Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       MATERIALISTISCHE STAATS- UND ÜBERBAUTHEORIE HEUTE -
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       DISKUSSIONSBERICHT
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       Achim Bühl
       
       Zu einer  "Diskussionsrunde  über  materialistische  Staats-  und
       Überbautheorie heute in der BRD" hatte das IMSF für den 24. April
       1982 Vertreter  linker Gruppen  und Arbeitszusammenhänge eingela-
       den, die  sich mit  diesen Fragen  wissenschaftlich beschäftigen,
       dazu publiziert  haben und  publizieren und  im Selbstverständnis
       einen materialistischen  Ansatz vertreten.  Ausgangsbasis für das
       IMSF waren  jüngst veröffentlichte Arbeitsergebnisse (Beiträge in
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 4, 1981 und IMSF-Beiträge
       6/I, Der  Staat im  staatsmonopolistischen Kapitalismus  der BRD,
       Frankfurt/Main 1981)  und die  Ansicht, daß es im wechselseitigen
       Interesse liegen könnte, die Positionen, Begründungszusammenhänge
       und Arbeitsperspektiven der auf diesem Gebiet tätigen linken Pro-
       duzenten so  genau wie möglich zu kennen. "Die Auseinandersetzung
       ist nur  halb so  gut", hieß es in der Einladung, "wenn sie durch
       Vorurteile und Unkenntnis geprägt ist. Hier läge nach unserer An-
       sicht die Funktion der Zusammenkunft."
       Der Einladung kamen nach Vertreter der Zeitschrift "Das Argument"
       (W. Elfferding, M. Jäger), der Zeitschrift "Probleme des Klassen-
       kampfes" (F.O.  Wolf), der  Zeitschrift "Konsequent",  der  Zeit-
       schrift "Sozialist"  (W. Krumbein,  W. Schäfer),  der Sozialisti-
       schen Studiengruppen  - SOST  (J. Bischoff,  K. Voy)  sowie H.-U.
       Deppe und  weitere Kollegen aus Düsseldorf und Marburg. Die Posi-
       tionen des  IMSF vertraten  Ch. Butterwegge, G. Hautsch, H. Jung,
       J. Schleifstein. Im Diskussionsbericht führen wir nachfolgend bei
       Beiträgen und  Positionen der  Übersicht halber  nur die Gruppen,
       aber nicht mehr die Einzelpersonen an. Die Vertreter von ARGUMENT
       (vgl. auch  den Diskussionsbeitrag von M. Jäger in dieser Ausgabe
       von Marxistische  Studien. Ihm liegt das Thesenpapier zur Diskus-
       sionsrunde zugrunde), PROKLA, SOZIALIST, SOST hatten schriftliche
       Thesen vorgelegt,  das IMSF  als Darstellung  seiner Position den
       Aufsatz "'Korporatismus'  statt 'Etatismus'?" (Jahrbuch 4, 1981).
       Soweit nachfolgend  Textstellen zitiert  werden, stammen  sie aus
       diesen Thesen.
       Die Diskussionsrunde erörterte in der Reihenfolge die nachfolgen-
       den drei Problemkomplexe:
       I. Grundbestimmungen des Staates (Herrschaftsinstrument, Verdich-
       tung von Kräfteverhältnissen, Besonderung?)
       II. Vergesellschaftung und  Staatsfunktionen im  heutigen Kapita-
       lismus (Sozialfunktion u.a.)
       III. Formierung   und    Struktur   des   herrschenden   Überbaus
       (Korporatismus als Strukturproblem und Herrschaftsform u.a.)
       
       I.
       
       Im ersten Problemkomplex ging es um die Darstellung der Wesensbe-
       stimmung des  heutigen Staates in der BRD und um den Bezug dieser
       Bestimmung zur Marxschen Theorie.
       Seitens des  IMSF wurde  an dem  Sachverhalt angeknüpft,  daß die
       SMK-Theorie deshalb  kritisiert wird,  weil sie auch den Staat im
       heutigen Kapitalismus  als Instrument  der Klassenherrschaft  des
       Kapitals bzw.  des Monopolkapitals  ansehe. In  der Polemik werde
       dies als  Instrumentalisierung des Staates durch die SMK-Position
       bezeichnet. In der Tat sehe die SMK-Theorie den Staat in der Tra-
       dition von  Marx und Engels als Instrument der Klassenherrschaft.
       Der Begriff  Instrument werde  hier in seiner philosophischen Be-
       deutung gebraucht.  Schließlich gebe  es keine  gesellschaftliche
       Einrichtung, welche  nicht Mittel für irgendeinen Zweck sei, denn
       sonst sei  sie ja  Selbstzweck. Die Grundthese sei somit, daß der
       Staat Instrument  für bestimmte politische, ideologische und öko-
       nomische Zwecke bestimmter Gesellschaftsgruppen sei, ein Mittel -
       und zwar jeweils konkret historisch - von bestimmten Klassen, ein
       Instrument bestimmter  Klassenkräfte, und  er dies auch geblieben
       sei. Der  Staat sei jedoch - und dies habe besonders Lenin unter-
       strichen - zugleich Resultat des Klassenkampfes. Man habe nie ge-
       leugnet, daß  der Staat  zugleich eine Verdichtung der jeweiligen
       Kräfteverhältnisse der  Klassen sei.  Die Frage  bleibe jedoch in
       Richtung Poulantzas  und Laclau,  ob die Begrifflichkeit der Ver-
       dichtung von  Klassenkräften die Dominanz einer bestimmten Klasse
       oder einer  Fraktion einer  Klasse ausschließe. Diese Frage müsse
       mit einem  klaren Nein  beantwortet werden.  Bis auf ganz seltene
       Übergangsformen habe  es keinen  Staat ohne  eine solche Dominanz
       gegeben. Ein  zweites Problem bei der Verdichtungsthese - gerich-
       tet an  die Vertreter des ARGUMENT - bestehe darin, daß man, aus-
       gehend von  der Dominanz  einer bestimmten  Klasse bzw. einer be-
       stimmten Klassengruppierung  innerhalb eines  solchen  Kräftever-
       hältnisses -  dessen Ausdruck der Staat sei -, betonen müsse, daß
       der Staat  in seinen  Institutionen und  Apparaten wesentlich ein
       Herrschaftsmittel sei.
       Dem hielt  der Vertreter  von PROKLA  entgegen, daß  Nichtselbst-
       zwecksein nicht  schon Instrument  heißen müsse. Das Modell Hand-
       werker-Handwerkszeug sei  dem Staat nicht angemessen. Etwas könne
       durchaus ein  Mittel sein, ohne deshalb Instrument eines Subjekts
       zu sein.  Seine eigene Position bestimmte er in seinen Thesen wie
       folgt: "Staat  als verselbständigte  politische Herrschaftsgewalt
       beruht letztlich  immer auf  einer spezifischen  Kombination  von
       'Herrschaft' und  'Führung'. D.h. auf einer Verbindung eines zen-
       tralisierten Gewaltapparates  mit dezentralen  ideologischen Füh-
       rungsapparaten bzw.  auf dem  (tendenziellen) Monopol  der physi-
       schen Gewalt  mit der  ideologischen Hegemonie.  Hierin ist immer
       schon der  Trend angelegt,  daß der  Widerstand zwischen 'Sicher-
       heit' und  'Zustimmung', zwischen  'Zentralisierung  der  Staats-
       apparate' und  'staatlicher Durchdringung  der  Gesellschaft'  zu
       einem zentralen  Thema  der  staatlichen  ebenso  wie  der  anti-
       staatlichen Politik  wird... Staat als spezifisch ökonomische In-
       stanz beruht  letztlich auf  der Möglichkeit  der äquivalentlosen
       Aneignung von  Wert (Steuerstaat)  sowie der unmittelbaren, eben-
       falls äquivalentlosen  Aneignung von Arbeitsvermögen (Wehrdienst,
       Zwangsarbeit, Schulpflicht).  Hierin ist  bereits der Widerspruch
       angelegt, daß die Wahrnehmung der funktional für die Reproduktion
       des Kapitals erforderlichen formellen und materiellen Staatsfunk-
       tionen zugleich zu einer Austrocknung der Springquellen der kapi-
       talistischen Akkumulation  führen kann... Staat als Nationalstaat
       beruht auf der ausschließlichen Verfügung über die beiden elemen-
       tarsten materiellen  Voraussetzungen der  Akkumulation des  Kapi-
       tals, die  lebendige Arbeit  und die  Erde (als allgemeinsten Ar-
       beitsgegenstand), d.h. über ein Staatsvolk und ein Territorium."
       Gegen die  IMSF-Position hoben die Vertreter des ARGUMENT hervor,
       daß die  Charakterisierung als  Instrument den  souveränen Umgang
       mit dem  Werkzeug signalisiere,  und zwar nach bestimmten Zwecken
       und Regeln.  Der Staat  könne jedoch  im Kern  so nicht begriffen
       werden. In  der Funktionsweise  des Staates gebe es sehr wohl In-
       strumentbeziehungen bzw.  Instrumentalisierungen, dennoch sei der
       Staat im  Kern nicht  als Instrument zu fassen. Es müsse die Cha-
       rakterisierung des Staates als sozialtranszendente Macht, als il-
       lusorisches Gemeinwesen  beachtet werden.  Aus den Äußerungen von
       Marx, Engels  und Lenin  folge für sie keine kohärente Theorie im
       Sinne einer  Instrumentalisierung. Die  Dominanz einer Klasse sei
       für sie mit der Vorstellung des Staates als Verdichtung des Kräf-
       teverhältnisses von  Klassen nicht  ausgeschlossen. Sie  bedeute,
       daß der  Staat im  Sinne der Reproduktion bürgerlicher Herrschaft
       und ihrer Ausübung funktioniere. Bewußt zu diesem Zweck werde der
       Staat jedoch  nicht eingesetzt. Entsprechend war in den ARGUMENT-
       Thesen formuliert  worden: "Immer  wieder zitierte Formulierungen
       von Marx  und Engels  über den  Staat als 'Herrschaftsinstrument'
       der Bourgeoisie usw. müssen im historischen Kontext der Polemiken
       gegen preußische Staatsvergottung und Hegelschen Staatsidealismus
       gesehen werden.  Sie sind  nicht falsch, aber sie antworten nicht
       unbedingt auf  unsere Fragen  nach Funktion  und Perspektive  des
       Staates im entwickelten Kapitalismus... Z.B. entfernt der Begriff
       des 'Instrumentes'  die Klasse  zunächst einmal aus dem Staat und
       stellt ihn  als Neutrum  neben die  Klasse." "Ein  entscheidender
       Fortschritt in  der Staatstheorie  scheint mir in diesem Sinne zu
       sein, den Staat nicht als 'Instrument der Klassenherrschaft' auf-
       zufassen -  wonach die  Arbeiterklasse dann  immer nur in Gestalt
       ihrer Berücksichtigung'  durch die  Politik  der  Bourgeoisie  im
       Staat vorkommt  ", sondern  als 'Verdichtung eines Kräfteverhält-
       nisses' zwischen  Klassen (Poulantzas). Dieser Begriff stellt den
       Staat in den Klassenkampf hinein."
       In der  Sicht der  Vertreter des  ARGUMENT impliziert der Instru-
       ment-Begriff, daß die Staatsmacht wie ein Werkzeug ergriffen wer-
       den könne.  Der Werkzeugbegriff  des Staates  führe völlig in die
       Irre. Diese  These werde durch die real vorfindbare Machtspaltung
       zwischen christdemokratischem  und sozialliberalem  Parteienblock
       in den westeuropäischen Ländern widerlegt. Durch diese Machtspal-
       tung entstehe  der Eindruck,  daß man  sich ihr  einordnen  müsse
       ("das kleinere  Übel wählen").  Gerade über  diesen ideologischen
       Mechanismus ließen  sich die  unterworfenen Klassen  integrieren,
       ein derartiger  Mechanismus sei mit der Begrifflichkeit des Werk-
       zeuges jedoch  nicht mehr faßbar. Damit plädierten sie allerdings
       nicht dafür,  daß es  nur noch  integrative Mechanismen gebe bzw.
       daß die Integration überwiege.
       Gegenüber dieser  Ansicht machte  der Vertreter der SOST geltend,
       daß es abwegig sei, den Instrument-Begriff analog zum Werkzeugbe-
       griff des  Arbeitsprozesses zu  interpretieren. Ohnehin müsse man
       immer von  der gesellschaftlichen  Form ausgehen,  in der der Ar-
       beitsprozeß sich vollziehe. Es könne sich daher nicht um die Ver-
       gleichbarkeit der  Staatsproblematik mit dem Strukturzusammenhang
       im Arbeitsprozeß  handeln. Die eigentliche Frage sei vielmehr, ob
       das Basis-Überbau-Konzept  uns anleite,  das Primäre zu erkennen,
       und wie  Primäres und  Abgeleitetes (Basis und Politik/Ideologie)
       gedacht und  analytisch verbunden werden könnten gemäß den Struk-
       turen  und   Widersprüchen  im  primären  Produktionszusammenhang
       selbst. An  die Vertreter  des ARGUMENT wandte sich sein Vorwurf,
       daß man  klar benennen müsse, was das Primäre bzw. die Basis sei.
       Die ARGUMENT-Richtung  kritisiere zwar  andere  Erklärungsansätze
       wie die  Instrumentalisierung, sei selbst jedoch nicht fähig, be-
       grifflich zu  umreißen, was die Basis des Staates eigentlich sein
       solle und  wie sich  die abgeleiteten Strukturen dazu verhielten.
       Die Basis  könne man  natürlich nicht  ohne Bewußtsein aufweisen,
       Ökonomie bedeute  nicht einfach Gesetze ohne Subjekte, die Repro-
       duktion des  gesellschaftlichen Gesamtkapitals laufe mit den Sub-
       jekten und  ihrem Bewußtsein  ab. Die  eigentlichen  Streitpunkte
       seien daher, was als Bewußtsein bereits in der Ökonomie vorhanden
       sei, wie  man das  Verhältnis unbewußt/bewußt  interpretiere, wie
       sich gesellschaftliches Bewußtsein weiterentwickele und bestimmte
       politische Kräfteverhältnisse  ihrerseits mit  Rückwirkungen  auf
       den gesamten  Reproduktionsprozeß zustande  kämen. Erklärt werden
       müsse ferner, was für die spätkapitalistischen Gesellschaften ma-
       terialiter Überbau sei.
       In den  SOST-Thesen war  formuliert worden:  "Es ist richtig, die
       Marxsche Basis-Überbau-Konzeption  zur Grundlage  der Analyse der
       Veränderung des  kapitalistischen Staates  und der  Überbauten zu
       machen. Diese  Konzeption enthält aber selbst eine - für den Mar-
       xismus weitreichende - These: Im Bereich der politischen Überbau-
       ten gibt  es keine  allgemeinen Gesetzmäßigkeiten,  keine Formbe-
       stimmtheit des  Prozesses...". "...  ideologische Formen...  sind
       vielmehr der übergreifende Begriff für alle nicht auf die materi-
       elle Produktion  bezogenen Anschauungs-  und  Bewußtseinsformen."
       "Der Klassencharakter  der ideellen  und materiellen Verhältnisse
       im Überbau  ist daher  nicht allein und primär durch Herrschafts-
       verhältnisse bestimmt.  Die Menschen in einer Gesellschaftsforma-
       tion gestalten  nämlich auf der Grundlage der aus der materiellen
       Produktion  hervorgehenden  Ideenformationen  ihren  politischen,
       künstlerischen usw., kurz ideologischen Überbau selbst."
       Seitens des Vertreters von SOZIALIST wurde hervorgehoben, daß die
       Debatte über  den Instrument-Charakter nicht überflüssig sei. Die
       empirischen und politischen Probleme lägen in der Frage, wer denn
       dieses Werkzeug bediene und wie sich der Klassencharakter der Ge-
       sellschaft in den Klassencharakter des Staates hinein vermittele.
       Die "Staatsableitung"  - sich  auf den  Strukturzusammenhang  be-
       schränkend -  sei keine  Erklärung des  Zusammenhangs von Politik
       und Ökonomie.  Die SMK-Theorie ihrerseits wiederum tendiere stark
       zu einer  personalpolitischen Diskussion, indem sie ihr Augenmerk
       auf Verbände  und Personen  richte,  welche  ihre  Interessen  im
       Staatsapparat durchsetzten. Die Herstellung eines tragfähigen Zu-
       sammenhangs zwischen Struktur- und Handlungstheorie bezüglich des
       Staates müsse  noch geleistet  werden. Der  hier noch vorliegende
       Dualismus müsse  überwunden werden  auch mit Hilfe der Auswertung
       bürgerlicher Untersuchungen wie etwa des Bereichs der Implementa-
       tionsforschung. Diese  Feststellung gelte  insbesondere im Unter-
       schied zu  den Staatsanalysen  des italienischen Eurokommunismus.
       Hier werde  die Analyse  von Institutionen  bewußt in den Mittel-
       punkt gerückt.  Der Schwerpunkt  liege hier  weniger im Nachweis,
       was die  Linke mit  den Institutionen des Überbaus nicht anfangen
       könne, sondern  darin, in welcher Weise einzelne Institutionen im
       Sinne des Ziels einer Massendemokratie positiv benutzt und verän-
       dert werden  könnten. Eine  solche Schwerpunktlegung auf eine in-
       stitutionelle Staatsanalyse  sei auch für die BRD-Linke anzustre-
       ben. "Diese  institutionelle Staatsanalyse  könnte sich einen Be-
       sonderungsbegriff zu  Hilfe nehmen,  der jenseits der Thematisie-
       rung eines höchst abstrakten Gegenüber von Staat und Gesellschaft
       sich konkret  auf das jeweilige Maß der Anbindung von Institutio-
       nen an  partialisierte oder gesellschaftliche Willensbildungspro-
       zesse und  der nicht nur indirekten, sondern unmittelbaren Inter-
       ventionskraft in der Ökonomie bezieht."
       Die Diskussionspositionen aufgreifend, wurde seitens des IMSF für
       ein Festhalten  am Instrument-Begriff  plädiert. Er umschreibe in
       allgemeiner   Form   die   Grundfunktion   staatlichen   Handelns
       (Abstraktionsniveau für  verschiedene Formationen).  Auch Gramsci
       habe festgehalten  an der  Bestimmung des  Staates als Instrument
       der herrschenden  Klasse. Nur  so gerate  das  handelnde  Subjekt
       nicht außer  Blick. Man  könne und  müsse dann konkret bestimmen,
       wer eigentlich  das handelnde Subjekt sei, welches seine Klassen-
       interessen im  komplizierten Prozeß  in staatliches  Handeln  um-
       setze, wer  innerhalb der herrschenden Klasse sich in Teilappara-
       ten durchsetze.  All diese  Fragen erschlössen sich uns durch das
       Festhalten am  Instrumentbegriff. Auf  eine ARGUMENT-These einge-
       hend, wurde  ausgeführt: Marx unterscheide im Kommunistischen Ma-
       nifest sehr  wohl zwischen Macht und Herrschaft, gerade dafür sei
       die Basis-Überbau-Beziehung  wesentlich. Die  Begriffe Macht  und
       Herrschaft würden  eben unterschiedlichen  Sphären bei Marx zuge-
       ordnet (ökonomische  Herrschaft/staatlicher Überbau). Den Vorwurf
       des Klassenreduktionismus  und des  Ökonomismus, den man der SMK-
       Theorie mache, müsse man dann bereits an Marx und Engels richten,
       denn bei  ihnen liege  bereits das  Primäre in  der  ökonomischen
       Klassenherrschaft, die  politische Herrschaft  werde daraus abge-
       leitet. Zu  fragen wäre ferner, ob im SMK nicht sogar noch engere
       Strukturzusammenhänge zwischen Kapital und Staat bestünden als im
       vormonopolistischen Kapitalismus,  die "Instrumentthese" also so-
       gar  noch  an  Bedeutung  gewinne.  Solche  Strukturzusammenhänge
       schlössen die handelnden Subjekte in jedem Fall ein.
       Demgegenüber betonte  ein ARGUMENT-Vertreter, daß der Staat nicht
       als Instrument der Monopolbourgeoisie betrachtet werden könne, da
       sonst die  Arbeiterklasse außerhalb stünde. Der Staat müsse viel-
       mehr als  soziales Verhältnis  begriffen werden, worin die Arbei-
       terklasse eingeschlossen  sei. Hierfür  sei Laclau  gerade  rich-
       tungsweisend.
       Seitens des IMSF wurde darauf erwidert, daß die Stellung des Pro-
       letariats im  Kapitalverhältnis das  der ausgebeuteten,  der  be-
       herrschten Klasse  sei. Egal, ob der Staat als herrschender Appa-
       rat dieser  oder jener Fraktion der Bourgeoisie diene, er sei ein
       die Arbeiterklasse  als Gewalt-  und Integrationsapparat  beherr-
       schendes Instrument,  ein Instrument  der Klassenherrschaft. Ver-
       dichtung könne  als deskriptive  Kategorie verstanden  werden, um
       exakter zu  fassen, wie  sich der  Klassenkampf auf verschiedenen
       Ebenen materialisiert,  Antagonismen zur  Austragung kommen.  Der
       Staat könne  jedoch keinesfalls auf Verdichtung reduziert werden.
       Eine offene  Frage sei  in der Diskussion bisher, ob es etwa eine
       Instrumentalisierung des  Staates durch  die unterdrückte  Klasse
       geben könne,  was eine  logische  Konsequenz  der  "Verdichtungs-
       thesen" sei.  Demgegenüber  müsse  betont  werden,  daß  es  eine
       Durchdringung des Staatsapparates, auch wesentlich im Sinne einer
       Außerkraftsetzung der  Repressionsfunktion, nur in revolutionären
       Phasen geben  könne, nicht  jedoch im  normalen Reproduktionsgang
       außerhalb einer revolutionären Krise.
       Ein weiterer  IMSF-Vertreter wies darauf hin, daß der soziale Ge-
       halt des  Machtbegriffes bei  den Vertretern  des ARGUMENT völlig
       unklar sei  und die  Tendenz etwa bei Jäger sichtbar werde, ihn -
       darin Foucault folgend - in psychische Strukturen aufzulösen.
       Ein SOST-Vertreter  hob nochmals  hervor, daß  der  entscheidende
       Diskussionspunkt darin  liege, inwieweit  eine Klasse  als  Hand-
       lungssubjekt anerkannt  werde. Dabei sei es ein Fehler, dies ein-
       fach als  Subjekttheorie zu  sehen. Man müsse von objektiv ablau-
       fenden Gruppierungsprozessen  sprechen. Die sozialen Verhältnisse
       stellten sich als objektive Gesetzmäßigkeiten dar, obwohl sie qua
       individuellem Handeln  exekutiert würden. Falsch sei es, dies auf
       autonomes individuelles  Handeln zurückzuführen.  Die  handelnden
       Subjekte könnten  sich nur  im sozialen  Kontext, im  politischen
       Raum konstituieren.
       Der PROKLA-Vertreter  fragte nun  danach, wie kollektives Handeln
       als Summe  von individuellem  Handeln zustande  kommen könne. Die
       individuelle Handlungsfähigkeit nur im Rahmen von Klassenverhält-
       nissen zu betrachten, greife zu kurz. Wesentliche Bestimmungsver-
       hältnisse (z.  B. das  Verhältnis Mann-Frau) blieben dabei ausge-
       blendet. Individuelles Verhalten und Handeln gewinne auch politi-
       sches Gewicht  (z. B. neue soziale Bewegungen). Die Wirkungsweise
       der sozialen  Integration dürfe  nicht auf raffinierte staatliche
       Handlungsstrategien reduziert werden.
       Der Vertreter  von SOZIALIST  fragte nach  der Art und Weise, wie
       die bürgerliche  Klasse herrsche.  Es sei  konkret zu fragen, wer
       denn nun  herrsche und die herrschende Klasse sei, und vor allem,
       weshalb die herrschende Klasse eine über sie hinausreichende Mas-
       senbasis besitze.  Die Arbeiterklasse  könne sich auch selbst be-
       herrschen. Im  Korporatismus werde  manifest, daß Teile der herr-
       schenden und  der beherrschten  Klasse sich  zusammentäten zwecks
       Regelung von Entscheidungen. Hier zeige sich, daß der Begriff der
       herrschenden Klasse die wahren Verhältnisse versimpele.
       Auf die  Frage eines  ARGUMENT-Vertreters antwortend,  warum  das
       allgemeine Wahlrecht  die bürgerliche  Herrschaft nicht gefährde,
       betonte ein IMSF-Sprecher, daß Herrschende und Regierende mit dem
       allgemeinen Wahlrecht  formal getrennt  worden seien. Dies ändere
       aber nichts  am Klasseninhalt der Herrschaft. Im entwickelten Ka-
       pitalismus müsse  eben die  herrschende  Klasse  nicht  personell
       identisch auch  die politische Macht ausüben, um ihren Klassenin-
       teressen Geltung  zu verschaffen.  Der "Instrumentbegriff" trenne
       durchaus zwischen staatlich-politischer und ökonomischer Klassen-
       herrschaft. Dadurch,  daß bestimmte  Teile der  Arbeiterklasse in
       den bürgerlichen  Staatsapparat hineinwüchsen, verliere er jedoch
       nicht seinen  Klassencharakter, dies sei vielmehr Ausdruck unter-
       schiedlicher monopolkapitalistischer Integrationsstrategien.
       Darauf erwiderte  der ARGUMENT-Vertreter,  daß  ihm  dies  erneut
       zeige, daß  die soziale  Integration nicht nur Ergebnis strategi-
       scher Überlegungen des Kapitals sein könne. Das Theorem der letz-
       tinstanzlichen Determination  des Politischen  durch die Ökonomie
       greife eben nicht. Laclau habe sehr deutlich gezeigt, daß die Po-
       litik noch einmal auf die Ökonomie übergreife.
       Zum Schluß der Diskussion über diesen Themenkomplex hob ein IMSF-
       Vertreter hervor,  daß man  den Instrumentbegriff  als historisch
       gewachsenen Begriff  betrachten müsse. Die Bezeichnung "Staat als
       Instrument der  herrschenden Klasse" werde sowohl von Rosa Luxem-
       burg als  auch von  Lenin benutzt. Es müsse gefragt werden, ob es
       zwingende Gründe gebe, welche dafür sprechen, diesen Begriff fal-
       lenzulassen. Der  Staat sei  in erster  Linie politische Klassen-
       macht. Seine Existenz erwachse aus dem Klassenantagonismus in der
       Gesellschaft.
       Die bürgerlich-kapitalistische  Gesellschaft brauche als klassen-
       antagonistische Gesellschaft  die Ausdehnung  und  Sicherung  der
       ökonomischen Macht  durch politische  Mittel, durch den Staat. Es
       habe allerdings bestimmte Tendenzen in der SMK-Theorie gegeben in
       Richtung "Macht  der 100  Familien". Dies  seien jedoch lediglich
       Vereinfachungen auf der politisch-agitatorischen Ebene in der An-
       fangszeit gewesen.  Zu fragen sei ferner, was Klassenreduktionis-
       mus als  Vorwurf eigentlich  bedeuten solle. Wenn es bedeute, daß
       die SMK-Theorie staatliche Herrschaft in historischer Abstraktion
       und   Verallgemeinerung    auf    politische    Klassenherrschaft
       "reduziere" -  reduzieren im  Sinne einer  wissenschaftlichen Ab-
       straktion ",  könne er  darin  alles  andere  als  einen  Vorwurf
       erblicken. Wenn  man damit  primitive Versimpelungen meine in dem
       Sinne, als  ob überhaupt  im politisch-staatlichen Bereich nichts
       anderes wirksam  wäre als bewußtes Vertreten des monopolkapitali-
       stischen Klasseninteresses, renne man nur offene Türen ein.
       
       II.
       
       Im Mittelpunkt  des zweiten  Komplexes standen  Diskussionen über
       den Vergesellschaftungsbegriff sowie über die Einschätzung staat-
       licher Sozialpolitik.
       Vertreter des  IMSF wiesen darauf hin, daß Vergesellschaftung ein
       von der  Basis ausgehender und übergreifender Prozeß sei, welcher
       auch das  Milieu bestimme,  in dem sich Repressionsfunktionen re-
       alisierten. Ohne die Begrifflichkeit der Vergesellschaftung könne
       auch die Problematik des Korporatismus, welche man selber mit der
       Begrifflichkeit  "staatsmonopolistische   Verflechtung"  umreiße,
       nicht erklärt  werden. Im  Vergesellschaftungsprozeß sei  nämlich
       nicht nur  das Problem des Antagonismus der Grundklassen im enge-
       ren Sinne  und der Auswirkungen auf den Überbau zu sehen, sondern
       indem man  Vergesellschaftung der  Arbeit und  der Produktion als
       einen Prozeß  der historischen Entwicklung des gesellschaftlichen
       Charakters der Arbeit fasse, gehe man so vom Gesamtreproduktions-
       prozeß aus und verbinde damit vor allem die Herausbildung staats-
       monopolistischer Strukturen.  Daher seien  nicht mehr nur einfach
       im traditionellen  Sinne privat-kapitalistische Eigentumsverhält-
       nisse zu  analysieren, sondern  eben staatsmonopolistische Eigen-
       tumsverhältnisse, welche  festzumachen seien an der Funktion, die
       der Staat  im Gesamtreproduktionsprozeß des Systems spiele, sowie
       an gemischten Eigentumsformen.
       Vertreter des ARGUMENT betrachteten als wichtiges ungelöstes Pro-
       blem der  praktischen Staatserfahrung  und der  Staatstheorie das
       Verhältnis von wachsenden Aufgaben der Vergesellschaftung und von
       Repression des  Staates. Der  Ausbau des Repressionsapparates sei
       nur eine  andere Form  der  "Vergesellschaftung"  als  "Sozialpo-
       litik". Die  Di-chotomisierung des  "Staates des  SMK"  in  seine
       Vergesellschaftungsfunktion   und   in   seinen   Charakter   als
       "Herrschaftsinstrument" stelle  eine  sozialistische  Praxis  vor
       falsche Alternativen. Sie lege die Vorstellung nahe, daß nach ei-
       ner "Machtübernahme"  die Früchte  der Vergesellschaftung einfach
       geerntet werden  könnten. Diese  Vorstellung werde gestützt durch
       die Bestimmung der Herrschaftsfunktion des Staates als Instrument
       der herrschenden  Klasse. Sie  verstelle den Blick für die Bedeu-
       tung des  Staates als  "ideologische Macht",  die Kompetenzen der
       Selbstvergesellschaftung an  sich gezogen und zentralisiert habe.
       Ein sozialistisches  Projekt müsse  von vornherein  als Rücknahme
       von Vergesellschaftungskompetenzen in die Gesellschaft konzipiert
       werden, ohne daß damit anarchistische Illusionen verknüpft seien.
       Die Auffassung  des Staates  als Vergesellschaftungs-  und  Herr-
       schaftsinstrument blende  die  ideologietheoretische  Problematik
       und das  Programm des "Absterbens des Staates" aus. Das Verständ-
       nis des Staates als "ideologische Macht" stelle die Form der Ver-
       gesellschaftung  (Selbstvergesellschaftung   vs.  Fremdvergesell-
       schaftung, Vergesellschaftung  von oben/von unten) in den Mittel-
       punkt. Sie mache sensibel für die Folgen der Staatlichkeit in al-
       len gesellschaftlichen Bereichen und projektiere ihre Umarbeitung
       durch die  Kompetenzerweiterung der  Massen von  Anfang an.  Eine
       derartig ideologietheoretisch  angelegte Staatsanalyse  liege ge-
       wissermaßen quer  zur Begrifflichkeit  des "SMK-Staates". Sie be-
       jahe das  Erbe der  Vergesellschaftungsfunktion und  negiere  die
       Herrschaftsfunktion, aber  sie stelle  darüber hinaus  eine  neue
       Frage: Wie  können die  Resultate des kapitalistischen Vergesell-
       schaftungsprozesses beerbt  werden? Dies sei nur durch die Erwei-
       terung der  politischen  Handlungsfähigkeit  der  Massen  selbst,
       durch ihre  antietatistische Aktion  möglich. Ein  leitender  Ge-
       sichtspunkt der Staatstheorie müsse daher die Rücknahme des Staa-
       tes in die Gesellschaft sein.
       Die Vertreter von SOZIALIST betonten den Unterschied zwischen der
       Vergesellschaftung insgesamt  und staatlicher Vergesellschaftung.
       In der  "Vergesellschaftungsforschung" sehe  man den Vorteil, daß
       der Vergesellschaftungsbegriff  von der  abstrakten Ebene des Wi-
       derspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
       auf die  empirische Ebene  der Unterscheidung alternativer Verge-
       sellschaftungsformen - staatliche Vergesellschaftung, korporative
       Vergesellschaftungsformen (z.B.  Bi- oder  Tripartismus), Selbst-
       verwaltung des  Kapitals oder der Arbeit bzw. diverse Mischformen
       - heruntergeholt werde. Als zentrale Grundthese betrachte man die
       Vorstellung, daß  der wachsende Organisationsbedarf im Kapitalis-
       mus nicht  nur zu  staatlichen Organisationstypen  führe, sondern
       recht häufig  zu Konfliktlösungsmechanismen  am Staat vorbei. Ge-
       rade eine  solche Vergesellschaftung am Staat vorbei, was vor al-
       lem korporatistische  Phänomene belegten,  sei möglich und zuneh-
       mend zu  beobachten. Sozialistische  Politik habe  alle verschie-
       denen Formen von Vergesellschaftung darauf hin zu überprüfen, in-
       wieweit sie  für eine  sozialistische Reformpolitik dienstbar ge-
       macht werden könnten. Im Sinne eines "dritten Weges zum Sozialis-
       mus" könne  es weder um einseitige Staatsfixierung noch um moder-
       nistischen Antietatismus  gehen, sondern  um die Berücksichtigung
       vielfältigster Organisationsformen  im Rahmen eines pluralistisch
       angelegten Institutionensystems der Übergangsgesellschaft.
       H.-U. Deppe  ging auf die Frage der Sozialpolitik in der heutigen
       kapitalistischen Gesellschaft  am Beispiel  des Gesundheitswesens
       ein. Nach  seiner Ansicht  ist gerade hier die Verflechtungs- und
       Instrumentalisierungsthese (für Klasseninteressen) empirisch sehr
       gut belegbar.  In diesem Bereich seien vor allem korporatistische
       Strukturen weit entwickelt und relativ stabil.
       Nach Ansicht  des Vertreters  von PROKLA ist die Hervorhebung der
       Monopolisierung und der Sozialfunktion für den heutigen bürgerli-
       chen Staat  bzw. die  kapitalistische Gesellschaft mechanistisch.
       Demgegenüber betonte er die Notwendigkeit der Herausarbeitung von
       in der gegebenen Situation alternativen Politikmodellen.
       Die Vertreter der SOST wandten sich zum einen gegen die These von
       der bestimmenden Rolle staatsmonopolistischer Produktionsverhält-
       nisse im  heutigen Kapitalismus und zum anderen gegen die Hervor-
       hebung einer Sozialfunktion als Charakteristikum des heutigen ka-
       pitalistischen Systems.  Diese Thesen könnten empirisch nicht ge-
       stützt werden, weil der Umverteilungsanteil - ziehe man die mone-
       tären Transfers  ab -  gering bleibe. Ihre These lautet, "daß der
       Haupteffekt des sozialstaatlichen Transfersystems in einer Umver-
       teilung der  Revenue der privaten Haushalte besteht, vor allem in
       der Umverteilung von Einkommensbestandteilen von der erwerbstäti-
       gen zur  akut nicht (Krankheit, Arbeitslosigkeit) oder nicht mehr
       (Rentner) erwerbstätigen  Bevölkerung". "Die  Stabilisierung  von
       monopolistischen Produktions-  und damit Ausbeutungsverhärtnissen
       vermittels der  ökonomischen  und  sozialpolitischen  Potenz  des
       Staates ist  somit höchst fragwürdig. Wenn der Ressourcentransfer
       des Staates zugunsten der Monopole nicht die eigentliche Qualität
       des 'Sozialstaates'  ausmacht, sondern  statt dessen  ein kompli-
       ziertes Umverteilungssystem  von Revenuebestandteilen  unter  den
       privaten Haushalten, dann wird in der SMK-These auch der Klassen-
       charakter dieses  Systems falsch  bestimmt." Der derzeitige Sozi-
       alabbau sei  nicht einfach als Scheitern eines bestimmten Akkumu-
       lationstyps zu begreifen, er sei auch Ausdruck dessen, daß Formen
       von Sozialaktivität und neue Bedürfnisse von den alten Strukturen
       nicht mehr eingefangen werden könnten.
       Diesen Themenkomplex abschließend, wandten sich die Vertreter des
       IMSF gegen  die These  einer Vergesellschaftung  am Staat vorbei.
       Wenn  seit   der  Krise   74/75  verstärkte   Orientierungen  auf
       "nichtstaatliche" Regulierungsformen  zu beobachten  seien,  dann
       sei dies Ausdruck einer spezifischen staatsmonopolistischen Stra-
       tegie ("privatmonopolistische Entwicklungsvariante des SMK"). Die
       Behauptung, im  staatlichen Handeln  kämen auch  Systeminteressen
       des Kapitalismus  zum Ausdruck,  bedeute keineswegs, daß deswegen
       nur eine  einzige Herrschaftsstrategie  möglich sei. Um die typi-
       schen Merkmale  des bürgerlichen  Staates heute, seiner Tendenzen
       und seiner  Basis zu  analysieren, müsse  man in erster Linie auf
       die durch die Vergesellschaftung, Monopolisierung und Internatio-
       nalisierung hervorgerufenen  Zusammenhänge für  den  Überbau  und
       speziell den  Staat aufmerksam  machen, welche  eine engere  Ver-
       flechtung der Monopole mit dem Staatsapparat und generell mit dem
       Staat, die  Verschmelzung bzw. Verflechtung der Macht von Monopo-
       len und Staat bewirkten. Ein spezifisches Merkmal und eine Beson-
       derheit des  SMK-Staates sei  gerade die Verdichtung der staatli-
       chen Sozialpolitik  und ihr  Umschlag  in  eine  sozialpolitische
       Staatsfunktion. Grundlage seien der Vergesellschaftungsprozeß der
       Reproduktion der Arbeitskraft und die zunehmende soziale Instabi-
       lität der  Gesellschaft. Ihre  unmittelbare Antriebskraft sei die
       Reaktion des  Systems auf den sozialen Druck und Klassenkampf der
       Arbeiterklasse unter  den neuen welthistorischen Konstellationen.
       Ein wesentlicher  Verflechtungsbereich sei  damit gerade  der ge-
       samte Sozialbereich,  die Sozialversicherungen  und -kassen,  die
       Leistungsträger und  ihre Organisationen  und Verbände  etc. Auch
       für das Gesundheitssystem seien daher Überlegungen angebracht, ob
       wir es  hier schon  mit staatsmonopolistischen  Komplexen zu  tun
       hätten.
       
       III.
       
       Der letzte  Diskussionskomplex konzentrierte  sich vor  allem auf
       die Interpretation  des Korporatismus,  und zwar vorwiegend unter
       dem Gesichtspunkt  der  Strukturierung  des  Überbaus  als  Herr-
       schaftsstrategie. Aus  Zeitmangel konnte auf die darin weiter in-
       volvierten Fragen nicht mehr eingegangen werden.
       Die Vertreter von ARGUMENT gingen davon aus, daß es neben bürger-
       lichen  auch  marxistische  Vertreter  der  Korporatismus-Debatte
       gebe. Bei  letzteren liege  der Schwerpunkt der Fragestellung bei
       der Problematik,  wo der  Klassenantagonismus  eigentlich  durch-
       schlage. Der korporatistischen Theorie folgend, bestehe ihre Vor-
       stellung darin, daß der Klassenantagonismus sich in die Arbeiter-
       klasse selber hineinverlagere. Die korporatistische Strategie be-
       ziehe sich daher im Kern auf vorhandene und praktizierte Versuche
       der Spaltung  der Arbeiterklasse. Über Mechanismen der Marginali-
       sierung/Segmentierung und Partialisierung versuche man, Teile der
       Arbeiterklasse in den Herrschaftsapparat einzubeziehen. Die sozi-
       alliberale Strategie  stütze sich  auf die  fungierenden Arbeiter
       und betreibe die Spaltung zwischen ihnen und den marginalisierten
       Arbeitern. Zwar müßten die beiden Varianten des faschistisch-kle-
       rikal gefärbten Korporatismus und des sozialliberalen voneinander
       unterschieden werden,  betont werden müsse jedoch, daß korporati-
       stische Strategie heute vor allem die sozialliberale sei, die Po-
       litik der  Spaltung der Arbeiterklasse, welche letzten Endes dar-
       auf beruhe, daß sie von Teilen der Arbeiterklasse selber durchge-
       führt werde. So würden in Form tripartistischer Herrschaftsorgane
       Teile der Arbeiterklasse in staatliche Organe integriert.
       Die Vertreter  von SOZIALIST  bezeichneten die  Korporatismus-De-
       batte als  ein äußerst  heterogenes Spektrum weit auseinanderlie-
       gender Ansätze. Zu differenzieren sei zwischen der eher traditio-
       nellen  Verwendung   des  Korporatismus-Begriffs  für  ständische
       Strukturen, der  Benutzung als  quasi Systembegriff  anstelle von
       Kapitalismus und  Sozialismus sowie der Verwendung in empirischer
       Absicht, um  insbesondere veränderte  Willensbildungs-  und  Ent-
       scheidungsstrukturen zu  thematisieren. Der Ansatz, Korporatismus
       im Sinne  ständischer Strukturen zu verwenden, sei für die Unter-
       suchung z.B.  von aktuellen  Binnendifferenzierungen insbesondere
       unter den  verschiedenen Gruppen  der Lohnabhängigen durchaus er-
       folgversprechend. Im  Gegensatz zur  ersten und  dritten  Verwen-
       dungsart sei  die Verwendung  als  Systembegriff  abzulehnen,  da
       hiermit auch  Thesen der  Trennung der  Gewerkschaften in Führung
       und Basis, Verratsthesen und offene Angriffe auf die Gewerkschaf-
       ten verbunden  seien. Zugleich  wende man  sich jedoch auch gegen
       einseitige Analysen von Korporatismus-Institutionen als Mechanis-
       men von  Einbindung, wie es etwa beim IMSF geschehe. Unter Korpo-
       ratismus wolle  man selber eine institutionalisierte Form, in der
       zwischen Großinstitutionen,  die wiederum  maßgebliche Interessen
       artikulieren, Kompromisse  ausgehandelt werden,  verstehen.  Beim
       Korporatismus handele  es sich  um  eine  kapitalistisch  formbe-
       stimmte Vorstufe von Wirtschafts- und Sozialräten, wobei die Dif-
       ferenzen im  Grad der  Öffentlichkeit, den inhaltlichen Entschei-
       dungskompetenzen und der personellen Besetzung lägen. Diese Beur-
       teilung laufe  darauf hinaus, korporative Gremien nicht als unzu-
       mutbare institutionelle Form aufzufassen, sondern als einen durch
       politische und soziale Auseinandersetzungen veränderbaren Organi-
       sationstypus; es gehe im Rahmen einer allgemeinen Hegemoniegewin-
       nungsstrategie nicht  um die Abschaffung solcher Gremien, sondern
       um ihre tiefgreifende Veränderung und Indienstnahme z.B. für eine
       alternative Wirtschafts- und Sozialpolitik.
       SOST-Vertreter hoben  den Modecharakter  der Korporatismusdiskus-
       sion hervor.  Gleichfalls hielten sie die Ansicht von der zentra-
       len Bedeutung  "der 'sozialintegrativen Einbindungsstrategie' in-
       nerhalb des  SMK" für unzutreffend. "Unsere These vom Einfluß der
       subalternen Klassen  auf den  gesamten politischen  Überbau über-
       sieht ja  nicht den Klassencharakter des Staates." In der Vergan-
       genheit "sind in vielen kapitalistischen Metropolen denn auch so-
       zialdemokratische Parteien an der Entwicklung des 'Sozialstaates'
       beteiligt gewesen; die Einbindung von Gewerkschaften und Parteien
       in die bürgerliche Hegemonie erfolgt keineswegs aus einer Strate-
       gie des Monopolkapitals. Die Arbeiterklasse setzt eine Ausgestal-
       tung des  Soziallohns und  der sozialen  Dienste durch, kann aber
       keine systematische  Ausgestaltung dieser Bereiche erreichen...".
       Bei veränderter  ökonomischer Situation "erfolgt die Einschnürung
       und Beseitigung  wiederum entlang der korporativen Interessen. Es
       handelt sich auch dann nicht um eine sozial-integrative Strategie
       seitens der  Monopolbourgeoisie zur Konsensbildung mit der Arbei-
       terklasse..., sondern  es findet eine Veränderung des politischen
       Kräfteverhältnisses im  Überbau statt...  (dieses) ist  letztlich
       für die Ausgestaltung des Kompromisses unterschiedlicher sozialer
       Blöcke verantwortlich."
       Im Thesenpapier des PROKLA-Vertreters wird für die Analyse histo-
       rischer Politikmodelle plädiert: "Im Unterschied zu einem Phasen-
       modell der kapitalistischen Entwicklung werden bei einer derarti-
       gen Analyse  auch die  'Alternativen der  Konterrevolution' deut-
       lich: Die  bürgerliche Klasse hat aufgrund der Pluralität von Wi-
       derspruchsebenen, auf  denen sie 'spielt', immer unterschiedliche
       'Optionen', einen  konterrevolutionären Ausweg  aus  politischen,
       ökonomischen und  ideologischen Krisen  zu finden.  Die Situation
       des Proletariats ist dagegen nicht symmetrisch: Da es strategisch
       durch die eine Ebene hindurch muß, das Kapitalverhältnis zu über-
       winden und  den Staat  zum Absterben  zu bringen,  gibt es  keine
       'Alternativen der  Revolution'. Allerdings sind die strategischen
       Wege dahin unterschiedlich, je nach dem Politikmodell der kapita-
       listischen Macht  und des  herrschenden bürgerlichen Staates, mit
       dem der Klassenkampf des Proletariats konfrontiert ist. In diesem
       Sinne wäre  m.E. auch  die Debatte  über das 'Modell Deutschland'
       neu aufzunehmen."
       Die Vertreter des IMSF verwiesen darauf, daß Integrationsversuche
       schon eine lange Geschichte hätten, daß man zu Korporatismus frü-
       her Eingliederung  gesagt habe.  Derartige Erscheinungen  bezögen
       sich also zunächst einmal auf Versuche, Klassenharmonie und Sozi-
       alpartnerschaft durchzusetzen. Die korporatistische Idee als sol-
       che finde  man schon  in präfaschistischen Ideen, etwa bei Pareto
       und Spann,  in den  Vorstellungen einer ständestaatlichen Verbän-
       destruktur. Ausdrücklich  sei zu  betonen, daß man bei der Anwen-
       dung auf heutige Konstellationen beachten müsse, daß es verschie-
       dene Möglichkeiten  klassenintegrativer Modelle  gebe,  daß  eine
       Einbindung -  und gerade dies würden die ARGUMENT-Vertreter über-
       sehen -  auch unter  CDU-Vorzeichen möglich sei. Man denke histo-
       risch etwa  an die Zustimmung zu "Adenauers" Remilitarisierung in
       der Hoffnung,  dafür  soziale  Zugeständnisse  zu  bekommen.  Der
       Hauptkritikpunkt bestehe jedoch darin, daß man die Gewerkschaften
       als Klassenorganisationen  völlig der Integrationspraxis zuordne.
       Dies sei das Ziel des Kapitals. Vor einer globalen Identifikation
       von Gewerkschaften  mit Integrationsmechanismen  sei ausdrücklich
       zu warnen. Es müsse hier die Differenzierung zwischen sozialinte-
       grativen, auf  Sozialpartnerschaft bedachten  Kräften und  der um
       Klassenautonomie ringenden Strömung m den Gewerkschaften in ihrer
       Bedeutung gesehen werden. Man müsse auch festhalten, daß die bür-
       gerliche Politikwissenschaft  damit nur Themen aufgegriffen habe,
       die im  Rahmen der SMK-Theorie schon einige Jahrzehnte lang erör-
       tert würden  und bekanntlich  Kernstück der SMK-Konzeption seien.
       Insofern liege  über der  gesamten Korporatismusdebatte ein Hauch
       der ungenannten Kenntnisnahme von Realitäten des SMK, die nun als
       Ausgangspunkt neuer  strategischer Überlegungen  genommen  werden
       sollten. Dies  sei verbunden  mit einer Modernisierung der Plura-
       lismus-Konzeption, wie  sie bisher im Rahmen der Politologie vor-
       herrschend gewesen sei.
       
                                    ***
       
       Dieser Bericht sollte möglichst adäquat die Positionen der an der
       Diskussion  beteiligten  Gruppen  und  Personen  wiedergeben.  Es
       konnte nicht  um eine  Analyse und  Bewertung  der  vorgetragenen
       Standpunkte gehen.  Dem Bericht  lagen die Notizen des Verfassers
       und die  Thesenpapiere zugrunde. Zum Abschluß sei die Ansicht re-
       feriert, die  zum Ende  der Diskussionsrunde  geäußert wurde: Die
       Unterschiede und  Gegensätze wurden nicht verwischt; anregend war
       der informative  Charakter; ein  sachliches Diskussionsklima  war
       beherrschend. Dies regt für andere und weiterführende Probleme zu
       ähnlichen Arbeitstreffen an.
       

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