Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       MILITÄRDIENST UND STUDIENABSICHTEN DES JUNGEN ENGELS
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       Zu einigen neuen Dokumenten
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       Richard Kumpf
       
       Ende 1979  wurden in  den "Nachrichten aus dem Engels-Haus" 1) in
       Wuppertal einige neue Dokumente über den jungen Engels veröffent-
       licht, die dazu beitragen können, das Bild über den Werdegang des
       Mitbegründers des  wissenschaftlichen Sozialismus,  Friedrich En-
       gels, in  jungen Jahren  weiter zu vervollständigen. Zunächst be-
       trifft das  einen "Auszug  aus den Barmer Musterungsakten für das
       Jahr 1840" 2) und ein "Namentliches Verzeichnis der in der Aushe-
       bungsliste des  Jahres 1840 aufgeführten Individuen", welche sich
       freiwillig auf  ein Jahr  3) zum  preußischen Militärdienst  ver-
       pflichtet haben. Die Meldung Engels' als "Einjährig-Freiwilliger"
       war bisher  bereits bekannt.  Neu sind  die angeführten Dokumente
       und der  daraus zu  entnehmende frühe  Meldetermin am 25. Februar
       1838.
       Daß der  junge Engels  seiner Militärdienstpflicht genügen mußte,
       entsprach dem  damaligen preußischen  Militärgesetz nach der Ein-
       führung der  zweijährigen allgemeinen  Wehrpflicht. Dieses Gesetz
       gab Personen  mit Primanerreife  (E. ging als Primaner vom Gymna-
       sium) die  Möglichkeit, sich zum "Einjährig-Freiwilligen" zu mel-
       den und  sicherte diesem Personenkreis dafür summarische Vorteile
       zu: so  u.a. Reduzierung  der Dienstzeit  von zwei Jahren auf ein
       Jahr, Wahl  des Dienstortes (E. wählte Berlin), Wohnungsnahme au-
       ßerhalb der  Kaserne (E.  wohnte wie  bekannt in  der  Dorotheen-
       straße), Weiterbildung  während der  Dienstzeit an  privaten oder
       öffentlichen Instituten (E. als Gasthörer an der Berliner Univer-
       sität). Die  Entlassungsurkunde plus  Führungsattest erlaubte dem
       Freiwilligen nach Ableistung seiner Dienstzeit die Aufnahme eines
       Studiums an jeder beliebigen Universität in Preußen.
       Was konnte  den jungen  Engels veranlassen,  sich freiwillig  zum
       preußischen Militär zu melden? Im Zusammenhang mit den oben ange-
       führten und  weiteren Dokumenten  stellt sich u.a. auch die Frage
       nach dem Motiv für die Freiwilligenmeldung; ohne dabei spekulativ
       zu werden, sind die sich ergebenden Zusammenhänge durchaus einige
       Überlegungen wert.
       Der Gang zum Militär war für den jungen Engels durch das Militär-
       gesetz, aber  auch durch  eine gewisse  Familientradition  vorge-
       zeichnet. Nicht  nur sein Vater, sondern auch alle seine jüngeren
       Brüder haben  den Militärdienst abgeleistet und sind dieser Fami-
       lientradition gefolgt.  Der junge  Engels mußte  also früher oder
       später seiner  Dienstpflicht Genüge  tun. Geht man davon aus, daß
       der junge Engels dem preußischen Staat und seinem feudal-reaktio-
       när geprägten  Militarismus sowie dem von ihm oft charakterisier-
       ten "Gamaschendienst"  zu dieser Zeit bereits kritisch gegenüber-
       stand, dann stände diese innere Haltung des jungen Engels mit der
       Familientradition in  Widerspruch, würde  sich aber  andererseits
       mit dem  Interesse seines  Vaters, den  ältesten Sohn so bald wie
       möglich ins  - Geschäft"  zu bringen,  zumindest indirekt decken.
       Daß dieses Interesse beim Vater tatsächlich bestand, gilt als un-
       bestritten, dafür  gibt es  zahlreiche Hinweise  in verschiedenen
       Dokumenten. In einem Brief von Carl de Haas, einem Mitschüler von
       Engels am Elberfelder Gymnasium, an Adolf Schults 4), schreibt de
       Haas: "...  nämlich mein  früherer Mitschüler  auf dem  Gymnasium
       Friedrich Engels aus Barmen... mußte aber vor zwei Jahren auf Be-
       fehl seines  Vaters Kaufmann  werden und lebt seitdem in Bremen."
       5) Das heißt, der Vater hat den Sohn absichtlich ein Jahr vor dem
       Abitur vom  Gymnasium genommen und ihn zur kaufmännischen Ausbil-
       dung nach Bremen, zu dem ihm befreundeten Kaufmann Leupold, dele-
       giert.
       Vom Standpunkt  des Vaters,  den Sohn  so bald  wie  möglich  ins
       "Geschäftsleben" zu  bringen, war  die Meldung  seines Sohnes als
       "Einjährig-Freiwilliger" nicht  unbedingt wünschenswert. Wenn der
       Vater diesem  Schritt zugestimmt  bzw. den jungen Engels dazu ge-
       drängt hat, so konnte es ihm dabei doch nur um die Aufrechterhal-
       tung der  Familientradition bei gleichzeitiger "Einsparung" eines
       Dienstjahres gehen.  Wäre es konsequent von seinem Interesse aus-
       gegangen, den Sohn so bald wie möglich ins "Geschäft" zu bringen,
       dann hätte er ihn ohne weiteres vom Militärdienst freikaufen kön-
       nen. Zu  dieser Zeit  war das bei bürgerlichen Kaufleuten und Fa-
       brikanten in  Preußen gang und gäbe. Mir geht es in diesem Zusam-
       menhang nicht  darum, mich mit der militärpolitischen Indifferenz
       des preußischen  Bürgertums zu befassen, sondern die unterschied-
       lichen Motive  und teilweise gegensätzlichen Interessen von Vater
       und Sohn  bzw. auch die teilweise übereinstimmende Interessenlage
       in dieser einen Frage deutlich zu machen.
       Friedrich Engels  hatte bereits  in jungen Jahren erhebliches In-
       teresse an Militärischem. Das zeigt nicht nur seine Beschäftigung
       mit Rittergeschichten  und militärischen Vorgängen des Altertums,
       sondern auch (wenngleich 2 Jahre nach der Meldung - kurz nach der
       Musterung -  geschrieben) seine  Betonung der Vorzüge der Einfüh-
       rung der Schiffsschraube für Kriegsschiffe im Gegensatz zum übli-
       chen Schaufelrad  in Zeitungskorrespondenzen  des Zwanzigjährigen
       über Schraubendampfschiffahrts-Versuche in Bremen.
       Hierbei handelt  es sich übrigens ebenfalls um Arbeiten, die erst
       vor fünf  Jahren gefunden  wurden. 6) Engels hat dieses Interesse
       sein Leben  lang bewahrt  und später intensive Studien auf diesem
       Felde betrieben,  so daß  er, wie besonders J.A. Babin nachweist,
       ein "großer Theoretiker und Historiker der Kriegskunst, ein Revo-
       lutionär und  Neuerer auf  dem  Gebiet  der  Militärwissenschaft"
       wurde. 7) Dieses in jungen Jahren bereits vorhandene Interesse an
       militärischen Ereignissen und Problemen ist sicher u.a. ein Motiv
       für die  Meldung zum  "Einjährig-Freiwilligen" gewesen.  Zumal er
       dabei die  Artillerie wählte,  die zu  dieser Zeit die klassische
       Waffengattung des Bürgertums war.
       Aber auch  aus dieser Interessenlage des jungen Engels an militä-
       rischen Dingen  läßt sich seine Meldung als "Einjährig-Freiwilli-
       ger" nicht allein und nicht direkt erklären. Eine Reihe von ande-
       ren Tatsachen  und späteren  Ereignissen führen  noch zu  anderen
       Überlegungen. Heute gilt als unbestritten, daß das Hauptinteresse
       des jungen  Engels zu  dieser Zeit weniger dem Kaufmannsberuf als
       einer wissenschaftlichen  Ausbildung und späteren wissenschaftli-
       chen Tätigkeit  galt. Das  zeigt einmal seine spätere persönliche
       Entwicklung während  der Ausbildungszeit  im Bremer Kontor (1838-
       41), die  ihn weder geistig noch zeitlich so stark ausfüllte, daß
       er sich  nicht genügend  Zeit genommen  hätte für die Fortsetzung
       seiner schriftstellerischen  und poetischen Versuche, für umfang-
       reiche Korrespondententätigkeit  für mehrere  Zeitungen sowie für
       ein intensives  Studium der  zeitgenössischen philosophischen und
       religionskritischen Schriften und der oppositionellen politischen
       Literatur. Das  bürgerlich-liberale Bremen  bedeutete für Engels'
       Entwicklung weniger die Bereicherung kaufmännischer Erfahrung als
       vielmehr Emanzipation von pietistischer Religiosität und geistige
       Befreiung, die sich (seit 1839) in intensiver literarisch-journa-
       listischer Betätigung  ausdrückte. Kurz,  als Motiv für die Frei-
       willigen-Meldung kommt  wohl  kaum  die  Einsparung  des  zweiten
       Dienstjahres zum  Zwecke schnellerer  Rückkehr ins Kaufmannsleben
       in Frage.
       Dafür gibt  es schon  aus frühester Zeit dokumentarische Hinweise
       auf ein  beabsichtigtes Universitätsstudium.  Unter anderem  läßt
       sich dafür  das Abgangszeugnis  vom Elberfelder Gymnasium vom 25.
       September 1837,  das von  Engels' Lehrer Dr. J.C.L. Hantschke un-
       terzeichnet ist,  heranziehen. Mit  diesem  Zeugnis  entläßt  Dr.
       Hantschke den  jungen Engels  von der  Schule bei seinem - wie es
       heißt - "Übergange in das Geschäftsleben, das er statt früher be-
       absichtigten Studiums  als seinen  äußeren Lebensberuf  zu wählen
       sich veranlaßt  sah". 8)  Zum Studium  hätten den jungen Engels -
       wie aus dem Zeugnis hervorgeht - übrigens seine Anlagen und schu-
       lischen Leistungen  befähigt. Nun  aber sollte  er auf Befehl des
       Vaters, wie  aus dem  bereits zitierten Brief von Carl de Haas an
       Adolf Schutts ersichtlich, Kaufmann werden. 9)
       Der Wunsch des jungen Engels war sehr früh eine wissenschaftliche
       Ausbildung. Darauf  deutet nicht  nur der  Hinweis seines Lehrers
       Dr. Hantschke hin. So schreibt z.B. Paul Lafargue in seinen Erin-
       nerungen an  Friedrich Engels:  "Engels liebte das Studium um des
       Studiums willen:  ihn interessierten alle Gebiete... seine Wißbe-
       gierde war  erst befriedigt, wenn er sich bis ins kleinste Detail
       zum Herrn  des Gegenstands  gemacht, den  er studierte." 10) Auf-
       grund der  verschiedensten Fakten und Interessen kann der Gedanke
       nicht  von   der  Hand  gewiesen  werden,  daß  die  Meldung  als
       "Einjährig-Freiwilliger" der Absicht des jungen Engels entsprang,
       den Willen  und das  Streben seines Vaters, aus ihm einen "Kommis
       seiner Firma"  zu machen, zu unterlaufen und sich für die Zukunft
       die Aufnahme  eines Universitätsstudiums  zu öffnen.  Daß ihm auf
       diesem Wege eine solche Möglichkeit erschlossen wurde, ist jeden-
       falls Tatsache.
       In diesem  Zusammenhang stellt  sich auch die Frage, warum Engels
       gerade Berlin als Dienstort wählte. Sicher spielt dabei auch sein
       Bestreben eine Rolle, dem "einengenden, eintönigen und bedrücken-
       den Milieu" Barmens zu entkommen. Und richtig ist auch, daß es im
       Rheinland zu  dieser Zeit außer Festungsartillerie keine bewegli-
       chen Artilleriebrigaden  gab und  er  u.a.  auch  deshalb  Berlin
       wählte.
       Das kann aber nicht der alleinige Grund gewesen sein, denn es gab
       auch andere Gegenden in Preußen, in denen bewegliche Artillerieb-
       rigaden stationiert  waren. Für  die Wahl  Berlins als  Dienstort
       sprechen jedenfalls  auch einige  andere Interessen  und Anreize.
       Unter anderem könnte den jungen Engels veranlaßt haben, nach Ber-
       lin zu gehen, daß dort ein Teil seiner gymnasialen Mitschüler aus
       Elberfeld studierte. Mir scheint jedoch die Aussicht, an der Ber-
       liner Universität  sein philosophisches Wissen vervollkommnen und
       an der  geistigen Auseinandersetzung  seiner Zeit  teilnehmen  zu
       können, das wahrscheinlichere und hauptsächliche Motiv zu sein.
       Die Wahl  Berlins als Dienstort, die Hospitation und Teilnahme an
       der geistigen  Auseinandersetzung des Berliner Universitätslebens
       und die Entlassungsurkunde mit dem Führungsattest als "Einjährig-
       Freiwilliger" sind  Fakten, die  durchaus auf  die ernste Absicht
       Engels' zur Aufnahme eines Universitätsstudiums hindeuten und die
       außerdem zu  der Überlegung  führen können, daß er die Freiwilli-
       genmeldung als  Vehikel benutzte,  um die Absichten seines Vaters
       zu unterlaufen  und sich  Zugang zum  Studium zu verschaffen. Daß
       der junge  Engels gewitzt genug war, solches zu tun, daran dürfte
       kein Zweifel bestehen.
       Die Hospitation  an der  Berliner Universität bestärkte Engels in
       der Absicht  zu studieren . Zu dieser Überlegung führen auch noch
       einige andere Ereignisse. Engels nahm an der Berliner Universität
       an Vorlesungen  der  Professoren  Henning,  Michelet,  Schelling,
       Rückert,  Benary,   Marheinke  u.a.   sowie  vor   allem  an  der
       Auseinandersetzung  mit   dem  Philosophen  Schelling  teil.  11)
       Zweifellos hat  ihn dieses,  wenn auch  sporadische  Studium  als
       Hospitant,  in  seinen  philosophischen  Kenntnissen  bereichert.
       Andererseits hat  es ihn aber auch zu der Einsicht geführt, genug
       gelernt zu  haben, "um  mir eine  Überzeugung zu  bilden, um  sie
       nötigenfalls zu  vertreten. Aber  nicht genug,  um mit Erfolg und
       gehörig für sie wirken zu können". 12)
       Anläßlich seiner  Auseinandersetzung mit  Alexander Jung  im Juli
       1842 schreibt  Engels an seinen Verleger Rüge u. a., daß er den -
       Entschluß gefaßt (habe d.V.), für einige Zeit aller literarischen
       Tätigkeit zu  entsagen und  dafür desto mehr zu studieren..." 13)
       und weiter:  "Ich kann mit dem Erfolg zufrieden sein und halte es
       für meine  Pflicht, durch ein Studium, das ich mit doppelter Lust
       fortsetze, mir  auch das  immer mehr  anzueignen, was einem nicht
       angeboren wird."  14) Daraus  geht eindeutig  die Absicht Engels'
       hervor, seine Studien verstärkt fortzusetzen, und man kann anneh-
       men, daß er dabei auch an die Aufnahme eines Universitätsstudiums
       gedacht hat.
       Es liegt  natürlich die Frage auf der Hand, warum er dann die Ge-
       legenheit nach Ableistung seines Militärdienstes zu einem solchen
       Studium noch  nicht genutzt hat. Hier ist zu bedenken, daß Engels
       mit 22 Jahren noch nicht volljährig und von seinem Vater abhängig
       war. Hinzu kommt, daß er seine kaufmännische Ausbildung in Bremen
       abgebrochen  und   noch  nicht  abgeschlossen  hatte.  Der  Vater
       schickte ihn kurzerhand nach Manchester, um die Ausbildung seines
       Sohnes in seinem Sinne weiter voranzutreiben.
       Nach seiner  Rückkehr aus  Manchester im  Jahre 1844  war für den
       jungen Engels  die Situation  grundlegend anders.  In  Manchester
       hatte er  Gelegenheit, neben  seiner beruflichen Tätigkeit seinen
       eigentlichen Interessen  nachzugehen. Er studierte in dieser Zeit
       die Frühsozialisten, die klassischen englischen Ökonomen, die ka-
       pitalistische gesellschaftliche Wirklichkeit mit ihren Klassenwi-
       dersprüchen, sammelte  ein umfangreiches  Material über  die Lage
       der englischen  Arbeiter und  lernte bei  seiner Rückkehr 1844 in
       Paris Karl  Marx kennen.  Man kann  wohl als sicher annehmen, daß
       nun der  junge Engels,  der inzwischen  Kommunist geworden,  ent-
       schlossen war, jetzt eigene Wege zu gehen und sich nicht mehr vom
       Vater kommandieren  zu lassen.  Davon zeugen  übrigens alle seine
       Aktivitäten im Wuppertal seit seiner Rückkehr aus Manchester, wie
       die gemeinsame  Herausgabe der  "Heiligen Familie" mit Marx, sein
       Buch über  die "Lage  der arbeitenden  Klassen in  England" , die
       kommunistischen Versammlungen  in Elberfeld u.a.m. In dieser Zeit
       hat er  auch seinem Vater zu verstehen gegeben, daß er entschlos-
       sen ist, "den Schacher definitiv dranzugeben". 15)
       Am 17.  April 1845  reist der junge Engels nach Brüssel, und wäh-
       rend dieses Zeitraumes hält er sich auch mehrmals in Bonn auf. Er
       bleibt dann in Brüssel, obwohl er zunächst nur die Absicht hatte,
       sich zeitweilig  dort aufzuhalten.  Interessant ist in diesem Zu-
       sammenhang ein "Auszug aus den Polizeiakten der Stadt Brüssel vom
       17. April 1845". 16) Darin ist vermerkt, daß sein Aufenthalt dazu
       dienen sollte,  seine französischen  Sprachkenntnisse zu vervoll-
       kommnen. Er  ist außerdem  im Besitz eines Zeugnisses des Bürger-
       meisters von  Barmen, Wilkhaus,  das ihm  seine gute  Führung be-
       scheinigt, um  sich mit  Zustimmung seines  Vaters an  die Bonner
       Universität zu begeben. Dieser Hinweis auf ein solches Zeugnis in
       der Polizeiakte  deutet zumindest  daraufhin, daß  Engels noch zu
       diesem Zeitpunkt die Absicht hatte, ein Studium aufzunehmen.
       Neu ist  auch ein  Auswanderungsgesuch von  Engels vom  14. April
       1845 nach  England. 17)  Der bereits  genannte Bürgermeister  von
       Barmen bittet  darin den  Landrat und  geheimen  Regierungs-Rath,
       Graf von  Syssel, dem Gesuch Engels' stattzugeben. Er weist dabei
       erneut auf  die  von  ihm  an  den  Landrat  bereits  berichteten
       "communistischen Umtriebe"  von Engels  hin. Außerdem erwähnt der
       Bürgermeister in  diesem Zusammenhang,  daß sich Engels zu diesem
       Zeitpunkt in  Bonn aufhält. Dieses Auswanderungsgesuch von Engels
       muß nicht unbedingt in Widerspruch stehen zu seiner Absicht, doch
       noch in  Bonn zu  studieren. Zunächst  kam es Engels, wie bereits
       erwähnt, darauf  an, das  häusliche Nest  zu  verlassen,  um  die
       Streitigkeiten mit  dem Vater  zu beenden, denn es war, wie er in
       dem bereits  zitierten Brief  an Marx  14  Tage  vorher  beklagt,
       "nicht mehr auszuhalten", 18)
       Bei allen Überlegungen über ein mögliches Universitätsstudium muß
       allerdings eines in Betracht gezogen werden. Nach seiner Rückkehr
       aus Manchester  hatten Marx und Engels vereinbart, nun in Zukunft
       zusammenzuarbeiten und  das zu  formulieren, was  sie ihre - neue
       Theorie" nannten.  Ganz sicher  ist diese  Absicht letztlich aus-
       schlaggebend gewesen  für den  weiteren Weg von Friedrich Engels.
       19)
       
       _____
       1) Nachrichten aus  dem Engels-Haus  2:  Michael  Knieriem,  Über
       Friedrich Engels.  Privates, Öffentliches und Amtliches. Aussagen
       und Zeugnisse von Zeitgenossen.
       2) Nach dem  Orignal STA  Wuppertal, S.  111,43.  Abgedruckt  in:
       Nachrichten aus...,  a.a.O., S.  37. Erstveröffentlichung  in: M.
       Knieriem, Friedrich  Engels' Reise nach Münster im Frühjahr 1840,
       in: IWK  Internationale wissenschaftliche  Korrespondenz zur  Ge-
       schichte der deutschen Arbeiterbewegung, hrsg. von Henryk Skrzyp-
       czak, Westberlin 1978, Heft 4, S. 486-490.
       3) Ebenda.
       4) Im Nachlaß von Adolf Schuhs in Wuppertal fand M. Knieriem 1974
       ein unbekanntes  Fragment eines  Dramen-Entwurfs "Cola di Rienzi"
       von Engels.  Nach Auffassung  seines Entdeckers ist es möglicher-
       weise 1840  oder 1841  für ein Literaturkränzchen verfaßt worden,
       welches von  dem seit 1840 in Berlin lebenden Elberfelder Litera-
       ten C. de Haas organisiert wurde und dem neben mehreren Elberfel-
       der Literaten auch Engels und jener Schuhs angehörten. Die poeti-
       schen und  literarischen Neigungen  und Leistungen des jungen En-
       gels der  Gymnasialzeit, wo er ebenfalls Literaturkränzchen ange-
       hörte, und  besonders der  Bremer Zeit  (1838-1841), wo  et  sich
       nicht nur als Publizist bewährte, sondern auch als Schriftsteller
       (Pseudonym: Oswald)  versuchte, sind bekannt und werden durch das
       aufgefundene Dokument  bestätigt. Zum Inhalt nur dies: Engels in-
       teressierte am Rienzi-Stoff besonders, wie sich das römische Volk
       des 14.  Jahrhunderts zum  Freiheitskampf erhob. Erstveröffentli-
       chung: Friedrich Engels: Cola di Rienzi. Bearbeitet und eingelei-
       tet von  Michael Knieriem, hrsg. v. Friedrich-Engels-Haus Wupper-
       tal und Karl-Marx-Haus Trier, Wuppertal 1974.
       5) Nach einer Fotokopie aus dem Engels-Haus; Erstveröffentlichung
       in: Cola di Rienzi, a.a.O., S. 56. Weiterhin: Marx-Engels-Gesamt-
       ausgabe (MEGA), III, 1, S. 537 (Berlin 1975).
       6) Nachforschungen im  Archiv der von Cottaschen Verlagsbuchhand-
       lung im  Schiller-Nationalmuseum in  Marbach a.N.  führten zu der
       Entdeckung, daß  Engels -  auf persönliche Bitte Cottas (s. Brief
       Johann Georg von Cottas an Friedrich Engels in Bremen, Stuttgart,
       8. Juli 1840, in: Marx-Engels-Jahrbuch I, Berlin 1978) - von Juni
       1840 bis  Februar 1841 auch für die bedeutendste Zeitung des Ver-
       lags, die  Augsburger "Allgemeine  Zeitung" als Bremer Korrespon-
       dent tätig  war. In  seiner wichtigsten  - der Korrespondenz über
       die Schraubendampfschiffahrts-Experimente in Bremen - geht Engels
       nicht nur detailliert auf die allgemeinen technischen Vorzüge der
       Schiffsschraube ein,  sondern zitiert  zustimmend  einen  Bericht
       über die  militärtechnischen Vorteile  gegenüber dem Schaufelrad:
       "Für die  Kriegsmarine ist  die Schraube von der größten Wichtig-
       keit, da die unter dem Wasser befindliche Schraube vor Kugeln ge-
       sichert ist...  Die Räderkasten  lassen ferner  keine Aufstellung
       von Geschütz  an den  breiten Schiffswänden  zu; mit  ihnen fällt
       auch dieser  Mangel weg."  Friedrich Engels,  Die Schraubendampf-
       schiffahrt und  ihre Anwendung  auf eine Dampfschifffahrtsverbin-
       dung zwischen  Deutschland und  Amerika.  Augsburger  "Allgemeine
       Zeitung", Beilagen,  Nr. 281-282,  7./8. Oktober 1840. Erstveröf-
       fentin: Hans Feiger/Michael Knieriem, Friedrich Engels als Bremer
       Korrespondent des Stuttgarter "Morgenblattes für gebildete Leser"
       und der  Augsburger "Allgmeinen  Zeitung", in:  Schriften aus dem
       Karl-Marx-Haus, Heft 15, Trier 1975, S. 58.
       7) A.I. Babin, Die Herausbildung und Entwicklung der militärtheo-
       retischen Ansichten von Friedrich Engels, Berlin 1978, S. 8/9.
       8) Nach dem  Original aus  dem Engels-Haus; Zeugnisbuch für Schü-
       ler, welche  die Anstalt  verlassen haben oder sonstige Zeugnisse
       einzusenden veranlaßt  sind.  1836-1870,  Engels-Haus  Wuppertal.
       Erstveröffentlichung in:  (erste) MEGA,  I, 2,  S. 480f.  (Berlin
       1930). Abgedruckt  in: Friedrich Engels, Dokumente seines Lebens.
       Zusammengestellt und erläutert von Manfred Kliem, Frankfurt 1977,
       S. 59-61.
       9) Möglicherweise bewegen den Vater außer rein kaufmännischen Mo-
       tiven auch  erzieherische. In  einem Brief  an seine Frau vom 27.
       August 1835 zeigt er sich beunruhigt über eine gewisse "Gedanken-
       und Charakterlosigkeit"  Deines Sohnes.  Der Fund  eines "schmie-
       rigen Buchs  aus einer  Leihbibliothek,  eine  Rittergeschichte",
       läßt ihn "bange um den übrigen trefflichen Jungen" werden. Und er
       glaubt, "daß  eine abgeschlossene  Lebensart , die ihn zu einiger
       Selbständigkeit führen  muß, für  ihn das  Beste ist". (Friedrich
       Engels sen. an seine Frau Elisabeth, Barmen, 27. August 1835, in:
       Friedrich Engels,  Dokumente... a.a.O.,  S. 56/57.)  Bedenkt man,
       daß der  Vater, entsetzt  über die  geistige  Entwicklung  seines
       Sohns nach  dessen Rückkehr  aus Berlin  1842 ("seine Neigung zum
       Extremen") (vgl.  Brief von F. Engels sen. an Carl Wilhelm Moritz
       Snethlage, Barmen,  5. Oktober  1842,  in:  Nachrichten  aus  dem
       Engels-Haus  2,  a.a.O.,  S.  77  sowie  Marx-Engels-Jahrbuch  1,
       a.a.O., S.  357) ihm zunächst im eigenen Betrieb "ziemlich Arbeit
       geben" (ebenda) wollte und ihn Ende 1842 für mehr als 1 1/2 Jahre
       in die  von ihm  mitbegründete Baumwollspinnerei  nach Manchester
       schickte (von  wo  der  junge  Engels  allerdings  als  Kommunist
       zurückkehrte), so  darf man annehmen, daß der Vater lange Zeit an
       dem Versuch  festhielt, nicht nur aus seinem Sohn einen tüchtigen
       Nachfolger zu  machen, sondern  auch mittels der Beschäftigung im
       praktischen  Kaufmannsberuf   dessen  geistige   und   politische
       Entwicklung im Sinne der Familientradition zu kontrollieren.
       10) Paul Lafargue,  Persönliche Erinnerungen an Friedrich Engels,
       in: Die  Neue Zeit,  23. Jahrg., 2. Bd., 1904/05, S. 559/60. Auch
       in: Mohr  und General,  Erinnerungen an  Marx und  Engels, Berlin
       1970, S. 485, 487.
       11) Z.B. Friedrich  Engels, Mitschrift  einer Vorlesung  von Fer-
       dinand Benary  über die  Johannes-Apokalypse, in: MEGA IV, Berlin
       1976, S. 415-433. Die Auseinandersetzungen mit Schelling sind un-
       ter dem  Titel "Anti-Schelling"  zusammengefaßt in:  Marx-Engels-
       Werke, Ergänzungsband II, Berlin 1967, S. 161-245.
       12) Engels an  Arnold Ruge, 26. Juli 1842, in: MEW 27, S. 408 so-
       wie MEGA III, 1, S. 235.
       13) Ebenda.
       14) Ebenda.
       15) Engels an  Marx, 17.  März 1845, in: MEW 27, S. 26 sowie MEGA
       III, 1, S. 272.
       16) Nach einer Fotokopie aus dem Engels-Haus; siehe auf folgenden
       Seiten: Dokument 2.
       17) Nach einer Fotokopie aus dem Engels-Haus; siehe auf folgenden
       Seiten: Dokument 1.
       18) Engels an Marx, a.a.O.
       19) Alle beigefugten  neuen Dokumente konnten durch die freundli-
       che Genehmigung  von Michael Knieriem nach dem Original bzw. nach
       Fotokopien aus  dem Engels-Haus  in Wuppertal veröffentlicht wer-
       den. Dafür danke ich ihm herzlich.
       

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