Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER KRITISCHEN PSYCHOLOGIE
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       Kurzer Überblick
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       Peter Hiedl
       
       1. Vorbemerkung  - 2. Die Entwicklung der Psychologie als Wissen-
       schaftsdisziplin in  der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jah-
       ren -  3. Kritik  der Psychologie im Rahmen der Studentenbewegung
       ab 1967  - 4.  Weiterentwicklung und Differenzierung des Ansatzes
       der Kritischen  Psychologie; Freud-Rezeption  und Kritik des Pro-
       jekts Klassenanalyse;  der Marburger Kongreß 1977 - 5. Der zweite
       Kongreß in  Marburg 1979;  die Konstituierung der Kritischen Psy-
       chologie als marxistische Subjektwissenschaft.
       
       1. Vorbemerkung
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       Die Aufgabe,  einen kurzen Überblick über Entstehung und Entwick-
       lung der  Kritischen Psychologie  zu geben,  erfordert eine Nach-
       zeichnung der Theorienentwicklung der Kritischen Psychologie, die
       die  jeweiligen  Auseinandersetzungspunkte  mit  anderen  Wissen-
       schaftsauffassungen auf allgemeiner Ebene und im Hinblick auf den
       spezifischen Gegenstand  erfaßt; weiterhin  die  Berücksichtigung
       der realen  sozialen Entwicklungen,  soweit sie  im direkten oder
       indirekten Bezug  auf die Bedingungen der Theorienentwicklung der
       Kritischen Psychologie  oder deren Modifikationen nachvollziehbar
       sind. Dies wird im folgenden versucht. Eine systematische Entfal-
       tung diese  beiden Momente  kann hier  allerdings nicht geleistet
       werden.
       
       2. Die Entwicklung der Psychologie als Wissenschaftsdisziplin
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       in der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren
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       Generell kann  man folgende  Faktoren unterscheiden,  die auf die
       Entwicklung der Psychologie in der Bundesrepublik einwirkten. Zum
       einen sind  die Auswirkungen  der faschistischen  Herrschaft  und
       ihres Zusammenbruchs im Hinblick auf die Institution Universität,
       deren soziale Träger und einzelne Wissenschaftsbereiche zu sehen.
       Der Faschismus  selbst hatte  wesentliche Entwicklungslinien  der
       Psychologie unterbrochen, ihre Repräsentanten exiliert oder umge-
       bracht; dies  gilt vor allem für bestimmte Bereiche der Psycholo-
       gie. Zum  anderen hatte der Faschismus die Psychologie auf rassi-
       stische und  biologistische Grundlagen  gestellt. Wer  in  diesen
       Jahren nicht  vertrieben oder  getötet wurde  und sich auch nicht
       zum aktiven Befürworter dieser Grundlagen machte, der entwickelte
       aus seiner Klassenlage heraus Formen elitär-konservativer innerer
       Emigration.
       Die Wiedereröffnung der Universitäten in Westdeutschland nach der
       Zerschlagung des  Faschismus durch  die  West-Alliierten  stützte
       sich genau  auf jene  Kreise, die  sich nicht  offen  als  aktive
       Sympathisanten des  Faschismus gezeigt  hatten. Bezogen  auf  die
       Hochschule als  Institution  führte  das  zur  Reetablierung  der
       Ordinarienuniversität  und   im   Hinblick   auf   vorherrschende
       gesellschaftstheoretische  Vorstellungen   zu   einem   radikalen
       Individualismus,  dessen   Stoßrichtung  sich  sowohl  gegen  den
       Faschismus  als   auch  gegen  den  Kommunismus  als  "totalitäre
       Massenbewegungen pöbelhafter  Natur" richtete. Verbunden war dies
       mit  einer   Propagierung  traditioneller   Werte  des  geistigen
       Humanismus,  aus  dem  die  Erneuerung  Deutschlands  entspringen
       könne. Ebenfalls  erfolgte eine  Rückbesinnung auf  die Autonomie
       von Forschung und Lehre und eine bewußte Abkopplung von aktuellen
       politischen und sozialen Problemstellungen. 1)
       Gerade die Distanz zu sozialen und politischen Prozessen im aktu-
       ellen Verlauf  galt als  vornehmste Aufgabe  der Universität. Für
       die Entwicklung  der universitären Psychologie in der Bundesrepu-
       blik galt  dies in  verstärktem Maß, da sie sich ja von ihrem Ge-
       genstand her mit der Erforschung der Psyche des Menschen beschäf-
       tigte und im Zusammenhang damit mit der Erziehung und Entwicklung
       eines "neuen  Geistes im Menschen". Gerade die Psychologie fühlte
       sich  berufen,   beizutragen   zur   geistigen   Aufhellung   und
       "Entmassung der  Masse". Praktisch bedeutete dies eine Konzentra-
       tion auf  das Erziehungssystem und alle Formen pädagogischer Pra-
       xis vom Vorschulalter bis zur Erwachsenenbildung.
       Waren dies  die Praxisfelder, in denen Psychologen vorwiegend ar-
       beiteten, so  ist die universitäre Psychologie in diesem Zeitraum
       von einer  immer stärkeren  Ausdifferenzierung ihrer Methoden und
       Gegenstandsbereiche charakterisiert,  die sie  auch zunehmend den
       Strömungen der  amerikanischen  Experimentalpsychologie  öffnete.
       Mit anderen  Worten: Im Laufe der 50er und 60er Jahre entwickelte
       sich auch  im Rahmen der Psychologie ein Widerspruch zwischen der
       allgemeinen Wertorientierung,  wie sie unmittelbar nach dem Krieg
       als Rückkehr  zu den  alten humanistischen  Idealen erschien, und
       der Forschungs-  und Lehrtätigkeit  der  universitären  Disziplin
       Psychologie. Dies  ist bis  zum heutigen Tage unmittelbar erfahr-
       bar, wenn  z.B. Studienanfänger der Psychologie erwarten, daß ih-
       nen ihr  Studium Erkenntnis und Einsichten über den Menschen ver-
       mittelt und sie befähigt, therapeutisch tätig zu werden, sie aber
       im Studium mit Testtheorie, Statistik und experimenteller Psycho-
       logie gefüttert  werden, womit  der streng naturwissenschaftliche
       Charakter der universitären Psychologie bewiesen werden soll. Der
       Schwerpunkt der  beruflichen Praxis  der Psychologen  in den 5oer
       und 60er  Jahren, der  sehr stark  selektive  und  manipulierende
       Funktion aufwies  (Eignungs- und  Intelligenzdiagnostik, Testver-
       fahren, Werbepsychologie  usw.), verstärkte diesen widersprüchli-
       chen Eindruck von "Psychologie und Psychologen".
       
       3. Kritik der Psychologie im Rahmen der Studentenbewegung ab 1967
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       Der erste Angriff auf diese Form naturwissenschaftlich-behaviori-
       stischer Theorieentwicklung der universitären Psychologie und de-
       ren Praxis  vollzog sich  im Rahmen  der generellen Kritik an den
       wissenschaftstheoretischen Postulaten der herrschenden Sozial-und
       Gesellschaftswissenschaften überhaupt. Die manipulative und herr-
       schaftsstabilisierende Praxis  der Psychologie  wie auch  der So-
       ziologie wurde  konfrontiert mit ihren wissenschaftstheoretischen
       Aussagen über  Wertfreiheit und objektive Neutralität. Die Kritik
       an dieser Art herrschender Psychologie, wie sie z.B. auf den VDS-
       Kongressen und -Tagungen zwischen 1967 und 1969 formuliert wurde,
       entwickelte sich  auf der Basis der Kritischen Theorie der Frank-
       furter Schule,  sofern es  nicht zu  einem frontalen  Angriff auf
       Wissenschaft überhaupt  kam, der  zumeist in  dem Slogan  von der
       Zerschlagung der Psychologie oder anderer Disziplinen gipfelte.
       Einen der für die Entwicklung der Kritischen Psychologie wichtig-
       sten Kristallisationskerne  bildete das  Psychologische  Institut
       der Freien Universität Berlin. Folgende Momente lassen sich hier-
       für anführen:  Holzkamp als  Ordinarius an diesem Institut befand
       sich nach immerhin zwanzigjähriger Arbeit im Rahmen der traditio-
       nellen Psychologie an einem Punkt, der ihn faktisch an bestimmten
       Positionen dieser  Psychologie zweifeln  ließ; Berlin  und gerade
       die FU waren Zentren sowohl der antiautoritären Bewegung als auch
       der Rezeption  der Kritischen  Theorie in  der Studentenbewegung;
       Studenten, die später zu Mitarbeitern des Instituts wurden, stan-
       den als  AStA-Vertreter im  Mittelpunkt der Auseinandersetzungen;
       diese Studentenvertreter sahen vor allen Dingen positive Möglich-
       keiten in  der Verbindung  von Psychologie und Marxismus. Ansätze
       sah man  in der  Verknüpfung von Psychoanalyse und Marxismus, wie
       sie sich  in der  Tradition von  Reich in den 30er Jahren ansatz-
       weise herausgebildet hatte. Die Besetzung des Psychologischen In-
       stituts durch die Studenten in der unmittelbaren Reaktion auf den
       Tod von  Benno Ohnesorg  bei  einer  Anti-Schah-Demonstration  in
       Westberlin führte  zu einem intensiven Prozeß der Auseinanderset-
       zung zwischen allen Institutsmitgliedern.
       Gleichzeitig bestand  die praktische Notwendigkeit, im Rahmen der
       Neuordnung der  Hochschule durch  das Berliner Universitätsgesetz
       eine eigene  Satzung und  Struktur zu entwerfen. Die durch dieses
       Gesetz gleichzeitig  vorgenommene  Zerschlagung  des  Allgemeinen
       Studentenausschusses bedeutete ebenfalls, daß sich die politische
       und inhaltliche  Arbeit der  Studentenvertreter auf die Ebene der
       Institute konzentrierte.  Die Summe  dieser Faktoren  führte  zur
       Verabschiedung einer  Satzung des Instituts, die die paritätische
       Mitbestimmung aller  beteiligten Gruppen  an Lehre  und Forschung
       vorsah. Holzkamp  selbst schreibt  über die  damalige  Situation:
       "Die Satzung war im Bewußtsein vieler Institutsmitglieder der Be-
       ginn einer  neuen Epoche  demokratischer Entscheidungsbildung und
       repressionsfreier gleichberechtigter Kooperation aller Gruppen am
       Institut, wobei  Konflikte m freier, rationaler Diskussion ausge-
       tragen und  bewältigt werden würden. Auch die früheren Gegner der
       Satzung im  Mittelbau und  unter den  Hochschullehrern  erklärten
       sich bereit,  nachdem die Satzung angenommen war, im Institutsrat
       und den anderen Gremien des Instituts mitzuarbeiten." 2)
       Die erste Kooperation zwischen Holzkamp und den Studenten auf der
       Basis der  neuen Struktur des Instituts ergab sich aus dem Antrag
       auf Genehmigung  des Projekts  Schülerladen als autonomes Projekt
       der Studenten.  Holzkamp übernahm  hierbei die  Legitimation  des
       Projekts nach außen. Ein weiterer Schritt bestand in der Integra-
       tion des Psychologischen Instituts in den Fachbereich Philosophie
       und Sozialwissenschaften,  wobei dies  die kritische Orientierung
       des Instituts  zusätzlich verstärkte.  Die außeruniversitären An-
       griffe auf  das Schülerladenprojekt, anstehende Personalentschei-
       dungen und  die sich  entwickelnde Zusammenarbeit  zwischen  ver-
       schiedenen linken  Gruppierungen innerhalb  des Instituts führten
       zu einer  Polarisierung zwischen  Linken und  Liberalen. Letztere
       propagierten einen  Anschluß an  die Erziehungswissenschaften, um
       in diesem Rahmen ein eigenes Institut der Psychologie zu gründen.
       Die Vorgänge,  die vor  allem in  wütenden Angriffen auf Holzkamp
       selbst mündeten,  bedeuteten für ihn die praktische Einsicht, daß
       eine Vermittlerposition  zwischen Linken und Liberalen nicht mehr
       einzuhalten war, und damit auch den Verzicht auf die letzten For-
       men von  "Neutralität". Die  organisatorische Trennung der beiden
       Institute bot  gleichzeitig die Möglichkeit, Stellen planmäßig zu
       besetzen und  ein positives Ausbildungskonzept zu entwickeln, das
       nunmehr von einer breiten Mehrheit getragen wurde.
       Holzkamp selbst  formulierte in  einem Interview 1977, welche Be-
       dingungen zur  direkten Herausbildung  der Kritischen Psychologie
       führten. "Einmal  durch die  politische Entwicklung  am Institut,
       die mit  der Institutsspaltung  endete und die uns als Linke - im
       weitesten Sinne - vor die Aufgabe stellte, jetzt selbst und posi-
       tiv eine  psychologische Ausbildung  auch für die Berufstätigkeit
       von Psychologen  in der  bürgerlichen Gesellschaft machen zu müs-
       sen, während  wir vorher  in der Situation waren, daß wir nur die
       bürgerlichen Psychologen  kritisierten,  die  aber  für  uns  die
       Dreckarbeit machten,  nämlich die  wirkliche Ausbildung  auch  im
       praktischen Bereich.  Das mußten  wir jetzt selber machen, und da
       stellte sich die Frage: Kann man das überhaupt? Gibt es eine Mög-
       lichkeit, kritische,  marxistische Psychologie zu entwickeln, die
       gleichzeitig die  Möglichkeit der  fortschrittlichen Berufspraxis
       in der  bürgerlichen Gesellschaft eröffnet? Ist das nicht ein Wi-
       derspruch in  sich? Eine  ungeheuer brisante  Frage, von  der ab-
       hängt, ob  wir überhaupt als übrig gebliebene Linke so ein Insti-
       tut in  eigener Verantwortung  in der  bürgerlichen  Gesellschaft
       aufrechterhalten und  betreiben können.  Die zweite Bedingung war
       unsere immer  intensivere Rezeption der sowjetischen Psychologie.
       Und es  kam aus einem wirklichen Gegebenheitszufall, daß in diese
       Phase die  Leontiew-Rezeption fiel. Rubinstein kannten wir vorher
       schon, aber  der hat  uns nicht weiter geholfen. Das war eine Li-
       nie, die wir eigentlich alle ganz richtig fanden und die auch in-
       tensiv diskutiert  wurde, aber keine Umsetzbarkeit in der eigenen
       Arbeit erbrachte.  Das war bei Leontjew anders. Man sah plötzlich
       eine Möglichkeit,  die Psychologie  selbst aus sich heraus weiter
       zu entwickeln in Richtung der Erfassung des konkreten Individuums
       in der bürgerlichen Gesellschaft. Gleichzeitig spielte die inten-
       sive Kapitalrezeption  eine große Rolle. Man hatte jetzt die Mög-
       lichkeit, den  Gegenstand der  bürgerlichen Psychologie, das iso-
       lierte Individuum, als eine spezielle Art der Erfassung von ober-
       flächlichen Verhältnissen,  nämlich Privatverhältnissen,  in  der
       bürgerlichen Gesellschaft  selbst  zu  verstehen,  sozusagen  die
       scheinbare Naturwüchsigkeit  der Beziehung von Individuum und Um-
       welt als die besondere Art von Gesellschaftlichkeit des Individu-
       ums in  der bürgerlichen  Gesellschaft zu  fassen, und  damit die
       scheinbare Naturwissenschaft Psychologie selber als verkappte Ge-
       sellschaftswissenschaft, die  nur in  den Formen der bürgerlichen
       Ideologie denkt und damit ihre eigene Gesellschaftskonzeption als
       Natur mißdeutet." 3)
       Das erste  Ergebnis dieses theoretischen und praktischen Umschla-
       ges im  Sinne einer eigenständigen Untersuchung auf materialisti-
       scher Basis  bildete das heutige Standardwerk der Kritischen Psy-
       chologie, Holzkamps "Sinnliche Erkenntnis".
       Ein kurzer Überblick über die Publikationen des Jahres 1973/74 in
       der Bundesrepublik  zum Thema  materialistische Psychologie zeigt
       allerdings, daß  die Rezeption  von Rubinstein, Leontjew und Sève
       nicht auf  das Psychologische  Institut in  Westberlin beschränkt
       war 4).  Je nachdem  allerdings, wie  weit sich  diese Positionen
       entwickeln konnten,  d.h. personelle  und inhaltliche  Stabilität
       gewannen, blieben  diese Rezeptionen auf unterschiedlichen Ebenen
       stehen: als Kritik am herrschenden Lehrbetrieb; als Alternativan-
       gebote im  Rahmen von  Fachschaftsseminaren  oder  über  einzelne
       Lehraufträge; als  Teilangebote im Rahmen der Ausbildung. Ein Zu-
       sammentreffen von  personeller Stabilität, eigenständiger Ausbil-
       dung und  institutioneller Selbständigkeit,  wie sie am Holzkamp-
       Institut gegeben war, ist allerdings an keiner anderen Hochschule
       zu erkennen.
       
       4. Weiterentwicklung und Differenzierung des Ansatzes der
       ---------------------------------------------------------
       Kritischen Psychologie; Freud-Rezeption und Kritik des Projekts
       ---------------------------------------------------------------
       Klassenanalyse; der Marburger Kongreß 1977
       ------------------------------------------
       
       Läuft die Rezeption zentraler Aussagen materialistischer Erkennt-
       nistheorie vor  allem über  Marx und  Rubinstein, so ist Leontjew
       als Vertreter  der  sowjetischen  kulturhistorischen  Schule  die
       Brücke zu  Fragen der  Entwicklung des  Psychischen oder,  anders
       formuliert, dazu,  die dialektische Beziehung von Subjekt und Ob-
       jekt selbst  als sich Entwickelndes, historisch Gewordenes zu un-
       tersuchen und  damit die  Entwicklung des  Psychischen einer  lo-
       gisch-historischen Analyse  zu unterwerfen. Der damit formulierte
       Anspruch der  Entwicklung einer  marxistischen Psychologie führte
       in der  Folge zu  Auseinandersetzungen an  mehreren Fronten:  zum
       einen mit den Vertretern des Projekts Klassenanalyse (PKA) um den
       Stellenwert der  logisch-historischen Analyse und zum anderen mit
       Theoretikern, die  behaupten, daß der Marx'schen Analyse ein Kom-
       plement im  Hinblick auf  die Entwicklung  des Psychischen fehle,
       das sie im Rahmen der Freud'schen Theorie verwirklicht sehen. 5)
       Die PKA-Argumentation  lautet kurz  gefaßt so: Die Rekonstruktion
       der bürgerlichen Gesellschaft ergibt sich theoretisch aus der lo-
       gischen Zusammenfügung der sie charakterisierenden Gegenstandsbe-
       reiche. Eine  historische, sich  den  unterschiedlichen  Entwick-
       lungsmomenten der  Gesellschaftsentwicklung widmende Untersuchung
       sei unnötig,  verfälsche die  Spezifik des  Gegenstandes. 6)  Sie
       kritisieren daher  auch folgerichtig  Holzkamps Vorgehen zur Ana-
       lyse der  Rekonstruktion der Naturgeschichte des Psychischen. Sie
       wenden sich  vor allem gegen das sogenannte Dreischrittverfahren,
       das zuerst in der "Sinnlichen Erkenntnis" expliziert und dann zur
       Erklärung des  Vorgehens der  Kritischen Psychologie immer wieder
       herangezogen wurde. 7) Der erste Schritt des Verfahrens dient der
       Herausarbeitung der biologisch-naturgeschichtlichen Gewordenheit,
       die zweite  Stufe dient zur Erarbeitung der allgemeinsten gesell-
       schaftlichen Charakteristika des Gegenstandes, im dritten Schritt
       geht es schließlich um die durch die bürgerliche Gesellschaft be-
       stimmten konkreten Züge des jeweiligen Gegenstandes. 8)
       Die Kritik  des Projekts Klassenanalyse richtet sich auf zwei Mo-
       mente des  Holzkamp'schen Vorgehens:  Zum  einen  bestreiten  sie
       einen Erkenntnisgewinn  durch die  historische Rekonstruktion, da
       die Rekonstruktion naturgeschichtlicher Entwicklung selbst Resul-
       tat vergleichender Analysen und abhängig vom erreichten Stand der
       auf diese  Weise gewonnenen Kenntnisse als auch vom Entwicklungs-
       stand technischer  Hilfsmittel sei. "In diesem Sinne lebt die hi-
       storische Rekonstruktion  von der vergleichenden Analyse." 9) Zum
       zweiten richten die PKA-Vertreter ihre Kritik auf den vorgeschla-
       genen Untersuchungsdreischritt. Sie verweisen in diesem Zusammen-
       hang auf  Ausführungen von Holzkamp selbst in der "Sinnlichen Er-
       kenntnis", daß  beim gegenwärtigen  Forschungsstand ein Sprung in
       der Gedankenführung  unvermeidlich sei. "Wir müssen das menschli-
       che Spezifitätsniveau  des Aneignungsvorganges als in der Indivi-
       dualgeschichte erreicht voraussetzen und haben nun danach zu fra-
       gen, worin  die neue Qualität, die Spezifik der Aneignung von ge-
       sellschaftlich gewordenen Gegenstandsbedeutungen im einzelnen be-
       steht." 10)
       Daß hier eine Lücke in der systematischen Entfaltung besteht, er-
       kennt auch  Ute Holzkamp-Osterkamp, wenn sie darauf hinweist, daß
       die "Sinnliche  Erkenntnis" diesen  zweiten Schritt  der  Analyse
       nicht weit  genug entfaltet  habe, so  daß die  dritte Stufe eine
       u n v e r m i t t e l t e   Konkretisierung der allgemein gesell-
       schaftlichen Betrachtung  des zweiten  Schrittes zur  Analyse der
       historischen Bestimmtheit  bürgerlicher  Lebensverhältnisse  sei.
       11) Damit  wird letztlich  von Osterkamp kritisiert, daß die Ver-
       laufs- und Übergangsformen der gesellschaftlichen Überformung des
       Biologischen nicht  herausgearbeitet werden und es im Resultat zu
       einer abstrakten, undialektischen Gegenüberstellung von Natur und
       Gesellschaft kommt.  In diesem  Zusammenhang wird  auch ein  For-
       schungsschwerpunkt der  Kritischen Psychologie deutlich: die Kon-
       zentration auf das Tier-Mensch-Übergangsfeld.
       "Man muß  - im  Weitergehen auf  dem von  uns eingeschlagenen Weg
       (...) -  unter Heranziehung allen verfügbaren Materials immer ge-
       nauer die  Aktivitätsformen und morphologisch-funktionalen Eigen-
       arten innerhalb  der hominiden Entwicklung herausanalysieren, die
       der eigentlich  menschlichen Phase  gesellschaftlicher Arbeit un-
       mittelbar vorhergingen,  aber selbst noch als Resultat der allein
       von Evolutions-Mechanismen  bestimmten Naturgeschichte  angesehen
       werden können."  12) Sei dies geleistet, so Holzkamp, können auch
       Rückschlüsse auf die ontogenetische Entwicklung gezogen werden.
       Der Stellenwert der Auseinandersetzung der Kritischen Psychologie
       mit der  Psychoanalyse ergibt  sich aus  mehreren  Momenten:  Zum
       einen stellt die von Freud begründete Psychoanalyse das geschlos-
       senste und,  wenn man so will, höchstentwickeltste Theoriegebäude
       der nicht-marxistischen  Psychologie dar;  zum zweiten bildet die
       Psychoanalyse für  viele sich als Marxisten begreifende Psycholo-
       gen das Komplement zum Marxismus auf der Ebene der Subjektivität,
       oder, wie es Lorenzer formuliert: Die Psychoanalyse hat das Para-
       digma einer  Analyse konkreter Individuen in ihrer sinnlichen Un-
       mittelbarkeit erschlossen, hat aber die gesellschaftliche Vermit-
       teltheit dieser Unmittelbarkeit nicht begriffen. Indem Psychoana-
       lyse das  Individuum in seiner sinnlichen Unmittelbarkeit zum Er-
       kenntnisgegenstand gemacht  hat, hat sie die geschichtliche Wirk-
       lichkeit der  Individuen allerdings erfaßt, deshalb sind ihre Re-
       sultate der  Kritik würdig.  Zum dritten gibt es ein Interesse an
       der Psychoanalyse,  das daraus  resultiert, daß  sie Theorie  und
       Therapie umfaßt.
       Gleichfalls manifestiert  sich hier  wohl auch ein Ausbildungsin-
       teresse der Institutsangehörigen, da man sich in der Auseinander-
       setzung mit und schrittweisen Überwindung von Freud folgendes er-
       hofft: "In  dem Grade,  wie unsere  konkrete Forschungsarbeit und
       pädagogisch-therapeutische Praxis  am Institut  sich  entwickelt,
       werden sich  allmählich differenziertere  und präzisere  neue Be-
       zeichnungen einbürgern  und bewähren,  die nach und nach in einem
       historischen Wachstumsprozeß die psychoanalytischen Termini ablö-
       sen." 13) Die Quintessenz der Kritik an Freud lautet: Er habe der
       Triebtheorie allgemein menschlichen Charakter zugesprochen, damit
       die Basis  seiner Ableitung  selbst in  den Bereich der allgemein
       gesellschaftlichen Stufe  gelegt, während seine Ansätze letztlich
       nur zur  Erklärung von Formen und Ausdrucksweisen historisch spe-
       zifischer Verkümmerung des Menschen dienen können. 14)
       Der erste  Kongreß der Kritischen Psychologie in Marburg spiegelt
       in seinen Referaten zum einen die bisherigen Fronten zwischen der
       Kritischen Psychologie  und ihren  Kritikern wider (die Auseinan-
       dersetzung mit  der Psychoanalyse,  dem Kritischen  Rationalismus
       und Spielarten ökonomistischer Kritik wie dem Projekt Klassenana-
       lyse), zum anderen bringt er die Auseinandersetzung mit Psycholo-
       gen, die  auf der  Basis materialistischer  Erkenntnistheorie von
       anderen zentralen  Kategorien ausgehen und sich so von der Kriti-
       schen Psychologie abgrenzen. Einen weiteren Komplex der Auseinan-
       dersetzung bilden die Probleme pädagogisch-therapeutischer Praxis
       in doppelter  Hinsicht: Zum einen Probleme einer inhaltlichen Be-
       stimmung von Therapie auf der Grundlage der Kategorien der Kriti-
       schen Psychologie  und zum  anderen Probleme einer demokratischen
       Berufsorganisation  und  -praxis.  Vor  allem  das  letzte  Thema
       stellte für viele Teilnehmer des Kongresses den Schwerpunkt ihrer
       Interessen dar.
       Die starke  Breitenwirkung dieses  Kongresses muß auf dem Hinter-
       grund der gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Entwicklung
       gesehen werden,  die sich im Zeitraum der Klärung und Konstituie-
       rung der Kritischen Psychologie (wenn man die "Sinnliche Erkennt-
       nis" als  ihre  erste  eigenständige  Arbeit  wertet),  vollzogen
       hatte. Zentriert  auf die materialistische Psychologie sowie Aus-
       bildung und  Berufspraxis von Psychologen, kann man folgende Fak-
       toren angeben. Die Verbreitung materialistischer Ansätze in Lehre
       und Forschung  an den  bundesdeutschen Hochschulen  wird generell
       organisiert und  gezielt bekämpft.  Berufsverbote, Ablehnung  von
       Berufungen und  eine materielle  Austrocknung, begleitet von sich
       verschärfenden Eingriffen  über gesetzliche  und  Verwaltungsvor-
       schriften, engen  die Grundlage  materialistischer Wissenschafts-
       entwicklung an  den Hochschulen ein. Die gestiegenen Ausbildungs-
       zahlen gerade im Bereich der Sozialwissenschaften führen auch bei
       der Psychologie  zu einer  relativ hohen Zahl von Berufsanfängern
       im Zeitraum  ab 1974. Der erfolgte rasche Ausbau sozialer Dienste
       bis zur Krise 1976/77 schafft eine große Zahl von Arbeitsplätzen,
       gerade in  Bereichen der  psychologisch-pädagogischen  Versorgung
       und Therapie. Die klassische oder vorherrschende bürgerliche Psy-
       chologie gibt  im Rahmen des Studiums keinerlei Ausbildung in den
       gerade in  diesem Bereich relevanten Tätigkeiten der Therapie und
       Beratung. Die  Ausbildung hierfür ist privat organisiert und fin-
       det mit  dem Eintritt des Psychologen in die Berufspraxis in pri-
       vaten Therapiegesellschaften  statt. Diese  Therapien (Gesprächs-
       psychotherapie/Verhaltenstherapie/Gestalt), sind  dadurch gekenn-
       zeichnet, daß  sie, bis auf wenige Ansatzpunkte, letztlich allein
       methodisch ausbilden,  das heißt auf der Ebene des Trainings, der
       Selbstbeobachtung und  Fremdwahrnehmung operieren. Ebenso erfolgt
       die  berufliche  Tätigkeit  von  Psychologen  generell  in  einer
       isolierten Form.
       Der Kongreß  selbst schien  nun Bedürfnissen  zu entsprechen, die
       sich auf  diesem Hintergrund  entwickelt hatten.  Er sollte  eine
       Verbindung von  materialistischer Psychologie  mit den jeweiligen
       Anforderungen der  beruflichen Praxis leisten: der Treffpunkt ma-
       terialistischer Psychologen  sein, auf  dem man seine Erwartungen
       und ersten  Enttäuschungen austauschen konnte; Handlungsanleitun-
       gen für eine demokratische Berufspraxis vermitteln und ein Gegen-
       gewicht zu  verstärkten  Formierungstendenzen  bilden.  Die  hohe
       Teilnehmerzahl (2.500  ständige Teilnehmer) und die Konzentration
       auf eine Arbeitsgruppe (1.000 Teilnehmer), die von zwei Psycholo-
       gen geleitet  wurde, die  den Versuch unternommen hatten, auf der
       Basis materialistischer Psychologie Therapien zu unternehmen, be-
       stätigt dies  auch sinnfällig.  Die scharfe Polemik und die zuge-
       spitzten Erwartungen  der Teilnehmer in dieser AG zeigen das Pro-
       blem im Hintergrund: Die Verbindung beruflicher Tätigkeit mit dem
       politischen Anspruch; mit anderen Worten, die Kritische Psycholo-
       gie sollte  Basis und Anleitung zu politisch-therapeutischem Han-
       deln sein. Leitmotiv der Diskussion war dementsprechend die Frage
       nach der  "Therapie als  Waffe" in der Klassenauseinandersetzung.
       15)
       
       5. Der zweite Kongreß in Marburg 1979; die Konstituierung der
       -------------------------------------------------------------
       Kritischen Psychologie als marxistische Subjektwissenschaft
       -----------------------------------------------------------
       
       Verglichen mit  dem ersten Kongreß zeigt der zweite folgende Ver-
       änderungen. Die  grundlegenden Auseinandersetzungen zwischen Kri-
       tischer Psychologie  und ihren  Kritikern sind  nicht mehr Gegen-
       stand der Diskussion; die Kontroverse um die wissenschaftstheore-
       tischen Ausgangspunkte,  den Gegenstand  und die Methodologie ist
       beendet. 16)  Man konzentriert  sich auf  einen grundlegenden Be-
       reich der  menschlichen Existenz  - die  Arbeit - unter verschie-
       denen Aspekten:  theoretische und empirische Bedeutung der Arbeit
       für die  wissenschaftliche Erfassung  individueller  menschlicher
       Lebenstätigkeit und Subjektivität, die Relevanz der konkreten Ar-
       beitssituation für  die personale  Entwicklung und die psychische
       Gesundheit sowie  die subjektiven  und ideologischen  Aspekte der
       Arbeitslosigkeit. 17)
       Eine Anzahl von Diskussionsbeiträgen und Projektvorstellungen hat
       den "dritten  Schritt" des  Vorgehens der  Kritischen Psychologie
       zum Gegenstand:  die konkrete  Bestimmung des  Gegenstandes durch
       die bürgerliche  Gesellschaft. 18) Im Hinblick auf diese Verände-
       rungen sind Aussagen von Vertretern der Kritischen Psychologie zu
       sehen, daß  die Kritische Psychologie eine praktische Überwindung
       der bürgerlichen  sei, sich  als marxistische Subjektwissenschaft
       begreife, einen  Umbau der  Wissenschaft Psychologie  vorgenommen
       habe, einen Paradigmenwechsel. 19)
       Die bestimmende  Kontroverse auf dem zweiten Kongreß war die zwi-
       schen Handlungstheorie  und  Kritischer  Psychologie  als  unter-
       schiedlichen Strömungen materialistischer Psychologieentwicklung.
       Stadler als  Vertreter der  Handlungstheorie faßt  die Kritik  in
       folgenden Punkten  zusammen: 20)  Die Analyseebene,  die Methode,
       das  Verhältnis  zur  bürgerlichen  Psychologie,  Definition  und
       Schwerpunkte der  Praxis und  Zielstellung der Forschung. Während
       die Kritische Psychologie von oben kommt oder (wie es Frigga Haug
       in ihrer  Replik auf  Stadler präzisiert) sich um eine allseitige
       Entwicklung des  Gegenstandsbereiches bemüht,  fassen  die  Hand-
       lungstheoretiker ihren  Gegenstand enger:  Die Grundeinheit  men-
       schlicher Tätigkeit und damit die eigentliche Basis der psycholo-
       gischen Analyse  ist für  sie die  vom  Bewußtsein  kontrollierte
       Handlung. Des weiteren sehen die Handlungstheoretiker den Schwer-
       punkt ihrer  Methoden im empirischen Vorgehen und der Entwicklung
       ihrer Theorie  und Praxis unter Einbeziehung der fortgeschritten-
       sten bürgerlichen Psychologie.
       Schwerpunkt der Kritischen Psychologie sei eine allgemein gesell-
       schaftliche und keine konkrete Berufspraxis; sie leiste daher we-
       nig im  Hinblick auf die Praxisanforderungen an Psychologen, wäh-
       rend sich  die Handlungstheorie immer mit der psychologischen Be-
       rufspraxis  beschäftige  und  im  Zusammenhang  damit  entwickelt
       werde. Auch  in der Zielstellung der Forschung sei dies sichtbar:
       Bemühe sich  die Kritische Psychologie um die historische Analyse
       und das begreifende Erkennen der Besonderheiten der individuellen
       Persönlichkeit und  der Beschränkung  ihrer Entfaltung  unter den
       bürgerlichen Produktionsverhältnissen,  so bemühe  sich die Hand-
       lungstheorie um die Analyse der regulativen Struktur der Handlung
       und der  Veränderungen der  subjektiven Bedingungen  im Sinne der
       Bewußtmachung der  Struktur der  eigenen Arbeitstätigkeit mit dem
       Ziel der  Veränderung der  gesellschaftlichen Bedingungen  dieser
       Tätigkeit. 21)
       In ihrer  Antwort argumentieren die Vertreter der Kritischen Psy-
       chologie folgendermaßen:  Zur allseitigen  Erfassung ihres Gegen-
       standes, die  auch die  Ermittlung der  Selbstbewegung des Gegen-
       standes umfasse, könne die Kritische Psychologie "nicht schon mal
       ein kleines  Element, sagen wir 'Handlung', aufnehmen und von da-
       her additiv  die Theorie  aufbauen, weil  die Wahrscheinlichkeit,
       daß sie  dabei die Selbstbewegung des Gegenstandes verfehlt, etwa
       99,9% beträgt."  22) Sie verweisen weiter darauf, daß sie selbst-
       verständlich historisch empirisch vorgehen und auch der Rezeption
       der Ansätze  bürgerlicher Psychologie  ihren Stellenwert zubilli-
       gen.
       Auch im  Hinblick auf Berufspraxis leiste die Kritische Psycholo-
       gie wesentliche  Orientierungen. "Diese Orientierungen führen im-
       merhin soweit, daß man... z. B. nicht auf die Idee kommt, bei Ar-
       beitslosigkeit Ehetherapie  als Abhilfe  durchzuführen, dies auch
       dann nicht, wenn diese Ehetherapie selber fortschrittlich ist und
       nette Ehen  hervorzubringen in  der Lage  ist." 23) In der Kritik
       der Handlungstheorie  wird festgestellt,  daß die Handlungsstruk-
       turtheorie eine  unzulässige  Reduktion  des  Gegenstandsbereichs
       vornehme, in  der Konsequenz  zu einer Anpassung an die gegebenen
       Bedingungen führe  und damit nicht das Subjekt in den Mittelpunkt
       stelle, sondern es als Funktionsmaschine betrachte. 24)
       Abschließend sechs  zusammenfassende "Bemerkungen".  Ihre Entste-
       hung wie  ihre Entwicklung kennzeichnen die Kritische Psychologie
       als materialistische Theorieströmung im Bereich der Psychologie.
       1. Die Kritische Psychologie und ihre Vertreter haben ihren  Aus-
       gangspunkt in  der Entwicklung der Studentenbewegung ab 1966. Ein
       spezifischer Wirkungszusammenhang ermöglichte die Entwicklung ei-
       ner längerfristigen theoretischen- und Ausbildungsarbeit über den
       Zeitraum von nunmehr ca. 10 Jahren.
       2. In der Entwicklung der Kritischen Psychologie lassen sich drei
       große Abschnitte erkennen: - abstrakte Kritik an der bürgerlichen
       Wissenschaft und der Einzelwissenschaft Psychologie; - praktische
       Kritik durch die Notwendigkeit der Ausbildung und Erarbeitung ei-
       ner grundlegenden  neuen Begrifflichkeit  in der  Psychologie;  -
       Öffnung der  Kritischen Psychologie  gegenüber  berufspraktischen
       Fragestellungen.
       3. Im Gegensatz  zur Entwicklung am Beginn der 70er Jahre gibt es
       gegenwärtig keine  Parallelität von emanzipatorischer Theorieent-
       wicklung und  gesellschaftlichen Reformbestrebungen.  Sowohl  die
       Angriffe auf  die noch vorhandenen kritischen Reste materialisti-
       scher Wissenschaftsauffassung an den Hochschulen als auch die un-
       mittelbaren Zwänge der konkreten Situation verengen den Spielraum
       für die Betroffenen. Einige Kontroversen auf dem ersten und zwei-
       ten Kongreß  der Kritischen Psychologie sind nur die Widerspiege-
       lung dieser sich verändernden Bedingungen.
       4. Der Anspruch  von Vertretern  der Kritischen Psychologie, eine
       marxistische Subjektwissenschaft  konstituiert zu  haben,  wirft,
       sofern dies nicht nur als Konstruktion einer  T h e o r i e  ver-
       standen wird,  Fragen nach der autonomen Entwicklung dieser neuen
       Subjektwissenschaft auf. Weder die Entwicklung an den Hochschulen
       noch die  in den  Praxisfeldern der Psychologen läßt Faktoren er-
       kennen, die hierfür günstig sind.
       5. Ihr Anspruch  verstärkt - gewollt oder ungewollt - den im Rah-
       men der Studentenbewegung immer vorhandenen Mechanismus der theo-
       retischen Kompensation  politischer Mißerfolge und problematische
       Vorstellungen beruflicher und politischer Identität.
       6. Ein Paradigmawechsel  in den Wissenschaften ist kein Umbau auf
       der Bühne,  während die Vorstellung läuft. Der letzte große Wech-
       sel wurde immerhin mit der Französischen Revolution eingeläutet.
       
       _____
       1) Vgl. dazu  ausführlicher:  Maikowski/Mattes/Rott,  Psychologie
       und ihre Praxis, Frankfurt / M. 1976, S. 24 ff.
       2) Klaus Holzkamp,  Kritische Psychologie  - Vorbereitende Arbei-
       ten, 5. Auflage, Frankfurt / M. 1977, S. 234 ff.
       3) Interview mit  K. Holzkamp  in: marburger  blätter,  Nr.  3/4,
       1977, S. 21 ff.
       4) Vgl. z.B.  Autorenkollektiv Wissenschaftspsychologie, Materia-
       listische Wissenschaft und Psychologie, Köln 1975.
       5) Vgl. dazu  Klaus Holzkamp, Kann es im Rahmen der marxistischen
       Theorie eine  Kritische Psychologie  geben? in:  K. H.  Braun, K.
       Holzkamp (Hrsg.), Kritische Psychologie - Bericht über den 1. In-
       ternationalen Kongreß  Kritische Psychologie  vom 13.  - 15.  Mai
       1977 in  Marburg, Band  1: Einführende Referate, Köln 1977, S. 53
       ff.
       6) Siehe Autorenkollektiv, Sinnliche Erkenntnis und Arbeit - Kri-
       tik an Holzkamps "Kritischer Psychologie", Westberlin 1977, S. 13
       ff.
       7) Vgl. K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, Frankfurt / M., S. 54,
       und Ute  Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Moti-
       vationsforschung 1, Frankfurt / M. 1975, S. 44 f.
       8) Vgl. dazu  Christian Niemeyer, Zur Theorie und Praxis der Kri-
       tischen Psychologie,  unveröffentl. Dissertation  der Universität
       Münster 1979, S. 126 ff.
       9) Autorenkollektiv, Sinnliche  Erkenntnis und Arbeit, a.a.O., S.
       26
       10) Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, a.a.O., S. 188
       11) Vgl. Holzkamp-Osterkamp,  Motivationsforschung 1,  a.a.O., S.
       196 ff.
       12) Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, a.a.O., S. 187
       13) Ute Holzkamp-Osterkamp,  Motivationsforschung 2  - Die Beson-
       derheit menschlicher  Bedürfnisse - Problematik und Erkenntnisge-
       halt der Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1976, S. 356
       14) Vgl. dazu Niemeyer, a.a.O., S. 278 f.
       15) Vgl. dazu  ausführlicher K.H.  Braun u. K. Holzkamp, (Hrsg.),
       Kritische Psychologie  - Bericht über den 1. Internationalen Kon-
       greß Kritische  Psychologie vom 13.-15. Mai 1977 in Marburg, Band
       2: Diskussionen, Köln 1977, S. 179 ff.
       16) Vgl. dazu  Christian Niemeyer,  Vom Menschenaffen in die Pra-
       xis, in:  Psychologie heute,  Nr. 10,  Okt. 1980,  S. 37 ff., und
       Bund demokratischer Wissenschaftler und Allgemeiner Studentenaus-
       schuß Marburg  (Hrsg.), Berichte  vom 2.  internationalen Kongreß
       Kritische Psychologie  "Arbeit und  Arbeitslosigkeit in kritisch-
       psychologischer Sicht" vom 4.-6. Mai 1979 in Marburg, Köln 1980
       17) Frigga Haug  (Hrsg.), Gesellschaftliche  Arbeit  und  Indivi-
       dualentwicklung, Köln 1980, S. 9
       18) Vgl. die  Berichte zum  2. internationalen  Kongreß Kritische
       Psychologie
       19) Vgl. Frigga Haug, a.a.O., S. 26, 61, 65.
       20) Vgl. dazu ebenda, S. 40 ff.
       21) Vgl. dazu ebenda
       22) Ebenda, S. 61
       23) Ebenda, S. 63
       24) Vgl. Haug/Nemitz/Waldhubel, Kritik der Handlungsstrukturtheo-
       rie, in:  Forum Kritische  Psychologie 6, Argument Sonderband 49,
       Berlin (West) 1980, S. 18-86.
       

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