Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       DISKUSSIONSRUNDE DES IMSF ZUM THEMA "TECHNISCHE ENTWICKLUNG,
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       QUALIFIKATIONS- UND WERTTENDENZ DER WARE ARBEITSKRAFT HEUTE"
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       Johanna Hund
       
       Im November  1980 veranstaltete das IMSF eine Diskussion mit Wis-
       senschaftlern und  Gewerkschaftern zu einem außerordentlich aktu-
       ellen und  strittig diskutierten  Problemkomplex: Wie  können wir
       die Entwicklungstendenzen von Technologie, Qualifikation und Wert
       der Arbeitskraft  interpretieren, wie die ökonomischen und quali-
       fikatorischen Interessen und das Bedürfnis nach individueller und
       gesellschaftlicher Entwicklung  der Lohnabhängigen  in diesem vom
       Kapital vorangetriebenen und bestimmten Prozeß einklagen, und wie
       alle Seiten  gegenwärtiger technologischer  und ökonomischer  Ar-
       beitsbedingungen zum  Gegenstand gewerkschaftlichen  Kampfes  ma-
       chen?
       Die in  drei Themenschwerpunkte  gegliederte Diskussion  leiteten
       ein:
       1. Eberhard Dähne  (IMSF): Theoretische Probleme der Qualifikati-
       ons- und Werttendenz der Arbeitskraft heute.
       2. Frigga Haug  (Projekt Automation und Qualifikation) und Lothar
       Peter (Uni Bremen): Theoretische und empirisch-soziologische Pro-
       bleme der Analyse der Qualifikationsentwicklung heute.
       3. Ein  Gewerkschaftskollege:  Qualifikationsanforderungen  heute
       und Probleme  der beruflichen  Bildung - Konsequenzen für die ge-
       werkschaftliche Arbeit.
       
       1. Wert der Arbeitskraft heute
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       Die Frage  nach dem  Wert der  Ware Arbeitskraft  h e u t e  kann
       diesen nur  als historische Kategorie verstehen (wie übrigens bei
       jedem Lohnkampf deutlich wird). Sie ist deswegen für uns von zen-
       traler Bedeutung, weil 1. das Besondere der Ware Arbeitskraft ge-
       rade darin  besteht, daß  sie die einzige Quelle kapitalistischer
       Wertschöpfung ist  und damit ihr Wert den möglichen Grad der Aus-
       beutung bestimmt, also unmittelbar die Profitmaximierung berührt;
       und weil 2. im Wert der Arbeitskraft sich nicht nur die materiel-
       len, sondern auch "historische und moralische" (Marx) Aspekte der
       Reproduktionsbedingungen der  Lohnabhängigen widerspiegeln,  d.h.
       auch die  Frage nach  dem allgemeinen  Qualifikationsniveau,  den
       kulturellen, Freizeit- und Erholungsbedürfnissen aufgeworfen ist.
       Und schließlich  ist 3.  die Frage nach der Entwicklung des Werts
       der Arbeitskraft  die Frage  nach der  Entwicklung des Reallohns,
       weil dieser  sich trotz  möglicher historischer  und ökonomischer
       Besonderheiten letztendlich  um den jeweiligen Wert, d.h. die Re-
       produktionskosten bewegt  - auch  wenn dies kein Automatismus ist
       und, obwohl  Bedingung der  Kapitalreproduktion selbst, immer nur
       Resultat ökonomischer Klassenkämpfe sein kann.
       Die Meinungen  unter Marxisten  über die  Entwicklungstendenz des
       Werts der  Ware Arbeitskraft  sind erstaunlicherweise geteilt 1):
       Eine Position vertritt die Ansicht, daß eine wertsenkende Tendenz
       der Arbeitskraft  zu beobachten  ist, während eine andere das Ge-
       genteil,  Tendenzen   zur  Wertsteigerung,  aufzeigen  zu  können
       glaubt. Dreh- und Angelpunkt für die Begründung der einen wie der
       anderen Position  sind die  Reproduktionskosten der Arbeitskraft.
       So wird eine wertsenkende Tendenz darin gesehen, daß sich die ge-
       sellschaftlich notwendige  Arbeitszeit zur  Herstellung auch sol-
       cher Güter,  die der  Reproduktion der  Arbeitskraft dienen,  auf
       Grund der  gestiegenen Produktivität enorm verkürzt hat, also de-
       ren Wert  bzw. Preis  gesunken ist und sich damit auch die Repro-
       duktionskosten verringern.  Auch ein  Anwachsen der  Frauenarbeit
       und geringere  Kinderzahl senken  die  Reproduktionskosten  eines
       Lohnabhängigen, setzt  man die  Bedürfnisse konstant:  "Indem die
       Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt
       wirft, verteilt  sie den  Wert der  Arbeitskraft des  Mannes über
       seine ganze  Familie. Sie entwertet daher seine Arbeitskraft." 2)
       Schließlich können  auch politische Faktoren wie Konkurrenz unter
       den Arbeitenden  (ganz sicherlich  z. B. die immer noch geduldete
       Lohndiskriminierung bei  Frauen) oder mangelnder Erfolg bei Lohn-
       kämpfen wertsenkend wirken.
       Auf der  anderen Seite  wird für  die steigende Tendenz des Werts
       der Arbeitskraft  angeführt, daß sich gerade die Reproduktionsbe-
       dingungen von  einer extensiv  erweiterten hin zu einer "intensiv
       erweiterten Reproduktion  der Arbeitskraft"  3) verändert  haben.
       Die intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft ist zurück-
       zuführen auf  einen "neuen  Reproduktionstyp des  Kapitals": Seit
       den 50"60er  Jahren läßt sich eine Wende von einer vorwiegend ex-
       tensiv zu  einer vorwiegend intensiv erweiterten Reproduktion des
       Kapitals beobachten.  Das rührt vor allem daher, daß einer belie-
       bigen Ausweitung  der Produktion sowohl hinsichtlich des Territo-
       riums als  auch in Bezug auf die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte
       (z. B.  durch weitere  Proletarisierung von  Kleinbauern und etwa
       ausländischen Landarbeitern)  objektiv Grenzen  gesetzt sind. Be-
       deutete extensiv erweiterte Reproduktion des Kapitals den Einsatz
       von vorwiegend  mehr "einfacher" (unqualifizierter) Arbeit (zwei-
       fellos findet  auch diese  Form der  Kapitalreproduktion nach wie
       vor statt),  so  basiert  intensiv  erweiterte  Reproduktion  des
       Kapitals vorwiegend auf Intensifikation des Einsatzes vorhandener
       Arbeitskräfte, zu  verstehen als  stärkeres Ausschöpfen  des  Ar-
       beitsvermögens sowohl hinsichtlich der Qualifikation als auch der
       physischen Leistungsfähigkeit.
       Das die Mehrwertmasse steigernde Prinzip bei intensiv erweiterter
       Reproduktion ist  mehr Einsatz  von "komplizierter" (qualifizier-
       ter) Arbeitskraft, weil komplizierte (qualifizierte) Arbeitskraft
       pro Zeiteinheit  mehr Wert  auf das  neu  herzustellende  Produkt
       überträgt als  einfache (unqualifizierte)  Arbeitskraft und damit
       die notwendige Arbeitszeit verkürzt, d.h. der Grad der Ausbeutung
       gesteigert werden  kann. Komplizierte  Arbeit "ist  die  Äußerung
       einer Arbeitskraft,  worin höhere  Bildungskosten eingehen, deren
       Produktion mehr  Arbeitszeit kostet  und die  daher einen höheren
       Wert  hat   als  einfache   Arbeitskraft.  Ist   der  Wen  dieser
       Arbeitskraft höher,  so äußert sie sich daher auch in höherer Ar-
       beit und  vergegenständlicht sich daher, in denselben Zeiträumen,
       in verhältnismäßig  höheren Werten."  4) Voraussetzung dafür sind
       jedoch qualifiziertere,  besser ausgebildete,  physisch und  psy-
       chisch leistungsfähigere  Arbeitskräfte, d.h.  Voraussetzung  ist
       eine intensiv  erweiterte Reproduktion  der Arbeitskraft; sie ist
       gleichzeitig Bedingung der Kapitalverwertung, wenn auch nur durch
       den Kampf der Arbeiterklasse realisierbar.
       Intensiv erweiterte  Reproduktion der Arbeitskraft heißt ein Mehr
       an Bildung,  an beruflicher  Qualifikation, an Erholungs- und Ge-
       sundheitsvorsorge u.  a. m.;  die hierfür notwendigen materiellen
       Mittel zur Entwicklung und Erhaltung von Arbeitsfähigkeit erhöhen
       den Wert  der Ware  Arbeitskraft. Diese den Wert der Arbeitskraft
       steigernde Tendenz läßt sich nachweisen z.B. anhand von Statisti-
       ken über  längere Bildungs- und Ausbildungszeiten der letzten 10-
       20 Jahre (ein allerdings nur formaler Hinweis), in Verschiebungen
       innerhalb der Leistungsgruppen zugunsten angelernter bzw. Fachar-
       beitertätigkeiten  (sie  repräsentieren  jedoch  nicht  unbedingt
       tatsächliche Tätigkeitsanforderungen)  und schließlich anhand ei-
       ner steigenden  Reallohnentwicklung bei  gleichzeitig  wachsenden
       Beschäftigungszahlen bis zum Anfang der 70er Jahre.
       Theoretisch  interessant   ist  diese  Diskussion  deshalb,  weil
       weitreichende Probleme in-begriffen sind wie die Frage nach einer
       gesetzmäßigen Tendenz  zur komplizierter  werdenden Arbeit,  die,
       wie oben  angedeutet, Basis  des wachsenden Wertprodukts ist. Mit
       anderen Worten:  Die Entwicklung  der Produktivkräfte  realisiert
       sich nicht  nur in  zunehmend vervollkommneter  bzw.  ganz  neuer
       Technologie, sondern  es handelt  sich hier  um einen Prozeß, der
       bekanntermaßen alle  Elemente miteinbezieht,  also Arbeitsinstru-
       mente, Arbeitsgegenstand und lebendige Arbeit. Undenkbar ist, daß
       gerade lebendige  Arbeit auch unter kapitalistisch vorangetriebe-
       nen Entwicklungsbedingungen  massenhaft oder  längerfristig unter
       dem Niveau  der materiell-technischen  Produktionsweise  gehalten
       werden kann. Im Gegenteil: Die zunehmende Kompliziertheit der Ar-
       beit widerspiegelt  gleichzeitig ein  zunehmendes Gewicht der le-
       bendigen Arbeit  im Arbeitsprozeß,  die insofern qualifikatorisch
       nicht auf Dauer an eine überkommene Entwicklungsstufe der kapita-
       listischen Produktionsweise  gekettet bleiben  kann. Fraglich muß
       auch bleiben, ob der bisher üblichen kapitalistischen Arbeitstei-
       lung, komplizierte Arbeit so zu zergliedern, daß sie auf einfache
       Arbeit reduzierbar ist, nicht Grenzen gesetzt sind. "Der Grad der
       Kompliziertheit der  Arbeit hängt  von verschiedenen Faktoren ab:
       von der Zusammensetzung und Kompliziertheit der in der Produktion
       angewandten Arbeitsmittel  und -gegenstände, von der Kompliziert-
       heit des  technologischen Prozesses,  der Arbeitsbedingungen  und
       von dem Niveau der Entwicklung der Arbeitskraft, ihrer Qualifika-
       tion. Zwischen  Kompliziertheitsgrad der vergegenständlichten und
       der lebendigen Arbeit besteht also ein innerer notwendiger Zusam-
       menhang." 5) Zu verstehen ist dieser allgemeine gesetzmäßige Pro-
       zeß zunehmender  Kompliziertheit der  Arbeit auf  einer sehr  ab-
       strakten, die  gesellschaftliche Gesamtarbeit betreffenden Ebene;
       für die  Situation der  einzelnen Arbeitskräfte wirkt sich dieses
       Gesetz unter kapitalistischen Bedingungen äußerst widersprüchlich
       aus.
       Eberhard Dähne  brachte in seinem Referat einige Kritikpunkte zum
       Theorem zunehmender Kompliziertheit der Arbeit und, damit verbun-
       den, einer  wachsenden Qualifizierung  der Arbeitskraft.  Er  hob
       hervor, daß  Intensifikation der  Arbeit -  sei es von der physi-
       schen Leistungskraft oder von höherer Qualifikation her gesehen -
       nie losgelöst von der gleichzeitigen Steigerung der Produktivität
       als einer gegenläufigen, den Wert der Produkte und damit auch der
       Arbeitskraft senkenden  Tendenz diskutiert werden kann. Produkti-
       vitätssteigerung ihrerseits  ist entscheidende  Voraussetzung für
       eine erfolgreiche  Jagd nach  Extraprofiten. Ein wesentliches und
       noch ungelöstes  Problem scheint ihm ein diachronischer Vergleich
       von Qualifikationen;  wie überhaupt läßt sich Qualifikation defi-
       nitorisch fassen?  Qualifikation kann nie klassenneutral verstan-
       den werden.  Qualifikationsanforderungen des  Kapitals z.B.  sind
       inhaltlich primär vom Verwertungsprozeß abgeleitet, d.h. von hier
       aus gesehen  geht es  in  erster  Linie  um  Arbeitstugenden  und
       formale Mindestqualifikationen.  Das Qualifikationsinteresse  der
       Arbeiterklasse dagegen  kann sich nicht auf die engen Grenzen ka-
       pitalistischer Produktion beschränken, sondern bemißt sich einer-
       seits an  den jeweils  historischen Erfordernissen der Produktiv-
       kraftentwicklung (schließlich  ist ja  der Mensch Hauptproduktiv-
       kraft) und  andererseits  an  den  Bedürfnissen  der  Arbeitenden
       selbst als  lebendiger Persönlichkeiten.  (Schließlich  sind  die
       konkreten Qualifikationsanforderungen  stets Resultat des Kampfes
       dieser gegensätzlichen Interessen - J.H.)
       Ein weiteres  Problem ist  die Frage nach dem Stellenwert nützli-
       cher gebrauchswertschaffender  Arbeit. Wie  wirken sich kapitali-
       stische Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation auf die Qualifika-
       tion aus?  Oder anders: Wird nicht heute noch ähnlich den Prinzi-
       pien manufakturmäßiger  Teilung der  Arbeit  verfahren,  wie  sie
       Mary, beschrieb: "Die geistigen Potenzen der Produktion erweitern
       ihren Maßstab  auf der  einen Seite,  weil sie  auf vielen Seiten
       verschwinden. Was  die Teilarbeiter  verlieren, konzentriert sich
       ihnen gegenüber  im Kapital. Es ist ein Produkt der manufakturmä-
       ßigen Teilung  der Arbeit, ihnen die geistigen Potenzen des mate-
       riellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherr-
       schende Macht gegenüberzustellen... In der Manufaktur ist die Be-
       reicherung des  Gesamtarbeiters und daher des Kapitals an gesell-
       schaftlicher Produktivkraft  bedingt durch  die Verarmung des Ar-
       beiters an  individuellen Produktivkräften."  6) Auch heute lasse
       sich z.B. feststellen, daß zunehmend mehr produktive Potenzen der
       Arbeitenden automatisierter Maschinerie übertragen werden, selbst
       in vor- und nachbereitenden Bereichen der Produktion.
       Als Drittes  verwies Dähne auf Probleme der Aussagekraft von Sta-
       tistiken. Für  die BRD  läßt sich  z.B. anhand von Statistiken in
       den 60er Jahren eine Zunahme von Ingenieuren/Technikern und Fach-
       arbeitern mit  ingenieurtechnischen  Qualifikationen  nachweisen.
       Ist dies  Ausdruck steigenden Bedarfs an hochqualifizierten Beru-
       fen und  einer zunehmenden  wissenschaftlichen Durchdringung  der
       Produktion oder lediglich einer Übergangsperiode von mechanischer
       zu automatischer,  mittels elektronischer  Steuerungssysteme  be-
       triebener Produktion, wo nur für den Übergang, also die Phase der
       Installierung neuer  Anlagen,  mehr  qualifizierte  Arbeitskräfte
       benötigt werden?  Denn Ende  der 60er/Anfang der 70er Jahre redu-
       zieren sich die Zahlen hochqualifizierter Berufe in den Statisti-
       ken wieder.  Zugespitzt: Könnten  nicht die  Indikatoren eines zu
       einem Gesetz  (zunehmende Kompliziertheit  der Arbeit)  erhobenen
       Prozesses in  Wirklichkeit Ausdruck  von Übergangsperioden in der
       Entwicklung der Produktivkräfte sein?
       Allerdings will  auch Dähne nicht bestreiten, daß die "produktive
       Potenz" des  Gesamtarbeiters gestiegen ist, obwohl sich "die kon-
       kreten Qualifikationen  der angewandten  Einzelarbeit äußerst wi-
       dersprüchlich entwickeln,  wenn nicht gar verringern". Er spitzte
       schließlich seine Kritikpunkte zu der Gegenfrage zu, ob nicht die
       gegenwärtige Produktivkraftentwicklung  für den  arbeitenden Men-
       schen als  Hauptproduktivkraft außerordentlich  negativ verlaufe,
       die physischen  und psychischen  Qualifikationsanforderungen eher
       zu einer  zunehmenden Zerstörung  der Arbeitskraft führten und ob
       dies nicht  überhaupt ein charakteristisches Kennzeichen der Pro-
       duktivkraftentwicklung unter kapitalistischen Bedingungen sei.
       Die anschließende Diskussion war genauso kontrovers, wie sich die
       Wirklichkeit widersprüchlich  darstellt. Zu  Beginn stand ein Ap-
       pell, sich  vorab über den Qualifikationsbegriff zu verständigen.
       Da diese Forderung - so berechtigt sie war - das Defizit der mar-
       xistischen Sozialwissenschaften  zu diesem Problem aufzeigte, war
       auch die Diskussionsrunde überfordert. Definitionsvorschläge wie:
       Qualifikation sei  die Fähigkeit, Natur und Gesellschaft in ihren
       Gesetzmäßigkeiten  zu  durchschauen  (Frigga  Haug),  oder:  Qua-
       lifikation muß aus den realen Entwicklungen der Produktionsmittel
       und den  sich daraus  ergebenden Anforderungen  abgeleitet werden
       (Kaspar Maase)  konnten denn auch den Anwesenden nicht vermittelt
       werden.
       Die Diskussion  landete sofort beim Streit um die Qualifikations-
       entwicklung. Interessant war, daß gerade Kollegen aus dem Gewerk-
       schaftsbereich beide  Tendenzen beschrieben: sowohl höhere Quali-
       fikationsanforderungen bei  neuen, technisch hochentwickelten Ar-
       beitsplätzen als  auch eine neue Form von Aufsplittung und Reduk-
       tion auf einfache, relativ voraussetzungslose Tätigkeiten. Nichts
       anderes widerspiegelt sich m.E. in Argumentationen wie: Das Kapi-
       tal erschließe sich das notwendige Wissen durch Anheuern von Spe-
       zialisten, und  im übrigen drohe massenhafte Entwertung bei stei-
       genden formalen  Anforderungen  (sogenannte  Arbeitstugenden  und
       Ökonomisierung der  Arbeitsorganisation). Oder: Bei Ansteigen der
       allgemeinen Qualifikation  des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters
       scheine gleichzeitig das Wissen des einzelnen zu sinken.
       An dieser  Stelle kam  die Diskussion zu einem vorläufigen Ergeb-
       nis, das  sich kurz  etwa so  zusammenfassen ließe: Konstatierbar
       ist, daß  auf der einen Seite ohne Zweifel das allgemeine formale
       Bildungs- und Qualifikationsniveau sich erhöht hat, auf der ande-
       ren Seite  starke Tendenzen zur Zerstörung und Entwertung von Ar-
       beitskraft (gemeint: als Gebrauchswert) zu beobachten sind. Offen
       bleibt hier  die Perspektive des Menschen als Hauptproduktivkraft
       im Rahmen  einer vom Kapital vorangetriebenen und bestimmten Ent-
       wicklung.
       
       2. Analyse der Qualifikationsentwicklung
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       Der nächste  Diskussionsabschnitt wurde von Frigga Haug mit einem
       kurzen Textauszug  aus "Automationsarbeit:  Empirie  -  Rundgänge
       durch die Produktion" 7) eingeleitet. Vor der Diskussion des Tex-
       tes machte  die Referentin folgende methodologischen Vorbemerkun-
       gen zur Vorgehens weise des Projekts Automation und Qualifikation
       bei seiner  empirischen Untersuchung  von  Automationsarbeit.  Da
       Qualifikation als  historische Kategorie  zu verstehen  ist, kann
       auch nur  eine historische  Herangehensweise - wie beispielsweise
       von der  Kritischen Psychologie bei "Entwicklung der Arbeit" ver-
       sucht - in Frage kommen. Darüber hinaus war nicht gesellschaftli-
       che Durchschnittsarbeit  Gegenstand der Untersuchung, sondern ge-
       rade solche  Arbeitstätigkeiten, die möglicherweise Prognosen er-
       lauben darüber,  wie zukünftig  gesellschaftlich produziert wird.
       Mit anderen Worten: Nicht erst die allseitige gesamtgesellschaft-
       liche Ausbreitung  eines neuen Arbeitstyps legitimiert eine sozi-
       alwissenschaftliche Untersuchung.  Marx selbst  hat die  führende
       Rolle der  Arbeiterklasse im  Kampf um  die Umwälzung der Gesell-
       schaft herausgearbeitet  zu einer  Zeit, als  diese, soziologisch
       gesehen, noch  eine kleine Minderheit der Bevölkerung darstellte.
       Bei der Analyse von Arbeitsprozessen und Tätigkeiten kommt es auf
       die Frage  nach Qualifikationsanforderungen und Formen der Koope-
       rationsbeziehungen an  - beides von Bedeutung für die Entwicklung
       der Arbeit in Richtung auf Möglichkeiten der Selbstbestimmung.
       Zwei Probleme  zeigten sich  bei der empirischen Untersuchung: 1.
       Die Hauptschwierigkeit  einer Befragung  sind  Verständigungspro-
       bleme, die  darin bestehen,  daß zu  Befragende sich nur mühevoll
       mit "Außenstehenden" (Sozialwissenschaftlern) über ihre Tätigkeit
       verständigen können  und  oftmals  erst  die  Befragungssituation
       selbst einen Bewußtwerdungsprozeß in Gang setzt. 2. Die Tätigkei-
       ten eines an automatisierter Maschinerie Arbeitenden sind der Be-
       obachtung nicht  zugänglich bzw.  "unsichtbar", oder das, was man
       sieht, stellt  eine falsche Unmittelbarkeit dar, weil Arbeiten an
       automatischen Anlagen  nur zu  einem ganz unwesentlichen Teil aus
       sinnlich  wahrnehmbaren  Bewegungsabläufen  bestehen,  sich  bei-
       spielsweise nicht  auf eine Beobachtungshaltung an einer Meßwarte
       u.ä. beschränken.  "Unsichtbar" bleibt  das Wissen  um Funktions-
       weise und Wirkprinzipien von automatischen Maschinen und Anlagen,
       um produktionstechnische  Zusammenhänge, und schließlich entgehen
       dem bloßen Beobachter auch die Kooperationsbeziehungen.
       Hiermit ist schon angedeutet, daß die Ermittlung von Qualifikati-
       onsanförderungen in  ähnlicher Weise  kompliziert ist,  zumal be-
       kanntermaßen weder  anhand ausgewiesener formaler Qualifikations-
       abschlüsse noch anhand heute gültiger Eingruppierungsmerkmale für
       die verschiedenen Lohngruppen ein realitätsgerechter Aufschluß zu
       gewinnen ist. Ein ganz großer Anteil des Qualifizierungsprozesses
       läuft über  "Lernen im  Betrieb", darüber  hinaus eignen sich die
       Arbeitenden neues,  notwendiges  Wissen  oftmals  abends  in  Ei-
       geninitiative an.  Auch was  die Unternehmer als "Aufgaben" ange-
       ben, entspricht nicht den realen Produktionsanforderungen und dem
       entsprechenden Umgang  mit den  Anlagen. Daraus  folgt,  daß  die
       tatsächlichen Qualifikationen der Produzenten nur in der Bewälti-
       gung  von  "Katastrophen",  Produktionspannen  und  Fehlern,  das
       heißt, bei  Anlässen, bei  denen die  Arbeit in  ihren  einzelnen
       Schritten und Voraussetzungen rekonstruierbar wird, für eine Ana-
       lyse zutagetreten. Das Ziel der Untersuchung des Projekts Automa-
       tion und  Qualifikation ist, die "wirklichen Taten" der Arbeiten-
       den zutage zu fördern, damit gewerkschaftliche Forderungen an ih-
       nen entwickelt  werden können,  um somit  den Produzenten  selbst
       auch Handlungs-  und Eingriffsmöglichkeiten in die Entwicklung zu
       eröffnen, die den Prozeß ihrer Selbstbestimmung vorantreiben.
       Die vorgelegte  Textstelle sollte  illustrieren, in  welcher Form
       die Rundgänge  vor Ort  mit der  Meßwartentätigkeit verbunden und
       unverzichtbarer Bestandteil  des Fahren-könnens der Anlage selbst
       sind. Die  Rundgänge, als  ständiges Überwachen,  Beobachten  und
       Kontrollieren einzelner Nahtstellen der Anlage, sind insofern in-
       tegraler Bestandteil  der Meßwartenarbeit,  als diese  Form einer
       "sinnlichen Anschauung" der Anlage eine Art theoretische Funktion
       hat. Denn  nur über sie kann der Gesamtzusammenhang des Prozesses
       hergestellt werden, der sich offensichtlich nicht allein über das
       elektronische Steuerungssystem vermitteln läßt. Die Rundgänge vor
       Ort sind  nicht in  erster Linie Unternehmungen zum Auffinden von
       Fehlerquellen oder  zur Behebung irgendwelcher Störungen, sie ha-
       ben vielmehr Präventivfunktionen.
       Der Text  sollte auch  das Problem  von Arbeitsteilung  und deren
       möglichen Perspektiven  an neuen, technologisch weit entwickelten
       Arbeitsplätzen aufwerfen.  Das Verhältnis  von Arbeit an der Meß-
       warte und  Rundgang vor  Ort -  vorausgesetzt, die Arbeitsteilung
       erfolgt nicht  in der  Art, daß ausschließlich Rundgänge oder nur
       Meßwartentätigkeit von  den einzelnen  Arbeitern zu  leisten sind
       (in solchen  Fällen klagten  beide Arbeitergruppen  über Magenge-
       schwüre und/oder Kopfschmerzen) - zeigt, daß sich der Stellenwert
       einer routinemäßigen  Teilarbeit (Rundgänge durch die Anlage) nur
       von der  Gesamttätigkeit her  definiert. Mit  anderen Worten: Ein
       Meßwart kann  den Routinegang  durch die  Anlage als Abwechslung,
       Ergänzung u.  a. m.  empfinden, weil er seine Tätigkeit insgesamt
       an der  qualifizierten Meßwartentätigkeit  bewertet, während sich
       die Situation  für den Arbeiter, der nur Rundgänge zu machen hat,
       nicht nur  von der Qualifikation, sondern auch von der Motivation
       her gänzlich  anders darstellt.  "Die Tätigkeiten  bleiben  nicht
       dieselben, bringt  man sie in einen anderen Zusammenhang. Was als
       Lebenstätigkeit ohne Perspektive ist, hat als Element oder Grund-
       lage oder Ausgleich im Rahmen eines anderen Mensch-Natur-Verhält-
       nisses große  Bedeutung ...  das (durch  das Dazwischentreten zu-
       sätzlicher Maschinerie)  andere Mensch-Natur-Verhältnis  gibt den
       Tätigkeiten auf  vorhergehender Produktivkraftstufe den jetzt von
       den Produzenten  einsehbaren und nur so aufzugreifenden Charakter
       von Bauelementen  ihres neuen  Handelns." 8) Diese Gesichtspunkte
       für die  Beurteilung einer  Arbeitsorganisation sind  deshalb von
       Bedeutung, weil nicht davon ausgegangen werden kann, daß auch mit
       weiterer Vervollkommnung der Automation sämtliche Routinearbeiten
       wegfallen werden  und dennoch  - wie hoffentlich deutlich wurde -
       nicht von einer bloßen "job-rotation" die Rede ist.
       Lothar Peter  referierte zum  Problem   P o l a r i s i e r u n g
       d e r   Q u a l i f i k a t i o n   o d e r  H ö h e r q u a l i-
       f i z i e r u n g?  (Das Referat ist, leicht verändert und erwei-
       tert, in  diesem Band abgedruckt). Seine Ausführungen zielten auf
       zwei  entscheidende   Streitpunkte  in   der  Diskussion  um  die
       Qualifikationsentwicklung. 1.  Die  widersprüchliche  Entwicklung
       der Produktivkräfte  unter  kapitalistischen  Produktionsverhält-
       nissen wird - insbesondere, was ihre konkrete Ausformung betrifft
       -  theoretisch  kontrovers  widergespiegelt.  "Polarisierung  der
       Qualifikation" ist Ausdruck dieser widersprüchlichen Entwicklung;
       daß einem  Teil des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters durchaus -
       weil von  den  Anforderungen  der  entwickelten  Technologie  her
       notwendig -  höhere Qualifikationen zugestanden werden auf Kosten
       von  Dequalifikation   der  Mehrheit,   bestätigt  sich  auch  an
       automatisch gefahrenen  Anlagen (er  führte  als  Beispiel  einen
       Stahlwalzprozeß  an).   Dequalifikation  heißt  hier  nicht,  daß
       Fähigkeiten überflüssig  werden, die  einer alten, beispielsweise
       vorautomatischen,   mechanisch-handwerklichen    Produktionsweise
       zuzuordnen wären  und jetzt  nicht mehr  gebraucht würden  - dies
       wäre ein  normaler Prozeß  im Zuge der Produktivkraftentwicklung;
       Dequalifikation  entsteht  vielmehr  durch  eine  neue  Form  von
       Taylorisierung der  Tätigkeiten auf einer höheren technologischen
       Produktionsstufe. Und  gerade diese Entwicklung zeichnet sich mit
       zunehmender Verbreitung  der Automation ab - man betrachte Berei-
       che wie  Verwaltung und  Dienstleistung -, wobei noch hinzukommt,
       daß die  Polarisierung  nicht  zu  einem  mechanischen  Gegensatz
       zwischen körperlicher  und geistiger  Arbeit gerät, sondern beide
       Elemente gleichermaßen erfaßt.
       2. Weil das die Produktivkräfte in letzter Instanz vorantreibende
       Element die  monopolkapitalistische Akkumulation ist, muß die Po-
       larisierung der Qualifikationen als strukturell bedingt und nicht
       als transitorisch  (wie vom  Projekt Automation und Qualifikation
       angenommen) angesehen  werden.  Vorherrschende  Tendenz  ist  die
       Steigerung der  Arbeitsproduktivität durch  Entwicklung insbeson-
       dere der  technologischen Instrumente,  um gleichzeitig  den Wert
       der Arbeitskraft zu senken. Das heißt, es wird nur so viel Höher-
       qualifikation zugelassen,  wie unbedingt  notwendig, weil  Kosten
       verursachend. Eher  muß angenommen werden, daß die Kapitalstrate-
       gie dazu führt, daß die Arbeitenden von den gegenwärtigen techno-
       logischen Erfordernissen  her gesehen  sogar  "unterqualifiziert"
       sind.
       Die Strategie der Arbeiterbewegung kann sich nicht nur auf Quali-
       fikationspolitik konzentrieren  - ein  zu  überprüfendes  Problem
       wäre hierbei auch, ob man sich in seinen Forderungen nur an rela-
       tiv privilegierten Arbeitstätigkeiten orientieren soll ", sondern
       ins Zentrum  des Kampfes  müssen Forderungen  nach Mitbestimmung,
       Investitionskontrolle, Gemeineigentum  u.a. gerückt  werden.  Die
       Qualifikationspolitik muß  mit politischen  Forderungen verknüpft
       werden, die  nicht allein  aus den Möglichkeiten der Technologie-
       bzw. Produktivkraftentwicklung ableitbar sind.
       Die Diskussion  zu beiden Referaten konzentrierte sich im wesent-
       lichen auf  zwei Fragenkomplexe:  1. Kann  Automationsarbeit (wie
       immer konkret  zu fassen)  als entwickeltste  Form  gegenwärtiger
       Industriearbeit angesehen werden? 2. Welcher Maßstab ist Beurtei-
       lungskriterium für  Fortschritte in  der Entwicklung  der Arbeit;
       oder: wie  ist die Verbindung zwischen materialistisch konzipier-
       ter Persönlichkeit  und Arbeit  - nun aber in einer konkreten Er-
       scheinungsform wie  Automationsarbeit -  als deren  konstitutivem
       Element? Wie läßt sich die formationsspezifische Erscheinungsform
       von Arbeit  mit allgemeinen  anthropologischen Aussagen  zum Ver-
       hältnis von  Arbeit und  Persönlichkeit in Beziehung setzen? Auch
       in diesem  Zusammenhang zeigt  sich wieder, daß es zur Bestimmung
       des Qualifikationsbegriffs noch einiger Anstrengungen bedarf.
       Zur ersten  Frage nach  der Bedeutung  von Automationsarbeit ver-
       suchte Frigga  Haug noch  einmal zu begründen, warum sie - analog
       zur Marx'schen  Analyse der Maschinerie in der großen Industrie -
       Automation als  gegenwärtig strukturbestimmende  Arbeitsweise be-
       trachtet. Mit weiterer Entwicklung und Ausbreitung von Automation
       wird der Prozeß der Vergesellschaftung der Arbeit vorangetrieben.
       Dieser Prozeß  ist grundsätzlich  positiv zu  bewerten. Es gelte,
       die durch  die Produktionsverhältnisse  bedingten  Hemmnisse  und
       Zwänge sichtbar zu machen.
       Schließlich ging  es noch  um die  Frage, wie "blind" setzen sich
       z.B. die  Qualifikationsprozesse durch?  Die Kollegen aus den Ge-
       werkschaften machten deutlich, daß Anforderungen (auch qualifika-
       torische) an  die Arbeitskraft weder ausschließlich durch die Ma-
       schinerie determiniert noch rein willkürlich vom Diktat kapitali-
       stischer Rentabilitätserwägungen bestimmt werden, sondern die ge-
       werkschaftlichen Kämpfe  entscheidend mit dazu beigetragen haben,
       wie sich die Anforderungen dann konkret gestalten.
       
       3. Probleme der Berufsausbildung
       --------------------------------
       
       Der dritte  Diskussionskomplex wurde eingeleitet mit einigen The-
       sen zum  gegenwärtigen Berufsausbildungssystem,  insbesondere zur
       Situation des  sogenannten dualen Berufsbildungssystems. Die bis-
       herige Grundlage dieses dualen Systems bestand in zwei Vorausset-
       zungen: 1.  Die Ausbildung durfte so wenig wie möglich kosten und
       nicht in  Widerspruch zu Einzel- oder Gesamtkapitalinteressen ge-
       raten. 2.  Die Betriebe  mußten in der Lage sein, minimale Grund-
       qualifikationen zu  vermitteln. Diese  Grundqualifikationen, ein-
       schließlich gewisser  kultureller Fähigkeiten und Techniken, wur-
       den bisher im wesentlichen durch Lernen über praktische Erfahrun-
       gen vermittelt, was sich vorwiegend auf das Handwerkliche (sowohl
       als Branche  wie auch  als Fertigkeit)  beschränkte bzw.  konzen-
       trierte. Im  Mittelpunkt derartiger  Lernprozesse steht immer die
       sinnliche Wahrnehmung dessen, was Gegenstand des Lernens ist.
       Diese Grundlagen  des dualen  Ausbildungssystems werden mit fort-
       schreitender technologischer  Entwicklung zerstört.  Zunächst den
       Lernprozeß betreffend  in folgender Weise: Lernen kann nicht mehr
       wie bisher  über sinnliche  Wahrnehmung - elektronisch gesteuerte
       Produktionsprozesse entziehen  sich einer  sinnlichen Wahrnehmung
       weitgehend und sind in ihrem systematischen, inneren Zusammenhang
       nur theoretisch  rekonstruierbar - noch vorwiegend über Erfahrung
       - also  letztlich nach der Methode "trial and error" (Versuch und
       Fehler) -  stattfinden, schon  allein deshalb, weil die Produkti-
       onsanlagen zu  teuer sind.  Mit anderen  Worten: Die Lernprozesse
       müssen vom unmittelbaren Produktionsprozeß abgetrennt und darüber
       hinaus systematisiert  werden. Damit werden sich auch die Ausbil-
       dungskosten erhöhen.  Und schließlich ist die Spezialisierung der
       Betriebe derart fortgeschritten, daß relativ breit angelegte Aus-
       bildungssysteme nicht  realisierbar sind  und somit  die  Ausbil-
       dungsverfahren, weil  sie zu stark auf das Interesse des jeweili-
       gen Betriebes  zugeschnitten sind,  in Widerspruch  zum Interesse
       des Gesamtkapitals geraten.
       Die derzeitige  Kapitalstrategie, um  die skizzierten Probleme zu
       umgehen, ist:  staatliche Subventionierung  der Ausbildung zu er-
       zwingen, sie aufzuspalten in unterschiedliche "Stufen" und im üb-
       rigen  Facharbeiterqualifikationen  als  formelle  Ausbildungsab-
       schlüsse soweit  wie möglich  zu vermeiden (Trimmen auf Anlerntä-
       tigkeit ist das übliche Verfahren).
       Gewerkschaftliche Bildungspolitik  ist kein  unmittelbares Inter-
       esse der  Arbeitenden (wie z. B. Lohn), sondern muß erst argumen-
       tativ vermittelt  werden. Berufsausbildung  entscheidet über  die
       allgemeinen, längerfristigen  Verkaufsbedingungen  der  Ware  Ar-
       beitskraft. Insofern  bedarf es  größerer Anstrengungen, die not-
       wendige Kampfkraft  zu entwickeln. Eine "qualifizierte Ausbildung
       für alle" ist kein unbedingter Antagonismus zum Interesse des Ge-
       samtkapitals, dennoch  nur durch  harten Kampf  realisierbar. Die
       Gewerkschaften lehnen eine Aufspaltung der Ausbildung in Teilqua-
       lifikationen ab, sie fordern breite Grundausbildung mit aufbauen-
       der Spezialisierung.  Der Lernort  "Betrieb" bringt aus den skiz-
       zierten Gründen enorme Schwierigkeiten mit sich; dennoch muß ver-
       hindert werden,  daß der Bildungs- und Ausbildungsbereich vom Be-
       schäftigungssystem abgekoppelt  werden kann.  Konkreter:  Gewerk-
       schaftliche Bildungspolitik  ist in  Verbindung zu setzen mit ge-
       werkschaftlichen Strategien  zur Arbeitsorganisation und Arbeits-
       platzgestaltung. Die  Erfordernisse des  Produktionsprozesses, d.
       h. sowohl die Entwicklung der Produktivkräfte als auch die jewei-
       ligen Bedingungen des kapitalistischen Einsatzes der Arbeitskraft
       als Ware  müssen sich  im Reproduktionsprozeß,  d. h. konkret: im
       Bildungs- und Ausbildungssystem niederschlagen.
       Die gegenwärtige Dequalifizierung der Berufsausbildung, insbeson-
       dere die Gefährdung des Facharbeiterstatus, hat breiteren Kreisen
       in den  Gewerkschaften den  Blick für die Probleme der Berufsaus-
       bildung geöffnet und dadurch bessere Kampfbedingungen geschaffen,
       die es zu nutzen gilt.
       
       _____
       1) Das IMSF  hat diese  Diskussion veröffentlicht in seiner Reihe
       Theorie und  Methode, Bd. IV: Qualifikations- und Werttendenz der
       Arbeitskraft heute, Frankfurt/M. 1980
       2) Marx, Das Kapital, I. Bd., MEW Bd. 23, S. 417
       3) Autorengruppe "Proletariat  in der BRD", Erste Zusammenfassung
       (1974): Die intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft und
       das Wertproblem; in: Theorie und Methode IV, a.a.O., S. 65
       4) Marx, a.a.O., S. 212
       5) Autorengruppe "Proletariat in der BRD", a.a.O., S. 70 f.
       6) Marx, a.a.O., S. 382
       7) Projektgruppe Automation  und Qualifikation (Hrsg.), Automati-
       onsarbeit: Empirie  1, Argument-Sonderband  43, Berlin West 1980,
       S. 169-175
       8) Projektgruppe Automation und Qualifikation, a.a.O., S. 175
       

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