Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       KRISENENTWICKLUNG UND ARBEITERBEWUSSTSEIN
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       BERICHT ÜBER EIN KOLLOQUIUM DES IMSF
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       Klaus Priester
       
       Am 17./18.  Juni 1978 veranstaltete das Institut für Marxistische
       Studien und  Forschungen (IMSF)  in Springen/Ts.  ein  Kolloquium
       über theoretische  Probleme der  Entwicklung des  Arbeiterbewußt-
       seins unter  Krisenbedingungen. An  dem zweitägigen  Meinungsaus-
       tausch nahmen  etwa 40  Wissenschaftler und  Gewerkschafter teil.
       Einführende Referate  hielten Dr.  J.H. v. Heiseler ("Arbeiterbe-
       wußtsein und  Krise") und Prof. Dr. F. Deppe ("Zu einigen Proble-
       men  der  Bestimmung  des  gegenwärtigen  gewerkschaftlichen  und
       politischen Bewußtseins der Arbeiterklasse der BRD"). 1)
       Heiseler (IMSF)  ging in  seinem schriftlich  vorgelegten Referat
       und den  mündlichen Ergänzungen  auf einige kontroverse Diskussi-
       onspunkte ein,  die sich  aus der Auseinandersetzung mit neueren,
       sich am  Marxismus orientierenden  theoretischen und  empirischen
       Untersuchungen zum  gesellschaftlichen Bewußtsein  Lohnabhängiger
       ergeben. Er verdeutlichte dabei insbesondere, daß in mit dem Kom-
       plex von  "Wertorientierungen", vor  allem der Leistungsorientie-
       rung, zusammenhängenden  Fragen und Problemen z.T. deutliche Dif-
       ferenzen zwischen  dem Ansatz  der  IMSF-Studie  "Jugendliche  im
       Großbetrieb" 2) und den in der Westberliner Studie 3) vorgetrage-
       nen Positionen  bestehen. Man müsse dabei bemerken, daß die Auto-
       ren der Erlanger Studie 4) anfangs z.T. ähnliche Thesen wie Bier-
       baum u.a. vertreten hätten, jedoch auf Grund ihrer eigenen Ergeb-
       nisse dann  diesen Ansatz  stark korrigiert  hätten, so  daß sich
       zwischen der  IMSF-Untersuchung und der von Kudera u.a. in diesem
       Punkt starke Konvergenzen fänden.
       Anders als  bei Bierbaum  u.a., die  in der  von ihnen  empirisch
       festgestellten stark ausgeprägten Leistungsorientierung insbeson-
       dere der  unmittelbaren Maschinenarbeiter  lediglich ein  Zeichen
       der Befangenheit in bürgerlichen Bewußtseinsformen sehen, konsta-
       tierte Heiseler  als beherrschende Wertorientierungen bei den be-
       fragten Jugendlichen  die Orientierung  auf kollektives  Handeln,
       Kollegialität, Gleichheit  und Leistung.  Letztgenannte Orientie-
       rung wird  allerdings nicht als bloße Befangenheit in der bürger-
       lichen Ideologie gewertet, sondern darüber hinaus auch als mögli-
       cher Ausgangspunkt  antikapitalistischer Kritik  bezeichnet, wenn
       die festgestellte  Leistungsorientietung auch  meist mit integra-
       tionistischen und  z.T. reaktionären  Haltungen in anderen Fragen
       einhergeht.
       Meinungsverschiedenheiten stellte  Heiseler auch hinsichtlich der
       Frage heraus,  ob die  empirisch vorgefundenen Wertorientierungen
       zu einer  Lähmung oder  Mobilisierung der Aktionsbereitschaft von
       Lohnabhängigen allgemein  und Arbeitern  im besonderen angesichts
       der aktuellen  wirtschaftlichen Krisenentwicklung  führen. Im Zu-
       sammenhang mit  dieser Frage  müsse die Rolle der gewerkschaftli-
       chen Organisation  für die Entwicklung bzw. Hemmung von Aktivitä-
       ten der  Arbeiterklasse analysiert  werden. Offenbar,  so stellte
       Heiseler fest,  hat sich  seit den  Septemberstreiks von 1969 die
       Haltung der  gewerkschaftlichen Führungsgremien  und der  Gewerk-
       schaftsorganisation insgesamt  zumindest teilweise verändert. Ih-
       nen komme heute eine Schlüsselrolle für die Entwicklung von Akti-
       onsbereitschaft unter den Lohnabhängigen und für die Durchführung
       von sozialen Bewegungen zu. Allerdings seien die Veränderungen in
       der Haltung  von Gewerkschaftsführungen keineswegs nur als bloßer
       Reflex auf etwaige Basisströmungen zu sehen.
       Als widersprüchlich und differenziert stellt sich das Arbeiterbe-
       wußtsein nach  Heiseler auch  hinsichtlich der Erwartungen an den
       Staat dar.  Im Gegensatz  etwa zu  der von Vertretern der "Kriti-
       schen Gewerkschaftstheorie"  im Umkreis des Frankfurter Instituts
       für Sozialforschung  vertretenen Auffassung,  Erwartungen an  den
       Staat seien  lediglich als  Ausdruck bürgerlichen  Bewußtseins zu
       werten, unterstrich Heiseler, daß Erwartungen an den Staat - etwa
       hinsichtlich  der   Lösung   wirtschafts-   und   beschäftigungs-
       politischer Probleme  - auch  als Anzeichen für höherentwickeltes
       Klassenbewußtsein  der  Arbeiter  gewertet  werden  müsse  -  ein
       Argument, das in der Diskussion von J. Schleifstein (IMSF) aufge-
       griffen und ausgeführt wurde.
       
       II.
       
       S. Herkommer  (Westberlin) verdeutlichte  im Anschluß an Heiseler
       für die Verfasser der Studie "Ende der Illusionen" deren Untersu-
       chungsansatz und  faßte einige  Ergebnisse der  Arbeit  zusammen.
       Vier Thesen zum Gesellschaftsbewußtsein der Lohnabhängigen in der
       Bundesrepublik wurden dabei hervorgehoben:
       1) Das Gesellschaftsbewußtsein sei von uneinheitlichen und wider-
       sprüchlichen Momenten strukturiert, d.h. einerseits gelten ökono-
       mische und  soziale Verhältnisse  als durch prinzipielle Freiheit
       und Gleichheit des Individuums bestimmt - d.h. auch durch persön-
       liche Fähigkeiten und individuelle Leistung ", andererseits werde
       von den  Befragten aber auch gesehen, daß die kapitalistische Ge-
       sellschaft prinzipielle  Ungleichheiten und  soziale Ungerechtig-
       keit einschließe.
       2) Die Mehrheit  der Befragten orientiere sich an "traditionellen
       bürgerlichen Wertvorstellungen",  die angesichts der Wirtschafts-
       krise als Basis zur Aktivierung von "Vorurteilen" dienen.
       3) Die Mehrheit  erwarte die  "Wiederherstellung  normaler  wirt-
       schaftlicher Konjunktur  und fortschreitende  Verwirklichung  des
       Postulats sozialer  Gerechtigkeit", zugleich  verbreite sich aber
       unter den Befragten eine Ahnung davon, daß die sozialen Konflikte
       sich verschärfen könnten.
       4) Das "Vertrauen in den bürgerlichen Staat" sei bei allem parti-
       ellen Mißtrauen  gegenüber dem  politischen Apparat noch ungebro-
       chen, sowohl  was die Wiederherstellung der ökonomischen Stabili-
       tät als  auch was  die Priorität  der sozialen Sicherheit und Ge-
       rechtigkeit betrifft.
       Das in  der  Westberliner  Untersuchung  insgesamt  festgestellte
       "Dominieren bürgerlicher Vorstellungen und Illusionen" im Gesell-
       schaftsbewußtsein der  Bevölkerung, das  im Tiefpunkt  der  Wirt-
       schaftskrise (1975)  ermittelt wurde, wird von den Verfassern der
       Studie als  "Durchgangsstadium" interpretiert.  Gleichzeitig pro-
       gnostizieren sie  "eine stärkere  Entwicklung realistischer  Vor-
       stellungen von der bestehenden Gesellschaftsordnung und den fort-
       schreitenden Abbau  von Illusionen".  Diese Befunde  ergeben sich
       aus der Interpretation der Daten für die Lohnabhängigen des Kapi-
       tals und insbesondere für das an Maschinen beschäftigte Personal.
       Deutlicher als  bei der Gesamtbevölkerung sei unter ihnen das Be-
       wußtsein vom  unsozialen Charakter der "sozialen Marktwirtschaft"
       vorhanden, stärker  als in  der Gesamtbevölkerung werde von ihnen
       Arbeit in erster Linie als "notwendiges Übel zur Reproduktion des
       Lebens" begriffen,  was sie  jedoch nicht  daran hindere, an Vor-
       stellungen einer  "stabilen Demokratie" und prinzipieller Verläß-
       lichkeit des  bestehenden ökonomischen  Systems festzuhalten  und
       individuelle Leistung  und den persönlichen Spielraum der Indivi-
       dualität als  Möglichkeit des  sozialen Aufstiegs  zu  begreifen.
       "Obwohl auf  der einen Seite die Forderung nach Reformen und mehr
       sozialer Gerechtigkeit  steht, wissen  die Lohnarbeiter des Kapi-
       tals eher,  daß die  Ungleichheit in der Gesellschaft auch in Zu-
       kunft zunehmen wird."
       Stärker als  bei dieser Beschäftigungsgruppe seien unter den kom-
       merziellen  Lohnarbeitern   Vorstellungen  verbreitet,  der  Ver-
       schlechterung der  sozialen Lage durch individuelle Anstrengungen
       entgehen zu können.
       Die Gewerkschaften  werden zwar als notwendiger Zusammenschluß in
       der Auseinandersetzung  mit dem  Kapital betrachtet, gleichzeitig
       wird von  den Befragten  aber auch  die Möglichkeit  gesehen, die
       Verkaufsbedingungen der  eigenen Arbeitskraft individuell zu ver-
       bessern. Beide  Haltungen stehen  jedoch nach  der Auffassung der
       Westberliner Autoren  nicht in  Widerspruch zueinander. Von einer
       breiten Ausbildung  sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen  oder
       Illusionen unter  den Befragten  könne ebenfalls nicht gesprochen
       werden, da  das Wissen  von der Ungleichgewichtigkeit in der Ver-
       teilung dominant  bleibe. Selbst unter den gewerkschaftlichen Re-
       präsentanten dürften nach der Auffassung der Westberliner Autoren
       sozialpartnerschaftliche Vorstellungen  in diesem Sinne eher mar-
       ginal sein.
       In Fortführung ihrer Untersuchung aus dem Jahr 1975 haben Herkom-
       mer u.a. 1978 die aus den Ergebnissen ihrer ersten Erhebung abge-
       leiteten Thesen  zu konkretisieren versucht. In Gruppendiskussio-
       nen sollte  festgestellt werden,  ob und  in welchen Formen unter
       den unmittelbaren  Maschinenarbeitern (aus der Metall- und insbe-
       sondere der  Automobilindustrie) eine "Auflösung oder Veränderung
       der Widersprüchlichkeit  im Bewußtsein"  stattfindet. Eine  erste
       Auswertung von  Diskussionsprotokollen habe  ergeben, daß, im Ge-
       gensatz zu  1975, 1978  konservative Wertmuster aufgelöst oder in
       Frage gestellt  werden. Thesenartig  stellte Herkommer  drei zen-
       trale Aspekte der Veränderung im Bewußtsein der Lohnarbeiter seit
       1975 heraus:
       1) Die heute vorgefundenen Arbeits- und Lebensbedingungen und die
       existierende Ungleichheit  werden zunehmend  als ein  Problem der
       gesellschaftlichen Produktionsstrukturen  begriffen. Es  sei  die
       Tendenz festzustellen,  durch gemeinsames Handeln die "Logik die-
       ser Produktion selbst" verändern zu wollen.
       2) Diskussionen und Ansätze eines entschiedeneren gewerkschaftli-
       chen Handelns bekommen offenkundig auch politischeren Charakter.
       3) Die Gewerkschaften  werden als organisierende Zentren verstan-
       den, die  eine Gleichgewichtigkeit der sich verkaufenden Arbeits-
       kräfte und des Kapitals erst herstellen sollen.
       
       III.
       
       Die an das Referat von Heiseler und den Beitrag von Herkommer an-
       knüpfende Diskussion  des ersten  Tages gruppierte  sich auf  der
       theoretischen Ebene  hauptsächlich um  die Problematisierung  der
       empirischen Befunde  zu Wertorientierungen der Lohnabhängigen und
       deren Relevanz  für die  Handlungsbereitschaft.  Besonderen  Raum
       nahm dabei  die Diskussion um Inhalte, Aussagekraft und Operatio-
       nalisierbarkeit des  Begriffs "Sozialpartnerschaft"  bzw. solcher
       in den  erwähnten Untersuchungen als sozialpartnerschaftliche Ar-
       gumentationsmuster eingestufter  Haltungen  ein.  Schwierigkeiten
       bereitet auch den marxistisch orientierten Sozialwissenschaftlern
       offensichtlich noch  der Umgang  mit dem  Begriff "Sozialpartner-
       schaft". Gefragt wurde, warum es in den einzelnen empirischen und
       theoretischen Untersuchungen  zu derart  gravierenden Differenzen
       in den  Ergebnissen kommen  konnte, aus denen sich sozialpartner-
       schaftliche Haltungen  der Befragten  ablesen lassen. J. Schleif-
       stein fragte  in der  Diskussion nach  den fundamentalen Inhalten
       sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen.  Diese  bestünden  nicht
       etwa darin,  daß unbedingt das im Kapitalismus bestehende soziale
       Ungleichgewicht geleugnet  werde; vielmehr  sei ihr  Hauptinhalt,
       daß  man   glaube,  durch  bestehende  demokratische  Mechanismen
       ("Spielregeln") ließen  sich die unterschiedlichen Interessen auf
       dem Wege  der Partnerschaft  zwischen  Kapital  und  Arbeit  aus-
       gleichen: Sozialpartnerschaft diene also als Ersatz für den Klas-
       senkampf. Insofern,  bemerkte W. Schwarz (IMSF), sei es fraglich,
       ob die  - in  den Untersuchungen  konstatierte -  Einsicht in die
       prinzipielle Ungleichgewichtigkeit von Lohnarbeit und Kapital den
       Rahmen sozialpartnerschaftlicher  Vorstellungen bereits  sprenge.
       Zur begrifflichen Klärung grenzte/. Schleifstein die spezifischen
       Inhalte von  Sozialpartnerschaft und  klassischem Reformismus ge-
       geneinander ab:  im Gegensatz  zu sozialpartnerschaftlichen  Vor-
       stellungen, die  sich heute prinzipiell innerhalb des Rahmens der
       kapitalistischen Gesellschaft bewegten, sei der klassische Refor-
       mismus (etwa  der Fabier,  Bernsteins und der Zweiten Internatio-
       nale nach  dem Ersten  Weltkrieg) zumindest  noch verbal und pro-
       grammatisch davon  ausgegangen, daß  auf dem Wege der Reform eine
       Transformation des Kapitalismus möglich und auch notwendig sei.
       H. Werner  (Oldenburg) kritisierte ebenfalls eine zu oberflächli-
       che Fassung  des Begriffs  "Sozialpartnerschaft".  Sozialpartner-
       schaftliche Orientierungen  würden in  empirischen Untersuchungen
       leicht  überinterpretiert.  Anhand  eigener  Befragungsergebnisse
       zeigte er,  daß im  Bewußtsein der  Befragten oftmals eine völlig
       andere Vorstellung über den Inhalt von "Sozialpartnerschaft" exi-
       stiert als  in der  sozialwissenschaftlichen Diskussion allgemein
       vermutet wird.
       So stellte  sich in H. Werners Untersuchung heraus, daß fast drei
       Viertel  der  Befragten  der  Formulierung  zustimmten:  "Sozial-
       partnerschaft ist  nur dort  möglich, wo  sich  beide  Seiten  um
       vertrauensvolle Zusammenarbeit  bemühen" - obwohl auf der anderen
       Seite  45  Prozent  der  Befragten  Sozialpartnerschaft  zwischen
       Unternehmen und  Gewerkschaften ablehnten.  Weiter  zeigte  sich:
       "Korreliert man  diese Einstellung zur Sozialpartnerschaft zu an-
       deren gesellschaftlichen Perspektiven wie Mitbestimmung, Investi-
       tionskontrolle usw., dann zeigt sich, daß diejenigen, die die So-
       zialpartnerschaft wünschen,  für Investitionskontrolle eintreten,
       für betriebliche  und überbetriebliche  Mitbestimmung." Dies  sei
       jedoch nicht als sozialpartnerschaftliches Verhalten im Sinne der
       herrschenden Ideologie  zu interpretieren. Für einen Großteil der
       Befragten sei  mithin ein  "Wunsch nach  Sozialpartnerschaft" ty-
       pisch, verbunden  mit der  Vorstellung, man müsse die Unternehmer
       zur Sozialpartnerschaft  zwingen, da  sie von  ihnen immer wieder
       verletzt werde.  Werners Untersuchung  ergab schließlich, daß le-
       diglich eine Restgröße von 10 Prozent aller Befragten in der Lage
       sei, durchgängig  sozialpartnerschaftliche Inhalte  in gestellten
       Fragen zu erkennen und abzulehnen.
       Ein ähnliches Problem, nämlich die Schwierigkeit, geeignete Indi-
       katoren zu  finden, die es ermöglichen, Wertvorstellungen genauer
       zu analysieren und zu interpretieren, zeigte sich bei der Diskus-
       sion um die durchgängig in den empirischen Untersuchungen festge-
       stellte Leistungsorientierung von Arbeitern.
       Auf eine  ungenügende Interpretation  der Westberliner  Studie im
       Zusammenhang mit dem konstatierten Zusammenwirken von Leistungso-
       rientierung und  reaktionären Haltungen  in anderen Fragen machte
       J. Bischoff  aufmerksam: Es  sei unstrittig, daß die Tätigkeit im
       kapitalistischen Produktionsprozeß nicht nur unter dem Aspekt der
       Arbeitsverausgabung, sondern  auch unter dem Aspekt der Identifi-
       kation mit dem Inhalt der Tätigkeit - also dem "Genußaspekt" - zu
       sehen sei.
       W. Roßmann (Marburg) wies, ausgehend von Erfahrungen des jüngsten
       Metallarbeiterstreiks in  Baden-Württemberg, auf  die  Mobilisie-
       rungsfähigkeit von  Leistungsbewußtsein hin.  Gerade hier  sei an
       einem vorhandenen  positiven Bewußtsein  von der eigenen Leistung
       ("Wir haben  hier alles  aufgebaut" - "Ohne uns läuft kein Compu-
       ter" - "Uns wird hier etwas verweigert" usw.) als mobilisierender
       Haltung gegen  die Zerstörung produktiver Funktionen durch Ratio-
       nalisierung anzuknüpfen gewesen.
       
       IV.
       
       F. Deppe  ging in seinem Referat auf einige Probleme der Entwick-
       lung der  Klassenauseinandersetzungen in  der Bundesrepublik ein.
       Dabei behandelte  er vor  allem die  Streiks seit  1969 und ihren
       Einfluß auf  die Gewerkschaftspolitik,  analysierte den Charakter
       der Sozialpartnerschafts-Ideologie als "besonderem Herrschaftsmo-
       dell" in  der Bundesrepublik  und wies schließlich auf einige Be-
       sonderheiten in den Streiks des Jahres 1978 und neue Züge der Ge-
       werkschaftspolitik hin.
       In der sich an das Referat von F. Deppe anschließenden Diskussion
       des zweiten  Tages wurde  hauptsächlich der Charakter der gewerk-
       schaftlichen Forderungen  und Kämpfe  der letzten Jahre unter dem
       Aspekt des  - zur Diskussion gestellten - Wandels in den Kampfbe-
       dingungen der  Arbeiterklasse in  der Bundesrepublik, des Wirkens
       der besonderen  Entwicklungsbedingungen der  BRD auf diese Kämpfe
       sowie Ansätze  für eine (Neu-)Bestimmung der Gewerkschaftspolitik
       in der BRD angesprochen.
       Th. Hagelstange  (Westberlin) stellte die Ergebnisse seiner empi-
       rischen Untersuchung  "Gewerkschaftsentwicklung und Krisen in der
       BRD 1950-1975"  5) dar,  die nach  den Auswirkungen der Krise auf
       das Bewußtsein der abhängig Beschäftigten sowie danach fragte, ob
       es analog  zum Konjunkturzyklus  auch  einen  "Bewußtseinszyklus"
       gebe. Dieser lasse sich - wenn überhaupt - noch am ehesten an den
       quantitativen Veränderungen  der Mitgliedschaft in Gewerkschaften
       und -  bedingt -  an der Streiktätigkeit messen. Hinsichtlich der
       Entwicklung des  Organisationsgrades als  "geeignetstem Indikator
       des Bewußtseins"  sei  festzustellen,  daß  dessen  Veränderungen
       "eher längerfristiger Art" seien, also nicht so sehr in Abhängig-
       keit vom  industriellen Zyklus  verlaufen. In  der  nachfolgenden
       Diskussion wurde  die Aussagefähigkeit dieses von Hagelstange ge-
       wählten Indikators problematisiert.
       F. Deppes Charakterisierung der aktuellen betrieblichen und über-
       betrieblichen gewerkschaftlichen  Kämpfe der  Arbeiterklasse  als
       vorwiegend defensiv  fand in  der Diskussion zwar generell keinen
       Widerspruch. Allerdings  hob u.a. J. Schleifstein hervor, daß nä-
       her untersucht  werden müßte,  was "defensiv"  eigentlich bedeute
       und daß  defensive Forderungen im Verlauf der Kämpfe rasch in of-
       fensive umschlagen könnten. In ähnlicher Weise betonte H. Schäfer
       (Redaktion Nachrichten  zur Wirtschafts- und Sozialpolitik'), daß
       von ursprünglich  defensiven Forderungen  in Streiks auch Impulse
       für weitergehende  Kampfaktivitäten ausgehen könnten. Andere Dis-
       kussionsteilnehmer verwiesen darauf, daß - z. B. in den Auseinan-
       dersetzungen in  der Druckindustrie"  "defensiv" auch  beinhaltet
       habe, Antworten  zu geben  auf technologische Veränderungen, also
       als reaktives  Verhalten der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaf-
       ten zu verstehen sei.
       K. Pickshaus (IMSF) bemerkte, daß in jüngster Zeit der Anteil der
       gewerkschaftlich getragenen Streiks in der Bundesrepublik gestie-
       gen sei  und daß die restriktive Unternehmerpolitik zum unmittel-
       baren Auslöser  für den  Anstieg der Streikaktivitäten der Arbei-
       terklasse geworden  sei. Dies  sei u.a.  auf die  Verletzung  der
       "Sozialpartnerschaftsregeln" durch  die Unternehmer selbst in der
       Tarifrunde 1977/78  zurückzuführen. Hauptinhalt der gewerkschaft-
       lichen  Forderungen   in  den  zurückliegenden  Kämpfen  sei  die
       "Sicherung des Erreichten" gewesen. Dabei habe sich mobilisieren-
       des Potential vor allem in den Bereichen entwickelt, in denen die
       Unternehmerangriffe auf  den sozialen Besitzstand und die Sicher-
       heit der  Arbeitsplätze als  besonders kraß  empfunden wurden und
       hauptsächlich qualifizierte  Facharbeitergruppen betroffen waren:
       Aus der  Verteidigung des Erreichten sei ein Umschlagen in offen-
       sive Forderungen,  etwa nach  der Erweiterung  demokratischer und
       sozialer Rechte  möglich, besonders  dann, wenn  die Streikkämpfe
       wie im  Frühjahr 1978 an Breite und Intensität gewännen. Die Dia-
       lektik von defensiven und offensiven Momenten werde auch im brei-
       ten Widerstand  der Gewerkschaftsbewegung gegen das unternehmeri-
       sche Kampfmittel  der Aussperrung  deutlich. Die Aussperrungen in
       der Druck-  und Metallindustrie,  mit denen  die  Gewerkschaften,
       insbesondere die  ohnehin schon  geschwächte IG Druck und Papier,
       finanziell in  die Knie gezwungen werden sollten, hätten sich je-
       doch für die Unternehmer zu einem Bumerang entwickelt, da als Re-
       aktion auf  die Aussperrungspolitik  der Unternehmer  die bislang
       stärkste Bewegung  gegen die  Aussperrung in  der  Bundesrepublik
       entstanden sei,  in deren  Verlauf die  betroffenen Beschäftigten
       auch neue  Kampfformen entwickelten (Diskussion über die Möglich-
       keit von  Betriebsbesetzungen, faktische  Betriebsbesetzungen  in
       Druckbetrieben).
       W. Müller-Jentsch  (Institut für  Sozialforschung,  Frankfurt/M.)
       wies auf zwei seiner Ansicht nach zu verzeichnende "Umbruchsitua-
       tionen" in  der Gewerkschaftspolitik  während  der  letzten  zehn
       Jahre hin.  Zum einen sei seit 1969 ein Wandel in den allgemeinen
       politischen Rahmenbedingungen  und  der  Gewerkschaftspolitik  zu
       verzeichnen gewesen,  der sich  in der  Zunahme  von  Streikakti-
       vitäten, dem  Ansteigen der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften -
       vor allen  Dingen bei  den Frauen  und Angestellten - sowie einer
       starken  Zunahme   von  SPD-Wählerstimmen  und  der  allmählichen
       Herausbildung eines  allgemein-politischen "Reformklimas"  in der
       Bundesrepublik ausgedrückt  habe. Übergreifend  lasse sich  diese
       Entwicklung rückblickend  in Übereinstimmung  mit  F.  Deppe  als
       "Bruch des sozialen Konsensus" in der BRD bezeichnen.
       Zum anderen sei die "Umbruchsituation" des Jahres 1974/75 mit dem
       Stichwort "Existenzbedrohung"  zu  kennzeichnen:  Trotz  der  nun
       durch die  Krisenentwicklung bestimmten  stärkeren  Existenzunsi-
       cherheit der  Arbeiterklasse sei  in dieser ersten Etappe der ge-
       genwärtigen Krise eine "allgemeine Lähmung" der Kampfbereitschaft
       der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften zu verzeichnen gewesen.
       Dies verweise vor allem auf die ambivalenten Folgen der durch die
       Krise verursachten  Existenzbedrohung, die sich einmal in Apathi-
       sierung und  Marginalisierung gerade  jener Teile  der  Arbeiter-
       klasse,   die    primär   von   Arbeitslosigkeit   bedroht   sind
       (unqualifizierte, ausländische  Arbeiter, Frauen), zum anderen in
       Widerstand gegen die Existenzbedrohung ausdrücken können.
       Da die  Kerngruppen der  Arbeiterklasse, die  Stammbelegschaften,
       wie z.B.  die qualifizierten  Facharbeiter in der Druckindustrie,
       die auch den Kern der Gewerkschaftsmitglieder ausmachten, erst in
       einer späteren  Phase der  Krise von  Rationalisierungsfolgen be-
       troffen gewesen  seien und sind, zeige sich eine deutlich gestie-
       gene Kampfkraft der Gewerkschaften ebenfalls erst in dieser zwei-
       ten Etappe  der Krisenentwicklung  (Drucker- und  Metallarbeiter-
       streik).
       Am Problem der "Marginalisierung" oder "Segmentierung" der Arbei-
       terklasse entzündete sich eine recht lebhafte Diskussion.
       Anhand der  Erfahrungen aus den Streikauseinandersetzungen in der
       baden-württembergischen Metallindustrie  im  Frühjahr  1978  ver-
       suchte W.  Roßmann seine These zu erläutern, nach der sich gegen-
       wärtig die  Differenzen zwischen  Erkenntnis und  Verhalten, zwi-
       schen dem Bewußtsein vom Klassen- bzw. Interessenantagonismus und
       von der  gewerkschaftlichen Basis  initiierten Kampfaktionen ver-
       größert hätten.  Es sei  dies ein  Prozeß des partiellen Rückzugs
       auf egoistische,  privatistische und  individualistische Positio-
       nen, der  sich in  einem Rückgang der spontanen Gegenwehraktionen
       der Arbeitenden gezeigt habe. Eine der Eigentümlichkeiten der Me-
       tallauseinandersetzung im Frühjahr 1978 liege darin, daß - anders
       als in  Vorbereitung bisheriger Lohnrunden - "kaum eine Forderung
       an der  Basis erhoben  " worden  sei. Zudem seien die Aktivitäten
       der Gewerkschaftsmitglieder  in den  Betrieben (Vertrauenskörper-
       sitzungen, Betriebsversammlungen, Bereitschaft zu aktiver Streik-
       teilnahme usw.)  im Vorfeld  und im  Verlauf dieser  Auseinander-
       setzungen  schwächer  als  in  vorhergegangenen  Tarifrunden  und
       Streiks gewesen.
       Andererseits habe  sich in der diesjährigen Tarifrunde gleichzei-
       tig und  als entgegenwirkende  Tendenz ein  immenses Potential an
       Kampfbereitschaft in  anderen Bereichen (so der Eisen- und Stahl-
       industrie und  der Bauindustrie)  gezeigt, das  auch  mobilisiert
       werden konnte.  Entscheidend für  die Mobilisierungsfähigkeit der
       Beschäftigten sei,  daß den  letztlich die Konflikte austragenden
       Mitgliedern von  Beginn an  die Konzeption  der Kampfführung, die
       Perspektiven und die Dimension und Bedeutung des Kampfes von Sei-
       ten der  gewerkschaftlichen  Führungsorgane  verdeutlicht  werden
       müßten.
       N. Beckenbach  (Bremen) berichtete  über ein an der Arbeitsstelle
       Arbeiterkammer der  Universität Bremen  seit 1974  durchgeführtes
       Forschungsprojekt zur Situation der Hafenarbeiter in Bremen. 6)
       Ausgehend von der Untersuchung der ökonomischen Rahmenbedingungen
       und der  Beschäftigungssituation in  den bremischen  Häfen analy-
       sierte die  Forschergruppe die Entwicklung der Arbeitsbedingungen
       in den  verschiedenen Umschlagsbereichen  und deren Veränderungen
       im Zusammenhang mit der wissenschaftlich-technischen Entwicklung.
       Dabei interessierte vor allem, welche Belastungsanforderungen die
       verschiedenen Hafentätigkeiten  an die  Beschäftigten stellen und
       in welcher  Weise Technisierung  und Rationalisierung Belastungs-
       formen und Intensität der Arbeit verändern.
       Weiter wurde  die Entwicklung der Qualifikationsanforderungen und
       die Verteilung der Qualifikationen auf die einzelnen Bereiche der
       Hafenarbeit dargestellt  und nach der Beurteilung der veränderten
       Arbeitsbedingungen durch die Hafenarbeiter selbst sowie dem durch
       die veränderten  Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen begründe-
       ten Forderungs-  und Konfliktpotential  - wie es z.B. im Hafenar-
       beiterstreik 1978 ansatzweise sichtbar wurde - gefragt.
       Über eine empirische Untersuchung zu den "Auswirkungen von Ratio-
       nalisierungsmaßnahmen in  der  Druckindustrie  auf  Struktur  und
       Handlungsmöglichkeiten der  IG Druck  und Papier", das derzeit an
       der Hamburger  Hochschule für  Wirtschaft und  Politik im Auftrag
       der Hans-Böckler-Stiftung  durchgeführt wird, berichteten H. Milz
       und H.  Obens. Das  Projekt soll dazu beitragen, das quantitative
       Ausmaß und  die qualitative Struktur der bisherigen technisch-ar-
       beitsorganisatorischen Umstrukturierungsprozesse  in der Druckin-
       dustrie zu  analysieren und  versuchen, systematisch Schlüsse auf
       weitere zu  erwartende Rationalisierungsprozesse und deren Folgen
       abzuleiten. Dabei  steht im  Zentrum der  Überlegungen die  Frage
       nach den  Veränderungen des  gewerkschaftlichen Handlungspotenti-
       als, das  durch die branchenspezifische Entwicklung in der Druck-
       industrie maßgeblich bestimmt wird.
       
       V.
       
       Die breite  Palette der  während des  Kolloquiums  angesprochenen
       Themen verdeutlicht,  daß es  in der  Bundesrepublik ein kleines,
       aber intensiv  arbeitendes Forscherpotential  gibt, das  sich mit
       Problemen des  Gesellschaftsbewußtseins  der  Arbeiterklasse  be-
       schäftigt.
       Die Vielfalt  der Themen  und  die  unterschiedliche  methodische
       Herangehensweise der  einzelnen  Forschergruppen  fordert  unter-
       schiedliche, in  Einzelbereichen z.T.  sogar sich widersprechende
       Forschungsergebnisse geradezu heraus, die es - wie auf dieser Ta-
       gung geschehen  - im  produktiven Dialog auch weiterhin zu disku-
       tieren gilt.
       Zu den  vordringlichen Aufgaben auf dem Gebiet einer sich am Mar-
       xismus orientierenden Forschung zum gesellschaftlichen Bewußtsein
       der Arbeiterklasse  in der  Bundesrepublik gehört - dies kann als
       ein wichtiges Ergebnis festgehalten werden - zum einen die inten-
       sivere Beschäftigung  mit den konstitutiven Elementen der Sozial-
       partnerschaftsideologie und  deren konkreten Auswirkungen auf die
       Meinungsbildungsprozesse und  die Handlungs-  und Konfliktbereit-
       schaft der Arbeitenden und der Gewerkschaftsorganisationen.
       Mit Sicherheit  genügt es  heute nicht mehr, die augenscheinliche
       Verfangenheit weiter  Teile der  Arbeiterklasse in sozialpartner-
       schaftlichen, reaktionären  oder illusionären  Wertorientierungen
       nur festzustellen. Vielmehr müssen Wege und Methoden zu ihrer ex-
       akteren Bestimmung  und Erfassung ihres tatsächlichen Inhalts ge-
       funden sowie Ansätze zu ihrer Überwindung entwickelt werden.
       Zum anderen  kommt es gerade angesichts der gegenwärtigen Krisen-
       situation darauf  an, die gewonnenen Forschungsergebnisse für die
       unmittelbare gewerkschaftliche  Praxis nutzbar zu machen. In wel-
       cher Weise dies geschehen kann, wie Forschungsergebnisse in Schu-
       lungs- und  Bildungsveranstaltungen umgesetzt,  in die Informati-
       onspolitik der  Gewerkschaften und anderer Arbeiterorganisationen
       eingehen können - diese Fragen bedürfen weiterer Diskussionen.
       
       _____
       1) Beide Beiträge sind in diesem Band abgedruckt.
       2) Siehe  J. H.  v. Heiseler  (unter Mitarbeit von D. Hänisch und
       A.) Jansen), Jugendliche im Großbetrieb. Studie zum gewerkschaft-
       lichen und  politischen Bewußtsein arbeitender Jugendlicher. Bei-
       träge des IMSF, Bd. 5, Ftankfurt/M. 1978.
       3) C. Bierbaum/J.  Bischoff/D. Eppenstein/S.  Herkommer/K. Malda-
       ner/A. Martin,  Ende der Illusionen? Bewußtseinsänderungen in der
       Wirtschaftskrise. Köln-Frankfurt/M. 1977.
       4) W. Kudera/W.  Mangold/K. Ruff/R.  Schmidt/Th. Wentzke, Gesell-
       schaftliches und  politisches Bewußtsein von Arbeitern. Abschluß-
       bericht Juni 1976. Sonderforschungsbereich 22 der Universität Er-
       langen-Nürnberg. Nürnberg 1976.
       5) Veröffentlicht in: Das Argument 109/1978, S. 357-372.
       6) Ein Zwischenbericht  mit dem Titel "Hafenarbeit in Bremen" ist
       veröffentlicht in: Kooperation (Bremen) 19/20/21, Mai/Juni 1977.
       

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