Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       POLITISCHE SYSTEMKRISE DES SMK UND
       ==================================
       AUSSENPOLITISCHE KRISENSTRATEGIEN
       =================================
       
       Eine Problemskizze
       ------------------
       
       Bernd Greiner
       
       1. Einleitung - 2. Elemente einer Theorie der politischen System-
       krise für  den SMK  - 2.1  Die strukturelle  Krisenhaftigkeit der
       bürgerlichen Gesellschaft  - 2.2  Die  Organisation  von  "Gegen-
       tendenzen" oder:  Staat  und  politisches  Herrschaftssystem  als
       Reaktion auf  die strukturelle  Krisenhaftigkeit -  2.3  SMK  und
       Allgemeine Krise des Kapitalismus - 3. Elemente einer Theorie au-
       ßenpolitischer Krisenstrategien des Imperialismus nach 1945 - 3.1
       Nachkriegskrise und  Kalter Krieg - 3.2 Die Krise der Nachkriegs-
       politik und die Richtungsdifferenzierung bei der Formulierung ei-
       ner neuen  außenpolitischen  Krisenstrategie  -  3.3  "Grenzüber-
       schreitungen" zu  einem neuen  Machtmaximalismus: Strukturen  der
       amerikanischen Krisenstrategie  für die  80er Jahre und die Rolle
       der Verbündeten
       
       1. Einleitung
       -------------
       
       Seit Jahren  hat die  "Krise" Konjunktur.  Zahllose Publikationen
       liegen vor  zur "Unregierbarkeit"  und "Krise der Demokratie" 1);
       über "Krisenbogen" und "neue Dimensionen und Aufgaben" westlicher
       Sicherheit 2)  wird intensiv  diskutiert, ja  die Krise erscheint
       den Handlungsträgern  westlicher Politik  mittlerweile nicht mehr
       als zeitlich und/oder räumlich begrenzter Störfaktor, sondern als
       neue Normalität, auf die es sich einzurichten gilt 3).
       Im Mittelpunkt  der politischen Auseinandersetzung steht zweifel-
       los der  Zusammenhang von   i n n e n p o l i t i s c h e r  S y-
       s t e m k r i s e   und   i n t e r n a t i o n a l e r  P o l i-
       t i k  und damit auch die Frage des Verhältnisses von  I n n e n-
       u n d   A u ß e n p o l i t i k.   Offensichtlich geht  die Bour-
       geoisie der  führenden imperialistischen  Länder  davon  aus,  an
       e i n e m  p o l i t i s c h e n  W e n d e p u n k t  angekommen
       zu sein.  Die in  absehbarer Zeit  zu  realisierende  Innen-  und
       Außenpolitik  wird   als    E n t s c h e i d u n g s p r o z e ß
       ü b e r   G r u n d s a t z f r a g e n  der ökonomischen, sozia-
       len, politischen,  militärischen und ideologischen Verfassung des
       westlichen Bündnisses vorgestellt: nichts wird in Zukunft mehr so
       sein wie  in der  Vergangenheit (Helmut Schmidt). Mit der Defini-
       tion der  Krise als  strukturellem Bezugspunkt aller Politik ver-
       bindet sich  auch die  Einsicht, daß   ü b e r    k ü n f t i g e
       p o l i t i s c h e     K r ä f t e k o n s t e l l a t i o n e n
       d e r   K l a s s e n   (national wie  international) entschieden
       werden muß,  aber diese  Entscheidung unweigerlich von der augen-
       blicklichen politischen  Machtstruktur mitbeeinflußt wird und daß
       die  d e r z e i t  im eigenen Lager zu formulierende Krisenstra-
       tegie ihrerseits  über  die  politische  Struktur,  Programmatik,
       Stärke und Einfluß der Gegenseite mitbestimmt, d.h. daß auf diese
       Weise die  Art der  Krisenbewältigung "auch  als genetisches Ele-
       ment... in  die Präparation  der  nächsten  Krise  (miteingeht  -
       B.G.)." 4)
       Die marxistische  Befassung mit diesen Problemen greift m.E. bis-
       her an  zwei entscheidenden  Stellen zu  kurz: erstens fehlt eine
       systematische Entwicklung  der Kategorie  "politische Krise", die
       den Zusammenhang    i n n e n-    u n d    a u ß e n p o l i t i-
       s c h e r  K r i s e n e n t w i c k l u n g e n  herstellt sowie
       Gemeinsamkeiten und  spezifische Differenzen  der an  Innen-  und
       Außenpolitik gestellten  Anforderungen markiert.  Zweitens erfor-
       dert gerade  das in  der Imperialismustheorie  stets reflektierte
       V e r h ä l t n i s   v o n   K r i s e  u n d  K r i e g  5) die
       Analyse der  Entwicklung  und  Anwendung    a u ß e n politischer
       (K r i s e n-) S t r a t e g i e n.   Dem  Stand  der  Diskussion
       entsprechend, handelt  es sich  bei der folgenden "Problemskizze"
       um den vorläufigen Versuch, einen analytischen Rahmen zu skizzie-
       ren, innerhalb  dessen innen-und  außenpolitische  Krisenprozesse
       des gegenwärtigen SMK zu interpretieren wären.
       
       2. Elemente einer Theorie der politischen Systemkrise für den SMK
       -----------------------------------------------------------------
       
       2.1 Die strukturelle Krisenhaftigkeit
       -------------------------------------
       der bürgerlichen Gesellschaft
       -----------------------------
       
       Die "Krise"  ist kein der bürgerlichen Gesellschaftsformation äu-
       ßerliches Moment: die in der Genese und Struktur dieser Formation
       angelegten antagonistischen Widersprüche ökonomischer und politi-
       scher Natur  kulminieren im  Prozeß ihrer historischen Entfaltung
       und auf  allen Entwicklungsstufen gesetzmäßig in ökonomischen und
       politischen Krisen. Dieser Sachverhalt soll als strukturelle Kri-
       senhaftigkeit der  bürgerlichen Gesellschaftsformation bezeichnet
       werden.
       Der Ausgangspunkt  zur Bestimmung  des Verhältnisses von ökonomi-
       scher und  politischer Krise ist die  p o l i t i s c h e  Ökono-
       mie der  bürgerlichen Gesellschaft.  In deren  Zentrum stehen die
       kapitalistischen Eigentumsverhältnisse,  die  immer  auch  Aneig-
       nungsverhältnisse sind;  kapitalistisches Eigentum  wird nur pro-
       duziert und  reproduziert durch Aneignung unbezahlter Mehrarbeit.
       In den   E i g e n t u m s s t r u k t u r e n   und  im   Aneig-
       nungs p r o z e ß  liegt   der  Schlüssel   zum  Verständnis  der
       s t r u k t u r e l l e n   ö k o n o m i s c h e n  K r i s e n-
       h a f t i g k e i t.   Mit der  klassenmäßigen Spaltung  der  Ge-
       sellschaft  in   Privateigentümer  der   Produktions-   und   Ar-
       beitsbedingungen einerseits  und doppelt freie, zum Verkauf ihrer
       Arbeitskraft als Ware ökonomisch gezwungene Lohnarbeiter anderer-
       seits ist  zugleich der  G r u n d w i d e r s p r u c h  des Ka-
       pitalismus gegeben,  nämlich die  p r i n z i p i e l l e  Nicht-
       übereinstimmung zwischen   p r i v a t e r   A n e i g u n g  und
       g e s e l l s c h a f t l i c h e r  P r o d u k t i o n.
       Die Produktion,  obwohl  gesellschaftlich  betrieben,  orientiert
       sich nicht an gesellschaftlichen Bedürfnissen, sondern am bestän-
       digen Drang  des Kapitals  nach  unbezahlter  Mehrarbeit.  Dieser
       Heißhunger nach  Mehrwert ist  vom Standpunkt  der Einzelkapitale
       der Drang nach  P r o f i t.
       Die Entwicklung  der (in  ihrem Wesen    g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e n)   Produktivkräfte ist  eben diesem   p r i v a t e n
       P r o f i t m a x i m a l i s m u s    6)  unterworfen.    E n t-
       w i c k l u n g   der kapitalistischen Produktionsweise heißt ein
       doppeltes: Entfaltung  des Grundwiderspruchs  und aller  auf  ihn
       zurückzuführenden Widersprüche  (z.B. das  Auseinanderfallen  von
       Wert und  Gebrauchswert, Produktion und Realisierung) einerseits;
       andererseits werden mit ihrer Entfaltung "diese Widersprüche nach
       außen, auf  die Ebene  der realen  Bewegung  herausgetrieben  und
       b e s t i m m e n   d e n   A b l a u f   d e r  k a p i t a l i-
       s t i s c h e n   R e p r o d u k t i o n   a l s    K r i s e n-
       p r o z e ß."  7)
       Dreh- und  Angelpunkt dieses Krisenprozesses ist der tendenzielle
       Fall der  Profitrate: über  die  Entfaltung  der  Produktivkräfte
       treibt das  Kapital auf eine immer höhere organische Zusammenset-
       zung hin,  entzieht sich  selbst damit  tendenziell die lebendige
       Arbeit als  einzige Quelle  der Neuwertschöpfung und erweist sich
       folglich - indem es seine eigene Rationalität immer wieder selbst
       untergraben   m u ß   - als  Schranke seiner selbst. Einen Ausweg
       gibt es   p r i n z i p i e l l   n u r  über die beständige Ver-
       schärfung der kapitalimmanenten Widersprüche, letztlich also über
       die Zuspitzung  der strukturellen  Krisenhaftigkeit: der  tenden-
       zielle Fall  der Profitrate  stimuliert einerseits die Weiterent-
       wicklung der  Produktivkräfte, ohne  Rücksicht auf  die gesetzten
       Schranken, "wodurch diese ständig neu und höher errichtet werden,
       andererseits die fortwährende Produktion von Kapital, das bei den
       gegebenen Profitbedingungen...  unfähig zur  Anlage, also relativ
       überschüssig ist." 8)
       Die dadurch  auf ständig  höherem Niveau sich zwanghaft durchset-
       zenden Krisenprozesse "sind immer nur momentane gewaltsame Lösun-
       gen der  vorhandenen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das
       gestörte Gleichgewicht  für den  Augenblick wiederherstellen." 9)
       Gewaltsam vollzieht  sich über  den Krisenprozeß  die Vernichtung
       überschüssigen Kapitals  - was  nichts anderes  ausdrückt als den
       sozio-ökonomischen Prozeß der "Expropriation der Expropriateure".
       In der ständig weitergetriebenen Konzentration und Zentralisation
       des Kapitals (Aktiengesellschaften, Monopole) realisiert sich der
       a priori  zum Scheitern  verurteilte Versuch, die privaten Aneig-
       nungsformen unterworfenen Produktionsverhältnisse mit der gesell-
       schaftlichen Existenz der Produktivkräfte "auszusöhnen" oder: re-
       lative Lösungsformen  für die  eskalierenden Widersprüche zu fin-
       den. Marx  bezeichnete diese  in der    s t r u k t u r e l l e n
       K r i s e n h a f t i g k e i t   angelegte reale Kapitalvernich-
       tung als  "'Aufhebung des  Kapitals als  Privateigentum innerhalb
       der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst'". 10)
       Strukturelle Krisenhaftigkeit heißt also konkreter gefaßt: die in
       der Existenz  der kapitalistischen  Gesellschaftsformation  gene-
       tisch angelegten antagonistischen Widersprüche treiben in der re-
       alen Bewegung nicht allein zu Krisen, sondern über den Krisenpro-
       zeß wird die historische Aufhebung und Überwindung dieser Gesell-
       schaftsformation exekutiert.
       Die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft ist jedoch nicht
       dem  s t u m m e n  Wirken ökonomischer Gesetzlichkeiten geschul-
       det, sondern  die Ökonomie  artikuliert sich stets politisch, sie
       ist von ihrem Wesen her  p o l i t i s c h e  Ökonomie. Es stellt
       sich also  die Frage:  in welcher  Weise betreibt  das Wirken der
       ökonomischen Gesetze  eine  s t r u k t u r e l l e  p o l i t i-
       s c h e  K r i s e n h a f t i g k e i t?
       Der systematische  Bezugspunkt zur  Beantwortung dieser Frage ist
       darin zu  sehen, daß  der ökonomische  Zwang stummer Unterwerfung
       der Arbeiterklasse unter die bürgerliche (ökonomische und politi-
       sche) Herrschaft  durch die  Bewegung und Entfaltung des Kapitals
       selbst beständig durchbrochen wird. Dieser Mechanismus tritt des-
       halb ein, weil das Kapital als nur auf sich selbst bezogener Wert
       in seinem  Trieb nach  Profitmaximierung beständig auf die unmit-
       telbaren Lebensinteressen  der  Arbeiterklasse  übergreift.  Dies
       nicht nur durch den Versuch, den beschäftigten Arbeitern mehr ab-
       soluten und  relativen Mehrwert  abzupressen, sondern auch, indem
       es in der historischen Tendenz beständig und in jeder Krise aktu-
       ell Arbeitskräfte freisetzt und dezimiert. Die Arbeiterklasse ist
       also gezwungen,  ihre materielle  Existenzgrundlage kollektiv  zu
       verteidigen, d.h.:  "... im  historischen Begriff des Kapitalver-
       hältnisses als  einer antagonistischen  Bewegungsform  (verbindet
       sich) die  krisenhafte Bewegung  des Verwertungsprozesses mit der
       sozialen Bewegung der antagonistischen Klassen." 11)
       In der  zunächst ökonomischen Abwehrreaktion auf  a k t u e l l e
       ökonomische Krisenprozesse  ist der Keim der Konstitution der Ar-
       beiterbewegung zu einer  d a u e r h a f t  politischen Bewegung,
       zu ihrer  Herausbildung als  Klasse an und für sich, angelegt. In
       den  ökonomischen   und  politischen  Klassenauseinandersetzungen
       selbst konstituiert  sich  die  Arbeiterklasse  "als  selbständig
       agierendes, historisches Subjekt, als Träger und Repräsentant des
       historisch 'transitorischen Charakters' der kapitalistischen Pro-
       duktionsweise..." 12);  somit "beinhaltet das Kapital  ö k o n o-
       m i s c h   u n d   p o l i t i s c h   zugleich seine 'eigne Ne-
       gation'." 13)
       Zusammengefaßt heißt das: die ökonomische  u n d  soziale Entfal-
       tung des  Kapitalverhältnisses führt  in der historischen Tendenz
       zur Infragestellung,  letztlich Überwindung  der ökonomischen und
       politischen Herrschaft  der Bourgeoisie.  Strukturelle Krisenhaf-
       tigkeit impliziert also das systematische Zusammenwirken ökonomi-
       scher, politischer und ideologischer Krisenprozesse auf der Basis
       der historischen  Entfaltung der für die bürgerliche Gesellschaft
       bestimmenden ökonomischen  Kategorien: sie  ist der  "materiellen
       gesellschaftlichen Praxis"  des Kapitals  immanent 14).  Es  wird
       hier vorgeschlagen,  die Qualifizierung   "s t r u k t u r e l l"
       dieser  gesetzmäßig     k r i s e n h a f t e n    E n t w i c k-
       l u n g s t e n d e n z   der bürgerlichen Gesellschaftsformation
       vorzubehalten und sie  n i c h t  auf ökonomische, politische und
       ideologische Krisenprozesse  im einzelnen  - die  allesamt nur im
       Rahmen der  so  verstandenen  strukturellen  Krisenhaftigkeit  zu
       begreifen sind  und gleichsam deren Voraussetzung darstellen - zu
       übertragen.
       
       2.2 Die Organisation von "Gegentendenzen" oder: Staat
       -----------------------------------------------------
       und politisches Herrschaftssystem als Reaktion auf die
       ------------------------------------------------------
       strukturelle Krisenhaftigkeit
       -----------------------------
       
       Was für  den tendenziellen  Fall der Profitrate gilt, trifft auch
       auf die  politische Dimension  der strukturellen Krisenhaftigkeit
       zu, nämlich,  "daß die  ganze Zwangsläufigkeit  des  Kapitalismus
       darin besteht,   d a ß   d a s   K a p i t a l   g e g e n  d i e
       W i r k u n g   d e s   G e s e t z e s    a n g e h e n    m u ß
       u n d   a u c h  t a t s ä c h l i c h  a n g e h t.  ... Mit an-
       deren Worten,  das 'Gesetz  als  solches'  und  seine  'entgegen-
       wirkenden  Ursachen'...  bilden  eine  Einheit."  15)  Dabei  ist
       zweierlei zu  beachten. Erstens:  "Gesetz" und  "entgegenwirkende
       Ursachen" heben  sich nicht  gegenseitig auf, sondern die Mobili-
       sierung von  "Gegentendenzen" stabilisiert  nur zeitweilig und um
       den  Preis   langfristiger  Verschärfung  der  gesellschaftlichen
       Antagonismen.  Indem   das  Monopol   z.B.  die   Wirkungen   des
       tendenziellen  Profitratenfalls  zeitweilig  von  sich  abwendet,
       wälzt es  diese  lediglich  auf  die  übrigen  gesellschaftlichen
       Gruppen, Schichten  und Klassen  ab. Zweitens:  weder  ökonomisch
       noch politisch  mobilisierte Gegentendenzen  sind Ergebnis "plan-
       mäßiger Generalstabsarbeit"  des Kapitals,  sondern  setzen  sich
       durch "im  konkreten Prozeß   d e r  R e a k t i o n   der  herr-
       schenden Klasse auf Krisensituationen und Instabilitäten." 16)
       Diese Überlegung sollte auch im Zentrum stehen, wenn das Verhält-
       nis von  Staat bzw. politischem Herrschaftssystem zur strukturel-
       len Krisenhaftigkeit  diskutiert wird.  Die politische Herrschaft
       ist bestimmt  durch "die spezifische ökonomische Form, in der un-
       bezahlte Mehrarbeit  aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt
       wird..." 17), d.h.: ihre zentrale Funktion ist die Sicherung bür-
       gerlicher Eigentums-  und Aneignungsverhältnisse, und diese Funk-
       tion wiederum  wird historisch  erzwungen durch  die  strukturell
       krisenhafte Entfaltung  des Kapitalverhältnisses.  Insofern  wird
       "das beständige  R e a g i e r e n  auf innere und äußere Krisen-
       prozesse... zur  wesentlichen Funktion der Apparate der bürgerli-
       chen Klassenherrschaft...". 18)
       Inwiefern kann  der  politische  Herrschaftsapparat  die  gesell-
       schaftliche  Herrschaft   der  Bourgeoisie  also    r e l a t i v
       s t a b i l i s i e r e n?  Zunächst und in erster Linie dadurch,
       daß er seiner wichtigsten Funktion gerecht wird und die antagoni-
       stischen Klassenbeziehungen  zwischen Kapital  und  Arbeit  regu-
       liert. Da  "der ökonomische  und politische  Kampf der  Arbeiter-
       klasse dem  Kapital  als    V e r w e r t u n g s s c h r a n k e
       erscheinen muß"  19), kommt es für den Staat - der im Mittelpunkt
       des politischen  Herrschaftsapparates steht  - darauf  an, diesen
       Widerstand hauptsächlich  mit repressiven, aber auch unter Zuhil-
       fenahme integrativer  Mechanismen zu brechen. Erst der Staat kann
       also  das     g e m e i n s c h a f t l i c h e    B a s i s i n-
       t e r e s s e   der auch  in politischer  Konkurrenz um Macht und
       Einfluß  zueinander   stehenden  Einzelkapitale  an  der  System-
       erhaltung zu einer "Durchschnittsherrschaft" verallgemeinern. Die
       Bestimmung  des   "Durchschnittsinteresses"  wiederum  ist  keine
       Umsetzung einer   a b s t r a k t e n    Logik  der  Herrschafts-
       sicherung, sondern  setzt die   p o l i t i s c h e   Regulierung
       der Konkurrenz innerhalb der herrschenden Klasse voraus 20) - ein
       in  sich  widersprüchlicher  Prozeß.  Damit  hat  der  Staat  als
       "ideeller Gesamtkapitalist"  auch Vorsorge  zu treffen  gegen die
       Übergriffe einzelner  Kapitalisten. Schließlich obliegt dem Staat
       als dritte  wesentliche  Funktion  "die  Bereitstellung  der  vom
       Kapital nicht  zu erstellenden Bedingungen der Produktion und Re-
       produktion." 21)
       Die relative Stabilisierung bürgerlicher Herrschaft ist aber über
       diese vom  Staat direkt zu übernehmenden Aufgaben allein nicht zu
       leisten. "Das  System von  Klassenherrschaft greift...  über  den
       Staat .  als unmittelbares  Organ der Klassenherrschaft . hinaus"
       22) und  muß zur   h e g e m o n i a l e n   Beherrschung der Ge-
       sellschaft auch  ideologische Apparate mobilisieren . einerseits,
       um die strukturelle Krisenanfälligkeit der "spontanen" Integrati-
       onsmechanismen zu kompensieren, andererseits, um den täglich sich
       real immer  wieder reproduzierenden  Schein der Gleichheit zu be-
       stärken.
       Um die   R e l a t i v i t ä t   dieser  Stabilisierungsmaßnahmen
       adäquat zu  erfassen, erscheint  es geboten,  noch einmal auf die
       Bestimmung der  "Gegentendenzen" als "reaktive" Maßnahmen zurück-
       zukommen. Damit  ist zunächst  gemeint, daß der Staat samt seiner
       politischen Steuerungsmaßnahmen  qua Genese  und Funktion "in die
       Widersprüche und  Krisen der  Kapitalverwertung einbezogen"  23),
       d.h. an die strukturell widersprüchlichen und krisenhaft sich be-
       wegenden Gesetze  der kapitalistischen Produktionsweise gefesselt
       ist und  sich zu  k e i n e m  Zeitpunkt planend über sie erheben
       kann. Die  anarchische Bewegung  der Ökonomie schafft stets poli-
       tisch und  ideologisch   n i c h t   antizipierbare  Bedingungen.
       Darüber hinaus  werden ökonomische  Interessen keineswegs  mecha-
       nisch in politische "umgesetzt". Wenn Läpple darauf hinweist, daß
       Politik an der "Nahtstelle" zwischen Basis und Überbau formuliert
       wird 24),  so  ist  damit  die  charakteristische    P h a s e n-
       v e r s c h i e b u n g   zwischen ökonomischen,  politischen und
       ideologischen Prozessen  gemeint -  jener Sachverhalt  also,  daß
       sich "soziale  Interessen... im Bewußtsein ideologisch reflektie-
       ren... und  sich nur  durch Zusammenfassung  und Systematisierung
       dieses schon  ideologisierten Bewußtseins  zu  einer  politischen
       Interessenrichtung  konstituieren  und  in  eine  politische  In-
       teressenkonzeption übersetzen lassen...". 25)
       Die politische  Konkurrenz der  um ökonomische  Positionsvorteile
       ringenden Kapitale  überträgt sich  als dauerhafte Konfliktquelle
       auf das Anliegen des politischen Prozesses, das bourgeoise Basis-
       interesse an  Systemerhaltung und  Machterweiterung in  politisch
       realisierbare und  möglichst dauerhaft  effektive Strategie umzu-
       setzen. Zwar resultiert aus diesem Widerspruch deshalb keine Läh-
       mung, weil  der Staat  zu keinem  Zeitpunkt paritätisch alle Ein-
       zelinteressen zu  einer alle Kapitale zufriedenstellenden Politik
       kombiniert, sondern  . in  seiner relativen Selbständigkeit . die
       jeweils ökonomisch  mächtigsten Kapitale und Kapitalverbände auch
       politisch favorisiert.  Aber dennoch  verbindet sich  mit  diesen
       Prozessen ein  Moment   s t r u k t u r e l l e r  I n s t a b i-
       l i t ä t  26).
       Wenn  also  vor  diesem  Hintergrund  eine    p o l i t i s c h e
       K r i s e   als "Krise  der  Gegentendenzen"  bestimmt  wird,  so
       bleibt zu  berücksichtigen: diese  Krise ist  keine  den  "Gegen-
       tendenzen"  äußerliche  Entwicklung,  sondern  reflektiert  deren
       (durch antagonistische  Widersprüche erzwungene)  Genese    u n d
       ihre vom Wesen des kapitalistischen Systems auf-geherrschte Orga-
       nisationsform.
       Als politische  Krise wären folglich in einer ersten Zusammenfas-
       sung all  jene Prozesse zu beschreiben, die zeitlich und räumlich
       kongruent die  relative Funktionalität  der aus der strukturellen
       Krisenhaftigkeit der  bürgerlichen Gesellschaftsformation zwangs-
       weise und  reaktiv sich  entwickelnden "Gegentendenzen"  entweder
       nachhaltig stören und/oder außer Kraft setzen . also für die ant-
       agonistischen politischen  Lager einen  Entscheidungsprozeß  über
       alternative  gesellschaftspolitische   Maßnahmen  einleiten.  Ein
       "Versagen administrativer  Problemlösungsverfahren" muß also ein-
       hergehen mit  dem politisch-ideologischen  "Hegemonieverlust" 27)
       der herrschenden  Klasse -  ein Prozeß,  der nur  denkbar ist als
       Ausdruck politischer Klassenauseinandersetzungen, die sich zuvör-
       derst auf  ökonomische Krisenprozesse, also Verwertungskrisen des
       Kapitals, beziehen.  Diesen Kriterien zufolge ist eine politische
       Krise immer  umfassender als  eine Krise  des  Staates:  sie  ist
       zugleich eine Krise des gesamten politischen Herrschaftsapparates
       und damit politische Systemkrise.
       Diese Charakterisierung  hat Vor- und Nachteile. Sie erlaubt eine
       Differenzierung   zwischen       "S t a a t s k r i s e"      und
       "p o l i t i s c h e r   S y s t e m k r i s e"  und grenzt letz-
       tere ab  von  einer    "r e v o l u t i o n ä r e n    S i t u a-
       t i o n"   (der sog.  "Überlebenskrise"). Die  politische System-
       krise ist  einer revolutionären  Situation  stets  vorgängig  und
       insofern nicht  von ihr  zu trennen  28) - aber erst in letzterer
       stellt sich das Problem der Transformation der Gesellschaft akut:
       weil sich  nämlich im   P r o z e ß   der politischen Systemkrise
       Klassenbewußtsein nicht  nur "treibhausartig"  entwickeln konnte,
       sondern  darüber  vermittelt  auch  in  revolutionäre  politische
       Organisation umschlug  (womit  über  Erfolg  oder  Mißerfolg  der
       Revolution selbstverständlich  noch nichts  ausgesagt  ist).  Die
       Kennzeichnung der  Krise als  "Etappe höchster Instabilität" (die
       eine zeitlich  limitierte, akute Entscheidungssituation und einen
       Entscheidungszwang über alternative gesellschaftspolitische  M o-
       d e l l e   beinhaltet) sollte  m.E. der revolutionären Situation
       oder revolutionären  Krise als  Weiterentwicklung der politischen
       Systemkrise  vorbehalten   bleiben  29).  Dies  in  erster  Linie
       deshalb, weil zwischen Hegemonieverlust und Auflösung des ideolo-
       gischen Konsensus einerseits sowie entwickeltem Klassenbewußtsein
       andererseits kein mechanischer Zusammenhang besteht - ebensowenig
       wie zwischen ökonomischer und politischer Krise.
       Damit sind die  N a c h t e i l e  obiger Charakterisierung ange-
       sprochen:  der  Zusammenhang  von  ökonomischer  und  politischer
       (System-)Krise kann  bei unserer Fragestellung lediglich als all-
       gemeiner unterstellt  werden,  bedarf  aber  zweifellos  der  be-
       grifflichen und  historischen Präzisierung.  Auch ist  der Prozeß
       der Krisenlösung  (vom Standpunkt  der herrschenden  Klasse) noch
       nicht erfaßt  . dieser  ist aber integraler Bestandteil der Krise
       selbst. Als   T e n d e n z   kann vorläufig nur unterstellt wer-
       den, was  Marx bereits  in den  Frankreich-Schriften explizierte:
       daß die  Bourgeoisie in  Zeiten der Krise ihrer Herrschaft zu Ge-
       walt und  Zwang greift. Spätestens an diesem Punkt zeigt sich die
       unbedingte Notwendigkeit,  den politischen  Krisenbegriff  histo-
       risch konkreter  zu entfalten  und  damit  die    s t a d i a l e
       E n t w i c k l u n g  des Kapitalismus in Rechnung zu stellen.
       
       2.3 SMK und Allgemeine Krise des Kapitalismus
       ---------------------------------------------
       
       Die Überlegungen  sollten ausgehen  von Lenins  Hinweis  auf  den
       Z w a n g s c h a r a k t e r   d e s  M o n o p o l s,  konkret:
       daß das  Monopol als  ökonomisches Verhältnis zugleich politische
       G e w a l t   und  R e a k t i o n  bedeutet 30). Der wesentliche
       ökonomische Inhalt  des Monopols  ist darin zu sehen, daß zur Ab-
       wehr des  tendenziellen Falls der Profitrate ökonomischer Zwang -
       nämlich in  Gestalt der Aneignung und Behauptung monopolistischer
       Extraprofite und  darüber vermittelt  des Abhängigwerdens kleiner
       und mittlerer  Kapitale - ausgeübt wird 31). Entscheidend für un-
       seren Zusammenhang  ist die  Tatsache, daß die Beziehungen Ökono-
       mie-Politik sich  auf mehreren  Ebenen intensivieren und zugleich
       ausdifferenzieren. Zunächst  ist der Staat gezwungen, die monopo-
       listischen Eigentumsverhältnisse abzusichern und den monopolisti-
       schen Akkumulationsprozeß  zu fördern.  Freilich kann dies nur um
       den Preis  einer perspektivisch zunehmenden Verschärfung der Kon-
       flikte geschehen - ökonomisch durch die fortschreitende Aufhebung
       des kapitalistischen  Privateigentums innerhalb  der kapitalisti-
       schen Produktionsweise  selbst, politisch-ideologisch  durch  die
       fortschreitende (sozio-ökonomische  u n d  politische) Polarisie-
       rung der  Klassen im Inneren der Gesellschaft (Gewerkschaften als
       Massenorganisationen und  Herausbildung sozialistischer  Parteien
       mit starken  marxistisch-revolutionären Flügeln)  und durch  neue
       außenpolitische Konfliktfelder im Zuge der imperialistischen Auf-
       teilung der  Welt -  eine notwendige  Bedingung der  zwangsläufig
       nach außen  expandierenden, da  von den  nationalen Märkten nicht
       mehr zu befriedigenden Verwertungsinteressen der Monopole.
       Der politisch  zentrale Umschlagpunkt wird mit der Oktoberrevolu-
       tion und  dem Beginn   d e r   A l l g e m e i n e n    K r i s e
       d e s  K a p i t a l i s m u s  erreicht, mit jener Entwicklungs-
       phase also,  in der  der Kapitalismus vor dem Hintergrund und als
       (kriegspolitische) Folge  seiner monopolistisch  zugespitzten Wi-
       dersprüche mit  der in  revolutionären Schüben sich vollziehenden
       Durchsetzung der  neuen  Gesellschaftsformation  des  Sozialismus
       konfrontiert wird.  Im Inneren  wie im  Äußern stößt  das Kapital
       jetzt  zunehmend   auf  Verwertungsschranken.   Die   Bezeichnung
       "allgemeine Krise"  bietet sich deshalb an, weil es sich um einen
       Übergangsprozeß epochalen Charakters handelt.
       Vor dem Hintergrund der Allgemeinen Krise stellt sich das Problem
       der politischen  Systemkrise und  der strategisch-politischen Ab-
       wehrbereitschaft der  herrschenden Klasse grundlegend anders. Er-
       stens ist  ab sofort  die traditionelle   T r e n n u n g   v o n
       I n n e n-   u n d   A u ß e n p o l i t i k   h i n f ä l l i g.
       Die politische Formulierung von Klassenherrschaft muß sich fortan
       auf beide  Bereiche zugleich  und nach  Maßgabe eines  integralen
       Herrschaftskonzepts beziehen.  Dies bedeutet  zweitens, daß  sich
       das Problem  der effektiven  Kombination von  R e p r e s s i o n
       u n d  I n t e g r a t i o n  als Mittel der Herrschaftssicherung
       neu stellt.  Zweifellos  stärkt  die  historische  Defensive  die
       "immanente Diktaturneigung  der Klasse  an der Macht" 32): ein an
       der Zunahme  des  staatlichen  Repressionspotentials  und  dessen
       tatsächlichem Einsatz  leicht ablesbarer  Zusammenhang.  Zugleich
       wird jedoch  die Mobilisierung  aller integrativen Potenzen durch
       die allgemeine  Krise und  in Vorwegnahme zukünftiger politischer
       Systemkrisen (die  jetzt ungleich größere Gefahrenmomente in sich
       bergen) unausweichlich.
       Die     A u s d i f f e r e n z i e r u n g     des  bürgerlichen
       p o l i t i s c h e n   R i c h t u n g s p o t e n t i a l s  im
       staatsmonopolistischen Kapitalismus  ist in  erster Linie  diesen
       Notwendigkeiten geschuldet.  Die politischen Auseinandersetzungen
       des Bürgertums  als Klasse drehen sich fortan im Kern um den Ent-
       wurf einer  optimalen "Krisenstrategie"  mit dem  Minimalziel der
       Wahrung monopolistisch  strukturierter Herrschaftspositionen  und
       dem Maximalziel der Rückgewinnung der historischen Initiative ge-
       genüber dem Sozialismus (zwar sollte die auch politisch relevante
       Differenzierung zwischen  monopolistischer und nicht-monopolisti-
       scher Bourgeoisie nicht übersehen, aber genausowenig zum Hauptin-
       halt der  Richtungsdifferenzierung erhoben  werden). Wie die Ent-
       wicklung der politischen Strategie der deutschen Bourgeoisie zwi-
       schen 1918  und 1933  bzw. 1945  beispielhaft zeigt  33), ist mit
       diesen Auseinandersetzungen  die Frage  einer   "p r ä v e n t i-
       v e n  K r i s e n p o l i t i k"  bzw. Strategie untrennbar ver-
       knüpft. Weniger  denn je  zuvor kann die Politik der herrschenden
       Klasse  in  politischer  Krisensituationen  oder  gar  unter  der
       Bedingung einer  politischen Systemkrise nur unter dem Aspekt der
       reaktiven  Abwehr   jeweils  konkret   vorfindlicher  oder   sich
       entwickelnder Krisenfaktoren begriffen werden.
       Vielmehr tritt  jetzt ein  Moment in  den Vordergrund, das gerade
       der politischen  Systemkrise ein  spezifisch neues  Gepräge gibt:
       der von  R. Opitz  so bezeichnete,  stets mit der Eventualplanung
       auf die terroristische Option ausgestattete und daher langfristig
       konzipierte   "M a c h t m a x i m a l i s m u s"   34) der herr-
       schenden Klasse. Am Beispiel des aufsteigenden deutschen Faschis-
       mus expliziert  Opitz, daß am Ende der Weimarer Republik die Auf-
       lösung des  gesellschaftspolitischen Konsens  und der Verlust der
       hegemonialen Führungsfähigkeit der herrschenden Klasse keineswegs
       in eine  revolutionäre, die  politische Machtfrage  aktuell stel-
       lende Situation  umgeschlagen waren; es handelte sich vielmehr um
       eine politische  Systemkrise, die eine Wiederherstellung des Kon-
       sens auf  dem  Boden  der  kapitalistischen  Gesellschaftsordnung
       durch reformpolitische  Zugeständnisse  durchaus  erlaubt  hätte.
       "... alle()  Instrumente der monopolkapitalistischen Integration"
       (588) mußten  aber am  "Machtmaximalismus" (598) der herrschenden
       Klasse scheitern, an der vorab (in den Grundzügen bereits während
       der politischen  Systemkrise der  Novemberrevolution) definierten
       Weigerung des  Monopolkapitals, politische und soziale Zugeständ-
       nisse zu  machen; eben diese Weigerung begab sich aller traditio-
       nellen Mittel gesellschaftspolitischer Integration, mußte zur Si-
       cherstellung von Ruhe und Ordnung letztlich auf die faschistische
       Partei  zurückgreifen  und  beschwor  damit  die  "akut  faschis-
       musträchtige Situation" (588) herauf. "Dies aber, die Alternative
       zwischen einigen  Abstrichen an  den eigenen politischen Maximal-
       zielen, auch  nur geringfügigen  Zugeständnissen an einige allge-
       meinste und elementarste Hauptforderungen dieses Massenpotentials
       - wie  etwa Verzicht  auf maßlose Rüstung und aktive Kriegsvorbe-
       reitung, bestimmte soziale Verbesserungen oder Gewährleistung be-
       stimmter Mitspracherechte - und dem Übergang in die faschistische
       Diktatur ist   e i n e    e c h t e    W a h l k o n s t e l l a-
       t i o n  und nur aus dem Gesichtswinkel des kompromißunwilligsten
       Machtmaximalismus eine  alternativlose  Lage..."  (598;  Hervorh.
       B.G.).
       Daraus folgt:  es wäre falsch, anzunehmen, die herrschende Klasse
       griffe nur "in äußersten Situationen... auf blanke Gewalt zurück"
       35). Unter monopolkapitalistischen Bedingungen und im Stadium der
       Allgemeinen Krise  des Kapitalismus  sind hereits  politische Sy-
       stemkrisen und  nicht erst  revolutionäre Situationen faschismus-
       und damit  letztlich auch kriegsträchtig. Damit ist keinerlei Au-
       tomatismus oder  Zwangsläufigkeit der  Entwicklung unterstellt  .
       etwa in  der Weise, daß programmatisch vorgetragener Machtmaxima-
       lismus notwendig  in Faschismus  und/oder Krieg  führe -, sondern
       lediglich der  Zusammenhang von Monopol und Reaktion präziser be-
       stimmt. Welche  Strategie zur  Krisenüberwindung sich konkret-hi-
       storisch durchsetzt,  entscheidet sich  n i c h t  nach deren im-
       manenter Herrschaftsrationalität, d.h. Funktionalität für die In-
       teressen der  herrschenden Klasse;  darüber befindet vielmehr die
       "Veränderung politischer  Machtverhältnisse, die  selbst mit  dem
       Ausmaß und  dem Bewußtseinsstand  der realen Klassenbewegung ver-
       bunden sind."  36) Gleichwohl: die reale Krisengeschichte der ka-
       pitalistischen Gesellschaft  im 20. Jahrhundert ist in hohem Maße
       von Gewaltanwendung  nach innen  und außen  geprägt und  - in den
       Worten Jürgen  Kuczynskis -  charakterisiert durch das "fundamen-
       tale ökonomische  Interesse (der  Monopole) an  der Auslösung von
       Weltkriegen." 37)
       Die immanente  Dialektik krisenabwehrender  Gegentendenzen  wurde
       damit freilich  nicht außer  Kraft gesetzt.  Gerade der in erster
       Linie gegen  die allgemeine  Krise des  Kapitalismus mobilisierte
       Machtmaximalismus  des  deutschen  Faschismus  griff  mit  seiner
       Kriegspolitik zu  einem Mittel,  das die  anvisierten Ziele nicht
       nur unterlaufen,  sondern die Allgemeine Krise verschärfen mußte.
       Im Ergebnis  des   Z w e i t e n   W e l t k r i e g e s  war das
       internationale Kapital  mit einem  sozialistischen  Staatensystem
       und  einem   beschleunigten  Dekolonisierungsprozeß  konfrontiert
       (gemeinhin als   n e u e   E t a p p e  innerhalb   d e r  A l l-
       g e m e i n e n   K r i s e   verstanden 38). Parallel dazu waren
       die führenden  kapitalistischen Länder  Europas durch  den  Krieg
       geschwächt und  als Folge  im  Innern  mit  einer    p o l i t i-
       s c h e n   S y s t e m k r i s e   konfrontiert. Der umfassenden
       Stärkung der USA stand mithin eine akute Schwäche des Systems der
       imperialistischen Staaten  gegenüber. Alle  diese  Krisenfaktoren
       können im  Begriff der   N a c h k r i e g s k r i s e  zusammen-
       gefaßt werden.
       
       3. Elemente einer Theorie außenpolitischer Krisenstrategien
       -----------------------------------------------------------
       des Imperialismus nach 1945
       ---------------------------
       
       Spätestens mit Beginn der innerkapitalistisch-integrativen Block-
       bildung (Bretton  Woods, OEEC,  NATO, Montanunion, EWG etc.) nach
       1945 ist  die Trennung von Innen- und Außenpolitik obsolet gewor-
       den. Trotz  der Dominanz  der Nationalstaaten  sind die führenden
       kapitalistischen Länder  sowohl durch  objektive ökonomische Pro-
       zesse (konfliktbeladene  Internationalisierung der Produktion und
       des   Absatzes)   als   auch   durch   politische   Veränderungen
       (Ausbreitung und  Konsolidierung des  sozialistischen Lagers nach
       1945 und  politisch-ökonomische Emanzipation der Entwicklungslän-
       der) dazu  gezwungen,   K r i s e n p r o g r a m m e   zur  g e-
       m e i n s c h a f t l i c h e n   Wahrung von  B a s i s i n t e-
       r e s s e n   zu konzipieren  - Programme,  die  sich  ihrerseits
       nicht auf  das Außenpolitische  bzw. die  internationale  Politik
       beschränken können,  sondern auch  direkt  zur  krisenabwehrenden
       Formierung der  Innenpolitik formuliert sein müssen. Insofern ist
       die Beschäftigung  mit   a u ß e n p o l it i s c h e r  S t r a-
       t e g i e b i l d u n g    eine    n o tw e n d i g e    F o r t-
       s c h r e i b u n g  der oben entwickelten Thesen zur  i n n e n-
       p o l i t i s c h e n  S y s t e m k r is e.
       Außen- und Innenpolitik bleiben dennoch unterschiedene und unter-
       scheidbare Sphären  der Politik.  Diesem Unterschied muß auch die
       Theoriebildung gerecht  werden: die  Kategorie der   p o l i t i-
       s c h e n   S y s t e m k r i s e   sollte auf  die    I n n e n-
       p o l i t i k   im engeren  Sinn beschränkt  bleiben. Die  grund-
       legenden Kategorien  freilich (z.B. das  g e m e i n s c h a f t-
       l i c h e   I n t e r e s s e  der herrschenden Klassen, also das
       S y s t e m i n t e r e s s e     und  dessen   widersprüchliches
       Verhältnis   zu   nationalstaatlichen   "Einzelinteressen",   die
       Dimension der nur  r e l a t i v e n  S t a b i l i s i e r u n g
       durch Krisenabwehr,  das Verhältnis von  R e p r e s s i o n  und
       I n t e g r a t i o n,   die Frage  nach dem   M a c h t m a x i-
       m a l i s m u s   als Kern einer  p r ä v e n t i v e n  S t r a-
       t e g i e,  die den Beschränkungen der bloßen Krisenreaktion Herr
       zu werden  versucht, und  die zwischen  Ökonomie  und  politische
       Strategie tretende Phasenverschiebung) reflektieren Grundelemente
       kapitalistischer Entwicklung in allen ihren Stadien bzw. (wie der
       Machtmaximalismus) Spezifika  der  staatsmonopolistischen  Phase.
       Sie sind  daher in  der Diskussion  außenpolitischer  Krisenstra-
       tegien zu berücksichtigen.
       
       3.1 Nachkriegskrise und Kalter Krieg
       ------------------------------------
       
       Es wird  von zwei allgemein anerkannten Voraussetzungen ausgegan-
       gen: daß  sich das  internationale System kapitalistischer Natio-
       nalstaaten am  Ende des Zweiten Weltkrieges in einer . vom Stand-
       punkt der  herrschenden Klasse  . tiefen Krise befand und daß die
       Strategie des  Kalten Krieges letztendlich die Reaktion auf diese
       Krise darstellte.
       Der Zugang  zur Strategie des Kalten Krieges erschließt sich m.E.
       über zwei  Thesen. Erstens  muß die  Geschichte  seit  der  Okto-
       berrevolution 1917 einbezogen werden. Gerade der Zweite Weltkrieg
       ist keine  Ausnahmesituation, sondern  integraler Bestandteil der
       Krisengeschichte  der   kapitalistischen  Gesellschaft   im   20.
       Jahrhundert. Insofern  der deutsche  Imperialismus   v o r  u n d
       w ä h r e n d   des Zweiten  Weltkrieges mit  seiner Ostexpansion
       das gemeinsame  (und während der bewaffneten Intervention im rus-
       sischen Bürgerkrieg  auch gemeinschaftlich  verfolgte)  Interesse
       der  führenden   kapitalistischen  Staaten   an  der  Lösung  der
       "Allgemeinen Krise"  durch die  Liquidation der  UdSSR verfolgte,
       stieß er   n i c h t   auf  Widerstand. Erst als der deutsche Fa-
       schismus den  Krieg auch  nach Westen  getragen hatte, konnte die
       Anti-Hitler-Koalition zur Niederwerfung des faschistischen Macht-
       maximalismus praktisch durchgesetzt werden. Dies blieb aber stets
       eine "antagonistische  Kooperation" 39),  da die USA als mächtig-
       stes Land  (aber auch  England!) während des Krieges ihre antiso-
       wjetischen Strategien  beibehielten. Die  Verzögerung des Aufbaus
       einer Zweiten Front und die noch 1944 geführten Sondierungen über
       einen Separatfrieden im Westen bezeugen diese Orientierung 40).
       Schließlich  stärkte   die  während   des  Krieges  durchgesetzte
       H o c h r ü s t u n g   die expansivaggressiven Zielsetzungen des
       amerikanischen und  internationalen Monopolkapitals auch über den
       Krieg hinaus: zunächst hatte während des Krieges das grundsätzli-
       che Interesse der Monopole an einem raschen militärischen Sieg zu
       k e i n e m   Zeitpunkt die  Profitinteressen beschneiden können.
       Gerade   das    amerikanische   Kapital   strebte   danach,   die
       "Hochkonjunktur besonderer  Art" (Eugen  Varga) "möglichst  lange
       aufrechtzuerhalten...". 41) Für die US-Monopole waren die Kriegs-
       gewinne des  Ersten, besonders  aber des Zweiten Weltkrieges Pro-
       fite von bisher beispiellosen Ausmaßen. Auch erschienen den herr-
       schenden Kreisen der USA die während des Zweiten Weltkrieges ent-
       wickelten Luftstreitkräfte  geradezu als  Wunderwaffe und  Unter-
       pfand zur Durchsetzung künftiger weltpolitischer Ziele.
       Damit sind  freilich erst  Voraussetzungen skizziert.  Inhalt und
       Richtung der  Strategie des  Kalten Krieges wurden primär von der
       innerimperialistischen Machtverteilung bestimmt. Die zweite These
       lautet daher:  entscheidend für  die Genese  des  Kalten  Krieges
       sollte sein,  daß die  USA ihren Optionsspielraum sehr rasch ver-
       engten  und   spätestens  1947   sich   auf   das   Prinzip   des
       M a c h t m a x i m a l i s m u s  zur Gestaltung der internatio-
       nalen Nachkriegsbeziehungen festgelegt hatten.
       Was heißt  das? "Machtmaximalismus" ist wesensmäßig verknüpft mit
       monopolkapitalistischer Herrschaft,  nicht  jedoch  mit  (faschi-
       stischer) Diktatur  oder Krieg;  diese  Konsequenzen  sind  unter
       bestimmten  historischen   Konstellationen  möglich   bzw.  wahr-
       scheinlich, freilich  nicht zwingend.  "Machtmaximalismus"  heißt
       zunächst Festlegung  maximaler, per definitionem  g l o b a l e r
       politischer Ziele.  Der noch  aus der  Kriegszeit  stammende  An-
       spruch, ein  "amerikanisches Jahrhundert" aufbauen zu wollen, war
       zu keinem  Zeitpunkt eine  Wahlphrase, sondern  politisches  Pro-
       gramm: das  Streben nach   W e l t h e r r s c h a f t   im Sinne
       der Dominanz  über Schlüsselpositionen  und der Kontrolle der es-
       sentiellen weltpolitischen  Entscheidungsprozesse in Ökonomie und
       Politik. Dementsprechend  wurden praktisch  a l l e  Regionen der
       Erde als "lebenswichtig" für die Interessen der Vereinigten Staa-
       ten eingestuft.  Präsident Truman  prägte die  prosaische Formel,
       die USA müßten mindestens (!) 85 Prozent ihrer Vorstellungen über
       die Nachkriegsentwicklung durchsetzen 42). Damit war zugleich an-
       gekündigt, daß  die USA auch in die Domänen ihre kapitalistischen
       Konkurrenten einzubrechen gedachten.
       Für die  Nachkriegsgeschichte sollte  jedoch die absolute  K o m-
       p r o m i ß u n w i l l i g k e i t  der USA gegenüber dem außen-
       politischen Antagonisten,  der UdSSR,  entscheidend werden. Diese
       Kompromißunwilligkeit war  insofern absolut,  als sie noch  v o r
       der  Potsdamer  Konferenz  von  amerikanischer  Seite  formuliert
       worden war  und in  den folgenden  Jahren in  immer umfassenderer
       Weise in   a l l e  w e s e n t l i c h e n  Diskussionen mit der
       Sowjetunion über  die Gestaltung  der Nachkriegsbeziehungen  ein-
       gebracht wurde.
       Die Auswertung der bisher vorliegenden Dokumente aus jenen Jahren
       43) berechtigt  zu der  Annahme, daß  die  amerikanische  Politik
       weitgehend unabhängig  von objektiver  Lage, Interessen,  prokla-
       mierten Zielen  und praktischer  Politik der UdSSR konzipiert und
       umgesetzt wurde.  Der zu besiegende Gegner war die sozialistische
       Gesellschaftsordnung als  solche, war das sozialistische Prinzip,
       und mithin ging es  n i c h t  um Opposition gegen eine bestimmte
       Linie sowjetischer  Außenpolitik. So  heißt es  etwa in einem für
       diese Zeit zentralen Dokument (NSC-68), der Kalte Krieg müsse bis
       zum "Endsieg" ("ultimate victory"), verstanden als "ein Wandel in
       der Natur  des  sowjetischen  Systems",  geführt  werden,  da  er
       "tatsächlich ein  wirklicher Krieg  ist, in dem das Überleben der
       freien Welt  auf dem Spiel steht." 44) Verhandlungen jedweder Art
       wurden konsequenterweise als taktischer Bluff verstanden und ein-
       gesetzt; folglich konnte in allen wichtigen Fragen . wie etwa der
       Anerkennung einer  sowjetischen Sicherheitszone  in Osteuropa  zu
       einer Zeit,  als über  die innenpolitische  Machtstruktur  dieser
       Länder noch  lange nicht entschieden war . keinerlei Übereinkunft
       erzielt werden.
       Der Kalte  Krieg war folglich  u n v e r m e i d l i c h  - frei-
       lich nicht,  weil die  objektiven Umstände  als solche einen Aus-
       gleich zwischen amerikanischen und sowjetischen Positionen unmög-
       lich gemacht  hätten, sondern weil der amerikanische Machtmaxima-
       lismus  a  p r i o r i  einen Kompromiß ausschloß. Ursache dieser
       Weigerung war  die historisch beispiellose Akkumulation von Macht
       in Händen der amerikanischen Monopole 45). Erst durch den Zweiten
       Weltkrieg waren diese befähigt, die seit 1890 präsente Vision ei-
       ner weltweiten "Open-Door-Politik" in der erforderlichen Weise zu
       verfolgen.
       Machtmaximalismus heißt darüber hinaus, daß die USA
       - ihre Politik  in hohem Maße auch als präventive Krisenstrategie
       (Europa- und Dritte-Welt-Politik!) verstanden
       - von einer  grotesken Fehleinschätzung der weltpolitischen Kräf-
       teverhältnisse und des eigenen Machtpotentials ausgingen und über
       Jahre hinaus  keinerlei Alternative zu ihrem eingeschlagenen Kurs
       erblickten (Bewußtsein einer historisch "letzten Stunde")
       - schließlich  bereit waren,  in Friedenszeiten  "bis an den Rand
       eines Krieges"  zu gehen  und einen   K r i e g  zur Durchsetzung
       ihrer Ziele einzukalkulieren sowie sich schon frühzeitig militär-
       strategisch und materiell auf diese Möglichkeit vorbereiteten.
       Letzteres wurde  bereits mit  der Atomisierung zweier japanischer
       Städte im  August 1945  zum Ausdruck  gebracht, mit der "atomaren
       Diplomatie" 46) fortgeschrieben und schließlich durch die Milita-
       risierung internationaler  Beziehungen in  den 50er Jahren und in
       der "Politik  am Rande  des Abgrunds"  fixiert. Im Zentrum dieser
       Militärpolitik standen  Planungen nicht  nur für  den Ersteinsatz
       atomarer Waffen,  sondern auch  und gerade für den atomaren Erst-
       schlag, also  den Präventivkrieg  47). Der  popularisierte Nenner
       dieser Politik  war die  von Präsident Truman griffig formulierte
       Formel: "Freiheit" sei wichtiger als "Frieden" (1947).
       Diese Konzeption mußte scheitern . zum einen, weil die USA zumin-
       dest in  den ersten beiden Nachkriegsjahren in der diffusen Hoff-
       nung auf einen baldigen "Zusammenbruch" der UdSSR und in völliger
       Überschätzung ihres  eigenen Potentials faktisch im  A l l e i n-
       g a n g,   d.h. ohne  nennenswerten machtpolitischen Rückhalt und
       ohne programmatische  Einbindung der westeuropäischen Verbündeten
       diese Politik  betrieben. Zum anderen, weil das Ziel des globalen
       Zurückrollens (Roll  Back) des Sozialismus nur um den Preis eines
       Krieges einzulösen  gewesen wäre, ein Krieg in der damaligen Zeit
       wie in  den gesamten 50er Jahren aber aus verschiedensten Gründen
       objektiv und  mit Aussicht  auf Erfolg  n i c h t  geführt werden
       konnte 48).
       Die USA  sollten frühzeitig  die Dysfunktionalität  ihres Allein-
       gangs erkennen und schlössen daraus, daß eine "realistische" Kri-
       senstrategie  funktionierende    i n n e r k a p i t a l i s t i-
       s c h e   G e m e i n s c h a f t l i c h k e i t   voraussetzt -
       d.h.  eine  arbeitsteilige  Mobilisierung  des  wirtschaftlichen,
       politischen, militärischen  und ideologischen  Potentials (zumin-
       dest) der  führenden kapitalistischen  Länder (einschließlich der
       deutschen Westzonen und des besiegten Japan). Der politische Kern
       dieser "Gegentendenzen"  war die  Durchsetzung der  ungeminderten
       Dominanz monopolkapitalistischer  Interessen unter   h e g e m o-
       n i a l e r   F ü h r u n g   d e r  U S A.  Allein darin sah man
       die Garantie  nicht nur  der präventiven  Abwehr künftiger  Posi-
       tionsverluste, sondern  auch der geplanten Offensive gegen die im
       Zuge des  Zweiten Weltkrieges eingetretene machtpolitische Schwä-
       chung des kapitalistischen Gesamtsystems.
       Folglich ging  es mit  dieser Politik   n i c h t   -  wie in der
       (bisweilen auch  marxistischen 49)) Literatur immer wieder unter-
       stellt wird  - um die Abwehr einer  "l e b e n s b e d r o h l i-
       c h e n"   K r i s e   des Systems,  sondern um die  V e r h i n-
       d e r u n g   auf der  Basis der  kapitalistischen Gesellschafts-
       ordnung   m ö g l i c h e r   politischer   K o m p r o m i s s e
       mit den  antikapitalistischen und  antifaschistischen Kräften  im
       Innern der  USA wie  Westeuropas, da  derlei Kompromisse (ein bei
       den Führungsspitzen klar erkannter Zusammenhang) den außenpoliti-
       schen Manövrierraum unweigerlich hätten einengen müssen. (Selbst-
       verständlich wurde  zugleich gesehen, daß gesellschaftspolitische
       Kompromisse in  einigen Ländern  u.U. eine  nicht  mehr  kontrol-
       lierbare Eigendynamik  hätten entfalten  und damit möglicherweise
       eine revolutionäre  Situation -  Frankreich,  Italien!  -  hätten
       heraufbeschwören können; diese Gefahr aber stand weder im Zentrum
       der inneramerikanischen  Debatte noch  war sie  zum Zeitpunkt der
       politischen   Konzipierung   und   anfänglichen   Umsetzung   des
       amerikanischen Machtmaximalismus  akut. Eine "Überlebenskrise" im
       Sinne  unmittelbar   drohenden   Herrschaftsverlusts   war   also
       n i c h t  indiziert.)
       Die USA  hatten mit  dieser Orientierung unbestreitbaren Erfolg -
       darin gründet  nicht zuletzt  die Verfestigung des Kalten Krieges
       bis in  die zweite Hälfte der 60er Jahre. Es stellt sich also die
       Frage: Wie  konnte diese   k r i s e n a b w e h r e n d e   G e-
       m e i n s c h a f t l i c h k e i t  - die in der internationalen
       Politik  ja  stets  zwischen  Nationalstaaten  unter  schwierigen
       Bedingungen koordiniert  werden muß,  ohne auf eine übergeordnete
       Ordnungsmacht (etwa  eine supranationale Regierung) zurückgreifen
       zu können - hergestellt werden?
       Entscheidend war  das zeitliche  und  inhaltliche  Zusammenwirken
       folgender Faktoren.  Die ökonomische  und militärische Potenz der
       USA, ihre  o b j e k t i v e  Stärke, war zum damaligen Zeitpunkt
       im Vergleich  zu allen  anderen kapitalistischen  Staaten so weit
       entwickelt, daß  die  Anerkennung  amerikanischer    p o l i t i-
       s c h e r   u n d   s t r a t e g i s c h e r   H e g e m o n i e
       nicht bloß  opportun bzw.  de facto  unausweichlich war,  sondern
       darüber hinaus  für  die  Bourgeoisien  der  einzelnen  westeuro-
       päischen Länder  reale Möglichkeiten  der  H e r r s c h a f t s-
       s i c h e r u n g   nach innen  und außen  eröffnete, die sie aus
       eigener Kraft  und in  diesem  Umfang  nicht  hätten  durchsetzen
       können. Im  Schatten der amerikanischen Hegemonie konnte sich der
       westeuropäische Kapitalismus  unter Herstellung und Wahrung eines
       für  seine   Verhältnisse  ebenfalls  maximalen  innenpolitischen
       Machtspielraums regenerieren  . ein  Prozeß, der  auch für  jeden
       einzelnen Staat  (am Beispiel  der BRD  am deutlichsten ablesbar)
       der Wiedergewinnung  bzw. Bewahrung  äußerer Macht  vorgeschaltet
       sein mußte.  D.h.:   "D i e  K l a m m e r"  für die Durchsetzung
       der "atlantischen"  bzw. "westeuropäischen Partnerschaft"  "w a r
       d i e  g e m e i n s a m e  F r o n t s t e l l u n g  g e g e n-
       ü b e r   d e n   n a t i o n a l e n    A r b e i t e r b e w e-
       g u n g e n   u n d   g e g e n ü b e r   d e n    s o z i a l i-
       s t i s c h e n   S t a a t e n.   Gerade  für  die  Realisierung
       dieses... Konsenses  war die Unterordnung unter die Führungsrolle
       der USA  unumgänglich, denn  nur diese  verfügten über die ökono-
       mischen und  militärischen Ressourcen,  um  diesen  Kampf  durch-
       zuhalten." 50)
       Die Gemeinschaftlichkeit  war also  politisch  erzwungen  worden:
       durch die  engen Grenzen, die amerikanischen "Alleingängen" gezo-
       gen waren,  und durch  die Einsicht,  daß die Nachkriegskrise nur
       unter weitgehender  Vermeidung innerkapitalistischer  politischer
       Dissonanzen würde  beizulegen sein.  Schließlich  war  klar,  daß
       fortan Kriege  zwischen imperialistischen Staaten unter allen Um-
       ständen vermieden  werden mußten,  da allein  die sozialistischen
       Länder und  die sozialistische  Weltbewegung daraus Nutzen würden
       ziehen können.
       Diese politischen  Zwänge waren aber m der Praxis nur deshalb er-
       folgreich zu  exekutieren, weil  die ökonomischen Entwicklungsge-
       setze des  Kapitals das  erforderliche materielle  Unterpfand be-
       reitstellten. Im  Grunde genommen  hatte erst  das Gesetz der un-
       gleichmäßigen kapitalistischen  Entwicklung -  auf die Spitze ge-
       trieben durch die über außerökonomischen Zwang vollzogenen Umver-
       teilungsprozesse zugunsten der USA während des Krieges - die Ver-
       einigten Staaten  in die  Lage versetzt,  mit der Expansion ihrer
       Wirtschaft und  mit Hilfe der auf diese zugeschnittenen währungs-
       und finanzpolitischen  Konditionen des Weltmarktverkehrs (Bretton
       Woods!) den  westeuropäischen Wirtschaftsaufschwung  zu stimulie-
       ren. Gleichermaßen  waren es  ökonomische Gesetzmäßigkeiten,  die
       den  r e l a t i v e n  E r f o l g  und die  D a u e r  innerka-
       pitalistischer  politischer   Vereinheitlichung  verbürgten.  Der
       Nachkriegsboom basierte  auf einer Internationalisierung der Pro-
       duktion  und   des  Absatzes,   die   zunächst   eine   wachsende
       "Außenexpansion   a l l e r    imperialistischen  Länder"  ermög-
       lichte, "ohne  zu einer  Verdrängung dieser oder jener Gruppen zu
       führen." 51) Auch erheischte die über den wissenschaftlichtechni-
       schen Fortschritt  forcierte Produktivkraftentwicklung  "institu-
       tionelle Rahmenbedingungen  (GATT, IWF)...,  die im Vergleich zur
       protektionistischen  Struktur  des  Weltmarktes  nach  der  Welt-
       wirtschaftskrise  der  zwanziger  Jahre  wieder  ein  System  des
       relativen Freihandels ermöglichten." 52) Auch die westeuropäische
       Integration verdankt ihren Ursprung und ihre Dauerhaftigkeit die-
       sen Prozessen:  in ihr trafen sich amerikanische und westeuropäi-
       sche Kapitalinteressen  und gaben,  dem wirtschaftlichen Entwick-
       lungsgefälle beider  Pole entsprechend,  der Integration zunächst
       eine atlantische Richtung 53).
       Jedoch reichten  die mit der Nachkriegskonjunktur verbundenen ma-
       teriellen  Gratifikationen  zur  Herrschaftssicherung  in  keiner
       Phase aus. Aus diesem Grund  u n d  wegen des Präventivcharakters
       der  gemeinsamen  Krisenstrategie  wurde  der    G r u n d k o n-
       s e n s   der  50er  Jahre  in  den  westlichen  Ländern  gemein-
       schaftlich mit r e p r e s s i v e n  M i t t e l n  hergestellt.
       Dies im  Wesentlichen durch politische Gewalt (so z.B. in den USA
       1946, als die nach den englischen und italienischen Massenstreiks
       drittgrößte Streikbewegung  in diesem  Jahrhundert brutal  unter-
       drückt wurde  und  der  McCarthyismus  der  folgenden  Jahre  ein
       Wiederaufleben der Opposition fast ein Jahrzehnt lang erfolgreich
       verhinderte),  ideologische   Gewalt  (Militarisierung   des  Be-
       wußtseins) und  präventive innenpolitische  Funktionsorientierung
       der für  die Systemauseinandersetzung  geschaffenen militärischen
       Apparate: so  war die  N A T O  immer auch Instrument zur Wahrung
       der "inneren Sicherheit" der Mitgliedsländer.
       Die Krisenanfälligkeit  der Strategie des Kalten Krieges und des-
       sen spezifischer  Vergemeinschaftung konnte  jedoch lange Zeit im
       Zaum gehalten  werden: zunächst durch die  d a u e r h a f t  aus
       der Systemauseinandersetzung  resultierenden Zwänge, des weiteren
       durch das  Wirken der  ökonomisch und machtpolitisch förderlichen
       Bedingungen. Zentrifugale  Kräfte kamen lange Zeit nicht oder nur
       unerheblich zum Tragen . darin liegt der besondere Erfolg westli-
       cher Nachkriegs- und Krisenpolitik bzw. -strategie.
       Für das  Verständnis der weiteren Entwicklung ist zweierlei wich-
       tig: Erstens  sollte die Existenz von zentrifugalen und zentripe-
       talen Kräften,  die jeder  Form innerkapitalistischer  Vergemein-
       schaftung ihre  besondere Prägung  geben, nicht als bloßes Neben-
       einander verstanden werden. Vielmehr gilt auch für die außenpoli-
       tischen   Stabilisierungsmaßnahmen    (in   diesem    Fall    die
       "atlantische" Gemeinschaftlichkeit),  daß das  projektierte  Ziel
       "ständig in  Konflikt mit den zu seiner Verwirklichung angewende-
       ten Mitteln  gerät..." 54): die Vergemeinschaftungsprozesse voll-
       ziehen sich  nicht nur  auf kapitalistischer  Grundlage,  sondern
       sind selbst  kapitalistisch formbestimmt,  also  in  strukturelle
       Krisenhaftigkeit  eingebunden.   Zentrifugale  und   zentripetale
       Kräfte bilden mithin eine Einheit. Die besonderen Bedingungen der
       erfolgreichen Realisierung  der Nachkriegspolitik enthielten also
       von Anfang  an auch  die Momente des krisenhaften Zerfalls dieser
       Politik.
       D r e i   B e i s p i e l e   mögen genügen:  a) Die   i n n e r-
       i m p e r i a l i s t i s c h e n  K o n k u r r e n z b e z i e-
       h u n g e n   - zwischen  den USA  und England  selbst im Zweiten
       Weltkrieg nie  beigelegt -  waren auch in der Phase der relativen
       Vereinheitlichung westlicher  Politik stets  präsent. Obwohl  die
       USA Westeuropa zu einem "Eckpfeiler des atlantischen Systems" 55)
       machen konnten  und damit  an dessen Stärkung interessiert waren,
       kam ihnen  zugleich die  Übernahme von  Bastionen  in  ehemaligen
       europäischen Kolonialgebieten  (Naher und  Mittlerer Osten) immer
       gelegen. Diese  Politik erforderte  von  den  USA  ein  ständiges
       Balancieren zwischen  kurzfristigen Gewinnen  und der langfristig
       wirkenden Gefahr  einer Überforderung  ihrer  Weltmachtrolle:  um
       Letzteres abzuwehren,  leisteten  die  USA  z.B.  dem  britischen
       Rückzug aus  Asien und Afrika Widerstand. "Herrschende Klasse und
       Staatsapparat der USA sind sich offensichtlich darüber im klaren,
       daß sie  bei langwierigen und kostspieligen Großinterventionen in
       der Regel  zwar des  Beifalls der europäischen Bourgeoisie, nicht
       jedoch entsprechender  militärischer Unterstützung  gewiß  sind."
       56)
       b) Auch  innerhalb der EWG waren die "gemeinschaftlichen Interes-
       sen" nie mehr als eine nach Maßgabe des jeweiligen Kräfteverhält-
       nisses (als  Ausdruck innerkapitalistischen Entwicklungsgefälles)
       kompromißhaft erzielte  Zusammenfassung nationalstaatlich  diver-
       gierender ökonomischer  Interessen  und  politischer  Strategien.
       Dies wird  bereits daran deutlich, daß die BRD und Frankreich mit
       dem europäischen Vereinigungsprozeß praktisch konträre Ziele ver-
       banden: maximale  Ausschöpfung der  Möglichkeiten zu einer Aufer-
       stehung als  Großmacht hier,  Beschneidung deutscher  Hegemonial-
       pläne dort 57).
       c) Mit der  politischen Grundsatzentscheidung, die  R ü s t u n g
       auf hohem  und ständig steigendem Niveau und die militärische Or-
       ganisation der  NATO zum Kern der politischen  S y s t e m a u s-
       e i n a n d e r s e t z u n g     und  damit   zum  Garanten  des
       kapitalistischen   "S y s t e m i n t e r e s s e s"   zu machen,
       wurden nicht  allein die in der Periode der allgemeinen Krise des
       Kapitalismus ständig  betriebenen Kriegsrüstungen  58) in  bisher
       ungekannter Weise  eskaliert, sondern  auch der Grundstein gelegt
       für  die   Prozesse,  die   Jürgen  Kuczynski  bereits  1939  als
       "Rüstungskrise" 59)  beschrieben hatte:  die Rüstungsfinanzierung
       über staatliche  Anleihen forciere  nicht allein  die  Inflation,
       sondern senke  auch die  Massenkaufkraft (Steuererhöhungen  etc.)
       und leiste  damit der Überproduktionskrise im zivilen Sektor Vor-
       schub. Zugleich  hatte die  UdSSR ein  eigenes atomares Abschrec-
       kungspotential entwickeln  können . das Offenhalten einer militä-
       rischen Option  für die Systemauseinandersetzungen erforderte da-
       her nicht allein ständig höhere ökonomische Aufwendungen, sondern
       mußte auch  den politischen  und  militärisch-strategischen  Ent-
       scheidungsprozeß im atlantischen Bündnis zusätzlich komplizieren.
       Zusammen  mit   den  begründeten   Zweifeln   am   amerikanischen
       "Atomschild" bzw.  der Bereitschaft der USA, um den Preis eigener
       Vernichtung Westeuropa  zu "verteidigen",  sollten diese  Momente
       bereits in  den 60er  Jahren zu  eigenständigen ost- und entspan-
       nungspolitischen Initiativen  Frankreichs beitragen und letztlich
       den französischen  Austritt aus  der NATO-Militärorganisation be-
       wirken.
       Aus dem bisher Gesagten folgt also zweitens, daß sich die zentri-
       fugalen Kräfte  in dem Maße historisch entfalten und an die Ober-
       fläche drängen mußten, wie sich die innerkapitalistischen Kräfte-
       verhältnisse verschoben, wie weltpolitische Strukturveränderungen
       (fortschreitende Dekolonisierung  und Bedeutungswandel  der  Ent-
       wicklungsländer) beständig  sich wandelnde  Anforderungen an  die
       Politik stellten und wie keine Positionsgewinne in der Systemaus-
       einandersetzung erzielt werden konnten.
       
       3.2 Die Krise der Nachkriegspolitik und die
       -------------------------------------------
       Richtungsdifferenzierungen bei der Formulierung
       -----------------------------------------------
       einer neuen außenpolitischen Krisenstrategie
       --------------------------------------------
       
       Ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre war offensichtlich geworden,
       daß die Generallinie westlicher Außenpolitik neu definiert werden
       mußte -  und zwar  im Spannungsfeld der durch die weltpolitischen
       Strukturveränderungen zwangsweise  vorgegebenen  d r e i  P o l e
       "S y s t e m a u s e i n a n d e r s e t z u n g",  regionale ka-
       pitalistische   I n t e g r a t i o n"   sowie    "i n n e r i m-
       p e r i a l i s t i s c h e   K o n k u r r e n z".  Es ging also
       um die  konzeptionelle Bestimmung des strategischen Basisinteres-
       ses der  imperialistischen Länder  gegenüber den  sozialistischen
       Staaten  u n d  den Entwicklungsländern 60).
       Im Zentrum  dieser Krise  stand  der    a m e r i k a n i s c h e
       H e g e m o n i e v e r l u s t:   die USA  konnten nicht  länger
       als globale  kapitalistische Garantie-  und  Stabilisierungsmacht
       fungieren. Sie  hatten insbesondere  die Fähigkeit  verloren, der
       innerkapitalistischen Gemeinschaftlichkeit  Form und  Richtung zu
       geben. Diese  Entwicklung hängt  zweifellos mit den inneren Klas-
       senauseinandersetzungen und  mit dem massiven, in der Nachkriegs-
       geschichte ungekannten politischen Protest gegen die Außenpolitik
       der USA  zusammen, nicht  zuletzt deshalb, weil sich die Bewegung
       immer stärker  auf eine  antiimperialistische Programmatik  bezog
       und damit  den politischen  Kern amerikanischer "Ordnungspolitik"
       (nicht nur in Vietnam!) traf.
       Entscheidend für  den Funktionsverlust  der USA waren jedoch Ent-
       wicklungen im  Äußeren. Der  wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas
       und Japans  (ein notwendiges  Produkt  der  Nachkriegskonjunktur)
       hatte den  politischen Handlungsspielraum  dieser Zentren  erwei-
       tert, ohne  sie jedoch  zu befähigen, arbeitsteilig bestimmte von
       den USA  ökonomisch, militärisch  und politisch nicht mehr leist-
       bare Aufgaben zu übernehmen. Alle diesbezüglichen Bemühungen z.B.
       W e s t e u r o p a s,   die ökonomische  Integration durch  eine
       p o l i t i s c h e   V e r e i n h e i t l i c h u n g  zu voll-
       enden und einen regionalen kapitalistischen Hegemon mit Ordnungs-
       kompetenz im  nördlichen Afrika,  im Nahen und Mittleren Osten zu
       schaffen,   s c h e i t e r t e n.  Gerade die Geschichte der po-
       litischen Integration  Westeuropas  wurde  immer  mehr  zu  einer
       "Krisengeschichte" 61):  die ökonomische  Integration  beförderte
       noch  die  "Kompetenzerweiterung  des  Nationalstaates"  (einzel-
       staatliche Wirtschaftspolitik)  und  verstärkte  die  ökonomisch,
       politisch und  sozio-strukturell ungleichmäßige  Entwicklung  der
       beteiligten Länder;  die Polarisierung  der Klassen im Innern und
       die Wiederbelebung  kämpferischer Traditionen  in  der  Arbeiter-
       klasse (Frankreich,  Italien!) waren  nicht nur Resultat der kri-
       senhaften Entwicklung der in der Nachkriegskonjunktur akkumulier-
       ten sozialen  Widersprüche, sondern  untergruben auch  eine  ent-
       scheidende Voraussetzung der hegemonialen Blockbildung des Kalten
       Krieges, den inneren Burgfrieden. Zugleich vermochte es die Bour-
       geoisie keines  westeuropäischen Landes, im Verlauf der Krise die
       Arbeiterbewegung entscheidend zu schwächen und das Kräfteverhält-
       nis grundlegend zu ihren Gunsten zu verschieben 62).
       Genau zu  der Zeit,  da die innerimperialistische Koordination in
       immer größere Schwierigkeiten kam, versagten auch die Instrumente
       der äußeren  Positionssicherung. Dies  betraf in erster Linie den
       machtpolitischen Kern  der Nachkriegspolitik, die  R ü s t u n g.
       Auch diese  hatte ihre  eigene Negation erzeugt: die Hoffnung auf
       politische Erpreßbarkeit oder militärische Knebelung der soziali-
       stischen Länder  mußte in  dem  Maße  schwinden,  wie  die  UdSSR
       nachrüstete und  (am Ende der 60er Jahre) nuklearstrategische Pa-
       rität mit  den USA  erreichte. Fortan  war die nukleare Hegemonie
       der USA  auf das  eigene  Bündnissystem  eingeschränkt.  Zugleich
       hatte der  Vietnam-Krieg gezeigt, daß es auch in der Dritten Welt
       trotz Counter-Insurgency  und Anti-Guerilla-Taktik  immer schwie-
       riger wurde,  sozialen  Eigengesetzlichkeiten  mit  militärischem
       Zwang gegenzusteuern  und die  S y s t e m a u s e i n a n d e r-
       s e t z u n g   in den  Entwicklungsländern mit Gewalt zu führen.
       Diese Entwicklung  wog um so schwerer, als nach 1945 die Zahl der
       in der  Dritten Welt  für imperialistische  Interessen  geführten
       Kriege beständig  zugenommen hatte, der Krieg also immer häufiger
       zur ultima ratio geworden war (in Kriegsjahren: von 32,5 zwischen
       1945-49 auf 89,75 zwischen 1965 und 1969  63)).
       Vor diesem  Hintergrund wurde der Übergang zu den 70er Jahren von
       einer   politischen      R i c h t u n g s d i f f e r e n z i e-
       r u n g   innerhalb der  internationalen Bourgeoisie geprägt. Sie
       schlug sich  nieder in  einem  häufigen    K o n z e p t i o n s-
       w e c h s e l  in der Bündnis- und Entwicklungspolitik und in der
       intersystemaren   E n t s p a n n u n g s p o l i t i k.    Dabei
       muß auf folgende wichtige Faktoren hingewiesen werden:
       - Die Entspannungspolitik  war weder  im konzeptionellen  Vorver-
       ständnis noch  zur Zeit  ihrer praktischen Umsetzung für die füh-
       renden kapitalistischen  Staaten  eine    p r i n z i p i e l l e
       Alternative zum Machtmaximalismus des Kalten Krieges. Trotz aller
       politisch essentiellen  Unterschiede setzte  auch sie  das  Ziel,
       "langfristig-evolutionär" einen  gesellschaftlichen  Systemwandel
       der existierenden  sozialistischen Länder zu befördern. In dieser
       Form ist Entspannungspolitik daher lediglich als  V o r s t u f e
       einer Politik der friedlichen Koexistenz zu begreifen 64).
       - Sie setzte  sich in  den verschiedenen  Ländern  höchst  unter-
       schiedlich und  mit oft erheblich abweichender öffentlicher Legi-
       timierung (Unterschiede  insbesondere zwischen  den USA  und  der
       BRD) durch.  In keinem Land gelang es jedoch, die Richtungsdiffe-
       renzierung so  weit zu  forcieren, daß ein auf Dauer konsistentes
       Entspannungskonzept möglich  geworden wäre.  In Westeuropa schei-
       terte dies  u.a. daran, daß die sozialliberale Richtung als Expo-
       nent der  Entspannungspolitik im  Zuge der  Wirtschaftskrise  der
       70er Jahre  ihre sozialintegrativen  Potenzen zunehmend  einbüßte
       und nicht  in der Lage oder willens war, den innenpolitischen In-
       tegrationsverlust durch  konsequente Verfolgung  außenpolitischer
       Alternativen aufzufangen.  In den  USA hatte sich das Konzept der
       Detente innerhalb  der herrschenden  Klasse wie  in der Regierung
       nie hegemonial  durchsetzen können,  sondern war immer auf labile
       Mehrheiten gegenüber dem machtmaximalistischen Lager angewiesen.
       - Unter diesen  Bedingungen konnte ein innerkapitalistischer ent-
       spannungspolitischer  Konsens   nicht  hergestellt  werden.  Dies
       sollte insbesondere  bei der  Behandlung des Kardinalproblems der
       Ost-West-Beziehungen, der Rüstung, negativ zu Buche schlagen. Ge-
       rade die USA hielten sich mit ihrem Rüstungskontrollkonzept - das
       in einflußreichen  Kreisen nicht als Vorstufe, sondern als Alter-
       native (!)  zur Abrüstung  verstanden wurde - die Möglichkeit of-
       fen,  über   rüstungstechnologisch-qualitative  "Durchbrüche"  im
       Zweifelsfall erneut  militärische Überlegenheit  aufzubauen  oder
       aber das  Militär zur politischen Erpressung/Druckentfaltung ein-
       zusetzen.
       Diese Hinweise sollen darauf aufmerksam machen, daß die Ende 1979
       vollzogene neuerliche außenpolitische Wende der NATO unter ameri-
       kanischer Führung keinen radikalen Bruch zur voraufgegangenen Pe-
       riode markiert,  sondern als  Möglichkeit in  der nach  1969 sich
       entwickelnden Richtungsdifferenzierung  von  Anfang  an  angelegt
       war. Die Opposition gegen die Entspannungspolitik entfaltete sich
       nicht in erster Linie deshalb, weil die in sie gesetzten Hoffnun-
       gen sich  nicht erfüllt hätten (innere "Aufweichung" der soziali-
       stischen Länder;  "Einfrieren" der sozio-ökonomischen und politi-
       schen Weiterentwicklung der Dritten Welt), sondern weil Mitte der
       70er Jahre  die  W e l t w i r t s c h a f t s k r i s e  des Ka-
       pitals -  die schwerste  ihrer Art  seit 1929  - die bereits 1969
       präsenten Widersprüche eskalierte: in dieser Wirtschaftskrise lö-
       sten sich alle den Nachkriegszyklus ehedem sichernden Faktoren in
       einem magischen  "Krisenviereck" auf  (zyklische Überproduktions-
       krise; bis  in die Wachstumsbranchen ausgeweitete Strukturkrisen;
       Weltmarktkrisen, u.a.:  nationale Protektionismen, Handelskriege,
       Verschlechterung der  Terms of Trade; internationale Währungskri-
       sen). Das temporär erfolgreiche "Hinausschieben" der Verwertungs-
       schranken hatte  neue, umso  kompliziertere Hindernisse aufgebaut
       65).
       Insgesamt handelt  es sich  um einen  dauerhaften internationalen
       Krisenprozess in Ökonomie und Politik: zeitliche Parallelität und
       inhaltliche Synchronisierung  ehemals  räumlich-geographisch  und
       inhaltlich separierter Konflikte wirtschaftlicher und politischer
       Natur, die  fortan in  immer kürzer  werdenden Intervallen, unter
       Einbeziehung ehedem "stabiler" Strukturen und auf jeweils höherem
       Konfliktniveau kulminieren,  dabei aber erst am  A n f a n g  ih-
       rer Entwicklung  stehen,   o h n e   daß Aussicht  auf kurz- oder
       mittelfristige Lösungen bestünde.
       Diese  Konflikt-   und  Krisenformation   wird   zu   Recht   als
       z w e i t e   N a c h k r i e g s k r i s e  bezeichnet, weil sie
       die Potenzen  des Regelmechanismus  des kapitalistischen  Weltsy-
       stems national  wie international objektiv überforderte, weil sie
       - und dies ist der entscheidende Punkt - objektiv kompromißerhei-
       schende Fragen in einer Qualität und in einem Umfang aufwarf (und
       weiterhin aufwirft),  die den  politischen Willen (im Sinne eines
       Ausdrucks realer  Klasseninteressen) der herrschenden Klassen zum
       Kompromiß und Ausgleich offenbar überstiegen; weil dies (und hier
       kommt der Stand der genannten  R i c h t u n g s d i f f e r e n-
       z i e r u n g  erneut ins Spiel) in einer Zeit sich abspielte, da
       die  notwendiger   denn  je  geforderte  politische  Koordination
       zwischen  den   drei  Polen   westlicher  Außenpolitik   mit  den
       bisherigen Mitteln  weniger denn  je möglich  war -  d.h., da  es
       nicht gelang,  das gemeinsame  Basisinteresse an  der Regulierung
       bzw. Abwehr  gegenläufiger Entwicklungen  in Gestalt  eines hand-
       habbaren politischen (Krisen-)Programms zu formulieren.
       In dieser  Situation stellte  sich  also  die  Frage  nach  einer
       a u ß e n p o l i t i s c h e n     K r i s e n s t r a t e g i e
       zwangsläufig neu.  Die vielbeschworene "Sprunghaftigkeit" der Re-
       gierung Carter  drückte im  Grunde nichts  anderes aus  als einen
       Prozeß der  Umorientierung, der  diese Administration  als  Über-
       gangsregierung einem  hohen Verschleiß  aussetzte 66). Spätestens
       mit Amtsantritt der Regierung Reagan war klar, daß die USA Grund-
       züge einer  "neuen Krisenstrategie"  entworfen hatten und gedach-
       ten, das gesamte NATO-Bündnis darauf zu verpflichten.
       Soweit besteht in der - im weitesten Sinne kapitalismuskritischen
       - Diskussion Einigkeit. Erhebliche Differenzen zeigen sich jedoch
       bei der   I n t e r p r e t a t i o n   d e r   K r i s e  b z w.
       d e r   K r i s e n s t r a t e g i e n   d e r   7 0 e r  J a h-
       r e.   Theoretisch  untauglich  und  politisch  unbrauchbar  sind
       offensichtlich all  jene Ansätze,  die die Krise des kapitalisti-
       schen Weltsystems  leugnen und  eine   n e u e   P h a s e  d e r
       "S t a b i l i t ä t"  zu erkennen glauben; als führender Vertre-
       ter dieser Position kann Immanuel Wallerstein gelten, dessen The-
       sen in  der BRD starke Beachtung finden 67). Thomas Scheffler 68)
       z.B. knüpft  an Wallerstein  an: für  ihn bedeutet die angebliche
       Unfähigkeit  der   Arbeiterbewegung,  in   den   Kategorien   des
       "kapitalistischen Weltsystems" zu denken (822/23), ebenfalls eine
       Gratis-Stabilisierung des  kapitalistischen "Weltsystems". Wer im
       "Primat der  Nation" denke,  lasse die  entscheidenden "Verteidi-
       gungsanlagen des  Weltsystems" und  damit den  Garanten  "bürger-
       liche(r) Hegemonie" (823) unberührt.
       Scheffler löst  mit seiner Argumentation den Zusammenhang von Po-
       litik und  Ökonomie völlig auf, z.B. die Beziehungen zwischen der
       nach wie  vor nationalstaatlich begründeten Existenz des Kapitals
       und der  nach wie  vor ebenfalls  nur nationalstaatlich möglichen
       Bewußtseinsentwicklung  und  Kampferfahrung  der  Arbeiterklasse,
       oder aber  den Zusammenhang von nationalen Kapitalen und interna-
       tionaler Politik.  Besonders deutlich wird dies bei seiner Inter-
       pretation von   K r i e g    und    i n t e r n a t i o n a l e n
       K o n f l i k t e n.  Beide erscheinen als der Ökonomie und ihrer
       als Weltsystem  "stabil" unterstellten  Entwicklung    ä u ß e r-
       l i c h e  F a k t o r e n,  zurückzuführen auf die "innere Frag-
       mentierung" und  "Reformunfähigkeit"  des  Bürgertums  im  Innern
       (826/27). Hat  das Bürgertum seine Fähigkeit zur Reform (in einer
       nicht näher  benannten Weise)  wiedergewonnen, so entfällt fortan
       auch der  nur innen-politisch  erklärbare Krisenfaktor Krieg, und
       die  Stabilität  des  Weltsystems  ist  wieder  hergestellt.  Der
       Zusammenhang  zwischen  Monopolen,  Krisen  und  Krieg  hat  sich
       derweil irgendwo  in  den  "Grabensystemen"  und  "Verteidigungs-
       anlagen" in  Wohlgefallen aufgelöst  - hier  wird das  Modell zum
       intellektuellen Ärgernis und zur politischen Traditionsfälschung,
       da Scheffler  sein Vorbild  Wallerstein mit  Gramscis  Kategorien
       glaubt erklären  zu müssen  und  damit  in  einem  Prokrustesbett
       landet.
       Nicht zuletzt  aus Rücksichtnahme  auf die nationalstaatlich bor-
       nierte "Öffentlichkeit"  (822, 828)  sei die amerikanische Regie-
       rung gezwungen,  Krisen und  Spannungen mit der UdSSR heraufzube-
       schwören: die  Öffentlichkeit fordere  geradezu derlei aggressive
       Abgrenzung nach  außen. Spätestens  hier hat Scheffler das Niveau
       der krudesten  Krisenlegitimation aus der Zeit des Kalten Krieges
       erreicht:' Regalmeter bürgerlichapologetischer Literatur erklären
       die Truman-Politik  der "Befreiung" als Reaktion auf den antikom-
       munistischen "Grundkonsens"  der US-Wählerschaft bzw. osteuropäi-
       scher Einwanderergruppen.
       Soziale Klasseninteressen  der Bourgeoisie  werden auch  in jenen
       Theorien eliminiert,  die  Konfliktstrukturen  (und  letztendlich
       Krieg) entweder  auf wesensmäßig   a g g r e s s i v e,    v e r-
       s e l b s t ä n d i g t e   P r o d u k t i v k r ä f t e  b z w.
       S y s t e m e   v o n   P r o d u k t i v k r ä f t e n  69) und/
       oder auf   i r r a t i o n a l   v e r z e r r t e   U m w e l t-
       p e r z e p t i o n e n   70)  zurückführen.  Letzteres  wird  im
       eklektizistischen  Modell   Schefflers  zur  Konsequenz  geführt:
       konservatives Handeln sei "theoriegeleitet(!)" (Ideen machen also
       wieder einmal Geschichte), aber in dem "Dilemma" befangen, "nicht
       s a g e n   zu dürfen,  folglich auch  nicht    d e n k e n    zu
       können, was er (der Konservatismus - B.G.) ist". Dieses "Dilemma"
       führe permanent  zu einer  "selektive(n) Wahrnehmungsweise  welt-
       politischer Probleme"  (827), da  allein eine solche Selektivität
       die "logisch  widerspruchsfreie Lösung"  des Dilemmas  garantiere
       (827). Die   l o g i s c h   widerspruchsfreie  Lösung führe aber
       konsequent  in   die  praktisch-politische   Krise  .  wegen  der
       selektiven Wahrnehmung. Folglich wird unterstellt (und damit wird
       der Eklektizismus  politisch reaktionär), der Konservatismus habe
       kein Klassenprogramm,  sondern sei in einem ehernen Kreislauf nur
       damit befaßt,  sein "Dilemma" "widerspruchsfrei" zu lösen. Daß in
       einer Krise  die Lösung  dieses Dilemmas  die durchaus nicht mehr
       nur gedankliche Alternative Krieg oder Frieden annehmen kann, ist
       Scheffler kein  Problem -  und genau  hierin liegt   s e i n  Di-
       lemma.
       Schließlich ist  S c h e f f l e r  schlecht beraten, apodiktisch
       eine   F u n k t i o n s u n t a u g l i c h k e i t  d e r  R e-
       p r e s s i o n   als Ausweg  aus der  Krise zu unterstellen. Der
       Sturz Allendes oder der Vietnam-Krieg sind für ihn nicht Ausdruck
       gewaltsamer  Krisenstrategien,   sondern  eine  "Abkehr  (!)  von
       bürgerlich-demokratischen Verkehrsformen in der Weltpolitik" (!!)
       (825) im  Zeichen der "Gleichgewichtswahrung" und zur Stabilisie-
       rung des "Weltsystems".
       Die Vernachlässigung des Repressionspotentials bürgerlicher Herr-
       schaft teilt Scheffler mit Claus Offe. Auch für ihn gehören auto-
       ritäre Krisenlösungen der Vergangenheit an . die heutigen binnen-
       gesellschaftlichen  Strukturen   seien  für  solche  Lösungen  zu
       "komplex" 71). Die "Entstrukturierung" als Indiz der "politischen
       Krisenlage" (812/13)  wird auch für die konservative Programmatik
       und Strategie  geltend gemacht . folglich erscheint die Krise als
       "Entscheidungssituation"   a u c h   p r i n z i p i e l l   nach
       jeder Seite  und jeder  Lösungsmöglichkeit hin   o f f e n   72).
       "Krise" ist  für Offe  ein Prozeß, in dem die relevanten sozialen
       Gruppen durch  gemeinschaftliches Management eine möglichst sach-
       effektive Lösung  erarbeiten. Da  "Mäßigung" und "Selbstbeschrän-
       kung" (814)  allen Beteiligten  auferlegt sind, ist die Krise als
       soziales Kampffeld der Klassen eliminiert, ist die Frage nach der
       Kenntnis der Strategie des Klassengegners bedeutungslos geworden,
       da  dieser  ohnehin  auf  einen  kompromißhaften  Ausgleich  ver-
       pflichtet werden wird.
       
       3.3 "Grenzüberschreitungen" zu einem Neuen Machtmaximalismus:
       -------------------------------------------------------------
       Strukturen der amerikanischen Krisenstrategie für die 80er Jahre
       ----------------------------------------------------------------
       und die Rolle der Verbündeten
       -----------------------------
       
       Der seit  1977/78 zu  beobachtende Politikwandel  der  USA  läuft
       nicht nur  in einem  (im Vergleich  zur unmittelbaren Nachkriegs-
       zeit) grundsätzlich geänderten internationalen Umfeld ab: er wird
       sich gegen alle im Verlauf der Richtungsdifferenzierung nach 1969
       entstandenen und  potentiell in  einigen Ländern noch immer mehr-
       heitsfähigen  politischen  Alternativen  in  einem  zähen  Ringen
       durchsetzen müssen, will er auf Dauer erfolgreich sein.
       Diese Umstände lassen es geboten erscheinen, in Abgrenzung zu den
       50er Jahren   n i c h t   von  einer Wiederauflage des amerikani-
       schen  Machtmaximalismus   zu   sprechen,   sondern   von   einer
       G r e n z ü h e r s c h r e i t u n g   73)  i n  R i c h t u n g
       a u f   e i n e n   N e u e n  M a c h t m a x i m a l i s m u s.
       Diese begriffliche  Differenzierung markiert  einerseits die Ver-
       schiebung der  historischen Koordinaten und erlaubt andererseits,
       noch immer  gängige oder  reaktivierte Konzeptionen  aus der Zeit
       des Kalten Krieges in ihrer unvermindert aggressiven Qualität ka-
       tegorial und in ihrer historischen Funktion zu fassen.
       Die   K e r n p u n k t e  dieser Grenzüberschreitung werden auch
       von einflußreichen  und an  w e s t e u r o p ä i s c h e r  P o-
       l i t i k p l a n u n g  unmittelbar beteiligten Kreisen geteilt.
       Dabei  ist   an  erster  Stelle  zu  nennen  die  außenpolitische
       Bestandsaufnahme der halbamtlichen Institute für Auswärtige Poli-
       tik aus  den USA,  England, Frankreich  und der BRD, vorgelegt im
       Februar 1981   74).  Dieser Bericht formuliert, analog zu Theorie
       und Praxis  der   R e a g a n - A d m i n i s t r a t i o n,  den
       Kern westlicher  Sicherheitspolitik  folgendermaßen:  Ausgegangen
       wird vom einzig noch verbliebenen Teil der klassischen amerikani-
       schen Hegemonie,  nämlich der  U S - M i l i t ä r m a c h t  in-
       nerhalb  des  westlichen  Bündnissystems.    D i e s e    s o l l
       e r n e u t   a l s   p o l i t i s c h e   K l a m m e r   d e s
       B ü n d n i s s e s   d i e n e n,   i m   Z e n t r u m    d e r
       g e m e i n s c h a f t l i c h e n       O r i e n t i e r u n g
       s t e h e n   u n d   H e b e l   z u r   R e a l i s i e r u n g
       a m e r i k a n i s c h e r    H e g e m o n i a l i n t e r e s-
       s e n  s e i n.
       Der Institutsbericht  expliziert diesen Gedanken am Beispiel Roh-
       stoffversorgung/Naher  Osten/Eingreiftruppe:  Die    p o l i t i-
       s c h e  Dimension der Regelung westlicher Energieversorgung wird
       ausgeblendet und  statt dessen  auf die   m i l i t ä r i s c h e
       O p t i o n   orientiert. Diesen  Überlegungen zufolge hätten die
       USA die  materielle und strategische Hauptlast zu tragen, während
       die  westeuropäischen   Verbündeten  politisch,   materiell   und
       logistisch entlastenden  Flankenschutz  bieten.  Ihre  personelle
       Beteiligung an  der Schnellen  Eingreiftruppe wird zwar gefordert
       (vgl. 40),  erweist sich  jedoch weniger als Mittel zur Sicherung
       militärischer Schlagkraft,  sondern soll  in  erster  Linie  dazu
       dienen, Westeuropa in die  p o l i t i s c h e  Verantwortung zur
       Durchsetzung     m i l i t ä r i s c h e r     Operationen  unter
       Führung der USA einzubeziehen.
       "Arbeitsteilung" heißt also nichts weiter als integrale Einbezie-
       hung Westeuropas  in die Risiken einer militarisierten amerikani-
       schen Globalstrategie, die den imperialistischen Zugriff auf Roh-
       stoffquellen in  traditionell machtmaximalistischer  Weise zu si-
       chern gedenkt.  Die Westeuropäer sollen dabei nicht nur an Kosten
       und Risiken  zur Niederschlagung nationalistischer und/oder sozi-
       alrevolutionärer  Befreiungsbewegungen  im  Nahen  und  Mittleren
       Osten (39) "beteiligt" werden, sondern auch alle (wesensmäßig un-
       kalkulierbaren) Risiken  einer Politik  mittragen, "den denkbaren
       militärischen Konflikt  zwischen Ost  und West  auf den Nahen und
       Mittleren Osten  zu begrenzen..."  (33; Hervorh. ebd.) Die augen-
       blicklich (von der BRD an führender Stelle) forcierte Süderweite-
       rung der  EG und der NATO ist offensichtlich auch in diesem mili-
       tärstrategischen Zusammenhang zu sehen. 75)
       Dem amerikanischen Konzept zufolge soll Westeuropa freilich nicht
       nur auf  dieser Ebene in die US-Strategie eingebunden werden: die
       E u r o p ä i s i e r u n g   d e s   N u k l e a r k r i e g e s
       erfüllt in  umfassenderer Weise  den gleichen Zweck. Sind mit der
       Stationierung der  dazu erforderlichen  Systeme (Pershing-II  und
       Cruise Missiles)  erst einmal die materiellen Voraussetzungen ge-
       schaffen, so  wäre Westeuropa nicht allein eine militärische Gei-
       sel in  einem möglichen  Nuklearkrieg 76), sondern könnte auch in
       Zeiten politischer  Konflikte auf  amerikanischen Konfrontations-
       kurs gezwungen werden - und zwar eingeschworen in die Überlegung,
       unter Drohung  des Einsatzes der europäisch dislozierten Nuklear-
       potentiale den  strategischen Druck auf den Gegner (also den War-
       schauer Pakt oder eines seiner Mitglieder) in erpresserischer Ab-
       sicht dergestalt zu erhöhen, daß man ihn vor die Wahl des Nachge-
       bens oder  der Hinnahme "selektiver", "chirurgischer" Atomschläge
       (die mit  den neuen Waffen technisch möglich wären) mit dem damit
       unweigerlich verbundenen  Risiko einer in Totalvernichtung resul-
       tierenden Eskalation  stellt. Dergleichen  Spekulationen auf  nu-
       kleare politische Erpressungskonstellationen sind Teilen auch der
       westeuropäischen Bourgeoisie  durchaus nicht  fremd und  eröffnen
       den USA die doppelt verlockende Perspektive, ihr eigenes Territo-
       rium in einem Ost-West-Atomkrieg zu schonen.
       Diese Orientierung  wird erst  dann überzeugend  einsichtig, wenn
       man weiß,  daß die  USA mittlerweile  wieder  die    P r i n z i-
       p i e n    des    m i l i t ä r i s c h e n    M a c h t m a x i-
       m a l i s m u s   aus der  Zeit des Kalten Krieges in den  M i t-
       t e l p u n k t   ihrer Planungen  rücken, d.h.: das Streben nach
       einem nuklearen  Erstschlagspotential und der Entwurf politischer
       Kriegsziele für  einen vom  Sozialismus "befreiten"  Kriegsgegner
       77) sollen  einhergehen  mit  der  Durchsetzung  des  politischen
       Willens und  der Bereitschaft, diese "Eventualplanungen" im Zwei-
       felsfall  auch  zu  realisieren  78).    V e r h a n d l u n g s-
       p o l i t i k  und Orientierung auf den politischen Kompromiß mit
       der  Gegenseite   sind  in   diesem  Konzept  nur  noch    t a k-
       t i s c h - l e g i t i m a t o r i s c h  bestimmt.
       In der inneramerikanischen Diskussion wie im genannten Instituts-
       bericht hat  man erkannt,  daß die anvisierte Militarisierung der
       Außenpolitik  nur  dann  das  westliche  Bündnissystem  politisch
       "klammern" kann,  nur dann  die gewünschte  Erweiterung des poli-
       tisch-strategischen Handlungsspielraums gegenüber den sozialisti-
       schen Ländern  und der Dritten Welt sowie die neuerliche Anerken-
       nung der  USA als  richtungsweisende Führungsmacht  bringen wird,
       wenn   es    gelingt,   andere      k a p i t a l i s t i s c h e
       S c h l ü s s e l l ä n d e r   auf diesen  Kurs zu verpflichten.
       Die Antwort auf dieses Problem läßt sich mit einem Schlagwort zu-
       sammenfassen:    D i k t a t u r    d e r    E l i t e n.    Eine
       "Kerngruppe", bestehend  aus den USA, Frankreich, Großbritannien,
       der BRD  und Japan (49) soll "getrennt von der NATO" (50) die po-
       litische und  militärische Koordination  westlicher Krisenpolitik
       betreiben. "Vor  allem die kleineren Mitglieder im Bündnis" könn-
       ten "nicht  immer einbezogen werden" (46) . einfach deshalb, weil
       die  Koordination   der   "Eliten"   den      n a t i o n a l e n
       p o l i t i s c h e n   W i l l e n s b i l d u n g s p r o z e ß
       i n     K r i s e n z e i t e n    a u s s c h a l t e n    u n d
       p r a k t i s c h   z u  e i n e r  i n t e r n a t i o n a l e n
       N o t v e r o r d n u n g s p o l i t i k       ü b e r g e h e n
       m u ß,   um effektiv zu bleiben. "Mit Blick auf die NATO ist eine
       engere Koordinierung  der westlichen  Politik gegenüber dem Osten
       notwendig, und  zwar   b e v o r   nationale Einzelentscheidungen
       gefällt werden.  ... es  (darf) der  Wirtschaftspolitik nicht er-
       laubt sein,  die übergreifenden  politischen Erfordernisse zu un-
       tergraben. Die verbündeten Regierungen müssen auf höherer politi-
       scher Ebene  ein umfassenderes  Instrumentarium zum  Schutz ihrer
       Interessen entwickeln..." (47; Hervorhebung ebd.).
       Selbstverständlich sei  dies eine  "unpopuläre Politik" (44; vgl.
       33, 52)  - Politiker  und Medien müßten jedoch gemeinsam die Ver-
       antwortung  zu  ihrer  ideologischen,  hegemonialen  Durchsetzung
       übernehmen. Damit  ist zugleich  die Notwendigkeit  der  i d e o-
       l o g i s c h e n   G r e n z ü b e r s c h r e i t u n g  formu-
       liert, nämlich  die neuerliche  Militarisierung des  Denkens  und
       Bewußtseins. Nichts  anderes verbirgt  sich hinter  dem  Trommel-
       wirbel  der     "Ü b e r l e b e n s k r i s e     d e s     W e-
       s t e n s",   der Suggestion  des einen noch ausstehenden "großen
       Wurfs"  zur   endgültigen  Niederringung   des  Gegners  (Reagans
       Visionen  des   bevorstehenden  Zusammenbruchs   der  UdSSR)  und
       schließlich hinter  der Einstimmung auf den Tag X: Es gibt in der
       Logik dieser  Krisenstrategie in  der Tat  "Wichtigeres  als  den
       Frieden" (Alexander Haig).
       Damit sind die wesentlichen Kriterien eines im Zeichen des Macht-
       maximalismus stehenden,  hinter alle  nach 1969 vollzogenen Ände-
       rungen  zurückfallenden     K o n z e p t i o n s w e c h s e l s
       erfüllt. Auch  wenn die  politische  Hegemonie  jetzt  von  einem
       machtelitären Staatenkonsortium  ausgeübt werden  soll, ist nicht
       zu  übersehen,   daß  über  den  Hebel  der  Militärpolitik  eine
       neuerliche Aufwertung  der USA  befördert werden soll - nicht nur
       zur  Verbesserung  ihrer  ökonomischen  Konkurrenzfähigkeit  79),
       sondern in  erster Linie  als Instanz, die der westlichen Politik
       zwischen  den   drei  Polen  Systemauseinandersetzung,  regionale
       kapitalistische Integration  und binnenkapitalistische Konkurrenz
       Richtung und Kohärenz gibt.
       Nicht der  Maßstab einer abstrakten Rationalität kann in der Ana-
       lyse dieser Konzepte weiterhelfen, sondern allein das Urteil über
       die   F u n k t i o n a l i t ä t   bestimmter Politiken  für die
       Verwertungszwänge des Kapitals. Was vom Standpunkt der Menschheit
       als Gattung  "irrational" erscheint,  kann für das Monopolkapital
       durchaus "rational"  sein (und  ist es in der Regel auch, wie die
       Abenteuerlichkeit und  maßlose Selbstüberschätzung  imperialisti-
       scher "Krisenpolitik" im 20. Jahrhundert zeigt) 80). Dies festzu-
       stellen heißt  nichts anderes,  als auf die historische Überlebt-
       heit des Kapitalismus als Gesellschaftssystem hinzuweisen und den
       Grundwiderspruch in  Erinnerung zu  rufen, an dem sich alle Klas-
       senkämpfe entzünden: für die Arbeiterbewegung ist der Kampf gegen
       die Rationalität  des Kapitals  die Ratio des eigenen Überlebens.
       Der   Z u s a m m e n h a n g  v o n  K r i s e  u n d  K r i e g
       ist auch im Nuklearzeitalter nicht aufgehoben.
       
       _____
       1) Michel J. Crozier, Samuel P. Huntington, Joji Watanuki, (Ed.),
       The Crisis  of Democracy. Report on the Governability of Democra-
       cies to  the Trilateral  Commission, New  York  University  Press
       1975.
       2) Karl Kaiser,  Winston Lord,  Thierry de Montbrial, David Watt,
       Die Sicherheit  des Westens: Neue Dimensionen und Aufgaben, Deut-
       sche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., Bonn 1981.
       3) Vgl. George  Urban, Wechsel im Weißen Haus. Interview mit Zbi-
       gniew Brzezinski, in: Der Monat, Nr. 279, 2/1981, S. 4-20.
       4) Wolf-Dieter Narr, Zur Genesis und Funktion von Krisen - einige
       systemanalytische Marginalien,  in: Martin Jänicke (Hrsg.), Herr-
       schaft und Krise, Opladen 1973, S. 224-36, hier S. 230.
       5) Vgl. Jürgen  Kuczynski, Monopol,  Krieg und Krise, in: IPW-Be-
       richte, 4/1972, S. 5-13.
       6) Ein  in  Anlehnung  an  die  unten  verwendete  Kategorie  des
       "Machtmaximalismus" (Reinhard Opitz) geprägter Begriff.
       7) Heinz Jung,  Josef Schleifstein, Die Theorie des staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  und ihre Kritiker, Frankfurt/M. 1979, S.
       16; Hervorhebung B.G.
       8) Peter Hess,  Methodologische und theoretische Probleme der Im-
       perialismusforschung,  in:   Wirtschaftswissenschaft,  22.   Jg.,
       2/1974, S. 187-208, hier S. 194.
       9) Karl Marx, in: MEW 25, S. 259.
       10) Zit. nach Hess, Probleme..., a.a.O., S. 198.
       11) Hans-Rainer Kaiser,  Staat und gesellschaftliche Integration,
       Zur Analyse und Kritik des Staatsbegriffs bei Jürgen Habermas und
       Claus Offe, Marburg 1977, S. 60.
       12) Frank Deppe,  Heinz Jung,  Entwicklung und  Politik der herr-
       schenden Klasse  in der Bundesrepublik, in: Ulrich Albrecht u.a.,
       Beiträge zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln
       1979, S. 433-87, hier S. 442.
       13) Kaiser, Staat..., a.a.O., S. 61; Hervorh. ebd.
       14) Ebd.
       15) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 195; Hervorhebung ebd.
       16) Jung/Schleifstein, Theorie...,  a.a.O., S.  229; Hervorhebung
       B.G.
       17) Karl Marx, MEW 25, S. 799.
       18) Deppe/Jung, Entwicklung..., S. 442.
       19) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 203; Hervorhebung B.C.
       20) Vgl. Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 438 ff.
       21) H.J. Axt, Staat, multinationale Konzerne und politische Union
       in Westeuropa, Köln 1978, S. 118/19.
       22) Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 440.
       23) Jung/Schleifstein, Theorie...,  a.a.O., S.  229; vgl. Joachim
       Hirsch, Staatsapparat und Reproduktion des Kapitals, Frankfurt/M.
       1974, S. 26 f.
       24) Dieter Läpple,  Staat und  politische Organisation.  Probleme
       marxistischer Staatsanalyse,  in: H.J. Krysmanski, Peter Marwedel
       (Hrsg.), Die Krise in der Soziologie, Köln 1975, S. 211-241, hier
       S. 223.
       25) Reinhard Opitz,  Politische Ideologiekonzeptionen  im Vorfeld
       der Gründung  der Bundesrepublik,  in: Albrecht u.a., Beiträge zu
       einer Geschichte..., a.a.O., S. 13-40, hier S. 15.
       26) Vgl. Jung/Schleifstein, Theorie..., S. 208.
       27) Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 443.
       28) Vgl. Manfred  Kerner, Staat,  Krieg und Krise. Die Varga-Dis-
       kussion und  die Rolle des Zweiten Weltkriegs in der kapitalisti-
       schen Entwicklung, Köln 1981, S. 200.
       29) Dies in  Abgrenzung zu  N. Paech, der die "politische System-
       krise" gleichzeitig  als "Staatskrise"  und "revolutionäre Situa-
       tion" begreift;  vgl. Norman  Paech, Staat  und Krise . Krise des
       Staates? in:  W. Goldschmidt (Hg.), Staat und Monopole III, Argu-
       ment-Sonderband 36, Berlin-West 1979, S. 29, 44.
       30) Lenin, Der  Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalis-
       mus, in:  W.I. Lenin,  Ausgewählte Werke,  Bd. 1, Berlin 1970, S.
       763-87.
       31) Vgl. Hess, Probleme..., a.a.O., S. 195.
       32) Paech, Krise..., a.a.O., S. 24.
       33) Vgl. u.a.  Reinhard Opitz,  Der  deutsche  Sozialliberalismus
       1917-1933, Köln 1973.
       34) Reinhard Opitz,  Über die Entstehung und Verhinderung von Fa-
       schismus, in: Das Argument 87, Nov. 1974, S. 543-604.
       35) Paech geht  von  dieser  These  aus;  vgl.  ders.,  Krise...,
       a.a.O., S. 44.
       36) Frank Deppe,  Autonomie und  Integration. Materialien zur Ge-
       werkschaftsanalyse, Marburg 1979, S. 240.
       37) Kuczynski, Monopol, Krieg..., a.a.O., S. 10.
       38) Zu einer  prägnanten  Zusammenfassung  dieser  Periodisierung
       vgl. Kerner, Varga-Diskussion..., a.a.O., S. 249 ff.
       39) Der Begriff  geht zurück  auf Wilfried v. Bredow; vgl. ders.,
       Die Zukunft der Entspannung, Köln 1979.
       40) Ausführlicher dazu Bernd Greiner, Kurt Steinhaus (Hrsg.), Auf
       dem Weg  zum 3.  Weltkrieg? Amerikanische  Kriegspläne gegen  die
       UdSSR. Eine Dokumentation, Köln 1980, S. 9-51.
       41) Kerner, Varga-Diskussion...,  a.a.O., S.  95; vgl. S. 373/74,
       186/87.
       42) Zit. nach  John Lewis  Gaddis, The United States and the Ori-
       gins of the Cold War 1941-1947, New York, London 1972, S. 203.
       43) Vgl. jüngst: Thomas Etzold, John Lewis Gaddis (Ed.), Contain-
       ment: Documents  on American  Policy and Strategy, 1945-1950, New
       York 1978;  Michael S. Sherry, Preparing for the Next War. Ameri-
       can Plans  for Postwar  Defense 1941-45,  New Haven, London 1977;
       Greiner/Steinhaus, 3. Weltkrieg..., a.a.O.
       44) Zit. nach  Bernd Greiner, Amerikanische Außenpolitik von Tru-
       man bis  heute. Grundsatzdebatten und Strategiediskussionen, Köln
       1980, S. 25 f.
       45) Der Zusammenhang  zwischen Monopolmacht und Machtmaximalismus
       kann nicht  oft genug betont werden. Damit wird u.a. eine Abgren-
       zung zu  jüngst wiederbelebten Theorien vorgenommen, die die ame-
       rikanische Intransigenz  zwar anerkennen,  aber auf einen blinden
       "Idealismus" zurückführen, der die Politik in tragischer Weise in
       eine den  eigenen Interessen  widersprechende Richtung  getrieben
       habe. So etwa Wilfried Loch, Die Teilung der Welt 1941-1955, Mün-
       chen 1980, S. 335/36, 340; letztlich werden Außenpolitik und Kri-
       senstrategie damit auf eine  P e r z e p t i o n s f r a g e  re-
       duziert.
       46) Vgl. das  Standardwerk: Gar  Alperovitz, Atomare Diplomatie .
       Hiroshima und Potsdam, München 1966.
       47) Vgl. die  entsprechenden Dokumente  bei Greiner/Steinhaus, 3.
       Weltkrieg..., a.a.O. Der Vollständigkeit : halber sei darauf ver-
       wiesen, daß  die Kategorie  "Machtmaximalismus" auf  Programmatik
       und Politik  der damals  dominanten politischen Kräfte in den USA
       abzielt; selbstverständlich  gab es  auch in den Reihen der Bour-
       geoisie Widerstand,  der freilich  in keiner entscheidenden Frage
       mehrheitsfähig war.
       48) Vgl. ebd., S. 42 ff.
       49) Vgl. Dietmar Goralczyk, Die Marxsche Theorie der Weltmarktbe-
       wegung des  Kapitals und  die Rekonstruktion  des Weltmarkts nach
       1945, in:  Frank Deppe  (Hrsg.),  Europäische  Wirtschaftsgemein-
       schaft (EWG). Zur politischen Ökonomie der westeuropäischen Inte-
       gration, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 14-53, hier S. 35 ff.
       50) Frank Deppe,  Zur ökonomischen  und politischen  Struktur des
       Integrationsprozesses, in: ders. (Hrsg.), EWG..., a.a.O., S. 175-
       285, hier S. 279; Hervorhebung B.G.
       51) Jung/Schleifstein, Theorie...,  a.a.O., S.  71;  Hervorhebung
       B.G.
       52) Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 200/201.
       53) Vgl. Axt,  Staat, multinationale  Konzerne..., a.a.O., S. 188
       ff.
       54) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 194; diese auf den ökonomischen
       Verwertungsprozeß bezogene  Aussage gilt  für politische Prozesse
       gleichermaßen.
       55) So Konrad  Adenauer, Erinnerungen,  1953-1955,  Frankfurt/M.,
       Hamburg 1968, S. 377.
       56) Kurt Steinhaus,  Koloniale Revolution und militärische Inter-
       vention, in: Ekkehart Krippendorff (Hrsg.), Probleme der interna-
       tionalen Beziehungen,  Frankfurt/M. 19752,  S. 159-177,  hier  S.
       172.
       57) Vgl. Gilbert  Ziebura, Die deutsch-französischen Beziehungen,
       Pfullingen 1970.
       58) Vgl. Kerner, Varga-Diskussion..., a.a.O., S. 57.
       59) Zu einer  prägnanten Zusammenfassung  von Kuczynskis Position
       vgl. ebd., S. 45-51.
       60) Als Frage  nach der  Entwicklung alternativer gesellschaftli-
       cher  S y s t e m e  erfaßt der Ost-West-Konflikt selbstverständ-
       lich auch  die Entwicklungsländer; zugleich gehen in die Entwick-
       lungspolitik Momente kapitalistischer Konkurrenz ein.
       61) Vgl. Axt,  Staat, multinationale  Konzerne..., a.a.O., S. 169
       ff.
       62) Vgl. Franz  Holzberger, Wolfgang  Müller, Zur Entwicklung der
       Klassenauseinandersetzungen in  einigen westeuropäischen  Staaten
       seit dem  Ende der  sechziger Jahre, in: Frank Deppe (Hrsg.), Ar-
       beiterbewegung und  westeuropäische Integration,  Köln  1976,  S.
       182-228.
       63) Kuczynski, Staat, Krieg..., a.a.O., S. 6.
       64) Für die  Beziehungen zur  Dritten Welt  galten keine entspan-
       nungspolitischen, sondern immer nur neokolonialistische Orientie-
       rungen, die  trotz der Vietnam-Erfahrung die interventionistisch-
       militaristische Gewaltoption  prinzipiell offenhielten (Chile!) .
       d.h. für  den Westen  war "Entspannung" von Anfang an und per de-
       finitionem  t e i l b a r.
       65) Vgl. jüngst  Elmar Altvater,  Die Zeitbombe auf dem Weltmarkt
       tickt. Anmerkungen  zu den Krisentendenzen auf dem Weltmarkt, in:
       Probleme des Klassenkampfs, Nr. 42, 11. Jg., S. 6-24.
       66) Vgl. Bernd  Greiner, Die Kräfteverschiebung in der amerikani-
       schen Politik,  in: Blätter für deutsche und internationale Poli-
       tik, 12/1980, S. 1426-1444.
       67) Immanuel Wallerstein,  The Modern  World  System.  Capitalist
       Agriculture and  the Origins of the European World Economy in the
       16th Century,  New York  1974; ders., Aufstieg und Niedergang des
       kapitalistischen Weltsystems. Zur Grundlegung vergleichender Ana-
       lyse, in:  Dieter Senghaas (Hrsg.), Kapitalistische Weltökonomie.
       Kontroversen über  ihren Ursprung  und ihre  Entwicklungsdynamik,
       Frankfurt/M. 1979, S. 31-68.
       68) Thomas Scheffler, Außenpolitik zwischen Legalität und Legiti-
       mität, in: Das Argument 124, S. 822-832.
       69) Vgl. u.v.a.:  Edward P. Thompson, Der Exterminismus als letz-
       tes Stadium  der Zivilisation,  in: Das Argument 127, S. 326-352;
       zur Kritik  an Thompson vgl. u.a. Joachim Bischoff, in: Die Neue,
       8./9.5.1981; zur  Theorie des  "Rüstungsautismus" vgl.  etwa  den
       "klassischen" Aufsatz  von Dieter  Senghaas, Rüstungsdynamik  als
       restriktive Bedingung  in Versuchen  einer Überwindung  des  Ost-
       West-Konflikts; jüngst  nachgedruckt in:  Gert Krell (Hrsg.), Die
       Rüstung der USA. Gesellschaftliche Interessen und politische Ent-
       scheidungen, Baden-Baden 1981, S. 23-41.
       70) Vgl. Karl  W. Deutsch, Dieter Senghaas, Die brüchige Vernunft
       von Staaten,  in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedensfor-
       schung, Frankfurt/M.  19795, S. 105-164; vgl. jüngst auch: Anton-
       Andreas Guha, Der Tod in der Grauzone. Ist Europa noch zu vertei-
       digen?, Frankfurt/M. 1980, S. 182 ff.
       71) "Am Staat  vorbei?" - Interview mit Claus Offe, in: Das Argu-
       ment 124, S. 809-822, hier S. 814.
       72) Vgl. Claus  Offe, "Krisen des Krisenmanagement": Elemente ei-
       ner politischen  Krisentheorie, in:  Jänicke (Hrsg.),  Herrschaft
       und Krise, a.a.O., S. 197-224, hier S. 199.
       73) Wir verwenden  diesen Begriff in Anlehnung an Reinhard Opitz,
       der  mit   Blick  auf   die   CSU-Konzeption   1980   von   einer
       "Grenzüberschreitung" in Richtung auf die autoritären Ordnungsmo-
       delle der  sog. "Jung-Konservativen"  in  der  Weimarer  Republik
       sprach; vgl.  Reinhard Opitz,  Ist die  CDU/CSU eine konservative
       Partei?, Vortrag, gehalten an der Philipps-Universität Marburg im
       Juni 1980.
       74) Karl Kaiser u.a., Sicherheit des Westens..., a.a.O.
       75) Vgl. H.J. Axt, Konkurrenz und "Arbeitsteilung". Griechenlands
       EG-Beitritt  und  die  amerikanisch-westeuropäische  Mittelmeer-,
       Nahost- und Mittelostpolitik, in: Blätter für deutsche und inter-
       nationale Politik, 5/1981, S. 542-561.
       76) Rudolf Augstein  hat dieses  Bild der Geiselnahme überzeugend
       entwickelt; vgl. Der Spiegel, Nr. 22/1981, S. 30 ff.
       77) Vgl. Colin  S. Gray,  Keith Payne,  Victory is  Possible, in:
       Foreign Policy, No. 39, Summer 1980, S. 14-28.
       78) Vgl. Greiner/Steinhaus,  3. Weltkrieg...,  a.a.O.,  S.  9-51;
       vgl. Greiner, Die Kräfteverschiebung..., a.a.O.
       79) Auf diesen  Aspekt verkürzt etwa Frieder Schlupp die US-Stra-
       tegie, ders.,  Kriegsgefahr und innerimperialistische Konkurrenz,
       in: links, 13. Jg., Mai 1981, Nr. 134, S. 7 ff.
       80) Es ist  daher naheliegend,  zu differenzieren  zwischen einer
       "S a c h l o g i k"   (z.B. der von der Friedensforschung zur Ge-
       nüge nachgewiesenen  technischen Unmöglichkeit,  einen  Atomkrieg
       "begrenzt"  zu  halten)  und  einer      i m p e r i a l i s t i-
       s c h e n   "M a c h t l o g i k"   (in die  die Vorstellung  be-
       grenzbarer Kriege  bzw. zu gewinnender Atomkriege als  o b j e k-
       t i v e s   P l a n u n g s d a t u m   seit 1945  kontinuierlich
       eingeht). Als Quellentext zur "Machtlogik" vgl. W. Scott Thompson
       (ed.), National Security in the 1980s: From Weakness to Strength,
       Institute for Contemporary Studies, San Francisco 1980.
       

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