Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979


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       ZWISCHEN SOZIALPARTNERSCHAFTSIDEOLOGIE UND KLASSENBEWUSSTSEIN -
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       ZUR BEDEUTUNG DER WIDERSPRÜCHE IM ARBEITERBEWUSSTSEIN
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       Harald Werner
       
       1. Ursprung  und Bedeutung widersprüchlichen Bewußtseins - 2. Der
       Doppelcharakter von  Staatsillusion und Partnerschaftsideologie -
       3. Das  ökonomische Lagebewußtsein  - 4. Realistische Elemente im
       Bewußtsein vom  Staat -  5. Sozialpartnerschaftliches  Denken der
       Arbeiter -  Widersprüche zur  herrschenden Ideologie - 6. Die Wi-
       dersprüche im  projektiven politischen  Denken - 7. Aktuelle Ent-
       wicklungsbedingungen des Arbeiterbewußtseins in der BRD.
       
       Die empirischen  Untersuchungen zum Arbeiterbewußtsein, so unter-
       schiedlichen Zielsetzungen  und entgegengesetzten  wissenschafts-
       theoretischen Grundannahmen  sie auch  folgten,  stimmen  in  der
       Feststellung eines  strukturierenden Bewußtseinsmerkmals überein:
       In der Beschreibung widersprüchlicher Bewußtseinsinhalte. Je nach
       dem, ob die jeweiligen Untersuchungen von der Hypothese einer Ni-
       vellierung oder Integration der Arbeiterklasse ausgingen oder das
       erkenntnisleitende Interesse der Forscher auf Keimformen klassen-
       bewußter Realitätswiderspiegelung  ausgerichtet war,  wurden  die
       der eigenen Untersuchungsrichtung widersprechenden Bewußtseinsin-
       halte dann als traditionsbedingte Restgrößen klassenkämpferischen
       Denkens oder als ideologiebedingte Überlagerungen interpretiert.
       Besonders die  Parteilichkeit linker  Sozialforscher scheint sol-
       ches Vorgehen  zu rechtfertigen.  Kommt es  doch darauf  an,  das
       Neue, das  Vorwärtstreibende zu erfassen und wo möglich auf seine
       Entwicklungsbedingungen zurückzuführen.  Doch  dem  liegt  einmal
       eine falsche Auffassung von der Struktur und inneren Gesetzmäßig-
       keit des  gesellschaftlichen Bewußtseins  zugrunde, und  das fußt
       zum anderen  auf einer  zu oberflächlichen Interpretation dessen,
       was scheinbar im Gegensatz zur realitätsgerechten Widerspiegelung
       der Arbeiterexistenz  und der Bedingung ihrer Emanzipation steht.
       Oder anders gesagt, man müßte stärker der Frage nachgehen, ob die
       als falsch abgetanen Bewußtseinsinhalte nicht doch Keimformen des
       politischen Klassenbewußtseins sind.
       Den aufgeworfenen  Fragen soll  im folgenden nachgegangen werden.
       In einem  zweiten Schritt soll versucht werden, anhand einer vor-
       liegenden empirischen  Untersuchung 1) die Bedeutung aktuell vor-
       handener Widersprüche zu analysieren. Es geht dabei um den Inhalt
       und die  Funktion sozialpartnerschaftlichen  Denkens  beziehungs-
       weise um die sogenannte Staatsillusion der Arbeiter.
       
       1. Ursprung und Bedeutung widersprüchlichen Bewußtseins
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       In zahlreichen  empirischen Untersuchungen wird das Zurückbleiben
       des Arbeiterbewußtseins hinter seinen objektiven Bedingungen, wie
       auch die  Widersprüchlichkeit einzelner  Bewußtseinsinhalte,  als
       das Besondere  der gegenwärtigen Epoche, als die eigentlich nicht
       "normale"  Entwicklung   des  Arbeiterbewußtseins  behandelt.  So
       schreiben schon  Kern/Schumann: "Die  einheitlichen Strukturen im
       gesellschaftlichen Denken  haben sich  offenkundig stark  vermin-
       dert." 2)  Der Zerfall  "kollektiven Denkens"  wird als empirisch
       feststellbare Retardierung  behandelt, als  hätte es  vor dem ein
       anderes, nämlich  ein einheitliches  Arbeiterbewußtsein  gegeben.
       Empirisch läßt  sich solch eine Annahme nicht beweisen, und theo-
       retisch ist  sie nicht begründbar. Einheitliche Strukturen im Ar-
       beiterbewußtsein sind  nur anzunehmen, wenn der Satz, daß das ge-
       sellschaftliche Sein  das Bewußtsein bestimmt, mechanistisch miß-
       verstanden wird. Eben dieses Mißverständnis des strukturellen Zu-
       sammenhangs von Sein und Bewußtsein durchzieht nicht nur die bür-
       gerliche Polemik gegen die marxistisch-leninistische Widerspiege-
       lungstheorie, der  auf dieser Grundlage unterstellt wird, Bewußt-
       sein als Reflex der Ökonomie abzutun, diese Vereinseitigung steht
       zweifellos auch Pate bei den zahlreichen Versuchen linker Wissen-
       schaftler, die von Marx und Engels begründete Theorie der Entste-
       hung gesellschaftlichen  Bewußtseins durch  allerlei Zutaten, be-
       sonders solche der Psychoanalyse zu "ergänzen". 3)
       Wenn etwa  Thomas Leithäuser  formuliert: "Der  mögliche Entwick-
       lungsprozeß  vom  Alltagsbewußtsein  zum  Klassenbewußtsein  wird
       durch gesellschaftliche  Instanzen blockiert, die ... dem Überbau
       zuzurechnen sind"  4), dann  verbirgt sich  dahinter die Annahme,
       daß an  sich das gesellschaftliche Sein seine Entsprechung im ge-
       sellschaftlichen Bewußtsein  fände, wenn  es nicht wie auch immer
       beschaffene Instanzen gäbe, die sich zwischen Sein und Bewußtsein
       schieben.
       Doch das  empirisch auffindbare Arbeiterbewußtsein - und das gilt
       nicht allein  für unsere konkret historische Situation in der BRD
       - ist mit all seiner Widersprüchlichkeit und seinen Vorstellungen
       das "normale" Arbeiterbewußtsein. Die Widersprüchlichkeit des ge-
       sellschaftlichen Seins  selbst  reflektiert  sich  ebenso  wider-
       sprüchlich im  Denken der  handelnden Menschen.  Was hier  wider-
       sprüchlich ist,  ist also  nicht erst das Bewußtsein, sondern be-
       reits das  gesellschaftliche Sein. Dabei treten Erscheinungen des
       gesellschaftlichen Überbaus zwar zwischen den funktionalen Zusam-
       menhang von  Sein und Bewußtsein, aber sie selbst sind nichts Ei-
       genständiges,  sondern  selbst  Produkte  des  gesellschaftlichen
       Seins. Die  Wirkung des subjektiven Faktors etwa gründet sich auf
       nichts anderes  als auf  das gesellschaftliche Sein der Menschen;
       auch wenn ihm eine relative Selbständigkeit zukommt.
       Leontjew hat  nachgewiesen, daß historisch mit der Entstehung der
       Klassengesellschaften ein  völlig neuer  Typ des Bewußtseins ent-
       steht. Das  von ihm als "desintegriert" bezeichnete Bewußtsein in
       Klassengesellschaften ist grundsätzlich durch das Auseinanderfal-
       len von  Sinn und  Bedeutung gesellschaftlicher Tätigkeit gekenn-
       zeichnet. "Der  Arbeiter weiß  zwar,  welche  allgemeine  gesell-
       schaftliche Bedeutung  sein Schaffen hat; diese gesellschaftliche
       Bedeutung stimmt  jedoch nicht mit dem persönlichen Sinn überein"
       5). Die  Einsicht in  die Bedeutung, die eine bestimmte Tätigkeit
       für die Gesellschaft hat, steht in vielen Bereichen, nicht allein
       in der  Arbeitstätigkeit, im Gegensatz zum persönlichen Sinn, den
       der Handelnde  mit seinem Tun verbindet. Dementsprechend grundle-
       gend charakterisiert  Leontjew die Auswirkungen auf das die Hand-
       lung steuernde  Bewußtsein: "Es ist ganz gleich, welchen konkret-
       psychologischen Zug  im Psychischen eines Menschen, der unter den
       Bedingungen des  Privateigentums lebt,  wir herausgreifen, es ist
       ganz gleich, ob wir die Besonderheiten seines Denkens, seiner In-
       teressen oder seiner Gefühle betrachten. Stets erkennen wir dabei
       den Stempel dieser Bewußtseinsstruktur." 6)
       Will man  den Ursprung  widersprüchlichen Denkens, letztlich aber
       auch die  Widersprüchlichkeit der  gesamten psychischen Tätigkeit
       des Arbeiters  erfassen, dann  reicht es nicht aus, diese aus der
       Tätigkeit von  Überbauinstitutionen oder aus der sich veränderten
       organischen Zusammensetzung  des Kapitals  abzuleiten,  wie  dies
       manche industriesoziologisch  orientierten Untersuchungen  unter-
       nehmen. Vielmehr  kommt es  darauf an, die Wirkung all dieser na-
       türlich trotzdem  wirkenden Faktoren  vor dem  Hintergrund des an
       sich durch  widersprüchliche Realitätserfahrung  typisierten  Be-
       wußtseins zu betrachten.
       Soviel zum Ursprung und auch zur Natürlichkeit der empirisch auf-
       findbaren Widersprüche im Arbeiterbewußtsein.
       Damit ist für die weiteren Überlegungen festgestellt, daß die Ge-
       gensätze im  Bewußtsein, sowohl in ihrer Beziehung zur objektiven
       Wirklichkeit als auch im Denken selbst, als Ausdruck der Klassen-
       gesellschaft untersucht  werden müssen.  Aktuelle historische Be-
       dingungen ,  wie der  Entwicklungsstand der Produktionsweise oder
       die besondere  Qualität des  subjektiven Faktors  der BRD  können
       demnach nur  als intervenierende, die allgemeinen Gesetzmäßigkei-
       ten differenzierende  Variablen betrachtet  werden.  Gleichzeitig
       muß jedoch  der Frage  nachgegangen werden,  wie sich  die Wider-
       sprüchlichkeit des  Bewußtseins auf  die psychische Tätigkeit, d.
       h. auch  auf die  Bewußtwerdungsprozesse auswirkt.  Was letztlich
       auch der  Beantwortung der  Frage dient,  ob das,  was als wider-
       sprüchlich oder  der Realität  widersprechender Bewußtseinsinhalt
       diagnostiziert wird,  nur falsch  ist oder ob es nicht auch rich-
       tige Elemente  beinhaltet, die  für den  Bewußtwerdungsprozeß von
       wichtiger Bedeutung sind.
       Auch zur  Beurteilung der Bedeutung von widersprüchlichen Bewußt-
       seinsinhalten sind  grundlegende Überlegungen  notwendig. Als er-
       stes muß hervorgehoben werden, daß das Bewußtsein unmittelbar mit
       der Tätigkeit  verbunden ist. Es verdankt seine Entstehung phylo-
       genetisch  und   ontogenetisch  der   zielgerichteten  Tätigkeit,
       gleichzeitig steuert es jedoch auch die Tätigkeit, wobei alle Ar-
       ten und  Sphären sich durchdringen, voneinander abhängen und Form
       und Inhalt des praktischen Handelns beeinflussen. 7)
       So entstehen die unterschiedlichen Bewußtseinsarten aus der prak-
       tischen Tätigkeit des Individuums, wie auch aus der Tätigkeit der
       Gesamtgesellschaft, wobei die verschiedenen Elemente des subjeti-
       ven Faktors wie ein nichtstatisches Prisma wirken, durch das sich
       die Wirklichkeit  bricht. Damit  das Bewußtsein  seine handlungs-
       steuernde Funktion  wahrnehmen kann,  ist es  gezwungen, eine ei-
       gene, nämlich psychische Tätigkeit zu entwickeln. Diese Tätigkeit
       besteht in  der ständigen Anpassung der Bewußtseinsinhalte an die
       Realität sowie  auf einer  höheren, nämlich  erkennenden Ebene in
       der Abstimmung  der Bewußtseinsinhalte miteinander. Dabei spielen
       die auftretenden  Widersprüchlichkeiten eine besondere Rolle. Zum
       einen ist der Hypothese Holzkamps zuzustimmen, - daß in der Wahr-
       nehmung objektive Widersprüchlichkeiten subjektiv eingeebnet, Un-
       vereinbarkeiten in  ihren Bestimmungsmomenten  isoliert und damit
       unerkennbar gemacht werden". 8)
       Andererseits findet die Einebnung bewußtseinsmäßiger Widersprüche
       dort ihre Grenzen, wo diese Widersprüche nicht nur als solche der
       Realität erfahren  werden, sondern  die wahrgenommenen  Tatsachen
       die soziale  Existenz bedrohen. Die von Holzkamp beschriebene wi-
       derspruchseliminierende Funktion  der Wahrnehmung  darf nicht als
       absolut wirkender  psychischer Mechanismus  gewertet werden,  der
       unabhängig vom Inhalt der Wahrnehmung existiert.
       Das empirisch erfaßbare Arbeiterbewußtsein ist zum Beispiel davon
       gekennzeichnet, daß  sich die  Arten politisches und ökonomisches
       Bewußtsein im  Widerspruch zueinander  entwickeln. Deppe  hat  in
       seiner Analyse  empirischer Arbeiten  den Ursprung  dieses - Dop-
       pelcharakters" darin  gesehen, daß das Bewußtsein "sowohl die Be-
       dingungen der proletarischen Klassenlage als auch die Bedingungen
       der relativen  ökonomischen, politischen und ideologischen Stabi-
       lität" in  sich aufgenommen  hat, die  für die  Periode des Nach-
       kriegskapitalismus lange Jahre kennzeichnend war. 9) Bei der all-
       täglichen Wahrnehmung  sozialer Tatsachen  wird der  Arbeiter den
       Widerspruch zwischen  seiner Arbeitsplatzerfahrung  und der herr-
       schenden Ideologie  so lange eliminieren können, so lange er sei-
       nen Arbeitsplatz  hat. Er  wird die Tatbestände, die ihn an seine
       Klassenlage erinnern,  zwar wahrnehmen, und sie werden den Inhalt
       seines ökonomischen Denkens bestimmen, da sie hier ihre Bedeutung
       für das ökonomische Handeln haben, er wird das Wahrgenommene aber
       nicht in  Beziehung zu  seiner Existenz als Staatsbürger bringen.
       Gefragt nach  seiner gesellschaftlichen Rolle, wird er jene Ideo-
       logien verbalisieren,  die die  veröffentlichte Meinung  für  ihn
       produziert hat.  Er kann dies einerseits, weil sich diese Ideolo-
       gien zumindest teilweise mit der relativen Stabilität der Gesell-
       schaft decken,  und er  kann dies  andererseits, weil seine eben-
       falls erfahrene  Klassenlage dem  nicht so  grundsätzlich  wider-
       spricht, daß  sich alle  Elemente der  herrschenden Ideologie als
       falsch herausstellen.
       In diesem  Fall kann  davon ausgegangen  werden, daß der Arbeiter
       die Wirklichkeit  selektiv wahrnimmt, daß seine psychische Tätig-
       keit Widersprüche  eliminiert. Bedingung  eines solchen "stabilen
       Doppelcharakters" ist  freilich eine  relative Stabilität äußerer
       Bedingungen.
       Selbstverständlich werden vom Arbeiter dennoch Gegensätze wahrge-
       nommen. Aber  diese Gegensätze  erscheinen als  ebenso natürlich,
       wie die  alltägliche Erfahrung des Widerspruchs zwischen dem per-
       sönlichen Sinn  und der  gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit.
       Die Gewöhnung  an diesen  Widerspruch entwickelt eine Vorstellung
       von der  Gesellschaft, in der notwendigerweise der einzelne gegen
       das Ganze  beziehungsweise jeder  gegen jeden  steht, und  in der
       notwendigerweise auch  die Interessen  der Arbeiter gegen die der
       Kapitalisten stehen.  Da die  herrschende  Ideologie  dies  nicht
       leugnet, sondern  in  einem  pluralistischen  Gesellschaftsmodell
       aufhebt, können sowohl die Erfahrung der Klassenlage als auch die
       Übernahme der  herrschenden Ideologie  einer auf  Gleichheit sich
       gründenden Gesellschaft  nebeneinander im  Bewußtsein existieren.
       Ganz davon  abgesehen, daß auf der Ebene des Tausches tatsächlich
       "ein wahres  Eden der  angebornen Menschenrechte"  10) zu  finden
       ist.
       Die Gegensätze im Bewußtsein werden nicht notwendigerweise elimi-
       niert, sie existieren fort, einerseits weil die herrschende Ideo-
       logie sie  nicht leugnet,  sonder erklärt, und andererseits, weil
       bei relativ  gesicherter Existenz  der  Widerspruch  "erträglich"
       bleibt. Bei  näherer Betrachtung,  und darauf  hat Deppe  bereits
       hingewiesen, erweist  sich der  vorfindliche Doppelcharakter  des
       Arbeiterbewußtseins nicht  als  Resultat  besonderer  psychischer
       Prozesse, sondern  als Ergebnis herrschender objektiver Bedingun-
       gen. Die  herrschende Klasse  erkauft sich  den relativ  stabilen
       Doppelcharakter des  Arbeiterbewußtseins, und das heißt letztend-
       lich auch seine Loyalität, mit steigendem Realeinkommen und einer
       Zunahme staatlicher  Reproduktionsleistungen. Im  gleichen  Maße,
       wie die  Stabilität dieser objektiven Bedingungen durch die Krise
       gefährdet wird, verliert auch der Widerspruch seine Stabilität.
       Die entscheidende  Frage, die  sich gerade  in der  Krise stellt,
       richtet sich  damit auf die psychischen Gesetzmäßigkeiten des Be-
       wußtseins. Setzt  sich die eliminierende Funktion der Wahrnehmung
       durch, wie  sie Holzkamp  beschreibt, kommt  es also zu einer be-
       wußtseinsmäßigen Einebnung der Widersprüche, oder wird der im Be-
       wußtsein schärfer  hervortretende Widerspruch zur Bedingung kämp-
       ferischer Handlungsbereitschaft?  Leontjew vertritt  die letztere
       Auffassung und  folgert, daß der Mensch bestrebt ist, "die Desin-
       tegration seines  Bewußtseins zu überwinden. Er tut das nicht aus
       abstrakter Liebe  zur Wahrheit  , sondern  aus dem Verlangen nach
       einem wahren Leben" 11). Und weiter weist er darauf hin, daß dar-
       aus gerade beim Arbeiter "das Verlangen nach wahrem Verstehen und
       Wissen" entsteht.  12) Aber  auch diese  der Aussage von Holzkamp
       entgegengesetzte Annahme  ist nach  unserer Meinung  nicht in der
       Lage, die  aufgeworfene aktuelle Frage zu beantworten. Beide psy-
       chischen Mechanismen  sind in  den Gesetzmäßigkeiten des Bewußts-
       eins aufgehoben,  und welcher  davon sich  durchsetzt, ist offen-
       sichtlich von  weiteren, und  zwar von äußeren Bedingungen abhän-
       gig.
       Die psychischen  Strukturen und  Gesetzmäßigkeiten existieren  ja
       nicht an  sich, sondern sind ein Korrelat der Tätigkeit. Das Ver-
       langen, den  bewußt werdenden  Widerspruch aufzuheben,  wird  nur
       dann entstehen,  wenn dies  mit einer  äußeren Handlung zusammen-
       fällt. Solche  äußeren Handlungen  sind die  spontanen Bewegungen
       gegen die Willkür des Kapitals oder auch des Staates. Zum anderen
       scheint es  nicht gleichgültig, welche Bewußtseinsinhalte bereits
       vorhanden sind. Wenn wir also die eingangs gestellte Frage beant-
       worten wollen, wie sich unter den Bedingungen der Krise das durch
       seinen  Doppelcharakter  gekennzeichnete  Bewußtsein  entwickelt,
       dann müssen  wir einmal  die konkreten  Kämpfe der Arbeiterklasse
       beobachten, und wir müssen zum anderen die Inhalte der im Bewußt-
       sein festgestellten  Widersprüche untersuchen.  Womit wir  zu der
       eingangs aufgestellten  Hypothese zurückkommen,  daß das, was als
       falscher Bewußtseinsinhalt  abgetan wird, für die Entwicklung des
       Klassenbewußtseins ebenso  wichtig ist, wie die bereits richtigen
       Widerspiegelungsformen.
       Frank Deppe  hat in  der Diskussion um das Arbeiterbewußtsein die
       Frage aufgeworfen,  ob nicht  bereits die sogenannten Staatsillu-
       sionen der westdeutschen Arbeiterklasse wichtige Keimformen poli-
       tischen Bewußtseins  enthalten. 13)  Nach unserer Auffassung gilt
       diese Frage  nicht nur für das Staatsbewußtsein der Arbeiter, für
       ihre sogenannte  'Staatsillusion', sondern  das gilt in ähnlichem
       Maße für  die Sozialpartnerschaftsideologie. Auch hier gilt es zu
       untersuchen, ob  die Inhalte dieses Denkens bei den Arbeitern zu-
       mindest vorwärtstreibende Elemente beinhalten.
       
       2. Der Doppelcharakter von Staatsillusion
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       und Partnerschaftsideologie
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       Nicht erst  in der BRD oder in der Weimarer Republik, sondern be-
       reits im  Kaiserreich entwickelte die deutsche Bourgeoisie gegen-
       über den  revolutionären Bestrebungen  der Arbeiterbewegung  eine
       äußerst geschickte  Integrationspolitik. In  einer  Quellenstudie
       über den bürgerlichen Konservatismus weist Manfred Hahn nach, daß
       Reformbereitschaft und schonungslose Aufdeckung sozialer Skandale
       ein Wesensmerkmal  der bürgerlichen Strategie zur Erhaltung ihrer
       Existenzgrundlagen darstellen. "Soll das bedrohte System erhalten
       bleiben, müssen  seine 'Übel'  beseitigt oder zumindest gemildert
       werden. Daher als Hauptmoment des bürgerlichen Konservatismus der
       Ruf nach  bessernder Umbildung:  gefordert wird  die soziale  Re-
       form." 14)  Wohl in  keinem führenden kapitalistischen Land wurde
       die Integration  der Arbeiterschaft so früh und so konsequent be-
       gonnen, wie  in Deutschland.  Das Ensemble staatlicher Sozialein-
       richtungen,  kombiniert  mit  schon  früh  entwickelten  "Mitwir-
       kungsmöglichkeiten" der  Betriebsvertretungen, hat das Denken der
       Arbeiter  seit  Generationen  geprägt.  Helmut  Schmidts  "Modell
       Deutschland" ist  so letztlich nur die ideologische Krönung einer
       mehr  als  hundertjährigen  Integrationsstrategie  der  deutschen
       Bourgeoisie.
       Deshalb  sind  Staatsillusion  und  Sozialpartnerschaftsideologie
       auch kein  allein für die BRD typisches Moment im gesellschaftli-
       chen Bewußtsein, sondern besondere Elemente im subjektiven Faktor
       der deutschen  Gesellschaft seit  Bismarck. Ohne  diese  Elemente
       kann weder  die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, noch die
       verhinderte Neuordnung nach der Niederlage des Faschismus ausrei-
       chend erklärt werden. Kein Wunder also, daß sie im Bewußtsein der
       Arbeiter einen  so nachhaltigen  Niederschlag gefunden  haben und
       Wirklichkeitserfassung, aber  auch das projektive politische Den-
       ken durchdringen.
       Ohne Zweifel  sind die  Erfolge der  sozialintegrativen Strategie
       beachtlich. Aber  auch das  nicht erst seit drei Jahrzehnten BRD.
       Schon kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges konnte der Kathederso-
       zialist Lujo  Brentano auf stolze Erfolge der Integrationsstrate-
       gie verweisen:  "Durch den  Kathedersozialismus ist  das Deutsche
       Reich vor  dem Zusammenbruch bewahrt worden, der ihm ohne die von
       den Kathedersozialisten  befürwortete Politik  vom Abfall der Ar-
       beiterklasse gleich bei Ausbruch des Krieges gedroht hätte." 15)
       Aber dies  ist nur die eine Seite der Integration. Die andere be-
       steht in  einem tiefverwurzelten  Anspruch der Arbeiterschaft auf
       vernünftiges soziales  Handeln des Staates. Die Sozialstaatsillu-
       sion ist  kein Bewußtseinsmerkmal,  das seine Existenz der reinen
       Ideologie verdankt,  sie ist auch das Ergebnis materieller Bedin-
       gungen. Wobei  nicht übersehen werden kann, daß diese Bedingungen
       selbst die Spuren erfolgreicher Kämpfe der Arbeiterklasse tragen.
       Daß bei diesem Doppelcharakter der Sozialstaatsillusion die Seite
       überwiegt, die  das Bewußtsein  der westdeutschen  Arbeiterklasse
       loyal an  das bestehende  System bindet, kann und soll hier nicht
       bestritten werden.  Was jedoch  bestritten wird,  ist die Behaup-
       tung, daß  dieser Bewußtseinsinhalt  erst gänzlich absterben muß,
       ehe die  Arbeiterklasse  ein  politisches  Bewußtsein  entwickeln
       kann, das seinen höchsten Ausdruck in der Einsicht in die Notwen-
       digkeit politischer Machtergreifung findet. Vielmehr liegt in der
       Sozialstaatsillusion die  Einsicht in  die Notwendigkeit der Ein-
       flußnahme auf  den Staat bereits begründet. Im gleichen Maße, wie
       die Macht  des bürgerlichen  Staates nicht  mehr in der Lage ist,
       die Lebensinteressen  der Arbeiterklasse  zu gewährleisten,  ent-
       puppt sich  der herrschende  Staatsapparat als  nur  bürgerliches
       Machtinstrument. Und dies nur deshalb, weil die Staatsvorstellung
       der Arbeiter,  so sehr  sie auch  vermittelt sein  mag durch  die
       herrschende Ideologie,  in  Widerspruch  gerät  zur  Wirklichkeit
       staatlichen Handelns.
       In die  Überlegung, welche  Rolle das  Staatsbewußtsein der west-
       deutschen Arbeiter in der gegenwärtigen Krise, in der offensicht-
       lichen Unfähigkeit  des Staates, seinen eigenen ideologischen An-
       sprüchen gerecht zu werden, spielen wird, muß auch der Funktions-
       wandel des  Staates einbezogen  werden. Unter den Bedingungen des
       staatsmonopolistischen Kapitalismus  greift der staatliche Macht-
       apparat im  zunehmenden Maße zugunsten der Monopole in die allge-
       meinen Reproduktionsbedingungen ein. Dies kollidiert notwendiger-
       weise mit  den Erwartungen,  die die  Arbeiterklasse an den Staat
       richtet. So  sehr also  diese Erwartungen  auch das  Ergebnis der
       oben beschriebenen Integrationsstrategie sein mögen, im Zeitpunkt
       ihrer Nichterfüllung führen sie zum Entstehen von Konflikten, die
       nicht mehr allein auf ökonomischer Ebene angesiedelt sind.
       Der These  von Deppe, daß in den neueren empirischen Untersuchun-
       gen die  Sozialstaatsillusionen falsch interpretiert werden, kann
       vor dem  Hintergrund eines  sich in  seiner  Funktion  wandelnden
       Staates voll  zugestimmt werden.  "Es handelt sich bei diesen Er-
       wartungen (der Arbeiter, H.W.) vielmehr um Keimformen eines poli-
       tischen Bewußtseins,  das die  richtige Erkenntnis in sich aufge-
       nommen hat, daß die Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft ge-
       genwärtig nicht  mehr ausschließlich auf der Ebene des Austauschs
       von Lohnarbeit  und Kapital  und auf  der Ebene  des Verteilungs-
       kampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital gewährleistet werden kön-
       nen." 16)
       Wie weiter  unten anhand  empirischer  Ergebnisse  belegt  werden
       kann, treten  bei gewerkschaftlich  aktiven Arbeitern  eine dezi-
       dierte Kritik an den Handlungszielen des Staatsapparates zusammen
       mit einer weitgehenden Bindung an die diesen Staat tragende Sozi-
       aldemokratie auf.
       Von einem  ähnlichen Doppelcharakter ist die Sozialpartnerschaft-
       sideologie. Auch in ihr liegt nicht nur eine Hinnahme der kapita-
       listischen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel begründet,
       sondern gleichermaßen  das  Ziel  einer  gesamtgesellschaftlichen
       Ausrichtung ökonomischen Handelns. Und wenn auch durch solche so-
       zialpartnerschaftlichen Institutionen wie die Konzertierte Aktion
       nicht die Interessen der Arbeiterklasse, sondern die des Kapitals
       durchgesetzt werden, so verankert sich doch im Bewußtsein der Ar-
       beiter damit  gleichzeitig der  Gedanke zentraler Verteilungsent-
       scheidungen.
       Es ist in beiden Fällen, in der Verbreitung der Sozialstaatsillu-
       sion und  in der  Verankerung der  Sozialpartnerschaftsideologie,
       das Paradoxon  enthalten, daß die bürgerliche Herrschaft zu herr-
       schaftssichernden Ideologien  greift, die mit ihrem Gegenteil be-
       haftet sind,  nämlich mit Prinzipien, deren tatsächliche Verwirk-
       lichung die Aufhebung bürgerlicher Herrschaft notwendig macht.
       Es scheint  sicher, daß  Staatsillusionismus  und  sozialpartner-
       schaftliches Denken  in sich  selbst zwar den Keim richtiger Ein-
       sichten bergen,  daß dieser  Keim jedoch  nicht biologistisch aus
       sich selbst heraustreibend neue Einsichten hervorbringt. Auch der
       Widerspruch zwischen der zutreffenden Einsicht in die Klassenlage
       und der  ideologisch  mystifizierten  Disposition  gegenüber  dem
       Staat bringt von sich aus nicht die gedankliche Aufhebung des Wi-
       derspruchs hervor.  Trotzdem schafft der hier beschriebene Wider-
       spruch in  der Staatsillusion und der Sozialpartnerschaftsideolo-
       gie, wie  auch der  Widerspruch zwischen diesen Vorstellungen und
       der Einsicht in die eigene Klassenlage, eine psychische Ausgangs-
       situation, die das Wirksamwerden besonderer Gesetzmäßigkeiten des
       Bewußtseins möglich macht.
       G.G. Diligenski  greift in seiner Arbeit über die Bedürfnisse der
       Arbeiterklasse 17)  die These  von Leontjew über das Auseinander-
       fallen von persönlichem Sinn und gesellschaftlicher Bedeutung auf
       und bezeichnet  die hierbei  auftretende Spannung  als  mächtigen
       "inneren Stimulus"  des Bewußtseins.  18) Nach  seiner Auffassung
       "fungiert die Basisspannung als  A u s g a n g s c h a r a k t e-
       r i s t i k  des inneren Zustandes des Subjekts". 19)
       So könnten  auch die  oben bezeichneten  Widersprüche als "Basis-
       spannung" gewertet  werden, die  vermittelt durch  Tätigkeit  zur
       gedanklichen  Aufhebung   treibt.  Wichtig  ist  aber  auch  hier
       wiederum die  Rolle der Tätigkeit, die einerseits den Widerspruch
       im Bewußtsein  zur psychischen  Spannung werden läßt und anderer-
       seits auch  erst den  äußeren Zwang zur Anpassung des Bewußtseins
       an die  Tätigkeit setzt. Damit der durch Tätigkeit beginnende und
       sich psychisch  fortsetzende Prozeß  der Angleichung des Bewußts-
       eins an  die Realität  und damit  die Entwicklung von politischem
       Klassenbewußtsein erfolgreich  verlaufen kann,  muß  jedoch  eine
       weitere Voraussetzung vorhanden sein, nämlich die wirksame Propa-
       gierung von  Theorien, die  an die richtigen Einsichten anknüpfen
       können. Damit  kommt der empirischen Untersuchung des Arbeiterbe-
       wußtseins eine  besondere Aufgabe  zu. Sie hat die Inhalte wider-
       sprüchlichen Bewußtseins  unter der  Prämisse zu erfassen, daß in
       den "falschen  "Bewußtseinsinhalten Elemente  zutreffender  Wirk-
       lichkeitserfassung vorhanden  sind, und  sie muß  das innere Band
       deutlich machen,  das Einsicht in die ökonomische Klassenlage und
       Gesellschaftsvorstellung miteinander verbindet. Auf der Grundlage
       dieser Kenntnis können erst weiterführende programmatische Forde-
       rungen entwickelt  werden, die  an das  vorhandene Bewußtsein an-
       knüpfen. "Hier  wird deutlich",  so schreibt. J.H. v. Heiseler, -
       daß die  Erarbeitung einer  alternativen Wirtschaftspolitik nicht
       nur -  und das ist selbstverständlich - für die gewerkschaftliche
       Gesamtstrategie immer  notwendiger wird; es zeigt sich, daß diese
       Aufgabe auch  unbedingt vom Gesichtspunkt der Entwicklung des Be-
       wußtseins der  Arbeiter und Angestellten angegriffen werden muß."
       20)
       
       3. Das ökonomische Lagebewußtsein
       ---------------------------------
       
       Das ökonomische  Lagebewußtsein ist bei der Arbeiterklasse im Ge-
       gensatz zu  anderen Bewußtseinsinhalten  am weitesten entwickelt.
       Das belegen fast alle empirischen Untersuchungen, die dieser Fra-
       gestellung nachgehen. Bei Walter Nickel bezeichnen 70 Prozent der
       Facharbeiter die  Einkommens- und  Vermögensverteilung als "unge-
       recht und einseitig". 21)
       In der  von einer Forschungsgruppe vom Institut für Soziologie an
       der FU  in Westberlin durchgeführten Untersuchung zum Arbeiterbe-
       wußtsein in  der Krise  waren es 63 Prozent der Lohnarbeiter, die
       die bestehenden Einkommensunterschiede als "nicht berechtigt" be-
       zeichneten. 22) Und in der IMSF-Studie zum Bewußtsein von Jugend-
       lichen im  Großbetrieb zeigten  sich 74  Prozent der Ausgelernten
       mindestens bedingt bereit, durch eigene Handlung etwas zur Verän-
       derung der Einkommensverteilung beizutragen. 23)
       In der uns vorliegenden Untersuchung fällt das Ergebnis noch ein-
       deutiger aus,  was einerseits darauf zurückzuführen sein mag, daß
       die 298 Befragten zum Kern der gewerkschaftlichen aktiven Lohnab-
       hängigen gerechnet  werden können.  Es sind Teilnehmer an gewerk-
       schaftlicher Bildungsarbeit,  die zu 23,5 Prozent Betriebsvertre-
       tungen angehören  oder Vertrauensleute  sind. Andererseits wurden
       eine ganze  Reihe von  Fragen zur  ökonomischen Lage gestellt, so
       daß das abgegebene Urteil an Sicherheit zunimmt. 24)
       Auf die  Frage, wie sie die Einkommensverteilung in der BRD beur-
       teilen, antworteten  86,2 Prozent,  daß "noch große Unterschiede"
       bestehen, und  nur 13,4  Prozent wählten  die etwas  weniger kri-
       tische Antwortmöglichkeit  "hier und  da bestehen  noch Ungerech-
       tigkeiten". In  einer weiteren  Frage waren  71,5  Prozent  sogar
       davon überzeugt,  daß diese  Unterschiede größer  geworden  sind,
       15,8 Prozent  waren der  Meinung, daß sich nichts verändert habe,
       und nur 12,1 Prozent waren der Meinung, daß sich die Unterschiede
       verringert hätten.
       Ähnlich fallen die Antwortprofile zu Fragen der Vermögensbildung,
       der Arbeitsbelastung und der Sicherheit der Arbeitsplätze aus. So
       waren 85,5  Prozent der  Meinung: "Vollbeschäftigung  wie in  den
       vergangenen Jahren  wird es  nicht mehr  geben, auch wenn die Ar-
       beitslosenzahl zurückgeht."  Die Belastung  am Arbeitsplatz beur-
       teilten 83  Prozent zunehmend  negativ. Aus  sechs Fragen  mit 23
       Antwortmöglichkeiten wurde  dann eine neue Variable gebildet, für
       die sich die in der Tabelle l festgehaltene Verteilung ergab.
       Dabei entspricht  der Typ  1 der neuen Variable einer durchgehend
       zutreffenden Beurteilung  bei allen  sechs Fragen, während im Ge-
       gensatz dazu  der Typ  4 stark widersprüchliche Positionen zeigt.
       Insgesamt kann davon ausgegangen werden, daß 54,3 Prozent der Be-
       fragten eine  sehr genaue  Kenntnis der  ökonomischen Klassenlage
       haben. Ein  Anteil, der  bei keinem anderen Bewußtseinsinhalt er-
       reicht wurde.
       
       Tabelle 1:
       Verteilung innerhalb der Variable "ökonomisches Lagebewußtsein"
       
       Typ Kennzeichnung                                         n   %
       
       1   Genaueste Kenntnis                                   82  27,5
       2   Überwiegend genaue Kenntnis                          80  26,8
       3   Kritische, aber widersprüchliche Beurteilung         69  23,2
       4   Unkritische, aber stark widersprüchliche Vorstellung 51  17,1
           Nicht zuzuordnen                                     16   5,4
           Insgesamt                                        N =298 100,0
       
       Setzt man  diese Einschätzung  der ökonomischen Lage in Beziehung
       zu anderen  Bewußtseinsinhalten, so  zeigt sich,  daß ein starker
       Zusammenhang zwischen  der Beurteilung  der Klassenlage  und  der
       Einstellung zum  gewerkschaftlichen Kampf  besteht. Das  wird aus
       den Tabellen  2 und  3 deutlich,  deren Irrtumswahrscheinlichkeit
       jeweils wesentlich  geringer als  5 Prozent ist. Ganz offensicht-
       lich bestehen  deutliche Beziehungen zwischen der Einsicht in die
       ökonomische Lage  von abhängig  Beschäftigten und  einer entspre-
       chenden Erwartung an die Gewerkschaften.
       
       Tabelle 2:
       Ökonomisches Lagebewußtsein  / Beurteilung der gewerkschaftlichen
       Kampfbereitschaft
       
       Frage: Glauben  Sie, daß die Gewerkschaften in der Geschichte der
       BRD hätten  härter vorgehen müssen, um die Interessen der Arbeit-
       nehmer durchzusetzen?
       
             Ja      Nein      Keine Antwort
            N=213    N=39          N=30
       Typ    %        %            %
       
       1    35,2     15,4          3,3
       2    28,6     30,8         23,3
       3    23,9     25,6         26,7
       4    12,3     28,2         46,7
       
       Es wird aus anderen Korrelationen auch sichtbar, daß die Beurtei-
       lung der  Lage der  Arbeiterklasse Grundlage für bewußtes politi-
       sches Denken  ist. Jene  Befragten, die  ein entwickeltes politi-
       sches Bewußtsein  haben, finden  sich fast ausschließlich bei den
       beiden bewußtesten  Typen in  der Variable  "ökonomisches Lagebe-
       wußtsein", aber  je nachdem,  wie abstrakt  der politische Inhalt
       ist, der  angesprochen wurde,  findet sich ein immer kleiner wer-
       dender Teil von Befragten mit zutreffender Beurteilung der ökono-
       mischen Lage  der Arbeiterklasse in den bewußtesten Typen politi-
       schen Denkens.  Das gilt  auch für den Zusammenhang zwischen Ein-
       stellung zur Sozialpartnerschaft und Lagebewußtsein.
       Auch zur  Sozialpartnerschaft wurde, wie noch weiter unten erläu-
       tert wird, aus mehreren Fragen eine vierfachgestufte Variable ge-
       bildet (vgl.  Tab. 7).  Nur 10,1  Prozent aller  Befragten nahmen
       hierbei eine  eindeutige Ablehnung sozialpartnerschaftlicher Ver-
       lautbarungen vor,  während 48,7 Prozent sozialpartnerschaftlichen
       Vorstellungen weitgehend  zustimmten. Von  der Gruppe derjenigen,
       die durchgängig  bei allen sechs Fragen zur ökonomischen Lage der
       Arbeiterklasse zutreffende Antworten abgaben, fanden sich bei den
       entschiedenen Gegnern  sozialpartnerschaftlichen Denkens nur noch
       26,8 Prozent. Umgekehrt in Beziehung gesetzt, was aus der Tabelle
       4 nicht  sichtbar wird, zeigten aber 90 Prozent der Befragten mit
       eindeutiger Ablehnung  der Sozialpartnerschaft  eine genaue  oder
       überwiegend genaue  Kenntnis der Einkommens- und Vermögensvertei-
       lung sowie  der Entwicklungsbedingungen  von Arbeitsbelastung und
       Arbeitsmarkt.
       
       Tabelle 3:
       Ökonomisches Lagebewußtsein  / Bejahung  politischer  Aktivitäten
       der Gewerkschaften
       
       Frage: Sollten  die Gewerkschaften ihre Macht einsetzen, um poli-
       tische Forderungen durchzusetzen?
       
             Ja      Nein      Keine Antwort
            N=173    N=98          N=10
       Typ    %        %            %
       
       1    40,5     10,2         20,0
       2    26,6     31,6         30,0
       3    20,2     34,7          0,0
       4    12,7     23,5         50,0
       
       Tabelle 4:
       Zusammenhang zwischen ökonomischem Lagebewußtsein und Einstellung
       zur Sozialpartnerschaft
       
       Einstellung zur          Ökonomisches Lagebewußtsein
       Sozialpartnerschaft    Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Typ 1                   26,8      6,6      2,9      2,0
       Typ 2                   20,7     30,3     23,5      5,9
       Typ 3                   15,9     13,1     19,2     29,4
       Typ 4                   36,6     50,0     54,4     62,7
       
       Auch bei  dieser  Verteilung  ist  die  Irrtumswahrscheinlichkeit
       kleiner als 1 Prozent.
       
       4. Realistische Elemente im Bewußtsein vom Staat
       ------------------------------------------------
       
       Die vorliegende Untersuchung ging von der Hypothese aus, daß sich
       im staatsmonopolistischen  Kapitalismus so zahlreiche Beziehungen
       zwischen der  ökonomischen Lage der Arbeiterklasse und dem ökono-
       mischen Handeln des Staates ergeben, daß zum ökonomischen Lagebe-
       wußtsein auch  die Beurteilung der Staatstätigkeit gehört. Da die
       Untersuchung nicht  nur in eine Zeit ungebrochener Krisenentwick-
       lung, sondern  auch in einen Bundestagswahlkampf fiel, konnte da-
       von ausgegangen  werden, daß  gerade die gewerkschaftlich aktiven
       Lohnabhängigen die  wirtschaftlichen Aktivitäten der Bundesregie-
       rung bzw. ihre ideologische Begründung intensiv wahrgenommen hat-
       ten.
       Erstaunlicherweise zeigt sich denn auch bei diesem Aspekt des Be-
       wußtseins eine  deutliche Kritik  an der  Wirtschaftspolitik  der
       Bundesregierung und  eine kritische Einschätzung der Machtkonzen-
       tration. Es  wäre jedoch  verfehlt, die  folgenden Ergebnisse als
       die allein wesentlichen Indikatoren der Staatsbeurteilung zu wer-
       ten. Aus  anderen Abschnitten der Untersuchung läßt sich ein ent-
       gegengesetztes Urteil  über den  kapitalistischen Staat  ablesen.
       Deutlich wird  jedoch, daß das Bewußtsein vom Staat nicht nur wi-
       dersprüchlich ist, sondern auch Elemente enthält, an die sich an-
       knüpfen läßt,  die eine  Basis für die Einsicht in die Notwendig-
       keit der  Eroberung politischer  Macht durch  die  Arbeiterklasse
       darstellen.
       Bezogen auf  die allgemeinen  Krisenerscheinungen, wurden die In-
       terviewpartner gefragt:  "Die Bundesregierung  hat eine Reihe von
       Maßnahmen ergriffen,  die der  Beseitigung  der  Wirtschaftskrise
       dienen sollen.  Wem nutzen  diese Maßnahmen am meisten?" Nur 12,1
       Prozent  waren   der  Auffassung,   daß   diese   Maßnahmen   den
       "Arbeitnehmern" nutzen,  28,5 Prozent  gingen davon  aus, daß sie
       "allen gleichermaßen"  zugute kommen,  und 53,0 Prozent gaben als
       Hauptnutznießer die  Unternehmer an. Da nur 4,4 Prozent aller Be-
       fragten keine  Antwort abgaben,  kann man davon ausgehen, daß auf
       diese Frage mit großer Sicherheit geantwortet wurde.
       Noch kritischer fällt die Beurteilung der Wirtschaftspolitik aus,
       wenn nach  dem größten Einfluß verschiedener Machtgruppen gefragt
       wird. Hier  waren 67,1  Prozent der  Meinung, daß die Unternehmer
       den größten  Einfluß auf  die Wirtschaftspolitik der Bundesregie-
       rung ausüben.  14,4 Prozent  glaubten, daß die Gewerkschaften den
       größeren Einfluß  haben, und  13,1 Prozent  gaben als mächtigsten
       Einflußfaktor - das Ausland" an. Wird die Frage weiter gefaßt und
       nach dem  allgemeinen Einfluß  verschiedener Machtgruppen auf die
       gesamte Politik  der Bundesregierung  gefragt, dann  werden immer
       noch mit  44 Prozent die Unternehmerverbände an erster Stelle er-
       wähnt. Hier  aber sind bereits 14,4 Prozent der Meinung, daß sich
       die Bundesregierung nicht "von außen" beeinflussen läßt.
       
       Tabelle 5:
       Verteilung innerhalb der Variable "Beurteilung der politisch-öko-
       nomischen Machtverhältnisse"
       
       Typ    Kennzeichnung                                     n    %
       
       1      Bewußte, den Klassenantagonismus widerspiegelnde
              Vorstellung                                      72  24,2
       2      Überwiegend vom Klassenantagonismus geprägte
              Vorstellung                                      61  20,5
       3     Kritische bis pluralistische Beurteilung
             der Machtverhältnisse                            104  34,9
       4     Pluralistische oder stark widersprüchliche
             Beurteilung                                       49  16,4
             Nicht zuzuordnen                                  12   4,0
             Insgesamt                                      N=298 100,0
       
       Auch in diesem Fall wurden mehrere Fragen zu einer neuen Variable
       zusammengefaßt. Es ergibt sich eine Verteilung, die nicht mehr so
       eindeutig wie  bei der  Beurteilung der ökonomischen Lage der Ar-
       beiterklasse ist,  die aber  dennoch deutlich macht, wie kritisch
       das ökonomische  Handeln der  Bundesregierung beurteilt  wird und
       wie stark  die Einsicht  in die politische Machtlosigkeit der ab-
       hängig Beschäftigten entwickelt ist.
       Das hier vorliegende Ergebnis bestätigt die Annahme, daß es nicht
       nur Widersprüche zwischen ökonomischem und politischem Bewußtsein
       gibt, sondern  daß das  politische Bewußtsein selbst, als das Be-
       wußtsein vom  Staat und seiner Funktion, dort beginnt in sich wi-
       dersprüchlich zu  werden, wo der Staat unmittelbar in die Vertei-
       lungskämpfe eingreift.
       Wie aus  anderen, weiter  unten zitierten Ergebnissen hervorgeht,
       herrschen bei  der Befragungsgruppe, trotz überwiegend kritischer
       Beurteilung der  ökonomischen Tätigkeit  des Staates,  erhebliche
       Illusionen über  die  Entwicklungsmöglichkeiten  des  bestehenden
       Staats- und  Gesellschaftssystems. Diese  Illusionen knüpfen sich
       eindeutig an die Rolle der SPD in der Regierungsverantwortung. Es
       kann aber nicht mehr davon ausgegangen werden, daß sich diese Il-
       lusionen an einen grundsätzlich neutralen Staats- und Regierungs-
       apparat knüpfen.
       Für eine sehr große Gruppe der aktiven Gewerkschafter gilt offen-
       sichtlich, daß  antimonopolistische Forderungen  und  sogenannter
       Staatsillusionismus gleichermaßen  im Bewußtsein  verankert sind.
       Die Klammer beider sich widersprechender Bewußtseinsinhalte liegt
       in dem großen Vertrauen begründet, das diese Befragten in die SPD
       setzen. Deppe  folgert, daß dieses Bewußtsein "deshalb illusionär
       und widersprüchlich  bleiben muß, weil es nicht durch die gewerk-
       schaftlichen und  politischen Organisationen der Arbeiterbewegung
       zur praktischen  Kritik der  Staatstätigkeit und zum Kampf um die
       Durchsetzung allgemeiner  Reproduktionsinteressen auf  der  Ebene
       der Staatstätigkeit vermittelt wird." 25)
       Der Weg,  auf dem  diese Vermittlung stattfinden kann, ist in den
       vergangen Monaten  deutlich geworden.  Der Auszug aus der Konzer-
       tierten Aktion,  der Kampf  um die  35-Stunden-Woche und auch die
       Beschlüsse des  11. DGB-Bundeskongresses  zeigen, daß  dieser Weg
       über autonome gewerkschaftliche Positionen und Kämpfe führen muß.
       Nur so  lassen sich  die bestehenden  Widersprüche im  Bewußtsein
       auflösen.
       
       5. Sozialpartnerschaftliches Denken der Arbeiter -
       --------------------------------------------------
       Widersprüche zur herrschenden Ideologie
       ---------------------------------------
       
       Ohne Zweifel  wird jede  empirische Untersuchung  zum Arbeiterbe-
       wußtsein eine  Vielzahl sprachlicher  Äußerungen erheben  können,
       die als  gängige Formulierungen  der herrschenden  Sozialpartner-
       schaftsideologie identifiziert werden können. Es liegt jedoch die
       Vermutung nahe,  daß die  Inhalte dieser Äußerungen nicht mit den
       Inhalten identisch  sind, die  die  bewußten  Produzenten  dieser
       Ideologie damit verbinden. In der Vorbereitung der hier angespro-
       chenen Untersuchung tauchte dieser Verdacht erstmals bei der Kon-
       struktion des Fragebogens auf.
       Um in den standardisierten Fragebogen Antwortmöglichkeiten aufzu-
       nehmen, die der Sprachform und der Argumentationsrichtung der Be-
       fragtengruppe entsprechen, wurden vorbereitete Intensivinterviews
       geführt, die  in ihrer Struktur zwar schon dem endgültigen Frage-
       bogen entsprachen,  die aber wörtliche Antwort-Formulierungen er-
       zielten und Nachfragen zuließen. Dabei zeigte sich, daß die bloße
       Frage nach  der Möglichkeit sozialpartnerschaftlicher Zusammenar-
       beit zwar klare Antworten erbringt, daß die Interviewpartner auch
       relativ flüssig antworten, daß aber hinter Ablehnung oder Zustim-
       mung  sehr   unterschiedliche  Beweggründe  stehen.  Gleichzeitig
       knüpften die  Befragten an  die sozialpartnerschaftliche Koopera-
       tion Bedingungen, die die Verwirklichung solcher antimonopolisti-
       scher Forderungen,  wie Investitionskontrolle  und  Einschränkung
       der Monopolmacht notwendig machen. Mit einem geschlossenen Frage-
       bogen lassen  sich solche  Differenzierungen nur schlecht einfan-
       gen. Sie  können nur im Vergleich zwischen verschiedenen Aussagen
       annähernd beschrieben werden.
       Um mehr  zufällige Einstufungen zu verhindern, wurden den Befrag-
       ten sieben  Fragen beziehungsweise  Statements zum  Thema Sozial-
       partnerschaft vorgelegt. Auf die Frage: "Glauben Sie, daß Gewerk-
       schaften und Unternehmer grundsätzlich als Partner zusammenarbei-
       ten können,  oder ist das nicht möglich?", antworteten 52 Prozent
       mit ja und 45 Prozent mit nein, nur 3 Prozent gaben keine Antwort
       ab. Das  Ergebnis für sich allein interpretiert berechtigt zu der
       Annahme, daß  der Anteil der Sozialpartnerschaftsideologie ableh-
       nend gegenüberstehender  Befragter relativ  hoch ist. Die Annahme
       freilich ist  falsch. Wie  sich aus  der Tabelle  6 ablesen läßt,
       gibt es  einen sehr hohen Anteil von Interviewpartnern, die Sozi-
       alpartnerschaft nur  deshalb nicht  für möglich  halten, weil be-
       stimmte Bedingungen,  wie etwa das Einhalten der Absprachen durch
       die Unternehmer  oder die  Voraussetzungen zur  "vertrauensvollen
       Zusammenarbeit" nicht gegeben sind.
       Darüber hinaus  ist die  Bereitschaft sehr  groß,  sozialpartner-
       schaftlichen Aussagen  zuzustimmen, wenn mit dem vorgelegten Sta-
       tement bestimmte  Stereotype, wie  der Bezug  auf das Gemeinwohl,
       verbunden sind.
       Insgesamt gibt es bei der Reaktion auf die Statements zur Sozial-
       partnerschaft eine erhebliche Streuung. Die Ablehnung sozialpart-
       nerschaftlicher Aussagen  schwankt zwischen  45 und  12,8 Prozent
       und die  Zustimmung zwischen  52 und  74,5 Prozent. Das macht be-
       reits  sichtbar,  daß  der  Anteil  entschiedener  Sozialpartner-
       schaftsgegner relativ klein ist, jedenfalls erheblich kleiner als
       die Antwort auf die vorab genannte Grundsatzfrage vermuten läßt.
       In der  Auswertung wurden  dann typische Antwortkombinationen er-
       mittelt und wiederum einer vierfachgestuften Variable zugeordnet.
       Wie die Tabelle 7 erkennen läßt, ist die Gruppe der grundsätzlich
       Ablehnenden nach der Auswertung nur noch mit 10,1 Prozent vertre-
       ten. Selbst  wenn man  berücksichtigt, daß  Verständnisfehler bei
       der Antwortabgabe  möglich sind und die Befragten des Typ 2 immer
       noch eine  grundsätzliche Ablehnung  der Sozialpartnerschaft zei-
       gen, was  die Zusammenfassung  der Typen  1 und  2 rechtfertigte,
       sind es nicht mehr als 31,2 Prozent aller Befragten, die eine si-
       chere Ablehnung  der Sozialpartnerschaftsideologie vornehmen. Die
       eigentliche Mittelgruppe,  die sehr  widersprüchlich  antwortete,
       machte nur 18,5 Prozent aus, und der Typ 4, dem Befragte zugeord-
       net wurden, die fast durchgängig sozialpartnerschaftliche Stereo-
       type als  richtig ankreuzten,  nimmt mit 48,7 Prozent den größten
       Anteil ein.
       Für die  weitere Analyse  der Daten  war es  wichtig zu erfahren,
       welche anderen  Bewußtseinsinhalte gerade  diejenigen haben,  die
       eine stark  widersprüchliche oder  die Sozialpartnerschaft  beja-
       hende Einstellung  aufweisen. Denn auf diese Weise konnte festge-
       stellt werden, welche inhaltlichen Vorstellungen hinter der Beja-
       hung der Sozialpartnerschaft zu suchen sind.
       Die Tabellen  8 und 9 verdeutlichen den Zusammenhang zwischen der
       Einstellung zur Sozialpartnerschaftsideologie und der Beurteilung
       einer kämpferischen  Gewerkschaftsstrategie. So  wurde unter  an-
       derem gefragt: "Glauben Sie, daß die Gewerkschaften irgendwann in
       der Geschichte  der Bundesrepublik hätten härter vorgehen müssen,
       um die  Interessen der  Arbeitnehmer  durchzusetzen?"  Die  Frage
       schloß sich  an eine  Fragenbatterie zum  Thema Streik an, so daß
       dieses härtere  Vorgehen bereits eine recht konkrete Richtung an-
       sprach. 74,5 Prozent aller Befragten stimmte dieser Meinung zu.
       
       Tabelle 6:
       Einstellung zum Verhältnis zwischen Unternehmern und abhängig Be-
       schäftigten
       
       Frage: Es  gibt sehr unterschiedliche Auffassungen zum Verhältnis
       von Unternehmern und abhängig Beschäftigten. Welche der nebenste-
       henden Meinungen  finden  Sie  richtig,  und  welche  finden  Sie
       falsch?
       
       Statement                          Richtig  Falsch  Keine Antwort
                      N = 298                %        %          %
       
       Kapital und Arbeit haben zwar
       unterschiedliche Interessen, doch
       wenn beide Seiten das Gemeinwohl
       beachten, können Konflikte vermieden
       werden.                              67,8     23,8        8,4
       Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit
       zwischen Kapital und Arbeit ist nicht
       möglich, weil die Unternehmer ihren
       Gewinn nur auf Kosten der Arbeiter und
       Angestellten erwirtschaften können.  58,4     28,9       12,8
       58,4
       Ein partnerschaftliches Verhältnis
       zwischen Kapital und Arbeit wäre
       möglich, wenn sich die Unternehmer an
       die getroffenen Vereinbarungen halten
       würden.                              61,1     27,9       11,1
       Der Gedanke der Sozialpartnerschaft
       verschleiert die wirklichen Verhält-
       nisse in der Gesellschaft.           59,4     25,8       14,8
       Seitdem die Macht der Unternehmer
       durch Gesetze und Tarifverträge
       eingeschränkt wurde, ist in der BRD
       die Sozialpartnerschaft an die Stelle
       des Klassenkampfes getreten.         50,3     35,6       14,1
       Sozialpartnerschaft ist nur dort
       möglich, wo sich beide Seiten um ver-
       trauensvolle Zusammenarbeit bemühen. 74,5     12,8       12,8
       
       Die in  der Tabelle  auftretenden Differenzen sind nicht mehr si-
       gnifikant. Nach dem Chi-Quadrat-Test kann nicht mit ausreichender
       Sicherheit ausgeschlossen werden, daß die auftretenden Abweichun-
       gen mehr als zufälliger Natur sind. Das heißt, daß unabhängig von
       der Einstellung zur Sozialpartnerschaft ein härteres Vorgehen der
       Gewerkschaften für  notwendig befunden  wird oder abgelehnt wird.
       Da die  der Sozialpartnerschaftsideologie weitgehend zustimmenden
       Befragten des  Typ 4  immer noch  zu 70,3  Prozent  eine  härtere
       Gangart der  Gewerkschaften befürworten,  läßt sich vermuten, daß
       das Verhaftetsein  in sozialpartnerschaftlichem Denken eine Beja-
       hung kämpferischer Gewerkschaftsstrategie nicht ausschließt.
       Diese Annahme  läßt sich durch die Korrelation mit einer weiteren
       Frage zur  Gewerkschaftspolitik erhärten. Gefragt, ob die Gewerk-
       schaften ihre  Macht auch einsetzen sollten, um politische Forde-
       rungen  durchzusetzen,  also  Forderungen  gegenüber  dem  Staat,
       stimmten 61,3  Prozent dem  zu, 35,3  Prozent lehnten eine solche
       Gewerkschaftspolitik ab, und 3,4 Prozent gaben keine Antwort.
       
       Tabelle 7:
       Einstellung zur Ideologie der Sozialpartnerschaft
       
       Typ    Kennzeichung                              n    %
       
       1      Grundsätzlich ablehnende Einstellung     30   10,1
       2      Ablehnende Einstellung mit widersprüch-
              licher Beurteilung                       63   21,1
       3      Ablehnende, aber stark widersprüchliche
              Einstellung                              55   18,5
       4      Überwiegend positive Einstellung zur
              Sozialpartnerschaft                     145   48,7
              nicht zuzuordnen                          5    1,6
                                                  N = 298  100,0
       
       Tabelle 8:
       Einstellung zur  Sozialpartnerschaft und  Bejahung eines härteren
       Vorgehens der Gewerkschaften
       
       Bejahung eines härteren       Einstellung zur Sozialpartnerschaft
       Vorgehens der Gewerkschaften    Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Ja                              93,4     77,7     74,5     70,3
       Nein                             3,3     17,5     16,4     15,2
       Keine Antwort/Weiß nicht         3,3      4,8      9,1     14,5
       
       Tabelle 9:
       Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Bejahung einer politische
       Forderungen durchsetzenden Gewerkschaftsstrategie
       
       Sollten die Gewerkschaften
       ihre Macht einsetzen, um
       politische Forderungen        Einstellung zur Sozialpartnerschaft
       durchzusetzen?                  Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Ja                              86,7     58,7     63,0     56,6
       Nein                            10,0     39,7     31,5     40,0
       Keine Antwort/Weiß nicht         3,3      1,6      5,6      3,4
       
       Auch bei  dieser Tabelle  ist die Irrtumswahrscheinlichkeit mit 6
       Prozent so  hoch, daß die Unterschiede nicht mehr als signifikant
       angenommen werden können. Obwohl also im Typ 1 immerhin 86,7 Pro-
       zent der  Forderung zustimmen und im Typ 4 nur noch 56,6 Prozent,
       kann nicht davon gesprochen werden, daß die Einstellung zur Sozi-
       alpartnerschaft zu signifikanten Unterschieden in der Beurteilung
       einer politische  Forderungen durchsetzenden  Gewerkschaft führt.
       Hält man  sich vor  Augen, daß  56,6 Prozent  derjenigen, die  am
       deutlichsten für  eine partnerschaftliche  Zusammenarbeit mit den
       Unternehmern sind,  trotzdem für eine Gewerkschaft eintreten, die
       ihre Macht einsetzt, um politische Forderungen durchzusetzen, was
       eindeutig gegen die herrschende Ideologie der Sozialpartnerschaft
       spricht, dann  lassen sich  zumindest zweierlei Schlußfolgerungen
       ziehen. Entweder ist die Bereitschaft zur partnerschaftlichen Zu-
       sammenarbeit mit  den Unternehmern  auf einen sehr engen, nämlich
       den betrieblichen  Bereich begrenzt,  oder  die  Befragten  haben
       tatsächlich eine  völlig andere  Vorstellung  von  Sozialpartner-
       schaft, als  auf der  Grundlage ihrer  Antwortstruktur angenommen
       werden kann.
       Beide Annahmen,  die sich  im übrigen auch nicht gegenseitig aus-
       schließen, finden sich bestätigt, wenn man die Reaktion auf sozi-
       alpartnerschaftliche Statements  in Beziehung zu antimonopolisti-
       schen Forderungen  setzt. Im  Anschluß an einen Fragenkomplex zur
       Krisenpolitik  wurden   die  Interviewpartner   gefragt,  ob  sie
       "grundlegende Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem für not-
       wendig" halten.  63,8 Prozent  stimmten solchen Veränderungen zu.
       Den Zustimmenden wurden dann vier verschiedene Veränderungen vor-
       gelegt und  nach ihrer  Stellungnahme gefragt.  Setzt  man  diese
       Stellungnahmen in  Zusammenhang zur  Bejahung oder  Ablehnung der
       Sozialpartnerschaft, dann  ergeben sich  für die  Beurteilung der
       Widersprüche im Arbeiterbewußtsein bedeutsame Ergebnisse.
       
       Tabelle 10:
       Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Befürwortung von Investi-
       tionskontrollen und Investitionslenkung
       
       Kontrolle und Lenkung         Einstellung zur Sozialpartnerschaft
       der Investitionen               Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Ja                              89,7     88,6     75,0     65,7
       Nein                            10,3      9,1     15,0     30,7
       Keine Antwort                    0        2,3     10,0      3,6
       
       Hier sind die auftretenden Differenzen zwischen den verschiedenen
       Typen der  Einstellung zur Sozialpartnerschaft so gering, daß die
       Irrtumswahrscheinlichkeit, die Unterschiede könnten doch mehr als
       zufällig sein, 38 Prozent beträgt. Da in den Sozialwissenschaften
       höchstens eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent akzeptiert
       wird, ist  die Interpretation erlaubt, daß kein Zusammenhang zwi-
       schen den beiden Variablen besteht.
       
       Tabelle 11:
       Einstellung zur  Sozialpartnerschaft und  Befürwortung der Verge-
       sellschaftung der  Schlüsselindustrie und marktbeherrschender Un-
       ternehmen
       
       Vergesellschaftung der
       Schlüsselindustrie und markt- Einstellung zur Sozialpartnerschaft
       beherrschender Unternehmen      Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Ja                              93,1     72,2     65,0     54,1
       Nein                             6,9     22,7     22,5     38,8
       Keine Antwort                    0        5,1     12,5      7,1
       
       Die in der Tabelle 11 aufgeworfene Frage nach der Vergesellschaf-
       tung der  Schlüsselindustrie und  marktbeherrschender Unternehmen
       ist dann  allerdings von  so großer  Bedeutung gewesen,  daß hier
       hochsignifikante Unterschiede  zwischen den  einzelnen Typen  der
       Einstellung zur  Sozialpartnerschaft errechnet  wurden. Die  Irr-
       tumswahrscheinlichkeit ist  kleiner als  ein Prozent. Selbst wenn
       man berücksichtigt,  daß in  diese Rechnung  nur  jene  Befragten
       eingingen, die  Veränderungen in  unserem  Wirtschaftssystem  für
       notwendig erachten  - immerhin  ein Anteil von 63,8 Prozent -, so
       ist doch die Gruppe, die einerseits der Sozialpartnerschaft posi-
       tiv gegenübersteht,  andererseits aber für die Vergesellschaftung
       der Schlüsselindustrie  ist, insgesamt  sehr groß. Stellt man die
       in der  Tabelle 11  formulierte Frage  nach dem Zusammenhang zwi-
       schen beiden  Bewußtseinsmerkmalen anders  , so sind 35,1 Prozent
       der Befragten, die sich für die Vergesellschaftung der Schlüssel-
       industrie aussprechen,  in ihrer  Beurteilung der  Sozialpartner-
       schaft dem  Argumentationstyp 4  zuzurechnen; also einem Typ, der
       weitgehend sozialpartnerschaftlich im Sinne der vorgegebenen Sta-
       tements denkt.
       Doch der sich hier auftuende Widerspruch tritt noch schärfer her-
       vor, wenn  eine Kreuzung zwischen der Bereitschaft, eine Entwick-
       lung zum Sozialismus zu unterstützen und den Typen sozialpartner-
       schaftlichen Denkens hergestellt wird. Die Ausgangsfrage lautete:
       "Würden Sie  eine Entwicklung  der Bundesrepublik zum Sozialismus
       unterstützen?" 39,9  Prozent aller  Befragten stimmten dem zu, 46
       Prozent lehnten  das ab,  und 14,1  Prozent konnten keine Antwort
       abgeben. In der Tabelle 12, in der dargestellt wird, wie sich die
       verschiedenen Argumentationstypen zum Bereich Sozialpartnerschaft
       auf die  Antwortkategorien zur  Sozialismusfrage verteilen,  wird
       sichtbar, daß auch hier der größte Teil der Befürworter einer so-
       zialistischen Entwicklung in sozialpartnerschaftlichem Denken be-
       fangen ist.
       
       Tabelle 12:
       Bereitschaft zur  Unterstützung sozialistischer  Politik und Ein-
       stellung zur Sozialpartnerschaft
       
       Frage: Würden  Sie eine Entwicklung der Bundesrepublik zum Sozia-
       lismus unterstützen?
       
       Einstellung zur
       Sozialpartnerschaft        Ja       Nein     Keine Antwort
                                N=117%    N=135%      N=41%
       Typ                        %         %           %
       
       1                         24,8       0,0         2,4
       2                         23,1      17,8        29,3
       3                         15,4      20,7        22,0
       4                         36,8      61,5        46,3
       
       Die Frage  anders gestellt,  sind 96,7  Prozent der entschiedenen
       Gegner sozialpartnerschaftlicher  Vorstellungen auch für eine so-
       zialistische Entwicklung  der BRD.  Daraus wird bereits deutlich,
       daß hier signifikante Unterschiede feststellbar sind; so ist denn
       auch die Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner als 0,1 Prozent.
       Unberücksichtigt muß hierbei bleiben, was die Befragten unter ei-
       ner Entwicklung  zum Sozialismus verstehen. Andere Ergebnisse der
       Untersuchung zeigen,  daß diese  Vorstellungen weitgehend  unklar
       sind, wie  auch die Vorstellungen über den Weg dahin mit Illusio-
       nen durchsetzt  sind, die  sich insbesondere an die Rolle der SPD
       knüpfen. Trotzdem bleibt festzuhalten, daß das oft zitierte sozi-
       alpartnerschaftliche Denken  zumindest bei  aktiven Gewerkschaft-
       lern in  vielen Fällen nicht mit der gängigen Vorstellung von So-
       zialpartnerschaft übereinstimmt. Untersuchungen, die bei der ein-
       fachen Feststellung  sozialpartnerschaftlicher Bewußtseinsinhalte
       stehenbleiben, erwecken  dementsprechend zu  leicht den Eindruck,
       als würden mit der sozialintegrativen Ordnungsvorstellung weiter-
       gehende politische  Perspektiven im Bewußtsein blockiert. Auf der
       Basis der zitierten Ergebnisse kann eine solche Annahme nicht be-
       stätigt werden.
       
       6. Die Widersprüche im projektiven politischen Denken
       -----------------------------------------------------
       
       Eine wesentliche Funktion des Bewußtseins ist das projektive Den-
       ken, das Setzen von Zielen und Wertvorstellungen. Während die Wi-
       derspiegelung der  ökonomischen Klassenlage  eng an die sinnliche
       Wahrnehmung gebunden  ist, wobei Elemente des subjektiven Faktors
       nur eine  vermittelnde Funktion  übernehmen, kann  das projektive
       politische Denken  nicht aus  der unmittelbaren  Alltagserfahrung
       entspringen. Es  entsteht im Zusammenhang mit dem gesellschaftli-
       chen Prozeß, aus der besonderen Form der Teilnahme an diesem Pro-
       zeß und ist entscheidend geprägt durch die Struktur des subjekti-
       ven Faktors.
       Der oft zitierte und bewußt mißgedeutete Satz Lenins, daß das po-
       litische Klassenbewußtsein  dem Arbeiter  nur von  außen gebracht
       werden kann,  "das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomi-
       schen Kampfes,  außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Ar-
       beitern und  Unternehmern" 26) findet seine Begründung in der An-
       eignungsweise des Lohnarbeiters.
       Im Kommunistischen Manifest weisen Marx und Engels auf den Unter-
       schied zwischen  dem Emanzipationskampf  der früheren Klassen und
       dem Kampf  der Arbeiterklasse  hin: "Alle  früheren Klassen,  die
       sich die  Herrschaft eroberten,  suchten ihre schon erworbene Le-
       bensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Be-
       dingungen ihres  Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich
       die gesellschaftlichen  Produktivkräfte nur  erobern,  indem  sie
       ihre eigene  bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bishe-
       rige Aneignungsweise abschaffen." 27)
       Der noch  unfreie Bourgeois  praktizierte das bereits Neue in der
       alten Gesellschaftsformation. Der Widerspruch zwischen seinem Tun
       und der  die Entwicklung  fesselnden Gesellschaftsverfassung  war
       nicht nur  alltäglich erfahrbar,  aus seiner  alltäglichen Aneig-
       nungsweise konnte  darüber hinaus  projektives politisches Denken
       entstehen, das  letztlich auf  die Ausdehnung  dieser Aneignungs-
       weise hinauslief.  Die erste  Bedingung, nämlich  die Einsicht in
       den Widerspruch  zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftli-
       cher Beschränkung,  gilt auch für die Existenz des Lohnarbeiters.
       Aber die  Arbeiterklasse findet das Ziel ihrer historisch notwen-
       digen Aktion  nicht schon  in der  alltäglichen Praxis begründet,
       sie muß es gedanklich entwickeln.
       Historisch ist  die Entwicklung dieser Gedankenform durch die Be-
       gründung des  wissenschaftlichen Sozialismus  vollzogen, und  die
       Notwendigkeit der  Arbeiterpartei gründet  sich nicht zuletzt auf
       die Funktion  dieser Klassenorganisation, die Einsicht in die Ge-
       setzmäßigkeiten des  Kampfes an jede neue Arbeitergeneration wei-
       terzugeben. Das  projektive politische  Denken der  Arbeiter  ist
       also an  die Praxis einer selbständigen, die aktuellen und histo-
       rischen Erfahrungen verallgemeinernden Arbeiterpartei gebunden.
       Die besonderen  Bedingungen  der  Bundesrepublik  erschweren  die
       Transformation spontaner ökonomischer und politischer Erfahrungen
       der Arbeiterklasse  in politisches  Klassenbewußtsein. Daß in den
       vergangenen 46  Jahren die  Partei der Arbeiterklasse zusammenge-
       nommen 24  Jahre in die Illegalität gedrängt wurde und noch immer
       die legale  Arbeit der  Kommunisten behindert wird, wie in keinem
       anderen kapitalistischen  Land Europas, ist von nachhaltigem Ein-
       fluß auf die Entwicklung des Arbeiterbewußtseins. Besonders deut-
       lich wird das an der untersuchten Stichprobe aus der Grundgesamt-
       heit aktiver Gewerkschaftler. Denn so überraschend ausgeprägt das
       ökonomische Lagebewußtsein  bei dieser Gruppe auch ist, wie skep-
       tisch sie auch das ökonomische Handeln des Staates beurteilen und
       auch antimonopolistische Forderungen weitgehend unterstützen, das
       projektive politische  Denken steht  einerseits im  Gegensatz  zu
       diesen Einsichten  und ist  andererseits in sich selbst stark wi-
       dersprüchlich.
       Der Gegensatz  zwischen der  Übernahme  sozialpartnerschaftlicher
       Ordnungsvorstellungen bei  gleichzeitiger Befürwortung  entschei-
       dender antimonopolistischer  Veränderungen ist  nur aus  den oben
       beschriebenen Bedingungen  heraus zu erklären. Die sozialistische
       Alternative findet  sich im  Bewußtsein der Befragten in zahlrei-
       chen richtigen  Einsichten. Was  jedoch fehlt,  was am  wenigsten
       entwickelt ist,  das ist  die Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des
       Handelns, das zur Durchsetzung der als richtig anerkannten Forde-
       rungen führt.  Auch die Tatsache, daß sich relativ viele Befragte
       für den  Sozialismus aussprechen,  kann nicht  darüber hinwegtäu-
       schen, daß  das projektive  politische Denken der Befragten wenig
       entwickelt ist.
       Dieser Widerspruch,  einerseits die sozialistische Alternative zu
       bejahen und andererseits im projektiven politischen Denken an sy-
       stemimmanenten Wertvorstellungen  und Zielsetzungen festzuhalten,
       erfährt im Bewußtsein der Befragten eine vielfache Ausprägung. Im
       folgenden sollen  dafür drei Beispiele dargestellt werden. Einmal
       der Zusammenhang zwischen der Einstellung zur sozialistischen Al-
       ternative und der Bewertung der beiden Gesellschaftssysteme, dann
       die Vorstellung  über  den  möglichen  Weg  zum  Sozialismus  und
       schließlich noch  einmal der Zusammenhang zwischen Zukunftserwar-
       tung und  Einstellung zu  einer sozialistischen  Entwicklung  der
       BRD.
       Bereits in  der Voruntersuchung,  die die Antwortvorgaben für die
       Hauptuntersuchung lieferte,  nahmen die Interviewpartner eine auf
       den ersten  Blick diffuse  oder widersprüchliche  Beurteilung der
       beiden Gesellschaftssysteme  vor. Einerseits  wurde unser Gesell-
       schaftssystem weitgehend  klassenbewußt kritisiert,  andererseits
       wurde die sozialistische Gesellschaftsordnung mit Kennzeichnungen
       versehen, die  ihren Ursprung im herrschenden Antikommunismus ha-
       ben. Die Tabelle 13 verdeutlicht anschaulich die Widersprüchlich-
       keit in  der Bewertung  der Gesellschaftssysteme.  Zwar erhielten
       die entscheidenden  Statements zur  klassenbewußten  Beschreibung
       der bestehenden  Gesellschaftsordnung in  der BRD die meisten zu-
       stimmenden Antworten,  gleichzeitig stimmten viele dieser Befrag-
       ten jedoch  solchen Statements  zu, die  auch den Sozialismus als
       Alternative ausschließen.
       
       Tabelle 13:
       Beurteilung verschiedener  Statements, mit  denen die  beiden Ge-
       sellschaftssysteme beschrieben werden
       
       Frage: Hier finden Sie eine Reihe von Meinungen, wodurch sich un-
       sere Gesellschaft  von einer sozialistischen unterscheidet. Kreu-
       zen Sie  bitte an,  welche Meinung zutreffend ist, und welche Sie
       falsch finden.
       
       Statement                          Richtig  Falsch  Keine Antwort
                                             %       %         %
       In unserem Gesellschaftssystem wird
       jeder nach seiner Leistung bezahlt,
       und der Tüchtige kann sich durch-
       setzen                               42,3    53,0       4,7
       Im Sozialismus wird nicht die Lei-
       stung bezahlt, es werden alle gleich-
       geschaltet                           37,2    53,7       9,1
       In unserer Gesellschaftsordnung kön-
       nen sich die Unternehmer zu Lasten der
       abhängig Beschäftigten bereichern    87,2     7,7       5,0
       Im Sozialismus entscheidet der Staat
       über die Verteilung der erwirtschaf-
       teten Einnahmen                      68,8    22,5       8,7
       In unserer Gesellschaftsordnung ist
       die Zugehörigkeit zu einer sozialen
       Klasse durch Besitz oder Nichtbesitz
       von Kapital vorgegeben. Es gibt keine
       Chancengleichheit                    73,2    20,8       6,0
       Im Sozialismus gibt es keine durch
       Besitz vorgegebenen sozialen Unter-
       schiede                              58,1    33,9       8,1
       Im Sozialismus kann man nur etwas
       werden, wenn man in der Partei ist   55,7    36,9       7,4
       Es gibt für den Arbeiter keine
       Unterschiede in den beiden Gesell-
       schaftssystemen, er ist hier wie
       dort benachteiligt                   52,7    37,9       9,4
       
       Die Erklärung  für dieses Antwortverhalten, das in hohem Maße wi-
       dersprüchlich scheint, ist jedoch in der widersprüchlichen Situa-
       tion der  bundesdeutschen  Arbeiterbewegung  begründet.  Auf  der
       einen Seite  hat gerade die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die
       ja gerade  die aktiven  Gewerkschafter erfaßt, den Stoff für eine
       fundierte Kritik der kapitalistischen BRD geliefert, andererseits
       blendet sie  aber die  konkrete sozialistische  Alternative  aus,
       bleibt bei  diffusen Sozialismusvorstellungen stehen und überläßt
       die Information  über den real existierenden Sozialismus der bür-
       gerlichen Ideologieproduktion.
       Der Widerspruch  im Denken  ist auch hier wiederum nichts anderes
       als ein  Reflex widersprüchlicher  Praxis, ist  Spiegelbild einer
       Praxis, in  der die  Gebrechen der  kapitalistischen Gesellschaft
       erklärt und  im gewerkschaftlichen  Kampf auch angegangen werden,
       in der es aber an politischen Alternativen mangelt.
       Die verschiedenen  Statements  zum  Problemkreis  Systembewertung
       sind einzeln  kaum aussagekräftig, sie müssen im Zusammenhang zu-
       einander interpretiert  werden. Deshalb  wurde auch hier eine aus
       den vorliegenden  Antworten vierfach  gestufte Variable gebildet,
       wobei entscheidende Fragen für die Zuordnung jene waren, die ein-
       deutigen Charakter hatten und nicht unterschiedlich interpretiert
       werden konnten.  Die Gruppe,  die bei allen acht Fragen eindeutig
       die bestehende Gesellschaftsordnung kritisierte und den Sozialis-
       mus positiv  beurteilte, beziehungsweise  antikommunistische Ste-
       reotype zurückwies,  ist verschwindend  klein. Die zweite Gruppe,
       die mit  26,8 Prozent  relativ stark  besetzt ist, nahm zwar eine
       eindeutig ablehnende  Haltung zum bestehenden Gesellschaftssystem
       ein, wich  aber in  jeweils einer Frage von einer positiven Beur-
       teilung des  Sozialismus ab. Die größte Gruppe bilden jedoch jene
       Befragten, die weitgehend systemloyal argumentieren und ein stark
       widersprüchliches bis negatives Sozialismusbild haben.
       
       Tabelle 14:
       Verteilung innerhalb der neuen Variable "Systembewertung"
       
       Typ   Kennzeichnung                             n      %
       
       1     Eindeutig kritische Einstellung zur
             kapitalistischen Gesellschaftsformation
             und widerspruchslos positive Beurteilung
             des Sozialismus                            9    3,0
       2     Eindeutig kritische Einstellung zur kapi-
             talistischen Gesellschaftsformation und
             überwiegend positive Beurteilung des
             Sozialismus                               80   26,8
       3     Kritische, aber widersprüchliche Ein-
             stellung zur kapitalistischen Gesell-
             schaftsformation, unklares bis negatives
             Bild vom Sozialismus                      64   21,5
       4     Überwiegend positive Bewertung der kapi-
             talistischen Gesellschaftsformation und
             stark negatives Sozialismusbild           84   28,2
             Nicht zuzuordnen                          61   20,5
             Insgesamt                                298  100,0
       
       Setzt man  die Systembewertung der Befragten in Beziehung zur Ab-
       lehnung oder  Befürwortung einer sozialistischen BRD, dann ergibt
       sich zwar ein sehr starker Zusammenhang zwischen den beiden Vari-
       ablen, ein  recht großer  Teil von Befürwortern einer sozialisti-
       schen Entwicklung  findet sich aber in den Gruppen, die weder die
       kapitalistische Gesellschaftsordnung  eindeutig kritisieren, noch
       ein positives Sozialismusbild haben.
       Stellt man  den Zusammenhang  anders dar  als in  der Tabelle 15,
       dann sind  nur 8,1  Prozent der Befürworter einer sozialistischen
       Entwicklung im  Typ 1 vertreten, sind also eindeutig in der Lage,
       das bestehende Gesellschaftssystem zu kennzeichnen und beurteilen
       durchgängig auch den Sozialismus positiv. 56,6 Prozent dieser Be-
       fragten wurden  in den Typ 2, 23,2 Prozent in den Typ 3 und immer
       noch 12,1 Prozent in den Typ 4 eingeordnet.
       
       Tabelle 15:
       Zusammenhang zwischen  Systembewertung und  Bereitschaft zu einer
       Unterstützung sozialistischer Entwicklung
       
       Würden Sie eine Entwicklung    Bewertung der Gesellschaftssysteme
       der BRD zum Sozialismus
       unterstützen?                   Typ 1    Typ 2    Typ 3    Typ 4
       
       Ja                               88,9     70,0     35,9     14,3
       Nein                              0       17,5     48,4     73,8
       Keine Antwort / Weiß nicht       11,1     12,5     15,7     11,9
       
       Tabelle 16:
       Antworten der Befragten zur Entwicklung in der DDR
       
       Frage: Nebenstehend finden Sie einige Meinungen zur gesellschaft-
       lichen Entwicklung  in der  DDR. Welche Aussagen finden Sie rich-
       tig, und welche finden Sie falsch?
       
       Statement                          Richtig  Falsch  Keine Antwort
                                             %       %          %
       Die DDR ist ein sozialisti-
       scher Staat                          48,3    44,0        7,7
       In der DDR wird die Entwicklung
       zum Sozialismus durch mangelnde
       Freiheitsrechte verhindert           74,8    18,5        6,7
       Abgesehen von einigen Fehlentwick-
       lungen ist die DDR auf dem Weg zum
       Sozialismus                          41,9    47,3       10,7
       In der DDR ist nur die Wirtschaft
       verstaatlicht worden, die Wirtschafts-
       form ist aber immer noch wie im Kapi-
       talismus                             46,3    44,0        9,7
       Die Verhältnisse in der DDR sind ein
       Beweis dafür, daß unser Gesellschafts-
       system dem Sozialismus überlegen ist 52,7    38,6        8,7
       
       Es lag die Vermutung nahe, daß die meisten Befragten die Beurtei-
       lung  der  sozialistischen  Gesellschaftsordnung  nicht  auf  der
       Grundlage einer  Utopie, sondern  auf der  Basis ihrer Kenntnisse
       über den  existierenden Sozialismus  vornahmen. Deshalb wurden in
       einem zweiten Schritt den Befragten Statements zur DDR vorgelegt.
       Dabei zeigte  sich, daß eine weitgehende Übereinstimmung zwischen
       der abstrakten  Beurteilung des  sozialistischen Gesellschaftssy-
       stems und  der Einstellung  zur DDR besteht. Bei der Zusammenfas-
       sung der  verschiedenen, in Tabelle 16 aufgeführten Antwortvorga-
       ben, ergab  sich wiederum  nur eine Gruppe von 10,4 Prozent aller
       Befragten, die  ein weitgehend positives DDR-Bild haben. Klar um-
       grenzbar ist auch die Gruppe jener, die die DDR ausgesprochen ne-
       gativ beurteilt, sie umfaßt 30,2 Prozent. Der größte Teil der In-
       terviewpartner, nämlich 59,4 Prozent, argumentierte jedoch so wi-
       dersprüchlich, daß  einerseits keine inhaltlichen Differenzierun-
       gen, aber  auch keine  inhaltlichen Gemeinsamkeiten  mehr festzu-
       stellen waren.  Bedeutsam waren nur noch Kreuzungen zwischen ein-
       zelnen Statements.  So glauben  70,4 Prozent jener Befragten, die
       die DDR als sozialistischen Staat bezeichnen und die gleichzeitig
       der Meinung  sind, daß  die DDR auf dem richtigen Weg ist, trotz-
       dem, daß  "die Entwicklung  zum Sozialismus durch mangelnde Frei-
       heitsrechte verhindert wird".
       Das projektive politische Denken der Arbeiterklasse, als eine we-
       sentliche Funktion  des Bewußtseins, stößt ganz offensichtlich an
       die Grenzen,  die der Antikommunismus setzt. Das verbale Bekennt-
       nis zur  sozialistischen Entwicklung  findet keine Fortsetzung in
       der Parteinahme  für den  real existierenden Sozialismus, sondern
       steht im  Widerspruch zur  konkreten Bestimmung einer sozialisti-
       schen Gesellschaftsordnung.
       Betrachtet man diese Funktion des Bewußtseins jedoch wiederum als
       eine, die an praktisches Handeln gebunden ist, die sich erst her-
       ausbildet unter  dem Zwang, alle Bewußtseinsinhalte an die Erfor-
       dernisse der zielgerichteten Handlung anzupassen, dann wird deut-
       lich, daß  diese Widersprüche  erst aufhebbar  sind durch die Ak-
       tion, durch den Kampf um gesellschaftliche Veränderungen, die den
       Rahmen der  gewerkschaftlichen Kämpfe überschreiten. Solange dies
       nicht der Fall ist, sind auch genauere Vorstellungen über die so-
       zialistische Gesellschaft  wie über  den Weg dorthin nicht zu er-
       warten.
       Von den  Befragten, die  eine sozialistische  Entwicklung der BRD
       unterstützen wollen, knüpft die Mehrheit große Erwartungen an die
       SPD. Wie  aus der Tabelle 17 deutlich wird, sind 57,5 Prozent der
       Auffassung, - die SPD muß die absolute Stimmenmehrheit im Bundes-
       tag haben, dann wird sie schon einen Weg zum Sozialismus finden".
       Aber nur 82,2 Prozent dieser Gruppe sind gleichzeitig der Auffas-
       sung, daß  die SPD am ehesten Arbeiterinteressen vertritt. Insge-
       samt waren  70,1 Prozent  aller Befragten dieser Meinung. Der CDU
       trauten 7 Prozent am ehesten zu, Arbeiterinteressen zu vertreten,
       2,7 Prozent  meinten das  von der  FDP, und die DKP wurde von 8,1
       Prozent als Partei genannt, die - die Interessen der Arbeitnehmer
       in den Vordergrund stellt".
       Das große  Vertrauen, das die Befragten in die SPD setzen, insbe-
       sondere auch jene, die eine Entwicklung zum Sozialismus befürwor-
       ten, kontrastiert  stark mit  der Beurteilung  der von der SPD in
       der Bundesregierung betriebenen Wirtschaftspolitik. Es steht aber
       auch im  Gegensatz zur  Beurteilung der  aktuellen Verfassung der
       Partei. Nur  20,5 Prozent aller Befragten halten die SPD für eine
       Arbeiterpartei, 53  Prozent stimmten  dem Statement  zu "nicht in
       jedem Fall,  aber im Prinzip schon", und 20,1 Prozent entschieden
       sich für ein klares Nein.
       Wenn man  davon ausgeht,  daß die  Frage danach, welche Partei am
       ehesten "die  Interessen  der  Arbeitnehmer  in  den  Vordergrund
       stellt" mit  der potentiellen  Bereitschaft zusammenfällt,  diese
       Partei auch  zu wählen, dann sind die SPD-Wähler unter den Befür-
       wortern einer  sozialistischen Entwicklung fast ebenso stark ver-
       treten wie bei denen, die sich gegen eine solche Entwicklung aus-
       sprechen.
       Die Beurteilung  der Parteien wird übrigens recht stark durch das
       Alter differenziert. Die unter 25 Jahre alten Befragten verhalten
       sich wesentlich kritischer zur SPD als die anderen Altersgruppen,
       und sie zeigen auch eine andere Einstellung zur DKP.
       
       Tabelle 17:
       Vorstellungen über den in der BRD möglichen Weg zu einer soziali-
       stischen Gesellschaft
       
       Frage: Wie,  glauben Sie,  kann in der Bundesrepublik der Weg zum
       Sozialismus vorbereitet werden? Geben Sie jeweils an, welche Mei-
       nung Sie richtig und welche Sie falsch finden.
       
       Statement                          Richtig  Falsch  Keine Antwort
       N = 127/132                           %       %          %
       
       Die SPD muß die absolute Stimmen-
       mehrheit im Bundestag haben, dann
       wird sie schon einen Weg zum Sozia-
       lismus finden                        57,7    41,0        1,5
       Wenn es gelingt, die Linke in der
       SPD zu stärken, dann gibt es eine
       reale Chance, einen  sozialistischen
       Weg einzuschlagen                    55,1    40,2        4,7
       Die Gewerkschaften haben allein die
       Möglichkeit, den Weg zum Sozialismus
       vorzubereiten                        23,6    72,4        4,0
       Die Deutsche Kommunistische Partei
       (DKP) muß stärker werden. Vorher
       ist eine Entwicklung zum Sozialismus
       undenkbar                            18,9    78,6        2,3
       Das gemeinsame Handeln von Sozial-
       demokraten und Kommunisten ist not-
       wendig                               36,4    61,3        2,3
       Es müßte eine völlig neue Partei
       entstehen                            25,8    71,2        3,0
       
       Tabelle 18:
       Die Beurteilung  der Parteien  bei Befürwortern und Gegnern einer
       sozialistischen Entwicklung der Bundesrepublik
       
       Frage: Von welcher neben-    Frage: Würden Sie eine Entwicklung
       stehenden Partei würden      der Bundesrepublik zum Sozialismus
       Sie am ehesten erwarten,     unterstützen?
       daß sie die Interessen der        Ja    Nein    Keine Antwort
       Arbeitnehmer in den Vorder-      N=119  N=137       N=42
       grund stellt?                     %      %           %
       
       SPD                              69,7   70,8        69,0
       CDU                               1,7   11,7         7,2
       FDP                               1,7    2,9         4,8
       DKP                              18,5    1,5         0,0
       Keine Antwort                     8,4   13,1        19,0
       
       Tabelle 19:
       Der Zusammenhang von Altersstufe und Beurteilung der Parteien
       
       Frage: Von welcher der nebenstehenden Parteien würden Sie am ehe-
       sten annehmen,  daß sie  die Interessen  der Arbeitnehmer  in den
       Vordergrund stellt?
       
       Partei  bis 25  26-35  36-45  46-55  56-65
               N=44%   N=104  N=60   N=43   N=4
                 %       %      %      %      %
       
       SPD     59,1    82,7   81,7   90,7  100,0
       CDU      4,5     6,7   15,0    2,3    0,0
       FDP     11,4     1,9    1,7    0,0    0,0
       DKP     25,0     8,7    1,7    7,0    0,0
       
       Gleiches gilt für die Beurteilung der Aktionseinheit von Kommuni-
       sten und  Sozialdemokraten. Während von allen Befragten, die sich
       für den  Sozialismus aussprachen, 38,4 Prozent die Aktionseinheit
       als eine  für den  sozialistischen Weg unabdingbare Notwendigkeit
       erachteten, waren  es bei  den Befragten  unter 25 Jahren bereits
       57,1 Prozent.
       
       Tabelle 20:
       Erwartungen an die Zukunft der BRD
       Frage: Wie  schätzen Sie  die politische  und soziale Zukunft der
       Bundesrepublik ein? Geben Sie bitte an, welche der nebenstehenden
       Meinungen Sie richtig oder falsch finden.
       
       Statement                          Richtig  Falsch  Keine Antwort
       N = 298                               %       %          %
       
       Die BRD steht im Weltmaßstab am
       besten da und wird diesen Vorsprung
       auch halten können                   55,7    37,6        6,7
       Es wird einen Rechtsruck in der BRD
       geben, und mit der Reformpolitik wird
       es für einige Zeit aus sein          35,6    56,0        8,4
       Langfristig können die linken Kräfte
       in der BRD stärker werden. Die wirt-
       schaftlichen und sozialen Probleme
       werden immer mehr Arbeitnehmern die
       Augen öffnen                         58,1    35,6        6,4
       Trotz einiger wirtschaftlicher
       Schwierigkeiten sind wir auf dem rich-
       tigen Weg, daher wird sich nichts
       grundsätzlich an unserem Gesellschafts-
       aufbau ändern                        61,1    32,9        6,0
       Die breite Masse ist viel zu unpoli-
       tisch, als daß sich bei uns etwas
       ändern könnte                        60,7    33,6        5,7
       
       Im Zusammenhang mit den Vorstellungen über wirtschaftliche Refor-
       men und  der Einstellung zu einer sozialistischen Entwicklung der
       BRD wurden den Befragten fünf Statements über die zukünftige Ent-
       wicklung vorgelegt, die in dieser Formulierung auch in den Vorin-
       terviews genannt  wurden. In  ihnen kommen grundsätzlich drei un-
       terschiedliche Erwartungen  zum Ausdruck.  Eine positive,  an das
       bestehende Gesellschaftssystem  geknüpfte Hoffnung  auf Kontinui-
       tät, eine  resignative und  eine klassenbewußt optimistische Hal-
       tung.
       Die sich aus der Kombination der Statements zur Zukunftserwartung
       ergebende neue Variable zeigt, wie resignativ die meisten Befrag-
       ten in die Zukunft schauen. Auch die große Zahl widersprüchlicher
       Antworten bei  trotzdem durchgängig  pessimistischer  Einstellung
       fällt auf. Differenziert man die Ergebnisse der Tabelle 21 jedoch
       mit verschiedenen objektiven Merkmalen, so ergibt sich ein inter-
       essantes Bild.  78,1 Prozent derjenigen, die in die ersten beiden
       Typen eingeordnet  werden konnten,  sind jünger als 35 Jahre, sie
       nehmen  überdurchschnittlich  häufig  an  Bildungsveranstaltungen
       teil, und  54,3 Prozent von ihnen haben Funktionen in der Gewerk-
       schaft.
       
       Tabelle 21:
       Verteilung innerhalb der neuen Variable "Zukunftserwartung"
       
       Typ Kennzeichnung                                     n     %
       
       1   Kritische Einschätzung der BRD, optimisti-
           sche Einschätzung der Entwicklung gesellschafts-
           verändernden Potentials                           20   6,7
       2   Kritische, aber widersprüchliche Einschätzung
           der BRD, eher optimistische Einschätzung der Ent-
           wicklung gesellschaftsverändernden Potentials     35  11,7
       3   Stark widersprüchliche Einschätzung der BRD,
           nicht ablehnende, eher resignative Einschätzung
           der Entwicklung gesellschaftsverändernden Poten-
           tials                                            164  55,0
       6   Stark positive Einstellung zur BRD                66  22,1
           Nicht zuzuordnen                                  13   4,4
           Insgesamt                                        298 100,0
       
       So resignativ  die Zukunftserwartung  bei den  meisten  Befragten
       auch ausfällt,  die signifikant  andere Erwartungshaltung bei den
       gewerkschaftlichen Funktionsträgern  und bei  den unter  35 Jahre
       alten Interviewpartnern  verweist auf  das  wahrscheinlich  hand-
       lungsbereitere Potential.  In der  Wertung dieser Differenzierung
       ist Deppe  zuzustimmen, daß hier "eine neue Generation von Kadern
       der Arbeiterbewegung" heranwächst. 28)
       
       7. Aktuelle Entwicklungsbedingungen des Arbeiterbewußtseins
       -----------------------------------------------------------
       in der BRD
       ----------
       
       Bevor aus den festgestellten Häufigkeiten in der vorliegenden Un-
       tersuchung allgemeine  Schlußfolgerungen gezogen  werden,  müssen
       die empirischen  Ergebnisse in  ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit
       gewertet werden.  Zum einen  ist nochmals  zu  betonen,  daß  die
       Stichprobe, so sehr sie auch Zufallskriterien gerecht wird, nicht
       aus der  Grundgesamtheit der  Lohnarbeiter gezogen wurde, sondern
       aus der  Grundgesamtheit gewerkschaftlich  aktiver  Lohnarbeiter.
       Zum anderen muß aber auch betont werden, daß das Problem der Ver-
       allgemeinerung kein  nur statistisches  ist. Das  gilt einmal für
       die Bedeutung,  die die Ergebnisse für die gesamte Arbeiterklasse
       haben, das  gilt zum  anderen aber auch für die Verallgemeinerung
       der in  dieser Untersuchung deutlich werdenden positiven Entwick-
       lungslinien des  Arbeiterbewußtseins. Statistische Verfahren, die
       über das  Zählen von  Häufigkeiten hinausgehen,  haben in der Be-
       wußtseinsforschung dort  eine Bedeutung, wo die beobachtbaren Zu-
       sammenhänge nach  ihrer Überzufälligkeit berechnet werden können,
       was durch  das Prüfen der Null-Hypothese mit dem Chi-Quadrat-Test
       ausreichend geschehen ist. Ob eine dabei beobachtbare Tendenz von
       größerer oder  geringerer Bedeutung  ist, kann  allerdings  nicht
       mehr mit statistischen Verfahren ermittelt werden, so interessant
       Kontingenzkoeffizienten oder gar mögliche Rangreihenkorrelationen
       auch sein  mögen. Deshalb  wurden diese Koeffizienten, obwohl sie
       in der Untersuchung ermittelt wurden, in die Interpretation nicht
       einbezogen. "Das  Neue tritt  ja nicht sogleich auf als Massener-
       scheinung, als  Durchschnitt", schrieb  Frigga Haug in einer Wer-
       tung empirischer  Methoden. 29) Von daher verbietet sich die sta-
       tistische Messung  - im  eigentlichen Sinne  gebraucht - der vor-
       wärtstreibenden Elemente im Arbeiterbewußtsein.
       Will man  dennoch, aus  einer Verbindung von Theorie und Empirie,
       die zitierten  Ergebnisse zusammenfassen, so lassen sich folgende
       Tendenzen feststellen, die gleichzeitig Entwicklungstendenzen des
       Arbeiterbewußtseins in  der BRD sind. Das ökonomische Lagebewußt-
       sein der Lohnarbeiter spiegelt ganz offensichtlich weitgehend re-
       alistisch die  soziale Lage  der Arbeiterklasse  wider. Hier sind
       die Widersprüche  gering und das Urteil sicher. Im Bewußtsein vom
       Staat gibt  es Widersprüche  zwischen der  kritischen Beurteilung
       der konkreten  Staatstätigkeit und den Erwartungen, die insbeson-
       dere an die diesen Staat tragende Sozialdemokratie geknüpft sind.
       Festzuhalten ist  aber auch,  daß die  Befragten unserer Untersu-
       chung die  Bedeutung des  Staatsapparates für  die Sicherung  der
       allgemeinen Reproduktionsbedingungen  erkannt haben  und daß  sie
       darüber hinaus  an diesen  Staat antimonopolistische  Forderungen
       richten, die  wichtige Anknüpfungspunkte  für die Politik der Ar-
       beiterorganisation darstellen. Insgesamt gesehen sind daher nicht
       die Illusionen  das Entscheidende,  die sich  die  Befragten  vom
       herrschenden Staatsapparat  machen,  sondern  entscheidend,  weil
       weiterführend, ist die Einsicht in die Notwendigkeit des staatli-
       chen Handelns im Interesse der Arbeiterklasse.
       Auch die  durchaus feststellbaren sozialpartnerschaftlichen Illu-
       sionen sind  mit ihrem  Gegenteil behaftet,  nämlich mit  dem An-
       spruch nach Einschränkung der Unternehmermacht, nach vernünftiger
       Organisation des  ökonomischen Prozesses.  Diese  Ansprüche  sind
       entscheidende Elemente  des auf  die ganze Gesellschaft bezogenen
       Bewußtseins, das  sich nur  deshalb  sozialpartnerschaftlich  ge-
       riert, weil es an tieferer Einsicht mangelt.
       Der oben beschriebene Mangel aber ist keiner, der aus der Heftig-
       keit resultiert,  mit der  sozialpartnerschaftliches  Gedankengut
       bei uns produziert wird, sondern dieser Mangel entspringt aus der
       Schwäche des politischen Kampfes.
       Die positiven  Elemente im  Arbeiterbewußtsein  werden  nicht  an
       sich, auf der Ebene der Erkenntnis zur Aufhebung der Widersprüche
       beitragen, aber es sind Elemente, die bei zunehmenden Klassenaus-
       einandersetzungen sehr  schnell an Bedeutung gewinnen können, und
       an die in jeder ökonomischen Auseinandersetzung angeknüpft werden
       muß. Ob  das geschieht,  wird im ganz entscheidenden Maße von der
       Stärke und  dem Einfluß einer selbständigen Arbeiterpartei abhän-
       gen.
       Deshalb sei  zum Schluß noch einmal ein wichtiges Ergebnis dieser
       vorliegenden Untersuchung zitiert. Alle Bewußtseinsfragen und die
       daraus gebildeten  neuen Variablen wurden mit 28 objektiven Daten
       der Befragten gekreuzt. Darunter waren Daten zu Arbeitsplatzmerk-
       malen, zu  sozialstatistischen Kennzeichnungen,  zur Tätigkeit im
       Freizeitbereich  und   zur  gesellschaftlichen  Aktivität.  Dabei
       konnte festgestellt  werden, daß Merkmale, die eine bestimmte ge-
       sellschaftliche Aktivität  ausdrücken, eher  zu signifikanten Un-
       terschieden im Bewußtsein führen als Arbeitsplatzmerkmale und an-
       dere sozialstatistische  Faktoren. Hier  war nur die Altersgruppe
       in den meisten Fällen ein differenzierendes Merkmal.
       Unter den  Faktoren der  gesellschaftlichen Aktivität, die ja je-
       weils mit  bestimmten Kontakten  verbunden sind,  erwies sich ein
       Merkmal durchgängig  bei allen  Bewußtseinsarten als differenzie-
       rend: Der  Kontakt, den die Befragten zu Mitgliedern der DKP hat-
       ten. Wenn man diese Kontakte nun auch nicht als kausal bestimmend
       für das  Bewußtsein ansehen  kann, so  verweist doch  der festge-
       stellte Zusammenhang  auf die  wichtige Bedeutung, die das Wirken
       von Kommunisten in Betrieb und Gewerkschaft hat.
       
       _____
       1) Harald Werner,  Arbeiterbildung und gesellschaftliches Bewußt-
       sein, Köln 1979.
       2) Horst Kern/Michael  Schumann, Industriearbeit  und Arbeiterbe-
       wußtsein, Frankfurt 1973, Teil I, S, 275.
       3) Vgl. dazu  z.B. O.  Negt / A. Kluge, Öffentlichkeit und Erfah-
       rung, Frankfurt  1972, S.  55: "Wenn  er (der Arbeiter - H.W.) in
       seinem Vorstellungsvermögen,  z.B. mit Hilfe der Phantasie, seine
       Lage zu  erfahren sucht,  so verdrehen allein schon die Abwehrme-
       chanismen des  in der Phantasie gebundenen Lustprinzips das reale
       Gesellschaftsbild zu  einem verzerrten.  Aufgrund dieses verzerr-
       ten, zum  Teil sogar harmonistischen Weltbilds setzt sich der Ar-
       beiter nicht in Bewegung."
       4) Thomas  Leithäuser,   Formen  des  Alltagsbewußtseins,  Frank-
       furt/New York 1976, S. 180.
       5) A.N. Leontjew,  Probleme der Entwicklung des Psychischen, Ber-
       lin 1971, S. 201.
       6) a.a.O., S. 202.
       7) Die Bestimmung  von Arten  und Sphären  des Bewußtseins  lehnt
       sich hier an die Definition Uledows an, der mit den Arten Inhalte
       beschreibt, die  sich auf  bestimmte Bereiche der gesellschaftli-
       chen Praxis  richten. So  etwa unterscheidet  er zwischen politi-
       schen, ökonomischen,  rechtlichen u. a. Bewußtseinsarten. Die Be-
       wußtseinssphären dagegen entsprechen den verschiedenen Formen der
       Realitätswiderspiegelung, wie  etwa  die  wissenschaftliche,  die
       ideologische oder  die emotionale. Die Bewußtseinsarten sind dem-
       zufolge das  einzelne im  Bewußtsein, während die Sphären das Be-
       sondere darstellen.  Vgl. A.K.  Uledow, Die  Struktur des gesell-
       schaftlichen Bewußtseins, Berlin 1972, S. 282 ff.
       8) Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, Kronberg 1976, S. 221.
       9) Frank Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971, S. 113.
       10) Karl Marx,  Das Kapital,  1. Bd., in: Marx/Engels, Werke, Bd.
       23, S. 189.
       11) Leontjew, a.a.O., S. 207.
       12) ebenda S. 209.
       13) Frank Deppe,  Zur theoretischen  und empirischen  Analyse des
       'Staatsbewußtseins' der  Arbeiter, in: Kritische Psychologie, Be-
       richt über  den 1.  Internationalen Kongreß  "Kritische Psycholo-
       gie", Köln, 1977, S. 420 ff.
       14) Manfred Hahn, Historiker und Klassen, Frankfurt 1976, S. 133.
       15) zitiert nach Manfred Hahn, a.a.O., S. 123.
       16) Deppe, Zur  theoretischen und empirischen Analyse..., a.a.O.,
       S. 430 f.
       17) G.G. Diligenski,  Sozialpsychologie und Klassenbewußtsein der
       Arbeiterklasse im  heutigen Kapitalismus, Hrsg. IMSF (Theorie und
       Methode I), Frankfurt 1978.
       18) Diligenski, a.a.O., S. 61.
       19) ebenda.
       20) Johannes Henrich  von Heiseler, Arbeiterbewußtsein und Krise,
       in: Marxistische Studien Jahrbuch des IMSF 1/1978, S. 279.
       21) Walter Nickel,  Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Gewerk-
       schaft, Köln 1974, S. 39.
       22) Christiane Bierbaum  u.a., Ende der Illusionen, Köln 1977, S.
       113.
       23) J.H. von  Heiseler, Jugendliche  im Großbetrieb, Beiträge des
       IMSF 5, Frankfurt 1978, S. 84.
       24) Die Befragung  wurde im Sommer 1976 bei einer gewichteten Zu-
       fallsstichprobe durchgeführt,  die aus  den Teilnehmern  von Bil-
       dungsveranstaltungen der  DGB-Gewerkschaften gezogen wurde. Dabei
       wurde darauf  geachtet, daß  fast ausschließlich Beschäftigte aus
       dem Bereich  der materiellen  Warenproduktion erfaßt wurden. 65,8
       Prozent sind  Produktionsarbeiter aus  Betrieben mit  mehr als 50
       Beschäftigten.
       25) Deppe, Zur  theoretischen und empirischen Analyse..., a.a.O.,
       S. 431.
       26) W.I. Lenin.  Was tun?  Brennende Fragen unserer Bewegung, in:
       Lenin, Werke, Band 5, Berlin 1955, S. 436.
       27) Karl Marx,  Friedrich Engels,  Manifest  der  Kommunistischen
       Partei, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 4, Berlin 1959, S. 472.
       28) Frank Deppe,  Zu einigen  Problemen der Bestimmung des gegen-
       wärtigen gewerkschaftlichen  und politischen  Bewußtseins der Ar-
       beiterklasse der BRD, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       1/1978, S. 293.
       29) Frigga Haug,  Theorie und  empirische Methodik, in: Das Argu-
       ment 111, S. 653.
       

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