Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       DAS INSTITUT FÜR MARXISTISCHE FORSCHUNGEN (I.R.M.) *) PARIS
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       Roger Martelli
       
       1. Die  Zielsetzung des  Instituts für Marxistische Forschungen -
       2. Arbeitsperspektiven.
       
       1. Die Zielsetzung des Instituts für Marxistische Forschungen
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       Die  Schaffung   des  Instituts   für  Marxistische   Forschungen
       (Institut de  Recherches Marxistes - I.R.M.) geht auf den im Juni
       1979 vom  Zentralkomitee der Französischen Kommunistischen Partei
       gefaßten Beschluß  zurück, das  (1959 gegründete) Centre d'Etudes
       et de  Recherches Marxistes  und das  (1966 gegründete)  Institut
       Maurice Thorez zu einem neuen Zentrum zu vereinigen. Das neue In-
       stitut wurde  am 19.  Oktober 1979 von seiner Leiterin, Francette
       Lazard, der  Öffentlichkeit offiziell  vorgestellt. Am  1. und 2.
       Dezember diskutierte  eine Versammlung  mit fast 1500 Teilnehmern
       über die  Konzeption des  I.R.M., die  globale Ausrichtung seiner
       Arbeit und  die  für  ihre  praktische  Durchführung  notwendigen
       Strukturen.
       Das Betätigungsfeld  des I.R.M.  ist groß, erfährt seine grundle-
       gende Strukturierung  aber durch den Bezug zur Strategie der FKP.
       Die im  I.R.M. durchgeführte Forschung findet die Logik ihrer Or-
       ganisation und  ihres Arbeitsrhythmus ausschließlich in ihren ei-
       genen wissenschaftlichen  Bedingungen. Jedoch liegt ihr allgemei-
       ner und  letzter Zweck  nicht in  ihr selbst. Das I.R.M. will auf
       die "Fragen  antworten, die  aus einer  gesellschaftlichen Praxis
       erwachsen, welche  selbst einen besonderen Charakter hat"; es ist
       ein "Zentrum  für Marxistische  Forschungen, das  sich direkt mit
       den großen  theoretischen Fragen  auseinandersetzt, die durch die
       Anwendung der neuen Strategie der FKP aufgeworfen werden" (F. La-
       zard am 19. Oktober).
       Die Organisierung  der Institutsaktivitäten nach Arbeitsbereichen
       ist nicht  willkürlich, sondern  ergibt sich aus einer vorherigen
       Analyse der Ziele der Forschung und ihrer Mittel: Sie erlaubt es,
       wesentliche Probleme  bei der  Erkenntnis der  gesellschaftlichen
       Realität zu  bestimmen, die  Herangehensweisen erfordern,  welche
       gleichzeitig breit  gefächert und  im ganzen Institut miteinander
       verbunden sind.
       Im I.R.M.  gibt es  im Augenblick 6 Arbeitsbereiche: französische
       Gesellschaft; historische  Bewegung der Gesellschaftsformationen;
       internationales Leben;  Krise der  Lebensweisen und der menschli-
       chen Beziehungen,  individuelle Befreiung  und soziale Befreiung;
       Wissenschaft und Technik, gegenwärtiger Stand und vorausschauende
       Einschätzung ihrer Bewegung und ihrer sozialen Implikationen; die
       Dynamik der  Erkenntnisse, Marxismus und Philosophie in ihrer Ge-
       schichte und Perspektive.
       Jeder Bereich  bestimmt seine eigenen Arbeitsschwerpunkte, stellt
       seine Forschungsteams  auf. Die Verbindung zwischen den Bereichen
       wird auf  mehrere Arten  hergestellt werden:  auf der  Ebene  der
       Gruppen, die ein und dasselbe Thema oder ähnliche Gegenstände be-
       arbeiten, jedoch in verschiedenen Epochen oder nach verschiedenen
       Ansätzen, wobei  ihre Arbeiten  im Rahmen  der Buchausgaben  oder
       Zeitschriften publiziert  werden, die  - in  jeweils spezifischer
       Weise -  mit dem  I.R.M. verbunden  sind (bereits jetzt La Pensee
       und Les  Cahiers d'Histoire);  schließlich durch Studientage oder
       Kolloquien (für  1980 sind  zwei Veranstaltungen vorgesehen: über
       die Selbstverwaltung;  über das  Verhältnis der FKP zur französi-
       schen Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart).
       
       2. Arbeitsperspektiven
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       Die Organisationsformen der Arbeit werden sich in dem Maße verän-
       dern, wie  sich die  Forschungstätigkeit konkret entwickeln wird;
       auf jeden  Fall machen  sie bereits jetzt die Aufnahme der Arbeit
       möglich. Nach  dem Treffen  von Anfang Dezember wurden ein erstes
       Bündel von  Vorschlägen zur  feineren Strukturierung  der  Arbeit
       vorgelegt und  einige Arbeitsschwerpunkte  definiert. Wir  werden
       sie nach Bereichen aufführen.
       
       Bereich "Französische Gesellschaft"
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       Bestimmte Fragenkomplexe  werden im  Rahmen von 5 ziemlich großen
       Arbeitskollektiven genauer  untersucht werden,  die die Tätigkeit
       kleinerer Arbeitsgruppen koordinieren werden:
       - die Untersuchung  der sozialen Klassen, die ausgehend von allen
       Faktoren durchgeführt  wird, die  für die Erfassung der verschie-
       denen Ebenen  notwendig sind,  auf denen sich die innere Kohärenz
       der sozialen Gruppen herausbildet (Arbeitsprozeß, Stellung in der
       Produktionsweise, Konsumtionsformen, Art und Höhe des Einkommens,
       Zugehörigkeitsgefühl, ideelle  oder an  Symbolen orientierte Vor-
       stellungswelt usw.);
       - die Untersuchung der verschiedenen Aspekte der politischen Pro-
       zesse wird  die Analyse der Verhaltensweisen, wie sie in den Mei-
       nungen, im Wählerverhalten, in der politischen Aktivität zum Aus-
       druck kommen, aber auch in den verschiedenen Formen gesellschaft-
       licher Praxis  wirksam werden,  mit der Analyse der verschiedenen
       Arten von  politischen und gewerkschaftlichen Verbänden und Orga-
       nisationen verbinden;
       - der Staatsapparat  wird unter dem Gesichtspunkt seines Funktio-
       nierens auf  zentraler und lokaler Ebene, seiner Verbindungen mit
       den Klassen und ihren Kämpfen untersucht werden; ebenso unter dem
       Gesichtspunkt seiner gesamtgesellschaftlichen Rolle;
       - bei der  Analyse des  Funktionierens der  französischen Gesell-
       schaft kann man außerdem unmöglich die verschiedenen Ebenen außer
       acht lassen,  auf denen  sich eine  lokale und regionale Kohärenz
       herausbildet und  die im  nationalen Rahmen miteinander verquickt
       sind;
       - das Begreifen  der Struktur  und Entwicklung  der französischen
       Gesellschaft setzt  schließlich gründlichere  Kenntnisse über den
       französischen Produktionsapparat  und das  gesamte Wirtschaftssy-
       stem voraus.
       
       Bereich "Historische Bewegung der Gesellschaftsformationen"
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       Dieser Bereich  setzt sich das Ziel, einige große Themen des Den-
       kens und Forschens zu behandeln:
       - die langfristige Entwicklung der französischen Gesellschaft;
       - die verschiedenen  Aspekte oder  "Momente" des sozialen Lebens:
       die Produktivkräfte  und  die  Produktionsverhältnisse  in  ihrer
       Wechselbeziehung; der  Staat, die politischen Phänomene, die Par-
       teien einschließlich  der FKP,  die "Mentalitäten", die Kulturen,
       Ideologien, subjektiven Vorstellungen usw.;
       - die Einheit der Gesellschaftsformationen und ihre langfristigen
       und kurzfristigen  Bewegungen (Reproduktion,  Widerspruch,  Krise
       und Übergang);
       - die Vereinheitlichungs- und Differenzierungsprozesse des sozia-
       len Lebens.  Kann man  die spezifischen  Merkmale  einer  gesell-
       schaftlichen Formation zu einem gegebenen Zeitpunkt erfassen, und
       wie kann  man es? Wie kann man die Beziehungen von Gesellschafts-
       formationen untereinander erfassen?
       - die Geschichte und die geschichtliche Darstellung: ihre soziale
       Funktion, ihre Rolle bei der Entstehung der Vorstellungen und Be-
       wußtseinsformen;
       - schließlich die  Geschichtswissenschaft, ihre Grundbegriffe und
       ihre Instrumente.
       Diese großen  Themen, die jede theoretisch bedeutsame historische
       Reflexion auf  sich ziehen, werden auf der Grundlage exakter For-
       schungsarbeiten behandelt werden, die im Rahmen von zu großen ge-
       schichtlichen Perioden gebildeten Arbeitskollektiven durchgeführt
       werden. Ausgehend  von diesen  exakteren Arbeiten  werden Bespre-
       chungen in  größerem Maßstab  organisiert werden, die mehrere Ar-
       beitsgruppen oder  mehrere Kollektive umfassen. Aber diese Veran-
       kerung in  bestimmten historischen  Perioden muß  es erlauben, zu
       abstrakte Erörterungen,  die Gegenüberstellung  von geschlossenen
       historischen Interpretationssystemen  sowie die zu starke Parzel-
       lierung und Spezialisierung zu vermeiden.
       
       Bereich "Internationales Leben"
       -------------------------------
       
       Er gliedert sich in folgende große Kollektive:
       - "Imperialismus": der französische Imperialismus und die anderen
       Imperialismen, die  interimperialistischen Beziehungen  in  ihrer
       Umstrukturierung, die  Strategie gegenüber  der Dritten Welt, die
       Formen supranationaler  Integration, auch  auf ideologischem  und
       politischem Gebiet;
       - das Kollektiv-Sozialismus"  wird den bestehenden Sozialismus in
       seiner Gesamtheit  und seiner  Vielfalt, die Beziehungen zwischen
       den sozialistischen Ländern und die Beziehungen dieser Länder mit
       der übrigen Welt untersuchen;
       - die Frage  "Neue internationale  Ordnung" könnte  ausgehend von
       ihren  gegenwärtigen  (ökonomischen,  technologischen,  landwirt-
       schaftlichen, kulturellen)  Bedingungen, der soziopolitischen Si-
       tuation  der  nationalen  Befreiungsbewegungen,  den  notwendigen
       Grundlagen der Beherrschung der internationalen Beziehungen ange-
       gangen werden  (Koexistenz, Kämpfe, Blockfreiheit, Nation, Koope-
       ration, internationale Gremien, Völkerrecht, Abrüstung usw.).
       
       Bereich "Krise der Lebensweisen und der menschlichen Beziehungen,
       -----------------------------------------------------------------
       individuelle Befreiung und soziale Befreiung"
       ---------------------------------------------
       
       Dieser Bereich,  der die realen Individuen zu seinem spezifischen
       Untersuchungsgegenstand macht,  orientiert seine  Tätigkeit auf 9
       Arbeitsschwerpunkte:
       - die Frauenbewegung:  Ursachen der  Ungleichheit, Bewegungen der
       Frauen zur  Erkämpfung ihrer  Befreiung, Arbeiterbewegung, Frauen
       im Arbeitsprozeß, Hausarbeit, Neuverteilung der Männer- und Frau-
       enrolle, neue Paar-Beziehungen, Sexualität usw.;
       - die Familie:  Veränderung der Institution Familie, ihr Verhält-
       nis zum  Staat, zur Gesellschaft, ihr Platz im Prozeß der ideolo-
       gischen Reproduktion  und der  Sozialisation des Kindes; die zwi-
       schenmenschlichen Beziehungen im Rahmen der Familie;
       - die menschlichen Beziehungen bei der Arbeit: der Betrieb, seine
       Trennung schaffenden  und Trennung  aufhebenden Prozesse und ihre
       Auswirkungen auf die Persönlichkeit;
       - das Verhältnis  zwischen "Anthroponomie" und Ökonomie, zwischen
       der Entwicklung  der Produktivkräfte und den konkreten Individuen
       in ihrer  Gesamtheit anhand der Untersuchung der Lebensweisen und
       der Formen gesellschaftlicher Praxis;
       - Biographie(n): das  Verhältnis zwischen  Individualität und den
       gesamten gesellschaftlichen Verhältnissen;
       - die Sprache im Frankreich der Krise;
       - die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse;
       - die Konstituierung der Persönlichkeit des Kindes;
       - die Krise der interpersonellen Beziehungen.
       
       Bereich "Wissenschaft und Technik"
       ----------------------------------
       
       Seine Struktur  wird aus  drei Arbeitsbereichen  gebildet, um die
       herum sich Gruppen organisieren:
       - Kraftlinien der  wissenschaftlichen Erkenntnis;  vorläufig  ob-
       liegt es  einer Gruppe,  eine Bilanz und Prognose der allgemeinen
       Bewegung der Wissenschaft zu geben;
       - soziale Implikationen der Wissenschaft; vier Gruppen werden die
       folgenden Themenkomplexe  bearbeiten: Biologie  und Gesellschaft,
       der  Mensch   und  die   Natur,  die   Organisation  des  Wissens
       (Forschungsmethoden, kulturelle Aneignung der Wissenschaft usw.),
       Informatik;
       - Wissenschaft, Technik  und die Entwicklung der Produktivkräfte:
       die Technologien, die "wissenschaftlich-technische Revolution".
       
       Bereich "Dynamik der Erkenntnisse"
       ----------------------------------
       
       Er hat vier allgemeine Seminare vorgesehen:
       - Nationalität(en) heute: philosophische Kategorien und Ausarbei-
       tung  der   Erkenntnis  in  der  wissenschaftlichen  Praxis;  das
       "Werden" des Positivismus; die Theorie der Modelle;
       - Wissenschaft, Wissen,  gesellschaftliche  Praxis,  Politik  und
       Ideologie; die Gruppe, die bereits zu dem Thema "Mathematik, Wis-
       senschaft und  Ideologie" gebildet  wurde, könnte  durch  analoge
       Gruppen ergänzt  werden, die  sich mit den anderen Wissenschaften
       befassen; die Frage des Verhältnisses zwischen wissenschaftlicher
       Erkenntnis und  staatlicher Gewalt könnte in den Bereichen Infor-
       matik, Medizin und Psychiatrie etc. untersucht werden;
       - Marxismus und  Philosophie: dieses  Seminar würde  gleichzeitig
       die Frage  der Philosophie  im Marxismus und des Marxismus in der
       Philosophie behandeln.  Bereits vorgeschlagene Themen: Engels und
       der Neukantianismus,  die Frankfurter  Schule, Ernst  Bloch,  der
       Marxismus der  60er Jahre,  die Kategorien Wesen und Widerspruch,
       Dialektik der Natur...;
       - theoretische Probleme  des  Begriffspaares  subjektiv/objektiv;
       der kreative,  imaginäre Charakter der Sprache; die Symbolik, die
       religiöse Dimension  (die Praxis,  das Erleben); das Erlebte, das
       Vorgestellte, das  Subjektive in  der Psychoanalyse;  das Problem
       der Moral (Praxis, Klassen, Verhaltensweisen, Werturteile).
       Der Aufbau  dieses ehrgeizigen Programms beginnt nicht beim Null-
       punkt: er kann auf frühere, im Rahmen des C.E.R.M. und des Insti-
       tuts Maurice Thorez durchgeführte Arbeiten zurückgreifen; auf der
       anderen Seite stützt es sich auf eine Forschungsmethode, die zwar
       nicht mit  einem vereinfachenden  "Monolithismus"  gleichzusetzen
       ist, aber  eine in  sich geschlossene und einheitliche Vorgehens-
       weise darstellt.
       
       _____
       *) Entnommen aus: La Pensee, Paris, Nr. 211, 1980 (gekürzt) Über-
       setzung: Ilse Utz
       

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