Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       "KORPORATISMUS" STATT "ETATISMUS"?
       ==================================
       
       Staatsmonopolistische Vergesellschaftung und
       --------------------------------------------
       politisch-staatlicher Überbau heute *)
       --------------------------------------
       
       Heinz Jung
       
       1. Aktuelle  Fragestellungen -  2. Staat und Klassenherrschaft im
       SMK -  3. Staatstyp  und Staatsform:  Ein Staatstyp des SMK? - 4.
       Ideologische Reaktionen  auf die  monopolistische Vergesellschaf-
       tung des Überbaus - 5. Zu den Kraftfeldern der Verbändestruktur -
       6. Anmerkungen zu den Hegemonialkonzepten des SMK
       
       1. Aktuelle Fragestellungen
       ---------------------------
       
       Es ist  kein Zufall,  daß sich in den letzten Jahren die Aufmerk-
       samkeit der  Linken in  der BRD in der Diskussion den realen Ten-
       denzen des  Staates und  politischen Herrschaftssystems zugewandt
       hat. Damit  wurde die  Phase  des  mehr  spekulativen  "Staatsab-
       leitertums" wenn  auch nicht  positiv überwunden,  so  aber  doch
       abgeschlossen. 1)  Diese Aufmerksamkeit  für  die  Phänomene  des
       Überbaus hat  reale Gründe und Hintergründe. Denn es hat sich ge-
       zeigt, worauf  Marxisten auch früher verwiesen hatten, 2) daß mit
       den ökonomischen  Krisen alleine in der Arbeiterklasse noch lange
       nicht spontan antikapitalistische Haltungen als Grundlage antika-
       pitalistischer Politik  entstehen. Dem stehen ideologisch-politi-
       sche Muster  und Verhältnisse  und das aktive Einwirken der herr-
       schenden Klasse,  vor allem mit ihrem wichtigsten gesellschaftli-
       chen Herrschaftsinstrument,  dem Staat,  entgegen.  Diese  müssen
       analysiert werden,  ·wenn man  realistische politische Strategien
       entwickeln will.
       Stärker noch  als bei  den ökonomischen Basisverhältnissen zeigen
       sich    i m    p o l i t i s c h e n    u n d    i d e o l o g i-
       s c h e n  Ü b e r b a u  d i e  V e r ä n d e r u n g e n  d e s
       h e u t i g e n   K a p i t a l i s m u s,   des  staatsmonopoli-
       stischen Kapitalismus (SMK). Die umfassende Herausbildung des SMK
       als Gesamtsystem hat hier solch offenkundige Spuren hinterlassen,
       daß  die   alten  Varianten   der   bürgerlichen   Politik-   und
       Staatswissenschaften immer  stärkere  Diskrepanzen  zur  Realität
       aufweisen. Dies  betrifft insbesondere  die mit  der Verflechtung
       von Staat  und Monopolen  bzw. monopolistisch  beherrschten  Ver-
       bänden, was die SMK-Theorie als charakteristisch für den heutigen
       Kapitalismus ansieht,  3) entstandenen  funktionellen Beziehungen
       und institutionellen  Verhältnisse und Interaktionsmuster. Es ist
       n i c h t   m e h r   d i e   p l u r a l i s t i s c h e  V e r-
       b ä n d e s t r u k t u r,   der die  bürgerliche Politologie den
       Anschein der  Glaubwürdigkeit verleihen  könnte, sondern  mit dem
       Begriff   'K o r p o r a t i s m u s'  versucht sie, Elemente der
       Realität  in   die  theoretische   Konzeption  aufzunehmen.   Die
       Verlagerung der  wesentlichen  politischen  Entscheidungsprozesse
       aus den  formellen Vollzugssträngen  des parlamentarisch-demokra-
       tischen Repräsentativstaates,  die Denaturierung  der  Parlamente
       und bürgerlichen  Parteien sind  kaum  bestrittene  Sachverhalte.
       G e h t   d a m i t  d i e  E n t w i c k l u n g  a m  S t a a t
       v o r b e i?  4)
       Auf der  anderen Seite  haben sich Befugnisse und Aktivitäten des
       bürgerlichen Staates  unserer Epoche  in atemberaubender  und nur
       von völligen  Ignoranten zu bestreitender Weise erweitert und in-
       tensiviert. In der Tat ist dies jedoch  n i c h t  d e r  a l t e
       'E t a t i s m u s'  d e s      b ü r g e r l i c h e n      S y-
       s t e m s,   der als  ideeller und  realer Gesamtkapitalist 5) in
       Aktion tritt  und im  traditionellen Sinne die hoheitliche Gewalt
       des politisch  starken Staates verkörpert. Es ist vielmehr  d e r
       m i t  d e r  M a c h t  d e r  M o n o p o l e  v e r f l o c h-
       t e n e   u n d   v e r s c h r ä n k t e   b ü r g e r l i c h e
       S t a a t,   in  dem  sich  selbst  in  staatsmonopolistisch  de-
       formierter Form  die Vergesellschaftungsprozesse  niederschlagen.
       Die Entwicklung  des staatsmonopolistischen  Überbaus ist deshalb
       durch die  eigentümliche    D o p p e l-    u n d    Z a n g e n-
       b e w e g u n g     v o n    P r i v a t i s i e r u n g    u n d
       V e r s t a a t l i c h u n g - mit unterschiedlichen Schwerpunk-
       en in  einzelnen Entwicklungsetappen  . gekennzeichnet,  über die
       sich der  Ausbau des Systems und die Herrschaftssicherung des SMK
       vollzieht.
       Wir haben  diesen Beitrag  unter  die  Titelfrage  "Korporatismus
       statt Etatismus?"  gestellt. Die  Erörterung soll die angedeutete
       Antwort weiter fundieren: Weiterer Ausbau des politischen Systems
       des SMK,  das Züge des 'Korporatismus' und 'Etatismus' aufweist -
       a l s o   'K o r p o r a t i s m u s   u n d   E t a t i s m u s'
       a l s     A u s d r u c k      s t a a t s m o n o p o l i s t i-
       s c h e r,  d e f o r m i e r t e r  V e r g e s e l l s c h a f-
       t u n g s p r o z e s s e  i m  Ü b e r b a u!
       In der  gegenwärtigen Situation  einer krisenhaften  ökonomischen
       Entwicklung des  SMK ist es für jede oppositionelle Kraft von na-
       hezu  lebenswichtiger  Bedeutung,  wie  sich  das    R e p r e s-
       s i o n s-   u n d   G e w a l t p o t e n t i a l   des  bürger-
       lichen Staates  entwickeln und  ausprägen wird.  Die Prügelorgien
       der Polizei,  der  zunehmende  Bruch  traditioneller  Normen  des
       bürgerlichen Rechtsstaates  (Verteidigerrechte in Strafprozessen;
       Haftbedingungen; Strafprozeßordnung  generell; immer extensiveres
       und intensiveres Vordringen der Geheimdienste und Überwachungsap-
       parate in Gesellschaft und Politik; Exzesse wie die Massenverhaf-
       tungen und  Anklagen von Jugendlichen und Kindern jüngst in Nürn-
       berg; Beiseiteschieben  von Verfahrensnormen  und Bevölkerungsin-
       teressen bei  der Realisierung von Eigentumstiteln von Häuserspe-
       kulanten, Konzernen  und Großbanken  durch die Gerichte und Voll-
       zugsorgane bei  der  Räumung  besetzter  Häuser,  beim  rigorosen
       Durchziehen von  KKW- und  sogenannten Entsorgungsprojekten,  bei
       Flughafenerweiterungen und  Autobahnbau;  militaristische  Demon-
       strationen des Staates wie jüngst die öffentlichen Vereidigungen;
       usw. usf.) zeigen die Aktualität entsprechender Besorgnisse  g e-
       g e n ü b e r   d e m   r e p r e s s i v e n    A u t o r i t a-
       r i s m u s   d e s   S M K - S t a a t e s   i n   d e r  B R D,
       d e r  s i c h  i m  Z u g e  e i n e s  H o c h r ü s t u n g s-
       u n d   R a k e t e n k u r s e s   z w e i f e l l o s   n o c h
       w e s e n t l i c h  s t e i g e r n  m ü ß t e.
       Dies ist  auch der  reale Hintergrund bestimmter Parolen und Vor-
       stellungen in  Oppositionsbewegungen: Mißtrauen,  Abneigung,  Haß
       gegen entfremdete  Apparaturen und  Großorganisationen, gegen den
       Moloch Staat, gegen die Bürokratie und Administratismus. Aus die-
       ser Mentalität  geborene Alternativen  gehen gegen den Staat oder
       am Staat  vorbei 6). Sie beziehen sich jedoch nicht auf den Staat
       als ein  umzuwandelndes und dann anderen Interessen dienendes In-
       strument. Diese Art des  'l i n k e n  A n t i e t a t i s m u s'
       hat in der Wirtschafts- und Sozialpolitik merkwürdige Berührungs-
       punkte mit  den Privatisierungsstrategien  der reichen  Leute und
       der Marktwirtschaftsapologeten. Ungeachtet dessen handelt es sich
       jedoch um  Reaktionen auf  und gegen Strukturen und Erscheinungen
       des SMK,  gegen die  monopolistisch deformierten  Vergesellschaf-
       tungsstrukturen,  gegen  die  bedrückende  und  umfassende  Rolle
       staatlicher Apparate für die gesamten Lebensbedingungen der Indi-
       viduen und Gruppen. Sie betreffen im Prinzip ebenso die Arbeiter-
       klasse, gelangen  dort aber  noch nicht  als antikapitalistischer
       Protest zum Ausdruck.
       Die   H a l t u n g   z u r   s t a a t l i c h e n  S o z i a l-
       p o l i t i k   ist von  erstrangiger Bedeutung.  Angesichts  der
       Haushaltssanierungsstrategien der  Regierung, der CDU/CSU und der
       Monopole wird  dieses Feld  im Herbst  1981  zum  "Thema  l"  der
       westdeutschen Innenpolitik werden. Die Frage, ob man unter diesen
       Umständen mit  dem Votum für freie alternative Trägerschaften und
       Organisationsformen der  Politik des SMK nur ein Ableitungsventil
       schafft und  "Sparmöglichkeiten" eröffnet,  hat nicht  nur  einen
       pragmatisch-politischen  Aspekt,   sondern  muß   auch  auf   der
       theoretischen Ebene beantwortet werden.
       Angesichts der  ökonomischen Krisen,  aber auch  durch eine linke
       reformerische Umorientierung  der französischen  Wirtschafts- und
       Gesellschaftspolitik nach der Wahl F. Mitterands erlangt das Pro-
       blem von   N a t i o n a l i s i e r u n g e n    u n d    V e r-
       s t a a t l i c h u n g e n   wieder Aktualität 7). Dabei geht es
       ja  nicht  nur  um  die  Bestimmung  dessen,  wo  Widerstand  Er-
       folgsaussichten hat,  sondern auch  um die  Richtung und konkrete
       Anlage demokratischer und antimonopolistischer Alternativen.
       Anpassung des SMK an die neuen Verwertungsbedingungen, an den ge-
       genwärtig  erreichten  Monopolisierungs-  und  Internationalisie-
       rungsgrad und  Reaktion auf die Krisenprozesse sind vor allem An-
       passung der  Überbauelemente und  darunter besonders der staatli-
       chen Apparate. Diese Sachverhalte sind seit einigen Jahren in der
       BRD als  Diskussionsgegenstände  thematisiert.  Die  westdeutsche
       Bourgeoisie hatte  zeitweilig ihrem  sozialliberalen Hegemoniemo-
       dell 8)  einen  nationalistischen  Touch  mit  sozialökonomischem
       Chauvinismus zu geben versucht, nämlich das "Modell Deutschland".
       Diese vor allem durch den Bundeskanzler H. Schmidt etwas großmäu-
       lig lancierte  Kreation wurde aber kein Dauerbrenner. Mit den ob-
       jektiven ökonomischen Bedingungen und Grundlagen schwand auch die
       ideologische  Bindekraft   und  Attraktivität.   Eine   besonders
       schnelle Erosion  hat seit Mitte 1980 eingesetzt, seit die außen-
       wirtschaftlichen Schwächen und Verwundbarkeiten der BRD offenkun-
       dig wurden, seit die US-Hochzinspolitik die Tribute auch vom BRD-
       Imperialismus mit  harter Hand  eintreibt und  der Hegemonialkurs
       der USA  die Schwächen  des Partners schonungslos ausnutzt. Hinzu
       kommt die neuerliche Wirtschaftskrise. Man wird jetzt also fragen
       können, was  an dem  "Modell Deutschland"  mehr als Reklamewirbel
       war bzw. was davon geblieben ist.
       Die Antwort  wird man nicht nur durch den Rekurs auf die Ökonomie
       finden können.  Vielmehr muß gerade dem Staat und dem politischen
       Herrschaftssystem Aufmerksamkeit gewidmet werden.
       
       2. Staat und Klassenherrschaft im SMK
       -------------------------------------
       
       Wir halten es für wichtig, hier in aller Kürze 9) auf einige Ele-
       mente und  Aussagen der  marxistisch-leninistischen Staatstheorie
       Bezug zu nehmen. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit den
       SMK-Verhältnissen und sind geeignet, unsere Positionen in der ak-
       tuellen Analyse zu verdeutlichen.
       Die Debatte  der letzten Jahre hat mit hinreichender Deutlichkeit
       dargestellt, daß der moderne bürgerliche Staat aus den Eigentums-
       und Klassenverhältnissen  der bürgerlichkapitalistischen  Gesell-
       schaft abgeleitet  werden muß,  daß generell  die Herrschaftsform
       unmittelbar durch  die Ausbeutungsform  determiniert ist, daß der
       Staat historisch  Ausdruck und  Ergebnis der  Klassenspaltung und
       des Privateigentums  ist 10)  und somit  auch nur per Überwindung
       dieser Verhältnisse  "abgeschafft"  werden  kann.  Letzteres  ist
       keine Frage  von Dekreten,  sondern von realen gesellschaftlichen
       Prozessen.
       Die Herausarbeitung  einer materialistischen Staatskonzeption be-
       ginnt durch Marx und Engels in der Auseinandersetzung mit der He-
       gelschen Staats-  und Rechtstheorie und ist eng mit der Ausarbei-
       tung der  materialistischen Geschichtsauffassung  verbunden.  11)
       Die Kritik  hat für Marx und Engels zuerst politische Motive. Mit
       der Übernahme des Materialismus von L. Feuerbach erlangt mit des-
       sen 'wirklichem  Menschen' die  Position von Marx und Engels eine
       materialistische Grundlage.  Das Hegel'sche  Verhältnis von Staat
       und Gesellschaft  konnte damit  umgekehrt und auf eine materiali-
       stische Basis  gestellt werden. Damit wurde faktisch auch das Ba-
       sis-Überbau-Konzept geboren,  als Anwendung des Verhältnisses von
       Denken und  Sein bzw.  Bewußtsein und  Sein auf die Gesellschaft.
       12) Es  ging dabei  primär um  die Antwort auf die Frage nach den
       bewegenden Kräften  der Geschichte,  nach den  vorwärtstreibenden
       primären Faktoren und nach den abgeleiteten Momenten.
       Je mehr der "wirkliche Mensch" Feuerbachs in der Analyse bei Marx
       und Engels Realität erlangt, desto mehr wird er zum Klassenwesen,
       zum von materiellen Interessen bewegten und angetriebenen indivi-
       duellen Glied  einer sozialen  Gruppe und  Klasse und  desto mehr
       füllen die Volksmassen, die arbeitenden Klassen, die den Reichtum
       der Gesellschaft  schaffen, den Begriff des "wirklichen Menschen"
       aus.
       Marx war  schon in  der frühen  Entwicklungsstufe veranlaßt,  das
       p a r l a m e n t a r i s c h e    R e p r ä s e n t a t i v s y-
       s t e m    und  darauf  folgend  auch  die  Formen  unmittelbarer
       Demokratie zu  überprüfen. Dies  bedeutete, der  F i g u r  d e s
       A b g e o r d n e t e n   spezielle Aufmerksamkeit  zu widmen, da
       dieser ja  als offenkundiger  Vertreter von Sonderinteressen, und
       seien es  seine individuellen,  Bestandteil des Parlamentskörpers
       ist, also  der Institution  im Repräsentativsystem,  die  -  nach
       bürgerlicher Lesart  - das  Allgemeininteresse formuliert.  Iden-
       tität von Sonder- und Allgemeininteresse der Gesellschaft ist nur
       bei  den   Vertretern  einer  solchen  Klasse  möglich,  die  den
       geschichtlichen Fortschritt  verkörpert - für Marx und Engels das
       Proletariat. Umgekehrt  zeigt sich der parlamentarische Staat als
       Verkörperung und  Instrument  der  Sonderinteressen.  Das  Allge-
       meininteresse ist  als purer Anspruch nur ideologische Verhüllung
       realer Herrschaftsverhältnisse.  Bis heute ist dies eine zentrale
       Frage in der Analyse von Klassenherrschaft geblieben.
       Der Transformationsprozeß  des Sonderinteresses in das Allgemein-
       interesse mit  staatlichem Anstrich  ist Arbeitsgegenstand  nicht
       nur des  Staates, sondern  des gesamten herrschenden Überbaus. So
       weit das  Parlament als  Entscheidungszentrum fungiert und Volks-
       souveränität repräsentiert,  kommt es also auf die Interessenbin-
       dung der  Parlamentarier an.  Zum Beispiel ist in der Bundesrepu-
       blik der  Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet. Aber hier
       gilt tatsächlich  das Bonmot in gesteigerter Form, daß das Gewis-
       sen der  Luxus reicher  Leute sei.  Und wer auf den Wählerauftrag
       verweist, die  demokratische Legitimation,  so mag dieser für das
       einzelne Individuum  Abgeordneter eine  Rolle spielen,  aber kaum
       für die  Gattung des  Parlamentsabgeordneten. Denn seine Nominie-
       rung und  Karriere verdankt  er in  ausschlaggebender Weise "der"
       Partei, ihren  Gremien und  Führungen.  Das  gilt  auch  für  die
       "Wohltaten", die  er seiner  Basis zuteil werden lassen kann. Den
       Parteiführungen ist er deshalb in erster Linie auch verpflichtet.
       Hinzu kommt  die Bindung an Verbände der verschiedensten Art, vor
       allem aus dem Bereich der Wirtschaft, sowohl bei der Nominierung,
       bei der  Wahl, als auch bei den laufenden Geschäften. Somit herr-
       schen Interessen  und Apparate über Träger der Volkssouveränität.
       Je mehr  sich der Abgeordnete dabei einbildet und seinem Publikum
       einredet, daß  er entsprechend seiner Ansicht handele, desto mehr
       kann er  auf sein Gewissen klopfen, ein Gewissen fremdgesteuerter
       Interessen freilich.  13) Ein  wesentlicher Wandel  ging insofern
       vonstatten, als  heute nicht  mehr die Abhängigkeit gegenüber den
       örtlichen Honoratioren  der Bourgeoisie  vorherrscht, sondern die
       Abhängigkeit von  Parteiapparaten, von  Interessen. Dieser Wandel
       umfaßt eine ganze Epoche des Kapitalismus.
       Das   B a s i s - Ü b e r b a u - K o n z e p t   leitet uns  an,
       das Ursprüngliche, Hervorbringende, Primäre im gesellschaftlichen
       Prozeß zu  erkennen und  herauszuarbeiten, das  Materielle in den
       gesellschaftlichen Beziehungen  zu erkennen.  (Dies ist nicht die
       Frage nach  der objektiven Realität, dazu gehört weithin auch der
       Überbau als  Bestandteil der  Gesellschaft. Diese  Frage steht in
       einem anderen  Kontext). Damit erfolgt eine Trennung bzw. Hervor-
       hebung des  gesellschaftlichen Lebensprozesses, des Prozesses der
       Schaffung des  materiellen Reichtums, der Wirtschaft im weitesten
       Sinne, von allen anderen Bereichen. Es geht hier allerdings nicht
       um die  Gegenständlichkeit von  Technik,  Produktionsinstrumenten
       usw., sondern  um die auf dem System der Produktivkräfte beruhen-
       den Produktions-  und Reproduktionsprozesse bzw. die darin invol-
       vierten sozialen  Beziehungen. Basisbeziehungen sind immer Bezie-
       hungen zwischen  sozialen Gruppen.  Alle anderen  Beziehungen und
       Akte gehören  im Prinzip dem Überbau der Gesellschaft an. Es han-
       delt sich  bei ihnen  um ideelle Beziehungen. Sie können freilich
       durchaus gegenständliche,  materiale Institutionen hervorbringen,
       eben z.B. den Staatsapparat.
       Für den  SMK ist  charakteristisch, daß  Verflechtungen  zwischen
       staatlichen Aktivitäten  und  privatkapitalistischen  Initiativen
       neue quantitative und qualitative Dimensionen erreicht haben, daß
       die Interaktionsnetze enger und dichter geworden sind. Diese Ver-
       dichtung der  Beziehungen kann allerdings nicht als Umkehrung der
       grundlegenden Kausalverhältnisse angesehen werden. Aber damit er-
       folgt eine  dauerhafte Einbeziehung  des Staates in die verschie-
       denen Bereiche  des Reproduktionsprozesses, machen die objektiven
       Bedingungen seine  Aktivitäten zum unabdingbaren Bestandteil der-
       selben. Es  entstehen in  diesem Sinne neue staatsmonopolistische
       Produktionsverhältnisse, als Komplementärverhältnisse zu den pri-
       vatmonopolistischen. Infolge  des Verflechtungscharakters  müssen
       diese insgesamt  als    s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e
       P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e   angesehen werden.
       14) Diese  enge Verflechtung ist einer der wesentlichsten Gründe,
       daß die relative Selbständigkeit des bürgerlichen Staates nun un-
       ter verschiedenen  Gesichtspunkten eingeschränkt  wird. Denn  die
       Krisenprozesse der  kapitalistischen Basis müssen nun unmittelba-
       rer als jemals zuvor auf den staatlichen Überbau zurückschlagen.
       D e r   S t a a t   i s t   P r o z e ß   u n d    I n s t i t u-
       t i o n   der Klassenherrschaft,  der Unterwerfung der Individuen
       unter die  Normen und  Regeln dieser  Herrschaft,  der  Konditio-
       nierung der  Individuen für diese gesellschaftlichen Bedingungen.
       Der Staat  ist  im  Normalfall  die  wichtigste  Institution  der
       Klassenherrschaft, weil  er  alle  Einwohner  eines  Territoriums
       umfaßt, weil  er das  öffentliche Gewaltmonopol besitzt usw. Aber
       die Existenzweise  des Staates  bliebe nur  schwer  verständlich,
       verstünde man  ihn nur  als einen  Reflex auf  Basisprozesse  und
       -verhältnisse.
       Den Unterbau  des Staates stellt das ideologische und institutio-
       nell-politische System  der herrschenden Klasse 15), mitunter un-
       ter Einschluß  ihrer Verbündeten,  dar: Die  Unternehmerverbände,
       die Ideologieapparate,  die Parteien  usw. In diesem Zusammenhang
       stehen selbstverständlich  auch alle Einrichtungen, die unmittel-
       bar aus  der gesellschaftlichen Produktion hervorwachsen und mehr
       technischer Natur  sind, die  entweder als Kollektivinstitute der
       herrschenden Klasse  oder als  Staatseinrichtungen betrieben wer-
       den. Die  Strukturierung und Kombination auch dieser Elemente ist
       wesentlich für  die konkrete  Ausformung des Staates. Wie die hi-
       storische Beobachtung nahelegt, treten innerhalb des Herrschafts-
       systems und    i n n e r h a l b    d e s    S t a a t s a p p a-
       r a t s   S c h w e r p u n k t v e r s c h i e b u n g e n  auf,
       die mit  dem historisch  konkreten Charakter  der Interessen  und
       ihrer Durchsetzung  sowie mit  den spezifischen Bündniskonstella-
       tionen zusammenhängen,  auf denen  die jeweilige  Regierung  oder
       Koalition beruht. Auf jeden Fall gilt auch für diese Bereiche des
       Überbaus, daß  sich die Vergesellschaftung der gesellschaftlichen
       Produktion bemerkbar  macht und niederschlägt. Großorganisationen
       und Massenparteien  der Bourgeoisie  sind  die  notwendige  Über-
       baureaktion auf die Vergesellschaftungsentwicklung.
       In besonders abstrakter und systematisierter Form tritt das Recht
       als Ideologieform und als Herrschaftsinteressen vermittelnde Ide-
       ologieform im  sogenannten  b ü r g e r l i c h e n  R e c h t s-
       s t a a t   auf. Der Klassenwille der Bourgeoisie vermittelt sich
       hier über  Eigentumsinteressen, die  ihre juristischen Formen aus
       den Rechtsnormen  der Warenproduktion  und -zirkulation erhalten.
       Dies wirkt  auch in  den  neben  dem  Zivilrecht  spezialisierten
       Rechtsbereichen.  Allerdings   zeigt  schon  der  Blick  auf  das
       Strafrecht, daß die Rechtsnormen nicht ausschließlich aus der Wa-
       renzirkulation und  ihren Ideologieformen  abgeleitet werden kön-
       nen, auch nicht hinsichtlich ihrer Formen. Die Abstrahierung, Sy-
       stematisierung und  Normierung des Klassenwillens im Rechtssystem
       zwingt die  Willkür der  Glieder der herrschenden Klasse in regu-
       lierte Bahnen. Beachtet werden muß unter den Bedingungen des SMK,
       daß sich  auch die  monopolistischen Interessen  in diesen Formen
       realisieren. Das  bürgerliche Rechtssystem  ist somit hinreichend
       variabel und  dehnungsfähig, um  auch  den  ihre  Strukturen  und
       Grundsätze negierenden  und brechenden  Kräften dienstbar sein zu
       können.
       Versucht man in Kurzform auszudrücken, was  S t a a t s m a c h t
       ist, dann könnte man sagen, daß sie in erster Linie in der Fähig-
       keit der  herrschenden Klasse  und der  ihre Interessen politisch
       wahrnehmenden und  ausdrückenden Gruppen  besteht, mit  Hilfe des
       Staates eine Richtung der gesellschaftlichen Bewegung festzulegen
       und durchzusetzen,  die den  schon genannten Interessen der herr-
       schenden Klasse  entspricht. Diese  Macht ist  umso stabiler,  je
       breiter der  Konsens, die Zustimmung der unterdrückten Klasse, in
       der jeweiligen  Situation zu  diesem Kurs  ist. Deshalb kommt den
       ideologischen und politischen Momenten der Klassenherrschaft eine
       erstrangige Bedeutung  zu. In  diesem Sinne ist der Staat für die
       herrschende Klasse  Machtinstrument. Seine  spezifische Rolle be-
       steht dabei  darin, daß  er in verallgemeinerter Form, einer auch
       Klassenkompromisse ausdrückenden  Form, die Politik und Staatsak-
       tivitäten formuliert.
       
       3. Staatstyp und Staatsform: Ein Staatstyp des SMK?
       ---------------------------------------------------
       
       Gesellschaftsformation und Staatstyp 16)
       ----------------------------------------
       
       Es stellt sich die Frage, ob es im Rahmen der bunten Vielfalt der
       Erscheinungsformen des  Staates gemeinsame Merkmale des bürgerli-
       chen Staates  im SMK  gibt und  wie diese  zu bestimmen sind. Be-
       kanntlich erreicht der historische Materialismus bei Marx und En-
       gels seine  wissenschaftlich reife Entwicklungsstufe mit der Kon-
       zeption  der  sozialökonomischen  Gesellschaftsformation.  Dieser
       entspricht bzw. dieser gehört immer auch an der charakteristische
       Überbau und der charakteristische Staat . ein Staats- und Rechts-
       typ als Element der Gesellschaftsformation. Das ist für den Kapi-
       talismus der bürgerliche Staat als Instrument der Klassendiktatur
       der Bourgeoisie, als Instrument der Garantie der bürgerlichen Ei-
       gentumsordnung, des  juristischen  Rahmens  der  kapitalistischen
       Produktionsverhältnisse.
       Dies ist  ein äußerst  verdünnter Begriff und muß dies auch sein,
       weil er  abhebt von  all den konkreten Verschiedenheiten und For-
       men, in denen sich der bürgerliche Staat in der Geschichte reali-
       siert. Gleichzeitig  gehen in  den Staatstyp  auch  die    a l l-
       g e m e i n e n     B e s t i m m u n g e n    ein,  die    f ü r
       S t a a t e n   g e n e r e l l   seit ihrem Ursprung charakteri-
       stisch sind:  Territorium und  Territorialerfassung der Einwohner
       bzw. der  späteren Staatsbürger, von der Gesellschaft abgehobener
       Apparat, für dessen Bedienung sich besondere Menschengruppen, die
       Beamtenschaft bzw. die Staatsbeschäftigten, herausbilden, bewaff-
       nete Organe bzw. Menschengruppen und die zur Gewaltausübung nöti-
       gen materiellen  Instrumente und  Institutionen. Außerdem gibt es
       für Staaten  antagonistischer Gesellschaften,  d.h.  von  Gesell-
       schaften, wo  der Staat  als  Herrschaftsinstrument  ausbeutender
       Minderheiten fungiert,  ebenfalls gemeinsame Züge, die aus dieser
       Grundfunktion der  Erhaltung und  Sicherung der  Ausbeuterordnung
       resultieren und  sie gegenüber  dem sozialistischen Staatstyp, in
       gewisser Hinsicht  aber auch gegenüber Staaten abgrenzen, die von
       Volksmehrheiten getragen und geschaffen wurden, meist aber nur in
       Übergangsperioden kurze Zeit Bestand hatten bzw. bestehen.
       Dies  sind     s o z i a l ö k o n o m i s c h e     B e s t i m-
       m u n g s v e r h ä l t n i s s e  oder  W e s e n s b e s t i m-
       m u n g e n,   d i e   d a s   B a s i s - Ü b e r b a u - K o n-
       z e p t   f ü r   d i e  j e w e i l i g e  h i s t o r i s c h e
       P e r i o d e   a n w e n d e n.   Dies bedingt  jedoch, daß auch
       auf einer  niedrigeren  Abstraktionsstufe  derartige  qualitative
       Unterschiede  bei  der  Charakteristik  des  Staates  zu  berück-
       sichtigen sind.  Dem  entspricht  die  Typisierung  in  den  bür-
       gerlichen Staat  des vormonopolistischen und des monopolistischen
       Kapitalismus. Dies drückt die Modifikation der sozialökonomischen
       Basis des  bürgerlichen  Staates  aus,  der  aus  dem  Staat  der
       Bourgeoisie, die  in der  jeweils konkreten  Repräsentanz  dieser
       oder jener Fraktion und Koalition herrscht, die das Interesse des
       Gesamtkapitals in  den staatlichen  Bereich verallgemeinert,  zum
       Staat des Monopol- und Finanzkapitals wird.
       
       Grundmerkmale des Staates im SMK
       --------------------------------
       
       Nach Ansicht  des Verfassers  ist es hinreichend begründet, unter
       Berücksichtigung des  SMK als Entwicklungsphase im Rahmen der ka-
       pitalistischen Gesellschaftsformation  . im  Sinne der  genannten
       Argumentation .  auf einer  konkreteren Stufe von einem Staat des
       SMK im  Sinne der Konkretisierung des Staatstyps der kapitalisti-
       schen Gesellschaftsformation zu sprechen.
       Eine solche  Sicht zwingt,  den Blick  auf die typischen Merkmale
       des bürgerlichen  Staates heute  zu richten und seine Tendenz mit
       jener der Basis in Zusammenhang zu bringen. Unseres Erachtens muß
       man hier  in erster Linie  a u f  d i e  d u r c h  d i e  V e r-
       g e s e l l s c h a f t u n g,      M o n o p o l i s i e r u n g
       u n d   I n t e r n a t i o n a l i s i e r u n g    h e r v o r-
       g e r u f e n e n     Z u s a m m e n h ä n g e    f ü r    d e n
       Ü b e r b a u   u n d   s p e z i e l l  d e n  S t a a t  a u f-
       m e r k s a m   m a c h e n.   Sie bewirken eine durchgängige und
       relativ stabile  Einbindung des  Staates  in  das  gesamte  Herr-
       schaftssystem des  Monopolkapitals, das heißt eine gegenüber frü-
       her wesentlich  engere Verflechtung der Monopole und Monopolorga-
       nisationen auf den verschiedensten Ebenen und Umsetzungsbereichen
       mit dem  Staatsapparat und generell mit dem Staat, die Verschmel-
       zung bzw.   V e r f l e c h t u n g   d e r    M a c h t    v o n
       M o n o p o l e n  u n d  S t a a t.
       Ausdruck der  Vergesellschaftung bzw.  Reaktion auf  die  dadurch
       hervorgerufenen Krisen  und Problemkonstellationen wird die säku-
       lare Ausweitung der ökonomischen Aktivitäten und Funktionen sowie
       die Entfaltung  sozialpolitischer Aktivitäten und ihr Umschlag in
       eine   S o z i a l f u n k t i o n   d e s   S t a a t e s.   17)
       Diese ist  verbunden mit der anwachsenden Bedeutung der Reproduk-
       tion der Arbeitskraft für den Gesamtreproduktionsprozeß. Die Ver-
       gesellschaftung betrifft aber ebenso die gesellschaftlichen Orga-
       nisationen, Verbände,  Parteien, die staatlich kontrollierten So-
       zialisationsmechanismen usw.
       Bedeutsam sind  vor allem auch die Veränderungen der Klassen- und
       Sozialstruktur 18),  weil damit auch Umstrukturierungen der Hege-
       monial- und  Bündnisspangen des Monopolkapitals erforderlich wer-
       den. Wesentlich  ist ebenso die zunehmende internationale Einbin-
       dung und Internationalisierung der SMK-Systeme.
       Diese und  andere Merkmale sind für den SMK-Staat heute charakte-
       ristisch.
       
       Staatsform
       ----------
       
       Nach der  zeitgenössischen marxistisch-leninistischen Staats- und
       Rechtswissenschaft 19)  wird die  Staatsform charakterisiert  und
       bestimmt durch folgende Elemente:
       - Die Struktur  des  p o l i t i s c h e n  R e g i m e s,  wobei
       die Gesamtheit  des politischen  Herrschaftssystems, seine Kondi-
       tionierung und Strukturierung gemeint ist, damit auch die organi-
       satorisch-politischen  Grundlagen   und   Ausübungsmethoden   der
       Staatsmacht;
       - Die   R e g i e r u n g s f o r m,   d.h. die Art und Weise der
       Bildung und Organisation der höchsten Organe der Staatsmacht;
       - Die   S t a a t s s t r u k t u r   im Sinne der Organisations-
       form der staatlichen Einheit und des territorialen Aufbaus.
       Wir geben  in der  Erläuterung dieser  Angaben nur  einen knappen
       Aufriß. Bei den genannten Punkten handelt es sich um strukturelle
       Grundmomente der  Staatsform, die  in sich  eine breite Variation
       verschiedener konkreter  Formen bergen. Konkrete Staatsformen un-
       terscheiden sich in den einzelnen genannten Elementen, in den Un-
       terschieden der Kombination usw.
       Hinzu  kommt   die     S t a a t s m a s c h i n e r i e,     der
       S t a a t s m e c h a n i s m u s,    der    S t a a t s a p p a-
       r a t   als Ganzes  als materielle  Daseinsweise des  Staates. Es
       handelt sich  um  ein  arbeitsteilig  strukturiertes,  von  einer
       besonderen Personengruppe  bedientes,  hierarchisch  gegliedertes
       System von  Organen  und  Institutionen,  von  Ebenen  und  Akti-
       vitätsbereichen, von organisatorisch-administrativen, einschließ-
       lich der  ökonomischen und sozialpolitischen, Mitteln und Zwangs-
       instrumenten. Das  ist der Staatsapparat, ein Hauptteil des herr-
       schenden Überbaus bzw. der Herrschaftsorganisation des Kapitals.
       Die sogenannte  Gewaltenteilung entspringt  dem Prinzip  der  Ar-
       beitsteilung und Herrschaftsrationalität und formuliert und setzt
       die Herrschaftsinteressen  auf verschiedenen  Sektoren und Ebenen
       durch. Die   V e r t r e t u n g s o r g a n e  der verschiedenen
       Ebenen, die  nationalen Kammern,  haben  ihre  Blütezeiten  schon
       längst hinter  sich. Allerdings spielen sie bei weitem auch keine
       periphere Rolle.  Auf dieser  Ebene ist  die  Herrschaftsstruktur
       (Parteien, Verbände  usw.) unmittelbar  mit dem  Staat und seinem
       Apparat verzahnt. Staatsoberhaupt, Regierung und Verwaltungsappa-
       rat stehen  im Zentrum des Staatsapparates, wobei es zwischen den
       einzelnen Bestandteilen  der Exekutive  unterschiedliche konkrete
       Machtverteilungen, Legitimationsverhältnisse  usw. gibt.    D i e
       r e a l e n     M a c h t-    u n d    E n t s c h e i d u n g s-
       z e n t r e n   s i n d  i m  S M K  j e d o c h  d u r c h a u s
       n i c h t   i d e n t i s c h   m i t   d e n   f o r m e l l e n
       h i e r a r c h i s c h e n   S p i t z e n.   Generell gilt  für
       den SMK  der Zug  zu der  Spitzenbürokratie  und  jenen  mitunter
       informellen Gremien,  in denen  sich die  sogenannten  relevanten
       gesellschaftlichen  Kräfte   formieren   und   die   Entscheidung
       beeinflussen. Administrative  und gesetzgebende  Vollmachten sind
       nicht klar voneinander getrennt; sie verschmelzen vielmehr in der
       Regierungsgewalt, die  im  Bereich  der  genannten  Institutionen
       konzentriert ist.  Auch die  gesetzgebenden Vollmachten verlagern
       sich zu den Kabinetten und Ministerien.
       Je mehr  sich rechtsstaatliche  Regeln für den bürgerlichen Staat
       und die  gesellschaftlichen Verhältnisse  durchsetzen, desto mehr
       nimmt die  politische Rolle  der Justiz, des Rechtswesens ab. Das
       zeigt die  jüngste Entwicklung.  Dies gilt  jedoch nicht  für die
       obersten  Gerichte,   vor  allem  nicht  für  die    N o r m e n-
       k o n t r o l l-   b z w.  V e r f a s s u n g s g e r i c h t e.
       Sie  sind  in  der  Tat  äußerst  wichtige    p o l i t i s c h e
       S c h a l t s t e l l e n,   die gegenüber systemkritischen Kräf-
       ten abgeschottet  - eine  bewußte Systemsicherung  in der konser-
       vativ-reaktionären Variante praktizieren.
       
       Form der Klassenherrschaft
       --------------------------
       
       Ausübung von  Klassenherrschaft ist  ein Prozeß  mit  wechselnden
       Schwerpunkten 20), Bruch- und Krisenzonen und historisch  s i c h
       v e r ä n d e r n d e n   Z e n t r e n   u n d  K o m m a n d o-
       z e n t r a l e n   der Herrschaftsausübung,  d.h. der Festlegung
       der Methoden,  Bündnisse, Kompromisse,  die dazu nötig sind. Dazu
       gehört  auch  das  Abwägen  und  Verknüpfen  von  Repression  und
       Integration, von  Autoritarismus und Reformismus. Der Schwerpunkt
       der Klassenherrschaft  kann zeitweise  in der  Rechtsprechung und
       bei den  obersten Gerichten liegen, er kann sich in die Zentralen
       der  regierenden  Parteien  verschieben,  in  die  Vorstände  der
       monopolistisch kontrollierten  Unternehmerverbände  oder  zu  den
       Spitzen des  Klerus, mitunter  auch zu  den Vorstandsgremien  von
       Wirtschaftsbehörden wie  der Bundesbank  usw. Konkret  hängt dies
       vom  realen   Gang  der   Dinge  ab,   verweist  jedoch  auf  den
       Prozeßcharakter von Klassenherrschaft und Machtausübung.
       Die Modifikationen  und Kennzeichen des Staates des SMK in diesen
       genannten, die  Staatsform und den Staatsapparat konstituierenden
       Elementen aufzuspüren,  bedürfte zweifellos der jeweils konkreten
       historischen Untersuchung.  Aber schon  die Problemstellung  ver-
       weist auf  die Notwendigkeit,  derartiges in  Rechnung zu stellen
       und vom allgemeinen Ansatz auch charakteristische Gemeinsamkeiten
       in der  Form auszumachen.  Zweifellos  besteht  ein    Z u s a m-
       m e n h a n g   z w i s c h e n   I n h a l t    (T y p)    u n d
       F o r m.   Das zeigt  schon der  oberflächlichste Vergleich.  Die
       gleiche Basis  wird, wie  Marx  sagte,  ein  den  Umständen  ent-
       sprechend unterschiedliches Herrschaftssystem hervorbringen. 21)
       I n   d i e   F o r m   e i n g e s c h l o s s e n,  gerade weil
       diese genetisch  und systematisch über das Herrschaftssystem, die
       politische Organisation  der herrschenden  Klasse und das politi-
       sche  System,  die  politische  Organisation  aller  Klassen  und
       Schichten der  Gesellschaft vermittelt wird bzw. durch Tradition,
       Ideologie,  Interessen,  Kräfteverhältnisse,  Klassenkämpfe  usw.
       usf. geformt  wird, sind  auch  die    D u r c h s e t z u n g s-
       b e d i n g u n g e n  v o n  V o l k s i n t e r e s s e n,  die
       Formierungs- und  Kampfbedingungen der  Arbeiterklasse. In diesem
       Sinne ist   D e m o k r a t i e,   a l s   F o r m   d e r   O r-
       g a n i s a t i o n   u n d   V e r w i r k l i c h u n g   d e r
       M a c h t   i n   d e r   m e n s c h l i c h e n    G e s e l l-
       s c h a f t  bezogen auf den Staat im allgemeinen, das politische
       Regime im besonderen bedeutsam.
       Formell oder  formal wird  die Demokratie dann, wenn sie zur Pro-
       klamationsfassade degeneriert,  die Volksmassen mehr und mehr aus
       der Politik ausgeschaltet werden, die Diskriminierung von Staats-
       bürgergruppen erfolgt.  Die Zunahme  derartiger  Tendenzen  hängt
       zweifellos, in welchen vermittelten und komplizierten Formen auch
       immer, von  der Herrschaft  der Monopolstruktur im SMK ab.  D a s
       M o n o p o l   bedeutet seiner Natur nach die  R e g i e r u n g
       d e m o k r a t i s c h e r  F o r m e n  und Grundsätze 22). Die
       Tendenz zur  Formalisierung der  Demokratie verstärkt  sich immer
       dann, wenn die Grundsätze der Demokratie in ein erstarrtes Reprä-
       sentativsystem gepresst  werden, das trotz allgemeiner Wahlen zur
       Installierung volksfremder  politischer Regime  führt. Sie drückt
       sich vor  allem im SMK in der Ausschaltung aller Formen unmittel-
       barer und  direkter Information  und Kontrolle, der Form direkter
       Demokratie für  die Arbeiterklasse und andere Volksschichten aus.
       Wie es  im einzelnen  auch sei  oder empfunden wird,  s e l b s t
       d i e   a l l e r d e m o k r a t i s c h s t e   F o r m    b e-
       t r i f f t   n i c h t   d i e   E s s e n z   d e r    K l a s-
       s e n h e r r s c h a f t.
       Aber man muß auch darauf aufmerksam machen, daß für Lenin der So-
       zialismus nichts  anderes war als der bis zum Ende geführte Demo-
       kratismus.
       Vor allem  muß auch beachtet werden, daß die Bourgeoisie dann zum
       Abbau und zur Einschränkung demokratischer Rechte und Möglichkei-
       ten übergeht,  wann und  wie ihr  System durch Krisen erschüttert
       und durch  Massenbewegung bedrängt  wird. Diese  realen  Prozesse
       müssen also  bei der  Beurteilung der bürgerlichen Demokratie be-
       achtet werden.
       I m   G e g e n s a t z   z u r   D e m o k r a t i e   s t e h t
       D e s p o t i e   23) -  wir sagen  bewußt nicht Diktatur, wie es
       der sogenannte  gesunde Menschenverstand nahelegt, weil damit ein
       komplexerer Zusammenhang  angedeutet wird  -,   d i e    H e r r-
       s c h a f t   a l s   u n g e s e t z l i c h e    W i l l k ü r.
       Faschistische Regime,  ebenso autoritäre Regime weisen immer Züge
       des  Despotismus   auf,  sind   damit  jedoch  nicht  hinreichend
       charakterisiert.
       Es muß  auch darauf  aufmerksam gemacht  werden, daß  im SMK  der
       'gesetzesfreie' Raum,  also der nicht von juristischer Normierung
       erfaßte Raum  gewachsen ist. Gerade hier entfalten sich der spät-
       kapitalistische Korporatismus  und die ungehemmte Willkür des Mo-
       nopolkapitals. Die alte Despotie des Kapitals ist also bei weitem
       nicht gezügelt,  sie besteht  heute nur auf anderer Grundlage und
       in anderen Formen.
       
       Zusammenhang von Typ und Form des Staates
       -----------------------------------------
       
       Wir haben  auf einige  Elemente des Staatstyps und der Staatsform
       im SMK  aufmerksam gemacht.  Wir hatten  schon die Frage nach dem
       Zusammenhang gestellt  und sie  trotz der beachtlichen Bandbreite
       konkreter Erscheinungsformen  im Prinzip  positiv beurteilt. Dies
       betrifft in   e r s t e r    L i n i e    d i e    s t r u k t u-
       r e l l e n   E l e m e n t e   u n d   F a k t o r e n,  die ar-
       beitsteilige Ausbreitung  des Apparats,  die Tendenzen der Macht-
       zentren,  die   wesentlichen  Reaktionsmuster   des   politischen
       Regimes. Es  betrifft weniger,  und kann dies auch nicht tun, die
       konkreten Modi  der Herrschaftsausübung,  weil diese ja vor allem
       über die  Kräfteverhältnisse und  Klassenkämpfe vermittelt werden
       und  es   für  sie  auch  bis  heute  noch  keine  internationale
       Synchronität gibt.
       Wir hatten  weiter oben  schon auf  den spezifischen Problemdruck
       verwiesen, den  der Staat  des SMK  aufzunehmen und aufzuarbeiten
       hat und  in dessen  Rahmen sich die Apparate in dieser oder jener
       Richtung entwickeln  müssen. Dabei soll niemals vergessen werden,
       daß hier Vergesellschaftungsdruck, die Tendenz zur zentralen Lei-
       tung, Lenkung  und Planung  gesellschaftlicher Prozesse, also die
       Tendenz der  Schaffung   m a t e r i e l l e r    E l e m e n t e
       e i n e r   n e u e n   h ö h e r e n  G e s e l l s c h a f t s-
       s t u f e   24), wirksam  wird, wenn  sich diese  auch in  völlig
       deformierter Form  durchsetzt. Zentralisierung bei der Exekutive,
       Internationalisierung,  Verflechtung,  Militarisierung  sind  die
       Schlagworte, um  die  aktuellen  Tendenzen  zu  charakterisieren.
       Ausbau, Intensivierung  und Effektivierung  der  Repressionsappa-
       rate, ihre  Anpassung an  die Möglichkeiten der modernen Technik,
       ihre  Ausdehnung,  die  präventive  und  aktuelle  Demontage  von
       Elementen der  Demokratie und  der Grundrechte machen den Zug zum
       sachbetonten,  technokratischen,   das  Diktum   der   Weltmarkt-
       konkurrenz  und   des  Systemwettbewerbs  hervorhebenden  Autori-
       tarismus aus.
       Wir lassen  hier die Frage der spezifischen Ideologie weg, finden
       es  aber   doch  bemerkenswert,   daß  durchgehend   im  SMK  ein
       a n t i k o m m u n i s t i s c h e s,     a n t i d e m o k r a-
       t i s c h e s   G r u n d k l i m a   erzeugt wird  und  entspre-
       chende Staatsdoktrinen  gesalbt werden.  Dies erfolgt  unabhängig
       vom Grad der aktuellen inneren oder äußeren Herausforderung durch
       die sozialistisch-kommunistische  Alternative. Das  verweist  auf
       den konservativ-reaktionären  Charakter des SMK, der Herrschafts-
       konsens nur  durch Negativfixierung  erzwingen und  in  die  Wege
       leiten kann.
       Bis jetzt  haben sich in der Nachkriegszeit die politischen Regi-
       mes des  SMK vom  Standpunkt des Monopolkapitals als relativ lei-
       stungsfähig erwiesen. Seit ihrer Durchsetzung in den kapitalisti-
       schen Industriestaaten  ist es,  mit Ausnahme  Frankreichs im Mai
       1968, noch  nicht zu  ernsthaften Infragestellungen  der heutigen
       kapitalistischen Regimes  gekommen. Immerhin  ist es erstaunlich,
       daß sich   i n   a l l   d i e s e n   L ä n d e r n  R e g i m e
       d e r    b ü r g e r l i c h e n    D e m o k r a t i e    b z w.
       d e s   b ü r g e r l i c h e n   P a r l a m e n t a r i s m u s
       mit den  zeitgenössischen schon oben erwähnten Modifikationen und
       Einschränkungen erhalten  oder durchgesetzt  haben. Es  ist  also
       durchaus noch  nicht so,  daß in  diesen Ländern die Monopolbour-
       geoisie zu  grundsätzlich anderen  Herrschaftsformen Zuflucht  zu
       nehmen gezwungen  wäre. Dafür  gibt es offensichtlich viele Ursa-
       chen. Von  den inneren  muß vor  allem auf jene verwiesen werden,
       daß dem  Monopol- und Finanzkapital die Negierung der politischen
       Demokratie zwar  eigen ist, es deshalb aber nicht auf die Nutzung
       der Elemente der politischen Demokratie verzichtet und verzichten
       würde.   D a s   e n t s p r i c h t   d e m  V e r h ä l t n i s
       v o n   M o n o p o l   u n d  M a r k t w i r t s c h a f t  i n
       d e r   Ö k o n o m i e.   Auch sie  sind keine  antagonistischen
       Pole. Vielmehr  realisieren sich über beide Monopolprofit und Mo-
       nopolpreise über  und mit  den Marktpreisen.  Das Monopol  ordnet
       sich aber  dem Markt bis zu einem gewissen Grad unter. 25)  D e m
       e n t s p r i c h t   d i e  U n t e r o r d n u n g  u n d  U m-
       f o r m u n g   d e r   I n s t i t u t i o n e n  u n d  M o d i
       d e r  b ü r g e r l i c h e n  D e m o k r a t i e  u n d  d e s
       P a r l a m e n t a r i s m u s   d u r c h   d i e  O r g a n i-
       s a t i o n e n   d e r    M o n o p o l e    i m    g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e n   B e r e i c h.   Wenn wir vom Abbau der
       bürgerlichen Demokratie  sprechen, dann betrifft dies genau diese
       Umwandlung, die  Hervorkehrung von  autoritären  und  repressiven
       Zügen in diesem Rahmen. Freilich betonen wir auch in dieser Frage
       die Rolle  der konkreten  inneren und äußeren Kräfteverhältnisse,
       die aber  auch diesen  Rahmen bis  jetzt erzwingen  und  erhalten
       konnten.
       Diese Entwicklung  bedeutet allerdings  alles andere, als daß für
       den SMK  auf alle Zeiten der bürgerliche Parlamentarismus als ad-
       äquateste  Herrschaftsform  anzusehen  wäre.  Umschlagpunkte  und
       -tendenzen kündigen sich vor allem mit der Erschütterung der öko-
       nomischen Basis  an und  sind schon  heute in den ersten Ansätzen
       offen sichtbar.
       
       4. Ideologische Reaktionen auf die Vergesellschaftung
       -----------------------------------------------------
       und Monopolisierung im Überbaubereich
       -------------------------------------
       
       Wir möchten  in diesem  Abschnitt zuerst  auf einige ideologische
       Reaktionen auf  die neuen  Realitäten des  SMK im  Überbaubereich
       eingehen. Zuerst  handelt es  sich um eine knappe Darstellung der
       konservativen Reaktion auf die neuen Sachverhalte und danach wol-
       len wir  kurz die  gegenwärtige sogenannte  Korporatismus-Debatte
       und das  Konzept der neuen staatsmonopolistischen Strukturpolitik
       skizzieren, um  anschließend auf  die Probleme  von Hegemonie und
       Konsens einzugehen.  In dieser  knappen Skizzierung der ideologi-
       schen Reflektionen  werden auch die Konturen der Realität deutli-
       cher sichtbar werden.
       
       4.1 Staat und Industriegesellschaft: Die konservative Version
       -------------------------------------------------------------
       
       Als Beleg  für die  konservative Sichtweise, die die Zustände des
       SMK mit  dem alten  bürgerlichen preußischen Obrigkeitsstaat, dem
       "starken politischen  Staat" kontrastiert, seien kurz die Ansich-
       ten von Ernst Forsthoff vorgestellt. 26) Man muß allerdings dabei
       beachten, daß  sein hoheitlicher  Kontraststaat,  angeblich  noch
       frei vom  Zugriff der  Parteien und Verbände und nur Verkörperung
       eines politischen  Allgemeininteresses, das  faktisch nicht  über
       die Transformation  eines konkreten besonderen Interesses vermit-
       telt sei,  nicht mehr  als eine  Fiktion war und ist. Denn gerade
       für den  preußisch-deutschen Obrigkeitsstaat  ist die  Herrschaft
       bestimmter Cliquen  und Gruppen des Monopolkapitals und des Mili-
       tarismus  charakteristisch  gewesen.  Forsthoffs  Ansichten  sind
       nicht nur  als ideologische  Reaktion eines Konservativen von In-
       teresse, sondern  drücken in gewisser Hinsicht auch die etatisti-
       sche Ideologieform  der Spitzenbürokraten  des Staatsapparats mit
       konservativer Herkunft und Hintergrund aus.
       Nach Forsthoffs Vorstellung war die Staatsbürgermonade die Grund-
       lage des  altbürgerlichen Staates,  der die  Rechtsgleichheit und
       Rechtsfreiheit der  Staatsbürger zu  garantieren hatte . bei Auf-
       rechterhaltung der Ungleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft,
       versteht sich. Er bedurfte keiner Zwischen- und Vermittlungsglie-
       der und hatte im Prinzip Privilegien, also die faktische Zerglie-
       derung der  Rechtsgleichheit und die entsprechende Strukturierung
       des staatsbürgerlichen Volkes, zu verhindern.
       Dies ändere  sich grundlegend  mit dem   E i n s c h u b    d e r
       I n t e r e s s e n g r u p p e n   u n d   V e r b ä n d e   i n
       d e r     s o g e n a n n t e n    I n d u s t r i e g e s e l l-
       s c h a f t.   Deren  Herausbildung  liege  die  Entwicklung  der
       Technik -  von Forsthoff  im Sinne  des Konservatismus  als  sich
       "selbst zwecksetzende  Technik" verstanden  - zugrunde  27),  auf
       deren Tatbestände der Staat reagiere und sich dabei ändern müsse.
       Die Konkurrenz  der  Parteien,  Verbände  usw.  gewährleiste  die
       Funktionsfähigkeit eines  im Prinzip pluralistischen Modells. Wir
       übergehen die beredten Klagen Forsthoffs über die Unfähigkeit des
       Staates  der   Industriegesellschaft  zur   geistigen  Selbstdar-
       stellung, zur geistigen Impulsgebung, womit auch der zu leistende
       Gehorsam nicht  mehr als  verklärte  Pflichterfüllung  erscheinen
       kann. Preußen  ade! Besser:  Schulbuch-Preußen ade!  Aber  dieser
       alten Tugenden  bedürfe der  Staat der  Industriegesellschaft zur
       Herstellung von  Stabilität auch  nicht. Filbinger  & Co  sind da
       gegenwärtig offensichtlich  anderer Ansicht.  Der Staat der Indu-
       striegesellschaft lebe nach Forsthoff vor allem von der diszipli-
       nierenden Wirkung der Industrie.
       Forsthoff zeigt,  wie mit der aufkommenden "Daseinsfürsorge" (der
       Sozialpolitik), der  ökonomischen Intervention  und der sich aus-
       weitenden Umverteilungsfunktion  der soziale und Verwaltungsstaat
       entstehen müsse,  wobei mit  der Anspruchshaltung der Volksmassen
       und der  Gesellschaft der  sogenannte souveräne  politische Staat
       unterspült und  verändert werde.   D e r   S t a a t  werde damit
       W o h l s t a n d s g a r a n t  und werde in die gesellschaftli-
       chen und  wirtschaftlichen Widersprüche  einbezogen, ohne im Maße
       des alten politischen Staates Reaktionsmöglichkeiten zu behalten.
       Der Übergang  zum SMK als Gesamtsystem wird damit nicht unzutref-
       fend reflektiert.
       Wesentliche Änderungen  gingen auch im Parteiensystem vonstatten.
       Für die BRD fungiere nun ein  P a r t e i e n s y s t e m  "v o n
       G n a d e n   d e s   S t a a t e s"   28): "Die parlamentarische
       Demokratie, deren  Sinn und  Aufgabe darin  besteht, den Staat zu
       aktivieren, seine  Funktionen zu  legitimieren und zu kontrollie-
       ren, geht  an den  Krücken eben dieses Staates." 29) Die Parteien
       verlören damit  ihre Funktion als Exponenten der Gesellschaft und
       Kontrahenten des  Staates. Das liberale Parteienkonzept sei damit
       passe. Die  V e r s t a a t l i c h u n g  d e r  P a r t e i e n
       in der  pluralistischen Variante  bringt ebenso  die Tendenz  zur
       "Volkspartei" mit  sich, obwohl  "der Wähler der Industriegesell-
       schaft" in hohem Maße an seinen materiellen Interessen orientiert
       sei.   D i e   P a r t e i e n   f u n g i e r t e n    s o m i t
       a l s   K o n s e n s a p p a r a t e ,   d i e    I n t e r e s-
       s e n   f o r m u l i e r t e n   d i e  V e r b ä n d e.  So die
       Tendenz  in   den  Ausführungen   Forsthoffs  in  unseren  Worten
       wiedergegeben. Dies  gewähre allerdings  bisher eine relativ hohe
       Systemstabilität.
       Das   P a r l a m e n t   gerate immer  mehr in  Abhängigkeit vom
       Sachverstand, dem Expertenwissen . eine Voraussetzung der Verzah-
       nung mit  der Bürokratie. Dies liefere die Abgeordneten, das Par-
       lament als  Ganzes, in der Tat den Experten, Verbänden, Organisa-
       tionen aus  und habe  außerdem die  Parlamentsbürokratie erzeugt.
       Die gleichen Sachverhalte der Komplizierung der Gesellschaft, der
       Realisierung der  Technik, der  Massenansprüche nach sozialer Si-
       cherung erzeugten den Zwang der Gesetzesproduktion durch das Par-
       lament, zur Gesetzgebung als Expertenangelegenheit, . dementspre-
       chend die Struktur des Parlamentskörpers ebenso wie der Karriere-
       typ des  heutigen Abgeordneten,  der zum Verwechseln mit den Kar-
       rieretypen anderer Bereiche identisch sei.
       Für die   B ü r o k r a t i e   beklagt  Forsthoff  das    V o r-
       d r i n g e n   d e r   s o z i a l e n  L e i s t u n g s v e r-
       w a l t u n g,   das Zurücktreten  des  Juristischen  hinter  dem
       Administrativen, die Verdrängung des Juristen durch den Ökonomen,
       Sozialwissenschaftler  -  kurz  den  Experten.  Nicht  der  Staat
       schafft,  nach  Forsthoff,  heute  die  Tatbestände,  sondern  er
       reagiert auf  die durch  die Industriegesellschaft  geschaffenen.
       Somit komme  es zur   A n g l e i c h u n g   d e r  S t a a t s-
       v e r w a l t u n g   u n d  d e s  S t a a t s a p p a r a t e s
       a n   d i e   S t r u k t u r   u n d   F o r m e n   d e r  g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e n  G r o ß o r g a n i s a t i o n.
       Von zentraler  Bedeutung würden  die Verbände und ihre Einbindung
       in die  Verfassungsordnung. Der Staat interveniere nicht mehr nur
       in die wirtschaftlichen Abläufe, sondern ein Tatbestand sei, "daß
       die Gesellschaft  sich über  die Verbände  des Staates bemächtigt
       hat. Damit  wurde der Staat selbst zum Schauplatz des Ringens der
       gesellschaftlichen Kräfte". 30)
       "Der Staat  ist genötigt,  seine Macht  mit den organisierten ge-
       sellschaftlichen Kräften  zu teilen."  31) Das ist nun "Stamokap"
       reinsten Wassers,  sobald der Realgehalt der organisierten Kräfte
       näher bestimmt  würde, die  "Verschränkung von  Staat und Gesell-
       schaft". 32)  Eine Verschiebung  und Verwischung findet auch hin-
       sichtlich der  Grenzziehung zwischen  Gesetzgebung und Verwaltung
       statt: "Die  Verfassungsgerichtsbarkeit ist  die eklatante Durch-
       brechung der  Gewaltenteilung...". 33)  Das Gericht versetze sich
       in die  Rolle des Gesetzgebers. Es werde "autonomes Richterrecht"
       geschaffen zur  Verknüpfung der  rechtsstaatlichen Verfassung mit
       den Bedürfnissen des Sozialstaats.
       Diese Sichtweise  ist mit  der konservativen  Optik auf den Abbau
       der Grundrechte  verbunden, wobei  zutreffend festgestellt  wird,
       daß die  Ausübung der  Grundrechte heute mehr und mehr an die In-
       stitutionen und Verbände gebunden sei (Parteienprivileg, Kirchen-
       privileg, Presseprivileg  usw.): "Denn was die Grundrechte in der
       Wurzel auszurotten  bestimmt waren,  hat inzwischen seinen Einzug
       in die  Rechtsordnung gehalten:  das Privileg."  34) Dies sei mit
       dem Abbau  der Grundrechte  generell verbunden. Damit ist nun das
       Thema schon  angeschlagen, das im folgenden Abschnitt kurz zu be-
       leuchten sein  wird: Der  'Korporatismus'. Zusammenfassend  kommt
       Forsthoff zu  der Feststellung  von  der    V e r l a g e r u n g
       d e s     S c h w e r g e w i c h t s     d e s      "h a r t e n
       K e r n s   d e s   s o z i a l e n   G a n z e n"   i n    d i e
       I n d u s t r i e g e s e l l s c h a f t  35), von der Unauflös-
       lichkeit des  Verbundes von  Staat und Industriegesellschaft, von
       der Verschmelzung  von Staat und Gesellschaft. Diese Diagnose er-
       folgte zu  Beginn der  staatsmonopolistischen Reformperiode  Ende
       der 60er  Jahre. Inzwischen  hat die konservative Theorie auf der
       Grundlage des  Neoliberalismus stärker  auf den  "starken politi-
       schen Staat" umgeschaltet, als das noch zu der Zeit der Fall war,
       als Forsthoff  seine  Schrift  publizierte,  auf  den  Abbau  des
       "Sozial- und Interventionsstaates", auf die Entprivilegierung per
       Verbändegesetz 36) usw. usf. Letzteres läuft nun unter der Parole
       des Kampfes  gegen den Gewerkschaftsstaat 37), ist also unmittel-
       bar gegen  die gewerkschaftlichen  Koalitionen der Arbeiterklasse
       gerichtet und  orientiert sich  an politischen  Herrschaftsformen
       früherer Perioden.  Diese Umorientierung  hängt eng mit den neuen
       ökonomischen Entwicklungsbedingungen  des Kapitalismus  seit  der
       Krise 1974/75  zusammen. Obwohl  dieses Konzept Züge der Don-Qui-
       chotterie aufweist, haben die Parolen der Verbindung der Freiheit
       des Bürgers  mit der  Verwertungsfreiheit des  Kapitals  durchaus
       eine reale  Stoßrichtung und  reale Konturen.  Die vor  der Krise
       durchaus leicht  angestaubten Parolen  haben in  der Zwischenzeit
       offenbar den Wert gängiger Scheidemünzen gefunden.
       
       4.2 Der SMK - ein neuer Korporatismus? -
       ----------------------------------------
       Zur gegenwärtigen Korporatismusdebatte
       --------------------------------------
       
       Wie dem  interessierten Leser  sicher aufgefallen ist, hat Forst-
       hoff viele Themen der gegenwärtigen Korporatismusdebatte 38), wie
       sie sich im Umkreis der Zunft der bürgerlichen Politologen in den
       letzten Jahren  ausgebreitet hat,  faktisch vorweggenommen.  Auch
       Gegenstand dieser Debatte ist die  v e r ä n d e r t e  R o l l e
       d e r   G r o ß v e r b ä n d e   i m   S M K   und damit die Um-
       strukturierung der Beziehungen Staat/Verbände/Ökonomische und so-
       ziale Interessen  der Gesellschaft.  Die Debatte wird dabei unter
       zwei Gesichtspunkten geführt:
       a. (Mehr  widerwillig)  hinsichtlich  der    S t r u k t u r a s-
       p e k t e   von Staat  und Wirtschaft  und der  Rolle  der  mono-
       polistisch kontrollierten  Vermittlungsglieder, der großen, durch
       die Monopole gesteuerten Wirtschaftsverbände.
       b. (Vorwiegend) hinsichtlich  der   H e r r s c h a f t s m o d i
       des  politischen  Systems  und  der    H e g e m o n i a l k o n-
       s t e l l a t i o n   in der  Gegenwart. Es geht dabei vorwiegend
       um die  korporatistischen  Einbindungsstrategien  von  Staat  und
       Kapital gegenüber den Gewerkschaften.
       Man muß  hier auch festhalten, daß die bürgerliche Politikwissen-
       schaft damit  nur Themen aufgegriffen hat, die im Rahmen der SMK-
       Theorie schon einige Jahrzehnte lang erörtert wurden und bekannt-
       lich Kernstück  der SMK-Konzeption  sind. Insofern liegt über der
       gesamten Korporatismusdebatte ein Hauch der ungenannten Kenntnis-
       nahme von  Realitäten des  SMK, die  nun als  Ausgangspunkt neuer
       strategischer Überlegungen  genommen werden sollen. Dies ist ver-
       bunden mit  einer Modernisierung  der Pluralismuskonzeption  39),
       wie sie bisher im Rahmen der Politologie vorherrschend war.
       Die "Ständestaatsdebatte" ist nun freilich nicht neu, sondern ge-
       hört zum  Standardrepertoire der konservativ-reaktionären Staats-
       und Gesellschaftstheorie, einschließlich der katholischen Sozial-
       lehre. Sie  geht in  die faschistische Ideologie ein und bestimmt
       bis in die Gegenwart Theorie und Praxis südamerikanischer und an-
       derer Diktaturen.  Für die zeitgenössische Debatte ist allerdings
       weniger die  Anlehnung an  diese Theoriebestände wesentlich, son-
       dern vielmehr die Aufnahme der Themen auf dem Hintergrund der Re-
       alitäten des SMK und des Monopolkapitalismus.
       Die (angelsächsischen)  C o r p o r a t i o n s,  d i e  G r o ß-
       u n t e r n e h m e n   der Wirtschaft,  entziehen sich den alten
       Mustern  und   werden  privilegierte  Einrichtungen,  Träger  von
       Privilegien wie  früher die  Stände im  Feudalsystem. Ähnlich wie
       das feudale  Grundeigentum werden  auch  sie  Träger  politischer
       Rechte und, allerdings eingeschränkter, Gerichtsbarkeit über Per-
       sonen. Die  Stände waren gleichzeitig Säulen des "politischen Sy-
       stems" des  Feudalsystems, die  unmittelbaren Träger und Bestand-
       teile des  Feudalstaates. Privilegien  erlangt das Individuum der
       herrschenden Klasse nur als Angehöriger der Stände, und als Ange-
       höriger der  Stände ist  er Mitglied der herrschenden Klasse. Die
       große Masse  des Volkes,  die Bauern,  der städtische Plebs, exi-
       stiert außerhalb der Stände. Die Stände sind Herrschaftsorganisa-
       tion des  Feudalsystems, die Organisation der herrschenden Klasse
       und privilegierter  Gruppen, die  in sich  die  Verflechtung  von
       Staat und Gesellschaft ausdrücken. Züge der Korporationen tauchen
       nun bis  in die Erscheinungsformen in den Verbänden des Spätkapi-
       talismus und ihren Beziehungen zum Staat wieder auf.
       Der zweite oben genannte Aspekt ist ebenfalls nicht neu. Er lehnt
       sich  an  die  realen    S o z i a l p a r t n e r s c h a f t s-
       u n d   I n t e g r a t i o n s m o d e l l e  d e s  S M K,  be-
       sonders der Nachkriegszeit, an und  v e r a l l g e m e i n e r t
       ihre Erfahrungen.  40) Dabei wird aufgenommen, daß die Vergesell-
       schaftungsprozesse, die  der Wirtschaft komplementär entsprechen-
       den Strukturen des Staatsapparats hervorbringen, an deren Knoten-
       punkten und Übergängen  f u n k t i o n e l l e  V e r f l e c h-
       t u n g e n   m i t  e n t s p r e c h e n d e n  "I n s t i t u-
       t i o n a l i s i e r u n g e n"   der  Beziehungen  von  Arbeit,
       Kapital und  Staat herausbilden.   S i e    h e b e l n    f a k-
       t i s c h   d e n    'p l u r a l i s t i s c h e n    P a r l a-
       m e n t a r i s m u s'   aus, weil  hier  die  Mobilisierung  von
       Sachverstand, Information,  Integrations- und  Kooperationspoten-
       tial  erfolgt   und  abrufbar   wird,   was   Voraussetzung   des
       Funktionierens der  Staatsmaschinerie ist.  Das  alte  'pressure-
       group'-Konzept ist  damit bis  zum gewissen  Grad hinfällig. Denn
       statt der One-Way-Beziehung herrscht heute Wechselbeziehung, eben
       Verflechtung vor.  Es ist  also nun  nicht mehr nur die Ebene der
       Vertretungskörperschaften und  Parlamente, die sich als Gesetzge-
       bungsmaschine dem  Expertenwissen der Ausschüsse, Bürokratien und
       der Wissenschaft  ausliefern müssen, sondern auch die Verwaltung,
       die Bürokratie  und die  Regierung bedürfen  der Potenz der Wirt-
       schaftsverbände,  der  Berufsorganisationen,  der  Gewerkschaften
       usw., und  zwar in doppelter Hinsicht: Für Informationen und Ent-
       scheidungsprozesse und für das Austarieren der Interessen und für
       die Ausarbeitung von Handlungsstrategien, die die Wirksamkeit ge-
       genläufiger Kräfte  berücksichtigen, das heißt für die Abstimmung
       jener Linie,  die sich  als Strategie der herrschenden Klasse ge-
       genüber der  Arbeiterklasse realisiert und herausbildet. Die Ent-
       scheidungsprozesse laufen  an den parlamentarischen Institutionen
       vorbei.
       Der Paradefall  für die  BRD war  die zur  Zeit auf  Eis liegende
       'konzertierte Aktion'.  Ihre Aufgabe  hat jedoch heute weitgehend
       die sogenannte  informelle 'Kanzlerrunde'  übernommen; sie findet
       faktisch ebenfalls im Kleinen und auf dezentraler bzw. fachspezi-
       fisch orientierter  Ebene in  diversen Beiräten und Beratungsgre-
       mien mit korporativen Zügen statt. Was den Gralshütern des Neoli-
       beralismus als Sünde wider den heiligen Geist der pluralistischen
       Demokratie, das  politische Pendant der sogenannten freien Markt-
       wirtschaft, erscheint,  ist für  die Verfechter des Korporatismus
       das Selbstverständlichste und Notwendigste von der Welt. Die ana-
       lytisch-politikwissenschaftliche Variante  verdichtet sich zu ei-
       ner     s t r a t e g i s c h e n    K o n z e p t i o n    d e s
       K l a s s e n a r r a n g e m e n t s,  der Formen, Modi, Inhalte
       der Konsensfindung und -bildung unter Bedingungen eines krisenge-
       schüttelten SMK.
       Freilich bezieht  diese Konzeption Front gegen das alte Pluralis-
       muskonzept, das  zwar  Sozialstaatsbedingungen  für  erforderlich
       hält, aber vom Modell konkurrierender, sich aufhebender Kräfte im
       politischen und  gesellschaftlichen Raum,  von der Selbstzügelung
       der Verbände  im gesellschaftlichen  Raum getragen wird. Im alten
       Pluralismuskonzept bewahren  diese Verbände weitgehend ihre Auto-
       nomie gegenüber dem Staat. Dieser steht nach wie vor über der Ge-
       sellschaft und  wird über  die parlamentarischen  Mechanismen von
       oder durch die Mehrheitsinteressen programmiert. Nach diesem Kon-
       zept verkörpert das Parlament nach wie vor die gesellschaftlichen
       Allgemeininteressen. Für die Verfechter des Korporatismuskonzepts
       sind diese  Lehrsätze ein  alter Köhlerglaube,  weil dem die Ver-
       hältnisse heute  nicht mehr  entsprechen, d.h. die Verbände ihren
       Charakter gewandelt haben, mehr Einfluß besitzen usw.
       In  seinen  ideologischen  und  theoretischen  Grundaussagen  ist
       d a s   K o r p o r a t i s m u s k o n z e p t    e i n    d e n
       B e d i n g u n g e n  d e s  S M K  a n g e p a s s t e s  u n d
       d a m i t   m o d e r n i s i e r t e s    P l u r a l i s m u s-
       k o n z e p t.   Was beide Versionen der bürgerlichen Politologie
       ausklammern, ist  der  antagonistische  Charakter  der  Sozialbe-
       ziehungen im  Kapitalismus. Gleichwohl  gibt es  unterschiedliche
       Varianten  in  der  Ausformung  strategischer  Konzeptionen.  Als
       wesentlich kann  es auch  angesehen werden,  daß die Anhänger des
       Korporatismuskonzepts ihre  Aufmerksamkeit nicht auf die Verbände
       schlechthin richten, sondern vor allem den Verbänden des Kapitals
       und den  Gewerkschaften  Aufmerksamkeit  widmen,  diese  als  die
       wesentlichen  Elemente  des  gesamten  Verbändesystems  angesehen
       werden.
       Daß  die     G e w e r k s c h a f t s f r a g e     i n    d e r
       K o r p o r a t i s m u s d i s k u s s i o n    41)  gegenwärtig
       eine solch  große Rolle  spielt, ist kein Zufall. Ist doch in der
       Sicht der herrschenden Klasse die Regulierung der Verteilung, die
       staatsmonopolistische Durchsetzung  des kapitalistischen  Lohnge-
       setzes der Kreuzpunkt der ökonomischen und politischen Systemsta-
       bilisierung, wobei  den gewerkschaftlichen Organisationen der Ar-
       beiterklasse notwendigerweise  eine entscheidende  Rolle  zukommt
       und ihre korporatistische Einbindung erforderlich wird, wenn die-
       ses strategische  Konzept der Monopolbourgeoisie ohne größere Er-
       schütterungen durchgesetzt werden soll.
       
       4.3 Neue Strukturpolitik als staatsmonopolistische
       --------------------------------------------------
       Anpassungsstrategie
       -------------------
       
       Wir hatten schon angedeutet, daß unseres Erachtens die korporati-
       stische Konzeption  durchaus geeignet  ist, im  Interesse des SMK
       neue Strategien  für die  80er Jahre  zu formulieren, die auf die
       korporatistische Einbindung  und Integration  der  Arbeiterklasse
       abzielen. Als  Pendant zu  dieser Tendenz  wurde im CDU/CSU-Lager
       die sogenannte "neue soziale Frage", zeitweise die Parole vom Ge-
       werkschaftsstaat usw.  usf. 'hochgezogen':  die konservativ-reak-
       tionäre Antwort  auf die  schon genannten  Tatbestände. Dies  er-
       folgte generell auf der Woge der mit der Krise 1974/75 einsetzen-
       den neoliberalen  Gegenreformation, die  bis dato in der BRD noch
       nicht gebrochen ist.
       Ihr Grundelement  ist "Demokratie- und Bürokratiekritik". 42) Das
       ist bekannt und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Von In-
       teresse ist  nur  die    D i a g n o s e    e i n e s    t h e o-
       r e t i s c h e n   P r o m o t o r s    s t a a t s m o n o p o-
       l i s t i s c h e r   R e f o r m p o l i t i k    der  sozialli-
       beralen Aera,  der nun  versucht, neue  Auffangstellungen zu  er-
       richten -  und gerade  mit Begründungen,  die strukturelle, hand-
       lungs- und  entscheidungssoziologische Tatsachen  von Großorgani-
       sationen in  den Mittelpunkt rücken und von daher das neoliberale
       Dogma von  der höheren  Effizienz des  "Marktes" im  Gegensatz zu
       bürokratischen Strukturen in Frage stellen. 43) Im Prinzip fallen
       die  Entscheidungen   bei  Staat  und  Konzernen  im  Rahmen  von
       Bürokratien, bürokratischer  Willensbildung, bürokratischen Groß-
       organisationen.
       Als eigentliche   U r s a c h e   d e r  R e g u l i e r u n g s-
       k r i s e n,   ausgedrückt in  den Termini der SMK-Theorie, sieht
       F.W. Scharpf  den   B r u c h   i m    R ü c k k o p p l u n g s-
       s y s t e m  z w i s c h e n  d e n  S t r u k t u r e l e m e n-
       t e n   der "gemischten  Wirtschaft": der  kapitalistisch organi-
       sierten Wirtschaft,  der konkurrenzdemokratisch organisierten Po-
       litik und  der  bürokratisch  organisierten  staatlichen  Admini-
       stration, und  zwar einen Bruch oder eine Anpassungskrise infolge
       Auseinanderlaufens der Eigendynamik der genannten Bereiche.
       Die neoliberalen Positionen der Rückkehr zu automatischen Selbst-
       regulierungsmechanismen sieht  er als  idealistisch, d.h. quer zu
       den praktizierten  Realitäten an, die Kontrastellung von Plan und
       Markt als  unangemessen, weil  dabei für den Plan das Muster not-
       wendiger Zentralisierung unterstellt würde, für den Markt die re-
       lative Stabilität  dezentraler Regelkreise.  Über sie  wirke aber
       generell der  dezentrale Charakter der Demokratie, der in die Ad-
       ministration eingebaut  werden könne. Ebenso könnten sich aus dem
       d e z e n t r a l e n   C h a r a k t e r   bestimmter politisch-
       bürokratischer Bereiche  deshalb auch stabile Gesamtsysteme erge-
       ben. Dieser  Sachverhalt   r e f l e k t i e r t   i m   P r i n-
       z i p  d i e  H e r a u s b i l d u n g  s t a a t s m o n o p o-
       l i s t i s c h e r   K o m p l e x e   und  anderer  staatsmono-
       polistischer Regulierungsformen  in der  Gegenwart.  Unmittelbare
       Interaktionsschienen  sind   dabei  nicht  nur  die  Verbindungen
       zwischen  den  Zentralen,  sondern  derartige  Interaktionskanäle
       bestehen sowohl "unten" als auch "neben".
       Dementsprechend sieht  der genannte Autor in der Tendenz die Her-
       stellung eines neuen Gleichgewichts zwischen Staat und Wirtschaft
       nicht wie  die Neoliberalen im Rückzug des Staates, dem Abbau des
       Interventionsstaates, sondern in der  i n t e n s i v i e r t e n
       I n t e r a k t i o n   v o n   S t a a t,  U n t e r n e h m e n
       u n d   G e w e r k s c h a f t e n,   was unter  der Bezeichnung
       Strukturpolitik läuft.  Damit liefert  er der  derzeitigen Regie-
       rungspraxis eine  theoretische Legitimation  sowie die Stichworte
       für die  Beschreibung dieser staatsmonopolistischen Arbeitsmuster
       'intelligenter',  'sensibler',   'reagibler',   Differenzierter',
       ferngesteuerter', 'flexibler',  Dezentraler' .  also alles Adjek-
       tive, die  man aus Kanzler- und Regierungsverlautbarungen derzeit
       kennt). Seine Prognose: "Die Involviertheit des Staates im ökono-
       mischen Prozeß  wird also  qualitativ wie  quantitativ zunehmen."
       44) "Dies  wäre gewiss  nicht das  Gespenst  der  'Zentralverwal-
       tungswirtschaft' -  aber es  wäre  dennoch  eine  Steigerung  des
       Einflusses der  durch politische  und bürokratische  Kalküle  be-
       stimmten Akteure auf die Ordnungsleistung des Gesamtsystems." 45)
       Es scheint  hier  also  ein  Konzept  auf,  das  im  Prinzip  die
       P r o d u k t i o n s i n t e n s i v i e r u n g   unter den Be-
       dingungen  der  wissenschaftlich-technischen  Revolution    a u f
       d i e   p o l i t i s c h e   E b e n e   d e s  s t a a t s m o-
       n o p o l i s t i s c h e n
       R e g u l i e r u n g s s y s t e m s   z u   ü b e r t r a g e n
       t r a c h t e t   - freilich hier auch in apologetischer Fassung,
       weil die  Realität zumindest unter dem Diktat der privatmonopoli-
       stischen Entwicklungsvariante  des SMK  partielle Rücknahmen  und
       Entwicklungsblockaden des Staatsinterventionismus unter dem Druck
       des Neoliberalismus  mit sich  gebracht hat.  Außerdem kann  auch
       nicht übersehen  werden, daß  diese Intensivierung  auch die zen-
       trale Ebene,  vor allem  hinsichtlich der Verteilungsfrage, nicht
       aussparen kann.  In Scharpfs Prognose erscheinen die Konturen ei-
       nes zukünftigen  neuen Gleichgewichtes,  in dem  die  Beziehungen
       zwischen Staat und Monopolen reibungsloser funktionieren.
       Überblickt man  die Struktur  der Aussagen zur Realität des Herr-
       schaftssystems, der  politischen Verhältnisse und des Staates des
       SMK, so  werden im  Prinzip, jeweils  vor einem anderen ideologi-
       schen Hintergrund,  in einer anderen theoretischen Konzeption und
       mit unterschiedlicher  Intention wichtige  Grundaussagen der SMK-
       Theorie bestätigt. Es ist dies ein staatsmonopolistischer Überbau
       mit deformierten  Vergesellschaftungsstrukturen 46),  mit sich zu
       Komplexen verdichtenden  staatsmonopolistischen  Verflechtungsmu-
       stern, mit dem Knochengerüst des parlamentarischen Repräsentativ-
       staates, aber  mit dazu völlig kontrastierenden realen Macht- und
       Entscheidungsstrukturen, mit zunehmenden Zügen eines spezifischen
       Autoritarismus usw.
       Dieses System  bleibt von  den Widersprüchen  und Krisenprozessen
       der kapitalistischen  Basis nicht  verschont; diese sind vielmehr
       Triebkräfte seiner  Herausbildung. Die  Krise der staatsmonopoli-
       stischen Regulierung  hat nicht  nur ökonomische Aspekte. Das In-
       fragestellen und die Angriffe der konservativ-reaktionären Kräfte
       auf den  sogenannten Sozial-  und Leistungsstaat im Interesse der
       'freien Wirtschaft'  der Konzerne  ist offensichtlich  keine vor-
       übergehende Episode.  Die darin involvierten Klassenkämpfe machen
       neue   Hegemonial-   und   Herrschaftsmuster   unabdingbar.   Der
       "p o l i t i s c h    s t a r k e    S t a a t"    d e s    S M K
       n e u e n   Z u s c h n i t t s   ist in  den Konturen erkennbar.
       Daß er  eine Erweiterung der demokratischen Rechte des Volkes mit
       sich bringen würde, erwartet niemand.
       
       4.4 Gewalt und Konsensbildung
       -----------------------------
       
       Wir möchten  nun nochmals  kurz ein  Thema aufgreifen, das in den
       bisherigen Ausführungen  schon verschiedentlich angeschlagen wor-
       den war:  das Verhältnis  von Gewalt  und Konsens  in  der  Herr-
       schaftsausübung.
       Im Zweifelsfalle  und letztendlich  beruht jede Klassenherrschaft
       und jede  Klasssenstrategie und  vor allem  die staatsrealisierte
       auf Repression  und Gewalt,  und anders läßt sich Konsens auf der
       Basis und bei Existenz antagonistischer Verhältnisse nicht erzie-
       len. Jede  Form von  Ideologie ist  in ihrer  Bindekraft von men-
       schlichem Denken  und Verhalten auf die Dauer zu schwach, Haltun-
       gen   g e g e n  die eigenen Vorteile und Interessen zu veranlas-
       sen. In  dieser Hinsicht  weist das  Werte- und  Normensystem der
       bürgerlichen Gesellschaft  immer entscheidende  Brüche auf.  Dies
       drückt sich  etwa in  der altbekannten  Haltung des Steuerbetrugs
       der  Bourgeoisie  gegenüber  ihrem  eigenen  Staat  aus.    D i e
       I n t e g r a t i o n   d e s   b ü r g e r l i c h e n    P r i-
       v a t i n t e r e s s e s   b e d a r f    d e s h a l b    v o n
       v o r n h e r e i n   i m m e r   d e r   S a n k t i o n   u n d
       d e s   Z w a n g s,  der Gewalt, in letzter Konsequenz sogar der
       Sanktion der physischen Vernichtung.
       In noch  höherem Maße  betrifft dies  die   E i n z w ä n g u n g
       d e s  P r o l e t a r i a t s  in kapitalistische Produktion und
       Gesellschaft. Bekannt ist die Blutspur der ursprünglichen Akkumu-
       lation. Danach  folgt zwar der stumme Zwang der ökonomischen Ver-
       hältnisse für  eine  verwertungsadäquate  Lohnarbeitermentalität,
       aber selbst  dabei bedarf es immer wieder der Nachhilfe der nack-
       ten Gewalt,  vor allem des Staates. Es liegt in der Natur der Sa-
       che, daß  die offene  Repression in Krisenperioden stärker in den
       Vordergrund tritt  als in  Zeiten der  reibungslosen Akkumulation
       und Produktion.
       Aber  selbst   in   Zeiten   noch   relativ   großer   Stabilität
       b e g l e i t e n  G e w a l t  u n d  d e r Z w a n g  i m m e r
       d i e   K o n s e n s b i l d u n g.  47) Dieser Sachverhalt, daß
       es kein Recht, Gesetz, Staat ohne Sanktion, Repression und Gewalt
       geben kann, daß die Sanktion dies letzten Endes immer einschließt
       und bedeutet,  trifft selbstverständlich  auch auf das Verhältnis
       des politischen Regimes und Herrschaftsmechanismus gegenüber lau-
       fenden oppositionellen  Bewegungen zu, etwa gegenwärtig den neuen
       sozialen Bewegungen  (Hausbesetzerbewegung!). Aus diesem Sachver-
       halt ist  umgekehrt   n a h e z u   u n a b d i n g b a r,  d a ß
       r e v o l u t i o n ä r e   G e w a l t   a l s    G e b u r t s-
       h e l f e r     j e d e r    n e u e n    G e s e l l s c h a f t
       a u f g e t r e t e n   i s t  u n d  w a h r s c h e i n l i c h
       a u f t r e t e n  w i r d.
       Es ist  fast ein Gemeinplatz, daß  M a c h t  a l s  g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e s   V e r h ä l t n i s   n i c h t    g e-
       g e n s t ä n d l i c h e r   N a t u r  48) ist, obwohl die Aus-
       übung von  Macht immer der personellen und stofflichen Materiatur
       bedarf. Nicht  umsonst hatten  die Potentaten früherer Zeiten auf
       ihre Kanonen eingegossen: "ultima ratio regis". Deshalb ist Macht
       auch kein  Nullsummenspiel 49),  das der Aufteilung eines Kuchens
       vergleichbar wäre.  Aber bei  aller Distanz  von  einer  mechani-
       stischen Machtauffassung  dieser Art  darf das Kind nicht mit dem
       Bade ausgeschüttet  werden. Es  bleibt natürlich  auch bei  einer
       dynamischen Sicht  der  Dinge  als  Tatsache  bestehen,  daß  bei
       antagonistischen, polarisierten  Verhältnissen  der  Zuwachs  der
       einen Seite auf Kosten der anderen geht.
       Mit Recht  wird im  A n s c h l u ß  a n  A.  G r a m s c i  50),
       man könnte  dabei übrigens  auch auf  andere marxistische Autoren
       jener Epoche  verweisen, darauf aufmerksam gemacht, daß Macht und
       Herrschaft der  Bourgeoisie nicht  nur auf der Fähigkeit beruhen,
       ihren Willen  der Arbeiterklasse mit Gewalt aufzuzwingen, sondern
       daß dazu  auch die  Fähigkeit der Herstellung eines gesellschaft-
       lich-ideologischen Konsenses  gehört, einer  Übereinstimmung zwi-
       schen Herrschenden und Beherrschten über den Modus der Herrschaft
       und Machtausübung.  Man hat  dabei vor  allem auf  die Rolle  und
       Wirksamkeit der  i d e o l o g i s c h e n  A p p a r a t e  ver-
       wiesen 51), also auf die ideologische Reproduktion der Herrschaft
       in ihrer Auswirkung auf die Individuen, Gruppen, Klassen, Schich-
       ten .  kurz auf  die Herausbildung  der zur Herrschaftsstabilität
       erforderlichen Denk- und Verhaltensmuster bei den Beherrschten.
       Notwendigerweise greifen  die solcher  Art aufgefaßten  ideologi-
       schen Staatsapparate weit über den Staat hinaus und weit über das
       politische Regime  im oben erläuterten Sinne. Aber obwohl der Be-
       griff übertrieben  und in dieser Hinsicht unkorrekt ist, wird un-
       ser Augenmerk  doch generell auf die Rolle der gesellschaftlichen
       Institutionen  und  Bereiche,  also  auf  den    i d e o l o g i-
       s c h e n   Ü b e r b a u   a l s    G a n z e s    g e l e n k t
       u n d   s e i n e   e n g e   B i n d u n g   u n d  V e r b i n-
       d u n g    m i t    d e n    H e r r s c h a f t s v e r h ä l t-
       n i s s e n,   d.h. mit  dem  politischen  Regime  hervorgehoben.
       Infolge einer  antagonistischen Klassen-  und Eigentumsbasis kann
       jedoch niemals  für längere Dauer ein geschlossenes ideologisches
       System entstehen.  Die Widersprüche und Gegensätze transformieren
       sich in ideologische und werden als solche den . Menschen bewußt.
       Dies markiert  die Grenzen  der  Hegemonialstrategien  des  Mono-
       polkapitals.
       In diesem  Zusammenhang wird  die  F r a g e  d e r  H e g e m o-
       n i e,   d e r   H e r r s c h a f t    a l s    F ü h r u n g s-
       f ä h i g k e i t,   aufgeworfen, eine  alte leninistische  Über-
       legung. Sie  stellt sich  für die Ausbeuterklasse, als verschwin-
       dender Minderheit  der Bevölkerungsmasse,  immer  mit  besonderer
       Schärfe. Dies  gilt natürlich  in zugespitztem Maße für die Mono-
       polbourgeoisie unserer  Zeit. In  diesem Prozeß  spielt der Staat
       mit wechselnden  Schwerpunkten in  den einzelnen  Apparaten  eine
       wesentliche  instrumentale   Rolle.  Diese   Rolle  fällt  diesen
       Apparaten gerade  deshalb zu,  weil sie die Herrschaftsinteressen
       der Monopolbourgeoisie als Staatsinteressen und Regierungspolitik
       verallgemeinern müssen,  ein Prozeß,  der unter  Bedingungen  von
       Kämpfen,   sozialem    Druck   und   gegensätzlichen   Interessen
       stattfindet. Darin  schlagen sich immer sowohl die Kräfteverhält-
       nisse der  antagonistischen Gruppierungen als auch der Fraktions-
       gruppen und  Koalitionen innerhalb  des  herrschenden  Eigentums-
       blocks nieder.
       Für den  SMK gilt,  daß   d e r   S t a a t   d i e  w e s e n t-
       l i c h e   E b e n e   d e r    R e a l i s i e r u n g    d e r
       H e g e m o n i e   durch die Monopolbourgeoisie gegen die Arbei-
       terklasse wird,  weil infolge  des Vergesellschaftungsgrades  die
       Ansprüche und  Bedürfnisse aus  dem Bereich  der Reproduktion der
       Arbeitskraft auf  dieser  Ebene  befriedigt  werden  müssen,  ein
       Sachverhalt 52), der sich in der Formel vom Sozialstaat niederge-
       schlagen hat.
       Die "Bündnispolitik" der Monopolbourgeoisie muß infolge der neuen
       sozialstrukturellen Bedingungen  weit in  die Arbeiterklasse hin-
       eingreifen und bestimmte ihrer Interessen aufnehmen, die eine An-
       bindung an  das System  des SMK involvieren können. Unter den ge-
       genwärtigen Bedingungen  des SMK  sind weder  die Parlamente noch
       die bürgerlich-sozialdemokratischen  Parteien in  der  Lage,  den
       Prozeß der Interesseneinbindung und Konsensbildung autonom zu be-
       wältigen. Dies erfolgt deshalb wesentlich auf der Ebene der Klas-
       senorganisationen und  gesellschaftlichen Verbände. Erst von hier
       aus greifen  sie wieder  in den  Parteiprozeß ein.  Sie, und  das
       trifft in  erster Linie auf die durch die Monopole kontrollierten
       Winschaftsverbände zu,  üben Einfluß  auf das  Gesamtsystem  aus,
       sowohl durch  die Entfaltung ihrer Macht auf den "unteren Etagen"
       des Überbaus  als auch  über die Parteien, die Bürokratie und die
       sogenannten korporatistischen Scharniere und Bereiche.
       
       5. Zu den Kraftfeldern der Verbändestruktur
       -------------------------------------------
       
       War früher  in der Adenauer-Ära von der 'Herrschaft der Verbände'
       die Rede und von der pluralistischen Struktur des Verbändewesens,
       so bestehen, wie wir gesehen haben, heute die Hauptthesen der An-
       hänger der Korporatismuskonzeption darin, daß es eine wechselsei-
       tige Durchdringung  von Verbänden  und Staat,  die Doppelbewegung
       von Verstaatlichung  und Privatisierung  gebe, und daß den Unter-
       nehmerverbänden und  den Gewerkschaften  die entscheidende  Rolle
       zukomme. Freilich  reflektiert die prinzipielle Gleichsetzung der
       Verbände nach  wie vor  den ungebrochenen 'pluralistischen Grund-
       konsens', d.h. trotz bestimmter Einsichten in die Überbaustruktu-
       ren des  SMK wird deren antagonistischer und Herrschaftscharakter
       verschleiert.
       Stellt man  diesen Sachverhalt in Rechnung, dann wird es möglich,
       die   r e a l e   S t r u k t u r  d e s  Ü b e r b a u s  zu er-
       schließen. Sicher  gibt es  immer den spezifischen Untersuchungs-
       zwecken angepaßte  Gliederungskriterien, die auch immer in diesem
       oder jenem  Maße Aspekte der Realität wiedergeben. Jedoch muß von
       dem übergeordneten  Gesichtspunkt ausgegangen werden, daß Organi-
       sationen, Institutionen,  Ideologien, die  sich auf der Basis von
       Interessen entwickeln,  in mehr  oder weniger  engem Zusammenhang
       mit den  Produktions- und  Eigentumsverhältnissen,  der  Klassen-
       struktur und  den Klassen . diese erfahren ja erst in und mit ih-
       ren Organisationen  ihre Entwicklung "für sich" und zu sich . und
       zum Staat als Herrschaftsorganisation stehen.
       Hieraus ergeben  sich -  unter Berücksichtigung des Herrschafts-,
       Unterdrückungs- und  Ausbeutungscharakters  der  kapitalistischen
       Gesellschaft -  die wesentlichen  Kriterien  der  Gliederung  des
       nichtstaatlichen Überbaus.
       Dabei ergibt sich nach der  N ä h e  u n d  F e r n e  z u  d e n
       P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e n    u n d    z u r
       s t a a t l i c h e n  M a c h t  sowie dem realen Einfluß darauf
       eine bestimmte  Schichtung oder  Etagenstruktur 53) bei Beachtung
       der Grenzen  der Aussagekraft, die bei bildhaften Vergleichen er-
       forderlich ist.
       Diese  E t a g e n s t r u k t u r  ist  b e i  d e n  U n t e r-
       n e h m e r v e r b ä n d e n    besonders  deutlich:  Fach-  und
       Branchenorganisationen nehmen  in hohem  Maße unmittelbar  ökono-
       mische Funktionen  wahr und  stellen vielfach  faktische Monopole
       mit  Kartellcharakter   dar.  Sie  wachsen  unmittelbar  aus  der
       Basisstruktur des  Kapitals hervor.  Die Zentralverbände,  die in
       sich wiederum  eine hierarchische  Struktur aufweisen, sind Herr-
       schaftsinstrumente mit  vorwiegend politischem Charakter und Auf-
       gaben. Sie sind Zentren der Umwandlung ökonomischer in politische
       Macht. In  ihnen realisiert sich die Herrschaft der Monopole über
       die nichtmonopolistische  Bourgeoisie und  andere Eigentümergrup-
       pen. Sie  sind Zentralen  der Hegemoniebildung und -realisierung.
       Sie sind  auch die  Verflechtungsscharniere im Interaktionssystem
       von Staat  und Monopolen,  das Glied,  "das die  Verflechtung von
       Staat und Monopolen ständig reproduziert", die "Träger der allge-
       meinen Klasseninteressen der Monopolbourgeoisie". 54)
       Nach wie  vor  ist  es  erforderlich,  den  Klassencharakter  des
       p o l i t i s c h e n   S y s t e m s  zu erkennen und deshalb in
       seinem Rahmen die herrschaftsrealisierenden Glieder zu bestimmen:
       die bürgerlich  sozialdemokratischen Parteien und die politischen
       Massenorganisationen der  Bourgeoisie . je nach konkreten Umstän-
       den auch  anderer sozialer  Gruppen und  Schichten, die  mit  der
       Bourgeoisie bzw.  Monopolbourgeoisie in Bündnisbeziehungen stehen
       . und  die  Unternehmerverbände  also  die    p o l i t i s c h e
       H e r r s c h a f t s o r g a n i s a t i o n   des SMK,  zu  der
       auch der Staatsapparat gehört.
       Dieses   H e r r s c h a f t s s y s t e m   ist in  der Regel in
       der Gesamtstruktur  des Verbändesystems  fest verwurzelt  und übt
       gegenüber anderen  Überbaubereichen der  herrschenden Klasse  und
       ihrer Verbündeten eine hegemoniale Funktion aus, ja, wie wir wei-
       ter vorn  schon erörterten,  es kann seine Hegemonialfunktion nur
       wahrnehmen, indem es Interessen und Impulse aus dem Gesamtbereich
       'verarbeitet', d.h. mit den Herrschaftsinteressen vermittelt.
       Wir hatten ebenfalls schon von der wechselnden Bedeutung der ein-
       zelnen Bereiche  und Organisationen  und den  sich verschiebenden
       Schwerpunkten gesprochen.  Dies gilt  nicht nur für den Staat und
       die politische  Herrschaftsorganisation, sondern  für den Überbau
       der herrschenden Klasse als ganzes.
       Entsprechend der    a n t a g o n i s t i s c h e n    B a s i s-
       u n d  K l a s s e n s t r u k t u r  d e s  S M K  gehen wir da-
       von aus,  daß dies   a u c h   i m  Ü b e r b a u  seinen Nieder-
       schlag findet. 55) Es geht also um den unterschiedlichen Klassen-
       charakter der  Organisationen, Institutionen, Ideen. Dabei sollen
       keinesfalls die  komplizierten und den Antagonismus modifizieren-
       den Vermittlungsprobleme in Abrede gestellt werden. Das hebt aber
       den Klassencharakter  der  Überbauerscheinungen  nicht  auf.  Wer
       diesen Zusammenhang  leugnet und  in diesem Zusammenhang abfällig
       von 'Klassenreduktionismus'  spricht, verläßt den Boden der mate-
       rialistischen Geschichtsauffassung.  Demgegenüber gilt  es  daran
       festzuhalten, daß  die Interessen  der Arbeiterklasse  im Überbau
       ihren  institutionellen  und  ideologischen  Niederschlag  finden
       (Gewerkschaften, Parteien, Organisationen usw.).
       Wenn wir  von den  Verbänden bzw. der Struktur des Überbaus spre-
       chen, muß  man berücksichtigen, daß sich weitere Bereiche auf der
       Basis spezieller  Interesse bilden,  die, selbst wenn sie aus der
       reinen  Klassenbasis   hervorwachsen,  faktisch    k l a s s e n-
       ü b e r g r e i f e n d e n     C h a r a k t e r s    sind.  Das
       trifft selbst  auf die unmittelbaren Kapitalistenverbände zu, die
       meist bis  in die  selbständigen Mittelschichten  reichen. Selbst
       wenn also die Interessenverbände ihren sozialökonomischen Schwer-
       punkt beibehalten,  greifen sie  hinsichtlich  ihres  Adressaten-
       kreises über diesen hinaus.
       Dies ist  völlig offensichtlich  bei auf ideologischen Interessen
       begründeten Organisationen  wie Kirchen  usw. Deshalb spielen ge-
       rade auch  sie eine unverzichtbare Rolle zur Einbindung systemop-
       positionellec Kräfte  und zur  Herstellung der Legitimationsbasis
       für die  entsprechenden   H e g e m o n i a l s t r a t e g i e n
       der Monopolbourgeoisie.
       Dies hat  nicht nur  vordergründig politische  Aspekte.  Vielmehr
       geht es  um die  Sozialisation und Konditionierung der Individuen
       und sozialen  Gruppen, um  ihre geistige  Unterwerfung unter  die
       Werte, Normen,  Verhaltensmuster der Bourgeoisie bzw. unter jene,
       die deren  Herrschaft zu sichern und zu befestigen geeignet sind.
       56)
       Beachtet werden müssen die heute gewaltigen  A p p a r a t e  der
       Massenkommunikation 57),  des Bildungs- und Erziehungswesens, des
       Gesundheits- 58) und Sozialwesens. In diesen Bereichen realisiert
       sich nicht  nur die  staatsmonopolistische Verflechtung  und  die
       Wirksamkeit korporativer Herrschaftsmuster, sondern hier findet -
       ebenso wie  in der  materiellen Produktion  und Wirtschaft - auch
       ideologische, politische  Beherrschung der  Volksmassen durch den
       SMK statt. Freilich hätten wir die Rolle dieser Bereiche nur halb
       verstanden, würden  wir nicht  berücksichtigen, daß  sie Ausdruck
       eines Vergesellschaftungsprozesses sind, der letzten Endes - soll
       die Deformation  verhindert und  aufgehoben werden - die Brechung
       der Herrschaft der Monopole und des Profitprinzips verlangt.
       Es ist  die Grundfunktion  des gesellschaftlichen  Überbaus,  daß
       sich die  Menschen in  ihm und  durch ihn ihrer Interessen bewußt
       werden, sie  formulieren und für ihre Verwirklichung bzw. Befrie-
       digung eintreten.  Deshalb sind letztlich die Bedürfnisse und In-
       teressen die  Grundlage der gesellschaftlichen Organisationen und
       Verbände.  Sie   sind  die    g e s e l l s c h a f t l i c h e n
       F o r m e n   i h r e r   D u r c h s e t z u n g   u n d  R e a-
       l i s i e r u n g.   Die Herrschaftsorganisation  und der Überbau
       der herrschenden  Klasse müssen  immer  diese  Interessen  so  zu
       verarbeiten suchen,  daß sie  mit ihren  Eigentums- und Systemin-
       teressen auf  den vielfältigsten Ebenen vermittelt werden können.
       Sie sind  bestrebt, den  Antagonismus zu unterdrücken und ideolo-
       gisch und  politisch zu  verdrängen, d.h.  sein Wirksamwerden  im
       Überbau auf  der Seite  der unterdrückten  Klasse zu  verhindern.
       Dazu muß  die Monopolbourgeoisie immer wieder neue Hegemonialkon-
       stellationen und  -varianten entwickeln  und durchsetzen: mit Ge-
       walt  u n d  Kompromiß, mit Unterdrückung  u n d  Konsensbildung.
       P o l i t i s c h e   K r i s e n,  die auf einer Seite immer Le-
       gitimationskrisen des herrschenden Systems sind oder werden, ent-
       stehen dann,  wenn der  herrschende Überbau die neuen Bedürfnisse
       und Interessen  nicht mehr  Abarbeiten' kann  und damit neue Ele-
       mente im  Überbau wirksam  werden. Das ist gegenwärtig in der BRD
       mit den neuen sozialen Bewegungen der Fall.
       
       6. Anmerkungen zu den Hegemonialkonzeptionen des SMK
       ----------------------------------------------------
       
       Wenn man  heute über  Hegemonialvarianten der  Monopolbourgeoisie
       der BRD  spricht, dürfen  die ökonomischen  und politischen  Aus-
       gangsbedingungen . und zwar in den nationalen und den internatio-
       nalen Dimensionen  . nicht  aus dem Auge verloren werden. Hieraus
       ergeben sich  die wesentlichen Determinanten der Strategiebestim-
       mung der  herrschenden Klasse. Wir hatten sie früher als Stabili-
       tätspolitik unter den Auspizien der  p r i v a t m o n o p o l i-
       s t i s c h e n  E n t w i c k l u n g s v a r i a n t e  des SMK
       der BRD bezeichnet. 59)
       Die Entwicklungstendenzen des Überbaus, die Forcierung korporati-
       stischer Muster u.a. zeigen, daß die Monopolbourgeoisie gegenwär-
       tig Problemlösungs-  und  Anpassungsstrategien  praktiziert,  bei
       denen die  Macht- und Entscheidungszentren nicht in den formellen
       Zentren des Staatsapparates liegen. Trotzdem wäre es völlig unzu-
       treffend, von einer Strategie am Staat vorbei oder ohne den Staat
       oder gar  gegen ihn  zu sprechen. Vielmehr geht es um die Bestim-
       mung der  Formen, Methoden usw., derer sich der Staat bedient, um
       die Indienstnahme des Staates durch die Monopole an den formellen
       Vollzugssträngen der Staats- und Vertretungshierarchie vorbei.
       Mitunter wird auch übersehen, daß es unabhängig von den konkreten
       Herrschafts- und Regierungsvarianten ein Grundzug des SMK war und
       ist, die  Arbeiterklasse und  ihre Organisationen  in ein  System
       i n t e g r a t i v e r     S o z i a l p a r t n e r s c h a f t
       zu binden.  Dabei wechseln  freilich, und zwar nach den konkreten
       Kräfteverhältnissen, die  'Eintrittsbedingungen' 60).  Es ist das
       ständige Streben des Monopolkapitals, nach dem Motto "wenig mate-
       rielle und  soziale Leistung  - viel  integrative Einbindung"  zu
       verfahren. Auf der anderen Seite sind selbst sozialpartnerschaft-
       lich orientierte  Gewerkschaftsführer zu  einer gegenteiligen In-
       terpretation veranlaßt.
       Man kann  auch bei  allen Bemühungen zur korporativen Einbindung,
       erfolge sie jetzt nach dem sozialliberalen oder dem konservativen
       Muster 61),  nicht übersehen, daß die Gewerkschaften nach wie vor
       von den  wesentlichen Entscheidungsbereichen und -zentren ohnehin
       ausgeschlossen und  ferngehalten bleiben, oder vielfach, wenn sie
       einbezogen sind, ohne reale Entscheidungsmöglichkeiten und Mitbe-
       stimmung bleiben. Das ist bekanntlich nicht nur auf betrieblicher
       Ebene so.  Dementsprechend hat  auch die  sozialliberale Variante
       vorwiegend eine ideologische Funktion, berührt aber weniger reale
       Entscheidungsstrukturen des  SMK. Dies wird gegenwärtig offenkun-
       dig.
       In welchen  Varianten auch  immer,  so  ist  der  SMK  gezwungen,
       K o n s e n s b i l d u n g  d u r c h  S o z i a l p o l i t i k
       gegenüber der  Arbeiterklasse und  den Mittelschichten zu betrei-
       ben. Angesichts der Sozialstruktur des heutigen SMK muß er einer-
       seits mit  dieser Politik  weit in die Arbeiterklasse hineingrei-
       fen, zum  anderen nutzt er zielstrebig objektive Unterschiede und
       Differenzierungen, um  die Spaltung  der Arbeiterklasse  für sich
       nutzbar  zu   machen.  Ob   die  Spaltung   zwischen  "Kern"  und
       "Peripherie" vorangetrieben  wird oder  ob diese Metapher eher zu
       Mißverständnissen Anlaß  gibt, sei dahin gestellt 62). Die Tatsa-
       chen zeigen  aber, daß  der SMK vor allem die unorganisierten und
       schwachen Gruppen  auszugrenzen trachtet  (Modell USA).  Die Mög-
       lichkeiten dazu werden allerdings stark
       
       
       
       
       durch die ökonomischen und sozialen Widersprüche bestimmt und be-
       grenzt. So  wird die  Haushaltssanierung 1981/82  nicht mehr  nur
       Randgruppen treffen, sondern mit einer generellen Rentenminderung
       auch das  Selbstverständnis des  Kerns der Arbeiterklasse angrei-
       fen. Aber  selbst unter diesen Bedingungen wird und kann die Ver-
       mittlung von  Interessen in die Hegemonialstrategie nicht nur auf
       rein ideologischen  Momenten aufbauen. Sie bedarf immer des mate-
       riellen Substrats.  Die  ausschließliche  Bedienung  der  reichen
       Leute, der  Mittelschichten und  bestimmer oberer Randgruppen der
       Arbeiterklasse wie  unter  dem    R e a g a n-    und    T h a t-
       c h e r - K u r s   ist dazu  nicht ausreichend. Die Aufnahme und
       Verarbeitung von  Masseninteressen,  die  die  Anbindung  an  das
       staatsmonopolistische  System   involvieren  können,  bleibt  we-
       sentlicher Inhalt der Politik gegenüber der Arbeiterklasse.
       Die Durchsetzung der verschiedenen Hegemonialvarianten realisiert
       sich .  allerdings nicht  ausschließlich . über verschiedene Par-
       teien und  Koalitionen des staatsmonopolistischen Systems mit un-
       terschiedlichen Verbändebindungen.  Für  das    A d e n a u e r -
       R e g i m e   war charakteristisch der Unterbau, den die CDU/CSU-
       Regierung  in  Unternehmerverbänden,  Mittelstands-  und  Bauern-
       verbänden, Flüchtlingsverbänden,  Kirchen u.a.  fand.  63)  Diese
       Variante realisierte  sich also  über die Anbindung konservativer
       Eigentumsinteressen an  das System  des SMK.  Sie  erodierte  vor
       allem dann,  als diese  "Transmissionsriemen"  einen  Bedeutungs-
       verlust hinnehmen  mußten und  die CDU/CSU-Führung  unter  Erhard
       sich als unfähig erwies, die neu entstandenen Bedürfnisse und In-
       teressen mit den System- und Wirtschaftsinteressen des Monopolka-
       pitals zu vermitteln.
       Das   s o z i a l l i b e r a l e   R e g i m e  beruht demgegen-
       über in erster Linie auf der Spange Regierung/Parteiführung . mo-
       nopolistisch kontrollierte  Unternehmerverbände -  Großkonzerne -
       Gewerkschaftsführungen und  Organisationen, die aus der Arbeiter-
       bewegung hervorgegangen  sind. Damit  erhalten die Gewerkschafts-
       führungen Zugang zu den Spitzen der Administration und zur Regie-
       rung.
       Der   'S e n s i b i l i t ä t s m a n g e l'   der  bürgerlichen
       und sozialdemokratischen  Parteien sowie  der  Parlamente  drückt
       tiefgehende Veränderungen  im Überbau  und Herrschaftsmechanismus
       des SMK  aus. Damit  ergibt sich,  daß die    I n t e r e s s e n
       wichtiger Bevölkerungsgruppen   a u ß e r h a l b   d e r  P a r-
       t e i e n   in den  verschiedenen  Verbänden  formuliert  werden.
       Diese Interessen greifen nun über die Präsenz und den Einfluß der
       Verbände  in   den  Parteiprozeß   ein.  Sie   werden  integraler
       Bestandteil des politischen Prozesses im SMK. Das ist die notwen-
       dige Komplementärfunktion  zur Verstaatlichung der bürgerlich-so-
       zialdemokratischen Parteien.
       Natürlich hat die Aushöhlung der Substanz der sozialliberalen Re-
       gierungspolitik und  'Führungsfähigkeit' viele Ursachen. Sie hän-
       gen mit  der Veränderung  der ökonomischen und politischen Situa-
       tion des  BRD-Kapitalismus und  mit der  Preisgabe einer  gesell-
       schaftlichen Reformpolitik  zusammen. Der Versuch, mit dem propa-
       gandistischen "Modell  Deutschland" dafür  eine  Kompensation  zu
       schaffen, war  zwar nicht wirkungslos, brachte aber im Sinne sei-
       ner Urheber  bei weitem nicht die erwartete ideologische Integra-
       tionsfähigkeit.
       Wie dem  aber immer  sei, so setzte die  r e a l e  E r o s i o n
       s o z i a l l i b e r a l e r  M a c h t  in den vergangenen Jah-
       ren vor  allem auf  der Interessenvermittlungsebene ein. Sie kann
       mit den  Schlagworten Bürgerinitiativen,  Ökologiebewegung, Anti-
       KKW-Bewegung, neue  soziale Bewegungen, Alternativgruppierungen .
       einschließlich der  Grünen, Bunten  usw. . umrissen werden. Hinzu
       kommt die gegenwärtig rasch wachsende Friedens- und Anti-Raketen-
       bewegung. Beachtet  werden müssen  auch die Bewegungen um die Er-
       haltung der  demokratischen Grundrechte,  weil sie angesichts der
       autoritären Tendenzen  des Sicherheits-  und Herrschaftsapparates
       des SMK und den damit zwangsläufig verbundenen Exzessen jederzeit
       Massencharakter annehmen können. 64)
       Ungeachtet der  generationsspezifischen Sprünge  erfolgt hier der
       Aufbau einer  alternativen Verbändestruktur auf der Basis von In-
       teressen, die  die sozialliberale  Konstellation an der Regierung
       nicht zu integrieren in der Lage ist, wie noch nach den 60er Jah-
       ren die  APO. Mit  Gewißheit kann  festgestellt werden,  daß  die
       CDU/CSU, in  welchen Kombinationen  auch immer  an der  Regierung
       oder in  der Opposition -, dazu ebenfalls nicht in der Lage wäre.
       Eine Sozialdemokratie  in der Opposition bedürfte der Umorientie-
       rung auf  die 'Eppler-Richtung', um dabei wesentliche Erfolge ha-
       ben zu  können. Da die wesentliche gesellschaftliche Funktion der
       Sozialdemokratie in  der Integration  potentiell antikapitalisti-
       scher Kräfte  in das System des SMK besteht, bedarf es keines be-
       sonderen Scharfsinnes . übrigens auch infolge der an der Oberflä-
       che liegenden  empirischen Gründe  ", daß  sich in  der  BRD  das
       Schicksal der sozialliberalen Hegemonialstrategie auf diesem Feld
       entscheiden wird,  also ob es der Sozialdemokratie gelingen wird,
       diese Felder unter Kontrolle zu nehmen oder nicht.
       Für die gewiß in der BRD nicht allzu starken bewußt antikapitali-
       stischen und antimonopolistischen Kräfte, wie sie sich im Kern um
       die DKP gruppieren und in ihr organisieren 65), ergeben sich, wie
       generell für  die Linke  insgesamt, bedeutende  Aufgaben und Mög-
       lichkeiten. Sicher  ist es  noch ein weiter Weg bis zur Realisie-
       rung  einer     a n t i m o n o p o l i s t i s c h e n,    v o n
       d e r  A r b e i t e r k l a s s e  g e t r a g e n e n  H e g e-
       m o n i a l s t r a t e g i e.  Aber der Weg dazu muß schon heute
       beschritten werden.  Dabei steht  der Kampf gegen die Rüstung und
       Raketenrüstung  an  erster  Stelle,  weil  die  zunehmende  Mili-
       tarisierung  nahezu   zwangsläufig  den  Autoritarismus  des  SMK
       befördern müßte.  Die relative Stabilität der Verhältnisse, deren
       man sich ja bei allen aufbrechenden Gegentendenzen bewußt bleiben
       muß, hängt in hohem Maße daran, daß bis jetzt die Massenorganisa-
       tionen der  Arbeiterklasse noch  von den neuen sozialen und demo-
       kratischen Bewegungen  abgeschottet sind.  In der Herstellung von
       Verbindung und  Solidarität entscheidet sich wesentlich die reale
       Perspektive von gesellschaftlichen Veränderungen.
       Schließlich sei abschließend festgehalten, daß die in diesem Bei-
       trag behandelte  Veränderung der  Überbaustrukturen des  SMK auch
       Anlaß sein  muß, antimonopolistische Alternativen noch stärker zu
       durchdenken und zu konkretisieren. Dies gilt besonders für Natio-
       nalisierungs- und Verstaatlichungsforderungen. Wie auch immer die
       Machtorganisation des  SMK beschaffen sein mag, sie beruht letzt-
       lich auf der ökonomischen Macht der Monopole und dem monopolkapi-
       talistischen Eigentum. Die Macht des SMK ist deshalb nicht gleich
       der Luft, die überall, aber doch nicht faßbar ist.
       
       _____
       *) Dieser Beitrag entstand parallel mit Produktions- und Redakti-
       onsarbeiten an:  IMSF-Beiträge 6: Der Staat im staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus  der Bundesrepublik,  zwei Teile; 6/I: Staats-
       theorie und  Staatsdiskussion, Frankfurt/Main 1981 (IV. Quartal);
       6/II: Empirische  Analyse und  Fakten,  Frankfurt/Main  1982  (I.
       Quartal). An beiden Bänden waren bzw. sind zahlreiche Mitarbeiter
       beteiligt. Ihren  Beiträgen verdankt  der  Verfasser  wesentliche
       Einsichten und Anregungen.
       1) Überblicke über die Diskussion und Diskussionsstandpunkte ent-
       hält: J.  Schleifstein, Der  Staat, Kap.  II/3 in:  H.  Jung,  J.
       Schleifstein, Die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus
       und ihre Kritiker in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 1979.
       Abendroth-Forum. Marburger Gespräche, Marburg 1977
       Christoph Butterwegge,  Probleme der  marxististischen Staatsdis-
       kussion, Köln  1977; sowie:  ders., SPD  und Staat  heute, Berlin
       (West) 1979.
       2) So  gegenüber   Verfechtern  strukturalistisch-ökonomistischer
       Mißverständnisse der  Marxschen politischen Ökonomie, die das Be-
       wußtsein der  Arbeiterklasse mit  aus den ökonomischen Formen un-
       mittelbar hervorwachsenden  Bewußtseinselementen  identifizierten
       so etwa  die Anhänger  und Produzenten  des  damaligen  Projektes
       Klassenanalyse. Man  hatte von  ökonomischen Krisen bei der Indu-
       striearbeiterschaft ein  quasi automatisches  bzw. spontanes Zer-
       brechen der  Sozialpartnerschaftsmuster erwartet. Dem ist bei ei-
       nigen Autoren  inzwischen ein  etwas theoretisch konzeptionsloser
       Pragmatismus gefolgt. Bei bestimmten jüngeren Autoren etwa im Um-
       kreis der  Zeitschrift "Das Argument" schlägt der damalige Ökono-
       mismus heute  in eine  Art . von der politischen Ökonomie und den
       objektiven Klassenstrukturen  abgenabelten  'Politizismus'  um  .
       etwa bei Jäger, Elfferding u.a.
       Zu den  damaligen Debatten  vgl.: IMSF (Hrg), Klassenstruktur und
       Klassenbewußtsein in der BRD, Frankfurt/Main 1973
       3) So etwa  in: IMSF-Arbeitsmaterial  12:  Staatsmonopolistischer
       Kapitalismus in  der Bundesrepublik Deutschland in Daten und Fak-
       ten, Frankfurt/Main 1981, S. 5.:
       "Will man  in einer  K u r z f o r m e l  bestimmen, was SMK ist,
       dann könnte  man sagen, daß er jene Entwicklungsphase des Kapita-
       lismus ist, die infolge ihres erreichten hohen Niveaus der Verge-
       sellschaftung und  der Monopolisierung die Einbeziehung des Staa-
       tes in  alle Bereiche, Phasen und Ebenen des ökonomischen und so-
       zialen Reproduktionsprozesses der Gesellschaft erforderlich macht
       und dementsprechende  Strukturen der Verflechtung der Institutio-
       nen und  Apparate des bürgerlichen Staates, mit jenen der monopo-
       listisch beherrschten  Wirtschaft und  der  Monopole  unmittelbar
       herausbildet und  damit einen  diesen  Strukturen  gemäßen  Herr-
       schaftsmechanismus des  SMK über die Arbeiterklasse und das werk-
       tätige Volk  installiert. In seinem Wesen ist der SMK entfalteter
       Monopolkapitalismus, der  sich in  vollem Umfang  der politischen
       und ökonomischen Potenz des Staates bedient."
       Eine neuere  Analyse der  SMK-Entwicklung der  BRD liegt vor mit:
       IMSF-Autorengruppe, Widersprüche und Krise des staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus.  Rückblick auf die 70er Jahre - Aktuelle Ten-
       denzen und  Perspektiven, in: Marxistische Blätter, Frankfurt/M.,
       4/81, S. 17 ff.
       4) So lautet  die Überschrift  eines interessanten Interviews von
       Claus Offe  mit der  Zeitschrift "Das  Argument" (Nr. 124, 1980).
       Offe bezog dies auf die korporatistische "Selbstorganisation" und
       "Selbsthilfe" der  großen Konzerne  und Verbände  und den Rückzug
       "vom etatistischen  Konzept bisheriger Reform-und Regierungspoli-
       tik". Analoges  gelte auch  für die  alternative Oppositionsbewe-
       gung. Seine  Prognose und  Diagnose: "Ich  glaube, daß die Zeiten
       des Etatismus  passe sind in einer Gesellschaft wie der Bundesre-
       publik." Die  herrschende Klasse  habe die Hoffnung auf einen zur
       "Konfliktregulierung" "hinreichend  starken Staat" aufgegeben. Am
       relativ effektivsten sei der "sozialliberale Korporatismus". Kurz
       gesagt: Offe  würde hinter die Hauptüberschrift unseres Beitrages
       ein Ausrufezeichen setzen oder eindeutig mit Ja' antworten.
       5) Friedrich Engels,  Anti-Dühring, MEW,  Bd. 20,  S. 260. Engels
       benutzte diese  Termini für den bürgerlichen Staat, seine politi-
       sche Funktion und seine Wirtschaftstätigkeit.
       6) Letzteres gilt  etwa für  die Konzeption  der gesellschaftlich
       organisierten "Dienstproduktion" als dezidierte Alternative gegen
       kapitalistische Produktion  und kapitalistische und/oder auch ge-
       gen sozialistische  Verstaatlichung. (Vgl. etwa: R.R. Grauhan, R.
       Hickel (Hrg),  Krise des  Steuerstaates?, Leviathan,  SH  1/1978,
       Opladen 1978)
       7) Das zeigen  aber auch Entwicklungen - vor allem bei regionalen
       Strukturkrisen und  Stillegungen - in der BRD. So die Forderungen
       der  Dortmunder  Hoesch-Stahlarbeiter  nach  Verstaatlichung  der
       Stahlindustrie.
       8) Als Kennzeichen  wurden propagiert:  die  Sozialpartnerschaft,
       die soziale Marktwirtschaft, die Streikarmut, das Verantwortungs-
       bewußtsein der Gewerkschaftsführer, das soziale Netz, die relativ
       geringen Preissteigerungsraten usw.
       9) Dies ist  auch deshalb  möglich, da  es dazu eine hinreichende
       marxistische Literatur gibt. Speziell zur Entwicklung der Staats-
       auffassungen bei  Marx, Engels und Lenin vgl. Josef Schleifstein,
       Zur Entwicklung  der Staatsauffassung bei den marxistischen Klas-
       sikern, in:  IMSF-Beiträge 6/1, Der Staat, a.a.O. Für eine knappe
       Übersicht vgl.  Chr. Butterwegge,  H, Jung, Staatsfrage, Revisio-
       nismus, Sozialdemokratie,  in: Marxismus und Arbeiterbewegung. J.
       Schleifstein zum 65. Geburtstag, Frankfurt/Main 1980, S. 140 ff.
       10) Vgl. dazu  die neueren Forschungsergebnisse in: Joachim Herr-
       mann, Irmgard Sellnow (Hrg), Beiträge zur Entstehung des Staates,
       Berlin/DDR 1974
       11) Vgl. zu  dieser Periode:  Hans-Peter Jaeck,  Die französische
       Revolution von  1789 im  Frühwerk von Karl Marx (1843-1846), Ber-
       lin/DDR 1979
       12) Vgl. hierzu  die entsprechenden  Kapitel in:  Erich Hahn u.a.
       (Red.), Grundlagen  des  historischen  Materialismus,  Berlin/DDR
       1976; W.  Eichhorn u.  a. (Autorenkollektiv), Marxistisch-lenini-
       stische Philosophie, Berlin/DDR 1979
       13) Wenn sich  das Sonderinteresse  unverschleiert mit dem Allge-
       meininteresse  identifiziert   -  wie   bei  den  bekannten  Diä-
       tenerhöhungen  -   fühlt  sich   die  Öffentlichkeit  in  schöner
       Regelmäßigkeit provoziert  und schockiert.  Mit der  Tendenz  zur
       Bildung einer  Politikerkaste oder  -'klasse',  mit  der  Selbst-
       gewährung von  Privilegien, dolci  usw. halten  sich die Abgeord-
       neten offensichtlich für den realen Einflußverlust schadlos.
       14) Dieser Sachverhalt  wird allerdings von der Mehrzahl der mar-
       xistischen Philosophen  in Abrede  gestellt (Vgl. die Titel unter
       Fn. 12),  während er mehr und mehr Bestandteil der SMK-Konzeption
       wird, was  sich schon in den Termini staatsmonopolistisches Kapi-
       tal   s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e   Oligarchie usw.
       ausdrückt.
       15) Vgl. zur  Darstellung des politischen Systems und politischen
       Herrschaftssystems: J.E. Wolkow, Der Staat und das politische Sy-
       stem in  der Gesellschaft,  in: E. Hahn u.a., Grundlagen, a.a.O.,
       Kap. IX
       16) Wir orientierten  uns bei  der nachfolgenden  Darstellung von
       Abschnitt 3  an: Institut  für Staat  und Recht der AdW der UdSSR
       (Hrg), Marxistische Staats- und Rechtstheorie, drei Bände, Moskau
       1970, Köln 1974; Bd. 1: Grundlegende Institute und Begriffe; fer-
       ner: K.A. Mollnau, K.H. Röder, K.H. Schöneburg, W. Weichelt, Mar-
       xistisch-leninistische Staats-  und Rechtstheorie. Lehrbuch, Ber-
       lin/DDR 1980.  Wir verweisen  den Leser, der quantitative Angaben
       zu den hier beschriebenen Tendenzen sucht, auf: IMSF-Arbeitsmate-
       rial 12,  SMK der  BRD in  Daten und Fakten, Frankfurt/Main 1981,
       bes. Kap.  6: Der Staat im ökonomischen und sozialen Prozeß; Kap.
       7: Der  Staat als  politisches Organ  und das System der Klassen-
       herrschaft.
       17) Der Verfasser  ist der Ansicht, daß die  S o z i a l f u n k-
       t i o n   ein charakteristisches Kennzeichen des SMK-Staates ist,
       das beim früheren bürgerlichen Staat noch nicht entwickelt ist.
       18) Vgl. IMSF-Beiträge  3: Klassen-  und Sozialstruktur  der  BRD
       1950-1970, drei Bände, Frankfurt/Main 1973-74
       19) Wir halten  uns hier  vor allem an die Struktur von: Institut
       für Staat  und Recht  (Hrg),  Marxistische  Staats-  und  Rechts-
       theorie, a.a.O.
       20) Vgl. zu diesem Komplex auch: Dieter Läpple, Staat und politi-
       sche Organisation, in: H.J. Krysmanski u.a. (Hrg.), Krise der So-
       ziologie, Köln 1975
       21) Hierzu das  berühmte Zitat  von Karl  Marx (Das  Kapital,  3.
       Band, MEW, Bd. 25, S. 799/800) in vollem Wortlaut:
       "Die spezifisch  ökonomische Form,  in der  unbezahlte Mehrarbeit
       aus den  unmittelbaren Produzenten  ausgepumpt wird, bestimmt das
       Herrschafts- und  Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar aus
       der Produktion selbst hervorwächst und seinerseits bestimmend auf
       sie zurückwirkt.  Hierauf aber  gründet sich die ganze Gestaltung
       des ökonomischen, aus den Produktionsverhältnissen selbst hervor-
       wachsenden Gemeinwesens  und damit zugleich seine spezifische po-
       litische Gestalt. Es ist jedesmal das unmittelbare Verhältnis der
       Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produ-
       zenten - ein Verhältnis, dessen jedesmalige Form stets naturgemäß
       einer bestimmten  Entwicklungsstufe der  Art und Weise der Arbeit
       und daher  ihrer gesellschaftlichen  Produktivkraft entspricht -,
       worin wir  das innerste  Geheimnis, die  verborgne Grundlage  der
       ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politi-
       schen Form  des  Souveränitäts-  und  Abhängigkeitsverhältnisses,
       kurz, der  jedesmaligen spezifischen Staatsform finden. Dies hin-
       dert nicht,  daß dieselbe ökonomische Basis - dieselbe den Haupt-
       bedingungen nach - durch zahllos verschiedne empirische Umstände,
       Naturbedingungen,  Racenverhältnisse,   von  außen  wirkende  ge-
       schichtliche Einflüsse usw., unendliche Variationen und Abstufun-
       gen in  der Erscheinung zeigen kann, die nur durch Analyse dieser
       empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind."
       22) Diese Tendenz  arbeitete schon W.I. Lenin im Zusammenhang mit
       der Monopoltheorie heraus. Vgl. W.I. Lenin, Der Imperialismus als
       höchstes Stadium des Imperialismus, Werke, Bd. 22
       23) Vgl. die  Darstellung in: Institut für Staat und Recht (Hrg),
       Marxistische Staats- und Rechtstheorie, a.a.O.
       24) Die Konzeption  der Entstehung materieller Elemente der neuen
       sozialistischen Gesellschaft in der alten monopolkapitalistischen
       war von  Lenin entwickelt  worden. Er  bezog darin auch bestimmte
       Kooperations- und Lenkungsformen ein.
       25) Zum ökonomischen  Aspekt dieses  Sachverhaltes vgl.: J. Huff-
       schmid, H.  Schui (Hrg),  Gesellschaft im  Konkurs, Köln 1976; zu
       den Krisenreaktionsmustern  und den Bezugspunkten des staatlichen
       Krisenmanagements vgl.:  H. Jung, Gesamtkapital. Monopole. Staat,
       in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF - 2 (1979), S. 55 ff.
       26) Ernst Forsthoff, Der Staat der Industriegesellschaft, München
       1971
       27) ebenda, S. 30 ff.
       28) ebenda, S. 87
       29) ebenda, S. 88
       30) ebenda, S. 119
       31) ebenda, S. 123
       32) ebenda, S. 147
       33) ebenda, S. 134
       34) ebenda, S. 157
       35) ebenda, S. 164
       36) Eine neue  Verbändegeserzgebung war von der FDP ins Spiel ge-
       bracht worden  . später intensiviert von der CDU. Die FDP war und
       ist unmittelbar  von der  Frage nicht  berührt, weil  sie in  den
       großen Massenverbänden keinen entscheidenden Einfluß besitzt. Da-
       gegen erfreut  sie sich  bekannterweise der Hege und Pflege durch
       die Verbände des Monopolkapitals.
       Die Lobbytätigkeit  der Verbände  war schon  m den Adenauerzeiten
       durch Geschäftsordnungen  und Erlasse legalisiert worden. Die so-
       zialliberale Koalition hat diese Strukturen mit der Verbändeliste
       des Bundestages weiter legalisiert.
       Vgl. zur  Übersicht: U. v. Alemann u. R.G. Heinze (Hrg), Verbände
       und Staat.  Vom Pluralismus zum Korporatismus, Köln/Opladen 1979;
       bes. die  Stellungnahmen der  verschiedenen Partei- und Verbands-
       vertreter.
       37) Vgl. dazu  u.a. die  Argumentation von F.W. Scharpf, Autonome
       Gewerkschaften und  staatliche Wirtschaftspolitik,  (Hrg. IG  Me-
       tall), Frankfurt/Köln 1979
       38) Vgl. besonders:  U. v.  Alemann u. R.G. Heinz (Hrg), Verbände
       und Staat,  a.a.O.,; U. v. Alemann, Verbändestaat oder Staatsver-
       bände, in:  Die Zeit, vom 19.9.1980 (Nr. 39"1980); M. Jäger, Öko-
       nomie und  Politik des  sozialliberalen Korporatismus,  in: Argu-
       ment-Sonderband, AS  51, Berlin-West  1980; Neustrukturierung der
       Herrschaft,  Probleme  des  Klassenkampfes,  Berlin-West,  H.  38
       (1/1980)
       39) Zur  Kritik   der  Korporatismus-Konzeption  vgl.:  A.  Bopp-
       Schmehl, U.  Kypke,  "Korporatismus"  statt  "Pluralismus"?,  in:
       Blätter für deutsche und internationale Politik, (Köln), 12/1979
       40) So: G. Lehmbruch, Wandlungen der Interessenpolitik im libera-
       len Korporatismus,  in: U.  v. Alemann,  R. G. Heinze (Hrg), Ver-
       bände, a.a.O., S. 50 ff.
       41) Vgl. zu  diesem Aspekt den Beitrag von Gert Hautsch in diesem
       Jb., ebenso:  G. Hautsch.  K. Pickshaus,  Integration und Gewerk-
       schaftsanalyse, in:  Marxistische Studien  2 (1979),  S. 245 ff.;
       Bernd Süllow,  Gewerkschaftliche Repräsentanten  in  öffentlichen
       Gremien, in: Soziale Welt (Göttingen), 1/1981
       42) Beleg für  diese Tendenzen  war u.  a. die Tagung des Vereins
       für Sozialpolitik  1978 zum  Thema "Staat und Wirtschaft"; Proto-
       koll: Hrg. C.C. von Weizsäcker, Staat und Wirtschaft, Berlin-West
       1979
       43) Fritz W.  Scharpf, Die  Rolle des Staates im westlichen Wirt-
       schaftssystem, in: Hrg. C.C. von Weizsäcker, a.a.O.
       44) ebenda, S. 42
       45) ebenda, S. 43
       46) Zur marxistischen  Anwendung des  Vergesellschaftungskonzepts
       auf die  Überbauentwicklung  und  die  Klassenverhältnisse  vgl.:
       Frank Deppe, Autonomie und Integration, Marburg 1979
       47) Die Kombination und Wechselwirkung von autoritär-reaktionären
       und liberal-reformistischen  Varianten  der  Herrschaftsstrategie
       des Kapitals  gegen die  Arbeiterklasse hat seinerzeit W.I. Lenin
       analysiert.
       48) Trotz der in vieler Hinsicht vom Marxismus abweichenden Posi-
       tionen verweist  N. Poulantzas  zu Recht  auf diesen  Sachverhalt
       (Vgl. N.  Poulantzas, Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideolo-
       gie, sozialistische Demokratie, Paris 1977, Hamburg 1978)
       49) Diese Formel  wird gerade  von Positivisten  gern kritisiert,
       obwohl sie ihr selbst zutiefst verhaftet bleiben und sind.
       50) Vgl. H.H.  Holz, H.J. Sandkühler (Hrg.), Betr.: Gramsci. Phi-
       losophie und revolutionäre Politik in Italien, Köln 1980
       51) Diese Konzeption wurde in die Debatte gebracht von Louis Alt-
       husser, Ideologie  und ideologische  Staatsapparate,  Berlin-West
       1977
       52) Hierauf verwies völlig zu Recht N. Poulantzas (a.a.O.)
       53) Dies ist  ein von  A. Gramsci geprägtes Bild, das in die Ana-
       lyse Eingang gefunden hat.
       54) R. Fjodorow, Die anonyme Macht. Rolle der Unternehmerverbände
       in der BRD, Moskau und Frankfurt/Main 1976, S. 304/05. Es handelt
       sich dabei  nicht nur  um eine materialreiche Analyse; die Studie
       enthält darüber  hinaus . gerade weil sie von SMK-Positionen aus-
       geht auch  interessante theoretische  Ansätze. Zu Unrecht ist sie
       bisher in der einschlägigen Debatte in der BRD relativ unbeachtet
       geblieben.
       55) Diese Gesichtspunkte werden vor allem von Frank Deppe bei der
       Analyse der Gewerkschaften und der anderen Organisationen der Ar-
       beiterklasse hervorgehoben (Vgl. F. Deppe, Autonomie und Integra-
       tion, Marburg 1979)
       56) Friedhelm Kroll  kann dies  anhand der Struktur und Orientie-
       rung des  Vereinswesens in der BRD zeigen. Vgl. F. Kroll, Vereine
       in der Lebensweise der Arbeiterklasse, in: Marxistische Studien 3
       (1980), S. 172 ff.
       57) Diesen Bereich  hinsichtlich seiner  ökonomischen Grundlagen,
       Herrschaftsverhältnisse und  Funktionen und  als Bestandteil  der
       ideologischen Apparate hat Horst Holzer untersucht (Medien in der
       BRD. Entwicklungen  1970"1980, Köln  1980). Er  kann zeigen,  wie
       sich hier konkret Staatsapparate, Konzernorgane und Verbände ver-
       flechten und jene spezifischen Strukturen eines öffentlich-recht-
       lichen Bereichs  in der  Funkkommunikation hervorgebracht  haben,
       welche die  Reproduktion der  Pluralismus-Ideologie und  die Kon-
       sensbildung im  Sinne des SMK gewährleisten, nämlich Singularität
       in der Grundlinie und Pluralismus in deren Propagierung.
       58) Vgl. zu  diesem Komplex:  Hans-Ulrich Deppe,  Vernachlässigte
       Gesundheit. Zum Verhältnis von Gesundheit, Staat, Gesellschaft in
       der Bundesrepublik  Deutschland, Köln  1980.  In  diesem  Bereich
       spielen die gesetzlichen Sozialversicherungen - Quasi-Staatsappa-
       rate mit  Selbstverwaltungselementen -  als  Zwangsorganisationen
       von über  90 Prozent der BRD-Bevölkerung eine zentrale Rolle. Das
       Nebeneinander von  kapitalistischen Unternehmen,  gesellschaftli-
       chen und  staatlichen Organisationen  bringt hier  besondere Ver-
       flechtungsmuster hervor,  in die auch die Leistungsträger wie die
       ständemäßig kartellierte  Ärzteschaft sowie die einschlägigen In-
       dustrien einbezogen sind. Demgegenüber spielen die Patientenorga-
       nisationen nur  bei der  Mitverwaltung der  Mittel in  den Kassen
       eine Rolle.
       59) Vgl. H.  Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsvariante
       des SMK in der BRD, in: Marxistische Studien I (1978). Dort wurde
       auch der  Versuch unternommen,  die Entwicklungsrichtung  des SMK
       und die  Strategie der  herrschenden Klasse  von der ökonomischen
       Basis und ihren Widersprüchen her zu erfassen.
       60) In diesem  Sinne bietet  der sozialliberale Korporatismus den
       Arbeiterorganisationen einen  höheren Preis, vor allem ihren Füh-
       rungen. Fraglich  ist es  aber, ob  der "Tripartimus" von Arbeit,
       Kapital,  Staat  als  ausschließliche  Spezifik  dieser  Variante
       angesehen werden  kann, wie  es Hübner  und Moraal  tun (Vgl.  K.
       Hübner u.  D. Moraal,  Zwischen Verbändegesetz und 'Konzertierter
       Aktion', in: Probleme des Klassenkampfes, H. 38 (1/1980), S. 44).
       Zutreffend heben sie hervor (ebenda, S. 58), daß die Spezifik ei-
       ner konservativen Korporatismusvariante darin bestehen würde, auf
       die innere  Struktur und die Machtverhältnisse der Gewerkschaften
       Einfluß zu  nehmen -  wie jüngst mit der Brechstange Strauß-Stoi-
       ber/CSU und  Biedenkopf/CDU. In einem anderen Sinne wird freilich
       die sozialdemokratische  Dominanz heute  ebenfalls in den Gewerk-
       schaften geltend  gemacht .  hier in erster Linie gegen linke und
       an Klassenpositionen orientierte Kräfte.
       61) Ausschließlich einen  sozialliberalen Korporatismus  zu sehen
       und nur diesen vom Standpunkt der Bourgeoisie als effektiv zu be-
       trachten, zeugt  allerdings von  mangelnder historischer Kenntnis
       und Phantasie (so etwa M. Jäger, Ökonomie und Politik des Sozial-
       liberalen Korporatismus,  in: Das  Argument, AS  51,  Berlin-West
       1980, S.  110 ff.) Eine CDU-Regierung müßte und würde heute eben-
       falls derartige  Versuche der Einbindung der Gewerkschaftsführun-
       gen unternehmen,  wobei sie allerdings noch stärker auf die Auto-
       nomie der  Marktwirtschaft und den politisch starken Staat gegen-
       über der  Arbeiterklasse pochen  würde. Genau  genommen ist darin
       die Schmidt-Regierung auch nicht 'bescheiden'.
       62) Diesen Terminus  verwendet Joachim  Hirsch. Andere Sozialwis-
       senschaftler heben  die Segmentierungstendenzen  hervor.  Hirschs
       Termini stehen  im Zusammenhang mit einem antiquierten Vergesell-
       schaftungsmodell. Er  nimmt nämlich  an, daß Taylorismus und For-
       dismus auch  auf den  Überbau durchschlagen müßten. Aber das sind
       eben die  Grundzüge einer früheren Periode. Unter den Bedingungen
       der wissenschaftlich-technischen Revolution, der "neuen Technik",
       wird der intensive Reproduktionstyp durch ganz andere Kennzeichen
       geprägt, die auch auf die Vergesellschaftung des Überbaus und die
       Konflikte durchschlagen.  Hirsch erfaßt  mit  seinem  Modell  bei
       weitem nicht  die heutige Wirklichkeit. Sein Ansatz dient ihm je-
       doch dazu,  sozialökonomisch bestimmte Klassenkategorien aufzuge-
       ben:  seine  Version  des  'Abschiedes  vom  Proletariat'!  (Vgl.
       Joachim Hirsch,  Roland Roth,  'Modell Deutschland'  und neue so-
       ziale  Bewegungen,   in:  Probleme   des  Klassenkampfes,  H.  40
       (3/1980), S. 14 ff.)
       63) Eine im  Grundprinzip richtige  Erfassung (und  Anwendung auf
       die Geschichte  der Gegenwart der BRD) des Zusammenhangs von Öko-
       nomie-Bedürfnissen/Interessen .  Verbände .  Partei- und  Hegemo-
       nial-konstellationen .  Politik und Staat liegt m. E. der Analyse
       der SOST zugrunde (Vgl. SOST, Eine linke Alternative zum geschei-
       terten 'Modell Deutschland', ebenda, S. 64 ff.)
       64) Sehr hilfreich  zur Erfassung dieser Phänomene des Entstehens
       neuer Strömungen  und der  Bildung neuer  Organisationen ist  das
       Konzept von  den "freien"  und den  "besetzten" Organisationsfel-
       dern. Auf  besetzten Organisationsfeldern,  etwa in der Arbeiter-
       klasse, ist  es für neue Forderungen, Interessen, Strömungen usw.
       wesentlich schwerer  sich zu  artikulieren und durchzusetzen, als
       auf neuen  Feldern, wie  der Ökologie,  generell den  Interessen-
       feldern der  neuen sozialen Bewegungen. (Heinz Petrak u. a., Pro-
       letariat der BRD, Berlin/DDR 1976)
       65) Vgl. zum  aktuellen Stand  der Formulierung  der Programmatik
       und Politik der DKP: Rechenschaftsbericht des PV an den Parteitag
       der DKP  und Materialien  und Beschlüsse  des Parteitages der DKP
       von Hannover, Mai 1981, Düsseldorf 1981.
       

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