Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       DAS 'INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSPOLITISCHE STUDIEN' DER IKP (CESPE)
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       Anna Morre / Walter Micheli
       
       Das CESPE (Centro Studi di Politica Economica del Partito Comuni-
       sta Italiano  - Institut  für wirtschaftspolitische  Studien  der
       IKP) besteht seit März 1966. Die Hauptgründer des Instituts waren
       Giorgio Amendola und Eugenio Peggio (beide Mitglieder der Kommis-
       sion "Ökonomie  und soziale  Probleme" beim ZK der IKP), die auch
       der erste  Präsident bzw. Sekretär waren. Die rechtliche Stellung
       des CESPE  ist die  einer Arbeitsgruppe  (sezione di  lavoro) der
       IKP, d.h. das Institut hat keinen eigenen juristischen Status und
       wird ausschließlich  mit Mitteln  der Partei finanziert. Zur Zeit
       sind im Institut neun wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt.
       Das CESPE  hat in  den Jahren seit 1966 die wichtige Funktion ge-
       habt, Positionen der IKP in den Fragen der aktuellen Wirtschafts-
       politik auszuarbeiten.  Die Diskussion über wirtschaftspolitische
       Probleme wurde  früher hauptsächlich  von den Parteien des Centro
       sinistra, d.  h. von gewissen Teilen der Democrazia cristiana und
       der Sozialistischen  Partei geführt,  während die  IKP an  dieser
       Diskussion nur in geringerem Maße beteiligt war. Die Gründe hier-
       für sind in der damals noch stärkeren antikommunistischen Diskri-
       minierung, aber auch darin zu sehen, daß es der Partei an spezia-
       lisierten Wissenschaftlern  fehlte, die  in der  Lage waren,  die
       Vermittlungen zwischen  den theoretischen Analysen auf dem Gebiet
       der politischen  Ökonomie und  den  Fragen  der  konkreten  Wirt-
       schaftspolitik herzustellen. Durch die Publikation der zweimonat-
       lich erscheinenden Zeitschrift "Politica ed Economia", in der die
       laufenden Forschungsergebnisse  und Stellungnahmen des CESPE ver-
       öffentlicht werden,  und durch die Organisation verschiedener Ta-
       gungen und  Kongresse ist  es dem  CESPE gelungen, eine Reihe von
       Diskussionen und  Auseinandersetzungen über wirtschaftspolitische
       Probleme anzuregen  und damit Beziehungen zu sozialen und politi-
       schen Kräften  herzustellen, die  vorher nicht  bestanden. An den
       Tagungen des  CESPE -  aus den  letzten Jahren sind zu nennen die
       Tagung über  die öffentlichen  Unternehmen  (imprese  pubbliche),
       über die  internationale Beeinflussung  der  italienischen  Wirt-
       schaft (Condizionamenti  internazionali sull  'economia italiana)
       und über  die kleinere  und mittlere  Industrie in  der Krise der
       italienischen Wirtschaft  - nahmen  neben den  Vertretern der Ge-
       werkschaften auch  die Wirtschaftsexperten  der  Christdemokraten
       und der  Sozialistischen Partei,  Vertreter der  staatlichen  und
       halbstaatlichen Unternehmen,  der Confindustria ( = italienischer
       Unternehmerverband)  und   z.B.  auch  der  Präsident  der  Banca
       d'Italia teil.
       Bei der  Vorbereitung und  Durchführung der  Kongresse wurde  das
       CESPE von  einer steigenden  Zahl freiwilliger Mitarbeiter unter-
       stützt -  meistens Mitglieder oder Sympathisanten der kommunisti-
       schen Partei, die sich im Rahmen der Universität mit ökonomischen
       und wirtschaftspolitischen Studien befassen. Viele von ihnen sind
       bereits spezialisiert auf empirische Analysen der einzelnen Wirt-
       schaftssektoren und betrachten ihre Mitarbeit auch ihrerseits als
       wichtig zur Herstellung eines größeren Forschungszusammenhangs.
       Gegenwärtig befindet sich das CESPE in einer Phase der Umstruktu-
       rierung. Wenn  die Arbeitsschwerpunkte  in den vergangenen Jahren
       auf der  Organisation der Tagungen und den verschiedenen Publika-
       tionen 1)  lagen (außer  der Zeitschrift  "Politica ed  Economia"
       gibt das CESPE noch laufend ein "Bulletin" für Abonnenten heraus,
       das Teilergebnisse  der  jeweiligen  Forschungsarbeit  veröffent-
       licht, und "Quaderni di Politica ed Economia" 2), die monographi-
       schen Charakter haben, z.B. zur Energiekrise oder zu den ökonomi-
       schen Problemen  Süditaliens) - so soll das Institut jetzt dahin-
       gehend reorganisiert  und ausgebaut  werden, daß  es in  größerem
       Maße als  bisher in  der Lage  ist, kontinuierlich  systematische
       Forschungen und  empirische Untersuchungen  anzustellen. Seit No-
       vember letzten  Jahres wird  das CESPE von einem Gremium (Ufficio
       di Presidenza) geleitet, dem Giorgio Amendola, Giorgio Napolitano
       und Eugenio Peggio angehören, während Silvano Andriani die Aufga-
       ben Peggios als Sekretär übernommen hat.
       Der Grund  dieses Umstrukturierungsprozesses  liegt in  den neuen
       Erfordernissen, die  in der jetzigen politischen Situation an die
       IKP gestellt  werden. "Die Partei", so Andriani, "charakterisiert
       sich - außer als Kampfpartei - allmählich mehr als Regierungspar-
       tei. Wir  sind jetzt Teil der (Parlaments-)Mehrheit, morgen könn-
       ten wir  Teil der  Regierung sein. Daraus entwickelt sich das Er-
       fordernis einer  systematischeren Kapazität der Forschungsarbeit.
       Die Partei  muß dem  Bedürfnis nach konkreten Antworten auf allen
       Ebenen Rechnung tragen."
       Intern ist  das CESPE  in zwei  Abteilungen gegliedert,  eine für
       ökonomische und  eine für  soziale Forschungen. Die Abteilung für
       soziale Forschungen besteht erst seit ca. einem Jahr und wird von
       Aris Accornero geleitet.
       Der gegenwärtige  Arbeitsschwerpunkt der  Abteilung Ökonomie  ist
       eine Untersuchung der einzelnen Industriesektoren. Diese Analysen
       - untersucht werden die Sektoren Chemie, Eisenindustrie, Elektro-
       nik, Textil/Bekleidungsindustrie,  Elektroindustrie, Elektrizität
       - sollen genauere Daten liefern zur Unterstützung der Politik der
       IKP bei  der Anwendung des neuen Gesetzes 675 über die Umstellung
       der industriellen  Strukturen (riconversione  di strutture  indu-
       striale), das  die Ausarbeitung von sektoralen Programmen als In-
       strumente der  Industriepolitik vorsieht,  und des  Gesetzes über
       die wirtschaftliche  Förderung des  "Mezzogiorno", das  ebenfalls
       Interventionen sektoraler  Natur beinhaltet.  In diesem Zusammen-
       hang ist  eine vergleichende Studie über die Industriepolitik der
       EWG in  einigen europäischen  Ländern geplant sowie eine Untersu-
       chung der staatlichen Beteiligungen an Industrieunternehmen.
       Eine andere Forschungsrichtung beschäftigt sich mit Problemen des
       Staatshaushalts, und  zwar geht es um Fragen, die die Beziehungen
       zwischen den  staatlichen Finanzen  (finanza del  centro) und den
       Finanzen der  Regionen und  Provinzen/Kommunen betreffen.  Weiter
       wird an  einer Einschätzung  der Rolle  des Finanzkapitals in der
       aktuellen Phase der Wirtschaftsentwicklung Italiens gearbeitet.
       Die Arbeit  der Abteilung für soziale Forschungen geht hauptsäch-
       lich in  zwei Richtungen. Zum einen wird eine Studie über die Zu-
       sammensetzung der  Arbeiterklasse in  Italien erstellt.  Ein Teil
       dieser Untersuchung  - die  auch die Analyse der Arbeitsbedingun-
       gen, der  Mobilität der Arbeit, der Lohnentwicklung etc. beinhal-
       tet -  ist anläßlich  der VII. Arbeiterkonferenz der IKP im Früh-
       jahr dieses Jahres vorgelegt worden. 3) - Die andere Richtung be-
       schäftigt sich  mit der Einkommensverteilung in Italien. Zur Zeit
       wird versucht, die Steuerbelastung der werktätigen Bevölkerung zu
       berechnen. Diese  Untersuchung soll  jedoch ausgedehnt werden auf
       den Versuch  einer Gesamteinschätzung  der  Einkommensverteilung,
       die man  in Italien  bekanntlich nicht  kennt. Es gibt hierzu nur
       eine Studie  der Banca d'Italia, aber keine offiziellen Daten des
       italienischen Staates.  Die Abteilung  nimmt an, durch diese For-
       schungsreihen schon  im nächsten  Jahr in der Lage zu sein, einen
       Bericht über die soziale Lage Italiens im allgemeinen vorlegen zu
       können. Eine  Analyse dieser  Art wird zwar jedes Jahr vom CENSIS
       (halböffentliches Institut  für sozialwissenschaftliche Forschun-
       gen) durchgeführt,  vom CESPE  jedoch als  nicht sehr überzeugend
       angesehen.
       Bei den  genannten Untersuchungen, die natürlich die Aufarbeitung
       einer großen  Zahl von  Daten erfordern,  arbeitet das  CESPE zum
       einen mit  dem Material des ISTAT (staatliches Statistikinstitut,
       entspricht dem Statistischen Bundesamt in der BRD), betreibt aber
       auch selbst Feldforschung, besonders bei der sektoralen Analyse.
       Die Zahl  der freiwilligen Mitarbeiter bei den aktuellen Untersu-
       chungen liegt bei etwa 220. Damit stellen sich auch beträchtliche
       organisatorische Probleme,  die in der Zukunft noch besser gelöst
       werden sollen.  Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei die Organi-
       sation einer  kontinuierlichen, systematischeren  Zusammenarbeit,
       also einer  Zusammenarbeit, die sich nicht mehr wie bisher primär
       auf die Vorbereitung einer Tagung konzentriert.
       
       Die Zeitschrift "Politica ed Economia"
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       Die neue  Folge der  Zeitschrift "Politica ed Economia" wird seit
       Juli 1970  in zweimonatigem  Abstand herausgegeben. Zwischen 1957
       und 1962 erschien die erste Folge einer Zeitschrift desselben Na-
       mens unter der Leitung von Antonio Pesenti, Mitglied des Zentral-
       komitees der IKP und einer der renommiertesten marxistischen Öko-
       nomen Italiens;  damals regte die Zeitschrift eine Vertiefung der
       marxistischen Debatte auf wirtschaftstheoretischer Ebene und eine
       kritische Analyse der Wirtschaftsentwicklung Italiens an.
       In der  Vorstellung der  neuen Folge  von "Politica  ed Economia"
       wurde in  der ersten  Nummer das redaktionelle Konzept dargelegt:
       "'Politica ed  Economia' beabsichtigt,  eine umfassende  Informa-
       tion, Forschung  und Diskussion  über die  grundlegenden ökonomi-
       schen und  wirtschaftspolitischen Probleme  in Italien und in der
       Welt zu  betreiben, auf  der Grundlage eines breiten Meinungsaus-
       tauschs und unter direkter Beteiligung von Politikern und Wissen-
       schaftlern der verschiedenen Abteilungen der Arbeiterbewegung und
       der verschiedenen Kräfte der Linken."
       Die Zeitschrift  gliedert sich im wesentlichen in drei Teile: Ne-
       ben zahlreichen  Beiträgen zur  theoretischen Forschung behandelt
       der erste Teil einzelne Aspekte des wirtschaftlichen Lebens unter
       besonderer  Berücksichtigung  der  italienischen  Situation.  Den
       zweiten Teil  bildet eine  Reihe von  Rubriken: Italienische Kon-
       junktur, Weltkonjunktur,  Arbeitskämpfe in Italien, Arbeitskämpfe
       in der Welt, Chronik der politischen und parlamentarischen Tätig-
       keit in Italien, Wirtschaftliche Zusammenarbeit (insbesondere auf
       EG-Ebene). Dieser  Teil enthielt auch einen Überblick von italie-
       nischen, französischen, deutschen, britischen, nordamerikanischen
       und sowjetischen  Zeitschriftenartikeln zu  wirtschaftlichen Fra-
       gen. Mit  Ausnahme der  italienischen Zeitschriften  wurde dieser
       Überblick im Jahre 1977 eingestellt. Statt dessen verlagerte sich
       der Schwerpunkt verstärkt auf Bücherrezensionen. Ein dritter Teil
       schließlich ist det Dokumentation gewidmet: Hier werden vor allem
       die wichtigsten  Dokumente der  IKP zur  Wirtschaftspolitik, aber
       auch Vorschläge  und Resolutionen  zu Gewerkschaftsfragen  veröf-
       fentlicht.
       Im Laufe  der Zeit hat sich der Schwerpunkt der Analysen von Ita-
       lien weg  auf die hochentwickelten kapitalistischen Länder verla-
       gert. So  ist beispielsweise  die Rubrik  "In den sozialistischen
       Ländern" weggefallen,  die seit  Erscheinen der  Zeitschrift  bis
       1977 in  jedem Heft ihren festen Platz hatte und die sich mit der
       wirtschaftlichen Entwicklung  der sozialistischen Länder befaßte.
       Was die italienische Wirtschaft betrifft, haben sich die Analysen
       in den  letzten 2-3  Jahren verstärkt  auf einzelne  Aspekte  der
       Struktur, der  Entwicklung und  der notwendigen Reformen der ita-
       lienischen Wirtschaft  konzentriert. Die  wirtschaftstheoretische
       Debatte hat so an Gewicht verloren und hat in zunehmendem Maße in
       der theoretischen  Zeitschrift der  IKP  "Critica  Marxista"  ihr
       Forum gefunden. Die Zeitschrift hat immer einen offenen Charakter
       gehabt, aber  in den  letzten Jahren sind die Stimmen von anderen
       Strömungen der  Arbeiterbewegung und  selbst von der Unternehmer-
       seite verstärkt zu Wort gekommen.
       
       _____
       1) Das CESPE gibt folgende Publikationen heraus: Bolletino CESPE.
       Mensile del  Centro Studi di Politica Economica del PCI; Politica
       ed Economia.  Rivista bimestrale  del CESPE; Quadern: di Politica
       ed Economia.  Die Publikationen  können über Editori Riuniri. Se-
       zione Penodici, Piazza Grazioli 18, Roma, bezogen werden.
       2) In der  Reihe der  "Quaderni" sind  Publikationen zu folgenden
       Themen bisher  erschienen (Konferenzprotokolle):  Wirtschaftspro-
       grammierung in  der Lombardei  (1971); Region  und Kredit-Politik
       (1971); Die  italienischen Kommunisten und Europa (1971) (Auszüge
       hieraus auf  deutsch erschienen  in Bd. 7 der 'Arbeitsmaterialien
       des IMSF':  EWG/EG. Dokumente, Statistiken, Analysen, 1974,5. 83-
       157); Wirtschaftsentwicklung  und Territorialstruktur; Die Kommu-
       nisten und  die öffentlichen  Forschungsunternehmen (1972);  Vor-
       schläge der  IKP für  eine neue Wirtschaftsentwicklung in Venedig
       (1972); Öffentliche  Unternehmen und demokratische Programmierung
       (1973); Die  Energie-Krise (1973); Wirtschaftskrise und industri-
       elle Rekonstruktion  (1975); Investitionen  und Programmierung in
       der Energiewirtschaft  (1975); Wirtschaftskrise und Stellung Ita-
       liens in  der internationalen  Wirtschaft (1976);  Das Mezogiorno
       und die  Krise Italiens (1976); Probleme und Perspektive der che-
       mischen Industrie (1976); Kampf gegen die Inflation (1977).
       3) Ein Auszug  aus diesen Untersuchungen des CESPE wurde kürzlich
       in Critica  Marxista publiziert: A. Accornero, F. Carmigniani, La
       Composizione della  classe  operaia  italiana,  Critica  Marxista
       2/1978, S.  91 "130,  Zur Arbeiterkonferenz vgl. Rinascita Nr. 10
       v. 10. März 1978, S. 3-6.
       

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