der Prozesse der Bewußtseinsbildung sind. Hier
       ist vielleicht  in der  Diskussion festzuhalten, was die Hauptge-
       sichtspunkte für zukünftige empirische Forschungen sein könnten.
       Die bürgerliche  Ideologie erscheint  in der westdeutschen Arbei-
       terklasse vor  allem in  der Form  sozialpartnerschaftlicher Vor-
       stellungen. Die  Ursachen hierfür  liegen in  der Geschichte  der
       Bundesrepublik, der  langen  Prosperitätsphase  als  ökonomischer
       Grundlage, aber auch der Schwäche der kommunistischen Arbeiterbe-
       wegung nach den Jahren des Faschismus und der Illegalisierung der
       Kommunisten in der Adenauer-Zeit, der Schwächung der an den Klas-
       seninteressen orientierten  Strömung in den Gewerkschaften. Dabei
       zeigt aber die empirische Untersuchung, daß die soziale Wirklich-
       keit der  Gewerkschaft an der Basis mit sozialpartnerschaftlichen
       Strömungen nicht  im Einklang  steht. Dieser  Befund  verkleinert
       nicht die Verantwortung, die die Gewerkschaften haben.
       Wenn in  bezug auf  die Gewerkschaften von den Autoren der Kriti-
       schen Gewerkschaftsjahrbücher  mit dem  Begriffspaar  "konflikto-
       risch orientierte Gewerkschaftspolitik" versus "kooperativ orien-
       tierte Gewerkschaftspolitik"  gearbeitet wird  - wobei die koope-
       rative Orientierung  durchaus  die  Erhaltung  und  gelegentliche
       Erprobung  der   Streikfähigkeit  der  Organisation  einschließen
       sollte -,  so ist  klar,  daß  hiermit  eine  bestimmte  Entwick-
       lungsphase der  Bundesrepublik angesprochen  wird. Es  fragt sich
       aber erstens,  ob dieses  Begriffspaar  irgend  etwas  erklärt  -
       meiner Meinung  nach bleibt man damit bei der Beschreibung stehen
       -, und  zweitens, ob  es heute  unter den veränderten Bedingungen
       überhaupt möglich  ist, auch  nur brauchbare  Beschreibungen  mit
       Hilfe dieses  Begriffspaars zu  gewinnen. Es  wäre interessant zu
       erfahren, wie  die Diskussion darüber bei diesem Kreis inzwischen
       steht.
       In den  Jahren der  Prosperität sind  sowohl Klassenansprüche als
       auch Sozialillusionen  gewachsen. Mit  dem Übergang zu einer eher
       depressiven Phase  verband sich  die Erfahrung  von Angriffen der
       Kapitalseite auf den erreichten Status.
       Nun zeigte  sich   z u n ä c h s t   infolge der Existenz der Ar-
       beitslosigkeit, wie  stark der lähmende Einfluß der Krise auf das
       Bewußtsein der  Arbeiter und  Angestellten sein kann. Von den wi-
       dersprüchlichen Elementen,  die sich  aus der Lage des Lohnarbei-
       ters ergeben,  wurde zunächst die Seite der Konkurrenz zu anderen
       Lohnarbeitern oder  Lohnarbeitergruppen aktiviert. Haltungen, die
       dem einzelnen  Arbeitslosen oder z. B. den ausländischen Kollegen
       anlasteten, was Ergebnis kapitalistischer Produktionsverhältnisse
       war, zeigten sich sehr verbreitet.
       Krise, Arbeitslosigkeit  und die  Aufkündigung der bisher geübten
       Formen von  Sozialpolitik durch die Kapitalseite boten aber ande-
       rerseits auch Ansatzpunkte für die Entwicklung von Klassenbewußt-
       sein. Im Zusammenstoß mit den Erwartungen, die sich vorher aufge-
       baut hatten,  lag ein  Potential, das  mobilisiert werden konnte.
       Diese These  ist zwar  von vielen, die heute hier sind, vertreten
       worden. Aber z.B. Schumann und Wittemann vertraten noch vor einem
       Jahr die  gegenteilige Ansicht, daß "in der Krise... aus der Dif-
       ferenz von  normativer Anspruchshaltung und realer Situation kein
       Verhaltenspotential erwächst".  12)  Die  Entwicklung  vor  allem
       durch die  Aktionen der IG Druck und Papier hat inzwischen unsere
       These bestätigt.
       Dabei zeigt  sich -  im Unterschied zur Situation von 1969 ", daß
       die gewerkschaftliche Organisation und die gewerkschaftliche Füh-
       rung eine  Schlüsselrolle für  die Freisetzung  dieses Potentials
       hat. Darauf  geht Frank  Deppe ausführlich  ein.  Hier  ist  aber
       festzuhalten, daß  die Richtung,  in der  die Widersprüche im Be-
       wußtsein, die  sich in der Krise schärfer gegenüberstehen, aufge-
       löst werden,  entscheidend von  der gewerkschaftlichen Aktion und
       der Haltung  der gewerkschaftlichen  Führung abhängt. Die gewerk-
       schaftliche Aktion und die Haltung der gewerkschaftlichen Führung
       darf keineswegs, wie das gelegentlich die Tendenz bei den Autoren
       der 'Kritischen  Gewerkschaftsjahrbücher' ist,  den Potenzen  der
       Basis entgegengestellt werden. Aber die Haltung der gewerkschaft-
       lichen Führung und die gewerkschaftliche Aktion sind auch keines-
       wegs bloß  Reflex der  Situation des Arbeiterbewußtseins, wie das
       der Tendenz  nach von  den Westberliner  Autoren behauptet  wird.
       Meiner Ansicht  nach rächt sich hier bei den Westberliner Autoren
       die Tatsache,  daß für  die  organisatorischen,  politischen  und
       ideologischen Vermittlungen  bei  ihnen  theoretisch  kein  Platz
       freigehalten wird.  Bei ihnen ist das Modell eines Transmissions-
       mechanismus von  der Ökonomik  zum Arbeiterbewußtsein und vom Ar-
       beiterbewußtsein zum  gewerkschaftlichen Handeln  erkennbar,  das
       Modell eines  Transmissionsmechanismus, in  dem die vermittelnden
       Glieder überhaupt  keine Selbständigkeit  mehr besitzen. Dann ist
       aber auch überhaupt keine kritische Beurteilung der gewerkschaft-
       lichen Aktion mehr möglich. Was auch immer geschieht, es ist - so
       kann man  die Westberliner Autoren verstehen - das jeweils einzig
       Mögliche. Unter  unseren Verhältnissen  führt das  dann nicht nur
       zur völlig  unkritischen Bestätigung der jeweiligen gewerkschaft-
       lichen Politik,  sondern auch  zur gleichen Haltung gegenüber der
       Politik der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung, die mit
       der gewerkschaftlichen'  Politik bruchlos  in eins  gesetzt wird.
       Bei den Westberliner Autoren heißt es: "Da die in der Bundesrepu-
       blik bislang  von Regierung  und Gewerkschaften verfolgte Politik
       des Ausbaus sozialer Gerechtigkeit angesichts der starken Verfan-
       genheit in  bürgerliche Wertorientierungen von einem Großteil der
       Befragten unterschätzt  wird, erscheint  in dieser  Situation, wo
       die ökonomische  Stabilität  vorübergehend  gefährdet  erscheint,
       diejenige politische  Orientierung als  Ausweg, in der ohne große
       gesellschaftliche Veränderungen  eine Rückkehr  zu vertrauen  Zu-
       ständen angeboten  wird." 13) Ich weiß nicht, ob die Autoren wei-
       terhin die  gewerkschaftliche Politik mit der Politik der Bundes-
       regierung gleichsetzen  und an der Qualifizierung der Politik der
       Bundesregierung als einer Politik des Ausbaus sozialer Gerechtig-
       keit festhalten.  Es lohnt sich aber darüber nachzudenken, welche
       theoretischen Irrtümer  zu solchen  Entgleisungen führen.  Meiner
       Ansicht nach  hängt das  mit der - im wörtlichen Sinne - mechani-
       schen Auffassung von Vermittlung zusammen.
       Ähnlich weit  verbreitet wie  die Zustimmung zu solchen Vorgaben,
       die sozialpartnerschaftliche Haltungen ausdrückten, war bei unse-
       rer Untersuchung die Zustimmung zu zwei Vorgaben, die Erwartungen
       an den  Staat ausdrückten.  Die eine  (3b) lautete:  "Lehrstellen
       sind knapp, weil es eine Krise gibt. Die Betriebe haben nicht das
       Geld, Leute  auszubilden. Deswegen  sollte der Staat da mehr hel-
       fen." Die  andere (1d)  hieß: "Die  Arbeitslosigkeit ist schlimm,
       aber es herrscht nun mal eine Krise. Der Staat müßte aber für die
       Arbeitslosen ,  und vor allem für die Jugendlichen, mehr tun, da-
       mit die  auch wieder  arbeiten können." Die starke Zustimmung er-
       reichte bei beiden Vorgaben 76%; die Zustimmung überhaupt 90 bzw.
       91%. Bei  der Interpretation  dieser Ergebnisse  dürfen wir nicht
       aus dem  Auge verlieren, daß gerade auf dieser Ebene der Abstrak-
       tion die  gleichzeitige Zustimmung  zu widersprüchlichen Aussagen
       weit verbreitet ist. 14)
       Jedenfalls weist aber die hohe Zustimmung zu den Vorgaben mit so-
       zialpartnerschaftlicher Tendenz  darauf hin, daß wir mit den For-
       mulierungen offenbar  weitverbreitete Stereotype getroffen haben.
       Das muß  aber nicht  heißen, daß es sich hier um einen einheitli-
       chen Kreis  von Vorstellungen  handelt. Im  Gegenteil, gerade die
       hohe Zustimmung  macht es  wahrscheinlich, daß  sich hier  wider-
       sprüchliche Elemente  in  e i n e m  Stereotyp ausdrücken: sowohl
       passiv-resignative als  auch Erwartungen, die sich unter bestimm-
       ten Bedingungen in Motivierungen für Aktionen verwandeln können.
       Dabei sind  die Ergebnisse  unserer  Untersuchung  insofern  auf-
       schlußreich, als  sich hier zeigt, daß etwa die starke Zustimmung
       zu der  oben zitierten Aussage 1d), in der die Erwartungen an den
       Staat im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit ausgedrückt werden, in
       keinem einzigen  Fall mit  der Ablehnung von Aktionen korreliert.
       Daß eine solche Beziehung nicht besteht, läßt sich an der folgen-
       den Tafel klar ablesen:
       
       22
       Wenn es  jetzt eine große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit ge-
       ben würde,  werden Sie  sich dann an einer Demonstration beteili-
       gen?
       
                            keine Aktions-
                            bereitschaft      aktionsbereit
       
       starke Zustimmung        28                 73    101   (= 100)
       schwache Zustimmung;
       Ablehnung                55                 65    100
       
       1d (Arbeitslosigkeit) Die  Arbeitslosigkeit ist  schlimm, aber es
       herrscht nun  mal eine  Krise. Der  Staat müßte  aber für die Ar-
       beitslosen, und vor allem für die Jugendlichen. mehr tun,
       damit die auch wieder arbeiten können.
       
       Ähnlich sieht  es aus, wenn wir die starke Zustimmung zu der Aus-
       sage 3b),  die Erwartungen an den Staat im Hinblick auf den Lehr-
       stellenmangel ausdrückt,  mit der  Bereitschaft, sich  angesichts
       der Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung mit anderen Lohnar-
       beitern und  Jugendlichen gegen die Unternehmer zusammenzuschlie-
       ßen, vergleichen.
       
       21
       Arbeiter, Angestellte,  Lehrlinge und  andere Jugendliche sollten
       sich gegen die Unternehmer organisieren.
       
                           Zustimmung   Ablehnung
       
       starke Zustimmung       60           40        100
       andere                  44           56        100
       
       3b (Einstellung zum  Lehrstellenmangel) Lehrstellen  sind  knapp,
       weil es eine Krise gibt. Die Betriebe haben nicht das Geld, Leute
       auszubilden. Deswegen sollte der Staat da mehr helfen.
       
       23
       Aktionserfahrung
       
                         starke          schwache Zustim-
                         Zustimmung      mung; Ablehnung
       keine Aktionser-
       fahrung              85                   15           100
       Aktionserfahrung     60                   40           100
       
       1d (Arbeitslosigkeit) Die  Arbeitslosigkeit ist  schlimm, aber es
       herrscht nun  mal eine  Krise. Der  Staat müßte  aber für die Ar-
       beitslosen, und  vor allem  für die Jugendlichen, mehr tun, damit
       die auch wieder arbeiten können.
       
       Sowohl  die   Kollegen  des  Göttinger  Sozialforschungsinstituts
       (SOFI) wie  die Kollegen um das 'Kritische Gewerkschaftsjahrbuch'
       haben nun  die Auffassung  vertreten, daß sich in den Erwartungen
       an den  Staat lediglich bürgerliches Bewußtsein ausdrückt und daß
       die militanten  Arbeiter und  Angestellten ihre Forderungen nicht
       gegen den  Staat, sondern gegen das Kapital richten. Dies ist em-
       pirisch falsch;  auch aus  theoretischen Überlegungen  kommt  man
       dazu, daß  das eine  unhaltbare Position ist. Die Auseinanderset-
       zung zwischen  den gegensätzlichen  Interessen von Lohnarbeit und
       Kapital kann  nicht auf der Ebene des Betriebs künstlich angehal-
       ten werden.  In der  Geschichte der Arbeiterbewegung war es stets
       ein Zeichen für die Entwicklung des Bewußtseins und der Organisa-
       tion der Arbeiterklasse, wenn diese den Kampf über die betriebli-
       che Ebene  hinaus auf immer höheren Ebenen führen konnte, bis zur
       Auseinandersetzung auf  staatlich-politischer Ebene. Die Entwick-
       lung zum  staatsmonopolistischen Kapitalismus  bedeutet unter an-
       derem, daß  der bürgerliche Staat neue, erweiterte Funktionen er-
       hielt, daß er in stärkerer und qualitativ neuer Weise auf die Be-
       dingungen der  Ausbeutung der Lohnarbeit einwirkt. Diese Entwick-
       lung ist  Reflex der  objektiven Entwicklung  der Produktivkräfte
       unter kapitalistischen  Produktionsverhältnissen. Die  vermehrten
       Erwartungen, die die Arbeiter und Angestellten an den Staat rich-
       ten, sind daher auch die subjektive Widerspiegelung dieses objek-
       tiven Prozesses.
       Damit soll  nicht geleugnet werden, daß auch Tendenzen der Passi-
       vität, des  Sich-Abfindens mit  den Erwartungen an den Staat ver-
       bunden sein  können. Der Abbau der starken Zustimmung zu der oben
       genannten Vorgabe der Orientierung auf den Staat durch Aktionser-
       fahrung läßt  sich so interpretieren, daß durch die Aktionserfah-
       rung Resignation und Passivität überwunden werden.
       Dabei zeigt sich, daß zwar die Erfahrung des Drucks auf Löhne und
       Arbeitsbedingungen, der  von der  Arbeitslosigkeit ausgeht,  eine
       für die  Arbeiter und Angestellten der Bundesrepublik neue Erfah-
       rung ist.  Aber die Erfahrung aus anderen Bereichen läßt sich of-
       fenbar in  gewissem Maße übertragen und für die Herausbildung von
       Aktionsbereitschaft auf diesem Felde nutzen.
       So zeigte  sich, daß  diejenigen Jugendlichen,  die in einem Kon-
       flikt um das Weihnachtsgeld, um den Prüfungsdruck oder um die Be-
       urteilung stärker  als ihre  Kollegen zu verschiedenen Formen von
       Aktionen bereit  waren, auch  im Falle betrieblicher Entlassungen
       zu einem  größeren Anteil  streikbereit waren.  15) In hohem Maße
       hängt auch die Bereitschaft, an einer Demonstration für eine bes-
       sere Berufsausbildung, gegen die Bildungsmisere teilzunehmen, mit
       der Aktionsbereitschaft bei betrieblichen Entlassungen zusammen.
       
       21
       Konflikt um Entlassungen
       
                           keine Streik-
                           bereitschaft    streikbereit
       
       Aktionsbereitschaft     35               65           100
       nicht aktionsbereit     63               38           101 (= 100)
       
       20
       Berufsausbildungsdemonstration
       
       Die Bereitschaft,  im Falle  von Entlassungen  im eigenen Betrieb
       sich an  einem Streik zu beteiligen, also die Bereitschaft zu be-
       trieblichen Aktionen  im Kampf  gegen die  Arbeitslosigkeit, wird
       daher, so  kann man  schließen, sowohl  von der betrieblichen wie
       von der  überbetrieblichen Aktionsbereitschaft  in anderen Fragen
       befördert.
       Überbetriebliche Aktionsbereitschaft  für eine bessere Berufsaus-
       bildung begünstigt  aber auch,  so scheint  es, die Bereitschaft,
       sich an  einer überbetrieblichen Kampagne gegen die Arbeitslosig-
       keit zu beteiligen.
       
       22
       Wenn es  jetzt eine große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit ge-
       ben
       würde, werden Sie sich dann an einer Demonstration beteiligen?
       
                           Aktions-       nicht
                           bereitschaft   aktionsbereit
       
       Aktionsbereitschaft     83              18         101 (= 100)
       nicht aktionsbereit     33              67         100
       
       20
       Berufsausbildungsdemonstration
       
       Betriebliche Aktionsbereitschaft gegen Entlassungen wird offenbar
       auch begünstigt durch die Entwicklung von an den Arbeiterinteres-
       sen orientierten  Positionen in bezug auf das Verhältnis von Löh-
       nen und Gewinnen.
       
       21
       Konflikt um Entlassungen
       
                          keine Streik-
                          bereitschaft     streikbereit
       
       Ablehnung              60               40            100
       Zustimmung             33               67            100
       
       8a (Lohn- und Einkommensfragen)
       Wenn die Gewinne steigen, sinken die Löhne. Nur wenn die Arbeiter
       und Angestellten den Lohnkampf führen, bekommen sie ein gerechtes
       Einkommen.
       
       Ebenso hängt  eine Kombination  von Reaktionen zu Fragen der Ein-
       kommens- und Vermögensunterschiede, die wir als "stark links" be-
       zeichnet haben und in der wichtige Klasseneinsichten zum Ausdruck
       kommen, eng  mit der  betrieblichen Aktionsbereitschaft gegen die
       Arbeitslosigkeit zusammen:
       
       21
       Konflikt und Entlassungen
       
                          keine Streik-
                          bereitschaft     streikbereit
       
       stark links *)         17                 83         100
       andere                 53                 47         100
       
       11
       Einkommens- und Vermögensunterschiede
       _____
       *) stark  links: Ablehnung der Aussage: "Die Leute mit den großen
       Vermögen und  Einkommen arbeiten  eben mehr",  verbunden mit  der
       nicht eingeschränkten Zustimmung zu der Aussage: "Die großen Kon-
       zerne machen  auch die höchsten Profite. Sie benutzen ihre Macht,
       um die  Einkommensverteilung zu  erhalten. Erst wenn die Arbeiter
       die Konzerne kontrollieren, ist eine gerechtere Einkommensvertei-
       lung möglich."
       
       Neben der  Einstellung zu Löhnen und Gewinnen und der Einstellung
       zu Einkommens-  und Vermögensunterschieden  ist es  vor allem die
       Einstellung zum  Lehrstellenmangel, die  mit  der  Aktionsbereit-
       schaft gegen die Arbeitslosigkeit zusammenhängt. Dabei zeigt sich
       eine Beziehung sowohl zur betrieblichen wie zur überbetrieblichen
       Aktionsbereitschaft gegen die Arbeitslosigkeit.
       Auflösung der  Widersprüche im Arbeiterbewußtsein im progressiven
       Sinne und  Entwicklung von  praktischer Orientierung auf Aktionen
       sind zwei zusammenhängende Dinge. Die Wirkungen der Krise auf das
       Bewußtsein der  Arbeiter und  Angestellten in  der Bundesrepublik
       hängen daher wesentlich davon ab, ob die aktionslähmende Wirkung,
       die verbunden  ist mit  der Individualisierung oder Parzellierung
       des Bildes der Gesellschaft , mit der Betonung der Konkurrenz ge-
       genüber anderen  Lohnarbeitern oder  Lohnarbeitergruppen zur  be-
       stimmenden Wirkung  wird, oder ob es gelingt, durch die Erfahrung
       von Aktionen neue Lernprozesse zu ermöglichen.
       Gruppenkonkurrenzhaltungen formulieren  sich häufig gegenüber den
       ausländischen Arbeitern  in der  Bundesrepublik. Nun  zeigt  sich
       deutlich, daß  diese Parzellierung, diese Haltung der Gruppenkon-
       kurrenz mit  der ungenügenden  Wahrnehmung der  wirklichen  wirt-
       schaftlichen Machtverhältnisse zusammenhängt.
       
       9 Vermögenskonzentration
       Es wird behauptet, in der Bundesrepublik besitzen weniger als ein
       Zehntel der Bevölkerung mehr als drei Viertel des Produktivvermö-
       gens. Stimmt diese Aussage nach Ihrer Meinung?
       
                              übertrieben;
                     stimmt   falsch
       
       Zustimmung      28       72               100
       Ablehnung       50       50               100
       
       1a (Arbeitslosigkeit) Wenn die Ausländer weg sind, gibt es wieder
       Arbeit für uns.
       
       Von denen,  die die  gegen die  ausländischen Arbeiter gerichtete
       Aussage 1a ablehnen, haben deutlich mehr eine Vorstellung von der
       Konzentration des  Produktivvermögens in  der BRD. (Ebenso lehnen
       nur 46% derjenigen, die die Aussage 9 für übertrieben oder falsch
       halten, aber 68% derjenigen, die der Aussage 9 zustimmen, die Be-
       hauptung, "Wenn die Ausländer weg sind, gibt es wieder Arbeit für
       uns", ab.)
       Umgekehrt hängt  die Überwindung  der Tendenz  zur Konkurrenz eng
       mit der  Anerkennung der  Notwendigkeit der politischen Organisa-
       tion zusammen.  Dies zeigt  sich deutlich,  wenn wir  die Aussage
       "Die  Arbeitslosen  sind  häufig  auch  faul;  oft  arbeiten  sie
       schwarz" betrachten.  In der  Zustimmung zu dieser Aussage drückt
       sich, so meinen wir, die Neigung aus, die Ursachen der Arbeitslo-
       sigkeit nicht in gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen, son-
       dern die  Schuld daran  den einzelnen Arbeitslosen selbst anzula-
       sten.
       
       17 f
       (Einkommens-und Vermögensunterschiede II)
       Nur durch  ständige Arbeit  in politischen  Organisationen können
       wir letzten Endes diese Unterschiede überwinden.
       
                        Nennung    andere
       
       Zustimmung          34        66      100
       Ablehnung           67        33      100
       
       1b (Arbeitslosigkeit)
       Die Arbeitslosen sind häufig auch faul; oft arbeiten sie schwarz.
       
       Unter denjenigen,  die die  individualisierende Aussage,  die der
       Tendenz nach dem einzelnen Arbeitslosen die Schuld an seiner Lage
       selbst zuschreibt,  ablehnten, lag die Anerkennung der Notwendig-
       keit der politischen Organisation für die Überwindung der Einkom-
       mens- und  Vermögensunterschiede mit  zwei Dritteln dieser Gruppe
       doppelt so  hoch wie bei denen, die der individualisierenden Aus-
       sage zustimmten.
       In der Zeit der Depression verändert sich das spontane Verhältnis
       von Tendenz zur Konkurrenz und Tendenz zur Solidarität. Die Über-
       windung der Tendenz zur Konkurrenz wird für die Arbeiterorganisa-
       tionen zu  einer besonders wichtigen Aufgabe. Die Überwindung der
       Tendenz zur  Konkurrenz ist vor allem möglich durch die Erfahrung
       in Aktionen,  durch die  Entwicklung von Kampfbereitschaft. Dabei
       spielt, so  haben wir gesehen, die Erfahrung und die Kampfbereit-
       schaft in  anderen Bereichen  eine wichtige  Rolle. Die neue Lage
       infolge des  Endes der  Prosperitätsphase macht  daher  auch  auf
       nicht unmittelbar mit Fragen der Arbeitslosigkeit zusammenhängen-
       den Gebieten  die systematische  gewerkschaftliche und politische
       Arbeit und  die Entwicklung  gewerkschaftlicher Aktion  zu  einer
       dringenden Notwendigkeit.
       Die Arbeitslosigkeit wirkte zunächst lähmend. Die mit dieser Läh-
       mung verbundene  Haltung ist das Sich-Abfinden mit der Arbeitslo-
       sigkeit. In  der Formulierung:  "Die  Arbeitslosigkeit  ist  eine
       Randerscheinung, die  in unserem  Sozialstaat keine  verheerenden
       Wirkungen mehr  hat. Es  gibt in  der Wirtschaft nun mal gute und
       schlechte Zeiten"  kommen geläufigen  Klischees der Bagatellisie-
       rung der Arbeitslosigkeit, wie sie auch von den bürgerlichen Mas-
       senmedien und  den systemtragenden  Parteien vorgetragen  werden,
       zum Ausdruck.  Nun zeigt sich deutlich, daß die Ablehnung der Ba-
       gatellisierung der  Arbeitslosigkeit mit  linkeren  Einstellungen
       auch auf anderen Gebieten zusammenhängt.
       
       3 Lehrstellenmangel
       
                     integra-     widersprüchlich   links
                     tionistisch  u. reformistisch
       
       Zustimmung        49            27             24     100
       Ablehnung         29            24             47     100
       
       1c (Arbeitslosigkeit)
       Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So-
       zialstaat keine  verheerenden Wirkungen  mehr hat. Es gibt in der
       Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten.
       
       Diejenigen, die  die Bagatellisierung der Arbeitslosigkeit ableh-
       nen, sind  zugleich eine  Gruppe, von denen auch mehr in der Ein-
       stellung zum  Lehrstellenmangel  eine  linke  Haltung  aufweisen.
       Ebenso ist es mit der Beziehung zur Einstellung zu den betriebli-
       chen Macht-und Autoritätsverhältnissen:
       
       5 Macht- und Autotitätsverhältnisse
       
                   widersprüchlich   autoritär   Mitte und links
       Zustimmung        34             29             37            100
       Ablehnung         30              5             65            100
       
       1c (Arbeitslosigkeit) Die  Arbeitslosigkeit ist eine Randerschei-
       nung, die  in unserem  Sozialstaat keine  verheerenden  Wirkungen
       mehr hat.  Es gibt  in der  Wirtschaft nun mal gute und schlechte
       Zeiten.
       
       Deutliche Beziehungen zeigen sich aber nicht nur zu Einstellungen
       auf anderen  Gebieten, sondern  auch zur  Aktionsbereitschaft auf
       anderen Gebieten.
       
       13
       Konflikt um Weihnachtsgeld
       
                     keine Streik-
                     bereitschaft    streikbereit
       
       Zustimmung        57               43         100
       Ablehnung         35               65         100
       
       1c (Arbeitslosigkeit)
       Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So-
       zialstaat keine  verheerenden Wirkungen  mehr hat. Es gibt in der
       Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten.
       
       15
       Beurteilungskonflikt
       
                                      keine Aktions-
                     aktionsbereit    bereitschaft
       
       Zustimmung         46               54          100
       Ablehnung          68               32          100
       
       1c (Arbeitslosigkeit)
       Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So-
       zialstaat keine  verheerenden Wirkungen  mehr hat. Es gibt in der
       Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten.
       
       Selbstverständlich ist  anzunehmen, daß  die Beziehung,  die sich
       hier zeigt,  in der  sozialen Wirklichkeit vor allem in der umge-
       kehrten als  der hier  dargestellten Richtung  verläuft: Die Ent-
       wicklung von  Aktionsbereitschaft und Aktionserfahrung in anderen
       Bereichen trägt  mit dazu  bei, die Haltung des Sich-Abfindens in
       bezug auf  die Arbeitslosigkeit  abzubauen. Die  Überwindung  der
       Haltung des Sich-Abfindens und die Entwicklung von Aktionsbereit-
       schaft sind zwei Seiten des gleichen Prozesses. Dieser Prozeß ist
       ein wesentlich praktischer Prozeß, der jedoch selbst vermittelnde
       Glieder im Bewußtsein der an ihm Beteiligten hat.
       Die Ablehnung der Bagatellisierung der Arbeitslosigkeit macht of-
       fenbar auch  den Weg frei für die Entwicklung weitreichender Ele-
       mente von  Klassenbewußtsein. So hängt die Antwort auf die Frage,
       welches System  man vorziehen  würde, mit der Ablehnung der Baga-
       tellisierung der Arbeitslosigkeit zusammen.
       Nun kann  man mit Recht sagen, daß eine Frage, welches System der
       Befragte vorziehen  könnte, wenn  er "völlig frei wählen könnte",
       so abstrakt  ist, daß für die Befragten wahrscheinlich eine Hand-
       lungsrelevanz, eine  Bedeutsamkeit für  ihr heutiges  praktisches
       Verhalten kaum  oder sehr  schwer erkennbar  ist. Aber  es  zeigt
       sich, daß  gerade die  Handlungsbereitschaft in bezug auf Entlas-
       sungen sehr eng mit der Antwort auf die Frage nach der Systemwahl
       zusammenhängt.
       
       12 Systemwahl
       Nehmen wir  an, Sie  könnten völlig  frei wählen,  welches  Wirt-
       schaftssystem würden Sie dann vorziehen? Würden Sie lieber in ei-
       nem kapitalistischen  oder lieber  in einem  sozialistischen Land
       wohnen?
       
                    lieber Kapitalismus   lieber Sozialismus
       Zustimmung          56                    44              100
       Ablehnung           36                    64              100
       
       1c (Arbeitslosigkeit)
       Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So-
       zialstaat keine  verheerenden Wirkungen  mehr hat. Es gibt in der
       Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten.
       
       12 Systemwahl
       Nehmen wir  an, Sie  könnten völlig  frei wählen,  welches  Wirt-
       schaftssystem würden Sie dann vorziehen? Würden Sie lieber in ei-
       nem kapitalistischen  oder lieber  in einem  sozialistischen Land
       wohnen?
       
                                 lieber         lieber
                                 Kapitalismus   Sozialismus
       
       keine Streikbereitschaft      63             37          100
       streikbereit                  38             62          100
       
       21
       Konflikt um Entlassungen
       
       Von denjenigen, die erklärten, daß sie bei einem Konflikt um Ent-
       lassungen im  Betrieb bereit  wären, zu streiken, erklärten 62% ,
       sie würden den Sozialismus vorziehen, während von denen, die dies
       nicht erklärten, nur 37% angaben, den Sozialismus vorzuziehen.
       Aktionsbereitschaft macht  den Weg  frei für die Auflösung wider-
       sprüchlicher Haltungen und für die Entwicklung von Klassenbewußt-
       sein. Aktionsbereitschaft  ist eng  mit der  Kampferfahrung  ver-
       knüpft und oft ihr Ergebnis. Neue Lernprozesse werden ermöglicht,
       wenn auch  noch nicht  gegeben, durch die Erfahrung von Aktionen.
       Die Auflösung  der widersprüchlichen  Einstellungen, ihre Polari-
       sierung, die  Herausbildung von  zusammenhängend rechten, system-
       konformen und zusammenhängend linken antikapitalistischen Haltun-
       gen erfolgt  allgemein einerseits  durch die Zufuhr von Bildungs-
       elementen (im  weitesten Sinne,  von der Erhöhung des Anteils von
       Mittelschülern bis  hin zur  Bildungsarbeit der Arbeiterorganisa-
       tionen), andererseits  durch die praktischen Kämpfe und Auseinan-
       dersetzungen. In  den praktischen  Kämpfen wird das widerspruchs-
       volle Nebeneinander  von spontaner  Kritik und spontaner Illusion
       der Tendenz nach zerstört durch den Zwang zur Parteinahme für die
       eine oder  die andere  Seite des Widerspruchs - das heißt letzten
       Endes für die herrschenden Zustände oder die eigene Klasse.
       Kampferfahrung fördert  auf der  einen Seite  die Entstehung  von
       Elementen von  Klassenbewußtsein; zugleich  unterstützt sie,  auf
       einer anderen Ebene, überhaupt in sich zusammenhängendere Haltun-
       gen oder  die Entwicklung zu einem stärkeren inneren Zusammenhang
       der verschiedenen vorhandenen Einstellungen.
       Auch die Vereinheitlichung von Anschauungen und Einstellungen auf
       Grund der  Erfahrung von Auseinandersetzungen und Aktionen bleibt
       für sich  genommen noch  in starkem Maße situationsbezogen. Kamp-
       ferfahrung ist  aber einmal das wichtigste und stärkste Moment in
       der Herausbildung von Kampfbereitschaft. Und die - wenn auch noch
       situationsbezogene -  Vereinheitlichung von Anschauungen und Ein-
       stellungen bietet  bereits eine  entwickeltere Grundlage  für die
       Auseinandersetzung mit  der bürgerlichen  Ideologie und  für  die
       Entwicklung der  ersten, unteren  Stufe von  Klassenbewußtsein in
       großem Maßstab: dem gewerkschaftlichen Bewußtsein.
       
       _____
       1) Überarbeiteter und erweiterter Einleitungsbeitrag für das Kol-
       loquium des  IMSF "Krisenentwicklung  und Arbeiterbewußtsein" vom
       17./18. Juni  1978. Vgl.  den in diesem Band abgedruckten zweiten
       Einführungsbeitrag von  Frank Deppe  sowie den Kolloquiumsbericht
       von Klaus Priester.
       Der Aufsatz  beruht auf der Untersuchung des IMSF: Jugendliche im
       Großbetrieb. Studie  zum gewerkschaftlichen  und politischen  Be-
       wußtsein arbeitenderjugendlicher.  Verfaßt von  J.H. v.  Heiseler
       unter Mitwirkung  von D. Manisch und A. Jansen. Beiträge des IMSF
       Bd. 5, Frankfurt am Main 1978.
       Soweit Zahlen  und Ergebnisse unserer Untersuchung hier angeführt
       werden, ist zu sagen, daß es sich um eine Auswahl aus den männli-
       chen jugendlichen  (15-25 Jahre  alten) Lehrlingen, Arbeitern und
       Angestellten aus  einem Großbetrieb der chemischen Industrie han-
       delt. Die  Verteilungen werden  in anderen  Teilen der  Arbeiter-
       klasse andere sein; die Beziehungen werden sich sicher im wesent-
       lichen ähnlich  darstellen. Die Untersuchung beruht auf einer Be-
       fragung, die  im Sommer 1976 vorgenommen wurde. Soweit im folgen-
       den Text Mehrfeldertafeln aufgenommen wurden, sind diese nicht in
       dem Band  enthalten. Insofern beruhen diese Überlegungen auch ge-
       genüber dem Buch auf zusätzlichem Material.
       2) Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: Marx/Engels, Werke Bd. 23,
       S. 557 und 559.
       3) Christiane Bierbaum, Joachim Bischoff, David Eppenstein, Seba-
       stian Herkommer,  Karlheinz Maldaner, Ende der Illusionen? Frank-
       furt am Main/Köln 1977.
       4) Werner Kudera,  Werner Mangold,  Konrad Ruff,  Rudolf Schmidt,
       Theodor Wentzke,  Gesellschaftliches und  politisches  Bewußtsein
       von Arbeitern, Erlangen 1976.
       5) Das belegen  auch die entsprechenden Ergebnisse in der Hambur-
       ger Dissertation von Helmut Moser: Einstellungen der Industriear-
       beitnehmerschaft zur Mitbestimmung, Hamburg 1975.
       6) Vgl. hierzu den Beitrag von Klaus Pickshaus, Krisenbedingungen
       und Arbeitskämpfe. Zur Entwicklung sozialer Kämpfe in der Bundes-
       republik 1975 bis 1978, in diesem Band.
       7) Es ist  sehr auffällig,  daß das vor allem von den Autoren des
       "Kritischen Gewerkschaftsjahrbuchs" und seiner Vorläufer bzw. der
       Frankfurter Gewerkschaftsstudie  (Joachim Bergmann,  Otto Jacobi,
       Walther Müller-Jentsch,  Gewerkschaften in der Bundesrepublik, 2.
       Bd., 2. A. Frankfurt am Main 1976) nicht berücksichtigt wird.
       8) Friedrich  Engels,   Karl  Marx,   Die  heilige  Familie,  in:
       Marx/Engels, Werke Bd. 2, S. 85.
       9) Vgl. Christiane Bierbaum u.a., a.a.O., S. 89.
       10) Siehe: Gewerkschaftliche Monatshefte 7/1976.
       11) Ebenda, S. 434.
       12) Michael Schumann,  Klaus Peter Wittemann, Tendenzwende im Ar-
       beiterbewußtsein? in: Frankfurter Hefte 4/1977, S. 73.
       13) Christiane Bierbaum u.a., a.a.O., S. 187/188.
       14) Vgl. Jugendliche  im Großbetrieb,  a.a.O., S. 117 ff., insbe-
       sondere S. 120.
       15) Ebenda, S. 104 f.
       

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