Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       VERSCHLECHTERUNG DER INTERNATIONALEN WETTBEWERBSFÄHIGKEIT
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       DER BRD-INDUSTRIE?
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       Bemerkungen zur "Strukturberichterstattung" der
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       wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute *)
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       Jörg Goldberg
       
       "Anpassungsprobleme" in  der Außenwirtschaft? - Wettbewerbsfähig-
       keit und Außenhandelsstruktur
       
       Die rasche wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung der Bundesrepublik
       nach 1950,  das "Wirtschaftswunder",  war zu großen Teilen außen-
       wirtschaftlich bedingt.  Die Integration  der neugegründeten Bun-
       desrepublik  in  die  kapitalistische  Weltwirtschaft  und  deren
       starke Position  in diesem  Integrationsprozeß stellen ökonomisch
       und politisch eine wichtige Grundlage der wirtschaftlichen Stabi-
       lität und der politischen Bedeutung des Landes dar.
       Insofern ist  erklärlich, daß  die offiziellen  Krisenerklärungen
       und Krisentherapien  in der Bundesrepublik weniger an den inneren
       Widersprüchen als an den außenwirtschaftlichen Faktoren ansetzen.
       Jahrzehntelang war es der Bundesrepublik gelungen, im Sog des in-
       ternationalen Integrationsprozesses  die inneren  Widersprüche zu
       überdecken. Daher  warfen die Wachstumsverlangsamung in der kapi-
       talistischen Welt  in den  siebziger Jahren, die Zunahme der Kri-
       senhaftigkeit des  Kapitalismus und der Ausbruch der kapitalisti-
       schen Weltwirtschaftskrise  neue Probleme  für die Wirtschaft und
       die Wirtschaftspolitik  des Landes  auf. Dabei wird als besonders
       einschneidendes Ereignis  die Tatsache  gewertet, daß  die BRD in
       den siebziger Jahren ihre Weltmarktposition nicht mehr verbessern
       konnte. In  der offiziellen  Darstellung beinhaltet dies grundle-
       gende "Anpassungsprobleme" in struktureller Hinsicht.
       Im folgenden  soll gezeigt  werden, daß  es sich beim Versuch der
       "Anpassung" an  neue Erscheinungen im Welthandel und in der Welt-
       wirtschaft um  eine aggressive  expansionistische Strategie  han-
       delt, die  nicht am  Ziel der  Ausgewogenheit der nationalen Ent-
       wicklung orientiert  ist, sondern  eine Verbesserung der Position
       der westdeutschen  Konzerne in  der Weltwirtschaft  zum Ziel hat.
       Ebenfalls wird  in Kauf genommen, daß damit zusätzliche Ungleich-
       gewichte in den internationalen Beziehungen verbunden sind. Dabei
       kann gezeigt werden, daß die zunehmenden wirtschaftlichen Schwie-
       rigkeiten im  Inland im  Kern nicht außenwirtschaftsbedingt sind,
       daß die  internationale  Wettbewerbsfähigkeit  der  westdeutschen
       Wirtschaft trotz  wichtiger Veränderungen  im Preisgefüge  und in
       den Handelsströmen  nicht nachgelassen  hat.  Die  Bundesrepublik
       steht nur  insofern vor grundlegend neuen Problemen, als sie ihre
       außenwirtschaftlich  bedingte  Sonderrolle  weitgehend  eingebüßt
       hat. Die anhaltende weltwirtschaftliche Integration der Bundesre-
       publik reicht nicht mehr aus, um die inneren Widersprüche auf der
       ökonomischen Ebene  zu überlagern,  wie es  in den  fünfziger und
       sechziger Jahren noch weitgehend der Fall gewesen ist.
       Aufschlußreich ist  in diesem  Zusammenhang der  Funktionswandel,
       dem die  Forderung nach  Anpassung der  wirtschaftlichen Struktur
       der Bundesrepublik  durch eine  "Modernisierung" im  Verlauf  der
       siebziger Jahre  unterworfen war.  Anfangs entwickelt als Konzept
       einer umfassenden  Strukturpolitik  unter  Reformgesichtspunkten,
       die als  Orientierungspunkt noch teilweise die Ausnutzung der na-
       tionalen produktiven  Ressourcen hatte,  wurde sie  inzwischen in
       eine globale  Wirtschaftspolitik der außenwirtschaftlichen Orien-
       tierung eingeordnet,  die das  Hauptgewicht auf eine Verbesserung
       der Kosten/Erlös-Relation  der privaten Konzerne legt. Dabei geht
       es nicht mehr nur um eine Ausweitung der Exporte, sondern um eine
       umfassende Strategie der außenwirtschaftlichen Positionsverbesse-
       rung, die  den Warenverkehr,  den Kapitalexport, die Rolle der DM
       als währungspolitisches  Instrument und  die Position in suprana-
       tionalen staatsmonopolistischen Institutionen im Auge hat.
       Dies zu  betonen ist wichtig, da von Regierungs- und Konzernseite
       die veränderten  internationalen Bedingungen  als Begründung  für
       binnenwirtschaftliche Einschränkungen  angeführt werden. Lohnver-
       zicht und  Sozialabbau werden  mit dem  Hinweis auf die angeblich
       verschlechterte internationale  Wettbewerbsfähigkeit  des  Landes
       gefordert. Demgegenüber  gilt es  zu betonen,  daß die außenwirt-
       schaftlichen Probleme  der Bundesrepublik im Kern die Grenzen für
       die bisher  verfolgte Expansionsstrategie  markieren, durch  eine
       erneute Forcierung dieser Politik also nicht oder nur unter Hint-
       anstellung aller binnenwirtschaftlichen Ziele bei Einkommens- und
       Beschäftigungssicherung bewältigt  werden können.  Von einer sol-
       chen Orientierung  ist nur  eine Zunahme der Ungleichgewichte des
       nationalen Reproduktionsprozesses  zu  erwarten.  Die  außenwirt-
       schaftlichen Probleme des Landes unterstreichen die Notwendigkeit
       eines grundlegenden  wirtschaftspolitischen Kurswechsels,  dessen
       Eckpunkte eine  Orientierung auf  die Stärkung  der Binnenmärkte,
       die Überwindung der Arbeitslosigkeit und die Verteidigung des Le-
       benstandards der Arbeiter und Angestellten sind.
       
       "Anpassungsprobleme" in der Außenwirtschaft?
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       In der  Regierungserklärung von Bundeskanzler Schmidt vom 16. De-
       zember 1976 hieß es: "Für eine besser koordinierte Industriepoli-
       tik wird eine sektorale Strukturberichterstattung entwickelt." 1)
       Als eines  der ganz  wenigen konkreten Ergebnisse der von der SPD
       am Anfang  der siebziger  Jahre diskutierten  strukturpolitischen
       Vorstellungen - dazu wird weiter unten ausführlicher Stellung ge-
       nommen -  legten Ende  1980 die  fünf  großen  wirtschaftswissen-
       schaftlichen Forschungsinstitute  Berichte im  Rahmen der "Struk-
       turberichterstattung" vor, Berichte, deren politische Quintessenz
       allerdings  weitgehend   in  einer   Absage  an  jede  staatliche
       strukturelle  Steuerung  besteht  und  die  mit  der  geforderten
       laufenden Strukturberichterstattung kaum noch etwas gemein haben.
       Dies ist  vor dem Hintergrund der politischen Stellung der Insti-
       tute allerdings nicht anders zu erwarten gewesen. 2)
       Trotzdem sind  die Berichte  interessant, weil sie das vorhandene
       empirische Material  gründlich ausgewertet  haben und  dabei  der
       Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik
       und deren  Veränderung in  den siebziger  Jahren in struktureller
       Hinsicht einen großen Raum geben. Sie sind auch deswegen interes-
       sant, weil  die Institute  in ihren wirtschaftspolitischen Grund-
       vorstellungen der Außenwirtschaftorientierung der BRD als Krisen-
       lösungsstrategie verpflichtet  sind: man kann davon ausgehen, daß
       sie in  Datenauswahl und Methodik alle die Aspekte in den Vorder-
       grund  stellen,   die  der   außenwirtschaftlich  interpretierten
       "Modernisierungshypothese" als Grundlage dienen können.
       Die Ausgangshypothese  markiert das Kieler Institut für Weltwirt-
       schaft so: "Der von der Weltwirtschaft herrührende Strukturwandel
       hat der  deutschen Wirtschaft  in den letzten Jahren wohl am mei-
       sten zu  schaffen gemacht.  Die Anpassungsprobleme, die nicht ge-
       löst werden  konnten, haben erheblich zur Arbeitslosigkeit beige-
       tragen". 3)
       Untersucht wird in den außenwirtschaftlichen Teilen der Berichte,
       ob und  warum sich  die internationale  Wettbewerbsfähigkeit  der
       einzelnen Branchen  der Industrie verändert hat. Es geht dabei um
       die spezifische Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik, die all-
       gemeinen Veränderungen  m der  Dynamik der Weltwirtschaft und des
       Welthandels 'werden  nur am  Rande behandelt.  Dies Konzept  wird
       durchgehalten, obwohl die empirischen Ergebnisse deutlich machen,
       daß die Veränderungen im westdeutschen Außenhandel vor allem Aus-
       druck und  Folge  der  insgesamt  verlangsamten  kapitalistischen
       Wachstumsdynamik sind.  Dies liegt  allerdings außerhalb  des Er-
       kenntnisinteresses der  Institute, für  die  nur  ein  außenwirt-
       schaftlich expansives  wirtschaftspolitisches  Konzept  in  Frage
       kommt. Ungeprüft  bleibt, ob  nicht angesichts  der verlangsamten
       Welthandelsdynamik eine  stärkere Orientierung  auf  die  Binnen-
       märkte notwendig wäre.
       Das Hamburger  HWWA-Institut macht deutlich, worum es geht: "Auch
       der Wachstumsvorsprung,  den die  Bundesrepublik  in  den  Jahren
       1978/79 gegenüber ihren Außenhandelspartnern erzielte, zeigt, daß
       ein einzelnes  Land durchaus  auch gegen  den Strom der Weltwirt-
       schaft schwimmen kann." 4) Die Grenzen der internationalen Expan-
       sion, an  die die Bundesrepublik in den siebziger Jahren gestoßen
       ist, sollen  durch eine strukturelle Anpassung überwunden werden,
       die BRD will in den achtziger Jahren ihre internationale Position
       wieder weiter  ausbauen. Davon erhoffen sich die Wirtschaftspoli-
       tiker auch  eine Verbesserung der inländischen Wachstumsbedingun-
       gen, ein Ergebnis, das durchaus zweifelhaft ist.
       Es muß  vorausgeschickt werden, daß die Bedeutung von Veränderun-
       gen in Umfang und Struktur des Außenhandels in den siebziger Jah-
       ren für  die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, für Wachstum
       und Arbeitsplätze in der öffentlichen Diskussion überhaupt falsch
       gewichtet wird.
       So behauptet  das RWI:  "Dieser beschäftigungsmehrende Effekt des
       deutschen Außenhandels (in den sechziger Jahren - J.G.) ist ange-
       sichts steigender  Importe und  nachlassender Exporte  inzwischen
       aber in  einen insgesamt  arbeitsplatzvernichtenden Effekt  umge-
       schlagen, und  zwar gerade  im gewerblichen  Bereich: Während die
       Außenhandelsüberschüsse in den Jahren von 1960 bis 1973 das deut-
       sche Arbeitsplatzpotential  der gewerblichen  Wirtschaft pro Jahr
       noch um 27 000 aufgestockt haben, gehen seit 1973 pro Jahr durch-
       schnittlich jährlich  36 000 Arbeitsplätze  an das Ausland verlo-
       ren." 5)
       Diese Darstellung ist irreführend, denn im gleichen Zeitraum sank
       die Inlandsbeschäftigung um mehr als eine Million oder um 200 000
       Erwerbstätige jährlich.  Entscheidend ist, daß der durch den Pro-
       duktivitätsanstieg bewirkte  Freisetzungseffekt, der im Außenhan-
       del ebenso  wirkt wie  bei der Binnenproduktion, nicht mehr durch
       ein entsprechendes  Wachstum der Exporte im Verhältnis zu den Im-
       porten kompensiert  wird. Dies  ist aber  eine Folge der Verlang-
       samung des Wachstumstempos insgesamt.
       Nur das Westberliner DIW, das - mit sehr großen Einschränkungen -
       als der  "keynesianische" Flügel  der fünf  Institute  bezeichnet
       werden kann, stellt den richtigen Blickwinkel her: "Die Bundesre-
       publik konnte in den letzten zwanzig Jahren regelmäßig mehr Güter
       exportieren als  importieren. Von  diesem positiven Außenhandels-
       saldo gingen  für sich  genommen auch  positive Beschäftigungsef-
       fekte aus,  die sich  allerdings im  Laufe  der  Zeit  verminder-
       ten...." 6)
       Die  von   der  Bundesrepublik  ungelösten  außenwirtschaftlichen
       "Anpassungsprobleme" der  siebziger Jahre  werden - in den Struk-
       turberichten und  in der  öffentlichen Diskussion - auf drei Kom-
       plexe bezogen:
       - die Erhöhung der Ölpreise
       - die Erhöhung der Lohnkosten
       - der Verlust  an Wettbewerbsfähigkeit  in "traditionellen" Indu-
       striebranchen, der durch Faktoren wie feste Wechselkurse und aus-
       ländische Arbeitskräfte in den 60er Jahren verdeckt worden war.
       Ein negativer  Einfluß der  gestiegenen Ölpreise auf die spezifi-
       sche Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik kann kaum nachgewie-
       sen werden,  da davon  alle Industrieländer  - wenn  auch  unter-
       schiedlich -  betroffen sind. Er spielt in den empirischen Unter-
       suchungen der  Institute auch  deshalb keine große Rolle, weil im
       Untersuchungszeitraum die  Belastung der  BRD-Wirtschaft  infolge
       der Wechselkursentwicklung  relativ geringer war als bei den mei-
       sten kapitalistischen  Konkurrenten. Neben  der Verminderung  der
       Konkurrenzfähigkeit in "rohstoffintensiven" Produktionen wird der
       Ölpreisanstieg als  Faktor für die Verschärfung der internationa-
       len Konkurrenz gesehen.
       Das Arbeitskostenargument spielt praktisch nur in der propagandi-
       stischen Aufbereitung  durch die  Unternehmer eine  Rolle: So be-
       hauptet z.B.  das "Institut der deutschen Wirtschaft" (IW): "Auch
       bei den  Arbeitskosten (Löhne  und Lohnzusatzkosten) hat die Bun-
       desrepublik in  den siebziger  Jahren die  großen Industrieländer
       weit überflügelt  und ist  in die schmale  S p i t z e n g r u p-
       p e  d e r  H o c h l o h n l ä n d e r  (Stundenlohn von über 20
       Mark) aufgerückt." 7) Das Unternehmerinstitut muß sich allerdings
       vom Ifo-Institut  für Wirtschaftsforschung  sagen lassen, daß ein
       internationaler Kostenvergleich  nicht  nur  die  Gesamtheit  der
       Kosten (Material,  Zinsen), sondern auch die Arbeitsproduktivität
       einzubeziehen hat.  Daher kommt  das Ifo-Institut zu ganz anderen
       Ergebnissen: "Ein  internationaler Vergleich  der Entwicklung der
       Lohnstückkosten in  der Gesamtwirtschaft  m den  siebziger Jahren
       zeigt, daß  die Bundesrepublik  in dieser  Zeit  den  schwächsten
       Arbeitskostenanstieg  je   Einheit   der   gesamtwirtschaftlichen
       Produktion aufzuweisen  hatte." Etwas  anders sieht das Bild aus,
       wenn man die Wechselkursveränderungen (DM-Aufwertung) einbezieht.
       Dann nimmt  die Bundesrepublik  in  der  Rangskala  des  Arbeits-
       kostenanstiegs in den siebziger Jahren einen mittleren Platz ein:
       "Gegenüber den  zwölf in  unsere Untersuchung  einbezogenen Indu-
       strieländern insgesamt  hatte die  Bundesrepublik  unter  Berück-
       sichtigung der  Wechselkursverschiebungen von 1970 bis 1978 einen
       um rund  10  Prozentpunkte  rascheren  Lohnstückkostenanstieg  zu
       verbuchen." Wichtig  ist jedoch,  daß  diese  relativ  ungünstige
       Entwicklung in  die Jahre 1970 bis 1973 fiel, seither verlief die
       Lohnstückkostenentwicklung in  der Bundesrepublik  -  vom  Unter-
       nehmerstandpunkt aus - wieder etwas günstiger als im Durchschnitt
       der 12  Konkurrenzländer. 8)  Durch die  Abwertung  der  DM  seit
       Anfang 1980 wird diese Tendenz verstärkt.
       Von der  Entwicklung der  "Lohnkosten" her  läßt sich  also keine
       Verschlechterung der  westdeutschen Wettbewerbsfähigkeit  begrün-
       den, deshalb  spielt dieser  Aspekt in den Untersuchungen der In-
       stitute auch kaum eine Rolle.
       Zentral ist der Lohnkostenaspekt allerdings in der wirtschaftspo-
       litischen "Anpassungsstrategie".  Durch eine relative Senkung der
       Lohnstückkosten soll  die globale Wettbewerbsfähigkeit des Landes
       erhöht und  die als  entscheidend  betrachtete  "Innovationsfreu-
       digkeit" der Unternehmen verbessert werden. 9)
       Im Mittelpunkt  des außenwirtschaftlichen  Teils der  Strukturbe-
       richte steht der dritte Aspekt: die Bundesrepublik habe vor allem
       infolge der  Industrialisierung der  Entwicklungsländer in tradi-
       tionellen, relativ  arbeits- bzw. sachkapitalintensiv arbeitenden
       Industriezweigen an  internationaler Wettbewerbsfähigkeit  einge-
       büßt. Dies  sei allerdings  erst Anfang/Mitte der siebziger Jahre
       manifest geworden,  da die fixen Wechselkurse und der Zustrom un-
       qualifizierter und  relativ billiger  ausländischer Arbeitskräfte
       den Verlust  an Wettbewerbsfähigkeit  bis dahin überdeckt hätten.
       In  diesem   Zusammenhang  taucht   auch  die   These   von   der
       "Überindustrialisierung" der  Bundesrepublik auf.  Auch hätte die
       EG mit  ihrem zeitweilig hohen Importschutz gegen Drittländer an-
       fangs eine  Schutzzone für  im Grunde  überalterte Industrien ge-
       schaffen.
       Es sei  nun notwendig, die strukturelle Reduzierung dieser angeb-
       lich nicht  mehr konkurrenzfähigen  Produktionen hinzunehmen  und
       sich auf  die Herstellung  derjenigen Produkte  zu konzentrieren,
       die sich auf dem aufsteigenden Ast des "Produktzyklus" 10) befin-
       den, die  wenig standardisiert  sind, die mit viel "Humankapital"
       (= hochqualifizierter  Arbeit) zu  produzieren und technologiein-
       tensiv sind.  Erschwert wird  die Position  der Bundesrepublik in
       diesen Bereichen durch den Konkurrenten Japan, der den Sprung vom
       Produzenten  standardisierter  Industriewaren  zum  Anbieter  von
       technologieintensiven Produkten  geschafft habe, der BRD also auf
       den Märkten  Konkurrenz macht,  auf denen  die  BRD  traditionell
       stark ist. 11)
       Grundlage dieses  Erklärungszusammenhangs und der daraus abgelei-
       teten strukturpolitischen  Strategie ist  die in der herrschenden
       Lehre kaum  bestrittene Theorie  der komparativen Kostenvorteile,
       die wesentlich auf dem Faktorproportionentheorem beruht: ein Land
       hat dort  Wettbewerbsvorteile, wo  es im Vergleich zu seinen Han-
       delspartnern besonders  gut mit Faktoren ausgestattet ist. In der
       Bundesrepublik gilt  dies für  die  Faktoren  "Humankapital"  und
       "Forschung und Entwicklung".
       
       Wettbewerbsfähigkeit und Außenhandelsstruktur
       ---------------------------------------------
       
       Die Institute  bemühen sich  in ihren empirischen Analysen um den
       Nachweis, daß  die  behauptete  Verschlechterung  der  außenwirt-
       schaftlichen Position  der Bundesrepublik in den siebziger Jahren
       mit dem  Problemkomplex "Industrialisierung  der 'Dritten Welt' /
       ruckartig auftretender  Anpassungsbedarf" vor dem Hintergrund der
       Theorie der komparativen Kostenvorteile erklärt werden kann.
       Dabei kann  hier vorab  festgestellt werden,  daß die  z.T.  sehr
       gründlichen empirischen Untersuchungen belegen, daß ihr theoreti-
       scher Ansatz  den gegenwärtigen  Tendenzen der Internationalisie-
       rung der  Wirtschaft unangemessen ist. Weder die Rolle der inter-
       nationalen Konzerne  noch die  wachsende  intraindustrielle  Ver-
       flechtung läßt sich so erklären. Angemessen ist der Ansatz ledig-
       lich bei  den Handelsströmen,  die zwischen  Ländern  mit  unter-
       schiedlichem Entwicklungsniveau  verlaufen. Zunächst bemühen sich
       die Institute,  die Wettbewerbsfähigkeit  der Bundesrepublik  und
       ihre Veränderung  in den  siebziger Jahren  zu messen. Dazu dient
       das RCA-Konzept (Revealed-Comparative-Advantage), dem die Annahme
       zugrunde liegt,  daß eine  Branche dann komparative Vorteile auf-
       weist, wenn  sie im Ausland mehr Güter absetzt als die Konkurren-
       ten im Inland. 12)
       Erwartungsgemäß ergibt  die Anwendung  des RCA-Konzepts  auf  die
       Branchen der  BRD-Industrie, daß  die BRD in Bereichen überdurch-
       schnittlich   wettbewerbsfähig    ist,    wo    besonders    viel
       "Humankapital" angewendet  wird. Weniger  eindeutig sind  bereits
       die Ergebnisse  hinsichtlich der  Forschungs- und Entwicklungsin-
       tensität. 13)
       Immerhin meint  das Ifo-Institut noch feststellen zu können: "Die
       Höhe der  Exportquote korrelierte positiv mit dem Qualifikations-
       niveau der  Beschäftigten und der Forschungs- und Entwicklungsin-
       tensität." 14) Passen die Ergebnisse der empirischen Untersuchun-
       gen bis  hierher -  wenn auch  mit Einschränkungen - noch auf die
       "Produktzyklusthese", so  gilt dies  nicht mehr  für die Untersu-
       chung der  Veränderungen in  den siebziger Jahren. Denn als wich-
       tigstes Ergebnis  kann festgehalten  werden, daß in der Regel die
       Branchen mit  hohen RCA-Werten,  also die  besonders wettbewerbs-
       starken, an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben, während bei den
       meisten wettbewerbsschwachen  Branchen -  wo eigentlich Standort-
       nachteile zugenommen haben müßten - die Wettbewerbsfähigkeit eher
       noch gestiegen  ist. Insgesamt  ergeben die  empirischen Untersu-
       chungen das  Bild einer  sich annähernden  Warenstruktur bei Ein-
       und Ausfuhren,  Branchen mit  hohen Exportquoten sind auch impor-
       tintensiv. Das  HWWA kommt zu dem Ergebnis: "Es findet zudem häu-
       fig nicht  nur ein internationaler Austausch von Gütern derselben
       Branche, sondern  auch von Gütern ein- und derselben Produktkate-
       gorie statt.  Dieses als  intraindustrieller Außenhandel bezeich-
       nete Phänomen  ist nach den angebotsorientierten Erklärungsansät-
       zen, die  die Außenhandelsstruktur  auf Kostenvor-  und nachteile
       gegenüber dem Ausland zurückführen, nicht ohne weiteres zu erwar-
       ten." 15)  Die Haupttendenz  der Veränderungen  in den  siebziger
       Jahren besteht  also in  der Zunahme  der intraindustriellen Ver-
       flechtung, ein  Tatbestand, der  mit der Theorie der komparativen
       Kostenvorteile absolut  nicht zu erklären ist, weil der Warenaus-
       tausch gerade  zwischen den Ländern und Branchen zunimmt, die von
       der Faktorausstattung her ähnlich strukturiert sind.
       So stellt  das HWWA  selbst fest,  daß schon  die Meßmethode  mit
       Hilfe der RCA-Werte möglicherweise zu falschen Ergebnissen führt,
       weil sie  gerade bei den technologisch hochentwickelten Branchen,
       in denen  der Grad der Integration in die internationale Arbeits-
       teilung besonders  hoch ist,  einen Rückgang  der internationalen
       Wettbewerbsfähigkeit ausweisen  kann, obwohl  das  Gegenteil  der
       Fall ist.  An einigen Stellen bemüht sich das HWWA dann auch, von
       der an  Faktorproportionen und  Kostenstrukturen orientierten Be-
       trachtungsweise wegzukommen, insbesondere indem es auf die Bedeu-
       tung von  Skalenvorteilen bei  Großproduktion und  damit implizit
       auf die  Bedeutung von  monopolistischen Positionen, von Marktbe-
       herrschung durch  einzelne Konzerne  hinweist. Wichtiger  als die
       Technologieintensität eines Produktionsverfahrens oder eines Pro-
       dukts ist  der Grad  der Marktbeherrschung  durch den anbietenden
       Konzern, seine  Finanzkraft, seine  Fähigkeit  zur  Mobilisierung
       ökonomischer und politischer Mittel im Konkurrenzkampf. Da dieser
       Aspekt  aber  der  "marktorientierten"  Betrachtungsweise  wider-
       spricht, wird  er von den Instituten nicht weiter untersucht. An-
       gesichts der  Bedeutung internationaler Konzerne würde sich rasch
       herausstellen, daß die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bzw. ei-
       ner Branche  - verstanden als Verhältnis von Ein- und Ausfuhren -
       keineswegs identisch  ist mit  der Wettbewerbsfähigkeit  der ent-
       sprechenden Unternehmen.  Stillschweigend wird vorausgesetzt, daß
       sich die Anbieterposition eines Landes mit allen Konsequenzen für
       Wachstum und  Arbeitsplätze quasi  automatisch  dann  verbessert,
       wenn die  Wettbewerbsposition und  Finanzkraft  der  "nationalen"
       Konzerne gestärkt  wird. Die Internationalisierung der Produktion
       hat diesen  Zusammenhang aber längst aufgelöst: die Förderung der
       "Innovationsfähigkeit" eines  Konzerns setzt  diesen oft  erst in
       den Stand, sich von der Grundlage der nationalen Reproduktionsbe-
       dingungen abzusetzen.
       Die Institute  verwickeln sich im Bemühen um Ausklammerung dieses
       Zusammenhangs in  einen inneren  Widerspruch: So  wird der zuneh-
       mende Anteil  von Importen  aus "Schwellenländern" in einigen ar-
       beits- und  sachkapitalintensiven Bereichen  im Verhältnis zu den
       Exporten (niedrige bzw. sinkende RCA-Werte) als Beleg für die Hy-
       pothese der  bedrohten  internationalen  Konkurrenzfähigkeit  der
       Bundesrepublik benutzt.  Gleichzeitig aber  wird die  Auslagerung
       der entsprechenden  Produktionen durch die bundesdeutschen Unter-
       nehmen als  "Anpassungsstrategie" empfohlen,  so daß sich auf der
       gewählten empirischen  Ebene das  unsinnige  Ergebnis  herstellt:
       Eine erfolgreiche  Anpassung an  die  verminderte  internationale
       Wettbewerbsfähigkeit der BRD durch bundesdeutsche Unternehmen muß
       diese Wettbewerbsfähigkeit optisch weiter vermindern.
       Produktionsverlagerungen stärken die Wettbewerbsfähigkeit der in-
       vestierenden Konzerne,  tragen aber  zur Vernichtung inländischer
       Ressourcen bei.  Das Ifo-Institut weist auf diesen Tatbestand ex-
       plizit hin,  ohne daraus  allerdings Konsequenzen zu ziehen: "Der
       Ausbau  der   Wettbewerbsposition   dieser   Länder   (d.h.   der
       'Schwellenländer', J.G.)  wurde wesentlich durch ausländische Ka-
       pitalanlagen -  auch aus  der Bundesrepublik  -  gefördert."  16)
       Festzuhalten bleibt hier, daß die Verbesserung der Wettbewerbsfä-
       higkeit privater  Kapitale einhergehen kann mit der Verschlechte-
       rung der Wettbewerbsfähigkeit des entsprechenden Landes.
       Betrachtet man  nur die Entwicklung der Handelsströme in globaler
       und struktureller  Hinsicht, so hat die Veränderung der weltwirt-
       schaftlichen "Rahmendaten"  in den  siebziger Jahren für die Bun-
       desrepublik vergleichsweise  geringe Konsequenzen  gehabt. Insbe-
       sondere kann  nicht davon  gesprochen werden, daß die internatio-
       nale Wettbewerbsfähigkeit der westdeutschen Wirtschaft abgenommen
       hat. Dies  gilt auch für eine zentrale Hypothese der herrschenden
       Wirtschaftspolitik, die  die Freigabe der Wechselkurse Anfang der
       siebziger Jahre  für  ein  strukturell  einschneidendes  Ereignis
       hält. Ähnlich  wie das  HWWA kommen  auch die anderen Strukturbe-
       richte zu  dem Schluß:  "Insgesamt zeigt  sich, daß  die zunächst
       hinausgeschobene und  dann um  so raschere  Aufwertung der D-Mark
       nicht zu  einer Beschleunigung  des  Strukturwandels  beigetragen
       hat." 17)
       Vor allem  die Exportstruktur der Bundesrepublik hat sich im Ver-
       lauf der siebziger Jahre kaum gewandelt. Die führenden fünf Bran-
       chen (Maschinenbau,  Fahrzeugbau, Elektrotechnik, Eisenschaffende
       Industrie, Chemie)  hielten ihre Spitzenstellung bei. Versuche in
       den Strukturberichten,  gewisse Verschiebungen zwischen den Bran-
       chen auf  ihre Ursachen  zu untersuchen, ergaben hinsichtlich des
       Faktors "Wettbewerbsfähigkeit",  der von  den Wirkungen der Nach-
       frageverschiebungen im Welthandel isoliert wurde, keine wesentli-
       chen Veränderungen. Das Ifo-Institut kommt zu dem Ergebnis: "Alle
       stärkeren Anteilsänderungen  der siebziger  Jahre  (Zunahmen  bei
       Fahrzeugbau, Elektrotechnik und Schiffbau, Abnahmen bei Eisen und
       Stahl, Maschinenbau und Textil) gingen auf Strukturverschiebungen
       oder Wachstumsänderungen der Nachfrage zurück." 18)
       Zu  einem   ähnlichen  Ergebnis   kommt  das  HWWA-Institut,  das
       "Wettbewerbseffekt" und "Sortimentseffekt" voneinander zu trennen
       versucht: "Die  Entwicklung der  deutschen Warenausfuhr  ist also
       vor allem  dadurch begünstigt  worden, daß  die Schwerpunkte  des
       deutschen Exports  in überproportional  expandierenden  Bereichen
       der Weltnachfrage gelegen haben. Bemerkenswert ist, daß der Wett-
       bewerbseffekt trotz  einer hohen  realen Aufwertung  zwar gering,
       aber nicht negativ ausfiel". 19)
       Von einer  nachlassenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit der
       Exportbranchen der  Bundesrepublik als  Folge  der  strukturellen
       Veränderungen der  Weltwirtschaft kann  also keine Rede sein. Bei
       der  Diskussion  über  außenwirtschaftlich  bedingte  ökonomische
       Schwierigkeiten der  Bundesrepublik geht  es tatsächlich nicht um
       den Ausgleich  wettbewerbsbedingter Verluste.  Ziel ist  es viel-
       mehr, zusätzliche Weltmarktanteile zu gewinnen.
       Größer waren die strukturellen Veränderungen auf der Importseite,
       wobei eine  Tendenz zum  Anstieg der  Einfuhren von industriellen
       Fertigwaren bestimmend ist. Dies läßt sich insbesondere hinsicht-
       lich der  technologischen Aspekte  feststellen:  "Insgesamt  wird
       deutlich, daß  die technologische  Struktur der  Exporte zwischen
       1964 und  1978 relativ  konstant geblieben  ist, während sich bei
       den Importen  stärkere Strukturverschiebungen zugunsten von Waren
       mit höherer Technologie ergeben haben." 20) Im Handel mit den In-
       dustrieländern ist dabei eine Angleichung der Strukturen von Ein-
       und Ausfuhren  festzustellen. Das besondere Interesse gilt Verän-
       derungen im  Handel mit den Entwicklungsländern. Das Ifo-Institut
       sieht denn  auch den  verstärkten  "Anpassungsdruck"  veränderter
       weltwirtschaftlicher "Rahmenbedingungen"  für die  Bundesrepublik
       weniger im  Exportsektor als im Importsubstitutionssektor: "Unter
       Anpassungsdruck geraten sind vor allem die Anbieter arbeitsinten-
       siv hergestellter  Konsumgüter, wie  Lederwaren, Bekleidung, Tex-
       tilien, feinkeramische  Erzeugnisse, Glaswaren  oder Produkte der
       Unterhaltungselektronik." 21)
       Global betrachtet  scheinen aber  auch hier die Auswirkungen kaum
       einschneidend zu  sein. Der  Anteil der Entwicklungsländer an den
       westdeutschen Fertigwareneinfuhren war noch bis 1973 zurückgegan-
       gen. Seither  steigt er  wieder an,  erreichte aber auch 1978 mit
       8,4 Prozent  noch nicht  wieder den Stand von 1964. Auch geht die
       Positionsverbesserung seit 1973 fast ausschließlich auf das Konto
       von wenigen "Schwellenländern".
       Immerhin ist  es diesen Ländern in den siebziger Jahren gelungen,
       in fünf Branchen nennenswerte Anteile an der Inlandsversorgung zu
       gewinnen.  Bei   Bekleidung,  Textilien,  Leder,  Musikinstrumen-
       ten/Spielwaren und  Feinmechanik/Optik  erreichten  die  Entwick-
       lungsländer 1978  Anteile zwischen  11,7 Prozent (Textil) und 3,1
       Prozent (Optik).  In einigen Branchen wie der Elektrotechnik tra-
       ten Entwicklungsländer überhaupt erstmalig als Anbieter auf, ohne
       daß sie  bis jetzt  größere Einbrüche erzielen konnten. Teilweise
       ist aber auch die Branchenabgrenzung zu grob, es gibt hier unter-
       schiedliche Entwicklungen auf der Ebene einzelner Produktgruppen.
       Die betroffenen  Branchen haben  diesen Prozeß  teilweise  selbst
       durch Direktinvestitionen  und Veredelungsverkehr vorangetrieben.
       Diese vom  IfW als "Standortinnovation" befürwortete "Anpassungs-
       strategie"  hat   vor  allem   im  Bekleidungsgewerbe,   bei  der
       Lederverarbeitung und in der Elektroindustrie stattgefunden. Nach
       Berechnungen des  IfW stammten  1979  etwa  15  Prozent  der  Be-
       kleidungseinfuhren aus passivem Veredelungsverkehr und 10 Prozent
       aus ausländischen  Produktionsstätten westdeutscher  Unternehmen.
       22)
       Außerdem konnte  in den  durch Importsubstitution betroffenen Be-
       reichen eine  verstärkte Tendenz zur Rationalisierung des Produk-
       tionsprozesses festgestellt  werden. Dies  dürfte damit zusammen-
       hängen, daß  diese Branchen ihr Produktionsprofil in Richtung auf
       weniger arbeitsintensive  und höher  "qualifizierte" Produkte än-
       dern. Die  verstärkte Importkonkurrenz führt also nicht dazu, daß
       ganze Branchen "geopfert" werden müssen, sondern vor allem zu ei-
       ner Umstrukturierung  der inländischen Produktionen innerhalb der
       Branchen.
       Das DIW weist darüberhinaus darauf hin, daß, entgegen ideologisch
       gefärbten Beteuerungen,  zunehmend Handelshemmnisse, insbesondere
       nicht-tarifärer Natur,  errichtet wurden.  "Die Zunahme der deut-
       schen Fertigwareneinfuhr  aus der  dritten Welt  hat sich daher m
       den letzten  Jahren deutlich  abgeschwächt." 23) Daß die interna-
       tionalen Handelskonflikte zugenommen haben, macht auch der Tätig-
       keitsbericht des Gatt für 1980 deutlich: in diesem Jahr erreichte
       die Zahl  der den Gatt-Instanzen zur Schlichtung vorgelegten han-
       delspolitischen Auseinandersetzungen einen neuen Rekord. 24)
       Allerdings macht  das DIW auch deutlich, daß die Auswirkungen der
       zunehmenden Importe  von Halb-  und Fertigwaren aus Entwicklungs-
       ländern insgesamt noch gering sind: sie entsprachen 1962 0,8 Pro-
       zent, 1976  1,5 Prozent  der Inlandsbeschäftigung.  Der insgesamt
       nicht sehr  große Freisetzungseffekt des Handels mit den Entwick-
       lungsländern ist  allerdings sektoral  und regional stark auf Be-
       reiche konzentriert, in denen die Wiedereingliederungschancen für
       die betroffenen  Beschäftigten gering sind, während die positiven
       Effekte des  Handels mit  den Entwicklungsländern  breit gestreut
       sind.
       Die strukturellen Veränderungen im Außenhandel der Bundesrepublik
       in den siebziger Jahren sind - das zeigen die Analysen der Insti-
       tute - keineswegs so stark, daß sie die beschwörenden Appelle der
       Politiker und  Unternehmer hinsichtlich der bedrohten internatio-
       nalen  Wettbewerbsfähigkeit   der  Bundesrepublik  rechtfertigen.
       Leichten Verlusten  an internationaler Konkurrenzfähigkeit gegen-
       über einigen  "Schwellenländern" und teilweise auch gegenüber Ja-
       pan stehen  Gewinne an  Wettbewerbsfähigkeit in anderen Bereichen
       gegenüber. Keinesfalls  ist die  Behauptung  gerechtfertigt,  die
       Veränderungen in  der internationalen Arbeitsteilung, die erwähn-
       ten neuen  weltwirtschaftlichen "Rahmenbedingungen", hätten einen
       allgemeinen strukturellen  Rückstand der Bundesrepublik und einen
       erhöhten Anpassungszwang  für die  Wirtschaft des Landes offenge-
       legt.
       
       _____
       *) Beim vorliegenden  Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus
       dem Vortrag  des Verfassers  auf dem  vom Institut  für Weltwirt-
       schaft und  Internationale Beziehungen (Moskau), dem Institut für
       Internationale Politik  und Wirtschaft  (Berlin/DDR) und dem IMSF
       gemeinsam vom 2. bis 4. Juni 1981 in Frankfurt am Main veranstal-
       teten Symposium  "Weltmarkt und  Internationalisierung der  Wirt-
       schaft - Aktuelle und theoretische Gesichtspunkte". Die vollstän-
       dige Fassung  erscheint unter  dem Titel  "Die  'Modernisierungs-
       konzeption' in der Außenwirtschaftspolitik der Bundesrepublik" im
       Protokoll-Band  der  Tagung.  Vgl.  auch  den  Bericht  über  das
       Symposium in diesem Band der "Marxistischen Studien".
       1) Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung,
       Nr. 135/1976, S. 1289
       2) Es handelt  sich um  das Deutsche Institut für Wirtschaftsfor-
       schung (DIW),  Westberlin, das  Ifo-Institut für  Wirtschaftsfor-
       schung, München,  das Hamburger Weltwirtschaftsarchiv (HWWA), das
       Institut für Weltwirtschaft (IfW), Kiel und das Rheinisch-Westfä-
       lische Institut  für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen. Eine Dar-
       stellung und  kritische Würdigung  der Rolle und der Arbeiten der
       Institute ist  zu finden bei Angelina Sörgel, Die wirtschaftswis-
       senschaftlichen Forschungsinstitute  in  der  Bundesrepublik  und
       Westberlin, in:  Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF, 3/1980,
       Frankfurt am  Main, S. 341 bis 357. Die folgenden empirischen Da-
       ten beruhen  weitgehend auf den von den Instituten Ende 1980 vor-
       gelegten "Strukturberichten".
       3) IfW, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 143
       4) HWWA, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 49.
       5) RWI, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 189/90
       6) DIW, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 136
       7) Informationsdienst des IW, Nr. 24/1980, Beilage
       8) Ifo-Schnelldienst, Nr. 35-36/1980, S. 3
       9) Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaft-
       lichen Entwicklung  formuliert die herrschende Position: "Das er-
       höhte Verlustrisiko muß, damit die Scheu davor bei den Investoren
       überwunden wird,  durch eine  entsprechend  größere  Gewinnchance
       ausgeglichen werden." Jahresgutachten 1977/78, S. 156
       10) Die Produktzyklusthese  geht davon aus, daß Produkte und Pro-
       duktionsverfahren einem bestimmten Entwicklungsmuster unterworfen
       sind: in der Einführungsphase erfordern sie ein hohes technisches
       Niveau, später  werden sie  immer mehr  standardisiert, wobei die
       Anforderungen an  die Qualifikation  der Arbeitskräfte  abnehmen.
       Infolgedessen  haben  die  entwickelten  Industrieländer  in  der
       "Innovationsphase" von  Produkten und Produktionsprozessen kompa-
       rative Vorteile gegenüber den weniger entwickelten Ländern. Diese
       gehen   zunehmend    verloren,   wenn   die   Produkte   in   die
       "Standardisierungsphase" kommen.
       11) Bis 1977 waren die Anteilsgewinne Japans am Weltmarkt vorwie-
       gend zu Lasten von USA und Großbritannien gegangen, die Bundesre-
       publik hat wegen der unterschiedlichen regionalen Schwerpunktset-
       zung nur  wenig gespürt. Seither konnten die japanischen Konzerne
       aber sowohl  im Inlandsmarkt  der Bundesrepublik als auch auf den
       westeuropäischen Exportmärkten  der BRD  deutliche Anteilsgewinne
       verzeichnen. Nur  in der Chemie und beim Maschinenbau verzeichnet
       der Japanhandel  der BRD  noch positive  Salden. Ifo, Strukturbe-
       richterstattung, Bd. 1, S. 76 ff.
       12) Vgl. HWWA,  Strukturberichterstattung, Bd.  1, S. 120 ff. Das
       HWWA weist selbst auf die Probleme des Konzepts hin, wobei insbe-
       sondere die  Abgrenzung der Branchen als zu grobes Raster zu nen-
       nen ist.
       13) Die "Humankapitalintensität"  wird berechnet aus der Relation
       von durchschnittlichen  Lohn- und Gehaltsaufwendungen je Beschäf-
       tigten einer  Branche zum  durchschnittlichen  Hilfsarbeiterlohn.
       Die "Technologieintensität"  entspricht den  FuE-Aufwendungen  in
       Prozent des Nettoproduktionswertes einer Branche. Ebd., S. 130
       14) Ifo-Institut, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 63
       15) HWWA, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 126/27
       16) Ifo-Institut, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 81
       17) HWWA, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 124
       18) Ifo-Institut, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 69/70
       19) HWWA, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 126
       20) ebd., S. 137
       21) IfW, Strukturberichterstattung, Bd. 1, S. 7/8
       22) ebd., S. 183 ff
       23) DIW, Strukturberichterstattung, Bd. l, S. 135
       24) Gatt-Activities 1980,  Genf 1981,  zit. nach:  "Neue  Zürcher
       Zeitung" v. 24.4.81, Fernausgabe.
       

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