Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       BESTIMMUNGSFAKTOREN DES WAHLVERHALTENS
       ======================================
       
       Johannes Henrich von Heiseler
       
       1. Stimmabgabe  nach Altersgruppen - 2. Klassen- und Sozialstruk-
       tur und  Wahlverhalten - 3. Konfessionsstruktur und Wahlverhalten
       - 4. Beständigkeit der Parteienlandschaft?
       
       Am Anfang  der Betrachtung  sollen die Ergebnisse der Bundestags-
       wahlen von 1972 bis 1980 sowie der Europawahlen 1979 stehen. 1)
       
       Ergebnisse der  Bundestagswahlen 1972 bis 1980 und der Europawahl
       1979 in der Bundesrepublik in Tausend Stimmen bzw. in Prozent
       
                  SPD         CDU/CSU        FDP        DKP      GRÜNE
       
       1972  17 175  45,8  16 806  44,9  3 130   8,4  114  0,3
       1976  16 099  42,6  18 395  48,6  2 995   7,9  119  0,3
       1979  11 370  40,8  13 700  49,2  1 663   6,0  112  0,4  894  3,2
       1980  16 267  42,9  16 898  44,5  4 031  10,6   72  0,2  570  1,5
       
       Die Zahlen  zeigen die für die Bundesrepublik kennzeichnende Kon-
       zentration der Stimmen auf die beiden großen Parteien CDU/CSU und
       SPD: zusammen  zwischen 87  und 91  Prozent. Sie zeigen auch, daß
       der CDU/CSU-Block zwar zunächst im Zeichen der damals als "Trend-
       Umkehr" bezeichneten  Tendenz aufholen konnte, 1980 jedoch wieder
       beim Stand  von 1972  ankommt. Das  war seit 1949 auf Bundesebene
       das schlechteste  Ergebnis. Dies ·wirkte sich aber im Endergebnis
       nicht einfach  zu Gunsten der SPD aus. Vielmehr schlug es vor al-
       lem bei  der FDP  zu Buche,  die (wieder außer 1949) nur 1961 ein
       besseres Stimmergebnis  vorzeigen konnte.  Die Ergebnisse bei den
       Europawahlen zeigen  zudem, daß die Grünen ein gewisses Potential
       an sich ziehen können. Der DKP als prinzipieller Systemopposition
       gelang es bisher nicht, den Einfluß konservativen, sozialreformi-
       stisch-sozialpartnerschaftlichen und bürgerlich-liberalen Denkens
       auf politischer Ebene ·wirksam zurückzudrängen.
       
       1. Stimmabgabe nach Altersgruppen
       ---------------------------------
       
       Sehen wir  uns die  folgenden Tabellen  an, so  wird deutlich, in
       welchen Altersgruppen sich diese Prozesse vor allem vollzogen ha-
       ben.
       
       Stimmabgabe für die SPD nach Altersgruppen
       Von 100  gültigen Zweitstimmen der jeweiligen Altersgruppe wurden
       für die SPD abgegeben:
       
                      1972  1976  1979  1980
       
       18-25          54,6  49,8  44,7  48,9
       25-35          47,8  44,9  46,0  47,1
       35-45          47,9  41,1  40,6  40,5
       45-60          44,2  42,4  41,4  42,4
       60 und mehr    42,2  42,0  40,1  42,1
       
       Stimmabgabe für die CDU/CSU nach Altersgruppen
       Von 100  gültigen Zweitstimmen der jeweiligen Altersgruppe wurden
       für CDU und CSU abgegeben:
       
                      1972  1976  1979  1980
       
       18-25          35,3  40,2  37,5  34,4
       25-35          41,2  43,7  40,4  36,6
       35-45          42,6  49,5  49,8  45,2
       45-60          45,4  49,2  50,6  46,6
       60 und mehr    50,6  51,9  53,5  49,8
       
       Stimmabgabe für die FDP nach Altersgruppen
       Von 100  gültigen Zweitstimmen der jeweiligen Altersgruppe wurden
       für die FDP abgegeben:
       
                      1972  1976  1979  1980
       
       18-25           9,2   8,5   6,4  11,4
       25-35          10,3  10,5   7,1  13,3
       35-45           8,6   8,9   6,7  13,1
       45-60           8,2   7,5   5,5   9,9
       60 und mehr     6,1   5,4   4,7   7,4
       
       Stimmabgabe für die DKP nach Altersgruppen
       Von 100  gültigen Zweitstimmen der jeweiligen Altersgruppe wurden
       für die DKP abgegeben:
       
                      1972  1976  1979  1980
       
       18-25           0,5   0,6   0,6   0,2
       25-35           0,2   0,4   0,6   0,3
       35-45           0,2   0,2   0,2   0,1
       45-60           0,3   0,2   0,3   0,1
       60 und mehr     0,4   0,2   0,4   0,2
       
       Stimmabgabe für die Grünen nach Altersgruppen
       Von 100  gültigen Zweitstimmen der jeweiligen Altersgruppe wurden
       für die Grünen abgegeben:
       
                                  1979  1980
       
       18-25                      10,4   4,8
       25-35                       5,6   2,4
       35-45                       2,4   0,9
       45-60                       1,8   0,6
       60 und mehr                 0,8   0,4
       
       Die SPD  ist vergleichsweise  am schwächsten  in der Altersgruppe
       von 35 bis 45 Jahren. Sonst ist sie in den jüngeren Altersgruppen
       relativ besser  vertreten: Geht  man von der Wählerschaft der SPD
       1980 aus, so sind 32 Prozent der SPD-Wähler unter 35. Aber gerade
       bei den Jüngeren zeigt sich die von 1972 bis 1976 abfallende Ten-
       denz sehr  deutlich. Bei den jüngsten Wählern im Alter von 18 bis
       25 hielt  die Abwärtsbewegung nach 1972 sogar bis 1979 an. Gerade
       bei diesen jüngsten Wählern und bei den problematischen mittleren
       Altersgruppen wurde  der nach  1972 beginnende  Verlust bis  1980
       nicht mehr  ganz wettgemacht.  (Man muß berücksichtigen, daß hier
       von Altersgruppen  die Rede ist - daß also die Gruppe der 18- bis
       25-jährigen Wähler  von 1972  1980 nicht  mehr in  dieser Alters-
       gruppe zu finden ist.)
       Die CDU/CSU ist in den meisten Altersgruppen nach vorübergehendem
       Aufschwung 1980  wieder bei  dem gleichen Ergebnis wie 1972 ange-
       langt. Nur  zwei deutliche  Abweichungen  gegenüber  1972  zeigen
       sich: Bei  den mittleren  Altersgruppen steht  die CDU/CSU  etwas
       günstiger da,  bei den jüngeren dagegen bedeutend schlechter. Was
       die Wählerschaft der Parteien angeht, so zeigen sich zwischen CDU
       und CSU  gewisse Unterschiede:  Von den  CSU-Wählern sind  nur 27
       Prozent unter  35 Jahren  alt, von  den CDU-Wählern  sogar nur 22
       Prozent.
       Die FDP  hatte bei  der Europawahl  1979 ein besonders schlechtes
       Ergebnis. Bei den Bundestagswahlen 1980 dagegen konnte sie in al-
       len Altersgruppen, besonders aber bei den mittleren und jüngeren,
       gewinnen. Das  drückt sich in der Zusammensetzung der FDP-Wähler-
       schaft so  aus, daß davon 34 Prozent unter 35 Jahren alt sind und
       24 Prozent zwischen 35 und 45 Jahren.
       Für die  DKP zeigen die Zahlen eine besondere Schwäche in den ge-
       samten mittleren  Altersgruppen von  35 bis  60.  Dadurch  werden
       Schwierigkeiten, die  sich aus der Kleinheit der Partei schon er-
       geben, noch  in besonderer  Weise akzentuiert. Diese Schwäche ist
       gewiß aus  der deutschen und bundesrepublikanischen Geschichte zu
       erklären. Die Generationen, die durch die Zeit der nationalsozia-
       listischen Herrschaft und die Adenauer-Ära, durch Antikommunismus
       und "Wirtschaftswunder"  geprägt wurden,  haben  ein  politisches
       Verhalten entwickelt, das gegenüber einer prinzipiellen Systemop-
       position besonders  schwer zugänglich  ist. Das  gilt leider nach
       wie vor  auch noch  für die große Mehrheit der Arbeiterklasse der
       Bundesrepublik. Wie  weit unter  der Oberfläche Anknüpfungspunkte
       und Elemente antikapitalistischer Politik 2) vorhanden sind, kann
       aus einer  Wahluntersuchung vorerst  nicht entwickelt  werden. 44
       Prozent der  DKP-Wähler und  DKP-Wählerinnen sind  unter 35 Jahre
       alt. Der Anteil der jüngeren Wähler liegt damit höher als bei al-
       len Bundestagsparteien.  Allerdings ist der Verlust an Stimmenan-
       teilen und  erst recht  an Stimmen bei den jüngeren Altersgruppen
       schwerwiegend. Das verdeutlicht eine Gegenüberstellung der Ergeb-
       nisse von 1976 und 1980.
       
       Stimmen für  die DKP  in den  verschiedenen Altersgruppen bei den
       Bundestagswahlen 1976 und 1980 (in Tausend)
       
                      1976  1980
       
       18-25           30    11
       25-35           24    20
       35-45           14     8
       45-60           25    15
       60 und mehr     26    17
       
       Stimmverluste zeigen sich in allen Altersgruppen. Daß der Verlust
       bei der  Altersgruppe zwischen 25 und 35 verhältnismäßig geringer
       ausgefallen ist,  hängt damit  zusammen, daß  1980 mehr  als  die
       Hälfte derer,  die 1976  zwischen 18 und 25 Jahren alt waren, nun
       in diese  Altersgruppe hineingewachsen  ist. Aber  äußerst schmal
       ist der  Zugang von  Jungen geworden,  besonders im Vergleich zur
       Lage vier  Jahre vorher. Man kann vermuten, daß jugendliche Oppo-
       sitionsstimmen, die  1976 der DKP zugute kamen, bei den jetzt Ju-
       gendlichen 1980 zum Teil den Grünen gegeben wurden.
       Bei den  Grünen ist  das Übergewicht  jüngerer Altersgruppen noch
       sehr viel  stärker ausgeprägt  als bei  der DKP. Geht man von der
       Wählerschaft aus,  so sind  hier sogar  70 Prozent der Wähler und
       Wählerinnen unter 35 Jahren.
       Es sollen  jetzt die Daten der Bundestagswahlen 1976 bis 1980 so-
       wie der  Europawahl 1979 einer sogenannten "ökologischen Analyse"
       unterzogen werden. 3)
       
       2. Klassen- und Sozialstruktur und Wahlverhalten
       ------------------------------------------------
       
       Betrachten wir zunächst die Zusammenhänge zwischen dem Anteil von
       Arbeitern, Angestellten und Beamten an der berufstätigen Bevölke-
       rung des  Wahlkreises und  den Stimmanteilen  bei den Bundestags-
       wahlen 1976 und 1980 bzw. der Europawahl 1979.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen dem Anteil an Arbeitern, Ange-
       stellten und  Beamten und  den prozentualen  Stimmanteilen in den
       Wahlkreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                   SPD   CDU/CSU     FDP      DKP    GRÜNE
       1976     +0,6583  -0,6924  +0,4074  +0,4988
       1979     +0,6425  -0,6784  +0,3026  +0,5207  (+0,1404)
       1980     +0,6373  -0,6776  +0,4293  +0,4084      *
       
       Es zeigt  sich, daß  bei allen  Parteien mit  Ausnahme der Grünen
       eine Beziehung  zwischen diesem grundlegenden Merkmal der sozial-
       strukturellen Zusammensetzung  der Bevölkerung der Wahlkreise und
       den Stimmanteilen  der Parteien  besteht. Während die sozialdemo-
       kratischen Stimmen  in solchen  Wahlkreisen, in  denen der Anteil
       von Arbeitern,  Angestellten und Beamten an der berufstätigen Be-
       völkerung hoch  ist, sich  häufen, nehmen die Stimmen für die CDU
       bzw. die  CSU in  solchen Wahlkreisen ab. Umgekehrt ist es in den
       Wahlkreisen, in  denen der  Anteil der Arbeiter, Angestellten und
       Beamten niedrig ist. Der Zusammenhang zwischen sozialer Zusammen-
       setzung der Wahlkreisbevölkerung und der Stimmabgabe für eine der
       beiden großen  Parteien hat sich von 1976 bis 1980 nicht signifi-
       kant verändert.
       Trotz in der Methode liegender Schwierigkeiten bei kleineren Par-
       teien 4)  zeigt sich  bei der FDP und (etwas stärker) bei der DKP
       eine Beziehung zwischen Sozialstruktur und Stimmabgabe. In beiden
       Fällen ist es so, daß in Wahlkreisen mit einem höheren Anteil von
       Arbeitern, Angestellten und Beamten der Anteil an den Wählerstim-
       men im  Verhältnis höher ist. Bei der FDP wird allerdings bei der
       Europawahl 1979  dieser Zusammenhang  ziemlich schwach.  Bei  den
       Grünen schließlich  zeigt sich  kein bedeutsamer Zusammenhang. 5)
       Man kann  also vermuten,  die Grünen seien bis zur Bundestagswahl
       1980 noch  nicht deutlich  mit einem  bestimmten sozialen  Milieu
       verbunden.
       Unterscheidet man  aber die  Gesamtgruppe  der  Lohnarbeiter  und
       Lohnabhängigen in Arbeiter einerseits, Angestellte und Beamte an-
       dererseits, so  zeigen sich  einige überraschende  Ergebnisse. 6)
       Vergleicht man  nun die  Arbeiteranteile in  den Wahlbezirken mit
       den Wahlergebnissen,  so fällt  vor allem auf, daß weder die DKP-
       Stimmen noch  die SPD-Stimmen in irgendeiner Beziehung zum Arbei-
       teranteil stehen. An beachtlichen Korrelationen sind nur negative
       Beziehungen zwischen  dem jeweiligen  Arbeiteranteil im Wahlkreis
       und den  Stimmanteilen der  FDP und der Grünen erkennbar. Bei der
       FDP  ist   diese  Beziehung  verhältnismäßig  schwach  ausgeprägt
       (-0,3381); dagegen  liegen die  Stimmanteile der  Grünen deutlich
       höher, wenn  der  Arbeiteranteil  im  Wahlkreis  niedriger  liegt
       (-0,3888). Der  Korrelationskoeffizient  zwischen  Arbeiteranteil
       und Stimmenanteil  der DKP liegt sogar ein klein wenig unter Null
       mit -0,1537. In diesem Fall könnte man das möglicherweise dadurch
       erklären, daß  - bei  dem insgesamt sehr geringen Stimmanteil der
       DKP - sonst kennzeichnende Beziehungen durch die für die DKP her-
       ausragenden Ergebnisse  solcher Wahlkreise wie Marburg und Tübin-
       gen überdeckt  werden. Bei  den großen Unterschieden im SPD-Stim-
       menanteil in den verschiedenen Wahlkreisen ist eine solche Erklä-
       rung für  die kaum vorhandene Korrelation zwischen SPD-Stimmenan-
       teil und Arbeiteranteil nicht möglich.
       Hinsichtlich der  Beziehung zwischen  dem Anteil der Angestellten
       und Beamten  im Wahlkreis  und dem Stimmanteil verhalten sich die
       beiden großen  Parteien SPD und CDU/CSU wiederum spiegelbildlich.
       Die positive  Korrelation zwischen SPD-Stimmanteil und dem Anteil
       der Angestellten  und Beamten wird allerdings von der DKP und der
       FDP noch  übertroffen. Bei  der FDP stützt das die Vermutung, daß
       sich darin  die gelungene  Umorientierung dieser  Partei auf  die
       lohnabhängigen Mittelschichten zeigt.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen  dem Anteil  der  Angestellten
       und Beamten und den prozentualen Stimmanteilen in den Wahlkreisen
       der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       1976   +0,4366  -0,5373  +0,6046  +0,5346
       1979   +0,4356  -0,5112  +0,3894  +0,4919     *
       1980   +0,4110  -0,5490  +0,6172  +0,5176  +0,3513
       
       Auch bei  den Grünen  ist eine schwächere positive Beziehung zwi-
       schen dem Anteil der Angestellten und Beamten und dem Stimmanteil
       festzustellen.
       Bisher haben  wir nicht unterschieden zwischen Gebieten mit alter
       Industriestruktur und großer Bevölkerungsdichte und stärker länd-
       lich geprägten  Regionen, in  denen inzwischen auch ein hoher An-
       teil von  im produktiven  Sektor Tätigen sich herausgebildet hat.
       Der Anteil  der abhängig  Beschäftigten im Sektor Handel und Ver-
       kehr liegt  allerdings in  Regionen, die  schon seit langem indu-
       striell geprägt  sind, höher  als dort, wo ein hoher Anteil indu-
       strieller Beschäftigung erst in neuerer Zeit erreicht wurde.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen  dem Anteil  der abhängig  Be-
       schäftigten im  Sektor Handel  und Verkehr  und den  prozentualen
       Stimmanteilen in den Wahlkreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       1976   +0,4366  -0,5373  +0,6046  +0,5346
       1979   +0,4356  -0,5112  +0,3894  +0,4919     *
       1980   +0,4110  -0,5490  +0,6172  +0,5176  +0,3513
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976   +0,3981  -0,4489  +0,3745  +0,3936
       1979   +0,3828  -0,4118     *     +0,3653     *
       1980   +0,3781  -0,4474  +0,3899  + 0,3951    *
       
       Die Stimmanteile  der DKP, der FDP und der SPD liegen verhältnis-
       mäßig höher, wenn der Anteil der Beschäftigten in Handel und Ver-
       kehr verhältnismäßig  groß ist. Umgekehrt verhält es sich bei der
       CDU/CSU. Die  Entwicklung in diesem Sektor muß unter anderem des-
       wegen unsere  Aufmerksamkeit beanspruchen, weil er in den letzten
       Jahrzehnten stark gewachsen ist und sich besonders im Bereich von
       Handel und Banken die gewerkschaftliche Organisiertheit von einem
       zunächst äußerst niedrigen Ausgangsniveau aus stark erhöht hat.
       Stark gewachsen  ist auch  der Bereich  der "Sonstigen Dienstlei-
       stungen" -  leider ebenfalls  eine Kategorie, in der nur zum Teil
       Vergleichbares zusammengefaßt  wird. Hier  zeigen  sich  positive
       Korrelationen zu den Stimmergebnissen bei der FDP und den Grünen:
       Liegt der Anteil der im Dienstleistungssektor Beschäftigten hoch,
       so liegen  auch die  Stimmergebnisse für  die FDP  und die Grünen
       über dem  Durchschnitt. Dies  stützt die  These, daß die FDP sich
       erfolgreich auf  die (mit  der  modernen  Produktion  wachsenden)
       lohnabhängigen Mittelschichten  umorientiert hat.  Für die Grünen
       kann man auf der Grundlage dieses Ergebnisses vermuten, daß sie m
       einem ähnlichen  sozialen Milieu  wie die  heutige FDP  zu  Hause
       sind.
       Diese Vermutung scheint durch die Beziehungen zwischen den Stimm-
       anteilen und  dem jeweiligen Anteil der Angestellten an den indu-
       striell Beschäftigten bestätigt zu werden.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen dem Anteil der Angestellten an
       den industriell  Beschäftigten und den prozentualen Stimmanteilen
       in den Wahlkreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976      * ·   -0,3121  +0,6513      *
       1979      *     -0,3146  +0,5611      *    +0,3690
       1980      *     -0,3168  +0,6134      *    +0,3886
       
       Der Angestelltenanteil  wächst gerade  in modernen Industrien be-
       sonders stark  an. Nur die FDP und die Grünen haben höhere Stimm-
       anteile da, wo der Anteil der Angestellten an den industriell Be-
       schäftigten vergleichsweise  höher liegt;  umgekehrt  liegen  die
       Stimmergebnisse für die CDU/CSU in diesen Kreisen verhältnismäßig
       niedriger als in anderen.
       Werfen wir  dagegen einen  Blick auf einen traditionellen Bereich
       der selbständigen  Mittelschichten, auf  das Handwerk, so stellen
       wir dort gänzlich andere Verhältnisse fest.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen  der Anzahl  der  Handwerksbe-
       triebe auf  tausend Einwohner  und den prozentualen Stimmanteilen
       in den Wahlkreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976   -0,6776  +0,6747     *     -0,4503
       1979   -0,6560  +0,6308     *·    -0,4548     *
       1980   -0,6674  +0,6793  -0,3646  -0,4331     *
       
       In einem stark von Handwerksbetrieben geprägten Gebiet liegen die
       Stimmergebnisse für die CDU/CSU überdurchschnittlich hoch und die
       für SPD und (in geringerem Maße) für DKP und FDP unter dem Durch-
       schnitt. Regionen, die in Bezug auf die Sozialstruktur noch weni-
       ger von  der Dynamik  der modernen Produktionsweise erfaßt worden
       sind, erweisen  sich als ein relativ günstigeres Wirkungsfeld der
       CDU/CSU.
       Aber die  Sozialstruktur ist  nicht die  einzige Kraft,  die  das
       Stimmergebnis  bei  politischen  Wahlen  beeinflußt.  Eine  Rolle
       spielt offensichtlich,  wie man  wohnt. Dazu  steht uns unter an-
       derem die  Angabe "Anzahl  der Wohngebäude auf tausend Einwohner"
       zur Verfügung. In Gebieten, in denen Häuser für einzelne Familien
       häufig sind,  steigt diese  Ziffer; in Gebieten, in denen Gebäude
       mit vielen Wohneinheiten häufig sind, sinkt sie.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen der Anzahl der Wohngebäude auf
       je tausend  Einwohner und  den prozentualen  Stimmanteilen in den
       Wahlkreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976   -0,3384  +0,3929  -0,3587  -0,3877
       1979      *     +0,3609     *     -0,3694     *
       1980      *     +0,3633  -0,3519  -0,4371     *
       
       Wie ein Blick auf die Tabelle zeigt, findet die CDU/CSU in Gebie-
       ten, die  mehr Ein-und  Zweifamilienhäuser aufweisen,  günstigere
       Bedingungen, während die DKP und die FDP umgekehrt günstigere Be-
       dingungen da vorfinden, wo Häuser mit vielen Wohneinheiten häufi-
       ger sind.
       Eigentümlicherweise sieht  es ein  wenig anders aus, wenn wir die
       Stimmergebnisse mit der Anzahl der Einwohner auf den Quadratkilo-
       meter vergleichen.
       Den nachfolgend  wiedergegebenen Ergebnissen  entspricht, daß die
       CDU/CSU in  bevölkerungsdichten Gebieten  ungünstigere,  die  DKP
       günstigere Resultate  hat als anderswo. Nimmt man aber die Bevöl-
       kerungsdichte als  Maßstab, so  zeigen sich keine bedeutsamen Be-
       ziehungen mehr zu den FDP-Stimmergebnissen, wohl aber positive zu
       den SPD-Stimmen.  Möglicherweise werden die Unterschiede zwischen
       diesen beiden Tabellen dadurch erklärt, daß die SPD auch in länd-
       lichen Gebieten  mit traditionell starker Industriestruktur einen
       günstigen Boden  findet, die FDP dagegen in Wohngebieten an Groß-
       stadträndern, in  denen Mehrfamilienhausbau  mit nicht  so großer
       Bevölkerungsdichte zusammengeht.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen der Bevölkerungsdichte und den
       prozentualen Stimmanteilen  in den Wahlkreisen der Bundesrepublik
       1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976   +0,4960  -0,5228      *    +0,5099
       1979   +0,4563  -0,4880      *    +0,5394     *
       1980   +0,4592  -0,4837      *    +0,5466     *
       
       Die starke  Beziehung der  DKP zur  Bevölkerungsdichte, die etwas
       schwächere der  SPD und  die nicht vorhandene bei der FDP und den
       Grünen bringen möglicherweise in vermittelter Form eine wichtige,
       klassenmäßige Trennungslinie  innerhalb der "Angestellten und Be-
       amten" zum  Ausdruck. Die  SPD hat einen relativ stärkeren Zugang
       zu den  in den großen Stadtregionen wohnenden, zur Arbeiterklasse
       zählenden großen Untergruppen dieser Kategorie als zu den zahlen-
       mäßig schwächeren Obergruppen, die (zu den lohnabhängigen Mittel-
       schichten und  der Intelligenz  gehörig) im  weiteren Umkreis der
       Stadtregionen wohnen;  bei der FDP und den Grünen ist ein stärke-
       rer Zugang  zu eben  diesen Obergruppen  zu vermuten. Bei der DKP
       scheint es ähnlich auszusehen wie bei der SPD.
       Wenn wir  die bisherigen  Daten der ökologischen Analyse betrach-
       ten, können wir bemerken, daß sich verschiedene Gruppierungen der
       Parteien nach  ihren Beziehungen zu objektiven Strukturdaten bil-
       den lassen. Ein hoher Anteil von lohnabhängiger Arbeit, insbeson-
       dere ein starker Anteil von Angestellten und Beamten, ein starker
       Sektor Handel  und Verkehr und ein geringer Anteil handwerklicher
       Produktion sind Bedingungen, in denen sowohl die Parteien der Re-
       gierungskoalition wie  die DKP  verhältnismäßig  günstigen  Boden
       finden, während die CDU/CSU in solchen Wahlkreisen schlechter als
       in anderen abschneidet. Mit dem Anteil der Angestellten und Beam-
       ten korreliert  außerdem positiv  das Stimmergebnis  der  Grünen.
       Durch die  positive Beziehung  zwischen Stimmergebnis und dem An-
       teil der  im Dienstleistungssektor  Beschäftigten sowie der Ange-
       stellten unter  den industriell beschäftigten Arbeitskräften sind
       wiederum die FDP und die Grünen miteinander verbunden.
       Mit der  entsprechenden Vorsicht  kann man folgende Erklärung für
       diese Beziehungen  anbieten: Sozialstrukturell  lassen sich  etwa
       drei regionale  Typen unterscheiden.  Die Regionen mit noch hohem
       Anteil von Handwerksbetrieben und anderen Selbständigen, mit noch
       geringer Dichte,  mit einem noch geringeren Grad von lohnabhängi-
       ger Arbeit,  mit noch  geringem Dienstleistungssektor,  aber auch
       noch geringem  Sektor Handel  und Verkehr, die Regionen also, die
       noch den  verhältnismäßig geringsten  Kontakt mit  den modernsten
       Produktivkräften haben,  sind günstiger  als andere  für die Ent-
       wicklung der CDU/CSU. Diesen relativ rückständigen Sektor schöpft
       sie vornehmlich aus.
       Wie ausführlich  nachgewiesen wurde  7), ist  aber die Ausdehnung
       der lohnabhängigen  Arbeit noch  nicht unmittelbar gleichzusetzen
       mit der  Ausdehnung der  Arbeiterklasse. Vielmehr entwickelt sich
       ein wachsender  und mit den modernen Produktivkräften eng verbun-
       dener Sektor  lohnabhängiger Mittelschichten. Während nun die SPD
       und die DKP verhältnismäßig günstigere Bedingungen im Bereich der
       Arbeiterklasse (einschließlich  der neu  dazugekommenen  Gruppen)
       haben, scheinen  FDP und Grüne ihre günstigsten Bedingungen da zu
       finden, wo  die lohnabhängigen  Mittelschichten  stark  vertreten
       sind.
       Zur Art  des Zusammenhangs  muß dabei  noch einmal betont werden,
       daß der  unmittelbare Schluß  von einer positiven Korrelation auf
       das Wahlverhalten  der einzelnen  Angehörigen einer  Gruppe weder
       zwingend noch stets plausibel ist. Dennoch stellt sich die Frage,
       wie der  unterschiedliche Anteil insgesamt nicht so großer Bevöl-
       kerungsgruppen (insbesondere der abhängigen und - mit entgegenge-
       setzter Tendenz - der selbständigen Mittelschichten) das Wahlver-
       halten in  solch starkem Maße bestimmen kann. In den Untersuchun-
       gen unseres  Instituts zur  Klassen- und Sozialstruktur wurde be-
       reits darauf hingewiesen 8), daß die Angehörigen dieser Schichten
       einen höheren  Anteil an  der Gesamtbevölkerung  haben  als  ihre
       werktätigen  Teile  an  der  werktätigen  Bevölkerung.  Aber  der
       gleichsam klimabestimmende  Einfluß dieser  Schichten reicht  oft
       weiter als ihr eigener Umfang. Das Bewußtsein von Familienverbin-
       dungen, aber auch andere soziale Kontakte schaffen ein weites Um-
       feld, das von jeweils kennzeichnenden Verhaltensformen und Werten
       dieser Schichten geprägt ist. Umgekehrt kann man sagen, daß heute
       in der  Bundesrepublik ein ausgesprochenes Arbeiter-Milieu bedeu-
       tend schwächer  ausgeprägt ist,  als es  dem zahlenmäßigen Umfang
       der Arbeiterschaft entspricht.
       Um Einfluß innerhalb der Arbeiterklasse zu gewinnen, kann es des-
       halb von  großer Bedeutung  sein, in  einer so  wichtigen  Gruppe
       "sozialer Nachbarn",  wie es  die lohnabhängigen  Mittelschichten
       sind, Einfluß zu gewinnen. Bei dieser Gruppe ist politisch offen-
       sichtlich etwas in Bewegung, wie die Tatsache zeigt, daß die Grü-
       nen in  den jüngeren Jahrgängen zu einer ernstzunehmenden Konkur-
       renz für  die FDP  werden konnten. Die Vorstellung, die Arbeiter-
       klasse müsse  erst zu sich selbst kommen, dann entstehe schon ein
       starker Anziehungspunkt  für politische und soziale Bewegungen in
       anderen Klassen  und Schichten,  übersieht genau diese Bewegungs-
       und Verbreitungsformen von Bewußtsein und Verhalten.
       Die DKP  ist auch unter den jüngeren Jahrgängen keineswegs zu ei-
       ner Alternative  für einen  Teil der SPD-Wähler geworden. Wie die
       Kommunalwahlen in Hessen 1981 gezeigt haben, ist die Position der
       SPD gerade unter den Jüngeren aber nicht so unerschütterlich, wie
       man aus  den Daten  der Bundestagswahlen und der Europawahlen an-
       nehmen könnte.  Die hessischen  Kommunalwahlen haben außerdem ge-
       zeigt, daß  es den Grünen gelingen kann, ein kritisches Potential
       unter jüngeren  Arbeitern und  Angestellten für sich zu gewinnen.
       Als Partei  der Arbeiterklasse  und als  Partei einer sozialisti-
       schen Perspektive ist die DKP zugleich die Partei, die potentiell
       auch allen  anderen nichtmonopolistischen  Gruppen und  Schichten
       eine demokratische  und sozialistische Zukunft und Lebensmöglich-
       keit zeigen kann. Eine Strategie, die diese Gruppen und Schichten
       anspricht, ist  also nicht  wahltaktisch begründet.  In Bezug auf
       die Wahlen  aber kann  der scheinbare Umweg zu einem direkten Weg
       zu kritischen jüngeren Gruppen der Arbeiterklasse selbst werden.
       
       3. Konfessionsstruktur und Wahlverhalten
       ----------------------------------------
       
       Neben den  sozialstrukturellen Bestimmungsgründen des Wahlverhal-
       tens zeigt  sich aber in der ökologischen Analyse die - zumindest
       von mir  - oft  unterschätzte Bedeutung  eines rein ideologischen
       Faktors: Von  etwa gleich großer Bedeutung wie die soziale Struk-
       tur des  Wahlkreises ist für die Stimmabgabe seine konfessionelle
       Struktur.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen  dem Anteil  der Katholiken an
       der Bevölkerung  und den  prozentualen Stimmanteilen in den Wahl-
       kreisen der Bundesrepublik 1976 bis 1980
       
                 SPD   CDU/CSU     FDP      DKP   GRÜNE
       
       1976   -0,6510  +0,7108  -0,5278  -0,3093
       1979   -0,6827  +0,7215  -0,3264     *        *
       1980   -0,6537  +0,7410  -0,5685     *     -0,3514
       
       Es zeigt  sich, daß  besonders die  positive Korrelation zwischen
       dem Anteil  der Katholiken an der Bevölkerung des Wahlkreises und
       der Stimmabgabe für die CDU/CSU herausragt. Allein 55 Prozent der
       Varianz der Stimmergebnisse für die CDU/CSU werden durch die kon-
       fessionelle Struktur  erklärt. Umgekehrt  zeigt sich für die SPD:
       Je höher  der Anteil  der Katholiken an der Bevölkerung des Wahl-
       kreises, desto  verhältnismäßig kleiner  der Anteil der SPD-Stim-
       men. Immerhin noch 43 Prozent der Varianz der SPD-Stimmergebnisse
       werden durch  die konfessionelle  Struktur erklärt.  Für die  FDP
       sind es noch 32 Prozent ihrer Varianz, die durch die Konfessions-
       struktur erklärt  werden, bei den Grünen nur noch 12 Prozent; die
       Beziehung zwischen Konfessionstruktur und DKP-Stimmverteilung ist
       nicht mehr erheblich.
       Nur grundlegende Daten der sozialen Zusammensetzung, wie etwa der
       Anteil der  Arbeiter, Angestellten und Beamten an der berufstäti-
       gen Bevölkerung  des Wahlkreises,  wirken ähnlich stark. Zum Ver-
       gleich: Durch  den Anteil der Lohnabhängigen an der berufstätigen
       Bevölkerung des  Wahlkreises werden  41 Prozent  der Varianz  der
       SPD-Ergebnisse, 46  Prozent der  Varianz der  CDU-Ergebnisse,  23
       Prozent der Varianz der DKP-Ergebnisse und 18 Prozent der Varianz
       der FDP-Ergebnisse 1980 erklärt.
       Wir müssen dabei betonen, daß die Beziehungen zwischen konfessio-
       neller Struktur  und Wahlergebnissen  keineswegs letztlich  durch
       die Sozial-  und Klassenstruktur erklärt werden. Wir können davon
       ausgehen, daß  einerseits die Grunddaten der Sozial- und Klassen-
       struktur, andererseits die konfessionellen Verhältnisse zwei von-
       einander unabhängige  Wirkungskräfte  sind,  die  die  jeweiligen
       Stimmergebnisse ganz entscheidend prägen.
       Das vom  Einfluß des  jeweils anderen  Faktors bereinigte Gewicht
       der Faktoren "Anteil der Lohnarbeiter und anderen Lohnabhängigen"
       und "Anteil  der Katholiken" für die Stimmergebnisse der Parteien
       sah 1980 so aus: 9)
       
                Anteil der Lohnarbeiter
                und anderen Lohnabhängigen   Anteil der Katholiken
       
       SPD              +0,4965                    -0,5140
       CDU/CSU          -0,5136                    +0,5964
       FDP                 *                       -0,4855
       DKP              +0,4258                       *
       GRÜNE               *                       -0,3577
       
       Vergleicht man die in den Maßzahlen ausgedrückten verhältnismäßi-
       gen Gewichte  der beiden  Wirkungskräfte miteinander  und mit den
       entsprechenden Maßzahlen  bei den  anderen  Parteien,  so  ergibt
       sich, daß  die beiden  großen Parteien  jeweils doppelt  bestimmt
       sind: die CDU/CSU durch eine positive Korrelation zum Katholiken-
       anteil und  eine negative zum Anteil der Lohnarbeiter und anderen
       Lohnabhängigen, die  SPD umgekehrt. Der Einfluß des konfessionel-
       len Faktors ist keineswegs kleiner als der des klassen- und sozi-
       alstrukturellen. Vor  allem durch  den konfessionellen Faktor ge-
       prägt -  und zwar durch eine negative Korrelation zum Katholiken-
       anteil -  ist die  relative Stimmenverteilung bei der FDP und bei
       den Grünen,  während bei  beiden Parteien  u n t e r  d i e s e n
       V o r a u s s e t z u n g e n   (der oben im einzelnen allerdings
       aufgezeigte) sozialstrukturelle  Bestimmungsgrund in die Zone un-
       terhalb von 0,3 abrutscht. Dagegen ist bei der DKP allein die so-
       zialstrukturelle  Bestimmtheit  der  relativen  Stimmenverteilung
       auszumachen.
       Der konfessionelle  Faktor hat  sich von 1976 bis 1980 auch nicht
       in seiner  Bedeutung für  die  r e l a t i v e  Stimmenverteilung
       zwischen Hochburgen  und Schwachstellen  der großen Parteien ver-
       ringert; wenn damit auch nichts über die  a b s o l u t e  Stimm-
       verteilung   z w i s c h e n  den Parteien ausgesagt wird, so ist
       es doch  zumindest mißverständlich,  von einem  Bedeutungsverlust
       dieses Faktors  für die  Parteienlandschaft in der Bundesrepublik
       zu sprechen.
       
       4. Beständigkeit der Parteienlandschaft?
       ----------------------------------------
       
       Die Parteienstruktur  der Bundesrepublik  zeichnet sich  bisher -
       den Veränderungen,  die politisch sehr bedeutsam sein können, zum
       Trotz - durch eine erhebliche Beständigkeit aus.
       
       Korrelationskoeffizienten zwischen den Stimmanteilen der Parteien
       bei den  Bundestagswahlen 1980 und den Stimmanteilen bei früheren
       Wahlen
       
                       zu 1976    zu 1979
       
       SPD 1980        0,9945     0,9927
       CDU/CSU 1980    0,9911     0,9892
       FDP 1980        0,9652     0,8435
       DKP 1980        0,9407     0,9393
       GRÜNE 1980                 0,7771
       
       Signifikante Veränderungen  über die Zeit zeigen sich nur für das
       Abschneiden der  FDP bei  den Europawahlen  1979. Die Graphiken I
       und II  zeigen eindrucksvoll diese starke Beständigkeit der rela-
       tiven Verteilung der Wählerstimmen der Parteien.
       
       Bild ansehen
       Stabilität der SPD 1976-1980, Stabilität der CDU 1976-1980
       
       Der CDU-Verlust von 1976 bis 1980 zeigt sich darin, daß die Linie
       der kleinsten  Quadrate nach rechts unten versetzt von der Diago-
       nale erscheint;  an der  relativen Struktur der Stimmenverteilung
       hat sich  dadurch aber  kaum etwas  geändert. Nicht zuletzt diese
       Stabilität der  Wählerstruktur der systemtragenden Parteien befä-
       higt den  staatsmonopolistischen Kapitalismus  der Bundesrepublik
       bisher, die  tiefgehenden ökonomischen  und sozialen Krisen poli-
       tisch zu verarbeiten.
       Zweifel an  der Stabilität  der Parteienstruktur können höchstens
       geweckt werden durch den Anstieg der Nichtwähleranteile. 10)
       
       Nichtwähler bei  den Bundestagswahlen 1972 bis 1980 und der Euro-
       pawahl 1979 in Prozent der Wahlberechtigten der Altersgruppen
       
                                             Anstieg von 1972 bis
                                               1980 in Prozent
                   1972   1976   1979   1980    (1972 = 100)
       
       unter 21    14,7   15,0   43,0   18,2        23,8
       21-25       14,7   15,7   46,9   19,1        29,9
       25-30       11,3   12,6   45,3   16,2        43,4
       30-35        8,9   10,2   41,7   12,8        43,8
       35-40        7,5    8,2   37,2   10,8        44,0
       40-45        6,8    7,1   32,4    9,2        35,3
       45-50        6,0    6,3   30,8    8,4        40,0
       50-60        5,9    6,1   28,5    7,4   ·    25,4
       60-70        6,7    6,1   24,8    7,4        10,4
       70 und mehr 12,7   10,7   29,1   12,4 :      -2,4
       
       Die Tabelle  zeigt, daß  besonders bei  den jüngeren  Gruppen von
       Wahlberechtigten der  Anteil der  Nichtwähler von  1972 bis  1980
       stark zugenommen  hat. Die  Europawahl paßt nicht in diese Reihe,
       weil sie  von vielen  wohl als nicht so bedeutsam angesehen wird.
       Wenn man jeweils eine Altersgruppe 1976 mit der jeweils folgenden
       Gruppe von  fünf Jahrgängen  1980 vergleicht,  so erfaßt  man mit
       Ausnahme je  eines Jahrgangs jeweils die selbe Gruppe von Wahlbe-
       rechtigten. So  können wir  etwa den  Anstieg der Nichtwähler bei
       der betreffenden Kohorte ausdrücken.
       
       Annähernder Vergleich von Jahrgangsgruppen 1976 bis 1980: Anstieg
       der Nichtwähler
       
                                          Anstieg in Prozent
                             1976   1980    (1976 = 100)
       
       unter 21              15,0
                                                 22
                  21-25             19,1
       
       21-25                 15,7
                                                  3
                  25-30             16,2
       
       25-30                 12,6
                  30-35             12,8          2
       
       30-35                 10,2
                                                  6
                  35-40             10,8
       
       35-40                  8,2
                                                 12
                  40-45              9,2
       
       40-45                  7,1
                                                 18
                  45-50              8,4
       
       Es zeigt  sich besonders  bei den 1980  40-50jährigen und bei den
       1980   21-25jährigen ein  starker Anstieg der Nichtwähleranteile,
       bei der  letzten Gruppe  nicht nur relativ, sondern auch absolut.
       Im Zusammenhang  mit dem  Ergebnis der  hessischen Kommunalwahlen
       1981, bei  denen die SPD vor allem unter den jungen Wählern Boden
       verloren hat, kann man das als eine Unsicherheit, die neue Orien-
       tierungen ermöglicht, deuten.
       Vielleicht kann man einen Vergleich ziehen. 1965 und 1969 war ge-
       rade bei den jüngeren Wählern der Anteil der Nichtwähler noch hö-
       her; bei  den Wahlen  1972 orientierten  sich entscheidende Teile
       der Wählerschaft  um. Angesichts  des gegenwärtigen  Anstiegs des
       Nichtwähleranteils fragt  es sich daher, ob die bisher vorhandene
       Stabilität der  räumlichen, gesellschaftlichen  und ideologischen
       Struktur des  Wahlverhaltens so ohne weiteres in die Zukunft pro-
       jiziert werden darf.
       
       _____
       1) Bei allen Bundestagswahlergebnissen werden im folgenden Zweit-
       stimmen und  Zweitstimmenameile herangezogen:  bei der Europawahl
       gab es nur eine Stimme.
       Tabellen und  Berechnungen dieses  Beitrags beruhen auf den Daten
       des Statistischen Bundesamtes über Wahlergebnisse und Strukturda-
       ten der Bundestagswahlkreise, soweit nichts anderes vermerkt ist.
       Herangezogen wurden:  Fachserie A:  Bevölkerung und Kultur, Reihe
       8: Wahlen  zum 7.  Deutschen Bundestag 1972, Heft 9; Fachserie 1:
       Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Wahl zum 8. Deutschen Bundestag
       1976, Heft  6, Heft 8; Fachserie 1: Bevölkerung und Erwerbstätig-
       keit, Wahl  der Abgeordneten  des Europäischen  Parlaments  1979,
       Heft 6;  Fachserie 1:  Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Wahl zum
       9. Deutschen Bundestag 1980, Heft 2, Heft 8.
       2) Vgl. dazu  Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 2, 1979, S.
       323-380
       3) Bei einer  "ökologischen Analyse"  werden als kleinste techni-
       sche Einheiten  der Untersuchung  Gebietseinheiten  benutzt,  von
       denen man  Merkmale kennt. In unserem Falle sind dies die Bundes-
       tagswahlkreise nach  der Einteilung  von  1980.  Von  diesen  Ge-
       bietseinheiten sind  nun einerseits  die Stimmen und die Stimmen-
       verhältnisse für  die verschiedenen politischen Parteien bekannt,
       andererseits eine  Reihe von  wichtigen Daten wie z.B. der Arbei-
       teranteil an der Bevölkerung des Wahlkreises oder auch die Anzahl
       von Wohnungen je tausend Einwohner im Wahlkreis.
       Die Strukturdaten  für die Bundesrepublik nach der Einteilung der
       Wahlkreise 1980  stammen einerseits  vom Statistischen Bundesamt,
       zum anderen  Teil wurden  sie mir  freundlicherweise von der For-
       schungsgruppe Wahlen  in Mannheim zur Verfügung gestellt, der ich
       hiermit meinen Dank dafür abstatten möchte.
       Es ist nun möglich, durch einen Vergleich von zwei solchen Daten-
       reihen festzustellen,  ob es  eine Beziehung zwischen ihnen gibt.
       Man kann  etwa die Frage stellen, ob in Wahlkreisen mit einem ho-
       hen Anteil  von Lohnarbeitern  und lohnabhängig Beschäftigten der
       Anteil der  CDU-Wähler in der Regel höher oder in der Regel nied-
       riger liegt. Als Ausdruck dieser Beziehung benutzt man den Korre-
       lationskoeffizienten r.  Diese Meßzahl kann Werte zwischen +1 und
       -1 annehmen.  Ist die  Meßzahl positiv  und zugleich deutlich von
       Null unterschieden,  so drückt  dies eine positive Beziehung zwi-
       schen den  beiden Merkmalsreihen aus: Eine Vergrößerung des einen
       Merkmalswerts geht  in der Regel mit einer Vergrößerung des ande-
       ren Merkmalswerts  zusammen. Nähert sich die Meßzahl gar dem Wert
       +1, so nähert sich die Beziehung zwischen den beiden Merkmalsrei-
       hen einem  vollständig regelmäßigen  Zusammenhang. Je  weiter die
       Meßzahl dagegen  von den  Grenzen +1  und -1  entfernt ist, desto
       schwächer ist  der Zusammenhang,  die Regelmäßigkeit ist gestört.
       Ist die  Meßzahl negativ  und zugleich  deutlich von  Null unter-
       schieden, so zeigt sich eine negative Beziehung zwischen den bei-
       den Merkmalsreihen.  Das heißt,  daß eine  Vergrößerung des einen
       Merkmalswerts in  der Regel  mit einer  Verkleinerung des anderen
       Merkmalswerts zusammengeht.
       4) Bei den kleineren Parteien ergibt sich ein Problem, das in der
       Natur dieser  Untersuchungsmethode liegt.  Verglichen  werden  ja
       hier zwei Reihen von unterschiedlichen Werten, eine dieser Reihen
       wird durch  die Stimmanteile  gebildet. Die  niedrigsten Stimman-
       teile für  die SPD sind von den höchsten um 40 Prozentpunkte ent-
       fernt. Schon bei der FDP, besonders aber bei der DKP und den Grü-
       nen liegen  die Extremwerte  ziemlich nahe  beieinander,  einfach
       deshalb, weil  ja die "höchsten" Stimmanteile immer noch ziemlich
       niedrig liegen.  Es ergeben sich also hier allein schon aus rech-
       nerischen Gründen im Verhältnis niedrigere Werte für die Korrela-
       tionskoeffizienten.
       5) Wir legen  für die  Zwecke unserer Untersuchung fest, daß alle
       Korrelationskoeffizienten unter  0,30 eine  so schwache Beziehung
       ausdrücken, daß wir sie vernachlässigen können. Ein Korrelations-
       koeffizient von  0,30 ist  zwar bei  unserem Material noch stati-
       stisch signifikant,  erklärt aber gerade noch 9 Prozent der Vari-
       anz der einen Größe durch die der anderen. Alle Korrelationskoef-
       fizienten unter  0,30 werden  daher im folgenden durch ein Stern-
       chen ersetzt.
       6) Die Unterscheidung in Arbeiter einerseits, Angestellte und Be-
       amte andererseits  trifft freilich  nicht die Unterscheidung nach
       klassenmäßigen Gesichtspunkten,  faßt klassenmäßig unterschiedli-
       che Gruppen  zusammen.  Während  die  Kategorie  "Arbeiter"  eine
       Hauptgruppe der  Arbeiterklasse, und  zwar den überwiegenden Teil
       des  Kerns  der  Klasse,  umfaßt,  werden  durch  die  Kategorien
       "Angestellte" und "Beamte" Verkäuferinnen in Warenhäusern und La-
       boranten in  Chemiefabriken mit Spitzenmanagern, Staatssekretären
       und Generalen  zusammengezählt. Man kann etwa davon ausgehen, daß
       die "Angestellten und Beamten" rund 80 Prozent Gruppen der Arbei-
       terklasse und  dazugehörige Rand-  und Übergangsgruppen,  rund 17
       Prozent Gruppen,  die den  lohnabhängigen Mittelschichten und der
       Intelligenz zuzurechnen  sind, und  rund drei  Prozent der  herr-
       schenden Klasse  zuzuordnende Gruppen  einschließen.  Vgl.  dazu:
       Eberhard Dähne,  Heinz Jung  (IMSF) (Hrsg.): Klassen- und Sozial-
       struktur der  BRD 1950-1970, Teil II: Sozialstatistische Analyse,
       Erster Halbband,  Frankfurt/M. 1974,  SS. 272-274;  334-337; 346-
       354; 377-381.  Die möglichen Verschiebungen seit 1970 konnten na-
       türlich nicht in Rechnung gestellt werden.
       7) Heinz Jung, Christoph Kievenheim, Margarete Tjaden-Steinhauer,
       Karl Hermann Tjaden (Hrsg. IMSF): Klassen- und Sozialstruktur der
       BRD 1950-1970,  Teil I:  Theoretische Grundlagen  und Diskussion,
       Frankfurt/M. 1973, passim
       8) Dähne, Jung,  a.a.O., S.  182 und  ebenda,  Zweiter  Halbband,
       Frankfurt/M. 1974, S. 328, 329.
       9) Standardisierter Regressionskoeffizient beta auf der Grundlage
       einer multiplen Regression.
       10) Die Zahlen  wurden errechnet, indem bei den einzelnen Alters-
       gruppen von  Briefwählern von  der durchschnittlichen Beteiligung
       der Briefwähler aller Altersgruppen ausgegangen wurde. Vom Stati-
       stischen Bundesamt werden immer nur die Beteiligungen der Direkt-
       wähler ausgewiesen.
       

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