Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       VEREINE IN DER LEBENSWEISE DER ARBEITERKLASSE
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       Ein Literaturbericht zur Vereinsforschung in der Bundesrepublik
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       Friedhelm Kröll
       
       1. Das  wiedererwachte Interesse  am Vereinswesen - 2. Vereinsun-
       tersuchungen im Lichte der Erforschung der Lebensweise der Arbei-
       terklasse -  3- Materialien  und Ergebnisse  der  bundesdeutschen
       Vereinsforschung -  3.1.  Vereinsthematische  Forschungszusammen-
       hänge -  3.2. Zu  einigen soziologischen  Ausprägungen  der  Ver-
       einskultur - 4. Literatur.
       
       1. Das wiedererwachte Interesse am Vereinswesen
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       Bibliographische Recherchen  zum Thema "Verein" erhärten die Ein-
       schätzung des  Vereinsforschers H.J. Siewert vom Forschungsinsti-
       tut für  Soziologie der Universität Köln, daß die Erforschung der
       Vereine und  ihrer gesellschaftlichen  Bedeutung zu den erheblich
       vernachlässigten sozialwissenschaftlichen  Bereichen in  der Bun-
       desrepublik gehört  (vgl. Siewert 1978a). 1) Die Vereinsforschung
       steckt "im Alter von 70 Jahren nach wie vor in den Kinderschuhen"
       (Kuh 1980).  2) Denn  schon 1910  hatte Max  Weber auf dem Ersten
       Deutschen Soziologentag die Untersuchung des Vereinswesens zu ei-
       ner der  zentralen  Aufgaben  der  deutschen  Soziologie  erklärt
       (Weber 1911).  Webers Forderung  hat kaum Resonanz gefunden. Dies
       überrascht nicht  allein deshalb,  weil ansonsten  Webersche For-
       schungsoptionen in  der bundesdeutschen  Sozialforschung durchaus
       aufgegriffen worden  sind; verwunderlich erscheint dieses auffäl-
       lige Forschungsdefizit  besonders deshalb,  weil allein schon die
       ausgeprägte quantitative Seite des Vereinswesens in der Bundesre-
       publik -  so wird etwa die Mitgliedschaft in Sportvereinen auf 13
       Millionen beziffert  - eine größere Aufmerksamkeit hätte erwarten
       lassen müssen.
       In den letzten Jahren ist allerdings wieder ein wachsendes Inter-
       esse der  Sozialforschung an  der Vereinsthematik zu verzeichnen.
       Wenn auch  von einer  systematischen Vereinsforschung  noch nicht
       gesprochen werden kann, so signalisiert doch die Veröffentlichung
       zumal einiger  größerer sportsoziologischer  empirischer Studien,
       daß dem  Vereinswesen wieder  mehr gesellschaftspolitische Bedeu-
       tung zugemessen wird. Die Studien sind zwar von unterschiedlichen
       gesellschaftspolitischen Impulsen  und ideologischen  Motiven ge-
       leitet, gehen aber in einem wichtigen Punkt konform. Dem Vereins-
       wesen wird  keineswegs nur  eine eingeengte  lokalkulturelle  und
       -politische Bedeutung  zuerkannt; vielmehr  wird es im Lichte der
       Stiftung und  Stabilisierung gesamtgesellschaftlicher, vorpoliti-
       scher Integrationsfähigkeit  im Zeichen wachsender Vertrauenskri-
       sen der  abhängigen Bevölkerung in die zukünftige Leistungsfähig-
       keit des  gesellschaftlichen und  politischen Systems analysiert.
       Die integrationistische  Sichtweise reicht  im übrigen bis in die
       50er Jahre zurück.
       Was die  70er Jahre angeht, so standen zunächst vor allem die öf-
       fentlichkeitswirksamen Formen  der "Neuvereine",  wie  inzwischen
       die Bürgerinitiativen von der Vereinsforschung klassifiziert wer-
       den, im  Mittelpunkt des  Interesses. In  den letzten  Jahren hat
       sich die  Aufmerksamkeit auf  den Bereich  der "Altvereine", d.h.
       des traditionellen Vereinswesens, ausgedehnt. Einmal, weil Bürge-
       rinitiativen mit  der Zeit  nicht selten in die "klassische" Ver-
       einsform sich  verwandeln; zum  anderen, weil  den traditionellen
       Vereinsformen Eigenschaften  zukommen, so  z.B. ihre  traditions-
       freudige Stabilität, die sie nach Ansicht einiger Vereinsforscher
       besonders geeignet erscheinen lassen, sie zum Ansatzpunkt von ge-
       zielten Förderungsmaßnahmen  zu wählen,  welche auf Instrumentie-
       rung der  traditionellen Vereine zu Organen des gesellschaftspsy-
       chologischen Status  quo abzielen.  Vereinsforschung flicht  sich
       auf diese Weise in die Politik der sog. Krisenbewältigung ein.
       Von den neueren empirischen Vereinsstudien im Zeichen der Krisen-
       und Integrationsproblematik  ist die  Arbeit von  H.  Dunckelmann
       über die "Lokale Öffentlichkeit" ( 1975) zu nennen, die der Frage
       nach der Herstellung einer lokalen "bürgerschaftlichen Identität"
       gewidmet ist  . Es wird u.a. untersucht, inwieweit das Vereinswe-
       sen in der Lage ist , einen Beitrag zu einer krisenfesten Identi-
       tät der  abhängigen Bevölkerung  mit ihren vorgefundenen Arbeits-
       und Lebensbedingungen  zu leisten. Dunckelmann bezweifelt, daß in
       Zukunft die privatistische Kleinfamilie "außerfamilial verursach-
       ten Ärger"  (1975, 21),  d.h. Unmut, welcher seine primäre Quelle
       in der  Lage der  Menschen im  "Produktionsbereich" (23)  hat und
       durch zunehmende  Verschlechterung der kommunalen Lebenssituation
       im Zeichen  von "Planungsbetroffenheit" noch verstärkt wird, hin-
       reichend genug  auszugleichen  imstande  ist.  Weil  die  Familie
       selbst eine notorische Quelle "emotionaler Spannungen und Störun-
       gen" (21) sei, sei es an der Zeit, nach funktionalen Alternativen
       der Eindämmung und Kanalisierung flottierenden sozialen Unmuts zu
       suchen. Dunckelmann kommt zu dem Schluß, daß im Rahmen einer kri-
       senvorbeugenden "Sozialplanung"  dem traditionellen  Vereinswesen
       ebenso wie den neuen Vereinsformen der Bürgerinitiativen durchaus
       entsprechende Funktionen zuwachsen könnten.
       Das gewachsene Interesse am Vereinswesen im Zeichen seiner mögli-
       chen Neufunktionalisierung  spiegelt sich auch in einer umfassen-
       den sekundäranalytischen Studie des Instituts für Kommunalwissen-
       chaften der  Konrad-Adenauer-Stiftung. 3)  Zwei Motive  bestimmen
       die Forschungen  im Umkreis der Adenauer-Stiftung. Zum einen wird
       geprüft, "welche Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation zur
       Wahrnehmung vordringlicher  gesellschaftlicher Aufgaben  geeignet
       und in  der Lage  sind, der Tendenz wachsender Staatsaufgaben und
       -ausgaben entgegenzuwirken"  (Bühler  u.a.,  1978,  I);  die  Er-
       forschung des  lokalen Vereinswesens  steht somit  im Zeichen des
       Abbaus von Sozialstaatlichkeit. Zum anderen wird das Vereinswesen
       im Rahmen  der "Wiederentdeckung  lokaler Politik  durch die Par-
       teien" (Siewert 1978 a) neu thematisiert ; d.h., Vereinsforschung
       wird ,  ähnlich wie  bei Dunckelmann, im Lichte der Instrumentie-
       rung der  Vereine zum Zwecke der Versäulung politischer Macht der
       herrschenden Klasse nach unten betrieben (vgl. Siewert 1977). 4)
       Ebenfalls unter  den Vorzeichen  einer integrationistischen  Neu-
       funktionalisierung des  Vereinswesens steht  die 1978  in der von
       Th. Ellwein und R. Zoll herausgegebenen, zwölfbändigen Publikati-
       onsreihe -  Politisches Verhalten"  erschienene empirische Studie
       von P.  Raschke über  "Vereine und Verbände". Es geht darin unter
       dem euphorischen  Etikett "Partizipationsforschung"  letztlich um
       systemstabilisierende Vorsorgeuntersuchungen  zur Frage  der Lei-
       stungsfähigkeit des  Vereinswesens unter  den  Bedingungen  eines
       wachsenden  Problemzusammenhangs   von  "Verteilungskrisen"   und
       "Legitimationskrisen" (1978, 221).
       Die hervorstechende  Bedeutung der Sportvereine innerhalb des ge-
       samten Vereinswesens , nicht nur in quantitativer Hinsicht, spie-
       gelt sich  in neueren  Publikationen zur Soziologie des Sportver-
       eins. Das  Gebiet der  Sportvereine zählt  inzwischen zu den vor-
       zugsweise untersuchten  Bereichen des Vereinswesens. Die groß an-
       gelegte, zweiteilige  empirische Studie "Sportvereine in der Bun-
       desrepublik Deutschland"  (Schlagenhauf 1977,  Timm 1979) liefert
       nicht nur eine Fülle einschlägiger Materialien über die Rolle der
       Sportvereine innerhalb  der sozialen  Sphäre der Reproduktion der
       Arbeitskraft, sondern  reflektiert anschaulich  spezifische Funk-
       tionen des  Vereinswesens im  Gesamtzusammenhang von Sozialisati-
       ons- bzw.  Persönlichkeitsprozessen.  Während  die  Arbeiten  von
       Dunckelmann (1975),  Bühler u.a. (1978) und Raschke (1978) primär
       von politisch-soziologischen  Aspekten ausgehen,  rücken die  ge-
       nannten   Sportverein-Studien   unmittelbar   kultursoziologische
       Aspekte ins Licht und gewinnen auf diese Weise besondere Relevanz
       für eine  zu entwickelnde  Forschungsperspektive "Vereine  in der
       Lebensweise der Arbeiterklasse".
       Kultursoziologische Gesichtspunkte werden insbesondere in neueren
       kulturhistorisch und volkskundlich orientierten Arbeiten zur Gel-
       tung gebracht.  Derartige Studien  bilden gleichsam  einen eigen-
       ständigen Einstieg  in die  Vereinsforschung; hierzu  gehört z.B.
       die  Untersuchung   von  R.   Lindner  und   H.  Th.  Breuer  zur
       "Sozialgeschichte des  Fußballs im  Ruhrgebiet" (1978). Was immer
       auch an Kritik gegenüber derartigen Studien im einzelnen anzumel-
       den ist, es bleibt als grundlegender positiver Aspekt hervorzuhe-
       ben, daß sie das Vereinswesen gleichsam "von unten", d.h. von Be-
       dürfnisgesichtspunkten der  lohnabhängigen Bevölkerung her thema-
       tisieren. Diese  volkskundlich-kulturhistorische  Forschungsrich-
       tung verdient  von Seiten  der materialistischen Kultursoziologie
       besondere Aufmerksamkeit,  ist man  doch dort bestrebt, verschüt-
       tete kulturelle Potentiale und neu sich bildende Keime im Bereich
       der Volkskultur  aufzuspüren und  in den Rahmen der Diskussion um
       eine demokratische Kulturpolitik einzubringen. 5)
       Ausgehend von  einer Kritik  der  integrationistisch-herrschafts-
       funktionalen Vereinsforschung,  anknüpfend an  Motive der  volks-
       kundlichen Kulturforschung und basierend auf neueren Ansätzen zur
       Erforschung der  Lebensweise  der  Arbeiterklasse  (hierzu  Maase
       1977, 1978, 1980) ist begonnen worden, eine materialistische kul-
       tursoziologische Vereinsforschung  zu entwickeln. Sie ist vorläu-
       fig an zwei miteinander verknüpften Bezugspunkten orientiert: zum
       einen an  Entwicklungstendenzen  der  Lebensweise  der  Arbeiter-
       klasse, zum  anderen an  Entwicklungsperspektiven der politischen
       Kultur der Arbeiterbewegung (Kröll 1980).
       Es sind  an dieser Stelle zwei Einschränkungen vorzubemerken. Er-
       stens, der  vorgelegte Literaturbericht  beschränkt sich  auf die
       Forschungsentwicklung seit den 50er Jahren in der BRD; der gegen-
       wärtige Forschungsstand erlaubt noch keine international verglei-
       chenden Betrachtungen  zur gesamtgesellschaftlichen und insbeson-
       dere zur  Bedeutung des Vereinswesens für die Lebensweise der Ar-
       beiterklasse in  entwickelten kapitalistischen  Ländern. Zweitens
       ist  zugleich   mit  jener  zeitlichen  Beschränkung  sowohl  die
       "Blüteperiode" des  Vereinswesens in Deutschland, die Entwicklung
       während der  Weimarer Republik,  als auch die Geschichte des Ver-
       einswesens während  des Hitlerfaschismus ausgespart. Sozialhisto-
       rische Studien  insbesondere zum  zweiten Aspekt  wären nicht nur
       unter Gesichtspunkten der Aufarbeitung des antifaschistischen Wi-
       derstandes wünschenswert.  Vielmehr steht zu erwarten, daß solche
       Forschungsarbeiten wichtige Kenntnisse über die sozialen, ideolo-
       gischen und  politischen Vorbedingungen  der  Rekonstruktion  des
       Vereinswesens in  den Westzonen  bzw. der BRD ans Tageslicht för-
       dern würden.
       
       2. Vereinsuntersuchungen im Lichte der Erforschung
       --------------------------------------------------
       der Lebensweise der Arbeiterklasse
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       Untersuchungen zur  Bedeutung des Vereinswesens innerhalb der Le-
       bensweise der  Arbeiterklasse setzen in forschungspraktisch hand-
       habbaren Umrissen  eine theoretische  Konzeption von  Lebensweise
       voraus. Würde auf eine solche historisch konkrete Konzeption ver-
       zichtet werden,  geriete m.  E. die Vereinsforschung vorab in die
       Sackgasse. Denn  die Gefahr  liegt nahe,  das gegenwärtige Profil
       des Vereinswesens  rückprojektiv und  restriktiv am  Maßstab  der
       Vereinskultur der  Arbeiterbewegung  beispielsweise  während  der
       Weimarer Republik zu bewerten. Mit wehmütigen Rückblicken ist je-
       doch nicht  nur wissenschaftlich  wenig gewonnen, Folge wären vor
       allem fatale  kultur- und  mithin  auch  bündnispolitische  Fehl-
       schlüsse. Wer  etwa - in völlig unhistorischer Weise - das prole-
       tarische Vereinswesen  des "Kohlenpotts" oder des "roten Wedding"
       der zwanziger Jahre zum überzeitlichen "attischen Ideal" materia-
       listischer Kultursoziologie  stilisiert, dem  entgehen nicht  nur
       die inneren  Strukturentwicklungen der  Arbeiterklasse mit  ihren
       bedeutsamen Auswirkungen  für den in sich komplexen Charakter der
       Lebensweise. Vielmehr  erscheinen dann zwangsläufig die gegenwär-
       tigen Entwicklungstendenzen  im Vereinswesen  einzig im Licht der
       auf  diese  Weise  noch  einmal  inflationierten  These  von  der
       "Verkleinbürgerlichung". Demgegenüber  ist gerade  auch mit Blick
       auf die Erforschung des konkreten Vereinslebens die grundlegende,
       politisch folgenreiche  Einsicht ins Licht zu rücken, daß "in dem
       Maße, in  dem der  erfolgreiche Kampf  der Arbeiterbewegung - den
       Anforderungen der  Produktivkraftentwicklung entsprechend  -  die
       gesellschaftliche Schaffung von Reproduktionsbedingungen durchge-
       setzt hat,  diese also nicht mehr von der Arbeiterbewegung in ei-
       genen Massenorganisationen  aufgebaut werden müssen, eine wesent-
       liche Grundlage  der  historischen  Arbeiterkulturbewegung  (ent-
       fällt), sich  der Kampf  vielmehr  auf  die  Gestaltung  der  ge-
       sellschaftlichen Infrastruktur und Kultur richten (muß). Entspre-
       chende Formen der Dialektik von autonomer Organisierung und Kampf
       um progressive  und produktive  Lebensbedingungen für "die Massen
       bilden sich mit der praktischen Reaktion auf neue Bedingungen der
       Arbeiterbewegung erst ansatzweise heraus" (Maase 1980 a). Just im
       Lichte dieser  theoretischen Bestimmung ist eine angemessene ana-
       lytische Bewertung der Entwicklung des Vereinswesens in zukünfti-
       gen aktual-empirischen  und sekundär-analytischen Forschungen, zu
       denen  der  vorliegende  Literaturbericht  eine  Vorstufe  bilden
       möchte, zu leisten. 6) Vor diesem Horizont ist denn auch das Pro-
       blem des Verhältnisses von vorpolitischer Vereinskultur und Orga-
       nisations- und Kampfkultur der Arbeiterklasse auf seine kulturpo-
       litischen Implikationen hin neu zu durchdenken.
       In diesem  Literaturbericht bleibt der letztgenannte Aspekt weit-
       gehend unberücksichtigt. Nicht nur, weil das vorliegende Untersu-
       chungsmaterial in  dieser Hinsicht  wenig ergiebig  ist,  sondern
       auch weil es bisher an einer genügend durchgearbeiteten theoreti-
       schen Konzeption dessen, was mit "Politische Kultur der Arbeiter-
       klasse" begrifflich präzis umfaßt werden soll, m.E. noch mangelt.
       Sinnvoll erscheint  es deshalb,  die Literaturrezeption  auf  Ge-
       sichtspunkte zu beschränken, wovon "die Herausbildung der politi-
       schen  Kultur  ...  praktisch  nicht  zu  isolieren  (ist)":  die
       "alltägliche Lebensweise  der arbeitenden  Menschen, mit  der die
       Bedingungen für  Persönlichkeitsentfaltung gesetzt  sind"  (Maase
       1977, 73). Die analytische Betrachtung des Vereinswesens und sei-
       ner Wandlungen ist in Zukunft in gleichsam zweifacher Alltagsper-
       spektive zu  betreiben: einmal  unter dem  Aspekt der Lebensweise
       als einem  widersprüchlichen, überindividuellen  Ensemble erprob-
       ter, "im  dialektichen Verständnis notwendiger und schöpferischer
       Typen aktiver Bewältigung sozial spezifischer Lebensbedingungen";
       zum  anderen   unter  dem   Aspekt  der  einzelnen  Subjekte  als
       "besondere Persönlichkeit(en)  wie  als  historische  Träger  der
       gruppenspezifischen Lebensweise" (Maase 1980a).
       
       3. Materialien und Ergebnisse der
       ---------------------------------
       bundesdeutschen Vereinsforschung
       --------------------------------
       
       Vorab kann  festgestellt werden,  daß die bisher von der Vereins-
       forschung vorgelegten  Befunde die Annahme erhärten, daß das Ver-
       einswesen 1.  einen die Lebensweise der Arbeiterklasse in der BRD
       mit prägenden  Faktor bildet, und 2. dem Vereinsleben eine Bedeu-
       tung für die Persönlichkeitsentwicklung der Individuen zuzumessen
       ist.
       Ein Literaturbericht  zur Vereinsforschung sieht sich einer Reihe
       von Schwierigkeiten  gegenüber, die nicht so ohne weiteres zu be-
       heben sind.  Erstens sind eine Fülle von Untersuchungsergebnissen
       in Forschungszusammenhänge  eingebettet, die keineswegs primär an
       der Erforschung des Vereinswesens orientiert sind. Dies hat nicht
       nur dazu  geführt, daß  Materialien zur  Vereinsthematik in recht
       verstreuter Form  vorliegen. Eine  kritische Reinterpretation der
       Ergebnisse ist  zusätzlich erschwert, weil die Befunde nicht sel-
       ten heterogenen Forschungsmotiven und Interpretationsmustern sub-
       sumiert sind. Diese Vielgestaltigkeit erscheint auch in der Viel-
       falt der  Forschungsdesigns und  -methoden; das  unverbundene Ne-
       beneinander von  z.B. Gemeinde-Monographien,  volkskundlichen Ar-
       beiten und  repräsentativen Studien,  die der  üblichen Techniken
       der Meinungsumfragen  sich bedienen, erschwert nicht nur die ana-
       lytischen Vergleichsmöglichkeiten, sondern hat zu einem nicht ge-
       ringen Teil  auch zu  dem in sich höchst widersprüchlichen Ergeb-
       nisbild beigetragen. Uneinheitlichkeit in den Erhebungsweisen und
       das Elend der Schichtungstheorien haben hierbei forschungshemmend
       zusammengewirkt.
       Zweitens sieht  sich ein Literaturbericht wie generell systemati-
       sche Vereinsforschung vor die Schwierigkeit gestellt, daß es bis-
       her an  einer gegenstandsangemessenen,  forschungsoperativen Ver-
       einstypologie mangelt.  7) Es gibt zwar einige fruchtbar erschei-
       nende Ansätze,  so etwa  bei E. Bardey (1956), B. Luckmann (1970)
       und jüngst bei Raschke (1978); von einem durchgearbeiteten Krite-
       riengerüst kann  aber nicht  die Rede sein. 8) Schließlich stellt
       sich drittens  das Problem der "Übersetzung" von Untersuchungser-
       gebnissen zur  Vereinsthematik, denen  fast  ausschließlich  mehr
       oder weniger  willkürliche und  mithin diffuse  Modelle  sozialer
       Schichtung  zugrunde  liegen,  in  sozialstrukturtheoretisch  und
       klassenanalytisch fruchtbare  Bestimmungen  zur  Rolle  der  Ver-
       einskultur innerhalb  der einzelnen  sozialen Kategorien  der  in
       sich besonders  bezüglich der kulturellen Lebensformen recht dif-
       ferenzierten Arbeiterklasse. Die geradezu wilde Vielfalt der ver-
       wendeten Schichtindices erzwingt bei zukünftigen Reinterpretatio-
       nen des vorliegenden Ergebnismaterials äußerste Behutsamkeit.
       
       3.1. Vereinsthematische Forschungszusammenhänge
       -----------------------------------------------
       
       Der Komplex  der Bürgerinitiativen, der im Rahmen der sog. Parti-
       zipationsforschung erheblich intensiver wissenschaftlich beleuch-
       tet worden ist als das traditionelle Vereinswesen, bleibt im fol-
       genden ausgespart.  9) Anzumerken  ist weiter, daß die nach Sach-
       komplexen angeführten Studien durchweg Informationen und Materia-
       lien über  den engeren  Bereich des  Vereinsthemas hinaus zum Ge-
       samtkomplex der Lebensweisen in der Bundesrepublik enthalten, die
       aber hier unberücksichtigt bleiben. Es ist weiter daraufhinzuwei-
       sen ,  daß die  Isolierung von Sachkomplexen notwendigerweise den
       darunter subsumierten  einzelnen Studien "Gewalt antut", insofern
       sie nur den jeweils dominanten Aspekt berücksichtigt. Endlich, es
       ist keine  Vollständigkeit in  Sachen  Vereinsforschungsliteratur
       beansprucht, wohl  aber wird  davon ausgegangen,  daß wesentliche
       forschungsbestimmende Studien angesprochen sind. 10)
       
       3.1.1. "Gemeindeforschung", "Untersuchungen zum industriell-
       ------------------------------------------------------------
       sozialen Wandel", "Stadt- und Regionalsoziologie"
       -------------------------------------------------
       
       Forschungskontexte, worin  Vereinsforschung eingewoben ist, stel-
       len insbesondere (a) die in der zweiten Hälfte der 5Oer Jahre er-
       schienenen Gemeindestudien dar, in denen sich spezifische soziale
       Problemlagen der  bundesdeutschen Nachkriegsentwicklung  spiegeln
       (z.B. soziale  Eingliederung der Zuwanderungsströme), (b) die Un-
       tersuchungen zum  "industriell-sozialen Wandel"  im  Zeichen  der
       forcierten industriellen  Entwicklung, die immer größere Bevölke-
       rungsteile (und  Regionen) direkt in den kapitalistischen Produk-
       tionsprozeß eingliedert,  und (c)  groß angelegte empirische Stu-
       dien, die sich mit den spezifischen Problemen großstädtischer Ag-
       glomeration befassen  (vgl. hierzu  König 1958, Oswald 1966, bes.
       Abschnitt III).
       Die in  diesen Zusammenhängen betriebenen Untersuchungen erfassen
       die Rolle  der Vereine  im  Rahmen  der  empirischen  Erforschung
       "spezifisch gemeindlicher  Determinationssysteme"  (Oswald  1966,
       93), d.h.  der Analyse  lokal-regionaler sozialer Lebenseinheiten
       und -formen.  Dies entspricht  dem eigentümlichen  Charakter  der
       Vereinskultur, gleichsam  "vor Ort" Wirksamkeit zu entfalten. Aus
       den genannten Forschungsbereichen seien einige relevante Studien,
       die ergiebiges,  verwertbares Material  zum Vereinswesen liefern,
       angeführt.
       - R. Mayntz,  Soziale Schichtung und sozialer Wandel in einer In-
       dustriegemeinde. Eine  soziologische Untersuchung  der Stadt Eus-
       kirchen (1958).  In dieser Studie wird die Vereinsproblematik be-
       handelt in  den Kapiteln  über - Soziale Beziehungen zwischen den
       Berufsgruppen", "Soziale  Distanz und Verflochtenheit der Berufs-
       gruppen" und "Teilnahme und Einfluß im Sozialleben Euskirchens".
       R. Mayntz  (R. Pflaum), "Die Vereine als Produkt und Gegengewicht
       sozialer Differenzierung"  . Diese  Arbeit bildet  einen Teil der
       vielzitierten, von  G. Wurzbacher  geleiteten  Untersuchung  über
       "Das Dorf  im Spannungsfeld  industrieller Entwicklung.  Untersu-
       chung an  den 45  Dörfern und Weilern einer westdeutschen ländli-
       chen Gemeinde"  (1961). Der  Beitrag von R. Mayntz umfaßt sozial-
       theoretische und  aktual-empirisch orientierte Aspekte und Ergeb-
       nisse, die  sich komplementär  zur "Euskirchen-Studie"  verhalten
       und ebenfalls die These über die soziale Integrationsfunktion der
       Vereine zu  erhärten suchen. Die dort entwickelten Kategorien und
       Problemaspekte gehören  bis heute zum Standardrepertoire der Ver-
       einsforschung.
       - H. Croon / K. Utermann, Zeche und Gemeinde. Untersuchungen über
       den Strukturwandel  einer Zechengemeinde im nördlichen Ruhrgebiet
       (1958). In  dieser Untersuchung  über den sozialen Strukturwandel
       einer ländlichen  Gemeinde in "Folge des Vorwärtsdringens der in-
       dustriellen Gesellschaft"  werden die  Vereine als ein Element im
       Ensemble der  sich wandelnden Lebensformen der werktätigen Bevöl-
       kerung untersucht.
       - Die Untersuchungen  von H.  Bausinger, M.  Braun und H. Sckwedt
       über "Neue Siedlungen" (1959), M. Irle, Gemeindesoziologische Un-
       tersuchungen zur  Ballung Stuttgart  (1960), A.  Hahn, "Vereine",
       in: Soziale Verflechtung und Gliederung im Raum Karlsruhe. Grund-
       lagen zur  Neuordnung eines Großstadtbereichs (1965) und von W.G.
       Wehling und  A. Werner,  Kleine Gemeinden  im Ballungsraum (1975)
       behandeln das Vereinsthema im Zusammenhang mit der Frage nach dem
       Funktions- und  Bedeutungswandel bzw.  Funktionsverlust traditio-
       neller sozialer  Lebensformen im Zuge umwälzender großstädtischer
       Agglomerierungsprozesse. Von  besonderem analytischen  Wert  sind
       die Diagnosen  von Hahn,  da sie  um theoretische  Systematik des
       Vereinswesens bemüht sind.
       - W. Roth,  Das Dorf im Wandel. Struktur und Funktionssysteme ei-
       ner  hessischen  Zonenrandgemeinde  im  sozialkulturellen  Wandel
       (1968). Diese  monographische Arbeit  zeichnet sich  dadurch aus,
       daß sie  durchweg vernachlässigte  Aspekte, nämlich  z.B. Vereine
       als Organe des antifaschistischen Widerstandes und die Folgen der
       Zerstörung ihres  demokratischen Kulturpotentials  durch den  Fa-
       schismus für  den Prozeß  der Wiederherstellung  des lokalen Ver-
       einswesens nach 1945, ins Licht rückt.
       - B. Luckmann,  "Politik in  einer deutschen  Kleinstadt" (1975).
       Diese Gemeindestudie  erforscht die  Leistungen und Veränderungen
       einer  lokalen  Vereinskultur  unter  dem  Aspekt  der  Bedeutung
       "kleiner Welten" für die alltäglichen Lebensformen.
       
       3.1.2. "Freizeitstudien"
       ------------------------
       
       Die nachfolgend angeführte Literatur behandelt die Rolle der Ver-
       eine im  Kontext der  in den  60er Jahren  verstärkt einsetzenden
       "Freizeit-Diskussion". Es  geht um  Probleme des Bedeutungsverlu-
       stes bzw. -zuwachses der Vereine insbesondere vor dem Hintergrund
       konkurrierender Angebote  seitens der  kommerziellen Kultur-  und
       Freizeitgroßindustrie. (Solche Aspekte sind auch in der schon zi-
       tierten Studie von Hahn (1965) angesprochen.)
       - 1966 erscheint  im Zuge  des sich andeutenden Sportbetätigungs-
       "booms" der bemerkenswerte Sammelband "Der Verein. Standort, Auf-
       gabe, Funktion  in Sport  und Gesellschaft ", der zwar primär den
       Sportvereinen gewidmet  ist, aber durchaus instruktive Ergebnisse
       zur gesamten Vereinsproblematik enthält. Besondere Aufmerksamkeit
       verdienen  in   dieser  Hinsicht  die  Beiträge  von  K.  Bellmer
       "Zwischen heute und morgen. Die Chance der Vereine", und J. Palm,
       "Vom Feierabend zur Fünftagewoche. Der Verein und die Freizeit".
       - Die empirische  Studie von  R. Wald,  Industriearbeiter privat.
       Eine Studie  über private Lebensformen und persönliche Interessen
       (1966) rückt  zwar das  Vereinswesen in  einen  fruchtbaren  For-
       schungskontext, räumt  ihm aber im Forschungsdesign nur einen äu-
       ßerst dürftigen Platz ein.
       - Die 1969  als Dissertation  fertiggestellte, aber erst 1977 pu-
       blizierte Arbeit von S. Reck, Arbeiter nach der Arbeit. Sozialhi-
       storische Studie  zu den  Wandlungen des Arbeiteralltags, gewinnt
       ihren vereinstheoretischen  Wert nicht  nur dadurch,  daß sie das
       Vereinsleben im  Zusammenhang der  Alltagskultur der Arbeiter un-
       tersucht, sondern  auch weil sie um Ansätze theoretisch-sozialhi-
       storischer Betrachtung des Bedeutungswandels der Vereinsaktivitä-
       ten innerhalb  der Lebensweise  sich bemüht. Allerdings erscheint
       die empirische Basis der Diagnosen als recht ungenügend.
       - In den  Arbeiten von M. Osterland u.a., Materialien zur Lebens-
       und Arbeitssituation der Industriearbeiter in der BRD (1973), und
       D. Kramer,  Freizeit und  Reproduktion  der  Arbeitskraft  (1975)
       kommt der  Aspekt der  Vereinskultur nicht  über den Status einer
       Marginalie hinaus,  wenngleich auch  hier der  alltagskulturelle,
       reproduktionsbezogene Kontext  der Vereinsthematik den angemesse-
       nen Bezugsrahmen bildet.
       - Die schon zitierte Studie von W. Bühler u.a. über "Lokale Frei-
       zeitvereine" (1978)  enthält, weil sie vereinsspezifisch angelegt
       ist, das  wohl reichhaltigste  und brauchbarste Material. Zukünf-
       tige Vereinsuntersuchungen  werden sich in kritischer Reinterpre-
       tation auf diese Studie beziehen müssen.
       
       3.1.3. "Sportsoziologie"
       ------------------------
       
       Dieser thematische  Komplex überschneidet sich vielfältig mit dem
       zuvor skizzierten.  Er verdient  aber Besonderung, weil zum einen
       die Vereinsforschung auf dem Gebiet der Sportvereine am weitesten
       gediehen ist,  und zum  anderen weil  die Sportvereine  gerade im
       Blick auf  die Lebensweise der Arbeiterklasse zum eindeutig wich-
       tigsten Vereinstyp angewachsen sind.
       - Aus dem schon zitierten Sammelband "Der Verein" (1966) sind be-
       sonders zwei  Beiträge hervorzuheben: O. Grupe "Der moderne Turn-
       verein. Versuch  einer Standortbestimmung " und H. Lenk, "Zur So-
       ziologie des  Sportvereins". Die  Studie von Lenk stellt eine um-
       fassende systematische Darstellung empirischer Ergebnisse und den
       Versuch der  theoretischen Durchdringung der Erscheinungsform der
       Sportvereine im  Sozialleben dar.  Eine überarbeitete Fassung des
       genannten Beitrags hat H. Lenk 1972 als "Materialien zur Soziolo-
       gie des Sportvereins" vorgelegt.
       - Die bisher  umfassendste  empirische  Untersuchung  bildet  die
       schon zitierte  Studie über  "Sportvereine in  der Bundesrepublik
       Deutschland" - Teil I: Strukturelemente und Verhaltensdeterminan-
       ten im  organisierten Freizeitbereich  (Schlagenhauf 1977),  Teil
       II: W. Timm, Organisations-, Angebots- und Finanzstruktur (1979).
       Diese repräsentative  Studie, im  Rahmen der  Schriftenreihe  des
       Bundesinstituts  für  Sportwissenschaft  erschienen,  reflektiert
       eindruckvoll die  stetig gewachsene  quantitative und qualitative
       Bedeutung des  Sportvereinswesens für  die Lebensweise  der  ver-
       schiedenen Kategorien  der Arbeiterklasse ebenso wie für die ver-
       schiedenen Kategorien der Zwischenschichten.
       3-1.4. "Partizipationsforschung"
       Die Frage nach der Rolle des Vereinswesens im Rahmen der Teilhabe
       am gesellschaftlichen,  politischen und kulturellen Prozeß bildet
       gleichsam eines  der Grundmotive vieler Vereinsuntersuchungen. In
       den 70er Jahren ist dieser Aspekt unter dem Stichwort "Politische
       und kulturelle  Partizipation" im Zuge der sog. Reform-Diskussion
       wieder besonders  in den Mittelpunkt der Vereinsforschung gerückt
       worden.
       - Eine auch im Kontext der Vereinsforschung häufig angeführte so-
       ziologische Studie  ist die  von E. Reigrotzki über "Soziale Ver-
       flechtungen in  der Bundesrepublik.  Elemente der  sozialen Teil-
       nahme in Kirche, Organisationen und Freizeit" (1956). Sie enthält
       zwar instruktive  Datensegmente zum  Vereinswesen, darf  aber als
       Schulfall einer  schichten-, Staats- und organisationstheoretisch
       mißratenen  Studie   in  der   Umsphäre  des   Geredes  über  die
       "nivellierte Mittelstandgesellschaft" gelten.
       - Empirische Daten zur Bedeutung der Vereine im Rahmen (kommunal-
       politischer Partizipation liefert die ortsmonographisch angelegte
       Dissertation von  G.A.M. Lenzer,  Staatsbürgerliches Verhalten im
       kommunalen Bereich (1962).
       - Anregungen zur  theoretischen Analyse  der politischen und kul-
       turellen Dimensionen  des Vereinswesens  enthält der  Beitrag von
       H.J. Benedict über - Kleinbürgerliche Politisierung. Zur Partizi-
       pationsform des  Vereinslebens und der Verbandstätigkeit" (1972),
       der in  dem von E. Bahr herausgegebenen Sammelband "Politisierung
       des Alltags"  erschienen ist. Allerdings verstellt sich der Autor
       manche Tore  zur Einsicht  durch die allzu flott vertretene, tra-
       dierte These von der "Verkleinbürgerlichung der Arbeiterklasse".
       - Reichhaltiges empirisches  Material (und einige partizipations-
       theoretische Interpretationsversuche)  zum  Vereinswesen  breitet
       die im  Rahmen der Schriften der "Kommission für wirtschaftlichen
       und sozialen  Wandel" erschienene Studie von B. Armbruster und R.
       Leisner, Bürgerbeteiligung in der Bundesrepublik (1975), aus.
       - Die schon eingangs zitierten Untersuchungen von H. Dunckelmann,
       Lokale Öffentlichkeit (1975) und P. Raschke, Vereine und Verbände
       (1978), bilden beim derzeitigen Entwicklungsstand der Vereinsfor-
       schung eine  unentbehrliche Grundlage, da sie nicht nur in syste-
       matisch-typologischer Hinsicht  die Forschungsentwicklung  voran-
       bringen, sondern  auch solide  aufgearbeitetes aktual-empirisches
       Material zu  einer Fülle  von soziologischen Dimensionen des Ver-
       einswesens vorweisen.
       - Schließlich sind die literaturkritischen Aufsätze von H.J. Sie-
       wert "Verein  und Kommunalpolitik" (1977) und "Der Verein" (1978)
       zu erwähnen,  die einen  problemhistorischen Einstieg  in die Er-
       forschung des Vereinswesens versuchen.
       
       3.1.5. "Gastarbeiter-Forschung"
       -------------------------------
       
       Neuere Forschungsansätze  zur Lebensweise  der Gastarbeiter  bzw.
       Arbeitsimmigranten weisen  eine bisher  wohl völlig unterschätzte
       Bedeutung der  Vereinskultur aus.  Hierzu seien als Literaturhin-
       weise angeführt:  K.D. Schaefer, Die Assimilierung der polnischen
       Arbeiter im  Ruhrgebiet (1974) und F. Heckmann, Ethnischer Plura-
       lismus und 'Integration' der Gastarbeiterbevölkerung (1980).
       
       3.1.6. "Kultursoziologisch-volkskundliche Studien"
       --------------------------------------------------
       
       Das Interesse  an der Vereinskultur gehört zum traditionellen Be-
       stand der  empirischen Volkskunde in der BRD. Es scheint derzeit,
       als ob  hier gleichsam  eine Forschungs-"Renaissance" sich andeu-
       tet. 11)
       - Wenngleich auch die Studie von H. Schmitt, Das Vereinsleben der
       Stadt Weinheim an der Bergstraße. Volkskundliche Untersuchung zum
       kulturellen Leben  einer Mittelstadt  (1963), erhebliche methodi-
       sche Schwächen  aufweist, so  verdient sie  doch  Aufmerksamkeit,
       weil in ihr eine spezifisch kultursoziologische Problemsensibili-
       tät spürbar  ist, die anregend wirkt auf zukünftige kulturwissen-
       schaftliche monographische Studien über regional- und lokalspezi-
       fische Vereinskulturen.
       - Unter dem  Aspekt der  Erforschung der  Geselligkeit als Moment
       alltäglicher Lebensformen  hat H. Freudenthal eine sozialhistori-
       sche Untersuchung über "Vereine in Hamburg" (1968) vorgelegt, die
       gleichfalls unter spezifisch kultursoziologischen Gesichtspunkten
       von Interesse ist.
       - Die schon zitierte Monographie von R. Lindner und H. Th. Breuer
       - Sind  doch nicht alles Beckenbauers" (1978) repräsentiert einen
       Typus von  Studien über (Sport-)vereinsleben und -geschichte, der
       in Zukunft  mit dazu  beitragen könnte,  "weiße Flecken  auf  der
       Landkarte" der  Lebensweise der Arbeiterklasse in der BRD zu ver-
       kleinern.
       - In die  Reihe neuerer volkskundlicher Studien, die sich um eine
       Orts- und  Funktionsbestimmung lokaler Vereine im Rahmen der Wie-
       derentdeckung städtischer  Alltagskultur bemühen,  gehört die  in
       mancher Hinsicht  pionierartige Veröffentlichung "Frankfurter Fe-
       ste, von  wem? für  wen?" (1979).  Über die  verwendete Methodik,
       worin sich  bestimmte gegenwartstypische spontaneistische Kultur-
       konzeptionen niederschlagen,  ist in  Zukunft im  Rahmen der  Be-
       mühungen um  eine materialistische Vereinsforschung intensiver zu
       diskutieren.
       
       3.2. Zu einigen soziologischen Ausprägungen der Vereinskultur
       -------------------------------------------------------------
       
       Im folgenden  sollen skizzenförmig einige Ergebnisaspekte empiri-
       scher Untersuchungen  über das vielgestaltige Vereinswesen darge-
       stellt werden,  die in  Umrissen ein  Bild der  sozialen und kul-
       turellen Relevanz  des Vereinswesens vermitteln sowie persönlich-
       keitsprägende Dimensionen andeuten.
       
       3.2.1. Sozialstrukturell-demographische Ausprägungen
       ----------------------------------------------------
       des Vereinswesens
       -----------------
       
       Was die  Ermittlung quantitativer Entwicklungen des Vereinswesens
       in der  Bundesrepublik insgesamt  angeht, so  klagt die Forschung
       übereinstimmend über  die Schwierigkeiten  , eine  solide  Daten-
       grundlage zu  sichern. Zum  einen fehlt  es an  einer hinreichend
       vollständigen amtlichen Statistik über die Mitgliederbewegung, so
       daß die  Forschung "meist auf die Angaben der verschiedenen Orga-
       nisationen selbst  angewiesen ist"  (Schlagenhauf 1977,  40). Das
       wirft eine Reihe von Problemen erhebungsmethodischer Art auf. Zum
       anderen sind vorliegende empirische Untersuchungen zumeist derart
       sparten-, vereinstyp-  und funktionsspezifisch,  daß die  "gewon-
       nenen Materialien ebenfalls nur begrenzt aussagefähig sind" (ebd.
       40). Forschungsunternehmungen  wie die  über die "Sportvereine in
       der Bundesrepublik" kombinieren daher verschiedene Erhebungs- und
       Ermittlungstechniken. Repräsentative  Umfragen bilden zumeist den
       Kern der Datenbeschaffung.
       Was an Ergebnissen zur quantitativen Ausprägung des Vereinswesens
       greifbar ist, ist denn auch im Lichte der genannten Schwierigkei-
       ten und  Unzulänglichkeiten zu interpretieren; sie gründen in der
       Grundproblematik von  Meinungsumfragen, in der schwierig zu hand-
       habenden  Problematik   der  Erscheinungsform   der  Mehrfachmit-
       gliedschaften, schließlich  in der  zum Teil recht unterschiedli-
       chen Auswahl der Altersklassen, deren Vereinsmitgliedschaft abge-
       fragt wird. Auf die völlig unzulässigen Zurechnunsweisen von Mit-
       gliedschaftstypen ist oben schon hingewiesen worden.
       Trotz der  angerissenen Probleme, die sich einer qualitativen In-
       terpretation der quantitativen Entwicklungen stellen, lassen sich
       einige grobe  Ausprägungen innerhalb des Vereinswesens herausfil-
       tern. Die  vorliegenden Materialien  weisen aus, daß ungefähr 30%
       der bundesdeutschen Bevölkerung in Vereinen organisiert sind. 12)
       Darunter fallen freilich in ihren sozial-kulturellen Wirkungen so
       unterschiedliche Vereinsformen  wie der ADAC oder der Bienenzüch-
       terverein. Für  den Zeitraum zwischen 1964 und 1973 kann eine re-
       lative Konstanz jenes Prozentsatzes ausgemacht werden.
       Was die Gruppe der Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren angeht,
       so stieg  deren vereinsförmiger  Organisationsgrad zwischen  1964
       und 1975 von 40% auf fast 60%, gemessen an der Gesamtheit der Ju-
       gendlichen dieser  Altersgruppe. Diese  Zahlen deuten allemal für
       die Zukunft  auf eine  wachsende Bedeutung des Vereinswesens hin.
       Jedoch ist  davon auszugehen, daß diese Entwicklung vor allem auf
       die Mitgliederzuwächse der Sportvereine zurückzuführen ist, deren
       Gesamtvolumen derzeit  ca. 13 Millionen Mitglieder ausmacht. Nach
       der  Erhebung   von  Schlagenhauf   (1977,   44)   umfassen   die
       "Sportvereine ...  alleine schon einen größeren Personenkreis als
       alle anderen  Freizeitorganisationen zusammen".  Demgegenüber ist
       zum Beispiel ein "starkes Zurückgehen der Mitgliedschaften in Mu-
       sik- und Gesangvereinen" zu verzeichnen. Differenziertere Angaben
       über die  quantitative Verteilung  der Mitgliedschaften  auf ein-
       zelne Vereinsarten finden sich in Bühler u.a. (1978, 91 ff.).
       Vereinsuntersuchungen im  Zeichen der Erforschung der Lebensweise
       der Arbeiterklasse  werden genauer die Tendenzen der Verschiebun-
       gen innerhalb  des Vereinswesens  zu prüfen  haben, spiegeln sich
       doch darin  Veränderungen in  den sozialkulturellen  Bedürfnissen
       und den  "Lebensstilen". In  diesem Zusammenhang ist daraufhinzu-
       weisen,  daß   die  Bestandsaufnahme   der  vereinsförmigen  Mit-
       gliedschaften für  sich noch  keine Rückschlüsse  auf die sozial-
       kulturellen Funktionen  der Vereine  insgesamt erlaubt.  Vielmehr
       ist geboten,  jeweils das  Verhältnis von  Mitgliederbewegung und
       Aktivitätspotential, d.h. die "aktiv-passiv"-Dimension genauer zu
       erforschen, wie  dies in  der zitierten Sportvereinsstudie gelei-
       stet worden  ist. Es  ist sehr  wahrscheinlich, daß die Sportver-
       eine, was  den Anteil  der aktiven Vereinsmitglieder betrifft, am
       günstigsten abschneiden.
       Was jedenfalls  die Mitgliederbewegung  insgesamt angeht,  so hat
       sich, allen  feuilletonistischen Unkenrufen  zum Trotz,  die Ein-
       sicht bestätigt,  daß der  Verein mehr und anders ist als nur ein
       "guter deutscher Rest aus der guten alten Zeit" (Palm 1966, 119).
       "Eher können  Arbeiter schon  dem Vereinsleben  etwas abgewinnen"
       (Osterland u.a.  1973, 261). Die Feststellung, daß die Industrie-
       arbeiterschaft dem traditionellen Vereinswesen eher zugeneigt ist
       als anderen Formen kultureller Teilhabe am (lokalen) Sozialleben,
       wird durchgängig  in den  einschlägigen Untersuchungen bestätigt:
       "Der relativ  hohe Anteil von Arbeitern (insbesondere von Fachar-
       beitern) in  den Vereinen fällt besonders ins Auge." (Bühler u.a.
       1978, 142).  Allerdings gilt es hier, auf eine wichtige Differen-
       zierung hinzuweisen.  Während Facharbeiter  einen besonders hohen
       Grad an  vereinsförmiger Organisiertheit  aufweisen,  sind  unge-
       lernte und  angelernte Arbeitergruppen  stark unterrepräsentiert,
       ein Sachverhalt,  der schon  in der  frühen Untersuchung von Rei-
       grotzki (1956)  beobachtet und  auch in  den neueren  Studien von
       Dunckelmann (1975),  Armbruster/Leisner (1975)  und  Bühler  u.a.
       (1978) wieder  hervorgehoben worden ist. Insgesamt weisen die Ma-
       terialien  aus,   daß  die  Gruppen  der  kleinen  und  mittleren
       "Selbständigen", der  lohnabhängigen Zwischenschichten, der mitt-
       leren und  unteren Angestelltengruppen  und die  Facharbeiter das
       Hauptreservoir der Vereine darstellen.
       An dieser  Stelle sei kurz auf den Aspekt der Vereine als Instru-
       mente bürgerlicher  Herrschaftssicherung eingegangen.  In  seiner
       gegenwärtigen organisationspolitischen Gestalt, zumal was den so-
       zialen und  politischen Charakter  der Vereinsführungen  auf  der
       Ebene der "Großvereine" angeht 13), funktioniert das Vereinswesen
       gleichsam als  ein vorpolitischer Arm der herrschenden Klasse zur
       Festigung von  Massenloyalität. Dieser  ausgeprägte Zug  des Ver-
       einswesens macht  den zwieschlächtigen,  innerlich widersprüchli-
       chen Charakter der Vereine aus: zwar als Stätte sozialkultureller
       Tätigkeit der abhängigen Bevölkerung zu wirken, zugleich aber als
       Organ  der  ideologisch-politischen  Hegemonie  der  herrschenden
       Klasse zu  fungieren, Momente  der kulturellen Selbstbestimmtheit
       ebenso zu  besitzen wie Momente der politischen Fremdbestimmtheit
       (vgl. Kroll 1980).
       Betrachtet man die soziale Zusammensetzung des Vereinswesens ins-
       gesamt, so  scheint jedenfalls  ein deutlicher  Zusammenhang zwi-
       schen dem  beruflichen Qualifikationsniveau, dem allgemeinen Bil-
       dungsniveau, den  Lebensstil-Traditionen und  der Vereinsfreudig-
       keit zu bestehen. 14) D.h., es verbieten sich simple Kurzschlüsse
       zwischen der ökonomischen Bestimmung der Klassenlage und dem Pro-
       fil des  Vereinswesens  als  Element  der  Lebensweise.  Vielmehr
       scheint das  Vereinswesen sozial-kulturelle Feindifferenzierungen
       innerhalb der Arbeiterklasse zu spiegeln. Diese Differenzierungen
       drücken sich  offensichtlich in den unterschiedlichen Präferenzen
       der verschiedenen  Kategorien der  Arbeiterklasse  für  bestimmte
       Vereinsarten aus.
       So rangieren  innerhalb der Industriearbeiterschaft (insbesondere
       Facharbeitergruppen) die  Sportvereine und die sog. Hobbyvereine,
       d.h. Vereine,  die an  bestimmte Seiten  der Arbeitstätigkeit auf
       eine wohl eher eigeninitiative Weise anknüpfen, an der Spitze. Zu
       berücksichtigen ist  des weiteren, daß es darüber hinaus z.B. in-
       nerhalb des  Bereichs der Sportvereine wiederum sozial-kategorial
       ausgeprägte Präferenzen  für bestimmte  Sportarten gibt.  So  hat
       Schlagenhauf folgende "schichtenspezifische" Rangskala ermittelt:
       1. Tennis, 2. Segeln, 3. Volleyball,4. Pferdesport, 5. Skifahren,
       6. Wandern,  7. Gymnastik, 8. Schwimmen, 9. Eislaufen, 10. Tisch-
       tennis, 11.Turnen,  12. Leichtathletik,  13. Radfahren,  14. Fuß-
       ball,  15.   Handball,  16.   Kegeln,  17.  Kampfsportarten,  18.
       Schießsport und  sonstige Sportarten (1977, 150 ff.). Schließlich
       machen sich  sogar erhebliche regionalkulturelle Unterschiede be-
       merkbar (vgl. Bühler u.a. 1978, 100).
       Die angedeuteten  Feindifferenzierungen widerlegen  das  durchweg
       von den  Vereinsführungen  veröffentlichte  egalitäre  Selbstbild
       (vgl. Mayntz  1961, Luckmann  1970, Wehling/Werner  1975, Raschke
       1978); das  Vereinswesen reflektiert sinnfällig die innere Diffe-
       renziertheit der Arbeiterklasse. 15)
       Es darf  in diesem  Zusammenhang nicht  übersehen werden,  worauf
       schon R.  Mayntz in  ihrer "Euskirchen-Studie" (1958) hingewiesen
       hat, daß nämlich die unteren Qualifikationsgruppen der Industrie-
       arbeiterschaft nicht  prinzipiell der  Mitgliedschaft in Vereinen
       ablehnend gegenüberstehen.  Es besteht  durchaus der  Wunsch nach
       vermehrter vereinsförmiger  sozial-kultureller Teilhabe.  Die Be-
       fragten der  un- und  angelernten Arbeitergruppen  geben  nämlich
       durchweg an, daß es finanzielle Gründe, Zeitmangel und andere so-
       ziale Hindernisse  sind, welche  sie von  einer Teilnahme  an den
       Vereinen abhalten.  Es zeigt  sich auch  hier sinnfällig, daß das
       kulturkritische Gerede über "zuviel Freizeit", mit der die arbei-
       tenden Menschen  nichts anzufangen  wüßten, der  Realitätsprüfung
       nicht standhält.
       Abschließend seien  noch einige Bemerkungen zur "demographischen"
       Differenzierung des  Vereinswesens notiert.  Alle  Untersuchungen
       kommen einhellig  zu dem  Ergebnis, daß - mit Ausnahme der oberen
       Zwischenschichten -  die Frauen  aller  sozialen  Kategorien  der
       werktätigen Bevölkerung  überaus stark unterrepräsentiert sind in
       den Vereinen.  16) Keime eines Abbaus dieser Benachteiligung deu-
       ten sich besonders im Sportvereinswesen an.
       Einen zentralen  Faktor der  Bestimmung des  Vereinswesens bildet
       das "Stadt-Land-Gefälle";  d.h., das Mitgliedervolumen ebenso wie
       der Aktivitätsgrad  des Vereinslebens variieren deutlich nach den
       Ortsgrößen-Klassen. Es  ist zwar  keineswegs so,  daß die Vereine
       inzwischen eine  ausschließliche Domäne  der  ländlich-kleinstäd-
       tisch-mittelstädtischen. Regionen  sind (vgl.  Siewert  1978,  70
       ff.); aber  alle vorliegenden Studien weisen aus, daß die Vereine
       mit wachsender Ortsgröße an Bedeutung verlieren. Allerdings fehlt
       es an  eingehenderen Analysen zur Aufgliederung ihrer sozial-kul-
       turellen Bedeutung im Blick auf die einzelnen sozialen Kategorien
       der in den großstädtischen und Ballungszentren lebenden werktäti-
       gen Bevölkerung.  Jedenfalls weisen  die Untersuchungen  für  die
       Sportvereine aus,  daß sie  inzwischen im großstädtischen Bereich
       den Mitgliederschwund  einiger anderer Vereinstypen auszugleichen
       scheinen (vgl.  Dunckelmann 1975,  107 ff.). Die sich andeutenden
       Wandlungen in  der Bedeutung  der einzelnen  Vereinsarten für die
       verschiedenen sozialen Kategorien der werktätigen Bevölkerung le-
       gen jedenfalls  nahe, in  diesem Bereich vermehrte intensive For-
       schungen zur  Rolle des Vereinswesens für die Lebensweise der Ar-
       beiterklasse zu unternehmen.
       
       3.2.2. Zu einigen sozial-kulturellen und persönlichkeitswirksamen
       -----------------------------------------------------------------
       Aspekten des Vereinswesens
       --------------------------
       
       Der gegenwärtige  sozial-kulturelle Charakter  des  Vereinswesens
       scheint durch zwei grundlegende Tendenzen gekennzeichnet. Auf der
       einen Seite  ist bis  heute die für das Vereinsleben traditionell
       typische Freiwilligkeit  des  Vereinsengagements  mitsamt  seinen
       nicht- bzw.  gegenprivatistischen, sozial-moralischen Komponenten
       verbreitet.  Diese   Seite  ist   oft  unter  dem  Stichwort  der
       "Ehrenamtlichkeit" von Funktionsausübungen vermerkt worden, worin
       zum Vorschein  kommt, daß Menschen einen Teil ihrer Nichtarbeits-
       zeit freiwillig  Tätigkeiten spezifisch  sozial-kultureller Natur
       "unentgeltlich opfern"  (vgl. Bellmer 1966, 201). Solche Menschen
       erscheinen  dem   gewöhnlichen  privatistischen   Bewußtsein  als
       "Idealisten", die  man anerkennend  belächelt. Daß  die  genannte
       Seite des  Vereinswesens immer  noch von tragender Bedeutung ist,
       kann füglich  darin abgelesen werden, daß die schon zitierte Stu-
       die der  Adenauer-Stiftung (1978)  just diese  spezifisch sozial-
       kulturelle Qualität  des Vereinswesens  zum  Ausgangspunkt  ihrer
       Überlegungen nimmt, staatliche Funktionen auf freiwillige Verein-
       stätigkeit zu überwälzen.
       Der sozial-kulturellen  Leistungskapazität des  freiwilligen Ver-
       einsengagements steht  eine  von  vielen  Vereinsforschern  regi-
       strierte Zunahme  einer eingeschränkt "instrumentalistischen" Be-
       ziehung von  Teilen der  Mitgliedschaft zu  ihren Vereinen gegen-
       über; d.h.,  die Vereine  werden auf  bestimmte "Dienstleistungs-
       funktionen" reduziert (vgl. Raschke 1978, 157 ff.). Dies führt zu
       einer Form  von "Benutzerhaltung"  (Schlagenhauf 1977,  104)  und
       impliziert  einerseits   einen  Schwund   an  bestimmten  sozial-
       moralischen  Qualitäten  des  Vereinslebens,  andererseits  einen
       Verlust an spezifisch sozialen persönlichkeitsprägenden Wirkungen
       der Vereinszugehörigkeit.  Diese zweite  Seite des  gegenwärtigen
       Vereinswesens scheint  wiederum erheblich entsprechend dem Stadt-
       Land-Kontinuum und  nach Vereinsarten zu differieren. Aber selbst
       dort, wo  der "instrumentalistische" Bezug vorherrscht ("Vereins-
       beitrag gegen  Vereinsanlagenbenutzung") wie  in manchen  neueren
       Sportvereinsarten,  sind   sozial-kulturelle  Momente  keineswegs
       gänzlich ausgelöscht;  "das Mithelfen  und konkrete  Mitanpacken"
       (Schlagenhauf  1977,   108)  scheint   sich   auch   in   solchen
       Vereinsarten im  Laufe der  Zeit einzubürgern. Gleichwohl hat die
       "instrumentalistische" Tendenz  auch positive Wirkungen, insofern
       sie  zu   einer  gewissen   "Entkrampfung"  in   der  Vereinswelt
       beigetragen hat.  Hierzu gehört  die Lockerung  bestimmter Formen
       vereinsspezifischer Borniertheit,  die gepaart  sind mit  überzo-
       genem Traditionalismus,  Separatismus und  spezifischen Arten von
       Exklusivität (vgl. Bühler u.a. 1978, 140 ff.). Jedenfalls scheint
       das "vereinsmeierische  totale Engagement"  partikuläreren Bezie-
       hungsformen zu weichen.
       Allerdings wäre  es unangemessen,  aktives Vereinsengagement pau-
       schal mit  "Vereinsmeierei" abzutun.  Denn in  der sog.  Vereins-
       meierei stecken  auch entschieden  sozialqualitative Momente, die
       Licht auf  sozial-kulturelle und  persönlichkeitswirksame Aspekte
       des Vereinslebens  werfen (zur  inneren  Widersprüchlichkeit  der
       "Vereinsmeierei" Kroll 1980). Bühler u.a. (1978, 117) haben diese
       Aspekte unter  die brauchbare Kategorie der "Sozialmoral" gefaßt.
       Die Menschen  üben nämlich  in den  Vereinen nicht  nur einsinnig
       zweckbestimmte Tätigkeiten  aus, z.B.  Sportbetätigung oder Brief
       markensammeln, worin  bereits spezifische  sozial-kulturelle  Mo-
       mente sich  manifestieren; sie entwickeln auch, indem sie am Ver-
       einsleben aktiv  teilnehmen, einige ihnen eigene persönlichkeits-
       spezifische soziale  Qualitäten fort.  Fast  alle  Vereinsstudien
       stimmen  darin   überein,  daß   Vereinszugehörigkeit  und  zumal
       -engagement auf  vielfältige Weise  die allgemeine "Soziabilität"
       und Triebkräfte  zur Selbsttätigkeit  fördern.  Die  Besonderheit
       liegt darin, daß eine hohe Korrelation zwischen Vereinsengagement
       und  einem   gesamten  "hohen  außerhäuslichen  Aktivitätsniveau"
       (Schlagenhauf 1977, 136 ff.) festgestellt werden kann, worin sich
       eine Überwindung  familialen  Privatismus  auszudrücken  scheint;
       denn hohe  außerhäusliche Aktivitätspotentiale  korrelieren zudem
       eigentümlicherweise  positiv  mit  entwickelten  Aktivitätspoten-
       tialen innerhalb des Familienlebens selbst.
       Familienleben und  entwickeltes Vereinsengagement  erscheinen nur
       dann in  konfliktärem Licht,  wenn die sozial reduzierte privati-
       stische Form  des Familienlebens  als Bewertungsmuster stilisiert
       wird. Kurz,  Vereinstätigkeit ordnet sich ein in ein Gesamtensem-
       ble gegen-privatistischer,  sozial engagierter  Motivationen  und
       Aktivitäten, was  wiederum durch  den von  allen Vereinsforschern
       belegten Zusammenhang  von Soziabilität, Aktivitätsgrad und Mehr-
       fachmitgliedschaft erhärtet  wird. Alle Ergebnisse deuten darauf-
       hin, daß  Personen, die  engagiert am  gesamten Spektrum des Ver-
       einslebens teilnehmen,  in  überdurchschnittlicher  Weise  bereit
       sind, freiwillig  soziale Aufgaben zu übernehmen, daß sie ein ho-
       hes Maß  an sozialen Kompetenzen aufweisen, in ausgeprägter Weise
       "soziale Tugenden"  an den  Tag legen (wie Hilfsbereitschaft, Be-
       reitschaft zur sozialen Selbsthilfe, Kameradschaft, kooperations-
       spezifische Disziplin),  ein überdurchschnittliches Maß an Fähig-
       keiten zur selbsttätigen Initiative besitzen und schließlich über
       spezifische Fähigkeiten zur intensiven Nutzung des ihnen. wie an-
       deren auch, nur begrenzt zur Verfügung stehenden Zeitbudgets ver-
       fügen (vgl.  die von Sève (1973) herausgearbeitete Differenz zwi-
       schen Zeitbudget  und subjektiver  Zeitplanung). Diese Züge haben
       früh schon  die Vereinsforschung zur These angeregt, daß die Ver-
       eine ein vorzügliches "Übungsfeld für sozialaktive Persönlichkei-
       ten" seien (Mayntz 1958, 1961; Benedict 1972).
       Die These  von der Soziabilität besitzt noch einen weiteren wich-
       tigen Aspekt.  Die Untersuchungen  kommen durchweg zu dem Schluß,
       daß es einen signifikanten Wirkungszusammenhang zwischen dem all-
       gemeinen,  nicht  vereinsspezifischen  beruflich-sozialen  Fähig-
       keits- und  Bedürfnisniveau einerseits und der Neigung zu aktiver
       Vereinstätigkeit andererseits  gibt (so  Bühler u.a. 1978, 87 f.,
       111). Es besteht eine gleichsam spiralförmige Wechselwirkung zwi-
       schen der  Entwicklung beruflich-sozialer Qualifikationen und dem
       vereinsförmigen Aktivitätsniveau. D.h., je nach Vereinsart unter-
       schiedlich ausgeprägt trägt die Vereinstätigkeit über "bloße" Be-
       friedigung von  Reproduktionsbedürfnissen hinaus zur Erhöhung des
       sozialen Fähigkeitsniveaus und zur Differenzierung und Ausweitung
       sozial-kultureller  Bedürfnisse  bei.  Dieser  Sachverhalt  wirft
       Licht auf  den im einzelnen noch genauer zu untersuchenden Tatbe-
       stand des  relativ hohen Anteils gerade der Gruppe der Facharbei-
       ter am aktiven Vereinsleben.
       Die anskizzierte  Soziabilitätsthese relativiert bzw. modifiziert
       jedenfalls die  seit Plessner (1952) und Habermas (1958) viel zi-
       tierte, kulturkritisch  eingefärbte These über die bloß eindimen-
       sional-kompensatorische Funktion "außerbetrieblicher" Betätigung.
       Nach der  Kompensationsthese, z.T. erweitert durch eine Suspensi-
       onsthese, erscheinen  die sog. Freizeittätigkeiten, zu denen eben
       die Vereinsbetätigung  zu zählen  ist, als nicht anderes denn ein
       kompensatorischer Reflex  auf die  Belastungen der  industriellen
       Arbeitswelt. Übersehen  wird dabei, was empirische Vereinsstudien
       eindrucksvoll belegen,  daß die  Arbeits- und  Vereinswelt  keine
       konträren Gegenwelten  bilden, sondern in der Persönlichkeitsent-
       wicklung und  in der  Entwicklung der Lebensweise in vielfältiger
       Weise in  einem auch  durchaus positiven Wirkungszusammenhang zu-
       einander stehen.  Die Vereine  etwa erweisen  sich mitnichten nur
       als einfache  Ersatz weiten  zur "öden Verdrängung des Arbeitsle-
       bens", sondern in ihnen manifestieren sich Formen der Entwicklung
       sozialkultureller Qualifikationen,  die zunächst  der Arbeitswelt
       entstammen (Kameradschaft,  Disziplin, Kooperation, gegenständli-
       che Fähigkeiten),  in den  Vereinstätigkeiten aber  in einer eher
       kulturellen, selbstbestimmteren Weise ausgeübt und fortentwickelt
       werden. Eine  der Pointen  liegt darin,  daß eben nicht, wie eine
       bestimmte "linke  Kulturkritik" der "Leistungsgesellschaft" glau-
       ben machen  möchte, das  spezifisch Kulturelle etwa der Sportver-
       eine darin  besteht, daß  in ihnen  "statt  Leistung  Spaß"  vor-
       herrscht (Benedict  1972, 82).  Vielmehr  zeigt  die  Studie  von
       Schlagenhauf (1977,  93), daß leistungsförmige Wettkampfkomponen-
       ten, entwickeltes  Sozialleben in  den Vereinen  und durchaus als
       genußvoll empfundene selbsttätige Anstrengung höchst positiv mit-
       einander korrelieren - "Leistung  u n d  Spaß".
       Die komplizierten  Beziehungen zwischen  den sozialen  Strukturen
       der Arbeitswelt  und denen der Vereinskultur bedürfen jedenfalls,
       was die Probleme der analytischen Bewertung der Befriedigungswei-
       sen von Reproduktionsbedürfnissen und der Kompensationsformen von
       arbeitstypischen Deformationen angeht, eingehenderer Analysen als
       sie bisher  vorliegen. Es  reicht jedenfalls  weder hin, die Ver-
       einskultur als recht eigentlich in ihren sozialen Strukturen bloß
       "zwanghafte" Verlängerung  fremdbestimmter Arbeitsformen  aus der
       Produktionssphäre abzutun,  noch sie  einfach  als  Ersatz-  bzw.
       Fluchtwelt, die  gegen bzw.  beziehungslos zur Arbeitswelt aufge-
       baut wird, zu mißdeuten.
       Die Verhältnisse liegen verwickelter, insofern in der Vereinskul-
       tur durchaus Züge von Fremdbestimmtheit und von Fähigkeits- sowie
       Bedürfnishemmung zu  beobachten sind;  zugleich ihr aber Potenzen
       und Entwicklungskeime  innewohnen, die  beitragen, in genußvoller
       Weise das  sozial-kulturelle Fähigkeits- und Bedürfnisniveau über
       die bloße  "entwicklungslose" Kompensation von Versagungen hinaus
       - in Anknüpfung an berufs- und arbeitsspezifische Qualifikationen
       - zu erhöhen. Die widersprüchlichen Beziehungen zwischen Arbeits-
       welt und  Vereinskultur verlangen  im Lichte  der Entwicklung der
       Produktivität (Fähigkeiten  und Bedürfnisse)  der Individuen  ge-
       nauere empirische  Studien über  den wahrscheinlich diesbezüglich
       am bivalenten Charakter des Vereinswesens. Erst eine gezielte Er-
       forschung der  Probleme der  schöpferischen Selbsttätigkeit,  der
       sozialkulturellen Erfahrungs-,  Fähigkeits- und Bedürfnisentwick-
       lung in diesen kollektiven Lebensformen liefert die Grundlage für
       eine angemessene  analytische Bewertung,  die weder in Vereinseu-
       phorie verfällt noch vorweg Verdikte verhängt.
       Insgesamt kann  mit Blick  auf die bisher vorliegenden Ergebnisse
       der Erforschung  des in  sich  hochdifferenzierten  Vereinswesens
       resümiert werden,  daß die  Vereine mehr  als nur kompensatorisch
       Reproduktionsbedürfnisse erfüllen; sie haben vielmehr teil an ei-
       ner allgemeinen  sozial-kulturellen Qualifikationsentwicklung und
       bilden ein Element der Lebenskultur der Arbeiterklasse, was nicht
       zuletzt an der inneren Differenziertheit des Vereinswesens insge-
       samt wie  auch an den sozial-kulturell vielfältig differenzierten
       Funktionen der  einzelnen Vereine  ablesbar ist. Das Vereinswesen
       verdient m.  E. im Rahmen kulturpolitischer Überlegungen und For-
       derungen allemal stärkere Aufmerksamkeit.
       
       4. Literatur
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       Dorfpolitik. Fachwissenschaftliche  Analysen und didaktische Hil-
       fen, Opladen 1978.
       Siewert, H.-J., Vereine und lokale Politik, in: Demokratische Ge-
       meinde 8/1978 a.
       Sternheim, A.,  Zum Problem  der  Freizeitgestaltung,  in:  Zeit-
       schrift für Sozialforschung, Jg. 1 (1932).
       Timm, W.,  Sportvereine in  der Bundesrepublik  Deutschland, Teil
       II:  Organisations-,  Angebots-  und  Finanzstruktur,  Schorndorf
       1979.
       Der Verein.  Standort, Aufgabe,  Funktion in  Sport  und  Gesell-
       schaft, Stuttgart 1966.
       Wald, R., Industriearbeiter privat. Eine Studie über Lebensformen
       und Interessen, Stuttgart 1966.
       Weber, M.,  Geschäftsbericht. Verhandlungen  des Ersten Deutschen
       Soziologentages vom 19.-22. Okt. 1910 in Frankfurt a.M., Tübingen
       1911.
       Wehling, H.-G./A.  Werner, Kleine  Gemeinden im Ballungsraum. Das
       Verhältnis verschiedener  Bevölkerungsgruppen  (Herkunftsgruppen)
       in schnell wachsenden Gemeinden, Gelnhausen-Berlin 1975.
       
       _____
       1) Die Schwierigkeit, eine forschungsfruchtbare Vereinsdefinition
       zu geben,  zeugt vom  unterentwickelten Forschungsstand. Als ver-
       ständigende Hilfsdefinition sei hier angeführt, daß unter die Ka-
       tegorie "Verein"  solche Assoziationen  gefaßt  werden,  die  auf
       freiwilliger Basis beruhen, nicht primär ökonomischer Interessen-
       wahrnehmung dienen  und im weitesten Sinne historisch bestimmten,
       kulturell-sozialen Bedürfnissen  entspringen. Im  Unterschied zur
       gängigen Vereinsforschung  werden unter  diese Kategorie "Verein"
       Parteien, Gewerkschaften und ökonomisch-sozial bestimmte Verbände
       nicht subsumiert.
       2) "Das Schlagwortregister  einer der  größten soziologischen Bi-
       bliotheken enthält  das Wort 'Verein' nicht - geschweige denn den
       Ausdruck 'Sportverein'.  Viele soziologische  Handbücher erwähnen
       diese Begriffe nur beiläufig." (Lenk 1972, 15). An diesem Zustand
       hat sich bis heute wenig geändert.
       3) Diese von  W. Bühler,  H. Kanitz  und H.J. Siewert bearbeitete
       Studie über - Lokale Freizeitvereine "(1978) präsentiert durchweg
       solide Befunde,  reflektiert insgesamt  den derzeitigen  Entwick-
       lungsstand der theoretischen und empirischen Vereinsforschung.
       4) Zu einigen  Aspekten des  wachsenden politischen Interesses an
       der Vereinsforschung vgl. F. Kroll (1980, 1980 a).
       5) In diesem  Zusammenhang ist  erwähnenswert, daß  die Hessische
       Vereinigung für Volkskunde im Frühjahr 1980 eine Tagung zum Thema
       "Vereine in  Kulturforschung und Kulturpolitik" veranstaltet hat,
       auf der  von Positionen  einer demokratischen  Kulturpolitik  her
       endlich das Vereinsthema angegangen worden ist.
       6) Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang an einen bemerkenswerten
       forschungsleitenden Entwurf  von A.  Sternheim "Zum  Problem  der
       Freizeitgestaltung", erschienen in der Zeitschrift für Sozialfor-
       schung (1932),  zu erinnern. Dort werden einige Forschungsaspekte
       der Massenkultur  vom Standpunkt der Reproduktionsbedürfnisse der
       Arbeiterklasse formuliert;  unter anderem  auch explizit das Ver-
       einsleben.
       7) Besonders deutlich kommen solche Schwächen an den Zurechnungs-
       weisen von  Vereinsmitgliedschaft zum  Vorschein. So  subsumieren
       die meisten  einschlägigen Untersuchungen  in einer von der Sache
       her unzulässigen Weise Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeit un-
       ter die allgemeine Kategorie Vereinszugehörigkeit. Dies erschwert
       besonders sozial  differenzierte  quantitative  Bestimmungen  der
       Entwicklung des Mitgliedervolumens.
       8) Denkbar wären  etwa kultursoziologisch  orientierte Typologien
       nach Maßgabe  des Charakters  der in  den jeweiligen Vereinsarten
       vorherrschenden Ziele  und Aktivitäten,  oder  politisch-soziolo-
       gisch orientierte  Typologien,  welche  sich  primär  am  gesell-
       schaftspolitischen Funktionscharakter  der Vereinsarten orientie-
       ren.
       9) Vgl. hierzu aus der Sicht der sog. Partizipationsforschung die
       Studie von  Th. Ellwein,  E. Lippert und R. Zoll über "Politische
       Beteiligung in der Bundesrepublik Deutschland". (1975)
       10) Eine wissenschaftshistorisch-ideologiekritische  Studie würde
       m.E. erbringen,  daß es, nach gesellschaftlichen Problemlagen und
       Forschungsmotiven aufgeschlüsselt,  bestimmte Entwicklungsetappen
       in der  Vereinsforschung gibt.  So steht  für die  50er Jahre die
       Frage nach  der Rolle der Vereine bei der "schichtübergreifenden"
       sozialen   Integration    und   der   von   "Einheimischen"   und
       "Zugewanderten" im  Vordergrund. In den 60er Jahren liegt der Ak-
       zent auf  der Frage  nach dem  Beitrag der Vereine zur sog. Frei-
       zeitkultur, ein Aspekt der jüngst wieder aufgegriffen worden ist.
       In den  70er Jahren  scheint die Vereinsforschung im Zeichen aus-
       einanderstrebender, gegensätzlicher  Motive zu  stehen:  auf  der
       einen  Seite  sozial-liberale,  reformatorische  "Partizipations-
       forschung" und konservative "Entstaatlichungs"-Absichten, auf der
       anderen Seite  die Erforschung  des Vereinswesens  vom Standpunkt
       der Entwicklung  einer demokratischen  Gegen- und sozialistischen
       Perspektivkultur.
       11) Der Tübinger  Volkskundler H.  Bausinger hat  1959 in  seinem
       Aufsatz über  "Vereine als  Gegenstand volkskundlicher Forschung"
       ein durchaus  richtungsweisendes Untersuchungsprogramm skizziert,
       das aber bis heute nur unzureichend aufgegriffen worden ist.
       12) Die  Angaben  sind  im  wesentlichen  den  Studien  von  Arm-
       bruster/Leisner  (1975),  Bühler  u.a.  (1978)  und  Schlagenhauf
       (1977) entnommen.  Es gibt  allerdings Studien, die einen höheren
       Prozentwert des  vereinsförmigen Organisationsgrades  der bundes-
       deutschen Bevölkerung angeben (hierzu Schlagenhauf 1977, 44 f.)
       13) Zur Problematik der "Vereinsführung", die unter Gesichtspunk-
       ten der  politischen Soziologie der sozialen Versäulung der poli-
       tischen Macht  der herrschenden  Klasse nach unten besonders Auf-
       merksamkeit verdient,  die einschlägigen Ergebnisse bei Grosskopf
       (1966), Lenk  (1966, 1972),  Benedict (1972), Dunckelmann (1975),
       Raschke (1978).
       14) Vgl. hierzu  die instruktiven  Hinweise bei  Hahn (1975)  und
       Bühler u.a.  (1977, 111),  daß z.B.,  selbst was die Sportvereine
       angeht, Vereinsmitgliedschaft  und Vereinstätigkeit durchaus noch
       als ein "bildungsabhängiges Privileg" erscheinen.
       15) Zu den  kultursoziologischen  und  -politischen  Konsequenzen
       dieses Grundsachverhalts Moose (1977, 67).
       16) Eine Besonderheit  stellen die  kirchlichen Vereine  dar,  in
       denen regional,  konfessionell und  nach  Ortsgröße  ausdifferen-
       ziert, ein hoher Frauenanteil gerade auch aus den Arbeitergruppen
       festgestellt worden ist (vgl. Hahn 1965).
       

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