Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       PRODUKTIVKRAFTENTWICKLUNG, AUTOMATION
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       UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG
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       Bemerkungen zur Polemik von Frigga Haug
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       Lothar Peter
       
       Theoretische Probleme  des Konzepts der "wissenschaftlich-techni-
       schen Revolution" - "Allmacht der Produktionsverhältnisse"? - Ge-
       gen eine  einseitige Fassung  des "Primats der Produktivkräfte" -
       Determinanten der  gesellschaftlichen Arbeit - Aufgaben marxisti-
       scher Analyse
       
       Das IMSF  hat mir  freundlicherweise Gelegenheit gegeben, zur Re-
       plik von  Frigga Haug  auf meinen  Beitrag im Jahrbuch 2/1979  1)
       Stellung zu nehmen. Es würde mir nicht schwerfallen, F. Haugs Po-
       lemik im  gleichen Stil  zu erwidern.  Aber wer hätte schon etwas
       davon? Statt dessen will ich versuchen, an einigen Punkten aufzu-
       zeigen, worin der sachliche Gehalt der Kontroverse besteht.
       Meine Bemerkungen  zum Begriff  der  wissenschaftlich-technischen
       Revolution bezogen  sich hauptsächlich  auf Probleme, wie sie zum
       Beispiel in  der Diskussion  zwischen Jürgen  Kuczynski, Wolfgang
       Jonas und Rolf Sonnemann über die Periodisierung der kapitalisti-
       schen Produktivkraftgeschichte behandelt worden sind. 2)
       Der Periodisierungsversuch Kuczynskis, der zwischen nicht weniger
       als vier  "Revolutionen der  Produktivkräfte" in  der Entwicklung
       des Kapitalismus  unterscheidet, wirft  unvermeidlich  die  Frage
       auf, wie  sich die  spezifisch revolutionäre Qualität von Produk-
       tivkraftveränderungen begründen läßt, wenn sich diese Veränderun-
       gen innerhalb  eines Prozesses vollziehen, der seinerseits insge-
       samt durch  eine "fortwährende  Umwälzung der  Produktion" (Marx)
       geprägt ist.
       
       Theoretische Probleme des Konzepts der
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       "wissenschaftlich-technischen Revolution"
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       Des weiteren  scheint es  mir schwierig zu sein, die theoretische
       Erklärungsfunktion des  Begriffs der wissenschaftlich-technischen
       Revolution für  die Erkenntnis  der Entwicklungsbedingungen  bzw.
       Schranken der  Produktivkräfte im  Kapitalismus genau zu definie-
       ren. Durchbricht  - um  diese Schwierigkeit in zwei Fragen auszu-
       drücken - die Dynamik der gegenwärtigen, insbesondere von Automa-
       tion gekennzeichneten  Produktivkraftbewegung notwendig die kapi-
       talistischen Produktionsverhältnisse? Oder ist die bestehende ka-
       pitalistische Produktionsweise  selbst so entwicklungs- und adap-
       tionsfähig, daß sie zukünftig weitere wiederum als "revolutionär"
       zu bezeichnende  Veränderungen der gesellschaftlichen Arbeit oder
       auch nur  einzelner ihrer Momente hervorbringen kann? Mir scheint
       der Begriff des "kapitalistisch bestimmten wissenschaftlich-tech-
       nischen Fortschritts"  den  Möglichkeiten  einer  zukünftig  sehr
       langwierigen und  komplizierten Entwicklung des Widerspruchs zwi-
       schen den Produktivkräften und ihren kapitalistischen Aneignungs-
       formen besser  Rechnung zu  tragen als  der Begriff  der  wissen-
       schaftlich-technischen Revolution,  der, aus  welchen Gründen  im
       einzelnen auch immer, häufig die etwas mechanistische Vorstellung
       einer absoluten  "Obergrenze" der Anpassungsfähigkeit der kapita-
       listischen Produktionsverhältnisse  hervorruft. Die  Folge  davon
       können vereinfachende  Vorstellungen über  die politischen Bedin-
       gungen des  Übergangs zum Sozialismus sein. 3) Liegt nicht gerade
       darin  jene   von  F.  Haug  beschworene  Gefahr  der  "Begriffs-
       garantien", mit  Hilfe derer  sich das  Denken gegen die Realität
       gesellschaftlicher Prozesse immunisieren kann?
       Thesen wie  die, daß  die wissenschaftlich-technische  Revolution
       notwendig in eine "Revolution der Produktion" übergehen müsse 4),
       die allerdings schon nicht mehr innerhalb des Kapitalismus reali-
       sierbar sei,  sind zumindest  zu unbestimmt,  als daß sie verkür-
       zende politische  Ableitungen über  die Funktionen der Produktiv-
       kraftentwicklung für  die historische  Herausbildung einer  neuen
       Gesellschaftsformation ausschließen könnten.
       Gleichwohl gibt  es zwischen der von vielen Marxisten vertretenen
       Theorie der  wissenschaftlich-technischen Revolution  und dem von
       mir vorgeschlagenen  Begriff des  "kapitalistisch bestimmten wis-
       senschaftlich-technischen Fortschritts"  in wesentlichen  Punkten
       Übereinstimmungen, die  zugleich den  gemeinsamen Unterschied  zu
       Paradigmen der nichtmarxistischen Produktivkrafttheorie hervorhe-
       ben. Auch  ich sehe, wie die Theorie der wissenschaftlich-techni-
       schen Revolution,  in der  systematischen  Verwissenschaftlichung
       der Produktion  und in  der Übertragung nichtschöpferischer Rege-
       lungs- und  Steuerungsfunktionen auf  maschinelle  Aggregate  die
       wichtigsten Charakteristika  der modernen Produktivkraftbewegung,
       die eine  tiefgreifende Veränderung  der Stellung des Menschen im
       Produktionsprozeß einleitet.  Mit der  Theorie der  wissenschaft-
       lich-technischen Revolution  stimme ich  auch darin  überein, daß
       der Kapitalismus  aufgrund seiner  ökonomischen Gesetzmäßigkeiten
       prinzipiell  nicht   fähig  ist,   die  weitere   Entfaltung  der
       Produktivkräfte ohne  sozialökonomische Krisen  zu gewährleisten,
       was zugleich  die Notwendigkeit  des  Übergangs  zum  Sozialismus
       erklärt.
       Frigga Haug  jedoch glaubt  in meinem Vorschlag, die gegenwärtig,
       durch Verwissenschaftlichung  und  Automation  geprägte  Entwick-
       lungsphase der  Produktivkräfte im  Kapitalismus  als  "kapitali-
       stisch bestimmten  wissenschaftlich-technischen  Fortschritt"  zu
       bezeichnen, einen  unumstößlichen Beweis dafür entdeckt zu haben,
       daß ich den kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine totale
       formationsspezifische  Determinationsmacht  über  die  Produktiv-
       kräfte zuspreche.  Unter dem  von  mir  verfügten  -  Diktat  der
       Verhältnisse" , dem starren "Primat der Produktionsverhältnisse",
       sei, wie F. Haug mich verstanden wissen will, die Entwicklung der
       Produktivkräfte bis  zur "Stillegung"  paralysiert. Übrig bleibe,
       da mir  die Verneinung der revolutionären Potenzen der heute sich
       vor allem  in der  Automationsarbeit entfaltenden Produktivkräfte
       den Blick  für das  Neue  und  "Vorwärtsweisende"  verstelle,  in
       meinem Beitrag  nur  der  ebenso  hilflose  wie  voluntaristische
       Appell  an   die  Arbeiterbewegung,   sich  politisch  gegen  die
       Herrschaft  des  Kapitals  aufzubäumen.  Indem  ich  die  Formbe-
       stimmtheit der  Produktivkräfte verabsolutiere,  sei ich nicht in
       der Lage,  die materiellen  Bedingungen zu  erkennen,  auf  deren
       Grundlage es  der Arbeiterbewegung  überhaupt erst möglich werde,
       den Widerspruch  zwischen der  Vergesellschaftung der  Produktion
       und ihrer kapitalistischen Aneignung seiner revolutionären Lösung
       entgegenzuführen.
       
       "Allmacht der Produktionsverhältnisse"?
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       Trifft es  nun zu,  wie F.  Haug schreibt, daß ich mich von einer
       Allmacht der  Produktionsverhältnisse blenden lasse? Übergehe ich
       tatsächlich die  im Fortschritt  der Produktivkräfte wirksam wer-
       denden Impulse für die Praxis des Klassenkampfes? Sehe ich in den
       Produktivkräften nur  noch, wie F. Haug mir vorwirft, das Formbe-
       stimmt-Negative: Massenarbeitslosigkeit,  Lohnabbau, Entfremdung,
       Dequalifizierung, Taylorisierung und wachsende Arbeitsmühe?
       F. Haug schreibt: "Peter versteht offensichtlich unter dem Wider-
       spruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß der
       Kapitalismus die  Produktivkräfte hemmt.  Das ist  aber ein  sehr
       vereinfachendes Widerspruchsdenken.  Denn in  Wirklichkeit  hemmt
       der  Kapitalismus   die  Produktivkräfte   und   entwickelt   sie
       zugleich." 5)  Genau das  aber habe ich selbst auch in meinem in-
       kriminierten Beitrag  geschrieben. Es  heißt dort,  um  nur  eine
       Stelle zu zitieren, wörtlich: "Aber der Widerspruch zwischen Pro-
       duktivkräften und  Produktionsverhältnissen reproduziert  sich in
       der konkret-historischen  Bewegung  der  Produktivkräfte  selbst:
       ebenso wie  der Kapitalismus  ständig neue  produktive  Potenzen,
       neue effektivere  Arbeitsmittel, Werkstoffe und Technologien her-
       vorbringt, vergeudet  und vernichtet er tagtäglich enorme Produk-
       tivkräfte." 6)  Die Unterschiede  zwischen F. Haug und mir können
       also kaum, wie sie meint, darin liegen, daß sie die revolutionäre
       Dynamik der Produktivkräfte hochhält, während ich auf der Behaup-
       tung einer,  durch die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse
       besiegelten totalen  Stagnation der Produktivkräfte beharre. Wenn
       ich es  richtig sehe, gehen wir vielmehr gemeinsam davon aus, daß
       der Kapitalismus  sowohl die für den Übergang zum Sozialismus er-
       forderliche materiell-technische Basis schafft als auch jene Ver-
       gesellschaftungsformen der Arbeit erzeugt, die sich nur unter so-
       zialistischen Produktionsverhältnissen  frei von Antagonismen und
       Krisen fortentwickeln können, was jedoch nicht bedeutet, daß spe-
       zifische, historisch vorgegebene Produktivkraftelemente unter so-
       zialistischen Produktionsverhältnissen schlagartig die Arbeitsbe-
       dingungen und gesellschaftlichen Beziehungen der Produzenten ver-
       ändern. Die  dem Sozialismus  adäquaten Produktivkräfte entfalten
       sich, wie zum Beispiel der vergleichsweise niedrige Stand der Au-
       tomation, der  gegenwärtig sogar  steigende Umfang von Schichtar-
       beit und  Diskrepanzen zwischen der Entwicklung des gesellschaft-
       lichen Produktionsapparates  und der  Qualifikationsstruktur  des
       gesellschaftlichen "Gesamtarbeiters"  in einem  Land wie  der DDR
       illustrieren, in einem sehr schwierigen und mühsamen Prozeß, denn
       die Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse verbürgt
       keinen abrupten,  sich über  die stofflichen  Besonderheiten  der
       Produktivkräfte hinwegsetzenden  Umschlag der  Arbeitsbedingungen
       und sozialen Beziehungen der Produzenten in ihrer Arbeit.
       
       Gegen eine einseitige Fassung des "Primats der Produktivkräfte"
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       Während ich  in diesen Punkten keine gravierenden Divergenzen der
       Auffassung von  F. Haug  zu  meinen  eigenen  Überlegungen  sehe,
       scheint mir  jedoch zwischen  uns strittig zu sein, ob die gegen-
       wärtig konkreten  Erscheinungsformen der Produktivkräfte im Kapi-
       talismus als  revolutionär bezeichnet  werden können. F. Haug be-
       teuert zwar,  daß sie keineswegs einem "Fortschrittsautomatismus"
       das Wort reden wolle, wenn sie - im Gegensatz zu mir - am "Primat
       der Produktivkräfte"  festhalte, aber  ihre Darstellung  tendiert
       dahin, den  "revolutionären Charakter"  der Automationsarbeit  in
       einem sehr  unmittelbaren, verkürzendem  Sinn  mit  grundlegenden
       Veränderungen des  gesamten gesellschaftlichen Systems zu identi-
       fizieren.
       So wichtig  zweifellos die Erforschung der vor unseren Augen sich
       abspielenden Neuerungen  des Produktionsprozesses ist und so sehr
       die sich  mit dem  raschen Voranschreiten moderner elektronischer
       Technologien und automatisierter Produktionsverfahren abzeichnen-
       den "neuen  Kampffelder" der sorgfältigen Analyse bedürfen, damit
       die Arbeiterbewegung  nicht auf spontan-reaktives Handeln verwie-
       sen bleibt, so wenig lassen sich jedoch diese technologischen In-
       novationen selbst schon als revolutionäre Qualität im Sinne einer
       Umwälzung der  gesellschaftlichen Produktionsweise begreifen. Das
       Dilemma 'der Interpretation F. Haugs liegt aber gerade darin, daß
       sie die Bewegung der Produktivkräfte, insbesondere in Gestalt der
       Automation als  Subjekt der Auflösung und Überwindung der kapita-
       listischen Gesellschaft reflektiert.
       Dagegen läßt  sich zunächst  einwenden, daß  die für den Übergang
       zum Sozialismus erforderlichen materiellen Bedingungen im kapita-
       listischen Europa  historisch längst  herangereift sind. Oder hat
       etwa die sozialistische Arbeiterbewegung mit ihrer revolutionären
       Perspektive während  der vergangenen  hundert Jahre  gleichsam am
       Stand der  Produktivkräfte "vorbeigekämpft"? Trotz enormer Verän-
       derungen und  einer ganzen Reihe "technischer Revolutionen" konn-
       ten jedoch  die Produktivkräfte die kapitalistischen Produktions-
       verhältnisse bekanntlich  nicht durchbrechen.  Das ist allerdings
       in der Weise, daß, wie F. Haug zu glauben scheint, die Produktiv-
       kräfte selbst  als Subjekt  revolutionärer Umwälzungen fungieren,
       auch gar  nicht möglich, weil die Produktivkräfte für sich genom-
       men keine geschichtsbildende Potenz darstellen, sondern eine sol-
       che Potenz  nur entfalten können, wenn sie zur Triebkraft der ge-
       schichtlichen Bewegung  des Klassenkampfes  und  des  politischen
       Handelns der Klassen werden, wie Marx in seiner Formulierung, die
       "größte Produktivkraft  (sei) die revolutionäre Klasse selbst" 7)
       treffend zum Ausdruck brachte.
       
       Determinanten der gesellschaftlichen Arbeit
       -------------------------------------------
       
       Wissenschaftler in  den  sozialistischen  Ländern  versuchen  der
       Schwierigkeit, den  Zusammenhang zwischen  Veränderungen der Pro-
       duktivkräfte ("wissenschaftlich-technische Revolution" heute) und
       der Funktion  der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als in
       sich widersprüchlichen  Entwicklungsformen des gesellschaftlichen
       Produktionsprozesses analytisch zu erschließen, dadurch beizukom-
       men, daß  sie zwischen  der "wissenschaftlich-technischen Revolu-
       tion" in stofflicher Hinsicht (Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände,
       technische Struktur des Produktionsprozesses als Resultat wissen-
       schaftlicher Vorlaufarbeit  usw.) und einer "neuen Revolution der
       Produktion" unterscheiden, worunter offensichtlich eine dem Stand
       der Produktivkräfte entsprechende Vergesellschaftungsform der Or-
       ganisation der  Arbeit verstanden  wird. 8) Während die Repräsen-
       tanten dieser Auffassung jedoch betonen, daß eine "neue Revoluti-
       on der  Produktion" auf der durch die wissenschaftlich-technische
       Revolution geschaffenen  materiellen Basis  nur unter sozialisti-
       schen Bedingungen  durchführbar sei,  scheint sich  für  F.  Haug
       schon jetzt, also innerhalb der bestehenden kapitalistischen Pro-
       duktionsweise, eine  "revolutionäre Umwälzung"  (F. Haug) des ge-
       samten Systems  der gesellschaftlichen  Arbeit anzubahnen.  Damit
       spielt sie aber, ob sie es will oder nicht, die Bedeutung der ka-
       pitalistischen Produktionsverhältnisse als spezifische Determina-
       tionsform der  Arbeit herab  und verselbständigt  den  vergesell-
       schafteten Charakter der Arbeit zu einer Emanation der Produktiv-
       kräfte. Warum aber existieren trotz der angeblich "revolutionären
       Umwälzung" der  Arbeit und  trotz des  angeblich  "revolutionären
       Charakters" der  Automationsarbeit die kapitalistischen Produkti-
       onsverhältnisse noch  immer ? Warum reicht der von den Produktiv-
       kräften ausgeübte  "Vergesellschaftungsdruck", um  mit F. Haug zu
       sprechen, nicht aus, die Fesseln der auf dem Privateigentum beru-
       henden kapitalistischen  Produktionsweise zu sprengen, wo er sich
       doch nach ihrer Meinung als "revolutionäre Umwälzung" äußert?
       Die Antwort  auf diese Frage bleibt F. Haug schuldig, weil ihr im
       Zustand der  Faszination durch  die Fortschritte  des  verwissen-
       schaftlichten Produktionsprozesses  entgeht, daß sich im heutigen
       Kapitalismus nicht nur die Produktivkräfte, sondern auch die Pro-
       duktionsverhältnisse noch  immer fortentwickeln. Mit der Rede vom
       "ständigen Privatisierungsdruck"  ist es da nicht getan, will man
       der tatsächlichen Elastizität und Anpassungsfähigkeit der Produk-
       tionsverhältnisse, aber  auch des  politischen  Überbaus  wissen-
       schaftlich Rechnung  tragen, einer  "Lernfähigkeit" des kapitali-
       stischen Systems also, die zwar den Grundwiderspruch zwischen Ka-
       pital und  Arbeit nicht eliminieren kann, nichtsdestoweniger aber
       bisher noch  stets Produktivkräfte  in einer Weise in Reprodukti-
       onselemente des Kapitalverhältnisses zu transformieren vermochte,
       von der  sich die  Verfechter eines "Primats der Produktivkräfte"
       in ihrem technologischen Optimismus nichts träumen lassen. Offen-
       sichtlich kann  die Frage, wie das wechselseitig reproduktive und
       zugleich antagonistische  Verhältnis zwischen  Vergesellschaftung
       der Produktion und ihrer kapitalistischen Aneignungsform aufzuhe-
       ben sei,  nicht durch  die Hypostasierung der Produktivkräfte als
       dem eigentlichen  Träger einer  Revolutionierung der kapitalisti-
       schen Gesellschaft theoretisch beantwortet werden. Es ist deshalb
       ebenso falsch,  sich an  einen "Primat  der  Produktivkräfte"  zu
       klammern, wie  es verfehlt wäre, den Auflösungsprozeß der kapita-
       listischen Gesellschaft  aus einem vermeintlichen "Absterben" der
       Produktivkräfte und  einem daraus folgenden Zusammenbruch des Sy-
       stems herzuleiten.
       
       Aufgaben marxistischer Analyse
       ------------------------------
       
       Wenn es  statt dessen die Aufgabe marxistischer gesellschaftswis-
       senschaftlicher Analyse  der Entwicklung der Arbeit im Kapitalis-
       mus ist,  die den  technologischen Veränderungen  immanenten Mög-
       lichkeiten für  eine Verbesserung der Lage der Lohnabhängigen und
       längerfristig  auch   für  eine  der  Stellung  des  Menschen  im
       hochentwickelten Produktionsprozeß  angemessene gesellschaftliche
       Organisation der  Arbeit zu  erforschen, so ist es aber im Zusam-
       menhang solcher  Untersuchungen ebenfalls  notwendig, die sozial-
       ökonomischen und  politischen Bedingungen  zu reflektieren, unter
       denen die  Bewegung der  Produktivkräfte abläuft.  Eine Aufhebung
       des Antagonismus zwischen vergesellschafteter Produktion und pri-
       vater Aneignung  läßt sich  wissenschaftlich nur  begründen, wenn
       man die  Bewegung dieses Widerspruchs auf die politische Bewegung
       des Klassengegensatzes  und seine  praktischen Erscheinungsformen
       bezieht.
       Da die  Aufrechterhaltung der  Produktionsverhältnisse und mithin
       die kapitalistische  Beherrschung der "lebendigen Arbeit" notwen-
       dig durch außerökonomische, staatlich organisierte Gewaltverhält-
       nisse politisch und ideologisch vermittelt ist, bedürfen die Pro-
       duktivkräfte gleichsam einer "Übersetzung" in das bewußte politi-
       sche Handeln  der Arbeiterklasse:  nur insofern  kann man von der
       revolutionären Potenz - oder besser revolutionären Funktion - der
       Produktivkräfte sprechen.
       Frigga Haug  jedoch ruft den Eindruck hervor, als seien die durch
       Automation an  die Produzenten  gestellten Qualifikationsanforde-
       rungen hinsichtlich  einer komplexen  geistigen Durchdringung und
       Aneignung des Produktionsprozesses selbst schon der entscheidende
       Hebel, mit  dem die  kapitalistische Produktionsweise aus den An-
       geln gehoben  werden könne.  Nun ist  es einerseits gewiß richtig
       (und darin  ist auch  die Kritik F. Haugs an meinem Beitrag teil-
       weise zutreffend),  nicht nur  die negativen  sozialen Folgen der
       Automation zu  beachten, sondern  auch sorgfältig zu untersuchen,
       ob sich in den von der Automation objektiv geforderten Qualifika-
       tionen geschichtlich  neue Interessenelemente  herausbilden,  die
       für die  zukünftige gewerkschaftliche  und politische  Praxis der
       Arbeiterklasse und anderer lohnabhängiger Schichten eine wichtige
       Rolle spielen.  Andererseits nützen  jedoch auch gutgemeinte wis-
       senschaftliche Erkenntnisse  über den sich verändernden Charakter
       der gesellschaftlichen  Arbeit wenig, wenn sie nicht in Beziehung
       zur Analyse  des  politischen  Kräfteverhältnisses  zwischen  den
       Klassen gebracht werden.
       Freilich kann  ich nicht  für mich in Anspruch nehmen, in meinem,
       den Anstoß  für die  Kontroverse mit F. Haug gebenden Beitrag be-
       reits  den   Zusammenhang  zwischen  wissenschaftlich-technischem
       Fortschritt in  der gesellschaftlichen  Arbeit und  der konkreten
       Bewegung des  Klassenkampfes ausführlich,  systematisch und kohä-
       rent dargestellt  zu haben.  Aber ich habe zumindest versucht, an
       einigen Beispielen zu verdeutlichen, warum - vom Interessenstand-
       punkt der  Arbeiterbewegung her gesehen - der Kampf gegen die ka-
       pitalistischen Auswirkungen  von Rationalisierung, Automation und
       neuer Technik  in den Kampf um Machtpositionen übergehen muß, der
       alle Ebenen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses und der
       politischen Herrschaft  betrifft. F.  Haug hat  sich nach Kräften
       bemüht, gerade diesen Teil meiner Ausführungen der Lächerlichkeit
       preiszugeben. Was  ich zu  sagen hätte,  so bemerkt sie ironisch,
       wüßten die  Gewerkschaften längst  selbst. Für meine "Ratschläge"
       genüge schon das "bloße Wissen um die Tatsache, daß wir überhaupt
       im Kapitalismus  leben..." 9),  was soviel  heißen soll  wie, daß
       diese "Ratschläge" wegen ihrer den konkreten Stand der Produktiv-
       kräfte überspringenden Allgemeinheit für die Arbeiterbewegung un-
       brauchbar seien.  Gilt das, was nach F. Haug "die Gewerkschaften"
       längst schon wüßten, auch für jene breite und einflußreiche Strö-
       mung im  DGB und den Einzelgewerkschaften, die auf Sozialpartner-
       schaft eingeschworen  ist und  für die zwischen technischem Fort-
       schritt und  gesellschaftlicher Entwicklung  keine systemspezifi-
       schen Zusammenhänge  bestehen? Und zeugen zum Beispiel programma-
       tische Äußerungen wie die der Gewerkschaft Textil und Bekleidung,
       daß "Wachstum für die Wohlstandsmehrung als Voraussetzung für die
       Verwirklichung gesellschaftspolitischer  Ziele" zu  gelten  habe,
       die wiederum  als "Freiheit  der individuellen  Lebensgestaltung"
       und "Sicherung  der Existenzbedingungen...  für die ganze Gesell-
       schaft" 10)  definiert werden,  von jenem  (von mir  aus auch nur
       sehr allgemeinen)  Bewußtsein, daß "wir überhaupt im Kapitalismus
       leben"? Kennzeichnen Aktionen wie die der IG Druck und Papier zur
       Abwehr negativer  Auswirkungen der neuen rechnergesteuerten Text-
       systeme nicht  die am weitesten vorgeschobenen Positionen der Ar-
       beiterbewegung im Kampf um die Arbeitsbedingungen automatisierter
       Produktion, obwohl doch diese Aktionen ohne Zweifel noch weit da-
       von entfernt  waren, betriebliche und überbetriebliche Formen ge-
       werkschaftlicher Gegenmacht zu entwickeln?
       Die Frage  danach, welche  Möglichkeiten des  praktischen politi-
       schen Handelns  sich der  Arbeiterklasse heute durch die Entwick-
       lung der  Arbeit erschließen, läßt sich wissenschaftlich erst be-
       antworten, wenn das in den Produktivkräften sich entfaltende Neue
       mit der  Analyse der empirischen Bedingungen und Erscheinungsfor-
       men des  Klassengegensatzes vermittelt wird. Diese Vermittlung in
       der wissenschaftlichen Arbeit ist das eigentlich Schwierige, des-
       sen Anerkennung  auch den  Bemühungen von  Frigga Haug  nicht zum
       Nachteil gereichen würde.
       
       _____
       1) Vgl. L.  Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue
       Technik und  Arbeiterbewegung; in: Marxistische Studien. Jahrbuch
       des IMSF 2/1979.
       2) J. Kuczynki:  Vier Revolutionen  der Produktivkräfte,  Theorie
       und Vergleiche.  Mit kritischen  Bemerkungen und  Ergänzungen von
       Wolfgang Jonas, Berlin (DDR) 1975.
       3) Auf dieses Problem macht zum Beispiel der französische Marxist
       Joe Metzger  aufmerksam.  Vgl.  H.-J.  Sandkühler:  Wissenschaft,
       Technik und  revolutionäre Veränderung;  in: Marxistische Blätter
       6/79, S. 18.
       4) Vgl. Autorenkollektiv: Die gegenwärtige wissenschaftlich-tech-
       nische Revolution.  Eine historische  Untersuchung, Berlin  (DDR)
       1972.
       5) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Qualifi-
       kationsentwicklung; vgl.  den vorhergehenden  Beitrag  in  diesem
       Band.
       6) L. Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O.,
       S. 291.
       7) Karl Marx: Das Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, S. 181.
       8) Vgl. Autorenkollektiv, a.a.O., besonders S. 265 ff.
       9) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O.
       10) Programm der  GTB, zitiert  nach  Renate  Schmucker:  Gewerk-
       schaftsprogramm  Textil-Bekleidung;  in:  Nachrichten  zur  Wirt-
       schafts- und Sozialpolitik, 11/1978, S. 19.
       

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