Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       ZUR HISTORISCHEN ENTWICKLUNG DER
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       MARXISTISCHEN GEWERKSCHAFTSTHEORIE
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       Bemerkungen zum Problem der Kontinuität in der Einschätzung
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       der Gewerkschaften durch die marxistische Arbeiterbewegung
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       Georg Fülberth
       
       1. Funktionsbestimmung  bei Marx  und Engels  - 2. Partei und Ge-
       werkschaft bei  W.I. Lenin  - 3. Sozialreform, Revolution und Ge-
       werkschaft bei  R. Luxemburg - 4. Neue Probleme nach dem 1. Welt-
       krieg - 5. Neue Bedingungen und Formen in der Beziehung Arbeiter-
       partei(en) und Gewerkschaft.
       
       In der  bisherigen Darstellung  zur Sicht  der Gewerkschaften bei
       Karl Marx,  Friedrich Engels und W.I. Lenin 1) wird der Bezug zur
       Aktualität fast  stets hergestellt sei es als indirekte Kritik an
       der jeweils zeitgenössischen Politik von Arbeiterparteien, sei es
       als das  Bemühen, die  Marxsche Theorie für die praktische Tätig-
       keit der Arbeiterbewegung fruchtbar zu machen. (Versuche, die Po-
       sitionen von  Marx, Engels  und Lenin als unbrauchbar für die Ge-
       werkschaftspolitik darzustellen,  sind in  der Tagespolemik  zwar
       häufig, stützen  sich aber  durchgehend nicht  auf ausgearbeitete
       Analysen marxistischer  Texte.) Durchgehend  fällt auf,  daß  die
       Klassikerterminologie durch  die Interpreten  in der  Regel  sehr
       statisch gehandhabt  wird. Selten  wird untersucht,  wie zentrale
       Fragestellungen von  Marx, Engels  und Lenin  zum Problem der Ge-
       werkschaften in  der Praxis  marxistischer Organisationen  gerade
       dadurch ihre  Identität sicherten,  daß sie  ihre äußere  Gestalt
       wechselten.
       
       1. Funktionsbestimmung bei Marx und Engels
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       In seiner  Schrift "Lohn, Preis und Profit" nennt Marx die beiden
       zentralen Funktionen  gewerkschaftlicher Arbeit:  "Gewerkschaften
       tun gute  Dienste als  Sammelpunkte des Widerstands gegen die Ge-
       walttaten des  Kapitals. Sie  verfehlen ihren Zweck zum Teil, so-
       bald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie
       verfehlen ihren  Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschrän-
       ken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems
       zu führen,  statt gleichzeitig  zu versuchen, es zu ändern, statt
       ihre organisierten  Kräfte zu  gebrauchen  als  einen  Hebel  zur
       schließlichen Befreiung  der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen
       Abschaffung des Lohnsystems." 2)
       Marx warnt  hier vor einer Überforderung der spezifischen gewerk-
       schaftlichen Mittel  - insbesondere  des Streiks - offensichtlich
       vor dem Erfahrungshintergrund der englischen Arbeiterbewegung der
       dreißiger und  vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Hierzu rech-
       nete zum  Beispiel der  Versuch, den Generalstreik, den "Heiligen
       Monat", zum  ausschließlichen Mittel  einer  plötzlichen  Gesell-
       schaftsveränderung zu  machen. Damit  ist ein Thema angeschlagen,
       das bis 1914 die Auseinandersetzung zwischen Marxisten und Syndi-
       kalisten bestimmte. Die Überforderung gewerkschaftlicher Möglich-
       keiten kann dem Zweck dieser Organisation, "gute Dienste als Sam-
       melpunkte des  Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals" zu
       leisten, schaden.  In der  Nuancierung seiner  Aussage macht Marx
       aber deutlich,  daß er  demgegenüber  eine  noch  größere  Gefahr
       sieht: nämlich  den Verzicht auf den Kampf um die Abschaffung des
       Lohnsystems: er  führe dazu,  daß  der  Zweck    g ä n z l i c h,
       nicht nur  zum Teil  verfehlt wird. Dabei begreift Marx als diese
       Hauptaufgabe der  Gewerkschaften nach  wie vor  ihre  tagtägliche
       Schutzfunktion, insbesondere in den Auseinandersetzungen um Lohn-
       höhe, Arbeitszeit  und Arbeitsbedingungen.  Wenn  ihre  Erfüllung
       letztlich vom  Kampf gegen  das Lohnsystem abhängig gemacht wird,
       dann wird  die revolutionäre  Aufhebung der  kapitalistischen Ge-
       sellschaft der  gewerkschaftlichen Tagesarbeit  logisch  vorange-
       stellt, mag sie ihr historisch auch nachgeordnet sein.
       Ein solches  Verhältnis von revolutionärer Perspektive und unmit-
       telbarer Schutzfunktion ist nicht jederzeit erfahrbar. Es kann in
       der Regel  nur Ergebnis  wissenschaftlicher Analyse  sein und ist
       bei Marx  letztlich abgeleitet aus dem allgemeinen Gesetz der ka-
       pitalistischen Akkumulation  und aus dem Gesetz vom tendenziellen
       Fall der  Profitrate. 3) Wenn Marx selbst darauf hinweist, daß in
       Zeiten langwährender  flotter Akkumulation Reallohnsteigerung und
       Zunahme des  Mehrwerts miteinander  vereinbar seien  4), wenn  er
       überdies auf  die zahlreichen  Mystifikationsmöglichkeiten in der
       Bestimmung des  Warenwerts 5) , insbesondere auf die Gefahr einer
       Verwechslung von Preis der Arbeit und Preis der Ware Arbeitskraft
       6) hinweist,  dann wird  sichtbar, wie  wenig selbst massenhafter
       Erfahrung allein die zentralen Gesetzmäßigkeiten der kapitalisti-
       schen Gesellschaft  zugänglich sein  konnten.  Die  Spannung  von
       Theorie und  Empirie wurde  durch Organisation  vermittelt: "Aber
       Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint
       und Kenntnis sie leitet." 7)
       Wenn Marx  und Engels  nach 1848 häufig auf die Notwendigkeit der
       Herausbildung von  Parteien der  Arbeiterklasse neben den Gewerk-
       schaften hinwiesen,  dann nicht  ausschließlich in dem Sinne, als
       sei in  diesen  Parteien  die  theoriegeleitete  Strategiebildung
       gleichsam monopolisiert, während den Gewerkschaften lediglich die
       auf unmittelbare Erfahrung gestützte Vertretung von Tagesinteres-
       sen zukomme.  Zumindest die zitierte Passage aus "Lohn, Preis und
       Profit" sollte  deutlich genug  machen, daß  der Kampf  gegen das
       Lohnsystem nicht  einfach aus  den Gewerkschaften  heraus an eine
       andere Organisation  delegiert werden  kann, sondern nach wie vor
       zu ihren Aufgaben gehört. Wenn Marx und Engels auf die Notwendig-
       keit der  Gründung von  Parteien hinwiesen, dann hatte dies nicht
       nur prinzipielle, sondern auch unmittelbar historische Gründe:
       1. Die Gewerkschaften  des 19.  Jahrhunderts waren offensichtlich
       nur kurzfristig strategiefähig. Ihre Politik trug starke Züge des
       Spontanen, der unmittelbaren Abhängigkeit nicht von den allgemei-
       neren Entwicklungsgesetzen  des Kapitalismus,  sondern  von  Auf-
       schwung und  Krise. Hinzu kam ihre noch häufige lokale Bornierung
       und das Vorherrschen von Berufsverbänden.
       2. Spätestens mit  dem  Bonapartismus  nahm  die  Staatstätigkeit
       einen neuen  Charakter an,  der es  fraglich machte,  ob ihm aus-
       schließlich durch die Mittel gewerkschaftlicher Politik zu begeg-
       nen sei. Noch in seiner Einleitung zu Marx' Schrift "Die Klassen-
       kämpfe in Frankreich" machte Engels 1895 sichtbar, daß die Arbei-
       terbewegung auf kein einziges Mittel des politischen Kampfes (von
       der Beteiligung  am Parlament  bis zum bewaffneten Aufstand) ver-
       zichten kann.  Bereits in der "Inauguraladresse der Internationa-
       len Arbeiterassoziation"  (1864) hatte Marx darauf aufmerksam ge-
       macht, daß  das Proletariat  auch auf  die internationale Politik
       einwirken müsse.  8) Diese  Aufgaben reichten  in jedem Fall weit
       über die Möglichkeiten eines rein gewerkschaftlichen Instrumenta-
       riums hinaus.  Dabei kam  im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts
       der Schaffung  einer eigenen  parlamentarischen Parteipolitik be-
       sondere Bedeutung  zu. Die Grenze zwischen ausschließlich techni-
       scher Notwendigkeit der Parteibildung und der Gründung besonderer
       Instanzen der Strategieentwicklung, die über die Verarbeitung ge-
       werkschaftlicher Erfahrung  hinausgeht, ist dabei nicht immer ge-
       nau zu  bestimmen. Wenn  Marx und Engels 1847/48 im "Manifest der
       Kommunistischen Partei" die spezifischen Aufgaben der Kommunisten
       in der  demokratischen Bewegung erwähnten 9), dann markierten sie
       einen notwendigen  theoretischen Vorsprung der Partei, der aller-
       dings in die Massenbewegung eingebracht werden mußte.
       Als Beispiel für eine ausschließlich technische Funktion der Par-
       teigründung, mit  der keineswegs  eine stärkere Akzentuierung des
       Kampfes um  die Beseitigung des Lohnsystems verbunden sein mußte,
       kann die  Herausbildung der britischen Labour Party zwischen 1899
       und 1906 gelten: sie war nicht viel mehr als der parlamentarische
       Arm der  Trade  Unions,  eine  gewerkschaftsförmige  Partei,  die
       überdies bis zum ersten Weltkrieg eine enge Verbindung, teilweise
       sogar Abhängigkeit von der Liberalen Partei nicht völlig abstrei-
       fen konnte.  Die Entwicklung  der Trade Unions hatte gezeigt, wie
       zumindest damals  der unmittelbaren  gewerkschaftlichen Erfahrung
       zukunftsträchtige politische  Themen, die durchaus von großer Be-
       deutung für  Perspektive und  Überwindung des  Kapitalismus waren
       (Emanzipation der  Frauen, Krieg  und Frieden,  Verteidigung  der
       Allgemeinen Freiheiten  , die  Kolonialfrage, Befreiung von reli-
       giöser Bevormundung),  nicht näher lagen als der Aktivität links-
       bürgerlicher Radikaldemokraten  (der "Radicals").  Daran  änderte
       sich mit der Gründung der Labour Party zunächst nicht viel. 10)
       
       2. Partei und Gewerkschaft bei W.I. Lenin
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       Eine prinzipielle  Analyse der  verschiedenartigen Funktionen von
       Partei und  Gewerkschaften legte  erst W.I.  Lenin vor. In seiner
       Definition werden  die Positionen  sowohl der  Gewerkschaften als
       auch der  Partei an den Polen "Bewußtsein" und "Spontaneität" fi-
       xiert. Die Gewerkschaften ordnet er dem Bereich der unmittelbaren
       Erfahrung und  des "Ökonomismus" zu. Diese Bornierung könnten sie
       nur überwinden  durch die  Arbeit der Partei, die der Bereich der
       Bewußtheit, von  Theorie und  Strategie sei.  Zentraler Ort  tra-
       deunionistischer Erfahrung ist der Betrieb, der Klassenkampf zwi-
       schen Arbeitern  und Unternehmern. Das Aktionsfeld der Partei da-
       gegen stellt  die gesamte  Gesellschaft dar. "Das Gebiet, aus dem
       allein dieses  Wissen geschöpft werden kann, sind die Beziehungen
       a l l e r   Klassen und  Schichten zum  Staat und  zur Regierung,
       sind die  Wechselbeziehungen zwischen  s ä m t l i c h e n  Klas-
       sen." 11)  Nur dadurch  vermag die Arbeiterklasse zum "Vorkämpfer
       der Demokratie"  12) - nicht nur der eigenen Rechte, sondern auch
       der aller  anderen unterdrückten  Klassen -  zu werden. Indem die
       Partei die Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern in die
       Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse einbringt, kann sie
       erst die Arbeiterbewegung bündnisfähig machen. Lenin hebt in die-
       sem Zusammenhang  sehr plastisch  hervor, wie  es auf diese Weise
       möglich wird,  daß Sozialisten die Rechte religiöser Sekten, aber
       auch der  liberalen Selbstverwaltung gegen den Zarismus verteidi-
       gen.
       An dieser  Stelle muß die Frage nach der Verallgemeinerungsfähig-
       keit der Leninschen Position gestellt werden. Unverkennbar ist ja
       immerhin, daß  die damaligen russischen Gewerkschaften kaum etwas
       mit der  heutigen Gewerkschaftsbewegung  in den  hochentwickelten
       kapitalistischen Ländern  gemeinsam hatten. Schon durch die zari-
       stische Unterdrückung  waren sie  immer wieder  an überregionaler
       Koordination gehindert, zur Entpolitisierung angehalten; die ver-
       gleichsweise Geringfügigkeit  der kapitalistischen  Durchdringung
       des Landes ließ kaum einen Zusammenhang gewerkschaftlicher Arbeit
       zwischen den einzelnen industriellen Zentren zu. Unter diesen Um-
       ständen lag  eine Tendenz  zu Spontaneismus,  zur ökonomistischen
       Selbstbeschränkung nahe.  Allerdings hatten  die teils  noch sehr
       kurzlebigen, teils  zwar relativ befestigten, dafür aber in ihren
       Zielsetzungen eher  bornierten englischen  Gewerkschaften, welche
       Marx und  Engels kannten,  den russischen  kaum etwas  an Strate-
       giefähigkeit voraus,  ohne daß die beiden Begründer des Marxismus
       die Rolle  der Partei zumindest so ausführlich prononciert hätten
       wie Lenin. Vollends aber stellt sich die Frage, ob Lenins Bestim-
       mung des  Verhältnisses von Partei und Gewerkschaft auch auf eine
       durchkapitalisierte Gesellschaft  mit hohem Organisationsgrad und
       nationalem Zusammenhang  der Gewerkschaftsbewegung anwendbar sei.
       Hier ist  die Auseinandersetzung  zwischen Kapitalistenklasse und
       Proletariat durchgehend  strukturbestimmend und auch für die Zwi-
       schenklassen entscheidend. Sie spielt sich bereits auch schon auf
       staatlicher Ebene ab, so daß eine Trennung des gewerkschaftlichen
       Kampfes vom  im engeren Sinne politischen nicht mehr denkbar ist.
       Hier muß  ein hohes Maß an eigener, autonomer Strategiebildung in
       der Gewerkschaftsbewegung  selbst für  möglich  gehalten  werden,
       ohne daß  diese sich auf die Durchsetzung von Tagesinteressen be-
       schränkt. 13)
       Solche Bedingungen  von Gewerkschaftspolitik bestanden in der Le-
       benszeit von  Marx und  Engels und  in der Entstehungsperiode der
       Leninschen Parteitheorie  in keinem  einzigen Land  Europas. Marx
       und Engels  haben sie  im "Elend der Philosophie" und im Kommuni-
       stischen Manifest allerdings zumindest teilweise - was die natio-
       nale Verallgemeinerung  und die  Politisierung des Klassenkampfes
       angeht -  prognostiziert. 14)  Lenin wies für sein Organisations-
       konzept gerade  auf ein  mitteleuropäisches Land  hin, in dem die
       Gewerkschaftsbewegung entschieden reifer war als in Rußland, näm-
       lich auf Deutschland. Nach dem Kölner Parteitag 1893 erschien ihm
       offensichtlich hier  das Verhältnis  von Partei  und Gewerkschaft
       zumindest annähernd  in der  Weise gelöst, die er auch in Rußland
       für notwendig  hielt. Kritik  - die er überdies vor 1914 nur sehr
       verhalten formulierte - deutete er in "Was tun?" lediglich gegen-
       über der  Tatsache an, daß die Revisionisten in der deutschen Ar-
       beiterbewegung zu großen Spielraum erhielten. 15)
       Aus der  Tatsache, daß nach Lenin auch solche Gewerkschaften, die
       weitaus entwickelter  waren als die russischen, nämlich die deut-
       schen, einer  revolutionären Partei  bedurften,  muß  geschlossen
       werden, daß  zumindest in seiner Perzeption die Notwendigkeit ei-
       ner revolutionären  Partei neuen  Typus nicht in erster Linie aus
       den besonderen Verhältnissen des Zarenreichs abgeleitet war, son-
       dern aus der Komplexität der Gesamtaufgaben der Arbeiterbewegung.
       Seine  später   ausgearbeitete  Imperialismustheorie  unterstützt
       seine Parteitheorie: die besonderen Machtkonstellationen im Mono-
       polkapitalismus,  insbesondere  deren  internationale  Dimension,
       sind nicht mehr allein durch gewerkschaftliches Alltagsbewußtsein
       wahrnehmbar. Um  es an  einem drastischen Beispiel zu demonstrie-
       ren: Krieg  im Imperialismus war für jeden einzelnen Arbeiter un-
       mittelbar erfahrbar,  die heraufziehende  K r i e g s g e f a h r
       nicht. Nicht  erst der Kampf gegen das Lohnsystem insgesamt, son-
       dern auch  gegen seine  besonderen imperialistischen Ausprägungen
       wurde somit  zu einer  Aufgabe, durch  welche Gewerkschaften, die
       auf sich allein gestellt gewesen wären, ebenso überfordert wurden
       wie gewerkschaftsförmige Parteien.
       
       3. Sozialreform, Revolution und Gewerkschaft bei R. Luxemburg
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       In Rosa Luxemburgs Schrift "Massenstreik, Partei und Gewerkschaf-
       ten" wird  die Marxsche  Argumentation von der logischen Überord-
       nung des revolutionären Prozesses gegenüber dem Tageskampf an ei-
       nem aktuellen  Beispiel demonstriert. Luxemburg weist darauf hin,
       wie durch  die russische  Revolution von 1905 in vielen Bereichen
       Gewerkschaftsorganisationen überhaupt  erst geschaffen wurden und
       wie in  kurzer Frist  - als Folge der Revolution - Lohnerhöhungen
       und Arbeitszeitverkürzungen  durchgesetzt werden konnten, die na-
       hezu mit  dem übereinstimmten,  was etwa in Deutschland erst nach
       jahrzehntelangem gewerkschaftlichem  Kampf erreicht  worden  war.
       16) Hier  fällt die  logische Überordnung  revolutionärer Politik
       sogar mit dem historischen Ablauf unmittelbar zusammen.
       Rosa Luxemburg  hat sich  in ihrer  Massenstreikschrift gegen den
       möglichen Einwand  gewehrt, das  russische Beispiel sei mit deut-
       schen Verhältnissen nicht vergleichbar. Die Schwierigkeit der Re-
       zeption ihrer  Schrift durch die deutschen Gewerkschaften lag al-
       lerdings gewiß auch in der Tatsache, daß in Deutschland Sozialre-
       form seit der Bismarckschen Kombination von Sozialistengesetz und
       Sozialgesetzgebung als Präventivmaßnahme zur Verhinderung revolu-
       tionärer Durchbrüche  gestaltet war, der Zusammenhang von Sozial-
       reform mit  den revolutionären  Konsequenzen der kapitalistischen
       Entwicklung und  dem Kampf der Arbeiterbewegung aber nicht unmit-
       telbar erfahren werden konnte.
       Eine offene,  auch durch Rosa Luxemburg in ihrer Massenstreikbro-
       schüre nicht  gelöste Frage blieb, wie gezeigt werden konnte, daß
       auch unter  den besonderen  Bedingungen Deutschlands  die Erfolge
       gewerkschaftlicher Tagespolitik  keine gleichsam selbsttragenden,
       nichtrevolutionären Maßnahmen  waren, auch nicht lediglich Neben-
       produkte eines  revolutionären Prozesses, sondern daß und wie der
       gewerkschaftliche Kampf  selbst eine Voraussetzung dieses revolu-
       tionären  Prozesses   sein   kann.   Die   Forderung,   daß   die
       "organisierten Kräfte" der Gewerkschaften als "Hebel zur schließ-
       lichen Befreiung  der Arbeiterklasse " genutzt werden müßten, war
       ja bereits  von Marx  formuliert worden.  17) Als  Beispiel eines
       solchen Zusammenfallens von revolutionärer Perspektive und Tages-
       kampf hatte er die englische Zehnstundenbill charakterisiert. 18)
       Die Identität  von revolutionärem  Prozeß und  gewerkschaftlichen
       "Hebeln" konnte Rosa Luxemburg gewiß anhand der ersten Monate der
       russischen Revolution  1905 leicht aufzeigen. In Deutschland aber
       bestand zumindest dem Augenschein nach eine starke zeitliche Dif-
       ferenz zwischen  Reformpolitik  und  revolutionärer  Perspektive.
       Wenn Teile  der westdeutschen  Geschichtsschreibung  hieraus  das
       Problem des  "Attentismus" ableiten 19), so befinden sie sich da-
       mit insofern  zumindest vordergründig im Recht, als die Beziehung
       von Tagesarbeit  und revolutionärem  Prozeß durch  die  deutschen
       Marxisten vor  1914 auf lange Strecken hin nicht genügend heraus-
       gearbeitet worden ist.
       
       4. Neue Probleme nach dem 1. Weltkrieg
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       Aus der  Differenz zwischen revolutionärem Prozeß und Tageserfah-
       rung resultiert  das zwar  nicht unbedingt  notwendige, wohl aber
       empirisch auftretende Auseinanderklaffen von revolutionärer Theo-
       rie und Alltagserfahrung. In einer zugespitzten Situation konnten
       Gewerkschaften durch  Marxisten sogar als "reaktionär" bezeichnet
       werden. In  seiner Schrift "Der 'linke Radikalismus', die Kinder-
       krankheit im Kommunismus" bejaht Lenin die Frage: "Sollen Revolu-
       tionäre in  den reaktionären  Gewerkschaften  arbeiten?"  20)  Er
       übernimmt hier  eine Frage  der von  ihm kritisierten ultralinken
       Richtung in  der kommunistischen Bewegung. Der Terminus "reaktio-
       när" wird  in diesem  Zusammenhang von  ihm offensichtlich akzep-
       tiert. Hier  spielt die  konterrevolutionäre  Rolle  der  Gewerk-
       schaftsführungen in  der deutschen Revolution eine Rolle. Sie ha-
       ben tatsächlich die Grundlagen eines historisch überholten, reak-
       tionären Regimes retten helfen.
       Aber Lenin  geht in der Begründung seiner Terminologie noch einen
       Schritt weiter:  - Als die  h ö c h s t e  Form der Klassenverei-
       nigung der  Proletarier, die   r e v o l u t i o n ä r e   P a r-
       t e i   d e s   P r o l e t a r i a t s   (die ihren  Namen nicht
       verdient, solange  sie es  nicht gelernt  hat, die Führer mit der
       Klasse und  mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem
       zu  verbinden),  sich  herauszubilden  anfing,  da  begannen  die
       Gewerkschaften unvermeidlich   g e w i s s e  reaktionäre Züge zu
       offenbaren, eine  gewisse zünftlerische  Beschränktheit, eine ge-
       wisse Neigung  zur politischen  Indifferenz, eine gewisse Stagna-
       tion usw."  21) Der  Terminus "reaktionär"  wird hier gewählt, um
       eine Verzögerung  in der  Politikentwicklung  der  Gewerkschaften
       r e l a t i v   zu der  marxistischen Partei  sichtbar zu machen.
       Ein Zurückbleiben ergibt sich bereits aus dem umfassenden quanti-
       tativen Charakter  der Gewerkschaften  als ersten  Organisationen
       von vielen  bislang noch nicht von der Arbeiterbewegung berührten
       Proletariern. Allerdings  würde diese notwendige Differenz allein
       die Verwendung  des Begriffs  "reaktionär" niemals rechtfertigen.
       In der  unmittelbaren Situation von 1920 kommt bei Lenin zweifel-
       los vor allem die Haltung der deutschen Gewerkschaftsführung 1918
       als verschärfendes,  letztlich aber  zeitbedingtes Moment  hinzu.
       22)
       Wir werden  hier an  die Tatsache  erinnert, daß die marxistische
       Bewegung nach  1918 ja  mit zwei völlig neuen Phänomenen konfron-
       tiert war,  deren Analyse  mehr als  eineinhalb Jahrzehnte in An-
       spruch nahm,  ehe erste gültige Ergebnisse vorgelegt werden konn-
       ten. Das  eine war  der Aufstieg rechter Sozialdemokraten in füh-
       rende Regierungsfunktionen  bürgerlicher Staaten. Das zweite Phä-
       nomen war  die faschistische  Massenbewegung. Zwar  hat Lenin be-
       reits in  der Schrift "Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrank-
       heit im  Kommunismus" empfohlen, in England eine Regierung MacDo-
       nald-Henderson taktisch  zu stützen  - das politische und soziale
       Wesen des Integrationismus als einer stabilen Strömung in der Ar-
       beiterbewegung aber  bedurfte weiterer Untersuchung. Ihre Massen-
       verankerung zumindest  mußte auf  Revolutionäre gerade  unter dem
       unmittelbaren  Eindruck  der  Erfahrung  des  ersten  Weltkrieges
       zunächst wie  eine Provokation  wirken. Dies drückt sich in zahl-
       reichen Unscharfen der Terminologie aus, deren krasseste der Ver-
       such war,  Faschismus und  Integrationismus zu  benachbaren.  23)
       Lenins Kennzeichnung  der Gewerkschaften  als  notwendig  relativ
       "reaktionär" hat mit diesem verhängnisvollen Fehlurteil nichts zu
       schaffen, ist  aber einer jener ersten, notwendigerweise zunächst
       nur tastenden und daher nicht sofort zu endgültigen Lösungen füh-
       renden Versuche, mit denen die junge kommunistische Bewegung nach
       dem ersten Weltkrieg vollständig neue Erscheinungen in der Arbei-
       terbewegung zu interpretieren unternahm.
       In diesem  Zusammenhang wird  häufig Lenins Äußerung zitiert, man
       müsse "zu  jedwedem Opfer  entschlossen sein  und sogar - wenn es
       sein muß - alle möglichen Schliche, Listen und illegalen Methoden
       anwenden, die  Wahrheit verschweigen und verheimlichen, nur um in
       die Gewerkschaften hineinzukommen, in ihnen zu bleiben und in ih-
       nen um  jeden Preis  kommunistische Arbeit  zu leisten". 24) Hier
       sollte allerdings  unbedingt auch  der direkt  vorausgehende Satz
       zur Kenntnis  genommen werden: "Kein Zweifel, die Herren 'Führer'
       des Opportunismus werden zu allen möglichen Kniffen der bürgerli-
       chen Diplomatie greifen, werden die Hilfe der bürgerlichen Regie-
       rungen, der  Pfaffen, der  Polizei, der Gerichte in Anspruch neh-
       men, um  die Kommunisten nicht in die Gewerkschaften hineinzulas-
       sen, um  sie auf jede Weise aus den Gewerkschaften zu verdrängen,
       um ihnen die Arbeit in den Gewerkschaften möglichst zu verleiden,
       um sie  zu beleidigen, gegen sie zu hetzen und sie zu verfolgen."
       25)
       "Pfaffen, Gerichte,  Polizei, Regierung"  als Instrumente von in-
       nergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen: Lenin beschreibt hier
       die Gefahr, daß in den Gewerkschaften während einer komplizierten
       Lage durch  eine integrationistische Führungsgruppe der Ausnahme-
       zustand ausgerufen,  die Verbandsdemokratie  mit staatlichen Mit-
       teln aufgehoben  und die  Einheitsgewerkschaft geopfert wird. Nur
       auf eine solche Situation, zu der sich außer dem ehemaligen Funk-
       tionär Georg  Leber in  der Bundesrepublik  gegenwärtig wohl kein
       Gewerkschaftsführer bekennen wird, ist Lenins Empfehlung bezogen.
       Die "Schliche,  Listen und  illegalen Methoden" wären dann nichts
       anderes als der Versuch, Einheitsgewerkschaft, innergewerkschaft-
       liche Demokratie  und Autonomie  der Gewerkschaften  gegenüber  -
       Pfaffen", politischer  Polizei und  Regierung in  einem Moment zu
       verteidigen, in dem sie offiziell beseitigt werden sollen.
       Bekanntlich hat  die Kommunistische  Internationale 1920 die Auf-
       nahmebedingung gestellt,  daß die Kommunisten in den Gewerkschaf-
       ten eigene  Zellen gründen  sollten, die  sich ihrer Partei voll-
       ständig unterordnen müßten. 26) Auch dies muß als eine zeitgebun-
       dene Entscheidung gewertet werden: als der Versuch, nicht nur die
       systemüberwindende Funktion von Gewerkschaften, sondern auch ihre
       Autonomie gegen  Führungen wiederherzustellen,  die beides im er-
       sten Weltkrieg geopfert hatten.
       
       5. Neue Bedingungen und Formen in der Beziehung
       -----------------------------------------------
       Arbeiterpartei(en) und Gewerkschaft
       -----------------------------------
       
       Nicht aus der Sondersituation am Ende des ersten Weltkriegs, son-
       dern aus  der historisch  nahezu permanent  auftretenden Spannung
       zwischen revolutionärem  Prozeß und Tageserfahrung und der Verab-
       solutierung des  letzteren Elements durch Teile der Arbeiterbewe-
       gung resultiert  der Vorwurf des - Opportunismus", der häufig von
       den revolutionären  Kräften erhoben  wird. Engels und Lenin haben
       ihn gegen  Anpassungstendenzen in  Gewerkschaften und Sozialdemo-
       kratie gerichtet.  Sie kritisierten damit in der Regel zwei Rich-
       tungen: erstens die Übernahme bürgerlicher Normen durch Teile der
       Arbeiterbewegung , später - bei Lenin, noch nicht in den Äußerun-
       gen von  Engels -  den Integrationismus; zweitens den klassischen
       Reformsozialismus, vor  1914 vor  allem in  seiner Ausprägung als
       Zentrismus. Im  allgemeinen  Sprachgebrauch  ist  "Opportunismus"
       aber nach wie vor nicht nur ein politischer Begriff, sondern häu-
       fig genug  die Kennzeichnung  für ein persönliches Fehlverhalten:
       den Versuch,  sich durch Prinzipienverzicht individuelle Vorteile
       zu sichern.  Es wäre  der begrifflichen  Schärfe, aber  auch  der
       Fruchtbarkeit der  Auseinandersetzung innerhalb der Arbeiterbewe-
       gung wahrscheinlich eher damit gedient, wenn unter diesen Umstän-
       den der  Ausdruck "Opportunismus"  durchgehend durch genauere Be-
       zeichnungen ersetzt bzw. ergänzt würde. 27)
       In vielfältiger  Weise zeigt  sich bereits  an diesen Beispielen,
       daß das  Verhältnis von  proletarischer Partei und Gewerkschaften
       seit dem  ersten Weltkrieg  eine entscheidende  Komplikation  er-
       hielt. Von  nun an  wirkten in  den meisten  europäischen Ländern
       zwei Arbeiterparteien  in den Gewerkschaften, nach 1945 reicht in
       den Westzonen  und in  der Bundesrepublik  das  Parteienspektrum,
       welches in der Einheitsgewerkschaft Einfluß hat, weit über Kommu-
       nisten und Sozialdemokraten hinaus. Das Verhältnis von revolutio-
       närer Partei und "ökonomistischen" Gewerkschaften, das Lenin ent-
       worfen hatte, gilt nicht mehr für die Beziehungen der sozialdemo-
       kratischen Partei  zur Gewerkschaftsbewegung. In der Weimarer Re-
       publik etwa  trat die SPD-Führung als antirevolutionäre und anti-
       kommunistische Kraft  auf und  versuchte diese Positionen auch an
       die Gewerkschaften  zu vermitteln. Damit gewann das Erfahrungsmo-
       ment, der  "Tradeunionismus", eine  neue Bedeutung:  es wurde für
       die revolutionäre  Bewegung letztlich  aufgewertet. Lenin hat auf
       die möglichen,  ja sogar  unvermeidlichen Spannungen zwischen der
       Strategiebildung der  marxistischen Partei und den Erfahrungsele-
       menten des  Ökonomismus hingewiesen. Ihrer Auflösung durch gegen-
       seitige Durchdringung  von Empirie des Alltags und revolutionärer
       Theorie dienen enge Beziehungen zwischen marxistischer Partei und
       Gewerkschaften.
       Eine vergleichbare  Spannung, wenngleich  mit umgekehrtem Vorzei-
       chen, wird  aber auch zwischen den Gewerkschaften und der sozial-
       demokratischen Partei  spätestens in  dem  Moment  auftreten,  da
       diese Partei  integrationistisch dominiert  ist und  sich mit der
       bürgerlichen Herrschaft  identifiziert. Den liberalen und christ-
       lichen Gewerkschaften  stellte sich schon vor 1918 dieses Problem
       der Differenz  zwischen  Klassenerfahrung  und  Parteiideologien,
       welche dazu in Widerspruch standen, in großer Schärfe. 28) In der
       Weimarer Republik  wurde das Bündnis zwischen Freien Gewerkschaf-
       ten und  Sozialdemokratie durch  die Koalitionen  der SPD mit der
       großkapitalistischen  Deutschen  Volkspartei  Belastungen  ausge-
       setzt, am dramatischsten im März 1930. Hier wäre die Organisation
       und Artikulation  gemeinsamer Klassenerfahrung eine wichtige Auf-
       gabe gerade  der Marxisten in einer Einheitsgewerkschaft gewesen.
       Es ist  bekannt, daß  eine solche umfassende Gewerkschaftseinheit
       in der  Weimarer Republik  nicht bestand und ihre Prinzipien auch
       innerhalb des  Allgemeinen Deutschen  Gewerkschaftsbundes und der
       ihm nahestehenden  sozialdemokratisch orientierten  Beamten-  und
       Angestelltenverbände keineswegs  voll realisiert worden sind. Zu-
       mindest in Wahlkämpfen haben sich diese sehr offen als Richtungs-
       gewerkschaften, welche für die SPD eintraten, dargestellt.
       Dreimal -  auf dem Gründungsparteitag der KPD 1918/19, dann unter
       der Führung  von Fischer  und Maslow 1924/25 und schließlich nach
       1928 -  sahen die  Kommunisten unter diesen Voraussetzungen keine
       Möglichkeit mehr, selbst zur Einheitsgewerkschaft beizutragen und
       waren zur  Bildung von  Sonderorganisationen bereit.  1918/19 war
       diese Reaktion vor allem unter dem Einfluß der Rätebewegung stark
       syndikalistisch geprägt,  ging aber letztlich auf die Haltung der
       Gewerkschaften im  ersten Weltkrieg  zurück; 1924/25  wirkte  die
       Enttäuschung über die passive Haltung des ADGB im Krisenjahr 1923
       mit einer  Fehleinschätzung, welche  die sich anbahnende relative
       Stabilisierung des  deutschen Kapitalismus  verkannte,  zusammen;
       nach 1928 löste die Ausschlußpolitik des ADGB sektiererische Ten-
       denzen aus, die einer falschen Situationsanalyse durch die Kommu-
       nistische Internationale (Prognose einer unmittelbar bevorstehen-
       den revolutionären Periode) erst das Gewicht einer Massenbewegung
       verschaffte.
       Es ist offenkundig, daß die Haltung der Kommunisten in allen drei
       Fällen der von Lenin betonten Notwendigkeit, gerade unter den Be-
       dingungen der  parteipolitischen Spaltung  auf die Verwirklichung
       der Einheitsgewerkschaft  hinzuwirken, widersprach.  Eine gängige
       Fehlinterpretation ist  es allerdings, das Aufgeben der Arbeit in
       den Freien  Gewerkschaften auf einen unbedingten Führungsanspruch
       der Kommunistischen  Partei zurückzuführen.  Am Anfang  des Tren-
       nungsprozesses standen  jeweils unmittelbare  Erfahrungen mit der
       Politik der  Gewerkschaftsführung im  ersten Weltkrieg, mit ihrem
       Versagen 1923 (sowie ersten innergewerkschaftlichen Repressionen)
       und mit  der Ausschlußpolitik  in den letzten Jahren der Weimarer
       Republik. Diese  unmittelbare Erfahrung, die Empörung betroffener
       Arbeiter, ist  die daraus folgende zweite Ursache. Auch hier han-
       delt es  sich um  ein Moment  von Spontaneität. Lenin hat in "Was
       tun?" die Notwendigkeit der Abstraktion von solcher unmittelbarer
       Erfahrung, ihre  Einbeziehung in  die gesellschaftliche Totalität
       als Aufgabe der marxistischen Partei formuliert. Diese Notwendig-
       keit bestand  am Ende  der Weimarer  Republik auch  gegenüber der
       Verabsolutierung von  Partialerfahrungen von  Kommunisten in  der
       Gewerkschaftsbewegung. Wenn  sie nicht genügend realisiert wurde,
       so bedeutet  dies - gerade umgekehrt zur üblichen Deutung - nicht
       ein Zuviel,  sondern ein  Zuwenig an Verallgemeinerungs- und Füh-
       rungsarbeit durch  die marxistische  Partei, ein  Überwiegen  von
       (nun allerdings  nicht  "ökonomistischer",  sondern  ultralinker)
       Spontaneität. Hier  zeigte sich,  daß eine politische Leitungsar-
       beit, die  sich letztlich  vor allem auf Teilerfahrungen stützte,
       in Distanz  zur Gesamtheit von Arbeitererfahrungen in der Gewerk-
       schaftsbewegung geraten  und somit  in schlechtem  Sinne abstrakt
       werden konnte.  Dieses Problem ist seinerseits offensichtlich Er-
       gebnis starker  nicht nur  politischer, sondern auch sozialer und
       ideologischer Fragmentierung  der Arbeiterklasse  in der Weimarer
       Republik gewesen.  29) Gerade weil ihre vereinheitlichende Aufhe-
       bung im Kampf gegen Faschismus und Krise eine wesentliche Aufgabe
       der Marxisten  ist, stellt sich die Frage, welches Maß an gemein-
       samer   ö k o n o m i s c h e r   und  s o z i a l e r  Erfahrung
       mobilisierbar war,  denn der  Spielraum für  eine in erster Linie
       p o l i t i s c h e   (im  engeren  Sinne),    r e v o l u t i o-
       n ä r e   Gemeinsamkeit war  am Ende der Weimarer Republik offen-
       sichtlich  mindestens  ebenso  eng  wie  für  eine  Sammlung  der
       Arbeiterklasse hinter dem Integrationismus.
       Die Brüsseler Konferenz der KPD hat 1935 die Fehler der Partei in
       der Gewerkschaftspolitik  scharf kritisiert und die Notwendigkeit
       des Kampfes  um die Schaffung einer tatsächlichen Einheitsgewerk-
       schaft betont.  30) Sie hat damit nicht nur Lenins Forderungen in
       seiner Schrift  über den  linken Radikalismus wieder Geltung ver-
       schafft, sondern  auch eine strategische Einsicht neu formuliert,
       die Friedrich  Engels bereits  1895 formulierte:  - Wo es sich um
       eine vollständige  Umgestaltung der  gesellschaftlichen Organisa-
       tion handelt,  da müssen die Massen selbst mit dabei sein, selbst
       schon begriffen  haben, worum  es sich  handelt , für was sie mit
       Leib und  Leben eintreten."  31) Engels'  Vorschlag richtete sich
       gegen ein  Fortleben des  Blanquismus in der Arbeiterbewegung und
       erschloß den sozialistischen Parteien die Möglichkeit parlamenta-
       rischer Massenarbeit.  Unter den Bedingungen des Imperialismus im
       20. Jahrhundert  ist Eigenaktivität  der Mehrheit  der  Arbeiter-
       klasse nicht nur eine Bedingung für revolutionäre Umwälzung, son-
       dern auch für die Verteidigung und Erkämpfung von Frieden und De-
       mokratie. Eine Politik, welche die Selbsttätigkeit der lohnabhän-
       gigen Massen  voraussetzt, wird  sich notwendig  auf deren umfas-
       sendste Organisationen, die Gewerkschaften, stützen. Diese müssen
       in einem hohem Maße strategiefähig sein. Eine wesentliche Voraus-
       setzung hierfür ist allerdings, daß diese tatsächlich Einheitsge-
       werkschaften sind,  d.h. daß auch die Marxisten die gleichberech-
       tigte Möglichkeit  haben, ihre  Politik in dem Maße einzubringen,
       wie es  nach den Regeln einer voll entfalteten innergewerkschaft-
       lichen Demokratie  möglich ist und den Interessen der Klasse ent-
       spricht.
       
       _____
       1) Z.B. N.  Auerbach, Marx  und die  Gewerkschaften. Die  Gewerk-
       schaften im  theoretischen System von Marx. Vorwort: Karl Korsch.
       Nachdruck. Berlin  1972; A.  Losowski, Karl  Marx und die Gewerk-
       schaften. Neudruck.  Münster 1972; Rainer Zoll, Der Doppelcharak-
       ter der  Gewerkschaften. Zur  Aktualität  der  Marxschen  Gewerk-
       schaftstheorie. Frankfurt/M.  1976; Georg  Fülberth, Probleme der
       Gewerkschaften in der Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels.
       In: Frank  Deppe, Georg  Fülberth,  Jürgen  Harrer  (Hrsg.),  Ge-
       schichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung. 2. Aufl. Köln 1978,
       S. 32 ff.
       2) Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16, S. 152.
       3) Karl Marx,  Das Kapital.  Kritik der politischen Ökonomie. MEW
       23, S. 640 ff.; MEW 25, S. 221 ff.
       4) MEW 23, S. 645 f.
       5) MEW 23, S. 85 ff.
       6) MEW 23, S. 557 ff.
       7) Karl Marx, Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Asso-
       ziation, MEW 16, S. 12.
       8) MEW 16, S. 13.
       9) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Par-
       tei, MEW 4, S. 492 f.
       10) Vgl. hierzu:  G.D.H. Cole,  British  Working  Class  Politics
       1832-1914. 4. Aufl. London 1965, passim.
       11) W.I. Lenin, Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, LW 5,
       S. 436. (Hervorhebungen: Lenin.)
       12) Ebd., S. 435.
       13) Frank Deppe,  Autonomie und  Integration. Materialien zur Ge-
       werkschaftsanalyse. Marburg 1979, S. 179 ff.
       14) Karl Marx,  Das Elend  der Philosophie. Antwort auf Proudhons
       "Philosophie des  Elends", MEW  4, S. 180 ff.; Marx/Engels, Mani-
       fest der Kommunistischen Partei, a.a.O., S. 470 f.
       15) Lenin, Was tun? A.a.O., S. 368.
       16) Rosa Luxemburg,  Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. Ge-
       sammelte Werke, Band 2, Berlin 1972, S. 114 ff.
       17) Marx, Lohn, Preis und Profit, a. a. O., S. 152.
       18) Marx, Inauguraladresse  der Internationalen  Arbeiterassozia-
       tion, a. a. O., S. 10 f.
       19) Dieter Groh,  Negative Integration  und revolutionärer Atten-
       tismus. Die  deutsche Sozialdemokratie  am  Vorabend  des  Ersten
       Weltkrieges. Frankfurt/M. und Berlin 1973.
       20) W.I. Lenin,  Der "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im
       Kommunismus, LW 31, S. 31 ff.
       21) Ebd., S. 35 (Hervorhebungen: Lenin.)
       22) Dabei muß  allerdings bedacht werden, daß die antisozialisti-
       sche, ja reaktionäre Funktion, die Gewerkschaftsführungen 1918/19
       spielten, durchaus  wiederholbar ist.  Vgl. etwa  die jahrzehnte-
       lange Dominanz  George Meanys  in der  US-amerikanischen  Gewerk-
       schaftsbewegung.
       23) Vgl. hierzu Josef Schleifstein, Die "Sozialfaschismus"-These.
       Zu ihrem geschichtlichen Hintergrund. Frankfurt/M. 1980.
       24) Lenin, Der  "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kom-
       munismus, a.a.O., S. 40.
       25) Ebd., S. 39 f.
       26) Leitsätze über  die Bedingungen  der Aufnahme in die Kommuni-
       stische Internationale, in: Der zweite Kongreß der Komunistischen
       Internationale. Protokoll  der Verhandlungen  vom 19. Juli in Pe-
       trograd und  vom 23.  Juli bis  7. August 1920 in Moskau. Hamburg
       1921. Nachdruck Erlangen 1972, S. 391 f.
       27) Zur Differenzierung  des "Opportunismus"-Begriffs  vgl. auch:
       Josef Schleifstein,  Schlußbemerkungen in der Arbeitsgemeinschaft
       IV, in:  Friedrich Engels,  Denker und  Revolutionär. Materialien
       der internationalen  theoretischen Konferenz  zum 150. Geburtstag
       von Friedrich  Engels, veranstaltet von der Deutschen Kommunisti-
       schen Partei  am 28.  und 29.  November 1970 in Wuppertal. Frank-
       furt/M. 1971, S. 219 ff.
       28) Vgl. Herbert Gottwald, Gesamtverband der christlichen Gewerk-
       schaften Deutschlands  (GCG) 1901-1933. In: Die bürgerlichen Par-
       teien in  Deutschland. Handbuch  der Geschichte  der bürgerlichen
       Parteien und  anderer bürgerlicher  Interessenorganisationen  vom
       Vormärz bis  zum Jahre  1945. Band  II., Westberlin  1974, S. 113
       ff.;  Wolfgang   Schröder  und   Peter  Haferstroh,  Verband  der
       Deutschen Gewerkvereine  (Hirsch-Duncker) (VDG)  1869-1933, ebd.,
       Band II, S. 684 ff.
       29) Lothar Peter,  Überlegungen zur  Analyse der  RGO-Politik  am
       Ende der  Weimarer Republik,  in: Frank  Deppe, Willi  Gerns  und
       Heinz  Jung   (Hrsg.),  Marxismus   und  Arbeiterbewegung.  Josef
       Schleifstein zum 65. Geburtstag. Frankfurt/M. 1980, S. 40 ff.
       30) Die Brüsseler  Konferenz der  KPD (3."15. Oktober 1935). Her-
       ausgegeben und  eingeleitet von  Klaus Mammach. Berlin 1975. Vgl.
       S. 69; 107 ff.; 326 f.; 385 f.
       31) Friedrich Engels, Einleitung (zu Karl Marx' "Klassenkämpfe in
       Frankreich 1848 bis 1850" [1895]) MEW 22, S. 523.
       

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