Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       WIDERSPRÜCHE UND KONFLIKTE IM KAPITALISMUS UND SOZIALISMUS
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       Bericht über ein Seminar des Instituts für Grundprobleme des
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       Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der PVAP und des IMSF
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       Johannes Henrich von Heiseler
       
       1. Historischer  Materialismus und  bürgerliche Konflikttheorie -
       2. Kulturentwicklung  und institutionelles  Wissenschaftssystem -
       3. Interessen  und politisches System - 4. Widerspruch und Inter-
       esse, Spontaneität  und Planung im sozialökonomischen Prozeß - 5.
       Wirtschafts- und  Sozialpolitik - Einheit oder Gegensatz - 6. Ar-
       beiterklasse und  Partei im Sozialismus - 7. Bedürfnisse, Lebens-
       weise und Bewußtsein der Arbeiter.
       
       Am 23.  und 24. Oktober 1979 fand ein zweites gemeinsames Seminar
       des Instituts  für Grundprobleme  des  Marxismus-Leninismus  beim
       Zentralkomitee der  Polnischen Vereinigten  Arbeiterpartei (IGML)
       in Warschau  und des IMSF statt. Während bei der ersten Konferenz
       im Jahre  1978   1) das  polnische Institut  Gastgeber war, kamen
       diesmal die polnischen Kollegen als Gäste des IMSF nach Frankfurt
       am Main.  Das Thema  dieses Seminars  lautete: - Widersprüche und
       Konflikte im  Kapitalismus und Sozialismus - am Beispiel der Bun-
       desrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen." 2) Augustyn
       Wajda, stellvertretender  Direktor des  IGML, und  Josef Schleif-
       stein, Leiter  des IMSF,  leiteten dieses  Seminar gemeinsam. Die
       Referate waren  schon vorher  schriftlich ausgetauscht worden, um
       eine gründliche Diskussion in der kurzen Zeit zu ermöglichen.
       In der  Anlage des Seminars war davon ausgegangen worden, daß die
       grundlegende sozialökonomische Gegensätzlichkeit und Unterschied-
       lichkeit von  Sozialismus und Kapitalismus auch die verschiedenen
       Sektoren und  Erscheinungsebenen der Gesellschaft prägen. Gleich-
       wohl trifft  für beide  Gesellschaftsformationen die  universelle
       Gültigkeit des Widerspruchs als Triebkraft und Motor der Entwick-
       lung zu.  Es machte  den besonderen Reiz dieses Seminars aus, daß
       gewissermaßen parallele  Themen gewählt  wurden, die  jeweils vom
       Standpunkt der sozialistischen Gesellschaft Polen und des staats-
       monopolistischen Kapitalismus der BRD abgehandelt wurden.
       Der Verfasser  dieses Berichts  gibt Kernaussagen der schriftlich
       vorgelegten Referate  wieder. Er  geht nicht auf die Diskussionen
       ein und  verzichtet auch  auf ein  analytisches Ausloten und Ver-
       gleichen der  vorgetragenen Standpunkte.  Er hielt es vielmehr in
       der folgenden  Darstellung vor  allem für seine Pflicht, sich eng
       an die Aussagen der Referenten zu halten und sich eigener Kommen-
       tare zu enthalten.
       
       I. Historischer Materialismus und bürgerliche Konflikttheorie
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       Mit der  "Kritik der  bürgerlichen Interpretationen  der  gesell-
       schaftlichen Gegensätze des realen Sozialismus" beschäftigte sich
       Mariusz Gulczynski.  Zunächst unterschied  er verschiedene Formen
       von Widersprüchen:  Nichtidentität von Interessen, Interessendif-
       ferenziertheit und  schließlich Gegensätzlichkeit von Interessen.
       Nur die  letzte Widerspruchsform  führt unvermeidlich  zu gesell-
       schaftlichen Konflikten. Da diese letzte Widerspruchsform aber im
       Sozialismus nicht mehr vorhanden ist, sind gesellschaftliche Kon-
       flikte im  Sozialismus nicht unvermeidlich. Die Übertragung aller
       Widerspruchsformen auf  alle Gesellschaften  ist deshalb  denkbar
       unhistorisch.
       Allerdings bietet die Vermeidbarkeit gesellschaftlicher Konflikte
       im Sozialismus  nicht schon die Garantie dafür, daß gesellschaft-
       liche Konflikte auch tatsächlich nicht auftreten. Da im Sozialis-
       mus der  wichtigste Regulator  bei  der  Distribution  nicht  der
       Markt, sondern  der Staat ist, kann es sein, daß einzelne gesell-
       schaftliche Gruppen,  die annehmen, daß ihren Bedürfnissen gerin-
       ger als denen anderer Rechnung getragen wird, ausgerechnet im so-
       zialistischen Staat ihren Antagonisten sehen. Hier liegt eine Ur-
       sache möglicher gesellschaftlicher Konflikte.
       Der Referent  setzte sich mit den bürgerlichen Gesellschaftstheo-
       rien auseinander,  die Leitung und Herrschaft miteinander identi-
       fizieren. Diese Theorien dienen dazu, im Kapitalismus aus der Ka-
       pitalherrschaft eine  Herrschaft der Manager zu machen, und ande-
       rerseits soll mit ihnen, was den Sozialismus angeht, aus den öko-
       nomischen und  politischen Leitern  eine herrschende  Klasse kon-
       struiert werden.
       Ein reales Problem für den Sozialismus ist dagegen, so meinte der
       Referent, die  Tatsache ,  daß es keinen Automatismus gibt, durch
       den sich  alle Leitenden  mit der  Arbeiterklasse identifizieren.
       Die Leitenden  sind im Sozialismus der Sache nach Mandatare aller
       im Sozialismus  vorhandenen Klassen  und Schichten.  Daher ergibt
       sich auch  der mögliche  Widerspruch, daß sich bei bestimmten Ge-
       sellschaftsklassen  oder   -schichten  Unzufriedenheit  über  Be-
       schlüsse und  Schritte der  leitenden Zentrale ansammelt. Wichtig
       ist, ein  System der Mechanismen zu schaffen, das in Richtung ei-
       ner Identifikation  der wirtschaftlichen  und politischen  Leiter
       mit der Arbeiterklasse wirkt. Einer der wichtigsten dieser Mecha-
       nismen ist die Rekrutierung der Kader.
       "Historischer Materialismus und bürgerliche Konflikttheorie" hieß
       das Thema  von Horst  Holzer. Holzer setzte sich zunächst mit der
       bürgerlichen Demokratie-Soziologie  auseinander, in  welcher  der
       antagonistische Charakter  sozialer Konflikte nicht auftaucht. In
       dieser Form  bürgerlicher Ideologie  sieht es  so aus, als ob die
       sozialen Konflikte  für die  herrschende Klasse  derart leicht zu
       handhaben seien,  wie sie  das - ideologisch und praktisch - gern
       hätte.
       Das Referat  beschäftigte sich dann mit den kybernetischen Inter-
       pretationen der  Gesellschaft. Die modellartige Abbildung techni-
       scher Systeme  wird mechanizistisch  auf  die  Abbildung  gesell-
       schaftlicher Verhältnisse  übertragen. Die gesellschaftliche Qua-
       lität wird  nirgends Gegenstand der kybernetischen Systemtheorie.
       Ein Maschinenmodell  wird als  Gesellschaftstheorie  angepriesen.
       Die widersprüchlichen,  nach wie vor bei hohem Organisierungsgrad
       anarchischen Verhältnisse  des Imperialismus  werden  dargestellt
       als widerspruchsfreie, formallogisch einwandfrei funktionsfähige,
       von einem  politischen Zentrum aus organisierte Regelkreise. Hol-
       zer wies  nach, daß in allen wesentlichen Punkten Luhmann mit den
       kybernetischen Gesellschaftsinterpreten  auf eine  Stufe gestellt
       werden kann, daß also, sieht man von Differenzen in zweitrangigen
       Fragen ab, die Kritik an den kybernetischen Gesellschaftsmodellen
       auch auf die Luhmannschen Theorien anwendbar ist.
       
       2. Kulturentwicklung und institutionelles Wissenschaftssystem
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       Über die  "Wege der  Kulturentwicklung in der sozialistischen Ge-
       sellschaft" referierte  Jerzy Ladyka.  Er ging von der These aus,
       daß Kulturinhalte  instrumental, als  Mittel,  und  autonom,  als
       Werte, betrachtet  werden können.  Instrumentaler  und  autonomer
       Charakter sind jedoch niemals absolut einem Kuturinhalt zuzuspre-
       chen, beide gehen ineinander über.
       Ladyka beschrieb  deutlich, daß eine der ersten Aufgaben der Kul-
       turpolitik Volkspolens die Schaffung von solchen Bedingungen war,
       die es  breiten Kreisen der Werktätigen ermöglichten, die humani-
       stischen Werte  des nationalen  und des allgemeinen Kulturguts zu
       rezipieren. Diese  Aufgabe war  untrennbar  mit  dem  allgemeinen
       Fortschritt  auf  anderen  Lebensgebieten  verbunden.  Die  Fort-
       schritte im  Bildungsbereich sind  eine unbezweifelte  allgemein-
       kulturelle Errungenschaft  des sozialistischen  Aufbaus in Polen.
       Der Referent  legte dazu  wichtige Informationen vor. Schließlich
       verwies Ladyka  auf eindrucksvolles Material über die Entwicklung
       der gesellschaftlich-kulturellen  Bewegung: Das  Netz der Kultur-
       und Bildungsstellen,  der Bibliotheken,  Klubs und  Kulturhäuser,
       die auch  in kleinen Orten sowie besonders für Betriebe und Schu-
       len eingerichtet  sind. Diese  Einrichtungen werden,  wie gezeigt
       werden konnte, von der Bevölkerung bereitwillig angenommen.
       "Gesellschaftssystem und  Wissenschaftssystem: Zur  Dialektik der
       Wissenschaftsentwicklung in  der BRD"  lautete der Titel des Bei-
       trags von  Hans Jörg  Sandkühler. Er zeigte, daß die sozialökono-
       misch produktive  Funktion der  Wissenschaft sowohl  Ergebnis als
       auch Bedingung (was zu wenig beachtet wird) des Übergangs zum So-
       zialismus ist. Die Wissenschaft ist, so führte er aus, eine Funk-
       tion des Gesamtsystems der Antagonismen des Kapitalverhältnisses,
       des Klassenkampfes  und der  politisch-rechtlichen Strukturen der
       Gesellschaft. Wissenschaft im Kapitalismus ist daher Widerspiege-
       lung der Widersprüche des Kapitalismus in Form eines widersprüch-
       lichen Wissenschaftssystems. Sandkühler sprach in einer provozie-
       renden Formulierung  von der "Entwicklung eins nicht-kapitalisti-
       schen Wissenschaftssektors im Kapitalismus".
       Der Referent  ging auf die Formen ein, durch die die Wissenschaft
       dem Zugriff des Kapitals unterworfen wurde und wird. Die Entwick-
       lung zum  Imperialismus und zum staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus hat  auch hier einen Formwandel bedeutsamer Art zur Folge ge-
       habt. Dennoch  bleibt auch dieser Bereich in seinen grundlegenden
       Zügen  anarchisch.   In  entscheidenden  Punkten  herrscht  Spon-
       taneität. Eine  bewußte proportionale  Entwicklung gibt es nicht.
       Disproportionalitäten lassen  sich nachweisen  im Verhältnis  von
       Wirtschafts- und  Wissenschaftsentwicklung, in  der  innerwissen-
       schaftlichen Forschungsplanung  und im Bereich von Lehre und Aus-
       bildung.
       
       3. Interessen und politisches System
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       Das Thema von Jan Bluszkowski war - Die Verwirklichung der Inter-
       essen der Gesellschaft im System der sozialistischen Demokratie".
       Er betonte,  daß nicht nur die jeweiligen Bedürfnisse und die Gü-
       ter, die ihrer Befriedigung dienen, objektiv gegeben sind. Ebenso
       ist der  Mechanismus, durch  den die  Güter erzeugt  und verteilt
       werden, vom Produktionspotential der Gesellschaft, den Eigentums-
       verhältnissen, der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, den Einkom-
       mensquellen und  von der Stellung des jeweiligen Individuums oder
       der Gruppe  in der  gesellschaftlichen Struktur  abhängig.  Daher
       sind Interessen objektiv determiniert.
       Der Konflikt  von Interessen kann als eine allgemeine Erscheinung
       angesehen werden, da jeweils nur eine beschränkte Gütermenge bis-
       her zur Verteilung zur Verfügung war. Der Konflikt von Klassenin-
       teressen stellt  die grundlegende, geschichtlich bedeutsamste Art
       von Interessenkonflikten  zwischen Gruppen dar. In jeder Klassen-
       gesellschaft können  jedoch auch andere Ebenen des Interessenkon-
       flikts auftreten,  so zum  Beispiel Interessenkonflikte  zwischen
       Schichten, Berufsgruppen,  Nationalitäten und ethnischen Gruppen.
       Interessenkonflikte, die sich aus der lokalen Gliederung, der de-
       mographischen Gliederung,  der Gliederung  nach Generationen oder
       der Gliederung  nach Geschlechtern ergeben. In den Klassengesell-
       schaften übt  jedoch der  Interessenkonflikt zwischen den Klassen
       die Dominanz über die anderen Interessenkonflikte aus.
       Auf Grund  der Beseitigung  der Ausbeuterklassen  verschwinden im
       Sozialismus die  antagonistischen Interessengegensätze.  Die noch
       bestehenden Klasseninteressen  erfahren Veränderungen  , die  auf
       eine allmähliche  Vereinheitlichung der  gesellschaftlichen  Lage
       hinauslaufen. Das  betrifft insbesondere  das Verhältnis  zu  den
       Produktionsmitteln, den  Charakter der  Arbeit  und  die  Einkom-
       mensquellen . Auf allen diesen Gebieten spielen sich langwierige,
       nicht durch einen einmaligen Akt gelöste Prozesse der Vereinheit-
       lichung ab  . Auf der Grundlage der Analyse der Interessen in der
       sozialistischen Gesellschaft  kann man  dann auch  die Funktions-
       weise von  politischen und gesellschaftlichen Organisationen, die
       jeweils bestimmte  Interessen vertreten, untersuchen. Bluszkowski
       führte das  besonders an  Hand der Gewerkschaften und der Selbst-
       verwaltungsorgane vor.
       Josef Schleifstein  sprach "Zu  den Widersprüchen des bürgerlich-
       parlamentarischen Staates". Er führte unter anderem dazu aus, daß
       der heutige  Staat noch  ideeller Gesamtkapitalist  in dem  Sinne
       ist, daß er die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse juristisch
       garantiert und durch staatliche Zwangsmittel sichert. Aber er ist
       wesentlich Staat des Monopolkapitals. Monopole und Staat vereini-
       gen sich  zu einem  widerspruchsvollen Gesamtsystem  ökonomischer
       und politischer Herrschaft, in dem sie ihre relative Selbständig-
       keit in  der wechselseitigen  Durchdringung wahren. Die verschie-
       denen Monopole konkurrieren dabei um den Einfluß auf die staatli-
       che Politik,  um die  Richtung der wirtschafts- und finanzpoliti-
       schen Maßnahmen. Zugleich aber gibt es das einheitliche Interesse
       des Monopolkapitals  an der  Systemerhaltung, am  Kampf gegen die
       Arbeiterbewegung im  eigenen Lande  und auf internationaler Ebene
       gegen die sozialistischen Staaten.
       Die hauptsächlichen Widersprüche des bürgerlich-parlamentarischen
       Staates sind im Antagonismus der Klassen der kapitalistischen Ge-
       sellschaft begründet. Er erscheint als Widerspruch zwischen Frei-
       heits-Proklamationen   und   Herrschafts-Realität,   Schleifstein
       zeigte, in  welcher Weise  sich dieser  Widerspruch heute  in der
       Bundesrepublik entwickelt hat. Dabei wies er nach, daß der angeb-
       liche Pluralismus  des Bonner  Parteiensystems allein in der Kon-
       kurrenz  auf   dem  Felde   der   effektiveren   Verwaltung   des
       "kapitalistischen Staates"  besteht; ein  Pluralismus  allenfalls
       der Methoden, ein Singularismus im Prinzipiellen.
       
       4. Widerspruch und Interesse, Spontaneität und Planung
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       im sozialökonomischen Prozeß
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       "Zur theoretischen  Bedeutung der  Kategorien Widerspruch und In-
       teresse beider  Analyse der  Entwicklungsprobleme der sozialisti-
       schen Gesellschaft" sprach Jerzy Drazkiewicz. Im Sozialismus wir-
       ken objektive Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung. Planmä-
       ßigkeit  und  bewußte  Leitung  der  gesellschaftlichen  Prozesse
       schließen die  Objektivität der  Entwicklungsgesetze  nicht  aus,
       sondern stützen sich auf ihre Kenntnis. Faßt man entsprechend der
       marxistischen Theorie  die Entwicklungsgesetze  als Dialektik der
       Widersprüche, dann  folgt aus  dem objektiven  Charakter der Ent-
       wicklungsgesetze auch die Objektivität von Widersprüchen, die un-
       abhängig vom  Bewußtsein der  Menschen entstehen und sich entwic-
       keln.
       Die Grundlage der gesamten Gesellschaftsstruktur entsteht im öko-
       nomischen Prozeß. Die Grundgesetze der Entwicklung betreffen also
       die in  den Produktionsverhältnissen  entstehenden  Widersprüche.
       Die Eigentumsverhältnisse  an  den  Produktionsmitteln  sind  das
       Grundelement der Produktionsverhältnisse. Die Widersprüche in den
       Eigentumsverhältnissen entscheiden  also über die Entwicklung der
       ganzen Gesellschaftsstruktur.  Die Spezifik der Eigentumsverhält-
       nisse im Sozialismus beruht auf dem Zusammenhang von Eigentum und
       Planung.
       Die grundsätzlichen  Widersprüche, die die Entwicklung der ganzen
       Gesellschaft beeinflussen,  realisieren sich  im Sozialismus  bei
       den Planungsprozessen,  wenn die verschiedenen Gesellschaftsgrup-
       pen den  Plan nach  ihren Interessen zu formen suchen. Ungleicher
       Einfluß im  Prozeß der  Planformulierung und daraus resultierende
       ungleiche Möglichkeiten  der Befriedigung  der verschiedenartigen
       Bedürfnisse schaffen  Interessenwidersprüche in  der  sozialisti-
       schen Gesellschaft.  Daraus entsteht  eine strukturelle Spannung,
       durch die  sich  die  sozialistische  Gesellschaftsstruktur  wei-
       terentwickeln kann.
       Drazkiewicz ging  auf die  verschiedenen Lösungsmechanismen  ein:
       Die Auflösung der strukturellen Widersprüche durch die planmäßige
       Tätigkeit des politischen Machtzentrums und ihre Lösung durch die
       spontane Tätigkeit  der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen,
       die ihre Interessen verfolgen.
       "Gesellschaftliche Entwicklung im Sozialismus - Planung und Spon-
       taneität" hieß das Thema von Zbigniew Sufin. Ununterbrochene, in-
       tegrale und  dynamische gesamtgesellschaftliche  Planung ist  ein
       Grundmerkmal des  Sozialismus. Es gibt jedoch auch im Sozialismus
       eine ganze  Reihe von  Prozessen, die  spontanen Charakter haben.
       Dazu gehören  solche Prozesse  wie das  Verbraucherverhalten, die
       Migrationen, der Betriebswechsel u.a.
       Die regelmäßigen empirischen Untersuchungen über die Lebensbedin-
       gungen und  die Bedürfnisse der verschiedenen Klassen und Schich-
       ten in Polen geben wichtige Grundlagen für den Planungsprozeß ab.
       Dabei zeigen  sich Probleme. So sind in Polen in den letzten Jah-
       ren der  Lebensstandard und  die Kaufkraft bei breiten Massen der
       Bevölkerung sehr  rasch und stark angewachsen, aber die Konsumbe-
       dürfnisse sind  im gleichen  Zeitraum noch rascher gestiegen. Das
       eigentliche Problem liegt nun nicht im allgemeinen Produktionszu-
       wachs, sondern  in der Entscheidung über die Struktur der erzeug-
       ten Güter.  Diese Entscheidung  kann nicht  allein von Technikern
       und Ökonomen getroffen werden, hier sind Spezialisten der gesell-
       schaftlichen Planung vonnöten.
       Schließlich wies Sufin daraufhin, daß gegenwärtig die Analyse der
       Verwirklichung früherer  Pläne das  schwächste Glied im Planungs-
       prozeß ist. Dieses schwächste Glied ist aber auch eines der wich-
       tigsten. Denn  erst die  Analyse der  Verwirklichung  vergangener
       Pläne erlaubt  die Einbeziehung der bisherigen Erfahrungen in die
       weitere Planung. Erst dadurch wird eine Rückkopplung im Planungs-
       prozeß möglich. Insgesamt geht es jetzt um die Systemmodellierung
       von Entwicklungsprozessen,  die in ihren Wechselbeziehungen theo-
       retisch erfaßt  werden müssen,  um sie  in der gesellschaftlichen
       Planung prognostizieren zu können.
       Heinz Jung  und Klaus  Pickshaus  behandelten  "Spontaneität  und
       Planmäßigkeit als  Widerspruch der  ökonomischen Entwicklung  und
       des Klassenkampfes".  Für Gesellschaften  des Privateigentums und
       des Klassenantagonismus gilt, daß die durch die Menschen geschaf-
       fenen Dinge  und Verhältnisse  nicht ihrer bewußten Kontrolle un-
       terliegen, daß  die diese Verhältnisse regulierenden Gesetze hin-
       ter dem  Rücken der  Akteure wirksam  sind: Die  Gesellschaft als
       Ganzes entwickelt sich in einem naturwüchsigen und spontanen Pro-
       zeß.
       Ist so  die Spontaneität der eine Pol, in dem die Bewegungsbedin-
       gungen und Interessen des kapitalistischen Eigentums zum Ausdruck
       kommen, so  besteht der  andere darin, daß die Vergesellschaftung
       der Produktion  die Bourgeoisie in immer stärkerem Maße zu Formen
       der Organisiertheit  und Planmäßigkeit zwingt. Diese Organisiert-
       heit und  Planmäßigkeit strebt über das Einzelkapital hinaus. Das
       bedeutet aber nicht, wie der Reformismus meint, die Aufhebung der
       Konkurrenz, sondern ihren Formwandel. Monopolistische Konkurrenz,
       die sich der Mittel höherer Organisiertheit und Planmäßigkeit be-
       dient, verstärkt  am Ende die gesamtgesellschaftlichen Auswirkun-
       gen der  kapitalistischen Anarchie. Es gibt daher keinen stetigen
       Aufstieg zu immer größerer Organisiertheit und Planmäßigkeit.
       Von Bedeutung ist allerdings, daß auch für die Bewegung des Klas-
       senantagonismus neue  Bedingungen und  Bewegungsformen entstehen.
       Mit dem Monopolisierungsprozeß wurde der spontane Markt-Preis-Me-
       chanismus auch  für die  Ware Arbeitskraft untergraben. Die Mono-
       pole suchen  auch die  Bedingungen des Verkaufs und Kaufs der Ar-
       beitskraft zu monopolisieren. Damit soll die freie Entfaltung des
       Lohnkonflikts verhindert werden.
       Der kapitalistische  Vergesellschaftungsprozeß hat inzwischen ein
       Niveau erreicht,  das auch zur Sicherung der kapitalistischen Ei-
       gentumsverhältnisse allgemeine  Lösungen, das  heißt:  staatliche
       Lösungen erfordert.  Auf der anderen Seite wirkt auch die organi-
       sierte Macht  der Gewerkschaften  in Richtung auf die Zunahme der
       staatlichen Regulierung  sozialer Konflikte.  Die Erfahrungen der
       letzten Jahre  weisen daraufhin,  daß sich  aus dem  neuen Niveau
       staatsmonopolistischer Regulierung  eine Erweiterung  der gewerk-
       schaftlichen Aufgaben ergibt.
       
       5. Wirtschafts-und Sozialpolitik - Einheit oder Gegensatz?
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       Jósef Soldaczuk sprach zum Thema "Gesellschafts- und Wirtschafts-
       politik -  Einheit und Widersprüche". Er zeigte, daß die ökonomi-
       sche und  die gesellschaftspolitische Entwicklung zwei Seiten ei-
       ner  Entwicklung   sind,  die   eng  miteinander  zusammenhängen,
       zugleich aber in ihren unterschiedlichen Wirkungsweisen gesondert
       betrachtet werden  müssen. Im Sozialismus stellt sich das so dar:
       Die wirtschaftliche  Entwicklung ist  die Voraussetzung  für  die
       Entstehung und  Erweiterung entsprechender  Bedürfnisse. Zugleich
       schaffen jedoch  die gesellschaftspolitische  Entwicklung und die
       tatsächliche Entfaltung  der Bedürfnisse  bei den Mitgliedern der
       sozialistischen Gesellschaft die Motivation für die wirtschaftli-
       che Entwicklung.
       Die Koppelung wirtschaftspolitischer und gesellschaftspolitischer
       Entwicklung kann  unter bestimmten Voraussetzungen auch Hemmnisse
       schaffen. So  kann sowohl  die ungerechtfertigte einseitige Beto-
       nung nur  technischer und wirtschaftlicher Zielsetzungen als auch
       die ungerechtfertigte  Vernachlässigung dieser Zielstellungen zu-
       gunsten anderer  erstrebenswerter gesellschaftlicher Ziele zu ei-
       nem anderen  als dem angestrebten Resultat führen, nämlich in je-
       dem Falle solcher Einseitigkeit letzten Endes zu einer Einschrän-
       kung der  Möglichkeiten des Wirtschaftswachstums und damit zu ei-
       ner Einschränkung  der Befriedigung  der  gesellschaftlich  schon
       möglichen und erwachten Bedürfnisse.
       In der  frühen Entwicklungsstufe der sozialistischen Gesellschaft
       stehen, so  referierte Soldaczuk,  die Aufgaben der strukturellen
       Umgestaltung und  des Aufbaus  der materiellen  Basis im  Vorder-
       grund. Wenn  diese Grundlagen geschaffen sind, wenn die sogenann-
       ten extensiven  Wachstumsreserven versiegen,  beginnt  eine  neue
       Entwicklungsphase. Es  geht nun  stärker um  solche Ziele wie die
       Erhöhung der  Produktqualität, um  die Entwicklung einer abwechs-
       lungsreichen Produktionsstruktur,  um die  Anpassung  an  höhere,
       rasch wachsende und differenzierte, raffiniertere Bedürfnisse.
       Trotz der  theoretischen Erkenntnis  der Bedeutung der Konsumtion
       kann sich eine Tendenz zur verhältnismäßigen Überbetonung der In-
       vestitionen erhalten.  Dies ist auf eine ganze Reihe von Faktoren
       zurückzuführen. Dazu  gehören die  Sensibilität der zentralen Be-
       hörden für  die strategische  Bedeutung zukünftiger  Bedürfnisse;
       dazu gehört  die Tatsache,  daß Investitionsentscheidungen  hohes
       sachliches und persönliches Prestige vermitteln; dazu gehört auch
       der Mechanismus, daß die Industrieeinheiten für weitreichende In-
       vestitionen vornehmlich  Mittel aus  zentralen Sonderfonds benüt-
       zen, so  daß jede  industrielle Einheit ein Interesse an der mög-
       lichst großen Nutzung von Mitteln aus diesen Sonderfonds für ihre
       Zielstellungen hat; dazu gehört die Tatsache, daß die lokalen Be-
       hörden verständlicherweise dazu neigen, die Investitionsansprüche
       der bei ihnen beheimateten Industrie zu unterstützen.
       Gesellschaftliche Gerechtigkeit  beruht auf der heutigen Entwick-
       lungsstufe der  sozialistischen Gesellschaft  auf dem  Neben- und
       Ineinander von  vier Prinzipien: Dem gesellschaftlichen Charakter
       der Produktionsmittel,  dem Prinzip  der  Chancengleichheit,  dem
       Leistungsprinzip und  dem Prinzip aktiver, ausgleichender Einkom-
       menspolitik. Vorwärtstreibend  wirkt  der  teilweise  Widerspruch
       zwischen den  beiden letztgenannten Prinzipien. Die jeweilige Lö-
       sung dieses  Widerspruchs ermöglicht  erst sowohl  die Steigerung
       der Produktivität der Arbeit als auch die allgemeine Befriedigung
       gesellschaftlich erwachsener Bedürfnisse.
       Jörg Goldberg  und Klaus  Priester hatten einen Beitrag zum Thema
       "Wirtschafts- und  Sozialpolitik als  Momente des  Klassenkampfes
       und der  staatsmonopolistischen Regulierung"  ausgearbeitet.  Von
       einer staatlichen Programmierung der Wirtschaftsentwicklung kann,
       so zeigten sie, auch im staatsmonopolistischen Kapitalismus keine
       Rede sein.  Die Wirtschaftspolitik  reagiert jeweils auf ökonomi-
       sche Grunddaten  und deren  Veränderung. Dabei  zeigt sich in der
       letzten Zeit  eine Verlagerung  von direkten Steuerungsformen mit
       Hilfe der Staatsausgaben zu Formen der indirekten Ankurbelung der
       Wirtschaft auf dem Wege der Profitstimulierung. Sozialpolitik und
       Wirtschaftspolitik sind eng miteinander verflochten; dieses Wech-
       selverhältnis und  die einzelnen Schnittflächen wurden im einzel-
       nen untersucht,  besonders hinsichtlich  der  Verteilungsverhält-
       nisse, der Finanzierung und der ideologischen Legitimation.
       Zu aktuellen  Tendenzen wurde im Referat erklärt: Die Tendenz zur
       Vergesellschaftung unter  kapitalistischen Bedingungen  erfordert
       unter anderem  den Ausbau des Systems der sozialen Sicherung. Dem
       widerspricht das Ziel der Wirtschaftspolitik, die Verteilungsver-
       hältnisse unangetastet  zu lassen. Die Lösung dieses Widerspruchs
       im Sinne der herrschenden Klasse ist die Umstrukturierung der öf-
       fentlichen Ausgaben  zuungunsten der Sozialpolitik. Diese Politik
       setzt sich  der Gefahr  einer Verschlechterung des sozialökonomi-
       schen Klimas  aus, muß  jedoch nicht  notwendig zu aktuellen Kon-
       flikten, zu einem Aufschwung der Klassenkämpfe führen. Dabei wird
       die Einschränkung  sozialer Leistungen durch die staatliche Sozi-
       alpolitik als Haupttendenz gekoppelt mit teilweisen Zugeständnis-
       sen, mit der Entwicklung von Konkurrenz in der Arbeiterklasse und
       mit sozialer Demagogie.
       
       6. Arbeiterklasse und Partei im Sozialismus
       -------------------------------------------
       
       Über "Die  Arbeiterklasse und  ihre Partei  als Grundfaktoren der
       Integration der  sozialistischen Gesellschaft und der Überwindung
       von Konflikten  und Widersprüchen" sprach Augustyn Wajda. Die so-
       zialistische Gesellschaftsordnung, betonte Wajda, ist ihrem Wesen
       nach sowohl Voraussetzung wie Ergebnis der Integration der Grund-
       klassen und  Schichten der  Nation. Der  Prozeß der Herausbildung
       der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Integration ist jedoch
       nicht die  Folge der automatischen Wirkung objektiver Gesetze des
       Sozialismus. Ein entscheidender Faktor in diesem Prozeß ist viel-
       mehr gerade die marxistisch-leninistische Partei.
       Das Programm der PVAP stützt sich dabei einerseits auf die Errun-
       genschaften der Vergangenheit, vor allem den tiefgreifenden Umbau
       der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Re-
       konstruktion und  Modernisierung der  Wirtschaft und die Verände-
       rung des  Bewußtseins der  Nation. Andererseits  stützt sich  das
       Programm auf  eine komplexe Vorstellung der künftigen Gestalt Po-
       lens.
       Wajda beschäftigte  sich mit  der theoretischen  Analyse der Kon-
       flikte, die  in der sozialistischen Gesellschaft Polens ausgetra-
       gen worden sind. Die Hauptursache solcher Konflikte liegt in man-
       gelnder Synchronisierung der laufenden Ziele mit den perspektivi-
       schen Zielen des Sozialismus. In der Empfindung der Massen werden
       die perspektivischen  Ziele daran gemessen, wie die aktuellen Be-
       dürfnisse befriedigt werden. Geschieht dies ungenügend, so werden
       die perspektivischen Ziele für die Werktätigen abstrakt und folg-
       lich unverständlich. Das hat sich historisch mehrfach bestätigt.
       Daraus geht  jedoch keineswegs  hervor, daß  sich im Programm und
       der gesellschaftlichen  Praxis der Partei lediglich die laufenden
       Erwartungen und  die aktuellen Bedürfnisse der Werktätigen wider-
       spiegeln sollen.  Im Gegenteil,  Ausgangspunkt  und  wesentliches
       Kriterium für  Programmatik und gesellschaftliche Praxis der Par-
       tei muß  stets das historische Interesse der Arbeiterklasse sein.
       Die Partei muß sich daher manchmal durchaus momentanen und parti-
       kulären Interessen  von Gruppen  der Werktätigen widersetzen. Das
       Problem besteht in der Vermittlung der aktuellen Bedürfnislage zu
       den historischen Interessen der Klasse.
       
       7. Bedürfnisse, Lebensweise und Bewußtsein der Arbeiter
       -------------------------------------------------------
       
       André Leisewitz  sprach über  "Widersprüche und Differenzierungen
       in der  Existenzweise der Arbeiterklasse als Grundlage von Wider-
       sprüchen in  ihrem Bewußtsein". Die Einheitlichkeit in den grund-
       legenden Interessen  der Klasse  wird gerade  von Marxisten immer
       wieder betont;  sie bildet  sich aber erst in der Auseinanderset-
       zung mit  dem Kapital heraus. Als Produkt und Bestandteil des Ka-
       pitalverhältnisses bleibt  die Arbeiterklasse aber den Widersprü-
       chen unterworfen,  die der  Kapitalbewegung entspringen. Ihre in-
       nere Struktur und ihre Gliederung nach einzelnen Abteilungen wer-
       den vom  konkreten Gang  der  kapitalistischen  Akkumulation  be-
       stimmt. Die  innere Gliederung  ist Moment  der widersprüchlichen
       Kapitalbewegung selbst.
       Das läßt sich zeigen an der Verteilung der Arbeiterklasse auf die
       verschiedenen Sektoren  und Wirtschaftsabteilungen  sowie auf die
       unterschiedlichen Betriebsgrößen,  an ihrer  Gliederung nach  ar-
       beitsrechtlichen Gruppen,  nach Qualifikation  und  Arbeitstätig-
       keit, nach  Hierarchie- und Funktionsbeziehungen, an ihrer Struk-
       tur unter  regionalen Gesichtspunkten  und solchen  der Rekrutie-
       rungsform sowie  an ihrer  Gliederung in  Erwerbstätige und  ver-
       schiedene Gruppen von Erwerbs- und Arbeitslosen. Man kann zeigen,
       daß sich  aus diesen vielfältigen Differenzierungen in der Arbei-
       terklasse Widersprüche  und Gegensätze auch im Bewußtsein heraus-
       bilden. Genauer  müssen wir  noch untersuchen,   w i e   dies ge-
       schieht, um  so auch  an die  Triebkräfte heranzukommen,  die zur
       Herausarbeitung der gemeinsamen Interessen der Klasse führen.
       Eberhard Dähne  und Johannes  Henrich von  Heiseler beschäftigten
       sich mit  dem Thema  "Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigung. Pro-
       bleme der  Reproduktion der Arbeitskraft". Die rasche Entwicklung
       der Produktivkräfte im Kapitalismus schafft fortschreitend objek-
       tive Grundlagen und Elemente für das Entstehen neuer, höherer Be-
       dürfnisse als  Massenbedürfnisse. Was  früher Luxus war, wird ob-
       jektiv zum  notwendigen Bedürfnis. Zugleich wird die alte Teilung
       zwischen dem Luxus eines Teils der Gesellschaft und der Reduktion
       auf das  bloß Notwendige für die ungeheure Mehrzahl auf neuem Ni-
       veau reproduziert.  Der widersprüchliche Prozeß der Bedürfnisent-
       wicklung in  der kapitalistischen  Klassengesellschaft bildet ei-
       nerseits die  "materiellen Elemente  für die Entwicklung der rei-
       chen Individualität"  (Marx) heraus,  andererseits werden  gerade
       heute die Massenbedürfnisse auf den gegenwärtigen gesellschaftli-
       chen Maßstab "notwendiger" Bedürfnisse beschränkt. Bei steigendem
       Niveau wird der Abstand der gesellschaftlichen Pole größer.
       Zahlen aus  verschiedenen Bereichen  sowohl der individuellen wie
       der kollektiven Konsumtion unterstreichen die Widersprüchlichkeit
       dieser Entwicklung.  Sie verläuft in einzelnen Gruppen der Arbei-
       terklasse sehr  unterschiedlich. Am schwersten wiegt, daß bei ei-
       nigen Gruppen  von einer  Auszehrung des Arbeitsvermögens gespro-
       chen werden muß.
       Über "Die Gestaltung der sozialistischen Lebensweise und die Ent-
       wicklung der  Persönlichkeit" sprach Tadeusz Jaroszewski. Der So-
       zialismus, so  führte er  aus, schafft neue Möglichkeiten für die
       Selbstverwirklichung des  Menschen in allen Bereichen seines per-
       sönlichen Lebens.  Grundlage dafür ist die Entwicklung der sozia-
       listischen Wirtschaft, auf die der Referent zunächst unter diesem
       besonderen Aspekt  einging. Sie  stellt jedoch nicht das Ziel für
       sich dar,  sondern ist dem Hauptziel untergeordnet, der allseiti-
       gen Befriedigung der jeweils entwickelten materiellen und geisti-
       gen Bedürfnisse  des Menschen,  der Schaffung der Voraussetzungen
       für die  allseitige und harmonische Entfaltung der Mitglieder der
       sozialistischen Gesellschaft.
       Jaroszewski wies  auf eine Reihe bedeutsamer Aspekte bei der Ver-
       änderung der Lebensweise hin. Die Entwicklung der sozialistischen
       Produktionsweise führt  zusammen mit  der Entwicklung von Wissen-
       schaft und  Technik und  den damit  verbundenen Veränderungen der
       Arbeitsorganisation und  der zwischenmenschlichen  Beziehungen im
       Unternehmen zu einer Veränderung des Charakters der Arbeit. Empi-
       rische Studien  erweisen, daß die Beteiligung an der Produktions-
       leitung und  an verschiedenen  gesellschaftlichen Initiativen zu-
       nimmt. Darin äußert sich ein Wandel des Verhältnisses zur Arbeit.
       Die gesellschaftliche  und politische  Tätigkeit der  Werktätigen
       nimmt überhaupt in vielfachen Formen zu. Auch die Tendenz, Wissen
       zu erlangen und zu vertiefen, verstärkt sich. Schließlich wachsen
       auch die  kulturellen Bedürfnisse,  wie sich etwa an ihrem Anteil
       am Familienbudget  zeigen läßt.  Entsprechend der  dritten Feuer-
       bach-These löst sich die Frage nach der Abhängigkeit zwischen der
       Entwicklung der  objektiven Bedingungen  und der  Entwicklung des
       Menschen auf  in die Dialektik der zwei Seiten der revolutionären
       Praxis.
       Harald Werner  untersuchte "Widersprüche  im Arbeiterbewußtsein -
       zwischen Integration  und Klassenkampf".  Widersprüche des Arbei-
       terbewußtseins sind  in den  vergangenen Jahren oft empirisch be-
       schrieben worden. In der wissenschaftlichen Diskussion wurde aber
       oft übersehen,  daß die Ursache dieser Widersprüchlichkeit in der
       Natur der  kapitalistischen Gesellschaft selbst begründet ist. In
       der konkreten Erfahrung erleben die Arbeiter immer wieder den Wi-
       derspruch von individuellem Ziel und gesellschaftlichem Resultat.
       Dieser Gegensatz  gewinnt den  Schein des Natürlichen. Hier setzt
       dann die  bürgerliche Ideologie an und pfropft dem alltäglich er-
       fahrbaren Gegensatz  zwischen Individuum  und  Gesellschaft  ihre
       ideologische Rechtfertigung auf.
       Werner untersuchte  dann die  Widersprüche zwischen verschiedenen
       Bewußtseinsarten, die  besonders deutlich im Widerspruch zwischen
       ökonomischem und  politischem Bewußtsein  hervortreten, aber auch
       die Widersprüche  innerhalb einer  Bewußtseinsart, wie  etwa  die
       gleichzeitige Zustimmung  zu  Forderungen  nach  Investitionskon-
       trolle und zu sozialpartnerschaftlichen Aussagen.
       Erst in  der Tätigkeit  der Individuen,  in  der  zielgerichteten
       Handlung erweisen  die alten  Bewußtseinsstrukturen ihre  Untaug-
       lichkeit. Entwicklung  des Bewußtseins  ist daher  auch begründet
       auf der  Entwicklung der  Bedürfnisse. Hieraus ergibt sich einer-
       seits, was  oft genug  hervorgehoben wird, die Bedeutung des wis-
       senschaftlichen Sozialismus,  der das  dumpfe  Empfinden  in  ge-
       dankliche Klarheit zu verwandeln vermag und Handlungsperspektiven
       liefern kann.  Es darf  aber nicht übersehen werden, daß der kon-
       krete Prozeß  kompliziert und  dramatisch verläuft:  Vom Erkennen
       der Widersprüche  über die  Aneignung neuer  Bedeutungen bis  zur
       Entwicklung neuer Motive. Die konkrete Situation in der Bundesre-
       publik ist durch Faktoren gekennzeichnet, die den Prozeß zwar ei-
       nerseits in  der geschilderten  Form  vorantreiben,  andererseits
       aber das  Verharren auf  einer Stufe latenter Unzufriedenheit be-
       günstigen.
                                    ***
       Ein den  Inhalt betreffendes Resümee der Tagung kann kaum gezogen
       werden. Für die Teilnehmer selbst ergab sich eine Fülle konkreter
       Informationen. In vielen Fragen deuteten sich theoretische Berüh-
       rungspunkte an. Dies betraf auch methodologische Ansätze zur Ana-
       lyse einzelner  Prozesse.  Für  Teilnehmer  aus  der  BRD  -  die
       'andere' Seite  müßte für  sich sprechen  - war an den polnischen
       Beiträgen vor allem die nüchtern-realistische Sichtweise der Ent-
       wicklungsprobleme der  eigenen Gesellschaft überzeugend - spricht
       dies doch  vor allem  davon, in welchem Grad die Prozesse der so-
       zialistischen  Gesellschaft  tatsächlich  der  wissenschaftlichen
       Einsicht und  Planbarkeit unterliegen. Es ist dies aber auch eine
       Sichtweise des  realen Sozialismus, die sich Marxisten in der BRD
       anzueignen bemühen  sollten, ist  dies doch eine wichtige Voraus-
       setzung, um auch dem Normalbürger der BRD den Sozialismus als ein
       Gesellschaftssystem nahebringen  zu können,  das den historischen
       Fortschritt der Epoche verkörpert.
       Wichtig war  aber auch,  daß die  Ungleichzeitigkeit der  auf der
       Welt gegenwärtig  neben- und  gegeneinander existierenden Gesell-
       schaftssysteme deutlich wurde, gerade wenn man in allen Bereichen
       der Funktion  der für  die marxistische Analyse zentralen Katego-
       rien "Konflikt" und "Widerspruch" nachging. Dies macht die Zusam-
       menarbeit und Diskussion marxistischer Gesellschaftswissenschaft-
       ler aus  sozialistischen und kapitalistischen Ländern interessant
       und anregend.
       
       _____
       1) Dieses Seminar  hatte -  Die Arbeiterklasse  in der BRD und in
       der VR Polen "zum Gegenstand. Vgl. Marxistische Studien. Jahrbuch
       des IMSF 1/1978, S. 373; sowie den Bericht in: Marxistische Blät-
       ter, Nr. 6/1978, S. 91 ff.
       2) Festzuhalten für  diese Tagung ist auch das interessierte Echo
       in der  fortschrittlichen Presse  der BRD  (vgl. u.a. 'Ein Dialog
       zwischen marxistischen  Wissenschaftlern aus zwei Ländern', in UZ
       vom 31.10.1979). Man hat dort zutreffend den Modellcharakter die-
       ser Veranstaltung hervorgehoben, der - abgesehen von der Thematik
       - darin  zum Ausdruck  kommt, daß  es sich um eine zweiseitig ge-
       plante, vorbereitete  und durchgeführte  Tagung auf dem Boden der
       BRD handelte.  Das IMSF  sieht sich ermutigt, in Zukunft ähnliche
       Diskussions- und Arbeitszusammenhänge zu organisieren. (Vgl. auch
       den Bericht in: Marxistische Blätter, Nr. 1/1980, S. 85 ff.)
       Die Referate  dieser Tagung sind inzwischen als IMSF-Publikation,
       und  zwar   unter  dem   Tagungstitel  als   Nr.  10   der  Reihe
       "Arbeitsmaterialien des IMSF", erschienen.
       

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