Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHER FORTSCHRITT
       ========================================
       UND QUALIFIKATIONSENTWICKLUNG
       =============================
       
       Frigga Haug
       
       I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide" - II. Wis-
       senschaftlich-technische Revolution oder wissenschaftlich techni-
       scher Fortschritt? - III. Was neu ist.
       
       Der vorgegebene  Titel *)  meines Beitrags  enthält  mehrere  Be-
       griffe, die  umstritten sind.  Warum  sollte  man  über  Begriffe
       streiten? Ist  dies nicht eine akademische Spielerei, die ablenkt
       von wirklich  relevanten  praktischen  Fragen  ?  Die  Frage  muß
       verneint werden:  Begriffe sind  selber ein  Programm, sind Hand-
       lungsanweisungen für  die politische  Praxis, von ihrer richtigen
       Fassung hängt  ab, welchen  Weg man gehen wird, welcher Strategie
       man folgt.
       Nehmen  wir   den  Begriff   "Wissenschaftlich-technischer  Fort-
       schritt". Er  stellt nicht  nur offenbar den Sprachkonsens in den
       verschiedenen in  diesem Band  versammelten Beiträgen dar, er ist
       auch das  Ergebnis eines  Beitrages von  Lothar Peter,  der  eine
       scharfe Kritik  an den  Positionen des  'Projekts Automation  und
       Qualifikation'  enthält  und  auf  den  meine  Ausführungen  eine
       Entgegnung darstellen.
       
       I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide"
       ------------------------------------------------------
       
       Der abfertigende  Ton, in  dem Peters  Kritik gehalten ist, macht
       mutlos, oder er verführt denjenigen, der dennoch das Voranschrei-
       ten nicht  aufgeben will,  zur Polemik.  Peter wirft  dem Projekt
       vor, Widersprüche zu mißachten, einen Kapitalstandpunkt einzuneh-
       men, "projektiv"  und "selektiv"  vorzugehen - lauter Aburteilun-
       gen, deren  Widerlegung die  Diskussion um die Folgen der Automa-
       tion kaum  voranbrächte. Sein Haupteinwand: "Die von der Projekt-
       gruppe prononciert vorgetragene These (Automation führt zu Höher-
       qualifikation, F. H.) stützt sich mehr auf Ergebnisse einer teil-
       weise scharfsinnigen  und zutreffenden theoretischen und methodi-
       schen Kritik einschlägiger Studien zum Thema als auf solide empi-
       rische Befunde, die allenfalls in der Form illustrativer Hinweise
       auf Beispiele  hochqualifizierter anspruchsvoller  Automationsar-
       beit verstreut  über verschiedene  Publikationen beigebracht wer-
       den." Der Satz scheint gerecht, bescheinigt er doch Scharfsinnig-
       keit, bevor  er kritisiert.  Dadurch übersieht man leicht, daß er
       praktisch den  sehr plumpen  Versuch darstellt, durch reine Stim-
       mungsmache die Arbeiten des 'Projekts' aus der Diskussion zu neh-
       men. Da wir meinen, daß zur Wissenschaft und zu der durch sie ge-
       stützten Politik bestimmte Formen der Auseinandersetzung gehören,
       die niemals unterschritten werden sollten, seien einige Bemerkun-
       gen zum  oben zitierten  Satz erlaubt. Der Leser gewinnt den Ein-
       druck,  als   ob  es  sich  bei  den  Arbeiten  des  Projekts  um
       "unseriöse" Dinge  handle. Dieser  Eindruck kommt  zustande durch
       mehrere Wendungen:  die Befunde  wurden "verstreut über verschie-
       dene Publikationen  beigebracht". Was  ist eigentlich  gegen  die
       Tatsache, daß  mehr als nur ein Text veröffentlicht wurde, zu sa-
       gen? Peter  gibt zu verstehen, daß er mehrere gelesen hat, und es
       gelingt ihm  im gleichen Satz, den durch nichts abgestützten Ein-
       druck zu  vermitteln, daß  die Publikationstätigkeit des Projekts
       n i c h t  s y s t e m a t i s c h  sei - eben ziellos verstreut,
       ohne daß  er dies  so genau  aussprechen muß. Er verschweigt, daß
       die einzelnen Arbeiten des Projekts überhaupt nicht das Ziel ver-
       folgen, empirische  Befunde zu  verstreuen, sondern  jeweils ver-
       schiedene umstrittene  Fragen im Gesamtfeld des mit den Begriffen
       Produktivkräfte und  Produktionsverhältnisse umrissenen Komplexes
       diskutieren.
       Zuvor aber  spricht er seine Vorbehalte scheinbar deutlicher aus:
       Das 'Projekt' stütze seine These nicht "auf solide empirische Be-
       funde". Der  Bannstrahl, mit dem die bürgerlichen Wissenschaftler
       lange schon die Marxisten aus der Wissenschaft exkommunizierten -
       was bedeutet  er, wenn  Marxisten ihn gegen Marxisten schleudern?
       Zweifellos soll auch hier eine Zensur erteilt, Untauglichkeit be-
       scheinigt werden.
       Aber was  ist eigentlich  "eine solide  empirische Basis"? Leider
       gibt Peter  dafür keine  Maßstäbe an,  gibt nur zu verstehen, daß
       Kern  und   Schumann  oder   auch  das   Göttinger   SOFI   trotz
       "methodischer Vorbehalte" hier doch vertrauenswürdiger seien. Was
       ist aber  eine Empirie, gegen die man methodische Vorbehalte hat,
       bzw. was  für Vertrauen verdienen da die Ergebnisse? Aber die Sa-
       che kommt noch schlimmer. Peter gibt in seinem Satz zu verstehen,
       daß die These "Automation führt zu Höherqualifikation" solide em-
       pirisch hätte  untermauert werden müssen, als ob marxistische em-
       pirische Forschung in der Verifikation von Thesen bestünde!
       Tatsächlich werden unsere - empirischen" Bände, mit den Ergebnis-
       sen aus  der Untersuchung an vielen 100 Arbeitsplätzen keineswegs
       den Beleg  für soundso viele Höherqualifikationen bringen. Unsere
       "These" ist  vielmehr - wie das in marxistischer Forschung üblich
       ist -   h i s t o r i s c h  abgeleitet, in empirischem Nachvoll-
       zug der  Geschichte der Arbeitstätigkeiten (hierzu liegt ein Buch
       vor) und dient zur Bestimmung veränderter  B e d i n g u n g e n,
       in denen die wirklichen Kämpfe stattfinden. Die tatsächlichen Lö-
       sungen, die Arbeiter und Unternehmer in der wirklichen Produktion
       tagtäglich hervorbringen,  haben wir untersucht. Hierzu haben wir
       keine "These"  vorweg formuliert,  eben weil  wir die veränderten
       Praxen erst  erforschen mußten,  die lebendige  Geschichte  sind,
       keine Verwirklichung von Gesetzen.
       Unnötig fast, auf die dritte Unterstellung in einem einzigen Satz
       einzugehen, wir  hätten die  oben angeführte  ominöse  These  aus
       "scharfsinniger Kritik einschlägiger Studien" gewonnen, statt em-
       pirisch. Zwar  erweckt diese  Sequenz beim Leser den Eindruck, es
       handle sich beim Projekt um lauter Intellektuelle des sattsam be-
       kannten Typs  von Kritikastern,  die nichts Praktisches tun, wenn
       sie es  auch beim  Kritisieren zu  einiger Meisterschaft bringen;
       übergangen wird  dabei, daß  wir die These eben nicht metatheore-
       tisch entwickelten, sondern historisch und ferner, daß die Kritik
       vorliegender  empirischer   Untersuchungen  der  Entwicklung  von
       K a t e g o r i e n  für unsere eigene Untersuchung diente. 1)
       Aber lassen  wir die Auseinandersetzung mit den einzelnen Vorwür-
       fen Peters  an uns,  die hier  dazu dienen  sollte, bestimmte Um-
       gangsformen für  wissenschaftliche Diskussionen  zu fordern,  und
       wenden uns  dem Grund zu, der das Unbehagen hervorrief, das Peter
       zu solcher  Abfertigung unserer  Arbeit veranlaßte. Der Grunddis-
       sens, um  den es  sich zu  streiten lohnt,  besteht m.E. in einer
       Auffassung,  die  im  Begriff  des  "wissenschaftlich-technischen
       Fortschritts"  bzw.   dem,   der   dabei   nicht   gesagt   wird,
       "wissenschaftlich-technische Revolution", deutlich wird.
       
       II. Wissenschaftlich-technische Revolution
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       oder wissenschaftlich-technischer Fortschritt?
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       In seinem  1954 erstmals  veröffentlichten Werk  "Science in  hi-
       story" schlägt  J.D. Bernal  für die Benennung der revolutionären
       Umwälzungen in  Industrie und  Landwirtschaft im  20. Jahrhundert
       den Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" vor. 2)
       "Bedenkt man noch die plötzliche Beschleunigung der gesamten wis-
       senschaftlichen Arbeit  und ihrer  Anwendung von der Kernspaltung
       und vom  Fernsehen bis  zur  Herrschaft  über  Krankheiten,  dann
       sollte man meinen, es habe niemals eine wissenschaftliche Revolu-
       tion gegeben,  wenn das keine ist." 3) Der Begriff setzte sich in
       der DDR relativ schnell durch, während insbesondere von konserva-
       tiver, aber  auch liberaler Seite in den kapitalistischen Ländern
       hartnäckig vom  "Wandel" die  Rede war,  von  "Fortschritt"  oder
       "Veränderung" und  Produktivkraftentwicklung in  "Stufen" gedacht
       werden sollte. 4)
       Daß für  konservative Kreise  die Vorstellung einer Revolution in
       den Produktivkräften,  also einer  Umwälzung der Stellung der Ar-
       beiter im  Produktionsprozeß auf  keinen Fall  begrüßenswert ist,
       liegt auf  der Hand. Warum aber wird von Lothar Peter vorgeschla-
       gen, den Revolutionsbegriff in diesem Fall durch den unbestimmte-
       ren des  Fortschritts zu  ersetzen? Er schreibt zunächst über die
       Mikroprozessoren: "Diese  Veränderungen, deren  Anfang  vor  etwa
       fünf bis  zehn Jahren  liegt, sind so enorm, daß sich der Vorsit-
       zende der  IG Metall,  Eugen Loderer,  veranlaßt sah,  von  einer
       'dritten industriellen  Revolution' zusprechen.  Nach meiner Auf-
       fassung handelt es sich jedoch nicht um eine 'dritte industrielle
       Revolution', sondern  um eine  neue Stufe  im Prozeß  des wissen-
       schaftlich-technischen Fortschritts,  dessen ungehinderte Entfal-
       tung innerhalb der Schranken des Privateigentums der kapitalisti-
       schen Gesellschaft  nicht möglich  ist. Der  Begriff der 'dritten
       industriellen Revolution'  unterstellt -  ähnlich wie  die  schon
       während der  zwanziger Jahre  von sozialdemokratischer  Seite be-
       nutzte Formel  der 'zweiten  industriellen Revolution' -, daß auf
       der Basis  der gegebenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse
       beliebig viele Umwälzungen der Produktivkraftstruktur stattfinden
       können, ohne daß es notwendigerweise zur antagonistischen Zuspit-
       zung in  der Beziehung der Produktivkräfte zu den Produktionsver-
       hältnissen kommen  müsse. Zumindest legt der Begriff der, dritten
       industriellen Revolution',  wie er  von Eugen Loderer dargestellt
       wird, nicht  die Deutung  nahe, daß zwischen Produktivkräften und
       Produktionsverhältnissen gesetzmäßige,  systemhafte Zusammenhänge
       bestehen und  ein bestimmtes  Niveau der  Produktivkräfte und der
       Vergesellschaftung der  Arbeit bestimmter  Eigentumsformen,  also
       bestimmter Produktionsverhältnisse  bedarf,  um  sich  weiterent-
       wickein zu können." 5)
       Beim Versuch,  im Namen  "gesetzmäßiger,  systemhafter  Zusammen-
       hänge" die  Möglichkeit einer  3. industriellen Revolution inner-
       halb der  gleichen Gesellschaftsformation  zurückzuweisen,  stößt
       Peter zwangsläufig auf das Problem, überhaupt von technologischen
       Revolutionen zu  reden, nach der bei Marx beschriebenen sogenann-
       ten Großen Industriellen Revolution, die an der Wiege des Kapita-
       lismus stand. Auch der in der bisherigen marxistischen Diskussion
       übliche  Begriff  der  "wissenschaftlich-technischen  Revolution"
       also scheint  ihm zu  unscharf, da  er nichts  aussage  über  den
       "zeitlichen Geltungsbereich",  keine "präzise  Periodisierung der
       Produktivkraftentwicklung"  zulasse,   das  Verhältnis   zwischen
       "revolutionären und nichtrevolutionären Phasen" der "kapitalisti-
       schen Produktivkraftgeschichte"  nicht zu  bestimmen erlaube  und
       den "Revolutionsbegriff"  verflache; ferner  sei der Zusammenhang
       zur "sozialökonomischen  Struktur" bzw.  ihrer Veränderung  nicht
       deutlich, Ungleichzeitigkeiten  und  Unabhängigkeiten  von  poli-
       tischen Veränderungen  würden unklar.  Er problematisiert, ob man
       überhaupt von  revolutionären Prozessen  reden könne, solange die
       kapitalistische Gesellschaftsformation  die bestimmenden Verhält-
       nisse blieben,  und schlägt  vor, statt  dessen die  gegenwärtige
       Produktivkraftbewegung  als  "kapitalistisch  bestimmten  wissen-
       schaftlich-technischen Fortschritt" zu bezeichnen. 6)
       Inhaltlich scheint ihm der Verzicht auf den Revolutionsbegriff im
       genannten Zusammenhang auch deswegen berechtigt, weil die gemein-
       ten  wissenschaftlichen   und   technischen   Erfindungen   nicht
       "plötzliche Umbrüche  in der materiell-technischen Basis des Pro-
       duktionsprozesses" hervorbrächten,  sondern  wirklich  nur  schon
       länger vorhandene  Technologien verallgemeinert würden 7) ("schon
       länger" meint  hier, seit  - Anfang  der fünfziger  Jahre").  Das
       tatsächliche Auseinanderklaffen  zwischen Erfindung und Anwendung
       gibt ihm  die Möglichkeit,  den Revolutionsbegriff in jener Kluft
       verschwinden zu  lassen, statt ihn - in seiner Logik konsequent -
       dem Erfindungszeitraum zuzuordnen.
       
       "Die technische Basis ist daher revolutionär"
       ---------------------------------------------
       
       Was gewinnt  Peter mit  der Auswechslung  des Revolutionsbegriffs
       gegen den  des Fortschritts? Wir erinnern uns, der Revolutionsbe-
       griff im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte war
       ihm zu  unscharf, nicht  präzise genug,  nicht  trennscharf.  Wie
       könnte da  der weit schwammigere Begriff des Fortschritts ein hö-
       heres Maß  an Präzision  bringen? Der Kontext macht deutlich, wo-
       rauf es ihm ankommt. Schließlich will er ja nicht einfach den Re-
       volutionsbegriff durch den des Fortschritts ersetzen, sondern nur
       dann, wenn die Gesellschaftsformation, in der die Produktivkräfte
       verändert werden,  gleich bleibt. Die Dürftigkeit in der den Pro-
       duktivkräften zugemessenen  Bestimmung, sie müßten, um revolutio-
       när zu  sein, "plötzlich  umbrechen", wird  erweitert: sie können
       überhaupt  nur  revolutionär  sein,  wenn  ein  Formationswechsel
       stattfindet. Solange  dies nicht  geschieht, handelt  es sich  um
       "kapitalistisch  bestimmten   wissenschaftlich-technischen  Fort-
       schritt".
       Man sieht,  die Produktionsverhältnisse, als eine Art Subjekt der
       gegenwärtigen Geschichte,  bestimmen, was technologisch verändert
       wird. Sie  haben die  Bewegung im  Griff. Wir wollen nicht darauf
       bestehen, daß  marxistische Wissenschaft  wie in  Beton  gebettet
       Marxsche Erkenntnisse ausschließlich wiederholen darf, gleichwohl
       zitieren wir,  was Marx  zur  technischen  Basis  der  Produktion
       sagte, um  überprüfen zu können, was die Peter'sche Revision sei-
       ner Aussagen bringt: "Die moderne Industrie betrachtet und behan-
       delt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als defi-
       nitiv. Ihre  technische Basis ist daher revolutionär, während die
       aller  früheren  Produktionsweisen  wesentlich  konservativ  war.
       Durch Maschinerie,  chemische Prozesse  und andre  Methoden wälzt
       sie beständig  mit der  technischen Grundlage  der Produktion die
       Funktionen der  Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen
       des Arbeitsprozesses  um. Sie revolutioniert damit ebenso bestän-
       dig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleu-
       dert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Pro-
       duktionszweig in den ändern". Und Marx fährt fort, die Widersprü-
       che durch  die Entwicklung  der Produktivkräfte mit der Produkti-
       onsform, die  sie selber vorantreibt, mit Worten wie Katastrophe,
       Leben und  Tod, Ungeheuerlichkeit  usw. zu  beschreiben. Für  die
       vorwärts treibenden Elemente führt er den Begriff des Umwälzungs-
       ferments ein. 8)
       Es liegt  auf  der  Hand,  daß  unter  dem  begrifflichen  Diktat
       "kapitalistisch bestimmten Fortschritts" die bei Marx geschilder-
       ten Katastrophen  in gewisser  Weise eine  harmlose Einseitigkeit
       erhalten. Ein  Vorteil solcher  Betrachtungsweise liegt  in einer
       geringer werdenden theoretischen Anstrengung. Man kann z.B. unge-
       hemmt über die schrecklichen Folgen des Einsatzes neuer Technolo-
       gie sprechen,  ohne zugleich  immer überprüfen  zu müssen, ob die
       Folgen unter  sozialistischen Bedingungen  notwendig anders sind,
       das heißt ohne zugleich über die Perspektive der menschlichen Ar-
       beit unter  den Bedingungen  automatisierter Tätigkeiten forschen
       zu müssen.  Man kann  also sagen, durch Automation erfolgt Dequa-
       lifizierung, Polarisierung,  Taylorisierung, Intensivierung, kurz
       eine vollständige  Entmenschlichung der  Arbeitsbedingungen,  und
       kann im  gleichen Atemzug  behaupten, daß die automatisierte Pro-
       duktion die Arbeitsweise sozialistischer Gesellschaften auszeich-
       net, kurzum die Entwicklung der Arbeitenden befördert.
       Der Gegensatz liegt in der Bestimmtheit durch die Produktionsver-
       hältnisse. Wenn  aber die  Qualität der  Arbeit bis zum Gegensatz
       ausschließliches Resultat  der Verhältnisse  ist, warum  soll man
       dann überhaupt von dem spezifischen Entwicklungsstand der Produk-
       tivkräfte reden? Was hängt davon ab, ob wir es mit mechanisierter
       Produktion oder  mit automatisierter  zu tun haben? Letzteres, so
       erfahren wir  bei Peter,  ist gegenüber  dem ersteren  eine fort-
       schrittlichere Stufe.  Worin aber  besteht ihre  Fortschrittlich-
       keit, wenn sie sich in den Händen der Kapitalisten ausschließlich
       rückschrittlich auswirkt?  Wäre es  da nicht konsequent, ganz auf
       einen Entwicklungsbegriff  bei den Produktivkräften zu verzichten
       und von  kapitalistisch bestimmter  Veränderung zu sprechen? Aber
       da ist  der "Widerspruch  zwischen Produktivkräften und Produkti-
       onsverhältnissen", an  dem Peter  doch festhalten  möchte; dieser
       gibt ihm die Möglichkeit zu behaupten, daß bei kapitalistisch be-
       stimmtem technischen  Fortschritt  sich  die  neuen  Technologien
       nicht wirklich "entfalten könnten".
       Diese Feststellung  ist sicher  richtig, jedoch zu wenig, zu ver-
       harmlosend. Denn  sie lenkt  ab von  der Frage, welche Entfaltung
       denn möglich  ist und welche schon realisiert ist. Und da wir se-
       hen, daß  gegenwärtig der Kapitalismus zur Entfaltung dieser Pro-
       duktivkräfte immer  noch geeignet  ist, bleibt  uns die  Aufgabe,
       dieses zu  begreifen, statt sich mit den Möglichkeiten des Sozia-
       lismus zu  beruhigen. Peter versteht offensichtlich unter dem Wi-
       derspruch von  Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß
       der Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt.
       Das ist  aber noch  ein sehr  vereinfachendes Widerspruchsdenken.
       Denn in  Wirklichkeit hemmt  der Kapitalismus die Produktivkräfte
       und entwickelt  sie zugleich.  Und dabei geschieht auch nicht nur
       diese Hemmung, sondern zugleich eine Destabilisierung der Gesell-
       schaftsformation durch  die Entwicklung  der Produktivkräfte, die
       immer neue  Bewegungsformen notwendig  macht. Insofern wirken die
       Produktivkräfte, ihrerseits durch Verwertung des Werts und Aufrü-
       stung angetrieben,  immer noch  als eine  Art blinder Geschichts-
       kraft. Sie  sind durch die Produktionsverhältnisse nicht eindämm-
       bar. Ihre  Folgen sind  von uns genau zu studieren. Peter ersetzt
       dieses Studium  und darin  insbesondere die  Frage, ob  Umbrüche,
       eine technologische  Revolution stattgefunden haben, deren unter-
       drückte Widersprüche  ans Licht  zu holen wären, durch die Vorab-
       Definition, daß gar keine stattfinden können. Er sucht begriffli-
       che Garantien. Dabei führt die Unverträglichkeit einer bestimmten
       Art und  Weise zu produzieren mit den sozialen Verhältnissen, un-
       ter denen  dieses geschieht, hier im Falle von Automation und Ka-
       pitalismus für  ihn dazu,  daß unter  dem Diktat der Verhältnisse
       alles Vorwärtsweisende und Widerstreitende aus den Produktivkräf-
       ten ausgemerzt  wird, ihre Folgen für die Arbeitenden mithin aus-
       schließlich negativ  sind. Fragen  wir hier  noch nicht, wie dies
       technisch möglich  sein kann,  sondern sehen  zunächst,  daß  auf
       diese Weise  jeder Widerspruch der Entwicklung und damit auch ein
       Motor der  Geschichte stillgestellt ist. Diese Konsequenz scheint
       von Peter auch gewollt.
       
       Gegen Klassenkampfismus, für Analyse von Kampfbedingungen
       ---------------------------------------------------------
       
       Peter fragt  nicht, wie sich die Entwicklung der Produktivkräfte,
       die Produktionsverhältnisse und die Klassenkämpfe aufeinander be-
       ziehen, sondern  postuliert schlicht  als einzige bewegende Kraft
       den Klassenkampf. Dabei soll es mir keinesfalls darum gehen, dem-
       gegenüber einen  Fortschrittsautomatismus zu  behaupten, der  den
       politischen Veränderungen  die Arbeit  abnimmt. Dennoch muß genau
       studiert werden, welche Prozesse einem der blinde Mechanismus der
       Produktivkraftentwicklung abnimmt  und welche  nicht.  Gegen  die
       Verwendung des Revolutionsbegriffs für die Produktivkraftentwick-
       lung hält Peter die Notwendigkeit einer "Systematisierung und Pe-
       riodisierung", d.h.  die Abfolge  der Formationen,  die durch die
       Klassenkämpfe umgewälzt werden.
       Im heute  konkreten Fall  des Einsatzes automatisierter Maschinen
       und Anlagen  in den Betrieben macht er auf der Grundlage arbeits-
       orientierter Wissenschaft also Vorschläge für den Klassenkampf an
       die Gewerkschaften. Er rät im einzelnen: "politischen Druck" aus-
       zuüben, "Gegenmacht"  herauszubilden, "Mitbestimmungsrechte"  ex-
       tensiv zu  nutzen, -  den Kampf  um Einfluß  auf die wesentlichen
       Entscheidungen über Mittel, Ziele und Folgen der modernen Produk-
       tivkraftentwicklung zu  verknüpfen", mit dem "Kampf gegen die di-
       rekten Folgen  des technischen  Fortschritts"; und er verrät, daß
       es zum "ehernen Bestand kapitalistischer Unternehmenspolitik" ge-
       höre, den  "Herr-im-Hause-Standpunkt" aufrechtzuerhalten.  - Aber
       wußten denn  die Gewerkschaften  dies nicht  alles schon  vorher,
       bzw. genügt für solche Ratschläge nicht schon das bloße Wissen um
       die Tatsache, daß wir überhaupt im Kapitalismus leben, unabhängig
       vom konkreten  Stand der Produktivkräfte? Tatsächlich zitiert Pe-
       ter zur  Bestätigung der Richtigkeit seiner Worte einige führende
       Gewerkschaftsvertreter und Programme bzw. bestätigt umgekehrt de-
       ren Richtigkeit dadurch, daß sie in seinen Ableitungszusammenhang
       passen.
       Die Produktivkräfte  können im  Kapitalismus nicht  stillgestellt
       werden; hierfür  kann das  Kapital keine  Befriedigungsstrategien
       entwickeln. Daher wird das Feld, auf dem die Klassenkämpfe statt-
       finden, ständig  umstrukturiert durch  Antriebskräfte, die außer-
       halb der politischen Kämpfe liegen, durch fortwährende Vergesell-
       schaftungsschübe. Indem  Peter gegen  diesen  Zusammenhang  einen
       Primat der  Produktionsverhältnisse setzt,  ist für  ihn die Vor-
       stellung eines  revolutionären Charakters  der gegenwärtigen Pro-
       duktivkraftveränderungen unmöglich  geworden; als Triebkräfte der
       Geschichte bleiben  die Klassenkämpfe, die die Abfolge der Forma-
       tionen ausfechten.  Aber gerade  dieser Versuch,  die Wichtigkeit
       der Klassenkämpfe  durch Zuweisung  an einen "systematischen" Ort
       in der  Geschichte herauszuarbeiten,  läßt sie  in der  geballten
       Kampfanstrengung erstarren,  zeigt nicht die Verwicklungen in der
       konkreten Geschichte;  gibt etwa  der Erforschung  der Produktiv-
       kraftentwicklung und ihrer Bedeutung für die Klassenkämpfe keinen
       Raum für  neue Erkenntnisse  im veränderten Kraftfeld und liefert
       so auch keine besseren Waffen.
       Wenn man  darunter das Richtige versteht, kann man sagen, daß wir
       auf einem "Primat der Produktivkräfte" beharren. Die Formulierung
       ist für  die schlecht, die nach Theorien suchen, die das Eingrei-
       fen für  überflüssig erklären.  Sie ist  brauchbar, wenn  man vom
       Eingreifen ausgeht.  Man müßte  vollständiger von  einem - Primat
       der  Produktivkraftentwicklung  für  das  politische  Eingreifen"
       sprechen. Die  Produktivkräfte sind,  wie die Produktionsverhält-
       nisse, die  absolut unumgehbaren Bedingungen unserer Eingriffe in
       gesellschaftliche Verhältnisse.  Aber anders als die Produktions-
       verhältnisse, die  uns ständig  zur Privatisierung  drängen, üben
       die Produktivkräfte  einen  permanenten  Vergesellschaftungsdruck
       aus. Will man nicht voluntaristisch eingreifen, muß man sich die-
       ses Drucks  vergewissern. Sonst predigt man einen abstrakten, be-
       dingungslosen (d.h.  seine  Bedingungen  ignorierenden)  Klassen-
       kampf:  K l a s s e n k a m p f i s m u s.
       
       Gegen Begriffsgarantien, für Widerspruchsdenken
       -----------------------------------------------
       
       Beginnen wir von vorn: Die Produktivkräfte bezeichnen die Art und
       Weise des  menschlichen Handelns  gegenüber Natur, die Vergesell-
       schaftung der  Arbeit. Sie  bestimmen Kompetenzen, die akzeptiert
       werden müssen.  Ihnen  entsprechen  soziokulturelle  Formationen,
       d.h. auf  einer neuen technologischen Basis werden neue Formatio-
       nen möglich.  Historisch gab  es auf der Basis einer Produktions-
       weise mehrere  soziokulturelle Formationen.  Heute finden wir die
       gleiche technologische Basis für die kapitalistischen wie für die
       sozialistischen Länder,  bzw. wir  finden die  Technologie der 1.
       industriellen Revolution mit den soziokulturellen Formationen Ka-
       pitalismus und  Sozialismus (hinzu  kommen die  unterschiedlichen
       soziokulturellen Verhältnisse  in den  verschiedenen Ländern  der
       Dritten Welt)  und die gleiche Ungleichzeitigkeit für die Automa-
       tion.
       Die von  Peter geforderte Periodisierung mit systemhaften gesetz-
       mäßigen Zusammenhängen  findet realhistorisch so nicht statt. Der
       Sozialismus existiert schon mit den Produktivkräften, die dem Ka-
       pitalismus gemäß  waren. Dieser  brachte die Produktivkräfte her-
       vor, die  den zukünftigen sozialistischen Gesellschaften angemes-
       sen sind,  und existiert  noch. Die  Geschichte der Revolutionen,
       des absolut  unregelmäßigen, sprunghaften  "Gangs der Geschichte"
       lehrt, daß  die Fähigkeit,  Widersprüche (aus denen Entwicklungen
       ja resultieren)  zu erfassen, hinter den wirklichen Widersprüchen
       meist meilenweit zurückbleibt.
       Wir haben  sozialistische Gesellschaften  auf technisch lächerli-
       cher Basis. Die kapitalistischen Gesellschaften sind den soziali-
       stischen in  der  technischen  Entwicklung,  Arbeitsproduktivität
       usw. überlegen.  Wir haben  technische Revolutionen,  und die so-
       ziale bleibt aus. Wir haben soziale Revolutionen, und die techni-
       sche Entwicklung  bleibt Jahr  für Jahr hinter den Plänen zurück.
       Die Geschichte  schreitet nicht ordentlich Stufe für Stufe voran.
       Wir haben in der "Dritten Welt" durch die Überlagerung vorkapita-
       listischer Gesellschaften durch einen kolonialen Kapitalismus und
       durch die  Überlagerung  der  daraus  resultierenden  Formationen
       durch den  Systemgegensatz gesellschaftliche Verhältnisse von ei-
       ner Widersprüchlichkeit,  hinter der unsere Vorstellungskraft und
       unsere Denkfähigkeit  weit zurückbleibt. Wir müssen alles tun, um
       die krassen  Gegensätze, die Ungleichzeitigkeiten und die Antago-
       nismen so  radikal zu  erfassen wie  sie sind.  -  Lothar  Peters
       Dogma, daß  Revolutionen in  den Produktivkräften  unmöglich sind
       ohne Revolutionen  in den  Produktionsverhältnissen, ist - selbst
       wenn man das Problem, ob eine Produktivkraftrevolution im Kapita-
       lismus   f a k t i s c h  stattgefunden hat, einmal ausklammert -
       gemessen an diesen Anforderungen unsinnig, ein widerspruchselimi-
       nierendes Denken, das Sprünge in der Realität verniedlicht und in
       dieser widerspruchseliminierenden Funktion lähmend ist.
       Die gegensätzlichen  Gesellschaften haben,  in der  militärischen
       Konkurrenz der  Systeme, ein Vernichtungspotential angehäuft, das
       den Globus per Knopfdruck atomisieren kann. Die Weltmacht USA er-
       leidet Niederlage auf Niederlage durch Kolonialvölker. Das zu er-
       fassen, braucht  eine Denkweise,  die mit Peters sicherem Stufen-
       gang nichts  zu tun  hat. Wir müssen die Risse im Gebäude studie-
       ren, nicht  die Freitreppe.  Dennoch gibt  es Entsprechungen zwi-
       schen dem  Entwicklungsstand der  Produktivkräfte und  den  ihnen
       möglichen Produktionsverhältnissen. Die Ungleichzeitigkeiten, das
       Auseinandertreten von Produktivkräften und Produktionsverhältnis-
       sen heißt dann doch aber, daß dies zum Basisproblem dieser Forma-
       tion wird und um so dringlicher von uns studiert werden muß.
       Sozialistische Gesellschaften  mit  zurückgebliebenen  Produktiv-
       kräften, kapitalistische  Gesellschaften  mit  "überentwickelten"
       Produktivkräften und das Aufeinandereinwirken dieser widersprüch-
       lichen Strukturen:  dies scheint uns das vorgegebene Kraftfeld zu
       sein, in  dem die  Klassenkämpfe in  der ersten  und zweiten Welt
       sich bewegen.  Die so sich verschärfenden Widersprüche zu begrei-
       fen und  als Veränderung  im Kampffeld aufzufassen, macht es not-
       wendig, am  revolutionären Charakter  der  technologischen  Basis
       festzuhalten und  im hier diskutierten konkreten Fall die techno-
       logischen Veränderungen  und ihre  Folgen  als  wissenschaftlich-
       technische  R e v o l u t i o n  wahrzunehmen.
       
       III. Was neu ist
       ----------------
       
       Was ist  das Revolutionäre an den mit der Automatisierung gemein-
       ten technologischen  Veränderungen? An  der Technologie  ist  das
       Verhältnis der Menschen zur Natur ablesbar. Umwälzungen geschehen
       hier -  miteinander verknüpft - auf zweierlei Weise. Automatisie-
       rung setzt  voraus, daß in der Natur vorhandene Selbstregulierun-
       gen von Größen erkannt sind, um sie maschinell regulieren zu kön-
       nen, setzt  also ein wissenschaftliches Verhältnis zur Natur vor-
       aus. Automationstätigkeit besteht im Studium der Fehler vergegen-
       ständlichter Regelungstheorie  von  Produktionsprozessen  in  der
       Perspektive ihrer Weiterentwicklung. 10)
       Die Anforderungen  an die Produzenten verändern sich radikal. Sie
       müssen anderes  wissen und  können; sie brauchen eine andere Aus-
       bildung, andere Formen von Zusammenarbeit werden aktuell; vor al-
       lem wird  eine andere Haltung gegenüber dem Produktionsprozeß und
       seinen  Bestandteilen  zwingend.  Diese  revolutionäre  Umwälzung
       trifft einerseits  auf die  alten Produzenten,  ihre Erfahrungen,
       Kenntnisse, Tugenden, andererseits wird sie vorangetrieben in den
       alten Verhältnissen.  Soll der  Produktionsprozeß überhaupt funk-
       tionieren (häufig tut er dies nicht), ist er eine Herausforderung
       für beide Seiten. Dabei versuchen die Unternehmer natürlich, mög-
       lichst billig  davonzukommen: weniger  Arbeiter einzustellen, die
       wenigen intensiver  auszulasten, wenig  Ausbildung zu vermitteln,
       wenig zu  zahlen. Zugleich wissen sie selber nicht genau, was die
       neuen Produktivkräfte verlangen. Sie befinden sich in einer Expe-
       rimentalsituation, die  sie für  sich nutzen wollen . Jedes Mehr,
       das sie  den Arbeitern  einräumen, verlangt für sie zugleich eine
       psychologische Gegensteuerung, um weiter die Legitimation des Sy-
       stems aufrechtzuerhalten.  Aber auch die Produzenten und ihre Or-
       ganisationen wissen  nicht spontan,  welche Folgen die neuen Pro-
       duktivkräfte für  sie haben.  Welche Ausbildung  ist  angemessen?
       Welche neuen  Momente sollten Bestandteile der Tarifverhandlungen
       werden? Welche Verantwortung ist unzumutbar? Welche Arbeitsbedin-
       gungen sind  in welcher Perspektive zu verändern? Welche Arbeits-
       teilung soll aufgehoben werden?
       Die Umwälzung  der technologischen  Produktivkräfte verändert das
       Kampffeld für die Klassenkämpfe. Gerade weil die Anforderungen an
       die Produzenten  höher werden  - hinsichtlich Qualifikation, Ent-
       wicklung in  der Arbeit,  Lernen, Kooperation  ", werden die Kon-
       flikte schärfer,  und es  werden die Folgen für die einzelnen Ar-
       beiter katastrophal,  sofern die  Arbeiterorganisationen die  den
       technologischen Umwälzungen angemessenen Bedingungen nicht durch-
       setzen. Die  Gewerkschaften haben  für wirklich  emanzipatorische
       Forderungen die  Produktivkräfte im Rücken. Eben deshalb sind die
       Abwehrstrategien der  Unternehmer heftiger,  die, da  sie auf die
       entwickelten Produktivkräfte  - die  technologischen wie die men-
       schlichen - nicht verzichten können, verstärkt die Wissenschaften
       der Menschenverführung  für sich in Anspruch nehmen. Zugleich ar-
       beitet die neue Technologie doppelt für die Unternehmer. Die dro-
       hende Arbeitslosigkeit  nimmt ihnen ein Großteil an Integrations-
       bemühungen ab,  und in  dieser Form  haben die Gewerkschaften die
       neuen Produktivkräfte auch gegen sich.
       
       Arbeitsorientierte Wissenschaft und revolutionäre Produktivkräfte
       -----------------------------------------------------------------
       
       In diesem  Zusammenhang ist eine intensive Erforschung der Anfor-
       derungen, der  Bedingungen und  Veränderungen vom  Standpunkt ar-
       beitsorientierter Wissenschaft  dringend geboten.  Zustimmung  zu
       dem, was  die Gewerkschaften  auch ohne  die Wissenschaft wissen,
       und Ermunterung  zu starkem Tun reichen keinesfalls. Aber die em-
       pirische Forschung  ist ungeheuer  schwierig. Gerade weil es sich
       um Neues handelt, taugen die alten Werkzeuge zum Begreifen nicht.
       Im Umgang mit wirklichen Veränderungen müssen die Wissenschaftler
       ihre Vorurteile  abbauen, ihre alten Gedanken aufgeben. So werden
       sie auf  Umstrukturierungen der  Kraftfelder stoßen  und zugleich
       mit der Entwicklung ihres Forschungsgegenstandes ihre eignen For-
       schungsmethoden entwickeln  und ihre Erkenntnisse über die Dinge,
       die Menschen wie den Prozeß der Erkenntnis selber erweitern. Auch
       hier ist eine Revolutionierung der Wissenschaft auf der Tagesord-
       nung.
       Es scheint  mir wenig  sinnvoll, weitere Erklärungen zu formulie-
       ren, warum  die Entwicklung  der Produktivkräfte revolutionär ist
       und warum  die wissenschaftlich-technische Revolution eine höhere
       Qualifikation von den Produzenten verlangt. Es ist dies auch eine
       Frage der  Empirie, allerdings  nicht so, daß Hochschulabschlüsse
       gezählt werden  könnten und Facharbeiterlehren oder ähnliches und
       damit Beweise  erbracht wären.  Die gestiegenen Anforderungen be-
       zeichnen nur  eine wesentliche Linie im Kraftfeld. Wie die Produ-
       zenten sich  wirklich verhalten, läßt sich nicht ableiten und muß
       daher  empirisch  erforscht  werden.  Um  die  Auseinandersetzung
       fruchtbarer fortzusetzen,  plädiere ich dafür, die Ebene zu wech-
       seln und  die noch  bleibenden Vorwürfe und Bemängelungen am kon-
       kreten Material  zu entfalten. Daher stelle ich im Fortgang einen
       Ausschnitt aus  unserer empirischen Arbeit vor. In dieser Konkre-
       tion sind  natürlich nicht  umfassende Aussagen zur Qualifikation
       zu erwarten; vielmehr ist es unsere Absicht, so genau wie möglich
       Grundlagen für  gewerkschaftliche Forderungen in einzelnen Berei-
       chen zu entwickeln.
       Der Text  entstand auf der Basis von Untersuchungen an 92 Meßwar-
       tenarbeitsplätzen und  überprüft am Problem der Anforderung "Von-
       Hand-Fahren" die  notwendige Qualifikation sowie die Ausbildungs-
       praxis in den Unternehmen. Der Text soll es möglich machen, nicht
       länger ausschließlich um "richtigen" oder "falschen" Marxismus zu
       streiten, sondern  die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit unserer
       Vorgehensweise exemplarisch zu überprüfen.
       
       Von-Hand-Fahren 11)
       -------------------
       
       Bei der  Untersuchung der einzelnen Arbeitstätigkeiten gingen wir
       davon aus,  daß es  nicht genügt,  den von  uns beobachteten Aus-
       schnitt der täglichen oder wöchentlichen Arbeit zur Grundlage un-
       serer Analyse  zu machen.  Aber auch die Erfassung eines Tagesab-
       laufs im  ganzen, so  minutiös sie  erfolgt, muß  in ihrer  unbe-
       grifflichen Vielfalt  Entscheidendes verfehlen,  so wie  wenn ich
       einen Professor  beschreibe als  jemanden, der  am  Tage  soundso
       viele Minuten  mit Laufen verbringt, andere mit Sitzen und in die
       Landschaft blicken,  wieder andere  mit dem  Tragen von  mehreren
       Kilo Aktenordnern und Büchern; die Absurdität fällt uns in diesem
       Beispiel sofort auf, weil wir die wesentlichen Merkmale geistiger
       Arbeit etwa von Professoren kennen. Welches sind aber die wesent-
       lichen Merkmale  der Arbeiten an den neuen Maschinen und Anlagen,
       und wie sind sie zu erfassen? Entscheidend für die Frage der Qua-
       lifikation und  also der notwendigen Kompetenz muß auf jeden Fall
       sein, was  der Arbeiter  im Notfall,  was er als Spitzentätigkeit
       vollbringen muß.  In dieser  Weise ist  es sogar überflüssig, den
       gesamten Tagesablauf  zu erheben,  es sei  denn, einzelne Momente
       enthalten ein  besonderes Lernarrangement und tragen zur Entwick-
       lung des Arbeiters entscheidend bei, oder sie sind umgekehrt der-
       maßen belastend, daß sie Entwicklungen weitgehend verhindern. Wir
       fragen daher  nach Spitzentätigkeiten ebenso wie nach dem Gewöhn-
       lichen und dem Verhältnis beider im Tageslauf.
       Die erstaunliche Antwort auf die Frage nach der Spitzentätigkeit:
       Von-Hand-Fahren, schien  zunächst Beweis  dafür, daß nur noch als
       Einsprengsel in  den Tagesablauf existiert, was "früher" qualifi-
       zierte allgemeine Beschäftigung war, so daß auf eine Reduzierung,
       wenn nicht  Dequalifizierung der Arbeiter geschlossen werden muß.
       Aus praktischer  Erfahrung im  Umgang mit  den Dingen stellt sich
       hier allerdings  eine Anschlußfrage.  Wie kann  es möglich  sein,
       eine qualifizierte  Tätigkeit, wie  das Fahren  einer Anlage  von
       Hand, die  nicht mehr  zur alltäglichen  Praxis gehört  und daher
       auch der  dauernden Übung  entbehrt, als "Einsprengsel", also nur
       ab und an durchzuführen, ohne im Vollzug zu scheitern?
       Die Faktoren,  die alle  gleichzeitig beherrscht  werden  müssen,
       einschließlich der  Genauigkeit der  sensu-motorisch  gesteuerten
       Handbewegungen, scheinen zunächst zwei mögliche Weisen der Aneig-
       nung nahezulegen:
       1.  M a n   l e r n t   e s   d u r c h  d e n  t ä g l i c h e n
       U m g a n g,   d u r c h   Ü b u n g.   Wenn man eine Sache immer
       wieder macht,  können einzelne  Elemente soweit routinisiert wer-
       den,  daß  sie  (in  der  Sprache  der  Handlungsstrukturtheorie)
       "automatisch" ablaufen;  das gibt  die Möglichkeit,  sich auf die
       weniger gewordenen  übrigen zu  konzentrieren. Nach einem Ablauf-
       plan -  zunächst diesen Griff, dann jenen, den dritten nicht aus-
       lassen, dazwischen  auf dieses  und jenes  achten - geschieht die
       weitere Aneignung,  bis die  Anlage "beherrscht" wird. Vorausset-
       zung für  eine solche Beherrschung ist eine durch Training zu er-
       werbende Optimierung der Handlungsabfolge, nicht notwendigerweise
       die genaue  Kenntnis der Vorgänge, die "gefahren" werden. Daß da-
       bei immer  wieder Unfälle passieren, "menschliches Versagen" vor-
       kommt, liegt  auf der  Hand und  scheint lediglich eine Frage der
       Konzentrationsfähigkeit zu  sein und  immer wieder  der Praxis in
       der Form des - Auswendiglernens". 12)
       2.  D i e   a n d e r e   m ö g l i c h e  W e i s e  d e r  A n-
       e i g n u n g     w ä r e      d i e      t h e o r e t i s c h e
       D u r c h d r i n g u n g.   Man eignet  sich gewissermaßen  "von
       oben" das Verfahren an und prüft dann, welche Regler welche theo-
       retisch abgeleiteten  Funktionen ausführen. Hier verschwindet die
       unendliche chaotische  Vielfalt der gleichzeitig zu verrichtenden
       und zu  bedenkenden Elemente  auf dem Wege der Abstraktion, nicht
       der "Routinisierung",  nicht des  "Auswendiglernens". Es leuchtet
       ein, daß  dieses theoretische Verfahren ungleich ökonomischer und
       auch menschlicher  ist, weil die wirkliche Relevanz der Dinge und
       Vorgänge  Voraussetzung  ist,  nicht  das  Funktionieren  allein.
       Zugleich erkennt  man, daß  es bei  einem  bestimmten  Produktiv-
       kraftstand -  dem automatisierten  - das  einzig Mögliche ist, da
       gerade die  Nicht-Alltäglichkeit des  Von-Hand-Fahrens das  Kenn-
       zeichnende des  Prozesses ist,  ohne dabei jedoch diese Weise der
       Praxis ganz  auszuschließen. - Die theoretische Aneignung hat al-
       lerdings (wie weiter oben ausgeführt) das Manko, daß sie für sich
       zwar bis zur praktischen Durchdringung vorstoßen können muß, dies
       jedoch auch  nur in  der Theorie. Kann man z.B. Auto fahren, wenn
       man es theoretisch ganz und gar begriffen hat? Keineswegs. Minde-
       stens zur  Beherrschung der  eigenen Bewegungen und ihrer Abfolge
       gehört Übung.  Ebenso verlangt  die Vielfalt der Bedingungen, der
       jeweils andere  Reaktionen für  die Fahrweise entspringen können,
       ein Ausmaß  an theoretischer  Durchdringung, das nur in der Wech-
       selwirkung mit  praktischer Erfahrung entwickelt werden kann. Zu-
       dem wäre  bei der  Produktionsweise des Handfahrens die theoreti-
       sche Berechnung zu langsam, ihre unvermittelte Übersetzung in Be-
       wegungsabläufe ganz unmöglich.
       Wir kommen also zu dem Resultat, daß die Automatisierung des Pro-
       duktionsprozesses umfassendes  theoretisches Begreifen ermöglicht
       durch die  praktische Zusammenfassung der verschiedenen Bereiche.
       Zur theoretischen Beherrschung durch die Produzenten zwingt diese
       Weise zu  produzieren gerade dann, wenn das üblicherweise automa-
       tisch geregelte von Hand gefahren werden muß. Dabei ist die theo-
       retische Durchdringung insbesondere deswegen notwendig, weil jeg-
       liche vorher  meist praktizierte Form der routinisierenden Aneig-
       nung wegen  der relativen  Seltenheit  des  Vorkommnisses  fehlt.
       Zugleich genügt die theorieförmige Aneignung nicht, da praktische
       Beherrschung ohne  Übung nicht  auskommen kann,  eben weil in der
       praktischen Tat  jedes einzelne  Moment gar nicht theoretisch er-
       rechnet werden  kann. An die Stelle der Berechnung tritt die Rou-
       tine. Die  Perspektive für das Fahren von automatisierten Maschi-
       nen und  Anlagen wäre in solchen Fällen also eine Ausbildung, die
       umfassende Theorieaneignung,  das Studium  der Gesetze der Natur-
       wissenschaften verbindet  mit der Übung im praktischen Umgang mit
       den Dingen.
       Die Wirklichkeit  gehorcht zweifellos  einer solchen  Perspektive
       nicht. Einmal  ist die Notwendigkeit solcher Ausbildung nicht un-
       mittelbar bewußt; da jede Form von Arbeiterbildung einerseits die
       Lohnkosten (entweder  direkt oder in der Form des wachsenden Bil-
       dungshaushaltes) erhöht und zum anderen das Vorenthalten von mög-
       lichst viel  Kopfarbeit für die Unternehmer und ihre "Köpfe" eine
       Form der  Aufrechterhaltung von Herrschaft ist, bedarf die Durch-
       setzung auch  der für den Produktionsprozeß notwendigen Arbeiter-
       ausbildung klassenkämpferischer  Auseinandersetzung und  ist auch
       in diesem  Fall in die notwendigen Forderungen der Gewerkschaften
       aufzunehmen.
       Bei unserer Untersuchung in den Betrieben haben wir zunächst auf-
       genommen, wo  das Handfahren als Aufgabe des Produktionsarbeiters
       auftritt und sodann geprüft, wie er für diese Praxis ausgestattet
       wird. Dafür  fragten wir einerseits nach dem Bereich, aus dem der
       Arbeiter kommt,  und der  Vorbildung, die er mitbringt, also nach
       seiner Bildungsbiographie, zum anderen nach der Art der automati-
       onsspezifischen Ausbildung  wie auch  nach der Weiterbildung, die
       vorgesehen und durchgeführt wird.
       
       Zum Stand der Ausbildung an 92 Meßwartenarbeitsplätzen
       ------------------------------------------------------
       
       Als Problem  und zugleich  als "Spitzenanforderung" wurde die Tä-
       tigkeit des "Hand-Fahrens" an allen Meßwarten formuliert. Die Un-
       klarheit über  die dafür  notwendige Qualifikation äußert sich z.
       B. in  der eigentümlichen  Abbildung der  Probleme als solche der
       Haltung: -  Bei totalem  black out  des  Rechners  wird  es  sehr
       schwer, die Anlage weiterzufahren, da gibt es Schwierigkeiten mit
       der Motivation."  Wie unsicher  wirklich das Wissen über die not-
       wendigen Fähigkeiten  ist, zeigt  ein Blick auf die Art und Weise
       ihrer Herstellung  . Für uns zeigte sich als chaotische Vielfalt,
       was eine  absolute Willkür in der zugestandenen Lernart und -zeit
       dokumentiert.
       Aber ist  nicht ein so willkürlicher Umgang mit Ausbildungsinhal-
       ten, -formen  und -zeiten selber Beweis, daß die Arbeiter die Ma-
       schinen auch dann beherrschen können, wenn sie nicht eigens dafür
       ausgebildet werden?  Ein solcher Einwand mutet uns zu, als exoti-
       sche Unternehmerlaune aus der Analyse herausfallen zu lassen, daß
       tatsächlich in  einer Reihe von Fällen (etwa einem Drittel) zeit-
       lich  umfangreiche   und  inhaltlich  systematische  Ausbildungen
       durchgeführt werden,  wobei in  diesen  Fällen  noch  zusätzliche
       fortbildende Elemente  in die Arbeitsabläufe eingebaut sind (z.B.
       Störungssimulationen, Rundgängerei,  Wechsel  zur  Reparatur  und
       vergleichende Verlaufsprotokolle zur Fehlerdiagnose und Prozeßop-
       timierung), sowie Fortbildungskurse angeboten werden. Da man wohl
       davon ausgehen kann, daß die Unternehmer kein Interesse daran ha-
       ben, freiwillig  ein die Produktionsnotwendigkeiten überschießen-
       des Wissen  zu vermitteln  und zu  zahlen, muß unsere Frage umge-
       kehrt gestellt werden: was passiert mit den Vielen, deren Ausbil-
       dung in unterschiedlichem Grade geringer ist?
       
       Selektion statt Ausbildung
       --------------------------
       
       Zunächst können  wir wohl davon ausgehen, daß die Hauptkämpfe von
       uns gar nicht aufgenommen werden konnten und sie sich vor unserem
       Untersuchungsfeld abspielen  als Selektion  all derer, die in die
       Reihe der  Automationsarbeiter gar nicht erst aufgenommen wurden.
       Einhellig berichten  die Systemanalytiker, die Personalleiter und
       die technischen  Leiter, daß nur "die Besten" aus den alten Anla-
       gen und die mit großer Praxis überhaupt ausgewählt wurden. In der
       friedlichen Formulierung,  die unser  Zutrauen zu  den  Produkten
       dieser Werke  erhöhen könnte,  verbirgt sich  die Katastrophe für
       all jene,  die nicht genommen wurden - schließlich kann nicht je-
       der der  Beste sein  ", verbirgt sich auch der erbitterte Konkur-
       renzkampf, der unter den Arbeitern herrschen muß, und der ein so-
       lidarisches Vorgehen  in den  zu automatisierenden Betrieben fast
       verunmöglicht. Zudem bedeutet die ungesicherte Umstellung auf ein
       ganz neues  Betätigungsfeld ein  Verlassen der Produktionssphäre,
       in der man sicher war im Sinne von kompetent, in der man zu Hause
       war, ein  unerhörtes Risiko  für die  einzelnen Arbeiter, welches
       nur wegen des höheren Risikos des Arbeitsplatzverlustes überhaupt
       eingegangen werden kann.
       Wo diese  Drohung wegfällt, beispielsweise in einigen staatlichen
       Betrieben, hörten  wir, daß  die Arbeiter  aus den  alten Anlagen
       sich besonders  wenig für  die  neue  Produktionsweise  eigneten,
       "weil sie  Angst haben",  "weil sie  sich weigern, sich überhaupt
       auf die  begriffliche Fassung  einzulassen". Und  von denen,  die
       sich solche Weigerung nicht leisten konnten, heißt es: - Sie ste-
       hen wie gelähmt vor den Rechnern und haben Angst. Dann rennen sie
       immerzu in  die Anlage,  obwohl sie dort gar nichts sehen können,
       während der Rechner seine Befehle ins Leere spuckt."
       Erschwert so  die innerbetriebliche Auswahl solidarische Aktionen
       - etwa  für eine ausreichende Ausbildung und Information - bietet
       die außerbetriebliche  Stellenausschreibung zusätzliche  Möglich-
       keiten für die Unternehmer, an der notwendigen Ausbildung Einspa-
       rungen vorzunehmen. Am wenigsten Aufwand wird mit den Leuten "von
       außerhalb" gemacht.  Während nun  mit den  immerhin "Besten"  der
       vorherigen Produktionsstufe  noch eine  Reihe von  Ausbildungsan-
       strengungen unternommen  werden, schrumpft  dieses Bemühen sicht-
       lich bei  den Facharbeitern  vom "freien" Arbeitsmarkt, von denen
       offenbar erwartet  wird, daß  sie die neuen Produktionsqualifika-
       tionen schon als Eigenschaften mitbringen oder, wo dies nicht der
       Fall ist,  selber sehen, wie sie dazu kommen. Was an Leidensdruck
       dahinter steht, ahnt man noch aus den als bloße Beschreibung vor-
       gebrachten Worten  eines Unternehmers:  "Er hat  6 Monate für die
       Bedeutung der  Lämpchen gebraucht  und fast  drei Jahre  für  die
       Überwindung der  Anfangsschwierigkeiten -  privat hat er die Pro-
       zeßanweisungen und  Systembeschreibungen studiert...  Daß ständig
       Neuerungen an  der Anlage  vorgenommen werden, sorgt doch automa-
       tisch dafür,  daß er  was dazulernt...  Außerdem besucht er jetzt
       nach  Feierabend  Elektronikkurse."  Gleich  in  mehreren  Fällen
       fanden wir  als Selbstverständlichkeit  berichtet, daß  sich  die
       Produzenten das  nötige Wissen  für die  aktuelle Produktion noch
       nach Feierabend  in Kursen oder anhand von Lehrbüchern, die ihnen
       der Betrieb "großzügig" zur Verfügung stellt, oder gar "heimlich"
       durch Entwenden der Schaltpläne zu Hause aneignen.
       
       Lernen beim Aufbau der Anlage
       -----------------------------
       
       Beliebte und  immerhin die Produktion gewährleistende Lernmethode
       ist die  Einbeziehung der späteren Meßwarte in den Aufbau der An-
       lage, die  häufig mehr  als ein  Jahr beträgt. Dabei geht es kaum
       darum, daß  man auf  diese Weise die ohnehin vorhandenen Arbeiter
       weitere Kosten  vermeidend einsetzt, sondern dieser Aufbau muß in
       erster Linie  begriffen werden als Lernzeit. Die Berichte stimmen
       darin überein,  daß die so "geschulten" Produzenten nicht nur den
       Unwillen und die Angst vor der neuen Anlage verlören, sondern so-
       gar, daß  sie jetzt  mit einer gewissen Begeisterung an den neuen
       Arbeitsplätzen sich  einsetzen ließen. Die Erfolgsmeldungen bewe-
       gen sich auf dem Gebiet der Motivation.
       Dabei ist  unmittelbar einleuchtend, daß eine andere Haltung ein-
       genommen wird, wenn die herkömmliche Produktionswelt wie mit Gei-
       sterhand weggenommen  wird und  bloße Symbole an ihre Stelle tre-
       ten, als  wenn die neue Symbolproduktion von den Meßwarten selber
       hergestellt wurde, sie also die Veränderung bewirkten. Der so er-
       folgte Angstabbau  ist sicherlich  eine Vorbedingung für das Ler-
       nen, ebenso wie die Begeisterung, an der neuen Form mitgewirkt zu
       haben, die Aneignung des Geschaffenen vorantreibt.
       Was aber lernten die Produzenten der neuen Stufe durch diese Her-
       stellung inhaltlich?  - Sie  können sich  jetzt was  vorstellen",
       erfuhren wir, oder - sie haben Ortskenntnis", als ob der neue Um-
       gang mit  der Materie  wesentlich auf  der Anschauung beruhe. Was
       weiß ich  denn, wenn  ich die nötigen Rohre mit verlegt habe, die
       mehreren hundert  Ventile anbrachte  und die Apparate verkettete?
       Ganz offensichtlich  wird mir so der Sinn der Befehle des Öffnens
       und Schließens  von  Ventilen  z.B.  und  ihres  Zueinanders  als
       gleichzeitig mögliche Handlung und als praktisches Produktionsmo-
       ment erschlossen.  Zudem kann  ich mir  vorstellen, wo ein Ventil
       jetzt bei diesem Stadium des Prozesses geschlossen sein müßte und
       vor allem  - im  Falle einer Störung - wo es liegt. Was ich nicht
       weiß, ist,  wie die Errechnung des Prozeßablaufs und seiner Über-
       setzung in  Ablaufbefehle möglich  war und daher nicht, warum und
       wie beeinflußbar  beim wirklichen Prozeß Abweichungen, Störungen,
       Überschreitungen und  Unterschreitungen als Fehler der Berechnung
       ausgelöst durch den Widerstand der Materie, die durch eine verge-
       genständlichte Strategie  von Maschinerie  beherrschbar  gemacht,
       sich nun  in der  alltäglichen Produktionspraxis  als unvollendet
       beherrscht erweist, ohne daß es in meiner Verfügung stände, diese
       vergegenständlichte Strategie verbessern zu können.
       Notwendige Folge  ist, daß  die  Meßwarte,  wiewohl  sie  an  den
       Schaltstellen der Prävention und Therapie der Unfälle sitzen, da-
       von betroffen  werden als  ob es sich um ein katastrophenförmiges
       Schicksal handele.  Die Angst  vor dem erwarteten Unheil, die als
       Dauerspannung nicht  ausgehalten werden kann, muß dabei verarbei-
       tet werden.  Die Formen  liegen uns  als unzählige  Berichte über
       Streß und  Angst, Magengeschwüre,  Ungeeignetheit für  die  Warte
       oder gar als Tugend des Phlegmas vor.
       Überraschenderweise wird  den Meßwarten, die in ihrer Lernbiogra-
       phie keinen  Anlagenaufbau vorweisen  können, nun  keineswegs ein
       langes praktisches  Element als Äquivalent zugestanden (eine Aus-
       nahme ist  die Methode  des Stufenanlernens), sondern sie sind im
       Gegenteil diejenigen, in deren produktionsbegleitende Fortbildung
       - sei  es aus Eigeninitiative, sei es ausdrücklich zugestanden, -
       theoretische Kurse Eingang finden.
       
       Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Ausbildung
       -------------------------------------------------------
       
       Daß diese  Mitarbeit beim Anlagenaufbau als Lernarrangement nicht
       ausreicht, zudem  bei ständiger Innovation zumindest durch ebenso
       fortwährende Beteiligung  am Umbau ergänzt werden müßte, zeigt im
       übrigen auch  das praktische  Verhalten  der  entsprechenden  Be-
       triebsleitungen. In  fast  allen  Fällen  fand  eine  zusätzliche
       "Ausbildung" in fast systematischer Form statt, zudem erwuchs un-
       ter dem  Eindruck der Bedeutung der Anlagenortskenntnis und ihrer
       gleichzeitigen Unzureichendheit oder auch der Tatsache, daß wich-
       tige Einzelheiten  immer wieder  vergessen werden,  ebenfalls bei
       den Meßwarten,  die beim Anlagenaufbau schon ausreichend Gelegen-
       heit zu Ortskunde hatten, ein Lernarrangement in der Arbeit, wel-
       ches eine  systematische Begehung  des Schauplatzes vorsieht. Nur
       in einem  einzigen Werk, in dem die Meßwarte nicht am Anlagenauf-
       bau beteiligt  waren, kommt  ein solches  Verfahren  vor.  Dieses
       stellte insgesamt  eine bemerkenswerte Lösung für die anstehenden
       Aufgaben dar.  Die Arbeiter  wurden nicht  nur  vertraglich  ver-
       pflichtet, ein hohes Ausmaß an Lerneinheiten zu absolvieren - je-
       der Meßwart  durchlief eine theoretische Schulung von 100 Stunden
       in zwei Jahren und wurde gleichzeitig per Simulation an der nicht
       produzierenden Anlage  geschult -, zugleich wurde versucht, durch
       Lohnanreize ein permanentes Weiterlernen herbeizuführen. Nach der
       Einsicht "wenn  er weiß, wie die Maschine funktioniert, behandelt
       er sie  besser", werden  beständig  Weiterbildungsveranstaltungen
       angeboten, die  mit einer  Leistungsprüfung  abzuschließen  sind;
       nach jeder Prüfung gibt es eine Lohnerhöhung. In diesem Werk hat-
       ten 70%  der Arbeiter schon mehrere solcher Prüfungen hinter sich
       gebracht (zumeist 3-4). Zugleich ließen die Personalleiter keinen
       Zweifel daran, daß "sie sich auf Dauer trennen müßten von den Ar-
       beitern, die gar nicht weiter lernen wollten".
       An einer weiteren Meßwarte ist als Arbeitselement vorgesehen, was
       einen anderen theoretischen Zugriff auf den praktischen Produkti-
       onsablauf lernförmig enthält: Die Meßwarte zeichnen nach den Feh-
       lerprotokollen und  Wertausdrucken Verlaufskurven  von  typischen
       Fehlerverläufen, um  im Vergleich  die Reaktionen der Materie auf
       die unterschiedlichen Eingriffe, die Änderungsprozesse, die Dauer
       bis der Prozeß wieder "normal" lief usw. studieren zu können, und
       - in  Diskussion mit den Ingenieuren - Verallgemeinerungen vorzu-
       schlagen, die eine als vorläufige Regel auszusprechende neuartige
       und die  Prozesse genauer  durchschauende Fahrweise erlauben. Das
       Lernen beruht  hier auf  dem Moment,  welches menschliches Lernen
       von bloßer  Dressur unterscheidet,  auf der Entwicklung des Anzu-
       eignenden.
       Die Tatsache,  daß die Unternehmer für ihre automatischen Maschi-
       nen und  Anlagen Facharbeiter der vorhergehenden Produktionsstufe
       auf dem  Arbeitsmarkt und in ihrem eigenen Betrieb fix und fertig
       vorfinden, gibt  ihnen die  Möglichkeit, die Qualifikationen, die
       sie insbesondere  für das  Von-Hand-Fahren brauchen, voraussetzen
       zu können,  bzw. für  diese Qualifikation  keine eigenen  Ausbil-
       dungspläne zur  Erarbeitung vorzuschlagen.  Ihr einziges  Problem
       ist, daß  die einzelnen  Facharbeiter bei  dem Einsatz an automa-
       tischgesteuerten Maschinen  und Anlagen  die Fertigkeit  des Von-
       Hand-Fahrens verlieren, also Maßnahmen der Auffrischung getroffen
       werden müßten. Auf der Seite der Arbeiter drückt sich dieses Ver-
       fahren als Beraubung aus. Was sie jahrelang gelernt haben und was
       sie für  die gesamte Produktion kompetent macht, ist jetzt bloßes
       Einsprengsel geworden,  wie als  ob ein Klavierspieler im Konzert
       nur alle  halbe Stunde  eine Tonleiter  spielen sollte. Der Blick
       auf den Verlust des Gewohnten verstellt die Aussicht auf den mög-
       lichen Gewinn  des Ungewohnten. Die Hilflosigkeit beim Umgang mit
       den neuen  Anforderungen läßt in diesem Arrangement als persönli-
       chen Mangel  erscheinen, was als Recht auf angemessene Ausbildung
       allgemein gefordert werden müßte.
       Daß ein Teil ihrer Qualifikationen nur noch selten gebraucht wird
       und sie zudem die neuen Anforderungen nicht kennen, macht die Ar-
       beiter mißtrauisch;  je anerkannter ihr bisheriger Beruf war, de-
       sto selbstbewußter treten sie gegen den Einsatz der neuen Anlagen
       auf (insbes.  z.B. die  Werkzeugmacher). Daß  die Maschinen einen
       Teil der Arbeiter ersetzen, zwingt die Produzenten zusätzlich zum
       Widerstand. Dieser  Widerstand, der unter den gegebenen Produkti-
       onsverhältnissen notwendig  ist, wirkt dabei zugleich hemmend auf
       die Möglichkeiten,  sich das  neue umfangreichere  Wissen für die
       Technologie anzueignen,  ein Widerspruch,  der nur  über  gewerk-
       schaftliche Kontrolle  des Einsatzes  von Technologie und die Ge-
       währung umfassender  Information  und  Ausbildung  gelöst  werden
       kann, in der Vereinzelung unlösbar ist.
       
       _____
       *) Anmerkung der  Redaktion: Der vorliegende Aufsatz ist eine Re-
       plik von  Frigga Haug  auf einen Beitrag von Lothar Peter, der in
       'Marxistische Studien.  Jahrbuch des  IMSF 2/1979' veröffentlicht
       worden war  (Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue Tech-
       nik und  Arbeiterbewegung, ebenda,  S. 279-299). Da sich der Bei-
       trag von  Lothar Peter  u.a. auch mit von Frigga Haug vertretenen
       Positionen kritisch  auseinandersetzte, wurde ihr seitens der Re-
       daktion die  Möglichkeit zur  Erwiderung gegeben. Dabei wurde un-
       verbindlich der  nun auch den vorliegenden Beitrag kennzeichnende
       Titelvorschlag gemacht.  Es versteht  sich von selbst, daß Frigga
       Haug hier ungekürzt ihrer Meinung Ausdruck verleiht.
       Um die unterschiedlichen Diskussionspositionen für den Leser noch
       deutlicher zu  machen und  ihm ausreichende Grundlagen einer Mei-
       nungsbildung zur Verfügung zu stellen, haben wir Lothar Peter ge-
       beten, in einer kurzen, auf die wesentlichen Gegensätze bezogenen
       Replik auf den Beitrag von Frigga Haug einzugehen. Dieser Beitrag
       ist im Anschluß an F. Haugs Aufsatz veröffentlicht.
       Die Redaktion  'Marxistische Studien'  hofft, daß  mit der Veröf-
       fentlichung der Kontroverse die Debatte um Qualifikation und wis-
       senschaftlich-technischen Fortschritt,  einschließlich der  darin
       eingeschlossenen Grundsatzfragen, neue Impulse erhält.
       1) Das Projekt  Automation und Qualifikation veröffentlichte bis-
       her: eine  sekundärstatistische umfangreiche  Arbeit zur Ausbrei-
       tung von  Automation in  der BRD mit einem historischen Teil (Das
       Argument, Berlin-West/Karlsruhe,  Sonderband 7 - AS 7, Automation
       in der  BRD); eine  historische Arbeit  zu "Entwicklung  der  Ar-
       beitstätigkeiten und  die Methode  ihrer Erfassung"  (AS 19), die
       die Einsichten  der  Kritischen  Psychologie  so  zu  verarbeiten
       sucht, daß  die bisher  in  der  üblichen  Technikgeschichte  nur
       erahnbare Geschichte  der Entwicklung der menschlichen Arbeitstä-
       tigkeiten schreibbar wird. Der Band endet mit der Vorstellung des
       empirischen Fragebogens,  mit dem das Projekt in 68 Betrieben ge-
       arbeitet hat;  ein dritter  Band (AS 31) "Theorien über Automati-
       onsarbeit" setzt  sich mit  vorliegenden Studien  über Automation
       auseinander, um tragfähige Kategorien für empirische Untersuchun-
       gen zu entwickeln. Der Band enthält eine Übersicht über alle bis-
       her veröffentlichten  Studien zur  Automationsarbeit mit  Angaben
       über die  Hauptfragestellungen, den Untersuchungsbereich, den zu-
       grunde liegenden  technologischen Stand,  Zeitpunkt der  Untersu-
       chung und Geldgeber sowie eine Angabe über die behaupteten Folgen
       für die  Qualifikation der  Produzenten. - Einzelstudien befassen
       sich mit  der Druckindustrie,  der öffentlichen  Verwaltung,  der
       Forschungsförderung, Folgen für die Schulerziehung, der Computer-
       anwendung beim  Konstruieren; in  meinem, im  Argument 111 (1978)
       veröffentlichten Habilitationsvortrag  versuche ich  Maßstäbe  zu
       formulieren für  eine marxistische empirische Sozialforschung. In
       verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken veröffentlichten wir
       mehr als  20 Aufsätze,  die im einzelnen aufzuführen hier zu viel
       Umfang einnehmen  würde. Vgl.  dazu die  Bibliographie in:  Forum
       Kritische Psychologie  6, Berlin/West 1980. Zwei empirische Bände
       und ein Handbuch für Gewerkschaften sind in Vorbereitung.
       2) J.D. Bernal,  Die Wissenschaft  in der  Geschichte, Berlin/DDR
       1961, S. 883.
       3) Ebenda.
       4) So etwa in der berühmten Studie des Rationalisierungskuratori-
       ums der  deutschen Wirtschaft,  RKW: Wirtschaftliche  und soziale
       Aspekte des  technischen Wandels  in der  Bundesrepublik,  Frank-
       furt/Main 1972.
       5) Lothar  Peter,   Wissenschaftlich-technischer  Fortschritt...,
       a.a.O.
       6) Ebenda, S. 281.
       7) Ebenda, S. 282.
       8) Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, MEW, Bd. 23, S. 510 ff.
       9) Vgl.  Darcy   Ribeiro,  Der  zivilisatorische  Prozeß,  Frank-
       furt/Main 1971.
       10) Vgl. Argument Sonderband 43, Teil II, viertes Kapitel.
       11) Die nachfolgenden  Ausführungen sind  Auszüge aus dem Kapitel
       "Über das neuartige Verhältnis von Theorie und Praxis bei der Au-
       tomationsarbeit", aus:  Projekt Automation und Qualifikation: Au-
       tomationsarbeit. Empirische  Untersuchungen, Bd.  I,  Berlin-West
       1980.
       12) Zur Psychologie von Fehlverhalten vgl.: B. Nemitz in: F. Haug
       (Hrg.), Arbeit und Persönlichkeitsentwicklung, Köln 1980.
       13) Inwieweit das  Erfahrungswissen der Arbeiter aus langjähriger
       Produktionspraxis durch  ihre Beteiligung am Anlagenaufbau in die
       "soft ware"  eingebaut wird  - sie  so im  Wortsinn ihres Könnens
       enteignet werden - behandeln wir an anderer Stelle.
       

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