Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       DIE GRUPPE "ÉCONOMIE ET POLITIQUE" (FRANKREICH)
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       Edgar Gärtner
       
       1. Entstehung,  Funktionswandel, Redaktion  und  Leserschaft  der
       Zeitschrift "Économie  et Politique"  - 2.  Die wissenschaftliche
       Arbeit der  Gruppe "Économie et Politique" und die Wirtschaftspo-
       litik der KPF - 3. Die Forschungshefte "Issues"
       
       1. Entstehung, Funktionswandel, Redaktion und Leserschaft
       ---------------------------------------------------------
       der Zeitschrift "Économie et Politique"
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       Bei den  in der BRD als Gruppe "Économie et Politique" bekanntge-
       wordenen französischen  marxistischen Wirtschaftswissenschaftlern
       handelt es  sich um die Mitarbeiter der Sektion Ökonomie des Zen-
       tralkomitees der  Kommunistischen Partei  Frankreichs (KPF),  die
       ihre Forschungsergebnisse vor allem in der 1954 gegründeten Zeit-
       schrift "Economie et Politique" publizieren. Die Zeitschrift trug
       ursprünglich den Untertitel "Revue d'économie marxiste" und hatte
       über mehr als zwei Jahrzehnte aufgrund der universitären Herkunft
       und Tätigkeit der Mehrzahl ihrer Mitarbeiter und der sozialen Zu-
       sammensetzung ihrer Leserschaft (vorwiegend Studenten) einen eher
       akademischen Charakter. Sie diente als wesentliches Forum für die
       Ausarbeitung und  Diskussion des französischen Beitrags zur Theo-
       rie des  staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK). Nach und nach
       sind die Ergebnisse dieser zunächst vorwiegend theoretischen Dis-
       kussionen in die Argumentation der kommunistischen Betriebszellen
       und der  Gewerkschaftsorganisationen  der  CGT  eingeflossen.  Es
       vollzog sich  ein Funktionswandel  der Zeitschrift,  der sich vor
       allem darin ausdrückte, daß neben rein theoretischen Artikeln zu-
       nehmend detailliertere  Analysen und  Berichte für  und über  den
       Kampf in den Betrieben erschienen.
       Politische Leitung  und Redaktion  der Zeitschrift  trugen diesem
       Funktionswandel dadurch  Rechnung, daß  sie der  Zeitschrift Ende
       1976/Anfang 1977 ein völlig neues Gesicht verliehen, das auch in-
       haltliche Veränderungen  und Schwerpunktverlagerungen  ausdrückt:
       Die Redaktion  bekam nun  die Funktion, die Analysen und Berichte
       der ökonomischen Sektion des ZK in einer ansprechenden und lesba-
       ren Form  journalistisch aufzubereiten  und ein System betriebli-
       cher Korrespondenten  aufzubauen, um die Zeitschrift zu einem ef-
       fektiven argumentativen  Hilfsmittel in  den sich  verschärfenden
       Klassenauseinandersetzungen zu machen. Parallel zur monatlich er-
       scheinenden illustrierten Zeitschrift "Économie et Politique" er-
       scheint seit Ende 1978 vierteljährlich eine Reihe von Forschungs-
       heften mit dem Titel "Issues", die ebenfalls der Sektion Ökonomie
       des ZK  untersteht, die aber als Plattform der theoretischen Dis-
       kussion im Unterschied zu "Economie et Politique" ihre Spalten im
       Prinzip auch  Nichtmitgliedern der  KPF zur  Verfügung stellt. Am
       Ausgangspunkt dieser Umstrukturierungen stehen die Orientierungen
       des XXII. Parteikongresses der KPF vom Februar 1976.
       Die politische  Leitung der Zeitschrift liegt derzeit in den Hän-
       den von  Philippe Herzog, Mitglied des Bureau Politique, Direktor
       der Sektion  Ökonomie des  ZK. Dem  Redaktionsbeirat gehören Paul
       Boccara, Jean-Charles  Dubart, Jean-Claude  Gayssot und Anicet Le
       Pors (alle  Mitglieder des ZK) an. Chefredakteur ist Claude Quin,
       seine Stellvertreter sind Bernard Marx, und Alain Zoughebi. Gene-
       ralsekretär ist Jean-Louis Gombeaud. Der Redaktion gehören außer-
       dem Marc  Blachère, Jean-Claude  Chauve, Dorothée  Danset, Michel
       Dauba, Philippe  Duong, Jean Faure, Claude Gauche-Cazalis, Michel
       Laurent, Christian  Thevenet, François Vaneau und Daniel Vergnaud
       an. Die  Auflage der Zeitschrift liegt gegenwärtig bei 10 000 Ex-
       emplaren. Genaue  Angaben über  die soziale  Zusammensetzung  der
       Abonnenten von  "Économie et Politique" liegen derzeit nicht vor.
       Im Unterschied  zu früher sind die Studenten jetzt aber eindeutig
       in der  Minderheit, Arbeiter und Angestellte (meist Verantwortli-
       che der  kommunistischen Betriebszellen)  machen das Gros der Le-
       serschaft aus.
       
       2. Die wissenschaftliche Arbeit der Gruppe "Économie et
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       Politique" und die Wirtschaftspolitik der KPF
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       Die Beiträge der Zeitschrift gruppieren sich um eine feststehende
       Gliederung in  zwei Hauptteile:  Der  erste  Teil,  betitelt  mit
       "Crise", bringt  laufend Analysen  der Entwicklung der Industrie-
       produktion, der  Preise, des  Außenhandels, der Arbeitslosigkeit,
       der Profite,  der Massenkaufkraft, der Wirtschafts- und Sozialpo-
       litik der Regierung, der Betriebsstillegungen und Produktionsver-
       lagerungen in Niedriglohnländer durch die Großkonzerne, der Auto-
       matisierung und Informatisierung, der Energiepolitik, der staats-
       monopolistischen Planung  und Regulierung  usw.; der  zweite Teil
       mit der  Überschrift "Changer"  (verändern) bringt  aktuelle  Be-
       richte über  gesellschaftliche Auseinandersetzungen  in einzelnen
       Regionen und  Betrieben. Eine  ständige Rubrik  dieses Teils  be-
       schäftigt sich mit dem Kampf um eine neue Weltwirtschaftsordnung.
       Darüber hinaus  erstellt die  Redaktion zu bestimmten Problemen -
       wie etwa  der Umstrukturierung  der französischen transnationalen
       Konzerne, den  politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Hun-
       gers in  der Welt,  der ökonomischen  Entwicklung der sozialisti-
       schen Länder, der Jugendarbeitslosigkeit, der Benachteiligung der
       Frauen, der  Automobilkrise u.a.  - ausführliche Dossiers, die im
       Unterschied zu  den  aktuellen  Beiträgen  längerfristig  geplant
       werden.
       Die gut  hundert Mitarbeiter der Zeitschrift stützen sich weitge-
       hend auf die wissenschaftliche Infrastruktur der Sektion Ökonomie
       des ZK,  die in der Parteizentrale an der Place du Colonel Fabien
       in Paris untergebracht ist. Es gibt dort ein bedeutendes Dokumen-
       tationszentrum, in dem ökonomisch versierte Dokumentatoren arbei-
       ten. Aufgrund  der Qualifikation  ihrer Mitarbeiter und des ihnen
       zur Verfügung  stehenden wissenschaftlichen  Apparates ist es der
       Sektion Ökonomie  des ZK und der Redaktion von "Économie et Poli-
       tique" möglich,  durch detaillierte  Berechnungen die  volkswirt-
       schaftlichen Auswirkungen  der Erfüllung  der Forderungen der Ar-
       beiterklasse recht  genau anzugeben und so den Argumenten der mo-
       nopolhörigen Wirtschaftswissenschaftler  und Technokraten  entge-
       genzutreten. Das  spielte eine  wichtige Rolle  in den zähen Ver-
       handlungen zwischen  der KPF,  der Sozialistischen Partei und den
       linken Radikalen um die vor den Parlamentswahlen von 1978 notwen-
       dig gewordene Aktualisierung des gemeinsamen Programms' der Link-
       sparteien von 1972, die schließlich aufgrund der immer deutliche-
       ren sozialdemokratischen  Orientierung der sozialistischen Partei
       scheiterten. Die  kommunistischen Ökonomen konnten hier den vagen
       Vorschlägen der  Sozialisten präzise volkswirtschaftliche Gesamt-
       rechnungen für  die erste Amtszeit einer Linksregierung entgegen-
       stellen, die  bewiesen, daß  die weitergehenden  Forderungen nach
       einer kräftigen Anhebung des Mindestlohnes, dem vollständigen Ab-
       bau der  Arbeitslosigkeit, der  Verkürzung der  Arbeitszeit,  der
       Verbesserung der  Arbeitsbedingungen usw. durchaus nicht utopisch
       waren -  unter der Voraussetzung einer erheblichen Schwächung der
       Macht des  Großkapitals durch Nationalisierung der Schlüsselindu-
       strien und Demokratisierung der Entscheidungsprozesse.
       In neuerer  Zeit analysierten die kommunistischen Ökonomen inten-
       siv die staatsmonopolistische Programmierung, wie sie sich in den
       Vorarbeiten und  Entwürfen zum  VIII. Plan (1980-1985) darstellt.
       Die Berechnungen  der von  der damaligen  Regierung Giscard-Barre
       eingesetzten Kommissionen sahen u.a. eine erhebliche quasi natur-
       gesetzliche Verschärfung der Arbeitslosigkeit und eine Akzentuie-
       rung der regionalen und branchenstrukturellen Ungleichgewichte in
       der französischen Wirtschaft vor, welche ihre schon jetzt bedenk-
       lich große Abhängigkeit vom Import energetischer und nichtenerge-
       tischer Rohstoffe sowie von Produkten fortgeschrittener Technolo-
       gie wie vor allem Werkzeugmaschinen, Computer usw. noch beträcht-
       lich verstärken  müßten. So  rechnete etwa eine als "rapport Les-
       canne" bekanntgewordene  Expertise für den Zeitraum zwischen 1978
       und 1986  mit dem  Abbau von etwa einer Million Arbeitsplätze al-
       lein in der Industrie. Das Baugewerbe, die Landwirtschaft und der
       tertiäre Sektor  würden zusätzlich  Hunderttausende von Arbeitern
       und Angestellten  freisetzen. Die Unternehmerverbände und die Re-
       gierung wurden  nicht müde  zu wiederholen,  eine  Gesundung  der
       französischen Wirtschaft  sei nur möglich durch eine noch weiter-
       gehende Umverteilung  des Volkseinkommens zugunsten der Unterneh-
       mergewinne, die  Aufgabe einer  Reihe grundlegender industrieller
       Aktivitäten zugunsten  einer Spezialisierung auf wenige als hoch-
       profitabel eingeschätzte Industriezweige usw.
       Dem Dogma, nur höhere Unternehmergewinne führten zu einer höheren
       Investitionsrate und  damit zur  Schaffung  neuer  Arbeitsplätze,
       halten die  kommunistischen Ökonomen Zahlen entgegen, die das Ge-
       genteil beweisen:  Zwischen 1974  und 1979  haben sich die durch-
       schnittlichen  Gewinne   aller  französischen  Unternehmen  (ein-
       schließlich der  kleinen und  mittleren Unternehmen)  verdoppelt.
       Die privatwirtschaftlichen  Investitionen sind in diesem Zeitraum
       aber  um  zehn  Prozent  gesunken,  während  sich  die  Zahl  der
       Arbeitslosen mehr  als verdreifachte. Wurden 1973 noch 58 Prozent
       der ausgewiesenen Gewinne in Frankreich reinvestiert, so waren es
       1979 nur  noch 49  Prozent, der  Rest ging in den Luxuskonsum, in
       Spekulationen und  in den  Kapitalexport.  Während  des  gleichen
       Zeitraums stiegen die Investitionen der nicht primär profitorien-
       tierten öffentlichen  Unternehmen jedoch um 80 Prozent. Schon von
       daher ist  es klar, was von der in den Vorarbeiten zum VIII. Plan
       wiederholten Forderung  nach einer  Reprivatisierung öffentlicher
       Dienste zu halten ist.
       Die Kommunisten beantworten die monopolistische Strategie des Ab-
       baus von Produktionskapazitäten und des Ausverkaufs französischer
       technologischer Errungenschaften mit der Losung "Produisons fran-
       cais!"  (produzieren   wir  französisch!).  Die  Mitarbeiter  von
       "Economie et  Politique" untermauerten diese Orientierung der be-
       trieblichen Kämpfe  durch detaillierte  Auflistungen von  techni-
       schen Neuerungen,  die französische  Konzerne brachliegen  lassen
       oder an  ihre amerikanischen,  bundesdeutschen  oder  japanischen
       Konkurrenten abgetreten  haben. Sie  bewiesen in ihren Berechnun-
       gen, die  sich auf  die Analyse  der Struktur und der Aktivitäten
       einer Vielzahl von Großunternehmen stützen, daß unter der Voraus-
       setzung einer  Veränderung der  Machtverhältnisse und  des Abbaus
       der in Frankreich besonders stark ausgeprägten gesellschaftlichen
       Ungleichheiten gleichzeitig Vollbeschäftigung, Arbeitszeitverkür-
       zungen, Arbeitserleichterungen,  nationale Selbständigkeit in al-
       len wichtigen  Wirtschaftssektoren und eine gleichberechtigte in-
       ternationale Kooperation erreichbar sind.
       Diese Berechnungen  liegen auch den 131 Vorschlägen des Kampfpla-
       nes zugrunde,  mit dem  der Generalsekretär der KPF, Georges Mar-
       chais, der kommunistische Kandidat für die Präsidentschaftswahlen
       von 1981,  seinen Wahlkampf  führte. Oberstes  Ziel dieses Planes
       ist die  Beseitigung der  Arbeitslosigkeit. Er sieht bis 1987 die
       Schaffung von  3,5 Mio. Arbeitsplätzen, d.h. jährlich 500 000 Ar-
       beitsplätzen, davon 350 000 für Frauen, vor. Dieses Ziel soll mit
       sieben Maßnahmebündeln erreicht werden:
       1. Eine kräftige Steigerung der Kaufkraft der unteren Einkommens-
       schichten, insbesondere durch die Anhebung des Mindestlohnes. Ein
       Prozent zusätzlicher  Massenkonsum schafft  nach den Berechnungen
       etwa 100 000 neue Arbeitsplätze;
       2. Arbeitszeitverkürzungen und  Verbesserungen der  Arbeitsbedin-
       gungen, insbesondere durch die Demokratisierung der betrieblichen
       Entscheidungen;
       3. die Förderung  von Forschung und Entwicklung im Sinne der Ver-
       besserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, z.B. durch die Eli-
       minierung unqualifizierter  und repetitiver Tätigkeiten durch den
       Einsatz von Robotern;
       4. Produire français;
       5. ein angemessener  französischer Beitrag  zur Entwicklung einer
       gerechteren Weltwirtschaftsordnung;
       6. die totale fiskalische Abschöpfung aller Einkommen über 40 000
       Francs im  Monat und die Unterbindung jeglicher Verschwendung und
       Spekulation;
       7. die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft.
       Diese enge Verknüpfung der Arbeit von "Économie et Politique" mit
       der Tagespolitik der KPF bedeutet aber nicht, daß die Mitarbeiter
       der Zeitschrift  nur Zuträgerfunktionen  bei der  Konkretisierung
       der auf den Parteikongressen festgelegten grundlegenden Orientie-
       rung des  Kampfes ausüben. Vielmehr sind sie oft durch eigene In-
       itiativen hervorgetreten.  Insbesondere erlaubt  das  System  be-
       trieblicher Korrespondenten  Rückkopplungen zur  Basis,  die  zur
       Korrektur der  jeweils gültigen  Linie führen können. So änderten
       die Kommunisten  in der letzten Zeit aufgrund solcher Initiativen
       ihre Haltung gegenüber den kleinen und mittleren Unternehmen, die
       bisher in  der kommunistischen  Propaganda eher mit Nachsicht be-
       handelt wurden,  um die  Stoßrichtung der Kämpfe auf die Großkon-
       zerne zu  lenken. In Frankreich arbeitet aber fast die Hälfte al-
       ler Lohnabhängigen  in kleinen und mittleren Unternehmen, die man
       nicht summarisch  als Opfer  der Politik des Monopolkapitals hin-
       stellen kann;  denn ihre  durchschnittlichen Gewinne wuchsen zwi-
       schen 1974 und 1979 um 96 Prozent. In Wirklichkeit finden sich in
       dieser Kategorie  die größten  Ausbeuter, vor allem in ländlichen
       Gebieten, wo  insbesondere Frauen unter unerträglichen Arbeitsbe-
       dingungen für  Löhne arbeiten, die unter dem vom Staat festgeleg-
       ten Minimum liegen.
       Die Betriebskorrespondenten spielen allgemein eine wichtige Rolle
       bei der  Erforschung der internationalen Konzerne, die ohne diese
       Beiträge aus  den Betrieben  kaum zu erfassen wären. Nicht selten
       lenken sie  die Aufmerksamkeit  der Theoretiker auf Probleme, die
       bisher unbeachtet  blieben, etwa auf den neuen Zwang zur Ökonomie
       des konstanten  Kapitals durch  Steigerung der Arbeitsintensität,
       der sich  daraus ergab,  daß die  Stückkosten vieler Produkte in-
       folge des sich aufgrund der Austeritätspolitik der Regierung Gis-
       card-Barre einengenden  inneren Marktes wieder anstiegen. Oft be-
       suchen Redaktionsmitglieder,  die mit  der Zusammenstellung eines
       Dossiers beschäftigt  sind, auch  direkt die interessierenden Un-
       ternehmen.
       Die ökonomischen  Analysen, die durch solche Initiativen angeregt
       werden, bleiben  aber immer eng an den Bedürfnissen der aktuellen
       Klassenauseinandersetzungen orientiert.  Es geht  dabei  u.a.  um
       folgende Fragen: Welche Perspektiven eröffnet eine stärker an den
       nationalen Interessen  orientierte Politik  der derzeit  im Abbau
       begriffenen Stahlindustrie?  Welche Perspektiven  gibt es für die
       friedliche  Nutzung   der  Kernenergie,   ein  Gebiet,   auf  dem
       Frankreich dank  der Nationalisierung des gesamten Energiesektors
       unmittelbar nach  dem Kriege heute einen beachtlichen technologi-
       schen Vorsprung besitzt? Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es
       für die  augenblicklich stagnierende Chemie-Industrie? Wie könnte
       die Zukunft  der Automobilindustrie  aussehen? Wie  die der Flug-
       zeugindustrie? Wie kann die bereits fortgeschrittene Entvölkerung
       ganzer Regionen  (insbesondere in Zentralfrankreich, in den Pyre-
       näen und  in den  Alpen) rückgängig gemacht werden? Was muß getan
       werden, um  die Desindustrialisierung  der Region Paris aufzuhal-
       ten? Wie  kann der  Wohnungsnot abgeholfen  werden? Wie hoch sind
       die gesellschaftlichen  Kosten der  Arbeitslosigkeit?  In  welche
       Richtung zielen die widersprüchlichen und größtenteils verschwom-
       menen Vorschläge  der Sozialistischen Partei? Welche zusätzlichen
       volkswirtschaftlichen Ressourcen  werden frei,  wenn  Spekulation
       und Verschwendung gestoppt werden? Welche Investitionen sind not-
       wendig, um  die Arbeitslosigkeit zu beseitigen? Wieviele neue Ar-
       beitsplätze könnten  bestimmte Betriebe ohne zusätzliche Investi-
       tionen schaffen? Welche Unternehmen müssen nationalisiert werden,
       um ein  an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit orientiertes
       neues Wirtschaftswachstum  von jährlich  4,5  Prozent  über  eine
       ebenso große  Steigerung der  Arbeitsproduktivität und die Unter-
       bindung aller Formen von Verschwendung erreichen zu können?
       
       3. Die Forschungshefte "Issues"
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       Die Aufgabe  der Forschungshefte  "Issues", die  von Bernard Marx
       als Generalsekretär  geleitet werden  und deren  Redaktionsbeirat
       Christian Barrère,  Paul Boccara,  Jean-Marie Curti,  Jean-Pierre
       Delilez, Patrice  Grevet,  Philippe  Herzog,  Gérard  Kebabdjian,
       Christan Palloix,  Paul Rolland  und Olivier Weinstein angehören,
       besteht darin,  einen theoretischen Vorlauf zu sichern, d.h. auch
       Probleme aufzugreifen,  die nicht  (oder noch nicht) in einem un-
       mittelbaren Zusammenhang mit den Tageskämpfen stehen.
       Schon in  den letzten  Jahren vor  der Umwandlung der Zeitschrift
       hatten sich  die Mitarbeiter von "Économie et Politique" in ihren
       theoretischen Veröffentlichungen  ausgehend von der von französi-
       schen marxistischen  Ökonomen (insbesondere Paul Boccara) entwic-
       kelten Überakkumulations-Entwertungs-Theorie  vor allem  mit  der
       Entwicklung der  Widersprüche in der kapitalistischen Krise, d.h.
       mit der  Frage, ob  und wieso die Krise sich verschärft, beschäf-
       tigt. Sie  richteten dabei  auch ein besonderes Augenmerk auf den
       Einfluß des  Widerstandes der  Arbeiterklasse auf die Entwicklung
       der Krise.  Aus der  Analyse der Akkumulationszyklen leiteten sie
       eine auch  außerhalb Frankreichs  vielbeachtete Erklärung für Ar-
       beitslosigkeit und  Inflation ab.  Die  theoretische  Arbeit  der
       französischen  marxistischen  Ökonomen  konzentrierte  sich  also
       größtenteils auf Fragen, die mit der Theorie der kapitalistischen
       Krise zusammenhängen, da dieser Problemkomplex in der auch in der
       BRD bekanntgewordenen grundlegenden Abhandlung "Der staatsmonopo-
       listische Kapitalismus"  von 1971 aus verständlichen Gründen noch
       kaum berührt  worden war.  Die Fortschritte  in der Krisentheorie
       hatten unmittelbare strategische Konsequenzen, wie am Verlauf des
       XXII. und  des XXIII.  Parteikongresses der KPF abzulesen ist. Es
       ist jedoch  festzustellen, daß  aus dem  Umkreis von "Économie et
       Politique" zu anderen fundamentalen Problemkomplexen, die mit den
       strategischen und  taktischen Umorientierungen  der  KPF  in  den
       letzten Jahren, d.h. mit der Übernahme der Konzeption der Selbst-
       verwaltung (Autogestion)  auf dem  XXII. und XXIII. Parteikongreß
       zusammenhängen,  insbesondere   zur  Staatstheorie,  bisher  ver-
       gleichsweise wenig  Beiträge von  hohem theoretischem Niveau vor-
       liegen. Zu  bedauern ist auch, daß die ansonsten durchaus beacht-
       liche theoretische  Arbeit, die  die französischen  marxistischen
       Ökonomen in  den letzten  zehn Jahren  geleistet haben,  nicht in
       Form systematischer und einem breiteren Publikum zugänglicher Ge-
       samtdarstellungen aufbereitet wurde.
       Die Forschungshefte  "Issues" starteten  nun  mit  vielbeachteten
       Beiträgen zur  Theorie der staatsmonopolistischen Regulierung von
       Christian Barrère im Heft 1 (Dezember 1978) und Louis Fontvieille
       im Heft  4 sowie  einer nicht weniger interessanten ausführlichen
       statistischen  Untermauerung  der  Überakkumulations-Entwertungs-
       Theorie, die  bisher vorwiegend  theoretisch  hergeleitet  worden
       war, aufgrund  von Zahlenmaterial  des  französischen  nationalen
       ökonomisch-statistischen Instituts  (INSEE) über  das  Verhältnis
       zwischen der Entwicklung des Kapitalstocks, der Investitionen und
       des Produktionsausstoßes  durch Paul Boccara in den ersten beiden
       Heften. (Ähnliche  Arbeiten mit vergleichbaren Ergebnissen wurden
       bekanntlich in  der BRD  und den  USA durchgeführt.) Weitere Bei-
       träge  beschäftigen  sich  mit  der  französischen  Planifikation
       (Philippe Herzog  im Heft 3), mit der aktuellen Bedeutung des Fi-
       nanzkapitals (Henri  Jacot im Heft 3, Henri Loiseau im Heft 4 und
       Bernard Marguerite  im Heft 6), mit der Bedeutung des Verhältnis-
       ses von  produktiver und unproduktiver Arbeit für die Klassenana-
       lyse (Gerard  Kebabdjian im  Heft 3, Jacques Bidet und Gerard Ke-
       babdjian im  Heft 4  und Jacques  Nagels im  Heft 5), den Gesund-
       heitsbedürfnissen der Arbeiter und Angestellten (Victor Dominique
       im Heft  5), den  Perspektiven der Vergesellschaftung der Produk-
       tion (Philippe  Zarifian im  Heft 5),  dem möglichen  Beitrag der
       Selbstverwaltung zur  Steigerung der Effektivität der Unternehmen
       (Patrice Grevet  im Heft 6). Das letzte vor der Niederschrift des
       vorliegenden Berichts  erschienene Heft,  die  Doppelnummer  7-8,
       brachte schließlich  eine ausführliche Diskussion der Theorie der
       langen Wellen  (Kondratieff-Zyklen), an  der A. Chenu, H. Claude,
       J.P. Scot,  P. Boccara  und L.  Fontvieille teilnahmen. In diesem
       Heft finden sich auch Berechnungen über den möglichen Beitrag von
       Forschung und  Entwicklung zum  Abbau der Arbeitslosigkeit und zu
       einem alternativen Pfad des Wirtschaftswachstums.
       Insgesamt bewegen sich die Forschungshefte "Issues" auf einem an-
       spruchsvolleren  theoretischen   Niveau   als   die   Zeitschrift
       "Économie et  Politique" in  ihrer früheren Form. Aber wie in der
       nun gemeinverständlichen  Monatszeitschrift zeigt  sich auch hier
       eine verstärkte Hinwendung zu quantitativen Untersuchungen.
       

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