Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       NEUE ÖKONOMISCHE KRISENTENDENZEN IM KAPITALISMUS
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       Ein Literaturbericht
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       Jörg Goldberg
       
       1. Die  veränderten Bedingungen  der Profitproduktion - 2. Krisen
       als Verteilungsproblem  - 3. Die Rolle von Monopolen im Akkumula-
       tionsprozeß -  4. Der  Weltmarkt als  Krisenfaktor - 5. Überindu-
       strialisierung und Strukturkrise - 6. Staatliche Wirtschaftspoli-
       tik und  Wirtschaftskrisen -  7. "Lange  Wellen" und  technischer
       Fortschritt.
       
       Spätestens seit der Krise 1974/75 ist für alle entwickelten kapi-
       talistischen Länder  eine Verlangsamung des globalen Wirtschafts-
       wachstums zu  konstatieren. Die zyklischen Krisen scheinen tiefer
       zu werden,  konjunkturelle Belebungen verlaufen schwächer und zö-
       gernder. Begleitet  wird die  Veränderung der ökonomischen Grund-
       prozesse durch Dauerarbeitslosigkeit und Inflation.
       Sind diese Tendenzen in den 70er Jahren für alle kapitalistischen
       Länder typisch  gewesen, so  ist für  die Bundesrepublik  darüber
       hinaus die Tatsache bemerkenswert, daß diese in den 50er und 60er
       Jahren ein  fast ununterbrochenes  wirtschaftliches Wachstum ver-
       zeichnen konnte,  somit in  den ersten  beiden Jahrzehnten  ihrer
       Existenz eine gewisse Sonderrolle spielte. Für die 70er Jahre ist
       ein weitgehender Verlust dieser Ausnahmeposition zu registrieren.
       Im folgenden  Literaturbericht sollen  einige  Veröffentlichungen
       der jüngsten  Zeit aus der BRD *), die sich diesen Problemen wid-
       men, kritisch  analysiert werden. Es handelt sich um Autoren bzw.
       Autorengruppen mit  unterschiedlichen politischen  Standorten und
       um Arbeiten  mit unterschiedlichen konkreten Intentionen, mit un-
       terschiedlicher empirisch-analytischer  Reichweite und mit unter-
       schiedlicher theoretischer  Fundierung. Gemeinsam  ist ihnen, daß
       sie dem kapitalistischen System weitgehend kritisch gegenüberste-
       hen und z.T. mit marxistischen Ansätzen und mit marxistischem An-
       spruch arbeiten.  Mit Ausnahme  der Arbeit des den Gewerkschaften
       nahestehenden und  inzwischen zum  Mitglied des Sachverständigen-
       rates zur  Begutachtung  der  gesamtwirtschaftlichen  Entwicklung
       avancierten Ökonomen W. Glastetter, stammen alle hier vorgestell-
       ten Titel  aus den letzten beiden Jahren, sind also 1978 und 1979
       erschienen. Abgesehen  von einigen Beiträgen aus einem Sammelband
       zur Geschichte der BRD, sind in dieser Literaturübersicht die Ar-
       beiten marxistischer Ökonomen der BRD, die die Positionen der Mo-
       nopol- und  SMK-Theorie vertreten, nicht berücksichtigt. Die ent-
       sprechenden Analysen und theoretischen Argumentationen sind meist
       schon früher erschienen und / oder wurden in den vergangenen Aus-
       gaben der Jahrbücher schon dargestellt. 1)
       Es wird bei der Besprechung der Arbeiten nach Themenschwerpunkten
       vorgegangen, nicht nach Autoren oder Büchern. Dies schien dem Re-
       zensenten deshalb  nützlich, weil  so gleichzeitig  ein Überblick
       über inhaltliche Erklärungsansätze mitgeliefert wird.
       Wenn im folgenden nur die Aspekte berührt werden, die eine Trend-
       verlangsamung des  kapitalistischen Wirtschaftswachstums  betref-
       fen, so ist dies nicht zu trennen von der Diskussion über die Ur-
       sachen zyklischer  Wirtschaftskrisen: da  die Wirtschaftsentwick-
       lung im  Kapitalismus immer  eine zyklische Verlaufsform besitzt,
       äußert sich  die Vertiefung bzw. die Verlängerung zyklischer Kri-
       sen, die  Abschwächung von Aufschwungsphasen auch in einer Verän-
       derung langfristiger  Wachstumstendenzen. Eine  Vergrößerung  der
       Krisenhaftigkeit im zyklischen Verlauf ist also identisch mit ei-
       ner Wachstumsverlangsamung  bzw. mit Tendenzen der Stagnation. Da
       sich die  Literaturübersicht auf  die Darstellung  und Kritik der
       wichtigsten "Stagnationserklärungen" in den vorliegenden Arbeiten
       konzentriert, müssen  andere, durchaus  interessante Aspekte  der
       Veröffentlichungen unerwähnt bleiben.
       
       1. Die veränderten Bedingungen der Profitproduktion
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       Unter kapitalistischen  Produktionsbedingungen steht  die Verwer-
       tung des  Einzelkapitals im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Ent-
       wicklung, nicht  die Produktion  von Gebrauchswerten, sondern die
       Produktion von  Profit ist das Ziel. Das wirtschaftliche Wachstum
       im Kapitalismus  ist in  der einen oder anderen Form letztendlich
       immer eine Funktion der Produktionsbedingungen des Profits. Unter
       Abstraktion von  allen konkreten Erscheinungsformen der kapitali-
       stischen Produktionsweise in ihrer historischen Bestimmtheit wer-
       den diese aber von wenigen Faktoren bestimmt: von der organischen
       Zusammensetzung des  Kapitals (stofflich: vom Verhältnis zwischen
       Produktionsmitteln und  lebendiger  Arbeit)  und  von  der  Mehr-
       wertrate, dem Verhältnis von (unbezahlter) Mehrarbeit und notwen-
       diger (bezahlter) Arbeit.
       Es liegt daher nahe, eine Untersuchung ökonomischer Erscheinungen
       im Kapitalismus  zunächst auf  der Ebene dieser Faktoren anzuset-
       zen. Dabei  besteht bei  einigen Autoren  die Neigung  - auf  der
       Grundlage der  Marxschen Theorie  vom tendenziellen Fall der Pro-
       fitrate -  Veränderungen im  ökonomischen Erscheinungsbild unmit-
       telbar aus Veränderungen der genannten Bedingungen der Profitpro-
       duktion abzuleiten.  Dies steht vor allem bei Altvater / Hoffmann
       im Mittelpunkt.  Dabei soll das Problem, wie diese abstrakten Ka-
       tegorien empirisch gefüllt werden, hier nicht mehr behandelt wer-
       den. 2) Zentrale Aussage dieser Position ist: "Je höher die Kapi-
       talrentabilität und je höher die Profiterwartungen auf die Neuan-
       lage von  Kapital (Akkumulation), desto höher werden also die Ak-
       kumulationsquote und  -rate und  desto höher also auch die Wachs-
       tumsrate des Sozialprodukts sein." (97)
       Schon an  dieser Stelle wird allerdings die Problematik einer Po-
       sition deutlich,  die konkret-historische Entwicklungsprozesse im
       Kapitalismus unvermittelt  aus Veränderungen  in der  organischen
       Zusammensetzung des  Kapitals  und  der  Mehrwertrate  abzuleiten
       sucht. Denn  entscheidend ist  ja demnach das Verhältnis zwischen
       aktueller und erwarteter Profitrate, wobei - dies muß betont wer-
       den - immer der Standpunkt des Einzelkapitals maßgeblich ist. Die
       Profiterwartungen der  Einzelkapitale hängen aber von einer Viel-
       zahl von  Faktoren ab,  die nicht  unmittelbar mit der jeweiligen
       Wertzusammensetzung des  Kapitals und  der Mehrwertrate begründet
       werden können:  Profiterwartungen der Einzelkapitale und tatsäch-
       liche Verwertungsbedingungen  können auseinanderfallen und fallen
       in der historischen Tendenz notwendig auseinander. So ist der He-
       bel der  Einzelkapitale, den diese zur Verbesserung ihrer Verwer-
       tungsbedingungen ansetzen,  die Rationalisierung,  der Ersatz von
       lebendiger Arbeit durch Produktionsmittel, tatsächlich ein Moment
       für die Verschlechterung der Produktionsbedingungen von Profit.
       Es ist  schon deshalb  eine unzulässige Vereinfachung des eigenen
       Ansatzes, wenn  Altvater / Hoffmann die Verlangsamung des Akkumu-
       lationstempos und  des  Wirtschaftswachstums  der  Bundesrepublik
       zentral aus  der seit  Mitte der 50er Jahre tendenziell sinkenden
       Kapitalrentabilität (als  Indikator der Profitrate) ableiten. Die
       "Kapitalrentabilität" hängt  konkret-historisch zudem  nicht  nur
       von Kapitalzusammensetzung und Mehrwertrate ab, sondern von einer
       Vielzahl von Faktoren, bei denen z.B. der Auslastungsgrad der Ka-
       pazitäten, aber  auch (wie  Altvater /  Hoffmann selbst erwähnen)
       Übertragunsprozesse von  Profit durch  den internationalen Handel
       eine Rolle spielen.
       Die "politisch  unmittelbar relevante Fragestellung", ob die sin-
       kende Kapitalrentabilität  in erster  Linie eine Folge der verän-
       derten Kapitalzusammensetzung  oder eines  Anstiegs der Lohnquote
       ist (90),  ist daher auch eine unzulässige Vereinfachung des Pro-
       blems. Sie  schließt andere Erklärungen, z.B. den Wegfall von Ex-
       traprofiten bei  der Rohstoffbeschaffung,  immanente Tendenzen zu
       wachsender Verschwendung von Produktivkräften usw. praktisch aus.
       Die gestellte  Frage wird  von Altvater / Hoffmann auch nicht ab-
       schließend entschieden.  Es wird hervorgehoben, daß der Zwang zur
       Umwälzung der  Produktionsmethoden bis  in die 60er Jahre noch zu
       einem Anstieg  der Mehrwertrate  geführt hatte. Gleichzeitig aber
       wurden durch  diese Umwälzungen  auch Schranken  für eine Senkung
       der Lohnquote  und eine  weitere Steigerung  der Mehrwertrate ge-
       setzt: "So  werden die  Voraussetzungen der  hohen Mehrwerte nach
       und nach  zersetzt." (102)  In den  70er  Jahren  kommt  es  dann
       zunächst zu  einem so starken Anstieg der Lohnquote, daß auch die
       Mehrwertrate zurückgeht.  Diese Entwicklung  wird von  Altvater /
       Hoffmann vor  allem als Folge des zunehmenden Umfangs unprodukti-
       ver Arbeit gesehen.
       Aus dieser  Darstellung ergibt  sich die Frage, ob es dem Kapita-
       lismus durch den seit 1975/76 andauernden Prozeß der Umverteilung
       zugunsten der  Gewinne und die damit verbundene Senkung der Lohn-
       quote gelingen  kann, die  Kapitalrentabilität wieder  zu erhöhen
       und die  Stagnationstendenz zu  überwinden. Altvater  /  Hoffmann
       scheinen dies  zu verneinen,  da sie  eine Krisenlösung  -  durch
       quantitative Verschiebungen  der Lohn-Profit-Relation"  weder  in
       die eine  noch in  die andere  Richtung für wirksam halten. (399)
       Diese Auskunft muß aber unbefriedigend erscheinen, da vorher doch
       die Kategorie  der "Kapitalrentabilität"  im Mittelpunkt der Ana-
       lyse stand  und diese  nach der  Darstellung der Autoren durchaus
       durch "quantitative  Verschiebungen der Lohn-Profit-Relation" er-
       heblich beeinflußt wurde.
       Von einem  ähnlichen Ausgangspunkt  ausgehend -  der Untersuchung
       der Produktionsbedingungen des Profits - kommen die SOST zu etwas
       anderen Schlußfolgerungen.  Sie konstatieren  in der Tendenz eine
       steigende Kapitalzusammensetzung und eine steigende Mehrwertrate.
       In den  70er Jahren  kommt es zu einem Umbruch: während bis dahin
       eine beschleunigte  Akkumulation dafür  gesorgt hatte,  daß trotz
       sinkender Profitrate  die Masse  des produzierten  Mehrwerts noch
       steigt, bricht  "mit dem sechsten industriellen Zyklus in der BRD
       die einzig  mögliche Bewegungsform der antagonistischen Produkti-
       onsgesetze des Kapitals tendenziell auf". (52)
       Immerhin ist den Autoren bewußt: "Warum dieses Aufbrechen der Be-
       wegung gerade jetzt passiert, kann nicht allein aus der fallenden
       Profitrate erklärt  werden ."(53)  Zwar hatten  auch  Altvater  /
       Hoffmann neben den genannten Faktoren andere Momente aufgezählt -
       Weltmarkt, Inflation,  Monopole - sie hatten diese aber mit ihrem
       zentralen Ansatz,  der Entwicklung der Kapitalrentabilität, nicht
       vermittelt.
       Der notwendige  Schritt von der Untersuchung der allgemeinen Pro-
       duktionsbedingungen des Profits auf der Abstraktionsebene des er-
       sten Bandes  des -  Kapital" in  Richtung auf  deren konkrete Er-
       scheinungsformen wird  im Buch  der SOST  immerhin in einem Punkt
       getan: sie  untersuchen die  Verteilungsverhältnisse des  Profits
       zwischen industriellem  und Geldkapital und kommen zu dem Schluß,
       "daß innerhalb  des betrachteten  Zeitraums sich eine Veränderung
       im Verhältnis oder der Kräftekonstellation zwischen industriellen
       und kommerziellen Kapitalisten auf der einen Seite, Geldkapitali-
       sten oder Kapitalverleiher auf der anderen Seite in der Bundesre-
       publik vollzieht  ".(85/86) Nun  bleibt unklar, ob diese Entwick-
       lung als  Ursache oder  als Folge  der verlangsamten Akkumulation
       des produktiven  Kapitals gesehen wird: drückt das zunehmende Ge-
       wicht der  Geldkapitalisten, deren wachsender Anspruch an den Ge-
       samtprofit die  Verwertung des  produktiven Kapitals oder ist der
       steigende Anteil  des zinstragenden Kapitals einfach Ausdruck der
       fehlenden Anlagemöglichkeiten im produktiven Kapital?
       Es finden sich hier Ansätze zur Vermittlung ihrer These eines zu-
       nehmenden Gewichts  des Geldkapitals mit weiter unten dargestell-
       ten Monopolerklärungen - eine Behauptung, die von den Autoren der
       SOST sicher  vehement zurückgewiesen  würde.  Allerdings  erweist
       sich ihre  Abgrenzung von  der Theorie des staatsmonopolistischen
       Kapitalismus, um  die sich  diese Autorengruppe  explizit bemüht,
       als immer  weniger glaubwürdig, müssen sie in der Praxis doch die
       gleichen Strukturveränderungen des Kapitalismus konstatieren, von
       denen auch  die SMK-Theorie ausgeht. So mutet es etwas krampfhaft
       an, wenn einerseits die wachsende Rolle des Geldkapitals als Fak-
       tor der Wachstumsverlangsamung angeführt und andererseits die Be-
       deutung des  Finanzkapitals für  den Verlauf des kapitalistischen
       Reproduktionsprozesses als  bestenfalls am  Rande interessant be-
       zeichnet wird.
       Begründet wird dies mit dem Hinweis, das Bank- und Versicherungs-
       kapital, die  Vermittlungsinstanz des Geldkapitals, könne nur we-
       niger als fünf Prozent des Gesamtprofits auf sich ziehen. Wie die
       Autoren aber selbst wissen, geht es bei der Kategorie des Finanz-
       kapitals nicht  bloß um  eine "Suprematie  der Banken etc." (92),
       sondern um  die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital. Die
       Gewinne der  Banken spielen  daher keineswegs  die zentrale Rolle
       und können infolgedessen auch nicht als Indikator für das gesamt-
       wirtschaftliche Gewicht des Finanzkapitals betrachtet werden.
       Wenn die  SOST konstatieren:  "Das größere  und überproportionell
       wachsende Volumen  der gesamten  Vermögenseinkommen landet in den
       Taschen der  bloßen Kapitaleigentümer" (92), so ist hinzuzufügen,
       daß zu diesen "bloßen" Kapitaleigentümern eben auch Teile des In-
       dustriekapitals gehören, nämlich vor allem die Monopole, die sich
       - wie Analysen zeigen - in immer stärkerem Maße als Geldkapitali-
       sten betätigen. 3)
       Ähnlich krampfhaft  erscheinen die  Bemühungen um eine Abgrenzung
       von der "Monopoltheorie " auch bei Altvater·/ Hoffmann. Diese se-
       hen zwar  einerseits die  große Bedeutung  der Konzentration  und
       Zentralisation des  Kapitals für den Reproduktionsprozeß und räu-
       men ein,  daß die  großen Kapitale  sich insgesamt  Vorteile ver-
       schaffen können. Es wird die Monopolisierung als wichtiges Moment
       der Strukturveränderungen  des Kapitalismus  erkannt,  allerdings
       nicht als bestimmendes Moment einer Entwicklungsphase des Kapita-
       lismus begriffen.  Die Begründung für diese Haltung klingt aller-
       dings wenig  überzeugend: "In  den Grenzen des Monopolprofits je-
       denfalls wird  entgegen den Annahmen der Monopoltheorie deutlich,
       daß auch  die Monopole  den Bedingungen  der Kapitalreproduktion,
       wie sie  durch das Wertgesetz reguliert werden, unterworfen blei-
       ben." (154)  Ganz abgesehen davon, daß es durchaus empirische Be-
       lege für die von Altvater / Hoffmann bestrittene dauerhafte Über-
       durchschnittlichkeit monopolistischer  Profitraten gibt  4), wird
       kein marxistischer "Monopoltheoretiker" behaupten, Monopole stün-
       den außerhalb der Bedingungen der Kapitalreproduktion. Indem Alt-
       vater /  Hoffmann, aber  auch die SOST der SMK-Theorie unterstel-
       len, sie  ginge von einer Unabhängigkeit der Monopole von den Be-
       wegungsgesetzen der  kapitalistischen Produktionweise  aus,  wird
       ein 'Pappkamerad'  aufgebaut, den  abzuschießen dann  wenig  Mühe
       macht.
       Die genannten  Autoren beschreiben  in vielen Punkten richtig die
       Wirkungen von Konzentration und Zentralisation und der Herausbil-
       dung des  Finanzkapitals, scheuen  sich aber, diese Veränderungen
       auf den Begriff zu bringen.
       
       2. Krisen als Verteilungsproblem
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       Krisen und  Stagnationstendenzen werden in den oben dargestellten
       Positionen im  Kern aus  veränderten  Produktionsbedingungen  des
       Profits abgeleitet,  wobei teilweise  übersehen wird, daß die für
       das Einzelkapital  empirisch sichtbare  Profitrate nicht  nur von
       der gesellschaftlich-durchschnittlichen Zusammensetzung des Kapi-
       tals und der Mehrwertrate abhängt, sondern konkret-historisch von
       einer Vielzahl von Faktoren. Dabei spielt das Verhältnis von Pro-
       duktion und  Realisierung eine  wichtige Rolle. Eine Untersuchung
       der Produktionsbedingungen  des Profits  reicht für  eine Analyse
       also nicht  aus, es ist der Zusammenhang von Profitproduktion und
       Profitrealisierung zu untersuchen.
       Dieser Realisierungsaspekt steht bei Zinn im Mittelpunkt, der die
       Auswirkungen von  Ungleichgewichten auf dem Markt auf die Verwer-
       tung des Kapitals als Hauptursache von Profitproblemen sieht.
       Dabei geht  Zinn explizit  davon aus,  daß die in der Theorie des
       tendenziellen Falls  der Profitrate  im Mittelpunkt stehende Ten-
       denz zur  wachsenden organischen  Zusammensetzung von Kapital nur
       zeitweilig existiert: "Denn der technische Fortschritt verbilligt
       auch die Produktionsmittelproduktion, so daß auch das bereits in-
       vestierte Kapital mit dem aus Abschreibungen finanzierten Erneue-
       rungsprozeß im  Wert sinkt."  (35) Dies  wird allerdings von Marx
       nicht bestritten: es ist dies eine dem Fall der Profitrate entge-
       genwirkende, ihn  aber nicht  außer Kraft  setzende Tendenz.  Die
       Steigerung der Produktivkraft der Arbeit verbilligt die Produkti-
       onsmittel ähnlich  wie die  Konsumtionsmittel.  Entscheidend  ist
       aber, daß die Methoden zur Erhöhung der Produktivkraft nach Marx'
       Ansicht in  der Tendenz  mit einer vergrößerten Anwendung von ge-
       ronnener im  Verhältnis zur lebendigen Arbeit verbunden ist, d.h.
       die Verbilligung der Produktionsmittel wird in ihren Auswirkungen
       auf die  Kapitalzusammensetzung durch  eine vergrößerte Anwendung
       überkompensiert.
       Die Probleme des Kapitalismus liegen nach Zinns Ansicht auf einem
       anderen Gebiet:  <?>sen unproblematisch  sein, denn  entsprechend
       der hohen  Konsumquote  könnte  eine  niedrige  Investitionsquote
       wirtschaftspolitisch  festgelegt  werden.  Da  aber  die  kapita-
       listische denen  Produktionskapazitäten müssen im Gleichgewichts-
       zustand durch  die vorhandene Nachfrage ausgelastet werden, wobei
       die Investitionsnachfrage  sowohl über  den  Umfang  der  Gesamt-
       nachfrage als  auch über  den Umfang  der  Produktionskapazitäten
       entscheidet. Unter  kapitalistischen Bedingungen profitabhängiger
       Investitionen impliziert das "Kapazitätsgleichgewicht" zusätzlich
       ein bestimmtes  "Verteilungsgleichgewicht".  Dabei  kommt  es  zu
       einem "Lohn-Profit-Dilemma".  (38) Eine  hohe  Lohnquote  gewähr-
       leistet zwar  eine günstige  Auslastung der Kapazitäten, ist aber
       notwendig mit  einer niedrigen  Profitquote verbunden. Dies würde
       unter nicht-kapitalistischen Produktionsverhältnissen unproblema-
       tisch sein,  denn entsprechend  der hohen Konsumquote könnte eine
       niedrige   Investitionsquote    wirtschaftspolitisch   festgelegt
       werden. Da  aber die kapitalistische Investitionsfunktion gewinn-
       abhängig ist,  führt eine  niedrige Profitquote  zum Abbruch  der
       Investitionstätigkeit  und   so  wiederum   zur  Verletzung   des
       Kapazitätsgleichgewichts.  Umgekehrt  aber  ist  auch  eine  hohe
       Profitquote  kein   Gleichgewichtsgarant,  da   diese  mit  einer
       niedrigen Lohn-  und Konsumquote  verbunden ist.  Die  durch  die
       hohen Profite  hervorgerufenen Investitionen  können nicht ausge-
       lastet werden,  es kommt  zu einem  auslastungsbedingten  Profit-
       verfall. Zinn  möchte zeigen,  "daß bei  plausiblen Annahmen  zur
       Konsum- und  Investitionsentwicklung einerseits  und  den  Renta-
       bilitätsanforderungen andererseits  kein lösbares Gleichgewichts-
       modell konstruierbar ist." (74)
       Dies übersieht allerdings, daß die zyklische Krise, die Zinn nach
       Ansicht des  Rezensenten hier  in wesentlichen Punkten zutreffend
       erklärt, selbst  das Instrument zur Herstellung des notwendigen -
       Gleichgewichts" ist.  Die Krise vernichtet Kapital und damit auch
       - relativ zur Gesamtnachfrage - Produktionskapazitäten und stellt
       eine hohe  Profitquote wieder  her, gewährleistet also zeitweilig
       das notwendige  Kapazitäts- und Verteilungsgleichgewicht als Aus-
       gangspunkt eines  neuen Aufschwungs.  Zu klären  wäre, warum  die
       Krisen gegenwärtig diese Gleichgewichtsfunktion nicht mehr zurei-
       chend ausfüllen, so daß es auch im Aufschwung zu Massenarbeitslo-
       sigkeit und unausgelasteten Kapazitäten kommt.
       Zur Erklärung dieser Erscheinung bezieht Huffschmid die Produkti-
       onsbedingungen des  Profits ein, die von Zinn vernachlässigt wer-
       den. Auch  bei Huffschmid  wird "der  Grund der zyklischen Krise"
       darin gesehen,  - daß die Unternehmen unter dem Zwang zur Akkumu-
       lation einen Produktionsmittelbestand schaffen, dessen volle Aus-
       lastung eine  Produktmenge hervorbringen würde, die wegen der zu-
       rückgebliebenen Konsumnachfrage  nicht mehr profitabel zu verkau-
       fen ist".  (52) Gleichzeitig wird aber darauf verwiesen, daß eine
       Folge der  Akkumulation ein  Anwachsen des Kapitalstocks ist, der
       zu seiner  Verwertung immer höherer Profite bedarf. Unter der An-
       nahme steigender Kapitalintensität muß der Anteil des der Verwer-
       tung dienenden Teils des gesellschaftlichen Neuprodukts, d.h. die
       Profitquote zunehmen,  soll eine  auch nur  gleichbleibende  Pro-
       fitrate erreicht  werden. Die  Konsumquote muß  also sinken,  was
       gleichzeitig die Auslastungsprobleme verschärft. Eine solche Ent-
       wicklung würde  in der Tendenz dazu führen, daß die die Gleichge-
       wichtsbedingungen zeitweilig  wiederherstellenden  Krisen  tiefer
       werden müßten.  Da Krisen  aber nicht  nur einen positiven Reini-
       gungseffekt haben,  sondern auch destruktive Wirkungen entfalten,
       würde sich  daraus auch  in der  Tendenz eine  Zunahme der  wirt-
       schaftlichen Schwierigkeiten des Kapitalismus ergeben.
       Da Zinn eine generelle Tendenz zur Zunahme der organischen Zusam-
       mensetzung des  Kapitals nicht für wahrscheinlich hält, begründet
       er die auch von ihm gesehene Tendenz zu zunehmender Labilität der
       Gleichgewichtsbedingungen im  Kapitalismus allein  aus Widersprü-
       chen der Profitrealisierung.
       Der "Niedergang  des Profits" ist vor allem Folge eines gestörten
       "Kapazitätsgleichgewichts". Dabei  geht er davon aus, daß die In-
       vestitionstätigkeit  einerseits   zeitweilig  die  Nachfragelücke
       schließt, andererseits  infolge des damit verbundenen Kapazitäts-
       erweiterungseffekts aber neue Ungleichgewichte schafft. Die Tiefe
       der Disproportionen hängt also wesentlich mit dem Verhältnis zwi-
       schen Nachfrageeffekt  und Kapizitätserweiterungseffekt der Inve-
       stitionen zusammen:  Da der  technische Fortschritt  nach Ansicht
       von Zinn die Effektivität der Investitionen erhöht, vergrößert er
       auch die  Ungleichgewichte: "Je größer der marginale Kapitalkoef-
       fizient, d. h. je kleiner die marginale Kapitalproduktivität, de-
       sto höher die geplante Investition. Betrachtet man nur diesen Zu-
       sammenhang, so  wäre in  einer Situation mit unzureichender Inve-
       stitionstätigkeit die  kapitalistische Wirtschaft  um so  stärker
       von Kontraktion  und Krisen bedroht, je effizienter die modernste
       Produktionstechnik, die  sich im  marginalen Kapitalkoeffizienten
       darstellt." (44)
       Unter diesem  Gesichtspunkt wäre  ein Rationalisierungsschub  bei
       einer insgesamt  ungünstigen Konstellation  der Märkte  der Grund
       dafür, daß  die die  Krise verursachende  Disproportion  zwischen
       Produktion und  Konsum auch  dann nicht  überwunden werden  kann,
       wenn die Profitquote ansteigt: die vom Unternehmer geplante Kapa-
       zitätszunahme erfordert  relativ geringere Investitionsmittel, so
       daß die  zusätzliche Investitionsnachfrage nicht ausreicht, um zu
       einer auch  nur vorübergehenden vollen Auslastung der existieren-
       den Kapazitäten zu führen. Oder umgekehrt: Eine die Disproportion
       zwischen Konsum  und Produktion zeitweilig überbrückende Investi-
       tionsnachfrage würde  zu einem  beschleunigten  Kapazitätszuwachs
       führen und  eine erneute  Lücke zwischen  Kapazitäten und Gesamt-
       nachfrage öffnen.  "Überspitzt läßt sich sagen, daß Unterbeschäf-
       tigung und  Krise um  so wahrscheinlicher  werden, je stärker die
       technische Kapitalproduktivität steigt..." (49)
       Als 'Lösung' dieses Dilemmas auf kapitalistischer Grundlage sieht
       Zinn eine  Tendenz zum  "Industriefeudalismus". Auf die eine oder
       andere Art  muß dafür  gesorgt werden, daß die zur Verwertung des
       eingesetzten Kapitals  'notwendigen' Profite,  die wegen des feh-
       lenden "Kapazitätsgleichgewichts" nicht investiert werden, trotz-
       dem nachfragewirksam  werden. Zinn  sieht infolgedessen  die Ten-
       denz, immer  größere Teile  des gesellschaftlichen Neuprodukts in
       Form von  Luxuskonsum, von  unproduktiven Ausgaben  zu verwenden.
       Allerdings hält  er eine "industriefeudalistische Lösung" für po-
       litisch nicht  durchsetzbar, da sie ja auf eine Senkung der Lohn-
       quote bei  wachsender gesellschaftlicher  Verschwendung  auf  der
       Seite der  Kapitaleigner  hinausläuft.  Eine  solche  Entwicklung
       würde zwar  ein gewisses ökonomisches Gleichgewicht im Kapitalis-
       mus gewährleisten,  wäre allerdings  mit einer  zunehmenden  Ver-
       schwendung von Wachstumspotenzen verbunden.
       Interessant ist  immerhin, daß die Zunahme unproduktiver Bereiche
       von allen  Autoren als kennzeichnend für die Entwicklung der 70er
       Jahre gesehen wird: Altvater / Hoffmann begreifen die Zunahme un-
       produktiver  Arbeit  als  Ursache  einer  hohen  Lohnquote,  SOST
       spricht vom  zunehmenden  Gewicht  des  Geldkapitals,  Huffschmid
       weist auf monopolistische - unproduktive - Profitverwendungsstra-
       tegien hin.  "Industriefeudalismus" als Ursache von Wachstumsver-
       langsamung setzt  allerdings eine veränderte Struktur des Kapita-
       lismus voraus.  Zinn: "Das  industriefeudalistische Szenario  ist
       natürlich historisch schief. Denn Industriefeudalismus im eigent-
       lichen Sinne hieße ja, daß die Kapitaleigner auf die Akkumulation
       verzichteten, ihre  Einkommen nicht mehrwertschaffend einsetzten,
       sondern -  wie im vorindustriellen Feudalismus - als Quelle ihres
       üppigen Konsums  begriffen." (81)  Dies setzt eine Situation vor-
       aus, in  der eine beschleunigte Akkumulation von Kapital von Ein-
       zelkapitalisten nicht  mehr als  Instrument zur Erhöhung des Pro-
       fits angesehen werden kann.
       
       3. Die Rolle von Monopolen im Akkumulationsprozeß
       -------------------------------------------------
       
       Der Prozeß  der Konzentration und Zentralisation des Kapitals als
       unternehmerische  Gegenstrategie   gegen  Profitratenverfall  und
       Überakkumulation wird  von den  meisten Autoren als Vorgang gese-
       hen, der  die Instabilität des Kapitalismus vergrößert. Dies gilt
       auch für  Altvater / Hoffmann, die das Monopol aber nicht als be-
       stimmende Kategorie des Reproduktionsprozesses akzeptieren.
       Eine zentrale  Rolle bei  der Erklärung  der Entwicklung der 70er
       Jahre spielt  es vor allem bei Huffschmid. Der Prozeß der Heraus-
       bildung von  Monopolen als Strukturdifferenzierung im Gesamtkapi-
       tal ist für ihn ein wesentliches Moment der Entwicklung der Kapi-
       talismus. Der Begriff der Strukturdifferenzierung ist dabei wich-
       tig: Im Gegensatz zur Darstellung der "Monopoltheorie" bei Altva-
       ter /  Hoffmann wird  der Monopolisierungsprozeß  nicht bloß  als
       Bildung immer  größerer und  immer weniger Einzelkapitale begrif-
       fen,  auch   der  nichtmonopolistische   Sektor  als  notwendiges
       'Milieu' reproduziert  sich. Nach  Ansicht von Huffschmid hat der
       Konzentrationsprozeß Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre eine
       neue Qualität erreicht. Etwa seit 1966/67 ist die Fusion, der Zu-
       sammenschluß selbständiger Unternehmen, die typische Erscheinung.
       Die marktbeherrschenden  Unternehmen haben  generell bessere  Zu-
       griffsmöglichkeiten auf die Bedingungen der Kapitalverwertung. In
       der Tendenz  gelingt es  den Monopolen,  sich einen größeren Teil
       des Gesamtprofits  anzueignen als es ihrer relativen Kapitalgröße
       entspricht, die  Akkumulationsfähigkeit des nichtmonopolistischen
       Kapitals wird dadurch gemindert.
       Dieser  überdurchschnittlich  beim  Monopolkapital  konzentrierte
       Profit wird jedoch nicht entsprechend in Form von Realkapital ak-
       kumuliert, würde  doch eine  den günstigen Verwertungsbedingungen
       entsprechende Erweiterung  der Produktionskapazitäten  die Preis-
       setzungsmacht der Monopole untergraben. Es wird also dort ein zu-
       nehmender Profitteil  in Form von Geldkapital bzw. von Kapitalex-
       port angelegt  und dem  inländischen Nachfragekreislauf entzogen.
       "In dem  Maße, wie  Profite in  überdurchschnittlichem Umfang bei
       den Monopolen zentralisiert und in unterdurchschnittlichem Umfang
       in reale Nachfrage transformiert werden, wird die zyklische Nach-
       frageschwäche dauerhaft verstärkt." (64) Selbst eine Verbesserung
       der Verwertungsbedingungen, wie sie in und durch die Krise herge-
       stellt zu  werden pflegt  - dies  gilt für die letzten Jahre seit
       1976 in  vollem Umfang  - wird also nicht zu einer entsprechenden
       Belebung der Akkumulation führen.
       Es wurde bereits oben vermerkt, daß fast alle Autoren die Konzen-
       tration und  Zentralisation des  Kapitals als  krisenverschärfend
       ansehen, auch dann, wenn sie die "Monopoltheorie" explizit ableh-
       nen. Dies vollzieht sich vor allem über eine Erklärung der Infla-
       tion. Altvater  / Hoffmann  konstatieren als  besonderes  Merkmal
       seit Mitte der 60erjahre die Tatsache, daß die Preise auch in zy-
       klischen Krisen  nicht mehr  sinken. Der  zyklische Preisrückgang
       aber ist  wichtig zur  Stabilisierung der realen Nachfrage in der
       Krise und  zur Auslastung  der Kapazitäten,  schafft also mit die
       Bedingungen für einen neuen Aufschwung. Die Hemmung dieses Mecha-
       nismus muß also Krisen vertiefen und verlängern. Altvater sieht -
       die Möglichkeit  der Inflation durch die Konstruktion des Geldsy-
       stems gegeben  - die  Ursache dieser  fehlenden Preisflexibilität
       nach unten  im zunehmenden  Fixkostenanteil: bei Produktionsrück-
       gang gehen die Stückkosten nicht mehr entsprechend zurück.
       Nun können die Folgen einer solchen Veränderung der Kapitalstruk-
       tur in Richtung auf einen höheren Fixkostenanteil unterschiedlich
       sein: Bei  Funktionsfähigkeit der  'freien Konkurrenz' würden die
       Preise trotzdem  zurückgehen, die Verluste hätten die Einzelkapi-
       tale zur tragen. Oder aber die Kapitale gehen zu einem abgestimm-
       ten Preisverhalten  über, d.h.  sie wenden monopolistische Preis-
       strategien an. Da sich Altvater / Hoffmann mit dieser Inflations-
       erklärung in  große Nähe  zur SMK-Theorie  begeben, versuchen sie
       sich durch  folgenden Satz abzugrenzen: "Es muß hier aber hervor-
       gehoben werden,  daß der  Zwang zur  Preiserhöhung gerade  in der
       Krise aus  der Kapitalstruktur, wie sie sich im Verlauf der Akku-
       mulation herausgebildet  hat, folgt  und daß  die Macht des Mono-
       pols, d.h.  umgekehrt formuliert:  die eingeschränkte  Konkurrenz
       eine Bedingung  (und nicht  die Ursache)  dafür ist,  daß  diesem
       Zwang Rechnung  getragen werden kann. Darüber hinaus ergeben sich
       aber handfeste Grenzen für die Preiserhöhungsspielräume der Mono-
       pole." (194)
       Real bleibt  allerdings als  Kritik an  der "Monopoltheorie" auch
       hier nur  noch recht wenig übrig: ist es doch gerade ihr Bemühen,
       die Herausbildung der Monopole als gesetzmäßige Folge des kapita-
       listischen  Akkumulationsprozesses  herauszuarbeiten,  wobei  der
       steigende Anteil des fixen Kapitals ein wichtiges Moment ist. Und
       die Feststellung, daß es "Grenzen" für monopolistische Preiserhö-
       hungen gibt, ist - auch wenn diese als "handfest" bezeichnet wer-
       den - nur eine Banalität, die niemand bestreitet.
       Ähnliche Inflationserklärungen  finden sich auch bei Zinn und bei
       Müller /  Rödel. Zinn  führt als  Begründung auch die hohe Fixko-
       stenbelastung an,  betont aber:  "Jedoch läßt  sich  ein  solches
       Preisverhalten nur  dann realisieren,  wenn  keine  idealtypische
       Preiskonkurrenz besteht, d.h. anomale Preisreaktionen setzen mehr
       oder weniger  monopolisierte Märkte voraus." (18) Als Widerspruch
       kann dabei auffallen, daß Zinn die Inflation als relativ neue Er-
       scheinung zwar mit der hohen Fixkostenbelastung erklärt, anderer-
       seits aber  eine Tendenz  zur steigenden organischen Zusammenset-
       zung des Kapitals nicht sieht. Auch bei Müller / Rödel, die eben-
       falls die  Marxsche Grundannahme  eines mit dem technischen Fort-
       schritt verbundenen  Ersatzes von lebendiger Arbeit durch Produk-
       tionsmittel für  "unbewiesen" (29)  halten, wird andererseits die
       Inflation mit  der hohen  Fixkostenbelastung  in  Verbindung  ge-
       bracht.
       Im Begründungszusammenhang von Zinn sind inflationistische Umver-
       teilungsstrategien Momente  zur  Vergrößerung  des  Kapazitätsun-
       gleichgewichts, sie  mindern die  zur Auslastung  der Kapazitäten
       notwendige Konsumnachfrage.  Auch Müller / Rödel gehen davon aus,
       - daß  das System  der Güterpreise in kurzfristiger Sicht weitge-
       hend unabhängig von Marktungleichgewichten bestimmt ist und somit
       seine Marktregulierungsfunktion  kaum noch  existiert". (53)  Die
       Profitansprüche der  Unternehmer können  in der Regel durch einen
       Profitaufschlag auf die Kosten realisiert werden. Dies vergrößert
       die Instabilität  des gesamten  Systems,  die  durch  einzelwirt-
       schaftliche Reaktionen  gekennzeichnet ist,  die das  gesamtwirt-
       schaftliche Gleichgewicht  immer weiter zerstören: Bei rückläufi-
       ger Nachfrage  werden die  Preise nicht entsprechend gesenkt, die
       Kapazitätsauslastung sinkt  weiter und  ruft auf  dem Umweg  über
       verringerte Investitionen  einen weiteren  Nachfragerückgang her-
       vor.
       
       4. Der Weltmarkt als Krisenfaktor
       ---------------------------------
       
       Die veränderte  Weltmarktsituation als  Moment der  Wachstumsver-
       langsamung gilt den meisten Autoren vor allem als wichtiger Grund
       für den  Verlust der relativen Sonderposition der Bundesrepublik.
       Der Beitrag  von Boris  beschäftigt sich  ausschließlich mit  der
       Weltmarkteinbindung der Bundesrepublik, ein Aspekt, der in ökono-
       mischen Analysen  oft unterrepräsentiert  war. (156) Die günstige
       Weltmarktposition hatte  die Bundesrepublik  in den 50er und 60er
       Jahren vor tiefen Krisen bewahrt, die Veränderungen auf dem Welt-
       markt sind daher als ursächlich für die zunehmenden Schwierigkei-
       ten der  BRD zu  betrachten: "Letztlich  muß ein dauerhafter Han-
       delsbilanzüberschuß als  'Appropriation  fremder  Kaufkraft'  (W.
       Hofmann) angesehen  werden, der  sich unter anderem aus besonders
       günstigen Ausbeutungsbedingungen  im  eigenen  Land  erklärt:  er
       stellt gleichzeitig  eine Form  der Loslösung  der Produktion von
       der (nationalen)  Konsumtionskraft dar  ..." (173/174) Begünstigt
       durch niedrige Lohnkosten, günstige "Terms of Trade" und eine der
       raschen  Weltmarktexpansion  entsprechende  vorteilhafte  Export-
       struktur (Investitionsgüter)  konnte die  Bundesrepublik die  mit
       der vergleichsweise  niedrigen inländischen  Konsumnachfrage ver-
       bundenen Disproportionen  auf den Absatzmärkten umgehen, Konjunk-
       tureinbrüche abmildern und Belebungen beschleunigen.
       Dies war  insbesondere in  der Weltwirtschaftskrise 1974/75 nicht
       mehr der  Fall, wobei sich Grenzen der Außenhandelsexpansion aber
       schon  nach   1966/67  abzuzeichnen   begannen.  Dabei   muß  die
       "Tatsache, daß  die Krise  von 1974-76  mehr oder minder synchron
       alle entwickelten  kapitalistischen Länder erfaßte, als besonders
       wichtig für  ihre Dauer  und Tiefe angesehen werden". (189) Boris
       geht allerdings  nicht auf  die Frage  ein, ob  es sich  dabei um
       einen historischen  Zufall handelt  oder ob  die Tendenz zur Syn-
       chronisierung der  Konjunkturen vorherrschend  ist. 5) Dies würde
       Rückschlüsse auch  auf längerfristige  Wachstumsperspektiven  des
       Kapitalismus zulassen.
       Neben diesem Aspekt nennt Boris aber mehrere andere Faktoren, die
       die außenwirtschaftliche Position der BRD in den 70er Jahren ver-
       schlechtert haben  und die weiterwirken. So hat der Zusammenbruch
       des Systems  von Bretton  Woods und die damit verbundene Höherbe-
       wertung der  DM der Ausweitung des Exportüberschusses Grenzen ge-
       setzt. Hinzu  kommt -  allerdings bisher  erst in  Ansätzen - die
       Folge des  seit 1966/67  verstärkten Kapitalexports:  Tendenziell
       werden dadurch Absatzmärke im Ausland durch ausländische Direkin-
       vestitionen ersetzt.  Auch die  veränderte Entwicklungsstrategie,
       die den  Entwicklungsländern eine "Partialindustrialisierung" zu-
       gesteht (182),  wird als  den Export begrenzender Faktor genannt,
       wobei Auswirkungen  allerdings erst  für die  Zukunft zu erwarten
       sind. Die  "Ölkrise" und  die Erhöhung der Rohölpreise wird eben-
       falls als "verstärkender Umstand " (189) der Krise genannt, wobei
       Boris dies  allerdings nicht näher darstellt. Im Kontext betrach-
       tet wird  die - Ölkrise" wohl vor allem als Moment der Synchroni-
       sierung der Konjunkturen gesehen.
       Während Boris  - ohne daß hier auf krisentheoretische Aspekte ex-
       plizit eingegangen  wird - den Nachfrageeffekt des Exports in den
       Mittelpunkt stellt,  gehen Altvater / Hoffmann auf den Export als
       Instrument zur  Erzielung von  Extraprofiten ein,  d. h.  auf die
       Auswirkungen für  die Produktion  bzw. die Aneignung des Profits.
       Während die  USA auf dem Weltmarkt Extraprofite erwirtschafteten,
       weil sie  einen Produktivitätsvorsprung  besaßen, gelang dies der
       Bundesrepublik infolge  ihres niedrigen Reallohnniveaus. Erst mit
       der Angleichung des Produktivitätsniveaus und der Lohnkosten ver-
       schwanden die  wechselseitigen Vorteile  und damit  auch die  Ex-
       traprofite. Der  Übergang zu  flexiblen Wechselkursen verringerte
       den Preisvorteil der Bundesrepublik weiter.
       Ähnlich sehen  die SOST  die Funktion  des Außenhandels: "Ein ge-
       wichtiger Grund  der Akkumulationskraft des BRD-Kapitals war aber
       in der  Vergangenheit die überproportionale Expansion des Exports
       - nicht nur dem Volumen nach, sondern hinsichtlich der unzweifel-
       haften Aneignung  von Mehrwertbestandteilen anderer Nationen, die
       sich aus der überlegenen Stellung der Konkurrenz ergab." (65) Die
       Synchronisierung der  Konjunkturzyklen hat diese Ausweichmöglich-
       keit verringert,  wobei die  SOST das  Vordringen Japans  auf den
       Weltmärkten als  ein den  Spielraum des  BRD-Kapitals  zusätzlich
       verringerndes Element betrachten.
       Eine gewisse  Schwäche in der Darstellung der Rolle des Außenhan-
       dels sowohl bei Altvater / Hoffmann als auch bei den SOST ist die
       Tatsache, daß  der Einflußfaktor  -  Extraprofite"  zwar  erwähnt
       wird, in der Analyse der Verwertungsbedingungen des Kapitals aber
       nicht mehr  auftaucht. Welche  Bedeutung  die  Aneignung  fremder
       Mehrwertbestandteile über  den Außenhandel für die Verwertungsbe-
       dingungen des  BRD-Kapitals besitzt, bleibt so völlig unklar, em-
       pirisch verschwindet dieses Moment in der Darstellung von organi-
       scher Zusammensetzung des Kapitals und Mehrwertrate.
       
       5. Überindustrialisierung und Strukturkrise
       -------------------------------------------
       
       Der Export  spielt auch  bei Glastetter  eine große Rolle, aller-
       dings ausschließlich  als Absatzfaktor,  Glastetters Arbeit  ver-
       steht sich  allerdings mehr  als systematische  Beschreibung  der
       Wirtschaftsentwicklung der  BRD denn  als Analyse,  wobei  einige
       spezifische Ursachenaussagen  nicht zu  übersehen sind. Die Krise
       in  der   Bundesrepublik  wird   von  Glastetter  vor  allem  als
       "Strukturkrise" gesehen,  als verpaßte  oder verspätete Anpassung
       der Produktionsstruktur  an die  neuen Bedingungen.  - Sicher ist
       aber dies: Die Bundesrepublik hat zu einem Zeitpunkt noch auf die
       Stabilität von  Rahmenbedingungen gesetzt, als diese abzubröckeln
       begannen. Als  sie sich ins Gegenteil verkehrten, war die bislang
       schwerste Nachkriegsrezession  in der  Wurzel angelegt;  man  war
       strukturpolitisch nicht  vorbereitet." (48) Glastetter sieht dies
       zwar nicht  als einzige Krisenursache, geht aber von der wachsen-
       den Bedeutung von Strukturproblemen aus.
       Das wichtigste Strukturproblem besteht seiner Ansicht nach in der
       überproportionalen Entwicklung  des  produzierenden  (sekundären)
       Sektors. Bei  der Herausbildung dieser Probleme spielt die zuneh-
       mende Außenhandelsverflechtung  eine wichtige Rolle: "Im Zuge der
       Exportbegünstigung wurden in der Binnenwirtschaft Kapazitäten ge-
       schaffen, die  nur noch  über den Export auszulasten sind." (209)
       Hinzu kommt die einseitige Struktur des Außenhandels, die Konzen-
       tration auf Investitionsgüter einerseits und die entwickelten ka-
       pitalistischen Industrieländer  andererseits: "Dies hat zur nahe-
       liegenden Konsequenz,  daß die  Bundesrepublik zunehmend 'auf Ge-
       deih und Verderb' an die wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse in
       eben diesen Industrieländern angebunden ist." (222/228) Die Welt-
       wirtschaftskrise hat  also die  Krise in der Bundesrepublik nicht
       verursacht, sondern hat nur die falsche Struktur offengelegt, die
       durch die  günstige Exportsituation  der BRD lange Zeit überdeckt
       worden war.
       Zwei Momente  stellt Glastetter  hier heraus:  Der "Ölschock" von
       1973 belastete  die Zahlungsbilanzen  der kapitalistischen  Indu-
       strieländer und  zwang sie  zu einer Politik der Nachfragedrosse-
       lung. Außerdem führte die "Weltwährungskrise" zu einer Aufwertung
       der DM  und machte lange gehegte Preisvorteile im Außenhandel zu-
       nichte. Als  ungeklärtes Problem  stellt sich bei der Lektüre von
       Glastetter die  Frage, inwieweit  die  veränderten  "Rahmenbedin-
       gungen" selbst  Folge veränderter  Bedingungen des Akkumulations-
       prozesses sind.  In seiner Darstellung scheint es sich nur um die
       Folge von besonderen Ereignissen ("Ölschock" usw.) zu handeln.
       Stellt Glastetter  die Strukturproblematik  hier als spezifisches
       Problem der  Bundesrepublik und  auch als Ergebnis einer falschen
       Wirtschaftspolitik dar,  so weist  Zinn auf  ein generell  größer
       werdendes Strukturungleichgewicht  hin. Die  Proportionierung der
       volkswirtschaftlichen Abteilungen ergibt sich immer nur als Folge
       der gegenwärtigen  Nachfrage. Da  aber seiner  Ansicht  nach  die
       "Ausreifungszeit von  (Groß-)Investitionen" (106) zunimmt, wächst
       die Gefahr von strukturellen Fehlentwicklungen. Der Marktmechnis-
       mus muß also auch aus diesem technologischen Grund versagen.
       Es sei hier daraufhingewiesen, daß die Annahme einer generell zu-
       nehmenden Ausreifungszeit der Investitionen in einem gewissen Wi-
       derspruch zu Zinns Annahme eines langfristig fallenden Kapitalko-
       effizienten steht, der auch bei steigender Lohnquote eine gleich-
       bleibende Kapitalrentabilität  garantiert. Selbst  wenn der Kapi-
       talkoeffizient bezogen  auf den übertragenen Teil des fixen Kapi-
       tals nicht ansteigt oder sogar zurückgeht, würde doch mit der Zu-
       nahme der "Ausreifungszeit" der Investitionen der Kapitalvorschuß
       wachsen, die  Kapitalumschlagszeit länger werden und so eine Ten-
       denz zur Senkung der Kapitalrentabilität mit sich bringen.
       
       6. Staatliche Wirtschaftspolitik und Wirschaftskrisen
       -----------------------------------------------------
       
       Die Bedeutung  staatlicher Wirtschaftspolitik für den Verlauf der
       kapitalistischen Reproduktionsprozesse  wird von  den Autoren un-
       terschiedlich eingeschätzt. Eine bestimmende Rolle für die verän-
       derte ökonomische  Situation der 70er Jahre wird ihr bei Glastet-
       ter und  (implizit) bei Müller / Rödel zugemessen. Müller / Rödel
       bestimmen die Instabilität des kapitalistischen Reproduktionspro-
       zesses ähnlich  wie Zinn,  glauben jedoch,  auf eine  Werttheorie
       ganz verzichten zu können.
       Völlig unbelegt  wird behauptet  : -  Auch unter  marxistisch ge-
       schulten Wissenschaftlern  beginnt sich  inzwischen mehr und mehr
       die Einsicht durchzusetzen, daß die Marxsche Werttheorie kein In-
       strument zur Analyse ökonomischer Krisentendenzen im Kapitalismus
       ist." (28/29)  Diese Behauptung  muß auch deshalb befremden, weil
       die Autoren  wenige Seiten  vorher die  Profitrate als  eine  der
       "zentralen Strukturvariablen"  der ökonomischen Krisentheorie be-
       trachten.
       Die Instabilität  des Kapitalismus  wird im Kern damit begründet,
       daß die  privaten, dezentralen  Entscheidungen der Einzelkapitale
       notwendig jede gesamtwirtschaftliche Rationalität zerstören. Denn
       jedes  existierende  gesamtwirtschaftliche  Ungleichgewicht,  das
       wesentlich als  Ungleichgewicht zwischen  Angebot  und  Nachfrage
       gekennzeichnet wird, wird durch die einzelwirtschaftlich rationa-
       len Entscheidungen der Kapitalisten immer weiter vergrößert.
       So führt  eine bestehende Unterauslastung der existierenden Kapa-
       zitäten zu  einer Einschränkung  der Investitionstätigkeit, einem
       weiteren Rückgang  der Nachfrage , einer weiter sinkenden Kapazi-
       tätsauslastung usw. Umgekehrt tendiert auch der Boom zu einer im-
       mer stärkeren  Investitionstätigkeit und einer beschleunigten Ex-
       pansion. "Endogene"  Umkehrpunkte solcher  Ungleichgewichte sehen
       die Autoren  im Grunde  nicht bzw.  nur beschränkt. "Die zentrale
       These dieser  Theorie lautet  ja, daß die sich am Auslastungsgrad
       orientierende Investitionsnachfrage  die Gesamtnachfrage  stärker
       bzw. schneller  verändert als  die Kapazität, die durch die Inve-
       stition gerade  an die  Gesamtnachfrage angepaßt  werden sollte."
       (144)
       Diese Darstellung stellt jedoch eine so starke Vereinfachung dar,
       daß sie  falsch wird. Denn eingehalten werden muß im Kapitalismus
       nicht nur  ein globales  Gleichgewicht  zwischen  Produktion  und
       Nachfrage, sondern auch eine bestimmte Proportionalität innerhalb
       von Produktion und Nachfrage. Es ist offensichtlich, daß eine ex-
       pandierende Investitionstätigkeit  im Aufschwung  schon dann ihre
       Grenzen findet,  wenn sie zu einer Störung der stofflich bestimm-
       ten Proportionalität zwischen den Abteilungen der gesellschaftli-
       chen Produktion  führt . Eine Expansion der Investitionsnachfrage
       führt zwar  zu einer  Vergrößerung des Auslastungsgrads der Inve-
       stitionsgüterindustrie, keineswegs aber entsprechend auch bei der
       Konsumgüterindustrie . Eine Ausweitung der Gesamtnachfrage garan-
       tiert noch  lange keine  Tendenz zu unbeschränkter Expansion: Mit
       entscheidend ist die Struktur dieser Nachfrage. Ebenso werden die
       zeitlichen Verschiebungen übersehen: Nachfrage- und Kapazitätsef-
       fekt einer Investition fallen auch zeitlich auseinander.
       Schließlich ist  auch die  Behauptung, daß  die Investitionsnach-
       frage die  Gesamtnachfrage stärker verändert als die Kapazitäten,
       in dieser Allgemeinheit falsch: Dies wird deutlich, wenn man sich
       die extreme  Situation einer  auf 0  gesunkenen Investitionsnach-
       frage vorstellt.  Ohne eine  weitere Veränderung  der Gesamtnach-
       frage gehen  die Kapazitäten  zurück. Diese  Feststellung hat für
       die Ableitung eines unteren "endogenen" Wendepunktes in der Krise
       eine große  Bedeutung: Der Rückgang der Investitionsnachfrage un-
       ter einen bestimmten Punkt verschlechtert zwar zunächst die Kapa-
       zitätsauslastung, reduziert  jedoch mit  Zeitverzögerung auch den
       Umfang der  Kapazitäten und  trägt so  zu ihrer  Anpassung an die
       langsamer als  die Investitionsnachfrage sinkende Gesamtnachfrage
       bei. In der Darstellung von Müller / Rödel verfügt der Kapitalis-
       mus aber über keinerlei "endogene" Mechanismen zur Begrenzung von
       Ungleichgewichten: die Krise trägt nicht zur Bereinigung von Dis-
       proportionen bei,  sondern trägt  in sich die Tendenz zur Selbst-
       verstärkung.
       Begrenzungen der  Ungleichgewichte ergeben  sich nur indirekt aus
       dem mit der Verschärfung der Krisen verbundenen Legitimationsver-
       lust des  Systems: Die  mit der  Aufgabe der  Systemerhaltung be-
       traute Institution, der Staat, sieht sich zu Eingriffen genötigt,
       die sich  für Müller / Rödel im Kern als antizyklische Nachfrage-
       steuerung darstellen.  Für die Bundesrepublik stellen die Autoren
       fest: "Insgesamt  zeigt sich also, daß die endogenen Instabilitä-
       ten des  Akkumulationsprozesses in  der BRD auch deshalb nicht in
       nach  Umfang   oder  Dauer   systemgefährdende   Ungleichgewichte
       ausufern konnten, weil es bisher der offiziellen Wirtschaftspoli-
       tik -  so sehr  sie auch zeitweise Instabilitäten verstärkt haben
       mag -  immer wieder  gelungen ist,  zusammen mit  einer günstigen
       Lage des Außenhandels Boomsituationen bzw. Rezessionen abzufangen
       und umzukehren." (169)
       In dieser  Darstellung muß  der Wirtschaftspolitik eine entschei-
       dende Rolle bei der Vergrößerung der Krisenhaftigkeit des Kapita-
       lismus zukommen.  Leider geht  die Arbeit  trotz ihres Titels auf
       diese Seite  kaum ein.  Erkennbar wird, daß die Autoren die Wirk-
       samkeit der  staatlichen Wirtschaftspolitik durch die Pole Infla-
       tion und  Rezession begrenzt  sehen.  Eine  expansiv  orientierte
       Wirtschaftspolitik begünstigt  die Inflation,  die  wiederum  die
       Geldverfassung und damit die Funktionsbedingungen des Akkumulati-
       onsprozesses  untergräbt.   Eine  antiinflatorisch  ausgerichtete
       Wirtschaftspolitik gefährdet  die Arbeitsplätze und damit die Le-
       gitimationsbasis des Systems.
       Auf jeden  Fall scheint die staatliche Wirtschaftspolitik aber im
       Kern nur  politischen, keinen  ökonomischen Beschränkungen zu un-
       terliegen, was  auch deren  Charakterisierung als "exogen" unter-
       streicht. Immerhin  kann zwischen Inflation und Rezession demnach
       gewählt werden,  was folgender  Satz ausdrückt: "Vielleicht hätte
       sich die Wirtschaftspolitik in der BRD mit einer stärkeren Rezes-
       sion zu Beginn der siebziger Jahre das harte Ausmaß der folgenden
       Rezession ersparen  können, wenn  es ihr damit gelungen wäre, die
       Inflation frühzeitig abzustoppen." (181)
       Bedauerlich bei der vorliegenden Arbeit ist die Tatsache, daß sie
       an dem  Punkt, an dem zur Erklärung "ökonomischer Krisentendenzen
       im gegenwärtigen Kapitalismus" übergegangen werden soll, die öko-
       nomische  Analyse   beendet  und   zu   "Vermutungen"   übergeht:
       "Jedenfalls ist  die Vermutung  nicht von der Hand zu weisen, daß
       die endogenen  ökonomischen Krisentendenzen  des kapitalistischen
       Akkumulationsprozesses auf Dauer immer wieder oder auch endgültig
       p o l i t i s c h e  Lösungen erfordern und schließlich durchset-
       zen." (182) Der Ansatz der Autoren wäre dann interessant gewesen,
       wenn sie aus den "endogenen" ökonomischen Tendenzen im Kapitalis-
       mus die Bedingungen der staatlichen Wirtschaftspolitik abgeleitet
       und untersucht hätten, wie sich Spielraum und Wirkungsweise unter
       den Verhältnissen  des "gegenwärtigen Kapitalismus" verändert ha-
       ben. So bleibt es der Phantasie des Lesers überlassen, ob die Au-
       toren aus  der Gleichzeitigkeit  von Inflation und Rezession, die
       zu einem wichtigen äußeren Merkmal des Kapitalismus geworden ist,
       eine zunehmende  Begrenzung der Steuerungskapazität des kapitali-
       stischen Staates  ableiten und  daher eine  "politische" - sprich
       System verändernde  - Lösung  am Horizont  erscheinen sehen  oder
       nicht.
       Weniger anspruchsvoll,  dafür aber klarer ist die Darstellung der
       Rolle staatlicher Wirtschaftspolitik im Zusammenhang mit den ver-
       änderten Wachstumsbedingungen  des Kapitalismus  bei  Glastetter.
       Obwohl er  sich klarer  Positionsnahmen enthält, mißt er doch der
       Wirtschaftspolitik erhebliche, wenn nicht entscheidende Bedeutung
       bei der  Erklärung wirtschaftlicher  Abläufe zu.  "Es stellt sich
       nämlich die Frage - sie bewegt seit gut einem Jahrhundert mit der
       Formel 'Macht  oder ökonomisches  Gesetz' die nationalökonomische
       Forschung -,  inwieweit die  im folgenden zu präsentierenden Ent-
       wicklungsverläufe das Ergebnis von ökonomischen Sachzwängen sind,
       oder ob letztendlich die Entwicklung ökonomischen Machteinflüssen
       unterliegt, die  den Ablaufprozeß  in eine bestimmte und gewollte
       Richtung drängen." (11) Kritisch ist anzumerken, daß diese Gegen-
       überstellung den  falschen Eindruck  erweckt,  als  beruhten  die
       "Marktgesetze" nicht  auf bestimmten  Machtverhältnissen, als äu-
       ßerten sich veränderte "Machtverhältnisse" nicht auch in Form von
       "Marktgesetzen". So läßt sich die Herausbildung von Monopolen nur
       als Ergebnis  "ökonomischer Sachzwänge" begreifen. Dies verändert
       zwar die  Wirkungsweise der "ökonomischen Gesetze", beseitigt sie
       aber nicht.  So stellt  sich im  Zusammenhang mit  der Tendenz zu
       Konzentration und  Zentralisation des  Kapitals nicht  die Frage,
       "ob entscheidende  Wirtschaftsgruppen noch  den  Markt-'Gesetzen'
       unterliegen" (12)  - dies  meint Glastetter", sondern wie sie die
       Funktionsweise der kapitalistischen - Sachzwänge" verändern.
       Glastetter nimmt  an: "Insofern  scheint die  Vermutung zumindest
       gerechtfertigt, daß  der im  folgenden darzustellende ökonomische
       Entwicklungsprozeß keinesfalls  mehr ausschließlich  als Ausdruck
       ökonomischer Sachzwänge interpretiert werden kann." (13) Angedeu-
       tet wird  die These  vom "politischen Konjunkturzyklus", der eine
       Folge entweder  von wirtschaftspolitischen  Fehlern oder aber von
       gezielten Maßnahmen  ist, durch den die Regierungen je nach poli-
       tischer Opportunität einen expansiven oder restriktiven Kurs fah-
       ren.
       Glastetter neigt  dazu, Fehlentwicklungen  auf eine grundsätzlich
       falsche Konstruktion der staatlichen Wirtschaftspolitik zurückzu-
       führen,  konkretisiert   durch  das  Verständnis  der  Krise  als
       "Strukturkrise". Diese These geht davon aus, "daß das konjunktur-
       politische Instrumentarium  der Globalsteuerung angesichts struk-
       tureller Verwerfungen (ex post) bzw. strukturpolitischer Aufgaben
       (ex ante) überhaupt nicht mehr in der Lage sei, Fehlentwicklungen
       zu verhindern".  (2)  Die  wirtschaftspolitische  Globalsteuerung
       steht zwischen  Inflation und  Rezession, kann  Fehlentwicklungen
       also nicht mehr vermeiden. Weil die Anpassungsfähigkeit des Mark-
       tes durch  strukturelle Veränderungen  im Lenkungsmechanismus des
       Systems gehemmt ist, muß eine global orientierte Wirtschaftspoli-
       tik, die  nicht strukturell gezielt eingreift, notwendig Fehlent-
       wicklungen in  die eine  (Inflation) oder  die  andere  (Arbeits-
       losigkeit) Richtung hervorrufen. Vor diesem Hintergrund erscheint
       die Krise  1974/75 - wie oben gezeigt - als Ergebnis aufgehäufter
       Strukturprobleme. Die  global orientierte  Wirtschaftspolitik hat
       dies nicht  erkannt und so durch falsche und überzogene Maßnahmen
       die wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch verstärkt.
       Gewisse Parallelen  in der  Darstellung der  Probleme staatlicher
       Wirtschaftspolitik hierzu  finden sich  auch bei den SOST: Obwohl
       sie ansonsten  bemüht sind,  die Bedeutungslosigkeit  des Staates
       für den  gegenwärtigen Reproduktionsprozeß  des Kapitalismus her-
       auszustreichen - immer im Kampf gegen die Theorie des staatsmono-
       polistischen Kapitalismus  - bemessen  sie hier  der  staatlichen
       Wirtschaftspolitik und deren Spielraum auf einmal wesentliche Be-
       deutung für  den ökonomischen Verlauf zu: Die Grenzen ihrer Wirk-
       samkeit in  der Gegenwart  werden -  ähnlich wie bei Glastetter -
       als Widerspruch zwischen dem Konsolidierungsbedarf und dem Steue-
       rungsbedarf der  staatlichen Wirtschaftspolitik  beschrieben. Die
       steigende Staatsverschuldung  setzt der antizyklischen Haushalts-
       politik Grenzen. (130)
       Beiden Positionen  (Glastetter und  SOST) gemeinsam  ist auch die
       Darstellung der  aktuellen Wirtschaftspolitik  als bloße  Politik
       der Globalsteuerung. Demgegenüber konstatieren Deppe und Jung zu-
       mindest seit  1973: "Die Strategie der herrschenden Klasse orien-
       tiert sich  bei allen  diesen Fragen  an einem Umstrukturierungs-
       und Modernisierungskonzept, nach dem die entwicklungs- und struk-
       turbestimmenden Industrie-  und Wirtschaftszweige  im Inland kon-
       zentriert bleiben und vor allem arbeitsintensive Industrieproduk-
       tionen mit  geringem Qualifikationsniveau  relativ schnell  redu-
       ziert werden  sollen. Dieses Konzept ist aber unter den gegenwär-
       tigen Bedingungen ohne tiefgreifende Krisenprozesse und monopoli-
       stische Konkurrenzkämpfe nicht zu realisieren." (478) So bemessen
       Deppe und  Jung ähnlich  wie die  genannten anderen  Autoren  der
       staatlichen Wirtschaftspolitik  eine krisenverschärfende Funktion
       zu. Anders  als bei  Glastetter und bei SOST wird dies aber nicht
       bloß als  Folge einer Hilflosigkeit der staatlichen Instanzen be-
       schrieben, die  zwischen Rezession und Inflation weitgehend hilf-
       los hin-  und herschwanken,  sondern als  Ausdruck eines bewußten
       Umstrukturierungskonzepts, das  eine Steigerung der internationa-
       len Konkurrenzfähigkeit des westdeutschen Kapitals im Auge hat.
       
       7. "Lange Wellen" und technischer Fortschritt
       ---------------------------------------------
       
       Die offensichtlich  überzyklische Veränderung  der  Wachstumsper-
       spektiven des  Kapitalismus in den 70er Jahren hat auch einer Po-
       sition wieder  Auftrieb gegeben, die die wirtschaftliche Entwick-
       lung des  Kapitalismus als Folge längerer Perioden beschleunigten
       bzw. verlangsamten Wachstums sieht. Dies zeigt offensichtlich der
       empirische Augenschein.  Wesentlich bei  der Theorie  der "langen
       Wellen" ist  aber sowohl  die Frage,  ob diese Wellen zyklisch in
       regelmäßigen Zeitabständen  verlaufen als  auch, ob es systemati-
       sche Ursachen gibt, die einen solchen "langen" Phasenwechsel her-
       vorrufen. Vor  allem der  technische Fortschritt  gilt dabei  als
       verursachendes Moment "langer Wellen" der Konjunktur. Als neueres
       Beispiel für  eine solche  Erklärung soll  hier ein  Artikel  von
       Kleinknecht angesprochen werden.
       Er geht  davon aus,  daß es  "eine  schubweise  Durchsetzung  von
       grundlegenden technischen Neuerungen ('Basisinnovationen')" (102)
       gibt. Dies  ist eine  der zentralen  Aussagen der Theorie "langer
       Wellen", wobei die Schwierigkeit darin besteht, die Ursachen die-
       ser Schübe  zu erklären.  Ähnlich wie Schumpeter 6) greift Klein-
       knecht als  Erklärung auf das "Verbummeln" von Innovationen durch
       die Einzelkapitalisten  zurück: in  Prosperitätsphasen haben  die
       Unternehmer es nicht nötig, das mit der Einführung von Innovatio-
       nen verbundene Risiko einzugehen; auf der existierenden technolo-
       gischen Grundlage lassen sich höhere Profitraten erwirtschaften.
       Eine "lange  Welle"  oder  -  wie  Kleinknecht  vorzieht  -  eine
       "Periode beschleunigten  Wachstums" (102)  beginnt also  mit  dem
       Übergang zu  neuen Produktionsmethoden,  vor allem mit der Schöp-
       fung neuer Produkte. Dabei ist der Anlaß die Suche nach neuen Ka-
       pitalanlagesphären, die  Kleinknecht vor allem als Produktinnova-
       tion sieht:  "Bei der  Mehrzahl der  Basisinnovationen handelt es
       sich jedoch um Produktinnovationen; mit ihrer Durchsetzung werden
       neue Anlagesphären  erschlossen, von  denen vermutet werden kann,
       daß sie  im  Vergleich  zum  gesamtwirtschaftlichen  Durchschnitt
       zunächst eine arbeitsintensivere Fertigung haben." (97)
       Kleinknecht geht  davon aus,  daß die Unternehmer dem Verfall der
       Profitrate durch  den Übergang  zu Produktionsmethoden  mit einer
       niedrigeren organischen  Zusammensetzung des Kapitals entgegenar-
       beiten: nimmt  man nicht  an, daß die Einzelkapitalisten sich die
       Darstellung des  Gesetzes des  tendenziellen Falls der Profitrate
       bei Marx  so zu  Herzen genommen  haben, daß  sie dementsprechend
       handeln, so  stellt sich die Frage, wieso der Kampf der Einzelka-
       pitale gegen  einen Fall der Profitrate ausgerechnet die Form ei-
       nes Übergangs  zu arbeitsintensiveren  Fertigungsmethoden  nehmen
       muß.
       Kleinknecht versucht  dieses Problem folgendermaßen zu lösen: die
       "erste Produktgeneration"  wird normalerweise  in kleinen  Serien
       produziert, weil die Risiken, ob die neuen Produkte am Markt ein-
       schlagen, noch  zu groß sind. Die Unternehmer scheuen deshalb die
       Fixierung von  großen Kapitalmengen  und beginnen mit einer risi-
       koärmeren, arbeitsintensiveren Produktion. Dies senkt die organi-
       sche Zusammensetzung  des Kapitals  und steigert  die Profitrate.
       Mit der  Einführung der  neuen Produkte  erfolgt ein progressives
       Produktionswachstum,  Produktivitätsgewinne   und  Preissenkungen
       werden möglich.  "Mit dem  Trend zur  Standardisierung der  neuen
       Produktionen stieg  jedoch die organische Zusammensetzung auch in
       diesen Industrien  allmählich an."  (99) Die Tendenz zum Fall der
       Profitrate, die  durch den Übergang zu neuen, arbeitsintensiveren
       Produkten zunächst  unterbrochen worden  war, setzt  sich  wieder
       durch, verschlechtert  langfristig, d.h. über die Zyklen der Kon-
       junktur hinweg, die Verwertungsbedingungen, das Wachstum verlang-
       samt sich.  Das Kapital  beginnt nach  neuen, profitableren Anla-
       gesphären  zu   suchen,  es   kommt  zu  einem  neuen  Schub  von
       "Basisinnovationen".
       Begründet  wird   dies  empirisch   mit   der   Behauptung,   die
       "Basisinnovationen der 30er und 40er Jahre" in den Industriezwei-
       gen "Kunststoffverarbeitung,  Mineralölwirtschaft,  Luftfahrzeug-
       bau, Elektrotechnik,  Chemie und  Fahrzeugbau" (98) hätten in den
       50er und  60er Jahren  einen sinkenden  Kapitalkoeffizienten, das
       heißt ein sinkendes Verhältnis von Bruttoanlagevermögen zu Netto-
       produktionsvolumen, aufgewiesen, wobei der Kapitalkoeffizient als
       "Indikator" der organischen Zusammensetzung begriffen wird.
       Ein etwas  genauerer Blick  auf die vorliegende Datenbasis wider-
       legt aber die Darstellung von Kleinknecht. In einer Tabelle zeigt
       er die  Veränderung von  Arbeitsproduktivität,  Kapitalintensität
       (d.h. Verhältnis  von Bruttoanlagevermögen zur Beschäftigtenzahl)
       und Kapitalkoeffizient  in den  genannten Branchen. Dies genügt j
       edoch nicht  als Beleg  für seine Hypothese, wichtig ist auch der
       absolute Stand  dieser Koeffizienten.  Der wichtigste "Wachstums-
       bereich", die  chemische Industrie,  weist zwar  einen  sinkenden
       Kapitalkoeffizienten auf,  der Ausgangspunkt  in den  50er Jahren
       war jedoch  absolut weit überdurchschnittlich. Dies gilt auch für
       die Kapitalintensität:  sie lag  weit über  dem Durchschnitt  der
       gesamten Industrie.  Zudem sinkt  der Kapitalkoeffizient  - sieht
       man von den Folgen der krisenhaften Unterauslastung zwischen 1973
       und 1977  ab -  bis jetzt und ist erst seit 1977 niedriger als im
       Durchschnitt  der   gesamten  Industrie.   Von  einer  im  Anfang
       arbeitsintensiveren Produktionsform  in der  chemischen Industrie
       kann also  keine Rede  sein. Ähnlich  verhält  es  sich  mit  der
       Mineralölverarbeitung, in  der  in  den  50er  Jahren  ein  hoher
       Kapitalkoeffizient vorherrschte,  der bis  heute  rückläufig  ist
       ("potentieller Kapitalkoeffizient").
       Im Fahrzeugbau war der Kapitalkoeffizient anfangs tatsächlich un-
       terdurchschnittlich  (die  Kapitalintensität  etwa  durchschnitt-
       lich), er  stieg aber  schon in  den 50er  Jahren tendenziell an.
       Ähnliches gilt  für den  Luftfahrzeugbau und  die Elektrotechnik,
       wobei der Anstieg bei letzterer sehr langsam ist, d.h. die Diffe-
       renz zwischen  dem Kapitalkoeffizienten  der Elektroindustrie und
       der Gesamtindustrie ist gewachsen. Insgesamt waren Kapitalkoeffi-
       zient und  Kapitalintensität  der  "Wachstumsindustrien"  in  der
       "Phase des  beschleunigten Wachstums"  in den 50er und 60erJahren
       eher überdurchschnittlich,  d.h. es ist absolut nicht einsichtig,
       wie durch  den Übergang  zu diesen  Zweigen ein Entlastungseffekt
       auf die  organische Zusammensetzung  des Kapitals ausgeübt worden
       sein soll.
       Es ist  gerade die  Besonderheit der  meisten von Kleinknecht ge-
       nannten "Wachstumsindustrien"  , daß  sie bis  heute einen in der
       Tendenz abnehmenden  oder zumindest  nur stark unterdurchschnitt-
       lich zunehmenden  Kapitalkoeffizienten aufweisen.  Daher verlang-
       samt sich  nach den  Berechnungsergebnissen des  DIW in  den 70er
       Jahren der  Anstieg des Kapitalkoeffizienten auch in der gesamten
       Industrie. 7) Nach dem Argumentationszusammenhang von Kleinknecbt
       - niedriger  bzw. sinkender  Kapitalkoeffizient beinhaltet Wachs-
       tumsimpulse -  wäre gegenwärtig also eher eine Wachstumsbeschleu-
       nigung plausibler.  Kleinknecbt kommt z.T. auch deshalb zu seinen
       falschen Ergebnissen,  weil er nur den tatsächlichen Kapitalkoef-
       fizienten untersucht,  der stark  von Schwankungen in der Kapazi-
       tätsauslastung beeinflußt ist. Für seinen Argumentationszusammen-
       hang, der  auf den  technologischen Bedingungen der Produktion in
       den "Wachstumsindustrien"  basiert,  wäre  ein  von  Auslastungs-
       schwankungen bereinigter  "potentieller" Kapitalkoeffizient nütz-
       licher, wie er ebenfalls vom DIW berechnet wird.
       Geht man aber von der Kapitalintensität aus, d. h. vom Verhältnis
       zwischen Brutto-Anlagevermögen  und Beschäftigtenzahlen,  so wird
       noch deutlicher,  daß der  Ausgangspunkt von  Kleinknecht  falsch
       ist: die  Chemie und die Mineralölverarbeitung sind und waren au-
       ßerordentlich kapitalintensiv,  auch der  Fahrzeugbau liegt  noch
       leicht über  dem Durchschnitt  der gesamten  Industrie, lediglich
       beim Luftfahrzeugbau, bei der Elektroindustrie und bei der Kunst-
       stoffverarbeitung ist eine unterdurchschnittliche Kapitalintensi-
       tät zu  registrieren. Dabei  haben sich  diese Relationen  -  bei
       einer allgemeinen  Tendenz zum  Anstieg der  Kapitalintensität  -
       seit den 50er Jahren kaum verändert.
       Die Annahme,  "Basisinnovationen" seien  allgemein in  der ersten
       Phase mit einer Senkung der organischen Zusammensetzung verbunden
       und initiierten  dadurch eine  "Phase beschleunigten  Wachstums",
       während sie  im weiteren  Verlauf gerade dort wieder ansteigt und
       damit die  Grundlage  des  Wachstums  untergräbt,  entbehrt  also
       sowohl der  Plausibilität als  auch der empirischen Belegbarkeit:
       im Gegenteil ist der Übergang zu neuen Produkten und Produktions-
       methoden oft  zunächst mit  hohen Kapitalaufwendungen  verbunden,
       die die organische Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamt-
       kapitals zunächst erhöhen.
       Es kann  an dieser Stelle nicht weiter auf die gesamte Diskussion
       über die  Theorie der  "langen Wellen" eingegangen werden. Aller-
       dings lassen  es schon  die ganz  unterschiedlichen  Auswirkungen
       technologischer Neuerungen  auf Kapitalzusammensetzung  und  Pro-
       fitrate, auf  Beschäftigung und  Investitionsnachfrage  problema-
       tisch erscheinen, einen spezifischen, historisch gleichbleibenden
       Zusammenhang zwischen  technologischen "Schüben" und den Reaktio-
       nen des  kapitalistischen Gesamtsystems  darauf zu  konstruieren.
       Wer z.B.  einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kapitalzusam-
       mensetzung, Profitrate  in der  Produktion und dem Wachstumstempo
       behauptet -  und davon  geht auch  Kleinknecht aus  - der muß zur
       Kenntnis  nehmen,  daß  technologische  Neuerungen  im  einzelnen
       durchaus verschiedene  Auswirkungen  auf  Kapitalzusammensetzung,
       Mehrwertrate und Profitrate haben.
       Aus diesen  Gründen scheint  es dem Rezensenten wenig nützlich zu
       sein, über die Existenz systematischer Ursachen für die empirisch
       offensichtliche Existenz  von Perioden  rascheren und langsameren
       Wachstums in  den Jahrhunderten  der Entwicklung des Kapitalismus
       nachzudenken. Es  ist notwendig,  jeweils historisch-konkret  die
       Ursachen für  solche Phasenwechsel  zu untersuchen. Dabei muß na-
       türlich auch die Rolle technologischer Veränderungen festgestellt
       werden. Nur  wenn angenommen wird, daß technologische Veränderun-
       gen jeweils  historisch gleichartig  wirken und zudem "Schübe" an
       Innovationen in irgendeiner Form "zyklisch" erfolgen, d.h. in re-
       gelmäßigen, sich historisch nicht wesentlich verschiebenden Zeit-
       abständen, würden  Prognoseaussagen möglich  sein. Da  dies aber,
       wie Kleinknecht  ausführt, bei den meisten Vertretern der Theorie
       "langer Wellen"  nicht der  Fall ist  und auch Kleinknecht selbst
       eine Verkürzung des bisher angeblich 50jährigen Rhythmus für mög-
       lich hält, ist nicht recht einsichtig, welchen Nutzen die Annahme
       "langer Wellen" der Konjunktur haben soll.
       
       _____
       *) Es handelt  sich um  die folgenden  Arbeiten, die  im Text nur
       noch in  Kurzform (Autor oder Autorengruppe und Seitenangabe) an-
       geführt werden:
       Altvater/Hoffmann/Semmler: Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschafts-
       krise, Westberlin 1979
       Dieter Boris,  Geschichte und Struktur der Außenwirtschaftsbezie-
       hungen der  Bundesrepublik, in:  U. Albrecht,  F. Deppe, J. Huff-
       schmid u.a.,  Beiträge zu  einer  Geschichte  der  Bundesrepublik
       Deutschland, Köln 1979
       Frank Deppe/Heinz  Jung, Entwicklung und Politik der herrschenden
       Klasse in der Bundesrepublik, in: ebd.
       Werner Glastetter,  Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesre-
       publik   Deutschland    im   Zeitraum   1950   bis   1975,   Ber-
       lin/Heidelberg/NewYork 1977
       Jörg  Huffschmid,  Marktwirtschaft  in  der  Bundesrepublik.  Ge-
       schichte, Probleme  und Perspektiven,  in: U. Albrecht, F. Deppe,
       J. Huffschmid u.a., a.a.O.
       Alfred Kleinknecht,  Innovation, Akkumulation und Krise, in: Pro-
       bleme des Klassenkampfs, Heft 35/1979, S. 85 ff.
       Müller/Rödel/Sabel/Stille/Vogt,  Ökonomische  Krisentendenzen  im
       gegenwärtigen Kapitalismus, Frankfurt/New York 1978
       Sozialistische  Studiengruppen  (SOST),  Bundesrepublik  -  Wirt-
       schaftskrise und Sozialistische Alternativen, Hamburg 1979
       Karl Georg Zinn, Der Niedergang des Profits, Köln 1978
       1) Zu verweisen  ist hier  besonders auf Analysen und Publikatio-
       nen, die  von J.  Huffschmid und  H. Schui vorgelegt wurden (vgl.
       besonders: diess.  - Hrg. -, Gesellschaft im Konkurs, Köln 1976).
       Im Rahmen  des IMSF entstand: Wirtschaftskrise und Wirtschaftspo-
       litik, Beiträge  des IMSF  4, Frankfurt/Main 1976. Vgl. ebenfalls
       die entsprechenden  Beiträge in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch
       des IMSF, 1/1978 und 2/1979.
       2) Auf dieses Problem wurde eingegangen in: Marxistische Studien,
       Jahrbuch des  IMSF, 1/1978 (J. Goldberg, Die Verwertungsbedingun-
       gen des Kapitals in der Bundesrepublik).
       3) So steigt in der Tendenz der Anteil der Profite der Industrie-
       konzerne, der  nicht aus  der eigenen Produktion rührt. Vgl. Hans
       Tammer, Die  Profite der  BRD-Industriekonzerne im  Jahre...  in:
       IPW-Berichte,  Berlin/DDR,  jeweils  Dezemberheft  des  laufenden
       Jahrgangs.
       4) Eine gute  Übersicht der  dazu vorliegenden Literatur gibt das
       Memorandum '80  - Gegen konservative Formierung, Alternativen der
       Wirtschaftspolitik, Teil  B, Monopolisierung - Entwicklung, Ursa-
       chen und Folgen.
       5) Vgl. Ernst  Lüdemann, Internationalisierung  der  kapitalisti-
       schen Wirtschaft  und  Krisenzyklus,  IPW-Forschungsheft  1/1980,
       Berlin/DDR.
       6) Bei Schumpeter kommt dem Unternehmer als Führerfigur entschei-
       dende Bedeutung  zu: Joseph A. Schumpeter, Konjunkturzyklen, Göt-
       tingen 1961.
       7) Deutsches Institut  für Wirtschaftsforschung,  R. Krengel,  E.
       Baumgart u.a., Produktionsvolumen und -potential, Produktionsfak-
       toren der  Industrie im  Gebiet der  Bundesrepublik  Deutschland,
       lfd. Folgen.
       

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