Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       ZWISCHEN "VERBÜRGERLICHUNG" UND "KLASSE FÜR SICH"
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       Ansätze zur Untersuchung von Lebensweise und Kultur
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       der Lohnarbeiter in der Bundesrepublik
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       Kaspar Maase
       
       I. Zur  Problemstellung - II. Verbürgerlichung durch Individuali-
       sierung? - III. Verbürgerlichung durch Privatismus? - IV. Lebens-
       weise und  Aktivierung für  eigene Interessen  - V.  Probleme der
       Kritik gegenwärtiger  Lebensweise - VI. Eine Schlüsselfrage: Neue
       Vermittlungsformen von Privatheit und Öffentlichkeit - VII. Lite-
       ratur.
       
       I. Zur Problemstellung
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       Konjunktur, Schattengefecht oder...?
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       Von der  "Konjunktur eines Begriffs" spricht der Wissenschaftsso-
       ziologe Lepenies  (1979) *)  angesichts der in der Bundesrepublik
       deutlich zunehmenden Beschäftigung mit Fragen der Arbeiterkultur.
       Er geht  auf die  Züge des Modisch-Spekulativen ein, die der Wis-
       senschaftsbetrieb im  Konkurrenzkampf  um  Forschungsgelder,  Ar-
       beitsmöglichkeiten und  Publikationschancen auch dieser theoreti-
       schen Entwicklung  notwendig aufprägt  (S. 132, 135 f.). Zu Recht
       steht dies  jedoch  nicht  im  Vordergrund;  neben  verschiedenen
       "theorieimmanenten" Tendenzen - die allerdings noch als besondere
       Antwort auf  wirkliche  gesellschaftlich-politische  Probleme  zu
       analysieren wären!  - nennt  Lepenies unter  den Bedingungen, die
       die Aufnahme  von entsprechenden  Ansätzen vor  allem aus England
       und Frankreich förderten, auch das Anliegen der Forscher, "bisher
       vernachlässigte und unterdrückte Akteure des historischen Gesche-
       hens ins Blickfeld" zu rücken (S. 132).
       Ritter, der  als Herausgeber eines Sammelbands zur Arbeiterkultur
       über weite  Strecken die  gleichen Bezüge herstellt, verweist ein
       wenig ausführlicher auf Forschungslinien und Impulse, die am Mar-
       xismus orientierte  Wissenschaftler seit  einigen Jahren  zur Be-
       schäftigung mit  dem Gegenstand  beigetragen haben (1979a, S. 3,6
       f.; 1979b, S. 15) - nicht ohne am Beispiel der DDR-Volkskunde die
       - bedauerliche  Einengung auf die mit dem proletarischen Klassen-
       kampf in  Verbindung stehenden  Bereiche" (1979a, S. 6 f.) zu rü-
       gen. Nimmt  man zur  Korrektur dieser  auf der linken Seite recht
       lückenhaften und  unscharfen Überblicke  noch  die  Forschungsbe-
       richte von  Kramer (1978a)  und Rotermund (1980) hinzu, so erhält
       man ein  erstes, zu  weiterer Beschäftigung  reizendes  Bild  von
       Vielfalt und  Fruchtbarkeit der  Fragestellungen -  nicht zuletzt
       unter dem Gesichtspunkt aktueller Entwicklungsprobleme der Arbei-
       terbewegung in der Bundesrepublik (dazu Maase 1979).
       Muß man überhaupt etwas so unmittelbar einsichtig Scheinendes wie
       die Bedeutung  des Themas  "Arbeiterkultur" für  Marxisten derart
       betonen? Offenbar schon. Soeben hat Friedrich die Vermutung geäu-
       ßert, die  in diesem  Zusammenhang geführte  Diskussion  sei  ein
       "erschreckendes Symptom vorangeschrittenen Identitäts- und Reali-
       tätsverlustes der bundesdeutschen Linken" (1980). Der verfochtene
       und bestrittene Bezugspunkt dieser Debatten, die "Position poten-
       tieller Kongruenz von Politik und Leben, Partei und Klasse, poli-
       tischem  Bewußtsein   und  individuellem  Bedürfnis"  sei  längst
       "historisch gescheitert".  Aus der  Wiederaufnahme der Diskussion
       schließt Friedrich, es handle sich dabei "möglicherweise" um eine
       "verschlüsselte Auseinandersetzung  um das  tragende Prinzip  der
       Staatsräson des  'realen Sozialismus'" - gesprochen wird über Ar-
       beiterkultur in der Bundesrepublik, gemeint sind die Probleme der
       DDR!  Die   folgenden  Überlegungen   verstehen  sich   auch  als
       (wissenschaftlich-praktischer Versuch,  die Perspektiven begonne-
       ner Debatten und Forschungen zu entwickeln, statt - wie Friedrich
       - ihre Beendigung als unergiebig ins Auge zu fassen.
       Allerdings sind die zur Kultur und Lebensweise der Arbeiterklasse
       vorgebrachten wissenschaftlichen  Positionen selbst auf der Ebene
       scheinbar abstraktester  Begriffsbestimmungen stets auch Ausdruck
       gesellschaftstheoretischer und  politischer Ansätze  und Überzeu-
       gungen. Es  wäre dumm, sie darauf reduzieren zu wollen - aber ge-
       rade die  folgende Betrachtung  wichtiger Konzepte zur kulturwis-
       senschaftlichen Erfassung der gegenwärtigen Lebensweise der Lohn-
       arbeiter in  der Bundesrepublik wird uns immer wieder auf den Zu-
       sammenhang von Sachgerechtigkeit und Gesellschaftskonzeption ver-
       weisen.
       
       Lebensweise: Ein Definitionsversuch
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       Ich will eine Arbeitsdefinition von Lebensweise voranstellen; sie
       soll   in    der    Diskussion    verschiedener    Thesen    über
       "Verbürgerlichung der  Arbeiterklasse" korrigiert  und bereichert
       werden (dabei wird manches noch widersprüchlich und offen stehen-
       bleiben). Unter  der Lebensweise  einer sozialen  Gruppe verstehe
       ich die  widersprüchliche, kennzeichnende Struktur stabiler, sich
       wiederholender, sozial  bedeutsamer materieller und geistiger Le-
       benstätigkeiten; mittels dieser Praxis eignen Individuen und Kol-
       lektive sich ihre materiellen und geistigen Lebensbedingungen an,
       wobei sie  sowohl die Lebensbedingungen als auch sich selber ver-
       ändern. Lebensweise  erfaßt also  überindividuelle, erprobte,  im
       dialektischen Verständnis  notwendige und schöpferische Typen ak-
       tiver Bewältigung sozial spezifischer Lebensbedingungen.
       Vom einzelnen Subjekt her gesehen, existiert die Lebensweise sei-
       ner Bezugsgruppe (sie muß nicht übereinstimmen mit der Gruppe, zu
       der es nach den Maßstäben ökonomischer Klassenanalyse gehört) als
       überindividueller Komplex  von Tätigkeitsmustern, Normen und Wer-
       ten; Übereinstimmung  oder Abweichung  ziehen Belohnung  oder Be-
       strafung nach sich. Durch die auswählende, verändernde, teilweise
       negierende Aneignung von Tätigkeitsformen, Wertorientierungen und
       Bedeutungssystemen, Motiven, Fähigkeiten, Bedürfnissen und Genuß-
       möglichkeiten entwickelt  sich der einzelne als besondere Persön-
       lichkeit wie  als historischer Träger der gruppenspezifischen Le-
       bensweise.
       Prämisse jeder  materialistischen Analyse von Lebensweise ist die
       Determiniertheit individueller Lebenstätigkeiten durch die objek-
       tiv vorgegebenen  materiellen und geistigen Lebensbedingungen und
       die darin  inbegriffenen Verhaltensanforderungen; diese sind wie-
       derum notwendig  bestimmt durch  die Weise der gesellschaftlichen
       Produktion des  materiellen Lebens. Es ist meines Erachtens nicht
       sinnvoll, die  Lebensbedingungen als Teil der Lebensweise zu fas-
       sen -  sie sind  ihre objektive Voraussetzung (vgl. dazu die aus-
       führliche Argumentation  bei Kühne  1978, S.  35-39).  Es  wider-
       spricht nicht  dem materialistischen  Herangehen, der Betrachtung
       der geistigen  Determinanten der  Lebensweise und  den  subjektiv
       handlungsorientierenden Werten,  Normen und  Lebensplänen  beson-
       deres Augenmerk  zu widmen:  unser  wissenschaftliches  Interesse
       sollte gerade  auf den bewußt zu nutzenden Handlungsspielraum in-
       nerhalb der materiell gesetzten Grenzen zielen.
       Lebensweise ist  stets von  der vorhergehenden Generation geerbt;
       zugleich wird  sie weiterentwickelt  mit der Absicht, die nächste
       Generation in  gewünschter, Reproduktion  (der Gesellschaft,  der
       Klasse, der  Gruppe und ihrer Orientierungen) sichernder Weise zu
       vergesellschaften. Jede Gruppe schafft zu diesem Zweck Medien der
       Vermittlung und Festigung ihrer Lebensweise: Ideologien, Institu-
       tionen, Organisationen.
       Lebensweise in diesem Sinne umfaßt die kennzeichnenden Strukturen
       und Orientierungen  des gesamten  Lebensprozesses. Zu  prüfen ist
       eine  praktikable   Ausgrenzung  ihrer   spezifisch   kulturellen
       Aspekte. Vorläufig könnte man sie sehen in der Fragestellung, wie
       bestimmte Elemente,  Formen und  Funktionen der  Lebensweise sich
       auf Fähigkeiten  und Kenntnisse,  Werte und Lebensziele, Genußfä-
       higkeit und  Umweltbeziehungen der Individuen auswirken: Wie weit
       und in  welchen Formen  werden in  den praktischen  (materiellen,
       geistigen, sinnlichen,  emotionalen)  Lebenstätigkeiten  Reichtum
       und Produktivität  der Persönlichkeit - Bewußtheit, Vielfalt, Ge-
       nußintensität, individuelle  und  kollektive  Selbstbestimmung  -
       verwirklicht? Der Orientierung vorliegender Studien entsprechend,
       wird der  Gesichtspunkt persönlicher Bewußtheit und Selbstbestim-
       mung im folgenden vor allem am Verhältnis zur aktiven Interessen-
       vertretung behandelt werden.
       
       II. Verbürgerlichung durch Individualisierung?
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       "Industriebürger" statt Proletarier?
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       Überwiegend wird  heute die  Meinung vertreten,  es  sei  wissen-
       schaftlich nicht  haltbar, von  einer besonderen  Lebensweise der
       Lohnarbeiter in  der Bundesrepublik  (oder, wie es vielen Autoren
       näher läge,  deren Kulturbegriff weitgehend mit Lebensweise iden-
       tisch ist,  von einer  spezifischen Kultur der Arbeiterklasse) zu
       sprechen. 1)  Die Grundargumentation,  die sich  bis heute durch-
       zieht, ist geradezu klassisch formuliert schon bei Lohmar (1955):
       "Eine 'Arbeiterkultur'  zu entwickeln,  setzt u. a. einen Begriff
       und eine Wirklichkeit des 'Arbeiters' voraus, die gegenüber ande-
       ren Schichten  klar abgrenzbar und in sich festgefügt und schlüs-
       sig sind . Eben weil der Arbeiter als einzelner und als Angehöri-
       ger einer  sozialen Gruppe  sich gewandelt  hat, läßt  sich heute
       nicht mehr von einer 'Arbeiterkultur' sprechen" (S. 222).
       Voraussetzung dieser  These ist ein Konzept des "Proletarischen",
       das vor  allem am  Selbstverständnis der  Individuen  festgemacht
       wird. Man  hebt das Heutige als völlig neu ab von einem - aus dem
       Lebensstandard von  Arbeitern der  Weimarer Zeit  entwickelten  -
       recht willkürlichen  Konstrukt: dem  "proletarischen Lebensgefühl
       des an das physische Existenzminimum Gefesselten" (Kluth 1955, S.
       123). Das  gleiche Argumentationsmuster  liegt noch  der 1976 er-
       schienenen Untersuchung  von Scharmann/Roth  u.a. zugrunde.  Auch
       sie  gehen   aus  von   der  Definition   des  Proletariats   als
       "minderprivilegierte, chancen-  und hoffnungslose  , weil  nur um
       die physische  Reproduktion ihrer  Arbeitskraft kämpfende Klasse"
       (S. 185).  Für heute werden objektive Bestimmungsfaktoren wie die
       Stellung zu  den Produktionsmitteln und in der gesellschaftlichen
       Organisation der  Arbeit, der  entwickelte Warencharakter der Ar-
       beitskraft und  damit die  Determination des  Verhaltens  in  der
       Freizeit durch  Reproduktionsanforderungen und  Lohnhöhe 2) über-
       haupt nicht konkret diskutiert, sondern durch Hinweise darauf ab-
       getan, daß  die Befragten Ausbeutung, Fremdbestimmung, Fehlen von
       Entfaltungsmöglichkeiten nicht zum Ausdruck brachten.
       Aus  den   Antworten  von   630  nordbayerischen  Metallarbeitern
       1962/63, die  nach Meinung  der Autoren selber zur "Elite der Ar-
       beiterschaft" (S. 102) gehören (80% Facharbeiter, 20% Angelernte,
       Alter bis 22 Jahre), wird die These hergeleitet und 1976 noch pu-
       bliziert, hier zeichne sich die Auflösung des ehemaligen Proleta-
       riats und  auch aller  Vorstellungen von  einem einheitlichen Typ
       des Industriearbeiters  im neuen Typus des "Industriebürgers" ab.
       Auf ihn entwickle sich die überwiegende Mehrzahl der abhängig Be-
       schäftigten hin  - und  damit auf die unwiderrufliche Integration
       in die  bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. So wird
       als "wichtigster  Fund" eine angebliche neue Qualität der Lebens-
       weise der  qualifizierten Arbeiter präsentiert: Sie könnten "sich
       den 'Luxus'  leisten ...,  individuelle Einstellungstendenzen und
       Wertpräferenzen, d.h.  'Lebensformen' ... zu entwickeln, die bis-
       her ein Privileg des Bürgertums gewesen sind" (S. 185).
       So etwas kann nur schreiben, wer vom Leben der qualifizierten Ar-
       beiter vor  1933 überhaupt keine Ahnung und zudem noch einen bor-
       nierten -  auch nicht weiter begründeten - Begriff von Individua-
       lität 3)  hat. Richtig  ist sicher,  daß die  Arbeiter  heute  im
       Schnitt mehr  Freizeit und mehr Möglichkeiten zu vielseitigem Ge-
       nuß gesellschaftlichen Reichtums haben und auch nutzen als in der
       Weimarer Republik  oder im  Kaiserreich. Wenn  man nun  schon wie
       Scharmann/Roth zur Erklärung solcher Entwicklungen auf veränderte
       Arbeitsbedingungen und  -anforderungen, erweiterte Konsummöglich-
       keiten etc.  verweist, müßte  man allerdings wohl zumindest erör-
       tern, ob  sich hier  nicht  die  Lebensweise  der  Arbeiterklasse
       e n t w i c k e l t  - statt von ihrer Auflösung durch Annäherung
       an bürgerliche Lebensform zu reden.
       Neben diesem  methodischen Einwand (auf den ich weiter unten noch
       zurückkomme) ist  die These von der individualisierten Lebensform
       auch empirisch  anzuzweifeln -  gerade in  dem Sinn,  den  Schar-
       mann/Roth ihr  geben. Individualität als einmalige, unverwechsel-
       bare und  profilierte Ausprägung von Persönlichkeitseigenschaften
       ist keine neue Errungenschaft des "Industriebürgers" - die Arbei-
       ter der  Zwischenkriegszeit bildeten ebensowenig wie die heutigen
       eine uniforme  graue "Masse  Mensch". Die  individuelle kritische
       Aneignung und  Anwendung der  mit dem  traditionellen  Kulturver-
       ständnis erfaßten geistigen und ästhetischen Bildungselemente und
       Wertmaßstäbe (von  der Scharmann/Roth  u.a. ausgehen)  ist aller-
       dings auch heute kein Merkmal der Lebensweise der Lohnarbeiter.
       Bei der  Untersuchung des Freizeitverhaltens stoßen selbst Schar-
       mann/Roth u.a.  auf diese  Tatsache; sie  verweigern jedoch  ihre
       theoretische Anerkennung,  schulmeistern vielmehr  die  angeblich
       noch im Zustand proletarischer Unterentwicklung Verbliebenen. Für
       "reine Genußzwecke wie z.B. Zigaretten, Alkoholika und Coca-Cola"
       (S. 102)  und "oberflächliche  Abwechslungen wie Ausgehen, Wirts-
       hausbesuche, Tanzereien  und Kinobesuche" werden "erhebliche Sum-
       men"  "leicht   und  unbedacht   ausgegeben".  Bedauerlicherweise
       "wächst der  junge Facharbeiter als Konsument auch nicht über das
       Anspruchsniveau seiner  Klasse (  ! K.  M. )  hinaus " . Er ist -
       auch in  seinen Wohnungswünschen und seinem Einrichtungsstil her-
       kunftsbestimmt, d.h.  unsicher in  seiner  Geschmacksbildung  und
       über kommerzielle Werbung manipulierbar. So will es nicht verwun-
       dern, daß  seine Ausgaben, im Sinne gehobener kultureller Ansprü-
       che, für  Bücher, Theaterkarten, Ausstellungen, Vorträge oder Be-
       sichtigungen, im  Vergleich zu  oberflächlichen, rasch vergängli-
       chen und  konfektionierten Vergnügungen,  sehr gering  sind"  (S.
       105). Die Benachteiligungen gegenüber Angehörigen anderer Schich-
       ten mit  besseren Bildungschancen  würden allerdings wahrgenommen
       und als  Beeinträchtigung erlebt  - jedoch  nur von wenigen durch
       Bildungsanstrengungen aufgehoben.
       An diese  Einblicke in die Wirklichkeit kultureller Unterdrückung
       als  wesentliches   Moment  der  Lebensweise  der  Arbeiterklasse
       schließt folgendes  überraschende Resümee  an: "Das  Konsum-  und
       Freizeitverhalten des jungen, aufgeschlossenen, emanzipierten und
       qualifizierten Arbeiters  . .  . gleicht in den meisten Bereichen
       den  emanzipatorischen   Verhaltensweisen  anderer   aus  höheren
       Schichten stammenden,  gleich intelligenter  junger Menschen.  Er
       sucht dort, wo ein Nachholbedarf besteht, wie auf kulturellem Ge-
       biet, diesen aufzuholen" (S. 106).
       Jede Längsschnittuntersuchung  zum Kultur-  und Freizeitverhalten
       weist nach,  daß dieses "Aufholen" im Bereich traditioneller kul-
       tureller Einrichtungen,  Werte und  Tätigkeitsformen Fiktion ist.
       In einem  anderen Sinn  - und  mit gänzlich anderen Folgerungen -
       scheint jedoch die These von der neuen Bedeutung von Individuali-
       tät in  der Lebensweise  der  Lohnarbeiter  weiteren  Nachdenkens
       wert.
       
       "Mittelschichtspezifische neue Subjektivität"?
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       Der sowjetische Forscher Diligenski stellt in seinen Untersuchun-
       gen zur  Sozialpsychologie der Arbeiterklasse im hochentwickelten
       Kapitalismus (1978)  immer wieder heraus, daß in vielen Bereichen
       der Lebensweise ein starker "innerer Widerstand gegen die Entper-
       sönlichung" (S.  151) wirkt; er sieht ein Wachstum von Bedürfnis-
       sen nach "intellektuell inhaltsreichem, interessantem' Leben" (S.
       173) als  Ausdruck eines tiefen Strebens nach freier persönlicher
       Entfaltung. Demgegenüber kennzeichnet Hoffmann-Axthelm diesen zu-
       nehmend deutlicher werdenden Motivationsstrang als Verwirklichung
       einer "mittelschichtspezifischen  neuen Subjektivität"  (1979, S.
       100). Entsprechende  Anspruchs- und Verhaltensformen - "Insistie-
       ren auf  Gebrauchswert und  auf persönliche  Verwirklichung"  (S.
       99); Streben,  "sich selber  ... als  eigene Praxis darzustellen"
       (S. 103)  - seien  vor allem  in der  Mittelschicht bei der Suche
       nach Identität  entwickelt worden . Da sich jedoch auf Seiten der
       Arbeiter eine  Tendenz zur  - Angleichung  der Lebensbedingungen"
       (S. 100)  durchsetze ,  würden diese Reaktionsweisen auch für sie
       zunehmend bedeutsam.
       Als Begründung  führt Hoffmann-Axthelm  an, "daß Subjektivität im
       Arbeitsprozeß   n i c h t  m e h r  voll eingebunden werden kann"
       (S. 101 ; Hervorhebung K.M. ) oder völlig aus dem Verwertungspro-
       zeß ausgeschlossen sei (S. 100). Das mag für aktuelle Entwicklun-
       gen der  Unterordnung der Intelligenz unter das Kapital zutreffen
       - für  die Lohnarbeiter scheint mir seit der Durchsetzung des Fa-
       brikregimes eher  die  zunehmende  Produktion  von  Subjektivität
       durch die  Entwicklung kapitalistischer  Konsumtion und Reproduk-
       tion der  Arbeitskraft (Qualifikation,  Allgemeinbildung, Bedürf-
       nis- und Konsumausweitung, Urbanisierung und Massenkommunikation)
       wahrscheinlich (vgl. Karolewski 1977).
       Zweifellos gibt  es Einflüsse  von Lebensstilen und Wertorientie-
       rungen aus  den Mittelschichten auf Teile der Arbeiterklasse. Wir
       brauchen empirische  Untersuchungen der  spezifischen Momente der
       Lebensweise in  unterschiedlichen Gruppen der Arbeiterklasse, ih-
       rer Beziehung  und Beeinflussung untereinander sowie des Verhält-
       nisses zu  Wertsystemen und  Freizeitstilen vor allem der lohnab-
       hängigen Mittelschichten  und der Intelligenz. Engere Kontakte in
       der Berufsarbeit  und im  Wohngebiet, im  Vereinsleben und im Ur-
       laub, eine  Ausweitung realer Wahlmöglichkeiten für das Freizeit-
       verhalten der  Arbeiter und  Angestellten sowie  eine gewisse an-
       gleichende Wirkung  von Lebensstilen,  die die  Massenmedien über
       Mode und  Werbung, dokumentarisch und fiktional allen Mitgliedern
       der Gesellschaft anziehend darstellen - diese und weitere Tenden-
       zen können Hoffmann-Axtheims Fragestellung Substanz geben.
       Während jedoch Diligenski (1978, S. 165 ff.) und Verret (1977, S.
       87 f.)  solche Entwicklungen und Probleme als Erweiterung und Um-
       gestaltung von  Lebensweise und  Kultur der Arbeiterklasse behan-
       deln und fragen, wie traditionelle Grundmuster diese neuen Bedin-
       gungen  und   Herausforderungen  verarbeiten,  spricht  Hoffmann-
       Axthelm  vom   "Untergang  dieser  Klassensubjekte"  infolge  des
       "Untergangs der  Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse" (1979, S.
       100). Sicher  ist heute bei Ernährung, Kleidung, Wohnbedingungen,
       Besitz langlebiger  Konsumgüter oder Wahrnehmung von Freizeitver-
       gnügungen der  größte Teil  der Arbeiterklasse  nicht derart kraß
       von der  übrigen Gesellschaft abgegrenzt wie vor 1933. Es ist je-
       doch methodisch  nicht legitim,  aus solchen  Tatsachen, die noch
       nicht einmal auf ihr spezifisches Funktionieren im System der Tä-
       tigkeiten der  Lohnarbeiter hin befragt und differenziert werden,
       nun den Untergang einer eigenen Lebensweise der Arbeiterklasse zu
       schließen -  wenn Lebensweise nicht einfach als Summe solcher Er-
       scheinungsformen bestimmt wird.
       Brauchen wir  aber nicht ein theoretisches Konzept, das wesentli-
       che Zusammenhänge  zwischen einem  historisch entstandenen System
       von Lebensbedingungen  und den  Strukturen praktischer  Aneignung
       und Veränderung  dieser Lebensbedingungen im Handeln einer gerade
       durch die  Spezifik ihrer  objektiven sozialen  Verhältnisse  be-
       stimmten Gruppe  von Menschen aufdeckt? Entweder hat die Rede von
       der Arbeiterklasse  keinen Sinn  mehr, weil  das  Verhältnis  der
       Lohnarbeit nicht  mehr besteht  - oder  ich kann und muß Struktur
       und Gesetzmäßigkeit  der Lebensweise  der Lohnarbeiter derart er-
       fassen, daß  ich von  diesem theoretischen  Ansatz her zu den Er-
       scheinungsformen aufsteige  und die  heutige Lebensweise als Aus-
       druck der  Bewegung des Lohnarbeitsverhältnisses in einer reichen
       Vielfalt konkreter  Bestimmungen geistig  reproduziere (vgl. Hahn
       1968, S. 86 ff.).
       Ausgangspunkt für eine derartige Untersuchung der Lebensweise ist
       der Bereich  sozialer Praxis, in dem das Lohnarbeitsverhältnis am
       direktesten in  Erscheinung tritt,  "wo man wirklich mit den zen-
       tralen  Punkten   des   Gesellschaftsprozesses   verbunden   ist"
       (Hoffmann-Axthelm 1979, S. 103) - das Feld der Tätigkeiten in Be-
       ruf und  Betrieb. Gegen die Vernachlässigung der hier inbegriffe-
       nen Erfahrungen,  Traditionen und  Lernprozesse hat Verret (1977,
       S. 81  ff.) in  der Auseinandersetzung mit Hoggarts Pionierarbeit
       über die  Lebensweise englischer Arbeiter (1957) wesentliche Kri-
       tikpunkte vorgebracht.  Nur durch "Betrachtung der Kultur, die in
       der proletarischen  Produktionspraxis impliziert  ist"  (S.  82),
       sind Besonderheit,  Selbständigkeit und  revolutionärer Charakter
       von Lebensweise  und Kultur  der Arbeiterklasse  zu erfassen. Sie
       beruhen unter  anderem auf  den Arbeitsqualifikationen und Erfah-
       rungen, dem  Produktionsdenken und  den praktischen Geschicklich-
       keiten (Verret: "technologische Kultur"); sie beruhen auf der Er-
       fahrung des  Klassengegensatzes im  Betrieb und  der  kollektiven
       Entwicklung von schöpferischen Antworten darauf. Verret nennt als
       "die wesentliche  Erfindung der  Arbeiterklasse in  diesem Kampf:
       die Umkehrung  des Prinzips  der Kooperation  als Bestandteil des
       Prozesses der Produktion von Mehrwert in ein Prinzip der Koopera-
       tion gegen  die Schaffung dieses Mehrwerts" (S. 84). Hieraus lei-
       ten sich die grundlegenden Werte und Wege kollektiver Praxis her,
       die die  Klasse zur  Umwälzung aller  gesellschaftlichen Verhält-
       nisse befähigen:  "Das Prinzip  der Assoziation,  das Prinzip der
       Organisation, das  Prinzip der  geplanten Aktion, das Prinzip der
       bewußten Disziplin, das Prinzip der gesellschaftlich kontrollier-
       ten Macht" (S. 84).
       Nur die  Kenntnis der  Einstellungen und Verhaltensdispositionen,
       die in Arbeit und Betrieb notwendig erworben werden, erlaubt eine
       angemessene Interpretation von Verhaltensweisen außerhalb der Ar-
       beit, die  isoliert nicht  in ihrer realen Widersprüchlichkeit zu
       fassen  sind.   "Sobald  der  organisierte  Klassenkampf  in  der
       'Produktions-Kultur' der Arbeiterklasse einen bestimmten Grad er-
       reicht, ändert  sich auch die 'Konsum-Kultur' der Arbeiterklasse.
       Mit der Fabrik verbindet der Arbeiter nicht nur seinen Lohn, son-
       dern auch Neuigkeiten, Gewohnheiten, Erfahrungen, Denkkategorien.
       Die veränderte  Fabrik verändert  das Haus, so wie der Streik das
       Leben von  Gorkis 'Mutter'  verändert, so  wie das  im  Wohnblock
       herrschende Zusammengehörigkeitsgefühl  durch eine kommunistische
       Zelle in  militante Solidarität  verändert werden  kann. Auch die
       konservativen Elemente ändern ihre Bedeutung...: Die in der Fami-
       liensolidarität enthaltenen  konservativen Stereotypen... werden,
       auf die  Gewohnheiten  des  gewerkschaftlichen  oder  politischen
       Kampfes übertragen, zu Stereotypen des Kampfes, d.h. der Verände-
       rung. Umgekehrt  kann sich  die spontane  Distanzierung  von  der
       herrschenden Politik,  die der spontane Apolitismus des Arbeiter-
       haushalts beinhalten  kann, in  ihr Gegenteil verkehren, wenn die
       apolitische Distanzierung  sich auf  die Arbeiterpolitik bezieht:
       Die Ablehnung  der Klassenherrschaft  wird hier zur Ablehnung der
       Klassenzugehörigkeit..." (S. 84).
       
       Kampf um Hegemonie in der Lebensweise
       -------------------------------------
       
       Lebensweise ist als ständiger Prozeß der Neu-Verarbeitung und Um-
       gestaltung vorgefundener Bedingungen aufzufassen, der in sich wi-
       dersprüchlich verläuft  und dessen  sozialer Charakter  nicht aus
       einzelnen augenfälligen Zügen zu bestimmen ist. In diese Richtung
       scheinen mir  die  Überlegungen  von  Williams  zum  Problem  der
       "Verbürgerlichung" zu  weisen. Er  versteht "Kultur der Arbeiter-
       klasse" (im  Sinne von Lebensweise) als historisch offenes, inte-
       grationsfähiges Muster, nämlich als "die fundamentale, kollektive
       Idee zusammen  mit den von ihr ausgehenden Einrichtungen, Gewohn-
       heiten der Gedanken und Intentionen" (1972, S. 392).
       Das ist zu interpretieren aus dem Zusammenhang seiner Polemik ge-
       gen die Verbürgerlichungsthese . Es werde - argumentiert, daß die
       Arbeiterklasse verbürgerlicht, weil sie sich wie die Mittelklasse
       kleidet, in  Zweifamilien-Häusern lebt  und sich  Autos, Waschma-
       schinen sowie  Fernsehgeräte anschafft.  Aber es  ist  keineswegs
       'bürgerlich', Nützliches zu besitzen oder sich an einem hohen ma-
       teriellen Lebensstandard  zu erfreuen. Die Arbeiterklasse verbür-
       gerlicht ebensowenig,  wenn sie  neue Produkte  besitzt, wie  der
       Bourgeois nicht  deswegen aufhört,  ein Bourgeois  zu sein,  weil
       seine Besitztümer  anders werden. Jene , die eine solche Entwick-
       lung innerhalb  der Arbeiterklasse bedauern, sind die Opfer eines
       Vorurteils". "...  es ist  wirklich schwer für die englische Mit-
       telklasse anzunehmen,  daß die  Arbeiterschicht  nicht  unbedingt
       darauf erpicht  ist, so wie sie zu werden. Ich glaube, von dieser
       Vorstellung muß  man sich freimachen. Die große Mehrheit der eng-
       lischen Arbeiterklasse  wünscht sich  lediglich  den  materiellen
       Standard der Mittelklasse, ansonsten möchten sie sie selbst blei-
       ben" (S. 388).
       Da die industrielle Produktion zunehmend Uniformität in Kleidung,
       Konsum, Freizeit  bewirke, hält die Verortung des Gegensatzes "in
       den alternativen  Ideen über die Natur der gesellschaftlichen Be-
       ziehungen" (S.  390) den  Blick für das Klassenmäßige der Lebens-
       weisen offen.
       Williams geht von der englischen Wirklichkeit der fünfziger Jahre
       aus. Wenn  man in  der Bundesrepublik auch sicher die Wirkung der
       Wohlstands i d e o l o g i e n   sehr viel  problematischer sehen
       muß  (vgl.   dazu  differenzierter  Clarke/Hall/Jefferson/Roberts
       1979, S.  80 f.)  - ich lese Williams' Gedanken als Aufforderung,
       Lebensweise als ein System zu verstehen, dessen einzelne Elemente
       nur in  Verbindung  mit  den  Grundorientierungen  und  Wirklich-
       keitsauffassungen der  Klassenindividuen angemessen  zu interpre-
       tieren sind. 4)
       Daraus folgt meines Erachtens, daß die Kategorie der Verbürgerli-
       chung sinnvoll  nur in  den Dimensionen  ist, die mit dem Begriff
       des Klassenbewußtseins angezielt sind - nicht für einzelne gegen-
       ständliche Elemente der Lebensweise, auch nicht für Entwicklungen
       individueller Subjektivität  mit ihren Ansprüchen und Einstellun-
       gen. Solche  Faktoren wirken auf die soziale Selbsteinordnung und
       das Gesellschaftsbild - aber sie sind nicht damit identisch.
       Die Lebensweise  der Lohnarbeiter  entwickelt sich  allerdings in
       einer   bürgerlich-kapitalistischen    Gesellschaft    und    ist
       notwendiger Teil  von deren  Kultur; dazu  gehört auch der Zwang,
       die  eigene   Reproduktion  in   der  und  mit  der  bürgerlichen
       Gesellschaft zu  sichern. Nehmen  wir den  zugespitzten Fall: der
       Arbeiter als  Aktionär (vgl.  Dähne/Dieckhoff 1979,  S. 200  f.).
       Haben wir  hier a  priori ein  Element bürgerlicher  Lebensweise?
       Belegschaftsaktien können eine Rücklage sein, um die unaufhebbare
       Unsicherheit der  Arbeiterexistenz  zu  dämpfen;  angesichts  der
       Erfahrungen  mit   Inflation  und   Währungsreform  sind   Aktien
       vielleicht  eine   sinnvollere  Anlage   als  Sparschweine.   Der
       entscheidende Punkt  ist, wie  dieser Besitz  auf Bewußtsein  und
       Verhalten wirkt.  Sicher ist  die Verführung stark, zumindest das
       "eigene   Unternehmen"   zu   verteidigen   -   aber   kann   die
       Arbeiterbewegung solchen  Widersprüchen, die  aus der Entwicklung
       des   Kapitals    entspringen,   entgehen?    Eine   automatische
       Verhinderung klassenbewußten Handelns ist nicht notwendig gegeben
       - im  Januar 1918  streikten  in  Berlin  die  Arbeiterinnen  und
       Arbeiter der  Rüstungsindustrie ,  obwohl man  sie für  das Leben
       ihrer  Verwandten   an  der   Front  verantwortlich   machte  und
       vielleicht nicht wenige Kriegsanleihen gezeichnet hatten, die sie
       ökonomisch an die imperialistische Politik binden sollten.
       Vielleicht hilft  die Anwendung  des von Gramsci skizzierten Kon-
       zepts der Hegemonie, den Aspekt des "Klassenkampfs in der Lebens-
       weise" angemessen  zu  erfassen.  Einen  wichtigen  Schritt  dazu
       stellt  der   Aufsatz  von   Clarke/Hall/Jefferson/Roberts   über
       "Subkulturen, Kulturen  und Klasse" (1979) dar. Die Autoren gehen
       davon aus,  daß das Kapitalverhältnis den Antagonismus von Arbeit
       und Kapital  ständig produziert. "Die Aufgabe der (bürgerlichen -
       K.M.) Hegemonie ist es, zu gewährleisten, daß in den sozialen Be-
       ziehungen zwischen  den Klassen  jede Klasse  andauernd in  ihrer
       existierenden dominanten  oder untergeordneten  Form   r e p r o-
       d u z i e r t   wird. Die  Hegemonie kann die Arbeiterklasse nie-
       mals ganz und absolut in die herrschende Ordnung absorbieren" (S.
       85).
       Ein wichtiges  Feld des  Kampfes um  die Hegemonie sind die soge-
       nannten "institutionellen  Lösungen..., welche  die Art und Weise
       strukturieren, in  der herrschende  und untergeordnete  Kultur in
       der gleichen sozialen Formation koexistieren, miteinander überle-
       ben, aber  auch gegeneinander  kämpfen" (S. 86). Ein Beispiel ist
       die antagonistische  Kooperation im  Betrieb, doch  ist  der  Ge-
       sichtspunkt umfassend  auf die  Regelungen des  Alltags  und  der
       Selbstbehauptung der  Lohnarbeiter anzuwenden  (auch auf  die von
       Scharmann/Roth u.a. herausgestellten Aufstiegsorientierungen jun-
       ger qualifizierter Arbeiter).
       Die Auffassung vom eigenen Anspruch auf Subjektivität und Selbst-
       verwirklichung steht notwendig im Spannungsfeld des Klassengegen-
       satzes; es  ist aber  keine zwingende Alternative, daß bei Arbei-
       tern Subjektivität  entweder erstickt  oder außerhalb eines Klas-
       senkonsenses orientiert  wird (Hoffmann-Axthelm  1979, S.  103) -
       die Kulturarbeit von Arbeiterorganisationen beispielsweise ermög-
       licht gerade  eine neue  Verbindung von Drang nach Selbstausdruck
       und Klassenorientierung (vgl. Maertin 1978, 1980).
       
       III. Verbürgerlichung durch Privatismus?
       ----------------------------------------
       
       Hoffmann-Axthelm verwendet  die Kategorie  der Subjektivität  an-
       scheinend unterschiedslos  unter Hinzufügung  oder Auslassung des
       Beiworts "privat". Hier steckt aber offensichtlich eine entschei-
       dende Differenz:  Die von vielen Forschern festgestellte - Grund-
       befindlichkeit der  Orientierung aufs Private" (Haug 1978, S. 97)
       ist eine  zentrale Weise  der Realisierung bürgerlicher Hegemonie
       in der  Lebensweise der  Lohnarbeiter (sie  wird im folgenden als
       Privatismus bezeichnet);  Subjektivität muß  aber nicht notwendig
       derart eingeengt sein.
       
       Typen des Privatlebens
       ----------------------
       
       Der reale Prozeß einer Beschränkung von Interessen auf "Privates"
       widerspiegelt sich  in verschiedenen  Ansätzen einer Kategorisie-
       rung außerbetrieblicher  Lebensweise der  Lohnarbeiter. Osterland
       (1975) unterscheidet bei Industriearbeitern drei Typen. Jene, die
       sich "in äußerst restriktiven Arbeitssituationen befinden", seien
       gekennzeichnet durch "Rückzug in die häusliche Privatheit der Fa-
       milie" (S.  182), verbunden  mit "einer allgemeinen Reduktion der
       Vielfalt von  Verhaltensweisen, subjektiven Interessen- und Iden-
       tifikationsbereichen" (S.  180). Ansprüche  auf Beseitigung sozi-
       aler Ungleichheit  und Benachteiligung seien zwar keineswegs auf-
       gegeben, doch  seien diese Arbeiter "kaum noch in der Lage, diese
       in ihrer  alltäglichen Lebensweise  zu artikulieren, zumal außer-
       halb des  Arbeitsplatzes eine  kollektive Diskussionsbasis  nicht
       mehr vorhanden zu sein scheint" (S. 182).
       Für eine  weitere Gruppe, die vor allem durch qualifiziertere Ar-
       beitsinhalte bessergestellt  ist (S.  181), wird konstatiert, daß
       die im  gewerkschaftlichen Kampf  erreichten besseren Reprodukti-
       onsbedingungen das Anspruchsniveau fördern; dies führe allerdings
       dazu, "eher  bürgerliche Verhaltensweisen zu übernehmen. Sie sind
       sowohl im  Besitz und Konsum von Prestigeobjekten wie in formali-
       sierten Geselligkeitsformen  und 'gehobenen'  Freizeitaktivitäten
       zu erkennen,  die freilich  nicht in erster Linie angestrebt wer-
       den, weil  sie spezifische  Bedürfnisse befriedigen, sondern weil
       sie versprechen,  außerhalb der  Arbeit die sozialen Unterschiede
       unkenntlich zu  machen. Die  Erfahrung der gesellschaftlichen Un-
       gleichheit wird  hier offenbar  anders verarbeitet: Sie findet in
       eben dieser Adaption bürgerlicher Lebensweise ihren Ausdruck" (S.
       182).
       Schließlich gebe  es noch eine dritte, relativ kleine Gruppe, die
       von den  beiden anderen  durch das Merkmal interessenvertretender
       Aktivität unterschieden  und folgendermaßen  gekennzeichnet wird:
       "Nur dort,  wo die Arbeitssituation noch nicht zu einem dauerhaf-
       ten Verlust der Vitalität geführt hat - besonders also bei quali-
       fizierten Arbeitern  und jüngeren  ", man  aber dennoch  nicht in
       seiner  alltäglichen  Lebensweise  unsicher  hinsichtlich  seiner
       Identität geworden  ist und  nicht nachzuahmen  trachtet, was für
       die Verhaltensformen  des Bürgertums  gehalten wird,  setzen sich
       Erfahrungen gesellschaftlicher Benachteiligung in eine politische
       Praxis... um,  die auf  die Veränderung jener Verhältnisse ausge-
       richtet ist, welchen sie zugrunde liegt" (S. 183).
       Als besonderes  Merkmal bürgerlicher  Lebensweise führt Osterland
       ein Freizeitverhalten an, das vorrangig auf die Demonstration ei-
       nes angestrebten Status zielt. Dabei isoliert er nicht nur solche
       Elemente der  Konsumstile und  Freizeitaktivitäten, die stark der
       Selbstdarstellung sozialer Gruppen und Subjekte gegenüber anderen
       dienen und  daher deutlich  demonstrativen Charakter  tragen, aus
       der Gesamtheit der Lebensweise (das kann ohne Zweifel ein legiti-
       mes Verfahren  sein) -  er verkürzt  Lebensweise auf Konsumweise.
       Eine nähere  Einschätzung privater  Orientierungen erfordert, die
       empirischen Belege  zu prüfen  (werden wirklich  keine besonderen
       Bedürfnisse befriedigt?)  und die  subjektive Bedeutung  des  von
       Qsterland kritisierten  Lebensstils für  die Arbeiter zu untersu-
       chen (dazu weiter unten).
       Fragen der  Lebensweise der  Arbeiter hat  Reck unmittelbar unter
       der Kategorie  des - Privatlebens" untersucht (1977). Die Konzen-
       tration  auf   die  Lebensbereiche  Zuhause/Familie,  Öffentlich-
       keit/Wirtshaus und  Geselligkeit/Vereine erbringt im historischen
       Teil eine  Vielzahl von  Ergebnissen, die zugleich Anregungen und
       Fragen für  heutige Untersuchungen  und Begriffsbildungen liefern
       können; vor  allem die  Darstellung des "politisierten familialen
       und außerfamilialen  Privatlebens" in  der Weimarer  Republik (S.
       166 ff.)  arbeitet eine  gelungene Form nicht privatistischer Le-
       bensweise heraus. Als Hypothesen für aktuelle empirische Untersu-
       chungen schlägt Reck drei Typen des Privatlebens vor.
       Der erste ist gekennzeichnet durch "konsequente Familienorientie-
       rung: Interaktionen  mit den  Familienangehörigen  dominieren  im
       Privatleben" (S.  195). Reck vermutet solche Verhaltensmuster vor
       allem dort, wo die Arbeit als verantwortungsvoll und befriedigend
       erfahren wird  - das  hier gewonnene Selbstvertrauen mache auch -
       befriedigende persönliche  Beziehungen im  Familienleben" möglich
       und   lasse    das   hohe   materielle   Lebensniveau   für   ein
       "abwechslungsreiches Leben  in und  mit der  Familie nützen"  (S.
       196).
       Für Arbeiter,  bei denen  starke nervliche Arbeitsbelastungen und
       aus verschiedenen  Bereichen sozialer Erfahrung gespeiste Minder-
       wertigkeitsgefühle dominieren,  vermutet Reck  einen anderen  Typ
       von Privatleben, "Häuslichkeit ohne Familienorientierung: Der Ar-
       beiter verbringt  zwar seine  arbeitsfreie Zeit  in der  Regel zu
       Haus, die  Kontakte zu  den Familienangehörigen  beschränken sich
       aber auf  das Notwendigste.  Das Hauptinteresse gilt Tätigkeiten,
       mit denen  man sich von den Familienangehörigen isoliert: Hobbys,
       Arbeiten im  Haus und im Garten, Reparaturen am Auto... und wahr-
       scheinlich am  bedeutungsvollsten: das  Fernsehen.  Es  gestattet
       räumliches Beisammensein  mit den  Familienangehörigen und Isola-
       tion zugleich" (S. 196 f.).
       Als dritten Typ nimmt Reck "Familienorientierung als eine Verhal-
       tenstendenz neben  anderen" an: "Hier wäre an Arbeiter zu denken,
       die durchaus  mit ihren  Familienangehörigen in  engem intensivem
       Kontakt leben, jedoch zugleich anderen Interessen folgen, die sie
       in ihrem Privatleben auch außerhalb der Familie binden: in Verei-
       nen, beim Sport, im Wirtshaus u.a. "(S. 197).
       Im Vergleich  mit Osterlands Thesen etwa fällt auf, daß Reck alle
       inhaltlichen Bezüge  sozialer Widerspruchserfahrung  und ihre Be-
       handlung in  familiären Gesprächen sowie die Wirkung unterschied-
       licher Typen  des Privatlebens auf Selbstverständnis und Disposi-
       tion zur  Interessenvertretung ausklammert.  Dies folgt  zum Teil
       aus seinem  Ansatz, der  bewußt Fragen der Bildungsaktivität, vor
       allem jedoch  sämtliche "Tätigkeiten in der Öffentlichkeit und in
       Organisationen"  ausschließt,  "die  quasi-beruflichen  (Zwangs-)
       Charakter (z.B.  die Tätigkeit  eines Funktionärs in einer Partei
       oder Gewerkschaft  nach Feierabend)  besitzen" (S. 21). Praktisch
       zählen auch alle Formen interessenvertretender Selbstorganisation
       zum "Nicht-Privaten"  - und  damit für  die Lebensweise  und ihre
       Entwicklung   nicht   Berücksichtigten;   die   Lebensweise   der
       Lohnarbeiter ist  so nicht  in der Dynamik ihrer Erfahrungen, Wi-
       dersprüche und Entwicklungsmöglichkeiten zu fassen.
       Wenn es  Reck nicht  gelingt, das  Zuhause auf reale und mögliche
       Strukturen heute  vorhandener und  entwickelbarer Arbeiteröffent-
       lichkeit zu beziehen, in denen auch die objektive Herausforderung
       zum Thematisieren von Klassenwirklichkeit präsent ist, dann liegt
       dies m.E.  an einer  theoretischen Grundentscheidung:  Die sozial
       geformte Arbeitstätigkeit  erscheint nur  als bedingender  Faktor
       der als  Privatleben gefaßten Lebensweise, nicht als wesentlicher
       Teil der  Lebensweise und  Kultur der Klasse selber, über den ge-
       rade entscheidende Gegenwirkungen gegen die Tendenz zum Privatis-
       mus in die Lebensweise auch der heutigen Arbeiterklasse eingehen.
       
       Dialektik privater Orientierungen
       ---------------------------------
       
       Diese Einengung  vermeidet Diligenski (1978) - und erschließt von
       daher die  Dialektik "privater"  Orientierungen. Er  liefert eine
       Fülle von Beobachtungen und Interpretationen zu Verhaltensweisen,
       die -  wie Familien- und Konsumorientierung - oft als Indikatoren
       von Verbürgerlichung durch die Setzung privater Lebensziele ange-
       führt werden. Er gelangt zu seiner - meines Erachtens für kultur-
       wissenschaftliche Analyse  der Lebensweise unverzichtbaren - dia-
       lektischen Lesart  solcher Züge,  indem er  ihre Bedeutung, ihren
       subjektiven Sinn für die Arbeiter stets mit erschließt und in den
       so ermittelten  Bedürfnissen und  Zielen  der  individuellen  Le-
       benspläne neue  Zugänge zu  Klassenerfahrung und aktiver Interes-
       senvertretung erkennt. 5)
       Eine Herausforderung  zu weiteren  Untersuchungen, vor  allem  zu
       praktischer Differenzierung vorhandener Orientierungen, steckt in
       seiner Interpretation  von Konsumbestrebungen,  die nicht  unkri-
       tisch, aber  für Entwicklungen  offen ist. Diligenskis These lau-
       tet, "daß die Konsumorientierung der Pläne in beträchtlichem Maße
       einen spezifischen,  durch die soziale Situation der Arbeiter be-
       dingten Ausdruck  ihrer tieferen moralischen Ansprüche darstellt.
       Rein materielle  und ihrer  Form nach  ziemlich primitive Bedürf-
       nisse besitzen bei näherem Hinsehen einen weitaus komplizierteren
       geistigen Inhalt.  Daraus folgt jedoch keineswegs, daß die unmit-
       telbaren materiellen  Formen des  Ausdrucks  solcher  Bedürfnisse
       überhaupt keine selbständige Bedeutung haben und einfach als mehr
       oder weniger zufällige 'Kompensation' nichtrealisierbarer Bestre-
       bungen der  Persönlichkeit auftreten.  Mit anderen  Worten,  wenn
       beispielsweise ein  Konsumprojekt für  zahlreiche Arbeiter  über-
       haupt das  einzig mögliche  persönliche positive Vorhaben ist, so
       bedeutet das  noch nicht,  daß es ihnen gleichgültig wäre, welche
       materiellen Güter diese Pläne einschließen" (S. 134).
       "Was jedoch an den modernen Standards des Massenkonsums gestattet
       es, nicht  nur rein materielle, sondern auch geistige Bedürfnisse
       der Persönlichkeit zu verkörpern? Die Antwort besteht offensicht-
       lich darin, daß häuslicher Komfort, Auto und die übrigen Elemente
       dieses Standards  nicht nur das Alltagsleben erleichtern und ver-
       einfachen und  die Beförderung  beschleunigen, sondern  auch neue
       Möglichkeiten für  eine vielfältige und inhaltsreiche Freizeitge-
       staltung eröffnen.  Und gerade die Freizeit wird unter den heuti-
       gen Bedingungen  für  immer  breitere  Bevölkerungsschichten  zur
       Hauptquelle... der Befriedigung geistiger Bedürfnisse" (S. 135).
       Die Dialektik der Privatheit wäre unter mindestens drei Gesichts-
       punkten konkreter  zu entwickeln. A) Wie sind die in ihr stecken-
       den Formen von und Bedürfnisse nach Entfaltung der Persönlichkeit
       durch Kulturarbeit  und Kulturpolitik  zu stärken  und zu  berei-
       chern? B)  Wo stoßen  private Orientierungen  auf Tendenzen  ver-
       schlechterter Lebenschancen  und werden  gegen staatsmonopolisti-
       sche Bildungs-,  Infrastruktur-, Umwelt- und Stadtentwicklungspo-
       litik aktivierbar  (hier ist an Erfahrungen von Bürgerinitiativen
       zu denken)? C) Wie wirken die Erfahrungen und Konsequenzen inter-
       essenvertretenden Handelns  etwa in gewerkschaftlich entwickelten
       sozialen  Auseinandersetzungen   auf   die   Orientierungen   des
       "Privatlebens"; wie  setzen sich  Tendenzen einer "Politisierung"
       durch?
       Problematisch im  Sinn einer  Auswirkung gegen solidarisches Ver-
       halten und  Bewußtsein der Arbeiter scheint weniger die intensive
       Verfolgung von Zielen im Bereich individueller und familiärer Le-
       bensführung; hemmend wirkt vor allem eine privatistische, indivi-
       dualistische Auffassung  dieser Lebensbereiche,  ihrer  Konflikte
       und Probleme  als "etwas,  mit dem  jeder für  sich fertig werden
       muß". Negt/Kluge  (1972) haben gezeigt, daß auf Grundlage solcher
       Einstellungen  der  kapitalistische  Medienverbund  "individuali-
       sierte Bedürfnisse,  Bedürfnisse von  Zielgruppen und damit ganze
       Lebenszusammenhänge  zum  Gegenstand  einer  gebündelten  Auswer-
       tungschance"  macht   (S.  240);   er  bietet  einen  scheinbaren
       "Sinnzusammenhang" (S. 244) - organisiert im Kapitalinteresse und
       gerichtet gegen jede eigenständige, tendenziell bewußte Verarbei-
       tung ihrer eigenen Erfahrungen durch die Menschen. Privatismus in
       diesem Sinn  ist ein  wesentlicher Funktionsmechanismus bürgerli-
       cher Hegemonie in der Lebensweise der Lohnarbeiter.
       Negt/Kluge setzen  dagegen die  Aufgabe, eine  "proletarische Öf-
       fentlichkeit" aufzubauen. Ungeachtet unterschiedlicher Auffassun-
       gen im  einzelnen liegt  hier sicher ein zentrales Mittel der Ar-
       beiterbewegung, um  bewußtere und  solidarische Tendenzen  in der
       Lebensweise zu stärken. Themen dieser Öffentlichkeit können nicht
       nur die  unmittelbar gesellschaftlichen Probleme der Lohnarbeiter
       sein,  sondern   auch  alle   Erfahrungen   und   Konflikte   des
       "Privatlebens" -  um ihrer  vereinzelnden Bewältigung entgegenzu-
       wirken.
       Auf mögliche Formen dieser Öffentlichkeit wird später noch einge-
       gangen. Im folgenden sollen einige Überlegungen diskutiert werden
       zur Frage,  wie außerbetriebliche Lebensweise und Aktivierung für
       interessenvertretendes Handeln  zusammenhängen -  nicht  zuletzt,
       weil in  solchen Mobilisierungsprozessen sich auch immer spezifi-
       sche Formen selbstorganisierter Öffentlichkeit bilden.
       
       IV. Lebensweise und Aktivierung für eigene Interessen
       -----------------------------------------------------
       Was fördert stabiles Engagement?
       --------------------------------
       
       Osterland befragt Lebensweise, wie in ihr objektive und auch sub-
       jektiv erfahrene soziale Ungleichheit und Benachteiligung geistig
       verarbeitet und  praktisch beantwortet  werden; er  unterscheidet
       aus diesem  Erkenntnisinteresse heraus nicht nur gegenwärtige Ty-
       pen, sondern  schätzt auch  Potenzen zukünftigen Handelns für die
       eigenen Interessen ein. Erstaunlicherweise sieht er größere Chan-
       cen bei jenen, bei denen "das erfahrene Arbeitsleid zu einem all-
       gemeinen Verlust an sozialer Aktivität geführt hat" . Nach Oster-
       land sind  sie in  gewerkschaftlich geführte Kämpfe einbeziehbar,
       zugleich hält  er es für "durchaus denkbar, daß... politische Re-
       signation spontan  umschlägt, wenn die aus der restringierten Ar-
       beits- und Lebenssituation resultierende Verkümmerung der Bedürf-
       nisse und Ansprüche als unerträglich empfunden wird" (S. 183).
       Dies erstaunt,  weil nicht  klar ist  , wie nach der Verkümmerung
       von Ansprüchen noch etwas als unerträglich empfunden werden soll;
       Osterland berücksichtigt  nicht die  in der Geschichte der Arbei-
       terbewegung bis  heute durchgängige Erfahrung, daß aus der Gruppe
       der qualifizierten,  sich unter besseren Lebensbedingungen repro-
       duzierenden Facharbeiter  ein großer  Teil der  stabilen, stärker
       langfristig und  weiter politisch  denkenden Träger  der  Gewerk-
       schafts- und  Arbeiterbewegung stammt.  Historisch hat  das Ehmer
       (1979) jüngst  am Beispiel  der Rolle  der Metallarbeiter  in der
       frühen Wiener Arbeiterbewegung herausgestellt: "Höhere Stabilität
       der Lebens Verhältnisse, ein Ausdauer, Können und Intelligenz er-
       fordernder Arbeitsprozeß  - all das scheint gerade bei diesen Ar-
       beitern den  Kopf frei gemacht zu haben für Gedanken über die ei-
       gene Lage  ; ihr Lebensweg mußte ihnen einigermaßen gradlinig er-
       scheinen, so  daß es  sinnvoll  scheinen  mochte,  längerfristige
       Strategien ins Auge zu fassen." (S. 164)
       In diesem  Zusammenhang ist  auch auf  die Untersuchung von Lucas
       über -  zwei Formen von Radikalismus in der deutschen Arbeiterbe-
       wegung" (1976)  zu verweisen. Er nennt ebenfalls als eine Voraus-
       setzung dafür,  daß die qualifizierten Remscheider Metallarbeiter
       langfristige politisch-organisatorische Perspektiven entwickelten
       und in  Praxis umzusetzen versuchten , - ein gewisses Maß von Si-
       cherheit Kontinuität  Spielraum "  in der  Lebensweise ; er führt
       außerdem an  den - engen Kontakt der Remscheider Arbeiter mit ei-
       ner welterfahrenen  Bourgeoisie, ihr Leseverhalten, das Interesse
       am Kunst-  und Welttheater"  (S. 254)  - insgesamt eine Reihe von
       Zügen der außerbetrieblichen Lebensweise, die dem Bürgertum näher
       standen als den unteren Schichten des Proletariats.
       Gerade Lucas' Arbeit, die nachvollzieht, wie unterschiedliche Be-
       dingungen und Formen der Lebensweise (in Betrieb und Privatleben,
       in Kommunikation  und Organisation)  zu unterschiedlichen  Formen
       der Beteiligung  an Klassenkämpfen  führen 6),  verweist auf  die
       Notwendigkeit, heute  konkret die  Lebensweise aller  bedeutsamen
       Fraktionen der Arbeiterklasse auch auf die in ihr enthaltenen Zu-
       gänge zu aktiver Interessenvertretung zu untersuchen. 7)
       Da Osterland  wichtige Teile  der Klasse schon aus der Fragestel-
       lung ausklammert,  ist es  doppelt bedauerlich,  daß er  auf  die
       L e b e n s w e i s e   der schon  gewerkschaftlich und politisch
       Aktiven überhaupt  nicht substanziell  eingeht: Welchen Charakter
       hat die  Lebensweise, mit  der sie  sich identifizieren,  und was
       wird von ihnen als bürgerlich erachtet und daher nicht im Verhal-
       ten angestrebt?  Gerade die Lebensweise dieser Gruppe sollte doch
       von Osterlands  Erkenntnisinteresse aus  - das  mir die  zentrale
       Fragestellung mit  der Arbeiterbewegung verbundener Kulturwissen-
       schaft zu  treffen scheint  - besonders wichtig, da empirisch wie
       theoretisch für entwickelbare Perspektiven aufschlußreich sein!
       Der Zusammenhang von Lebensweise und objektiven Klasseninteressen
       darf nicht mechanisch-äußerlich verstanden werden. In welchen Er-
       fahrungen der  Klassengegensatz wahrgenommen wird, wie er empfun-
       den und  beantwortet wird, wie man die objektiven Interessen auf-
       faßt und ausdrückt - all diese Prozesse der Aktivierung sind kon-
       kret geprägt durch die Lebensweise und ihre entsprechenden Tradi-
       tionen. Auf diese Problematik hat Lüdtke (1978) hingewiesen - da-
       bei aber eine wenig fruchtbare Entgegensetzung vollzogen zwischen
       den wissenschaftlichen  Ansätzen, die  von Interessen, und jenen,
       die von Bedürfnissen ausgehen.
       Er entwickelt  die Kategorie - Lebensweise" ausdrücklich zur Kor-
       rektur von  seines Erachtens  simplifizierenden Modellen der Ver-
       mittlung von  Klassenlage und Klassenbewußtsein - die er etwa bei
       Deppe (1971) sieht (Lüdtke 1978, S. 322 f.). Dem kritisierten An-
       satz  zufolge   resultiere  "aus  der  grundsätzlich  identischen
       'objektiven' Lage  nicht allein eine (statistische) Gleichförmig-
       keit der  individuellen Biographie,  sondern eine  materiale Aus-
       tauschbarkeit der  tatsächlichen Alltagswirklichkeit  und Lebens-
       weise" (Lüdtke  1978, S.  324). Diese Lesart der Texte ist sicher
       nicht zu halten.
       Lüdtke erhebt  den Anspruch  auf einen "gleichsam 'breiteren' und
       sensibleren Zugriff  für die  Vielfalt und  den Zusammenhang  der
       Wünsche, Strebungen,  Erfahrungen, Expressionen  und Aktionen der
       Menschen" (1978, S. 314) - sein Konzept richtet sich (die subjek-
       tive Seite betonend) auf "die gesamte Alltagswirklichkeit mit ih-
       ren Leiden  und Genüssen, Erinnerungen und Hoffnungen". Er unter-
       streicht mehrfach  die Bedeutung  solcher Erfahrungen,  die  sich
       "gegen eine  Zusammenfassung im Rahmen von Klassenorganisationen"
       sperren (S.  315). In unserem Zusammenhang interessiert vor allem
       die Frage nach den Motivationen, die alltäglichem Handeln die fe-
       stere Struktur  einer Lebensweise verleihen, und nach ihrem Bezug
       zu interessenvertretender Praxis.
       
       "Soziale Reproduktion" und "Verausgabung"
       -----------------------------------------
       statt Interessenvertretung?
       ---------------------------
       
       Ein wichtiger Ansatz zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Le-
       bensweise der  Lohnarbeiter im  Zusammenhang mit der gesamten ge-
       sellschaftlichen Bewegung  ist die  Bestimmung grundlegender Züge
       der Lebensweise  aus den Anforderungen und Bedingungen zur Repro-
       duktion der  Arbeitskraft; er  wird von vielen marxistisch orien-
       tierten Forschern  benutzt (ausführlich bei Maase 1978, S. 13-19,
       35-40). Lüdtke  entwickelt nun  ein höchst  interessantes Konzept
       zur Differenzierung  der Verhaltensmotive  im  reproduktiven  Be-
       reich; er  unterscheidet zwischen  "'notwendigen' Leistungen  für
       die physische  Reproduktion und  denen,  die  Status  und  'self-
       respect' sichern sollten...: die soziale Reproduktion (Beispiele:
       Einsatz der  knappen Mittel  für Sonntagskleidung  oder Bilder an
       den Wänden  statt für  Alltagskleidung oder  eine tägliche  warme
       Mahlzeit...). Zugleich  öffnet sich  mit den 'Geselligkeiten' ein
       Feld von  Aktionen und  Expressionen, auf  dem Nicht-Arbeit, wenn
       nicht sogar  Verausgabung' nicht  mehr nur als gelegentliche oder
       beiläufige Momente gelten können. Fortwährend wirksam bleiben of-
       fenbar jedoch  Reproduktionszwänge, vor allem solche der sozialen
       Reproduktion" (1978, S. 336 f.).
       Aus dieser Interpretation heraus widerspricht Lüdtke der verbrei-
       teten   Qualifizierung    des    proletarischen    Alltags    als
       "kleinbürgerlich". "Die Bedürfnisse der Arbeiter erschöpften sich
       eben nicht  in 'elementaren'  Wünschen nach Nahrung, Kleidung und
       Behausung. Bemerkenswert ist demgegenüber die  G l e i c h z e i-
       t i g k e i t   - offenbar auch bei einzelnen - von 'Elementarem'
       (keine  Margarine  mehr)  und  Utopischem  (Sturz  der  .heutigen
       Gesellschaftsordnung')  mit   Wünschen  nach  privatem  'kleinen'
       Glück, die sich in eher traditionellen und kulturell zugelassenen
       Symbolen ausdrückten: Blumen pflegen, Globus studieren, Zeichnen,
       Basteln, Tanzen  bis hin  zum Kirchgang. In dieser Artikulations-
       weise  manifestiert   sich  nicht  so  sehr  die  Isolierung  und
       Orientierungslosigkeit von  'Kleinbürgern'  oder  kleinen  Waren-
       produzenten, so deutlich die Ähnlichkeiten oder direkten Anleihen
       sein  mögen;   sie  zeigt   vielmehr  etwas   von  der   Vielzahl
       p u n k t u e l l e r,     nicht-organisierter  und  nicht  stets
       'bewußter' Strebungen,  die 'Lebensweise' und damit die Beziehun-
       gen der Menschen untereinander im Alltagsleben zu verändern." (S.
       337 f.).
       Mit dem  Hinweis auf  die Notwendigkeit von Selbstachtung und Ge-
       achtet-Werden sowie  von Selbstausdruck  als Handlungsmotiven für
       Lohnarbeiter trifft Lüdtke die Mängel einer nur ökonomischen Auf-
       fassung von  Reproduktion der  Arbeitskraft für die Erklärung der
       Lebensweise. Seine  Ablehnung von  Konzepten, die die Lebensweise
       unter dem  Gesichtspunkt ihrer  Beziehung zu  den Interessen  der
       Lohnarbeiter untersuchen  (S. 311  f.), nimmt ihm jedoch die Mög-
       lichkeit zur  kritischen Betrachtung  und Bewertung vorfindlicher
       Lebensweise. So sinnvoll es ist, auch in den Auffassungen und Ak-
       tivitäten, die  auf das  "kleine Glück" im Alltag gerichtet sind,
       Potential für ein Streben nach "Autonomie der Subjekte" (S. 324),
       "politisierbare  Bedürfnisse  nach  'gutem  Leben'  und  'Veraus-
       gabung'" (S. 340) zu suchen - so problematisch wird dieser Ansatz
       in dem  Moment, wo  er nicht  mit grundlegenden  Erfahrungen  der
       Klassenlage und historischen Erkenntnissen über die Anforderungen
       an eine  handlungsfähige und  erfolgreiche Arbeiterbewegung sowie
       die dafür  nützlichen Qualitäten  der Individuen vermittelt wird.
       Lüdtke erkennt  derart abgeleitete Maßstäbe für praktische Kritik
       der  Lebensweise   durch  die   bewußtseinsbildende   und   ganze
       Lebensbereiche  organisierende   Tätigkeit  der  Arbeiterbewegung
       nicht an  - er neigt eher dazu, das Konzept der Politisierung von
       Strebungen nach  alternativem Leben der leninistischen, aber auch
       schon einer  gewerkschaftlichen Auffassung  von Interessenvertre-
       tung, Klassenkampf  und organisiertem  Ringen um  die  politische
       Macht entgegenzustellen.
       Aus der  Wendung gegen  einen bornierten Vorwurf der Kleinbürger-
       lichkeit folgt  so die  Gefahr unkritischer  Apologie dessen, was
       Negt/Kluge mit merkwürdiger Emphase den "Block wirklichen Lebens"
       nennen, "der  gegen das  Verwertungsinteresse  steht"  (1972,  S.
       107). Grundlegend ist einzuwenden, daß Lüdtke die kapitalistische
       Formbestimmtheit z.B.  von Bedürfnissen nach Glück und Selbstach-
       tung nicht  durchdenkt, ihre Widersprüchlichkeit nicht entfaltet.
       Hier scheint mir jedoch das zentrale Interesse marxistischer For-
       schungen zur  Lebensweise ansetzen zu müssen: Wo in ihrem Lebens-
       prozeß, wie  und in welchen konkreten Formen erwerben und entwic-
       keln Lohnarbeiter  jene Bedürfnisse und Motive, Werte und Verhal-
       tensdispositionen, Qualifikationen  und Fertigkeiten,  die  nütz-
       lich sein können für die Bildung zur "Klasse für sich"?
       Als für  die eigenen  Interessen handlungsfähiges  und handelndes
       Subjekt ist  die Arbeiterklasse  nicht ausreichend bestimmt durch
       sozialstatistische Daten  ihrer Klassenlage und daraus ableitbare
       objektive Interessen; erst deren Vermittlung zur Gesamtheit ihrer
       historisch entwickelten  typischen Lebensauffassungen und Verhal-
       tensweisen führt  zur Wirklichkeit  der Klasse. Sicherlich sind -
       aus der  geschichtlichen Erfahrung  wie aus gegenwärtiger Gesell-
       schaftsanalyse -  Kenntnisse,  Fähigkeiten,  Organisationsformen,
       Aktionsprinzipien in  etwa zu  bestimmen, die  in einer konkreten
       Situation zur  Erringung  der  gesellschaftlichen  Hegemonie  ge-
       braucht werden; ihre konkrete Ausbildung hat jedoch die alltägli-
       che Lebensweise  zur Voraussetzung  - in  ihr gilt es die Ansatz-
       punkte für Klassenbewußtsein und Klassenaktivität zu bestimmen.
       Nimmt man  das von  Lüdtke angeführte  Beispiel des Strebens nach
       Selbstachtung, so  ist sein  Ausdruck in  "respektabler Kleidung"
       sicher auch  ein Moment  der psychischen Festigung der Lohnarbei-
       terindividuen in  einer sie  niederdrückenden sozialen Umwelt. Es
       bildet keineswegs  einen Gegensatz  hierzu, auf Formen zu verwei-
       sen, die  bewußt von  den Klasseninteressen  her bestimmte Normen
       zur Grundlage  der sozialen Achtung wie der Selbstachtung machen:
       Wertauffassungen und praktisches Sozialverhalten in der Arbeiter-
       bewegung dienten  immer auch  dem Ziel, das bewußte Arbeiter-Sein
       als Kern von Selbstbewußtsein und Selbstachtung zu normieren; aus
       dem Ansehen  eines Vertrauensmannes  oder Streikführers ist recht
       substanzreiches Selbstbewußtsein  zu ziehen. Der wichtige Verweis
       auf die  Notwendigkeiten "sozialer  Reproduktion" führt  also zur
       Frage, wie  Lohnarbeiter und Arbeiterbewegung versucht haben, da-
       für eigenständige  Formen zu  entwickeln -  er sollte nicht redu-
       ziert werden auf "Verständnis" für spontane individuelle Lösungs-
       versuche.
       Unter dem  Gesichtspunkt hier  und heute  praktisch eingreifender
       Kritik bürgerlicher  Hegemonie in  der Lebensweise  muß man  auch
       Einwände vorbringen  gegen den Versuch von Negt und Kluge (1972),
       mit den  Konzepten des  "proletarischen Lebenszusammenhangs"  und
       der "proletarischen Öffentlichkeit" die Vermittlung von alltägli-
       chem Lebensprozeß  und Klassenbewußtsein  theoretisch zu  fassen.
       Ihr Interesse  richtet sich  vornehmlich auf  die Bedingungen des
       Erfahrungsprozesses der  Lohnarbeiter, auf  die sozial  geformten
       Möglichkeiten der  Wahrnehmung und  geistig-psychischen Verarbei-
       tung der  Wirklichkeit. Lebensweise  als Praxis  hat demgegenüber
       nur abgeleitete Funktion. "Ein einzelner Arbeiter... macht 'seine
       Erfahrungen'. Horizont  dieser Erfahrungen  ist die  Einheit  des
       proletarischen Lebenszusammenhangs.  Dieser  Zusammenhang  umfaßt
       die Stufenleiter  der Produktion  der Waren- und Gebrauchswertei-
       genschaften dieser  Arbeitskraft (Sozialisation, psychischer Auf-
       bau der  Person, Schule,  Aneignung von  Arbeitswissen, Freizeit,
       Massenmedien) und  den davon  nicht trennbaren Einsatz dieser Ar-
       beitskraft im Produktionsprozeß; über diesen einheitlichen Zusam-
       menhang, den  er öffentlich und privat 'erlebt', nimmt er das ge-
       sellschaftliche Ganze',  die Ganzheit  des  Verblendungszusammen-
       hangs auf" (S. 24).
       Entfremdete Arbeit,  regressive Sozialisation und bürgerliche Öf-
       fentlichkeit werden als Hauptdeterminanten des proletarischen Le-
       benszusammenhangs gesehen  - Beobachtungen  und  Interpretationen
       zielen jedoch  nicht auf  die Klärung, wie Lebensweise als System
       praktischen Handelns  sich bildet,  woraus sie  ihre Anstöße ent-
       hält; Handeln erscheint primär als Ausfluß von (falschem) Bewußt-
       sein. Empirische  Argumentation soll vor allem belegen, inwiefern
       im  proletarischen  Lebenszusammenhang  für  den  Arbeiter  stets
       "zugleich mit seinen Erfahrungen die Blockierung dieser Erfahrun-
       gen festgebunden ist" (S. 26).
       Es wird  also nur  eine Seite der widersprüchlichen Determination
       proletarischen Lebens entfaltet - die Schaffung eigener Lebensbe-
       dingungen und  die aus den Lebensanforderungen notwendig angesto-
       ßene Praxis,  die Blockierungen  durchbrechen kann, haben im Kon-
       zept keinen Platz. Dies hängt sicher zusammen mit der undialekti-
       schen These,  daß die - Blockierungen der Erfahrung im proletari-
       schen Lebenszusammenhang...  nur alle gemeinsam als ganzes System
       aufzulösen sind  "(S. 65).  Die von  der  Arbeiterbewegung  ange-
       strebte Strategie,  durch Kampf um stärkere Einflußnahme (etwa im
       Bildungswesen)  mehr   Lebensbedingungen  zu  schaffen,  die  die
       Einsicht in die Notwendigkeit tiefgreifender Umwälzungen und eine
       entsprechende Praxis  fördern, die Dialektik von kapitalistischer
       Fremdbestimmung der  Lebensbedingungen und  aus  dem  notwendigen
       Widerstand dagegen  gespeister interessenbewußter "Produktion von
       Lebenszusammenhängen" (S.  28) durch  die Proletarier selbst wird
       nicht verfolgt.
       Das Konzept  des "proletarischen  Lebenszusammenhangs" vermittelt
       auf relativ hohem Abstraktionsniveau Einsichten vor allem in jene
       Tendenzen im  Arbeiterdasein, die  den  "Verblendungszusammenhang
       des Warenfetischs"  (S. 25)  reproduzieren; wo  man Probleme  der
       Enteignung von  Bedürfnissen der  Lohnarbeiter durch kapitalisti-
       sche Institutionen untersucht, wird man auf Negt/Kluge mit Gewinn
       eingehen.
       
       V. Probleme der Kritik gegenwärtiger Lebensweise
       ------------------------------------------------
       
       Bei der  Diskussion der  Thesen von  Lüdtke und Negt l Kluge sind
       wir mehrfach auf die Notwendigkeit gestoßen, vorfindliche Lebens-
       weise oder  Züge von ihr kritisch, jedoch nicht abstrakt normativ
       zu bewerten. Das Problem soll jetzt in der Auseinandersetzung mit
       positivistischen Auffassungen  weiter entwickelt  werden, um dann
       eigene methodische Überlegungen anzuschließen.
       
       Kulturrelativismus
       ------------------
       
       Fragen einer grundsätzlichen Auffassung der Lebensweise der Lohn-
       arbeiter werden auch dort behandelt, wo Sozialhistoriker und Kul-
       turpolitiker sich  heute mit  "Arbeiterkultur" beschäftigen.  Der
       hier verwendete  Kulturbegriff nimmt  die theoretischen  Konzepte
       der funktionalistischen  Kultursoziologie auf, indem Arbeiterkul-
       tur als ein Teilelement der gesellschaftlichen Gesamtkultur neben
       anderen Gruppenkulturen verstanden wird, die alle durch einen ge-
       meinsamen Fundus an Werten, Normen und Symbolsystemen zusammenge-
       halten sind  (zur Auseinandersetzung  mit den hieraus gefolgerten
       Thesen der Arbeiterkultur als Subkultur vgl. Groschopp 1977). Ich
       will nur auf das damit verbundene Bewertungsproblem eingehen.
       Häufig findet sich die These: "Unterschiedliche Kulturen in einer
       Gesellschaft entziehen  sich ebenso  wie die  kulturellen  Unter-
       schiede zwischen  Gesellschaften der  Einstufung auf  einer  kul-
       turellen Rangskala,  da diese Unterschiede nicht übereinander ge-
       lagerte 'Kulturstufen'  markieren, sondern die verschiedenartigen
       Lebensformen  von   Gruppen  bzw.  Gesellschaften  widerspiegeln"
       (Langewiesche 1979,  S. 40). Die Forderung nach kulturellem Rela-
       tivismus dient  oft der  Absicht, aufzuräumen  mit  der  elitären
       Ideologie, Kultur  habe nur,  wer an  den Werten und Ritualen der
       bürgerlichen Hochkultur teilhabe - das Volk hat keine, allenfalls
       abgesunkene Kultur.  Gruppenübergreifende Wertmaßstäbe werden ge-
       leugnet: "Alle  Kulturen dürfen...  nur aus  dem sozialen  Umfeld
       heraus, in  dem sie  entstanden und  nur aus der Sicht derer, für
       deren Unterhaltung, Erholung, Kommunikation und Bildung sie wich-
       tig sind, gesellschaftlich bewertet werden" (Hummel 1979, S. 3).
       Wo daraus  die Forderung erwächst, in der Kulturpolitik alle For-
       men der  Selbsttätigkeit und  des Selbstausdrucks der arbeitenden
       Menschen viel stärker als bisher zu fördern, wirkt sicher ein de-
       mokratischer Impuls. Er hat seine Grenzen jedoch dort, wo die ob-
       jektiven Lebens-  und Entwicklungsbedingungen die Grenzen für die
       Aneignung vorhandenen  gesellschaftlichen Reichtums  setzen: Bil-
       dungsprivileg und  verschleißende Arbeitsbedingungen sind nur ei-
       nige herausragende Faktoren, die der Lebensweise der Lohnarbeiter
       den Charakter  kultureller Unterdrückung geben (ausführlicher bei
       Maase 1978, S. 20ff.). In einer Gesellschaft kultureller Klassen-
       kämpfe und  sozialer Herrschaft  führt es  keineswegs zu wirklich
       gleichen Entwicklungschancen  für die  Lebensweise der  Arbeiter-
       klasse, wenn ich sie als gleichwertig, nur von ihren eigenen Vor-
       aussetzungen her bewertbar etikettiere - da eben diese Vorausset-
       zungen solche  der Beherrschung und des Ausschlusses von Entwick-
       lung sind.
       Eine Aufwertung  historischer und  aktueller Arbeiterkultur  wird
       sich in  der Bundesrepublik  positiv auswirken  auf das Selbstbe-
       wußtsein mancher  Arbeiter; es besteht jedoch in erster Linie die
       Gefahr, unter  der Losung eines kulturellen Pluralismus das gege-
       bene Unterdrückungsverhältnis  und die Dominanz der Kapitalinter-
       essen in  der gesellschaftlichen  Kultur festzuschreiben, den An-
       spruch der  Arbeiterklasse auf  den gesamten Reichtum und auf die
       Führungsrolle auch in der kulturellen Entwicklung zugunsten einer
       Selbstbeschränkung auf eher exotische Atikulation - speziell pro-
       letarischer Lebensweise"  aufzugeben. Der realen Entwicklung, den
       Widersprüchen, Triebkräften  und  Potenzen  der  Lebensweise  der
       Lohnarbeiter als  der mit den modernsten Produktivkräften und den
       fortgeschrittensten Formen  gesellschaftlicher Produktion verbun-
       denen Klasse wird man durch Verweise auf Mundart, Festtraditionen
       oder die Pflege eigenen Liedgutes nicht gerecht. Begründet stellt
       Kramer fest,  daß solche  Thesen dort  zynisch werden, "wo in der
       Art des  Kulturrelativismus diesen  Kulturen Gleichwertigkeit be-
       scheinigt wird ohne zu berücksichtigen, daß ihre Unterschiede auf
       so offensichtlichen  Unterschieden in  der Verfügung über den ge-
       sellschaftlichen Reichtum basieren" (1978 b, S. 32).
       
       Lebensweise der Lohnarbeiter als Produkt der Kapitalbewegung
       ------------------------------------------------------------
       Zur Beantwortung der Frage nach Maßstäben einer Kritik vorfindli-
       cher Lebensweise  scheint mir die These fruchtbar, daß die Arbei-
       terklasse der  BRD und ihre Lebensweise Produkte der kapitalisti-
       schen Vergesellschaftung,  präziser: der Entwicklung der Kapital-
       akkumulation sind.  Was bedeutet  diese  zunächst  ungeheuer  ab-
       strakte These konkreter? Sie verpflichtet, Lebensweise als System
       zu verstehen,  dessen einzelne Züge konsequent historisch aus den
       konkreten, vom Kapitalverhältnis gesetzten Bedingungen des Arbei-
       terlebens zu entwickeln sind. Das verlangt die Entfaltung der wi-
       dersprüchlichen Grundbestimmung  doppelt freier  Lohnarbeit  über
       Vermittlungsebenen wie  die damit  jeweils  historisch  gegebenen
       Zeitbudgetstrukturen, Bildungs-  und  Qualifikationsniveaus,  Ar-
       beitstätigkeiten und  ihre Auswirkungen, Erfahrungen des Klassen-
       gegensatzes im  Betrieb, das Verhältnis von Bedürfnissen und Löh-
       nen mit  den daraus folgenden widersprüchlichen Verhaltensauffor-
       derungen, soziale Beziehungen im Widerspruch der Tendenzen zu So-
       lidarität und Konkurrenz verhalten, Tendenz zur Organisierung, um
       Reproduktion und soziale Sicherheit zu verbessern usw.
       Die konkreten  Voraussetzungen der  Tätigkeit in Arbeit wie Frei-
       zeit sind  auch nur  zu verstehen aus der Kapitalbewegung heraus.
       Sie bestimmt  die betriebliche,  soziale und räumliche Verteilung
       der Arbeiterklasse,  reguliert Wohnungs- und Städtebau, Freizeit-
       und Medienangebote,  Konsumgüterproduktion und  Infrastruktur und
       setzt damit  die Lebensbedingungen,  auf die die Lohnarbeiter als
       einzelne wie  kollektiv durch  Modifizierung ihrer historisch er-
       worbenen Lebensweise  antworten. Für  die Betrachtung dieser Pro-
       zesse ist entscheidend, daß es sich nicht um mechanische Determi-
       nation handelt,  sondern daß  das Kapitalverhältnis notwendig die
       Aktivität der  Lohnarbeiter selbst  produziert, die  Reproduktion
       und Verkauf  ihrer Arbeitskraft  sichern wollen;  die Tendenz zur
       Veränderung vom Kapital gesetzter Lebensbedingungen durch die Ar-
       beiterbewegung wird  also wiederum vom Kapital selber hervorgeru-
       fen - und ihre konkreten Formen sind durch die gesamten kapitali-
       stischen Lebensbedingungen bestimmt.
       Es kommt  also darauf  an, in  den je konkreten Lebenstätigkeiten
       den Widerspruch aufzuspüren zwischen Erfüllung von Lebensfunktio-
       nen für  das Kapital, unter dem Zwang, sich den von ihm gesetzten
       Verhaltensanforderungen zu beugen, und der Tendenz zu individuel-
       ler und kollektiver Behauptung von Lebensansprüchen gegen die ka-
       pitalistischen Verhaltenszumutungen.  Das Maß  an Bewußtheit  und
       sozialistischer Orientierung  in der  Lebensweise verändert  sich
       mit der Entwicklung der Klassenkämpfe (die wiederum nicht zuletzt
       bestimmt wird durch die Fähigkeit der fortgeschrittensten Lohnar-
       beiter, Perspektiven  klassenbewußten Handelns zu entwickeln, die
       sich in  die gegebene  Lebensweise von ihresgleichen einfügen, an
       in der  Lebensweise enthaltenen  Ansprüchen, Werten,  Tätigkeits-
       strukturen anknüpfen).
       So dürfte  kein Gegensatz  zwischen Erklären und Bewerten aufkom-
       men: Die  Tendenz zu  Bewußtheit und  organisiertem Handeln gegen
       das Kapital  mit der  Perspektive seiner Überwindung, die Tendenz
       zur Bildung  als Klasse für sich, ist vom logischen Ausgangspunkt
       des marxistischen  Begriffs "Lebensweise  der  Lohnarbeiter"  her
       mitgedacht. Sie  wird jedoch nicht abstrakt von außen als Maßstab
       zur Bewertung  vorfindlicher Lebensweise angelegt; ihre Realisie-
       rung oder  Nichtrealisierung in  der gesamten, empirisch vorfind-
       lichen Lebensweise  wird analysiert, und aus dem Vergleich unter-
       schiedlicher Verwirklichung  von Bewußtheit  und  sozialistischer
       Orientierung durch verschiedene Gruppen der Lohnarbeiter kann man
       reale Verhaltensalternativen als Bewertungsgrundlage erschließen.
       So wird  sich ein historisch angemessenes Bild ergeben, was unter
       konkreten  Bedingungen  kapitalistischer  Lohnarbeit  als  bewußt
       klassenorientierte Lebensweise möglich ist.
       Marxistische Kulturwissenschaft  verfolgt in  der Entwicklung der
       Lebensweise die Entfaltung des Widerspruchs: Um sich für die Kon-
       sumtion ihrer  Arbeitskraft durch  das Kapital  reproduzieren  zu
       können, müssen  die Lohnarbeiter  sich gegen  die kapitalistische
       Tendenz zur  Zerstörung ihrer  Arbeitskraft zur  Wehr setzen. Sie
       verfolgt die  gesetzmäßige (heißt nicht: automatische, unzerstör-
       bare) Entwicklung  des Widerstands  zu Organisierung  und Bewußt-
       heit, zum  Kampf um die Umgestaltung der Produktions- und Lebens-
       verhältnisse, und  die Folgen,  die dies für Haltungen und Praxis
       im Alltag der ja nicht nur Kämpfenden hat.
       Sie geht  somit nicht  willkürlich vor, wenn sie als zukunftswei-
       send und  verallgemeinerbar all  jene Tendenzen herausstellt, die
       produktiv auf  Entwicklung und Praktizierung von Solidarität, Be-
       wußtheit und  Organisierung wirken - und sie ist nicht spontanei-
       stisch, wo sie in der Antwort der Arbeitermassen auf die Anforde-
       rungen und  Bedingungen der  modernen kapitalistischen Produktion
       Elemente des  Schöpferischen, historisch-sozial  Notwendigen  und
       von den  Subjekten zu Recht als befriedigend Erfahrenen, Bewerte-
       ten aufsucht  . So  leistet sie  auch einen Beitrag dazu, daß der
       bewußteste Teil  der Klasse  auf immer neuer Stufe den Widersprü-
       chen in  der Lebensweise  der Lohnarbeiter vorwärtsweisende Bewe-
       gungsformen schaffen kann.
       
       VI. Eine Schlüsselfrage: Neue Vermittlungsformen
       ------------------------------------------------
       von Privatheit und Öffentlichkeit
       ---------------------------------
       
       Marx hat  in "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" auf die Rolle
       von Kommunikation, Öffentlichkeit und Austausch hingewiesen, ohne
       die aus  einer Gruppe  von Menschen  in gleicher  objektiver Lage
       keine für  sich selbst  handlungsfähige Klasse  wird. Er schreibt
       über die  französischen Parzellenbauern: "So wird die große Masse
       der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleich-
       namiger Größen,  wie ein  Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack
       bildet. Insofern  Millionen von  Familien unter ökonomischen Exi-
       stenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und
       ihre Bildung  von denen  der ändern  Klassen  trennen  und  ihnen
       feindlich gegenüberstellen,  bilden sie eine Klasse. Insofern ein
       nur lokaler  Zusammenhang unter  den Parzellenbauern besteht, die
       Dieselbigkeit ihrer  Interessen keine Gemeinsamkeit, keine natio-
       nale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen er-
       zeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klas-
       seninteresse im  eigenen Namen...  geltend zu  machen. Sie können
       sich nicht  vertreten, sie  müssen vertreten  werden." (1960,  S.
       198)
       Angesichts der  allgemein festgestellten  Tendenz zur  Isolierung
       der Angehörigen  der Arbeiterklasse  voneinander in  der außerbe-
       trieblichen Lebensweise  scheint die  Entwicklung von Arbeiteröf-
       fentlichkeit(en) heute  eine Schlüsselstellung im Prozeß der Bil-
       dung zur Klasse für sich einzunehmen. Dabei verbietet die wissen-
       schaftliche Entwicklung  der Lebensweise  aus der Kapitalbewegung
       die Fixierung auf vergangene Muster bewußter Arbeiterkultur. Dies
       gilt gerade  für das  Verhältnis zwischen Tendenzen gegenseitiger
       Abkapselung, des  Privatismus also,  und Tendenzen zur Kommunika-
       tion mit  der Perspektive einer Arbeiteröffentlichkeit. Was viel-
       fach an  Formen dominierender  Privatheit konstatiert  wird,  ist
       nicht einfach mit dem Fehlen einer kämpferischen Arbeiterbewegung
       zu erklären. Auch eine klassenbewußte und hochorganisierte Arbei-
       terbewegung wird  in der Bundesrepublik schöpferisch neue Antwor-
       ten auf  veränderte Lebensbedingungen entwickeln müssen, die tra-
       ditionellen  Formen  der  Arbeiteröffentlichkeit  die  materielle
       Grundlage und Notwendigkeit entzogen haben: Auflösung gewachsener
       Arbeiterviertel zugunsten von durchmischten Wohngebieten fern vom
       Arbeitsplatz; Trend  aus den  großen Städten  in Stadtrandviertel
       und Pendlergemeinden; größere Mobilität der Familien, Fluktuation
       in Betrieben und Wohngebieten; Mietwohnung nicht als einziger Re-
       gelfall, reale  Möglichkeit des  Eigenheims; Möglichkeit und Not-
       wendigkeit, das  gemütliche Heim als Zentrum der Reproduktion der
       Arbeitskraft zu  gestalten,  einschließlich  des  Anschlusses  an
       weltweite Kommunikationssysteme;  Aufhebung vieler äußerer Diffe-
       renzierungen  und   Trennungen  der   Arbeiterschaft  von   ihren
       "sozialen Nachbarn"  (unter den zur Arbeiterklasse gehörenden An-
       gestellten- und  Beamtengruppen wie unter den lohnabhängigen Mit-
       telschichten) - damit entfällt weitgehend die Tendenz zur selbst-
       verständlichen Ausgrenzung aus den Verkehrskreisen dieser Schich-
       ten, und  es kam  zu einer  weitgehenden Einebnung selbstbewußter
       Arbeitervereinskultur nach 1945.
       Kneipe, Volkshaus,  Stempelstelle, Arbeiterverein,  kommunikative
       Plätze in  der Arbeitersiedlung,  die bis 1933 je spezifisch zwi-
       schen Privatleben  und Arbeiterbewegung  vermittelten, fallen als
       Orte für Öffentlichkeit weitgehend aus - es werden sich neue For-
       men herausbilden.  Aber selbst wenn man Recks These zustimmt, daß
       - Häuslichkeit zu einer allgemeinverbindlichen Verhaltensnorm ge-
       worden ist"  (1977, S.  195), folgt  daraus nicht  notwendig  ein
       "Schwund politischen  Bewußtseins" (S.  197 f.)  in der  außerbe-
       trieblichen Lebensweise. Denn, mit Verret zu sprechen, die verän-
       derte Fabrik  verändert das  Haus. Konflikt-  und  Kampferfahrung
       etwa aus  dem Betrieb bringen neue Themen und Maßstäbe in die fa-
       miliären Gespräche, können kritischere Auseinandersetzung mit den
       Massenmedien fördern,  den Bekanntenkreis  verändern usw.  In der
       Tendenz wird  damit auch  der Verabsolutierung von "Häuslichkeit"
       entgegengewirkt.
       Ich möchte vermuten, daß neben dem Ausbau betriebsbezogener Komu-
       nikation der  Arbeiter kommunale Angebote und Betätigungsmöglich-
       keiten, organisiert  unter starkem  Einfluß der Arbeiterbewegung,
       eine wachsende  Rolle spielen  werden (Jugendzentren.  Volkshoch-
       schulveranstaltungen, Stadtteil- und Straßenfeste, dezentrale So-
       zial- und  Kulturarbeit in den Wohngebieten als Kristallisations-
       kerne). Denn in dem Maß, in dem der erfolgreiche Kampf der Arbei-
       terbewegung die  g e s e l l s c h a f t l i c h e  Schaffung von
       Reproduktionsbedingungen durchsetzt,  diese also  nicht mehr  von
       der Arbeiterbewegung  in eigenen  Massenorganisationen  aufgebaut
       werden müssen,  entfällt eine  weitere wesentliche  Grundlage der
       historischen Arbeiterkulturbewegung,  muß sich der Kampf vielmehr
       auf die  Gestaltung der gesellschaftlichen Infrastruktur und Kul-
       tur richten. Entsprechende Formen der Dialektik von autonomer Or-
       ganisierung und  Kampf um progressive und produktive Lebensbedin-
       gungen für  die Massen  bilden sich  mit der praktischen Reaktion
       auf neue  Bedingungen der  Arbeiterbewegung heute allerdings erst
       ansatzweise heraus.
       
       VII. Literatur
       --------------
       
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       WILLIAMS, Raymond,  Gesellschaftstheorie als  Begriffsgeschichte,
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       _____
       *) Die behandelten und zitierten Titel werden im Text des Beitra-
       ges nur  in Kurzform  nachgewiesen. Es wird nur der Name des ent-
       sprechenden Autors,  das Erscheinungsjahr  des Titels  und ggfls.
       die Seitenzahl  angegeben. Die  ausführliche Titelangabe  erfolgt
       (alphabetisch) am Ende des Beitrags in Abschnitt VII. Literatur.
       1) Eine Ausnahme  bilden allenfalls  kritische Positionen der So-
       zialisationsforschung, auf  die  hier  nicht  eingegangen  werden
       kann.
       2) Eine wissenschaftliche  Auffassung der heutigen Arbeiterklasse
       ist entwickelt  und angewandt in der Studie "Klassen- und Sozial-
       struktur der BRD 1950-1970" (IMSF 1972, 1973).
       3) Man lese nur etwa die vielen heute zugänglichen autobiographi-
       schen Dokumente  von Arbeitern oder die Äußerungen bei Levenstein
       (1912).
       4) Allerdings  zeigt  sich  auch  eine  problematische  Seite  in
       Williams Auffassungen von Lebensweise: Die Arbeiterorganisationen
       erscheinen eher  als Verkörperung  kollektivistischer Weltauffas-
       sung denn  als Zusammenschlüsse  , die  von den  Bedingungen  der
       Lohnarbeit selbst erzwungen werden, um die gleichfalls in die Le-
       bensweise hineinwirkende Tendenz zur Konkurrenz zurückzudrängen.
       5) Ein derartiges  Vorgehen ist  vor Fehleinschätzungen nicht ge-
       feit; so  etwa, wenn Diligenski unter Verweis auf die konkret-ge-
       genständliche Denk-  und Erkenntnisweise  der  Arbeiter  annimmt:
       "Die Natur  des Fernsehens selbst enthält Erkenntniselemente, die
       nicht einmal  durch die tendenziöseste Orientierung der Programme
       völlig aufgehoben werden können" (S. 173).
       6) Der Bruch  zwischen aufschlußreicher Analyse und willkürlicher
       Verkündung einer  spontaneistischen Perspektive  für die  heutige
       Arbeiterbewegung der  Bundesrepublik beeinträchtigt zum Glück den
       Gebrauchswert für den eigenständigen Leser kaum.
       7) Die schlechter  qualifizierten Gruppen  der Arbeiterklasse mit
       geringer Kampf-  und Organisationserfahrung bilden auch unter den
       Bedingungen der  Bundesrepublik ein  äußerst wichtiges  Potential
       der Arbeiterbewegung.
       

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