Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       STRUKTURALISMUS WIDER KLASSENKAMPF?
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       Eine Kritik an Veröffentlichungen
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       von N. Poulantzas und J. Hirsch *)
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       Michael Ellwardt
       
       Rückgriff auf  den Machtbegriff  von Foucault - Eliminierter Ent-
       wicklungsprozeß -  Staat und Produktionsverhältnisse - Struktura-
       listisches Verständnis  des Klassenkampfes  - Der Vergesellschaf-
       tungsprozeß bei  J. Hirsch  und sein Übergang zum Subjektivitäts-
       ideologen - Klassenkampf und Staatsapparat im Kontext Hirschs und
       Poulantzas'
       
       Die Ausweitung  der Krise  des Kapitals in den letzten Jahren und
       die relative Schwäche der Arbeiterbewegung in der BRD bei Zunahme
       eines Protestpotentials  neben der  Arbeiterklasse haben  zum An-
       schwellen einer  Literatur geführt, die das Veränderungspotential
       der kapitalistischen  Gesellschaft außerhalb  der  Arbeiterklasse
       sucht und  die Voraussetzung für die Überwindung des Kapitalismus
       nicht mehr  in der  Zerschlagung des  Zentrums bürgerlicher Herr-
       schaft -  des Staates - erblickt. Zu diesen Autoren gehören Nicos
       Poulantzas, inzwischen verstorbener, früher in Paris lebender So-
       ziologe, und  Joachim Hirsch, Professor an der Universität Frank-
       furt/Main und dem politischen Spektrum um das Sozialistische Büro
       (SB) zugehörig.
       Besonders Hirsch setzt an die Stelle der Arbeiterklasse als trei-
       bendes Moment  gesellschaftlicher Veränderung  die Vielfältigkeit
       der Alternativbewegung. Poulantzas geht es mehr um eine Eroberung
       hegemonialer Positionen innerhalb der Staatsapparatur, aus seiner
       Sicht Voraussetzung,  um auf dem Weg systemverändernder Struktur-
       reformen eine  Transformation. des  kapitalistischen Systems her-
       beizuführen. Im  Mittelpunkt des Kampfes steht bei ihm der Gegen-
       satz "Volk" und "Block an der Macht".
       Beiden Positionen gemeinsam ist die Negation der Rolle der Arbei-
       terklasse und des Klassenkampfes als Bewußtwerdungsprozeß der In-
       dividuen und  somit der Organisation der Arbeiterklasse (der Par-
       tei). Diese  Gemeinsamkeit ist nicht zufällig, sondern sie ist in
       den analytischen Ausgangspositionen beider Autoren, denen wir uns
       jetzt zuwenden, zu finden.
       Um überhaupt  die Grundlagen  der Klassen-  und Staatsanalyse von
       Poulantzas begreifen  zu können, muß auf seine strukturalistische
       Begrifflichkeit der  kapitalistischen Produktionsweise aufmerksam
       gemacht werden. Sie gliedert sich in drei Strukturen: die Produk-
       tionsverhältnisse - das Ökonomische, den Staat - das Politische -
       und die Ideologie. Jede dieser Teilbereichsstrukturen der kapita-
       listischen Produktionsweise  entwickelt eine relativ autonome in-
       nere Stringenz  und Gesetzmäßigkeit.  Hinzu tritt  der Klassenbe-
       griff, "der  die gesellschaftlichen Verhältnisse umfaßt". 1) Über
       den Klassenkampf  vermittelt, bestimmen und begrenzen die gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  die Bewegungsformen der anderen Struk-
       turen. 2)  Im gewissen  Sinne bilden sie die übergeordnete Struk-
       tur. Als verbindende kategoriale Momente der verschiedenen Struk-
       turen und entscheidende Kriterien der gesellschaftlichen Verhält-
       nisse postuliert Poulantzas die Arbeitsteilung/Individualisierung
       und die Macht.
       
       Rückgriff auf den Machtbegriff von Foucault
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       Der Zusammenhang der Kategorien Arbeitsteilung/Individualisierung
       und Macht geht auf die Analysen Foucaults zurück. 3) Der Machtbe-
       griff von  Foucault ist  höchst individualistischer Art. Für Fou-
       cault resultiert  die Macht nicht aus gesellschaftlichen Verhält-
       nissen. Sie  ist vielmehr  in den  Individuen verortet. Die Macht
       wird als ein Netz von individuellen Machtbeziehungen dargestellt,
       die ein  Netzwerk von  Machtverhältnissen konstituieren. 4) Nicht
       die gesellschaftlichen Verhältnisse begründen, nach Foucault, die
       Möglichkeit, Macht  auszuüben, sondern die Macht konstituiert die
       gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn die Zusammenfassung der in-
       dividuellen Mächte  zu Machtsystemen  (wie Familie,  Schule etc.)
       bildet die  elementaren Grundlagen  für die Produktionsweise: "In
       dem Moment  kann man die Macht nicht mehr als Garanten einer Pro-
       duktionsweise begreifen; tatsächlich ist die Macht eines der kon-
       stitutiven Elemente  der Produktionsweise,  sie  funktioniert  im
       Herzen der  Produktionsweise." 5)  Da die Macht aus individuellen
       Machtbeziehungen hergeleitet wird, ist ihre Bestimmung schwierig.
       Letztlich ist  Macht für  Foucault nicht  bestimmbar. Für ihn ist
       Macht nur in der Bewegung definierbar. Da er aber die Machtbezie-
       hungen nicht  als soziale  Verhältnisse anerkennt,  verbleibt die
       Machtdefinition in  einem vom  sozialen Inhalt  entleerten Macht-
       funktionalismus, der  durch das  neutrale Bestimmungspaar  Unter-
       drückung und  Kampf die  sozialen Bezugspunkte  von Unterdrückung
       und Kampf verschleiert. 6) Das System von Machtbeziehungen bildet
       das Kräfteverhältnis der Mächte. Die individuellen Machtbeziehun-
       gen, die  sich zu  einem Kräfteverhältnis  verdichten und für die
       Produktionsweise konstitutiv sind, bedürfen zur Aufrechterhaltung
       des bestimmten  Kräfteverhältnisses einer  Kontrollinstanz. Diese
       ist wiederum nicht sozial bestimmt. In ihr sind die Funktionspro-
       zesse Individualisierung/Normalisierung  enthalten. Das  vorherr-
       schende Kräfteverhältnis  der Macht kann durch Unterdrückung sei-
       nen Machtmechanismus  erhalten. Unterdrückung  wird über die Kon-
       trolle bzw.  Anpassung der  verschiedenen Machtsysteme  wie z. B.
       Familie, Schule  etc. ausgeübt, was zu einer Normalisierung aller
       Machtbeziehungen für  das bestehende  Kräfteverhältnis führt.  7)
       Die Normalisierung  führt dazu, daß alle Individuen an der beste-
       henden Form der Machtausübung beteiligt sind: "Die Macht funktio-
       niert und  wird ausgeübt  über eine netzförmige Organisation. Und
       die Individuen  zirkulieren nicht  nur in  ihren Maschen, sondern
       sind stets  auch in  einer  Position,  in  der  sie  diese  Macht
       zugleich erfahren  und ausüben, sie sind niemals die unbewegliche
       und bewußte Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets Verbindungs-
       elemente." 8)
       Die Normalisierung,  die die herrschenden Machtbeziehungen in die
       Individuen hineinvermitteln,  gilt nicht nur für die herrschenden
       Organisationen,  sondern   der  Prozeß   der  Normalisierung  und
       Machtausübung ist, nach Foucault, auch bei den Organisationen der
       Arbeiterbewegung -  überhaupt bei jeglicher Organisation - ein zu
       kritisierendes Strukturelement.  Im Blickwinkel  des inhaltslosen
       Strukturbegriffs der Machtbeziehungen erscheinen die Organisatio-
       nen der Arbeiterklasse als Instanzen der Unterdrückung/Kontrolle,
       die es  zu bekämpfen gilt. 9) Die Negation der Organisationen der
       Arbeiterklasse führt dazu, daß die Befreiung der Menschen auf die
       Individualität zurückgeworfen  wird, die  gerade die Menschen für
       das Kapitalverhältnis beherrschbar macht.
       Foucault beschwört  geradezu das  bürgerliche Freiheitsideal  der
       I n d i v i d u a l i t ä t   vereinzelter Menschen.  Nun ist die
       Verkehrung zwischen  Macht- und  gesellschaftlichen Verhältnissen
       nicht neu. Im "Anti-Dühring" weist Engels auf diesen Verkehrungs-
       sachverhalt hin: Jeder sozialistische Arbeiter, einerlei, welcher
       Nationalität, weiß  ganz gut,  daß die  Gewalt die Ausbeutung nur
       schützt, aber  nicht verursacht;  daß das  Verhältnis von Kapital
       und Lohnarbeit  der Grund  seiner Ausbeutung  ist, und daß dieses
       auf rein  ökonomischem und  keineswegs auf  gewaltsamem Wege ent-
       standen ist." 10)
       
       Eliminierter Entwicklungsprozeß
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       Poulantzas greift  die Foucaultschen  Kategorien der  Arbeitstei-
       lung/Individualisierung auf.  Auf Grundlage  der kapitalistischen
       Arbeitsteilung als  Prozeß der  Trennung des Arbeiters vom Besitz
       an Produktionsmitteln  bezeichnet er dieses Ausbeutungsverhältnis
       als  Machtverhältnis.   Dieses  Beziehungsfeld   von  Arbeitstei-
       lung/Macht wird  von ihm  durchgängig über alle sich konkretisie-
       renden Formen  des Kapitalverhältnisses  angenommen. Das Kapital-
       verhältnis wird  zu einem Netzwerk von Machtbeziehungen subjekti-
       viert. 11)  In verschiedenen  Strukturen schlägt sich durchgängig
       als Ausdruck  der gesellschaftlichen Verhältnisse (des geronnenen
       Klassenkampfes) das  Netzwerk  der  Machtbeziehungen  konstitutiv
       nieder. Durch  die bestimmte Wirkungsrichtung der Machtbefugnisse
       in den  einzelnen wird  der Zusammenhang der Strukturen konstitu-
       iert. 12)
       Ähnlich verfährt  er mit  der  zweiten  Verbindungskategorie  der
       Strukturen: der Individualisierung. Grundlage der Individualisie-
       rung ist  das Individuum als Subjekt in der Warenzirkulation, als
       isolierter Anbieter  seiner Ware Arbeitskraft. Für die Bestimmung
       des zeitgenössischen Menschen als Individuum in der Warenzirkula-
       tion wird  die gesellschaftliche  Arbeitsteilung bzw.  heute  der
       Prozeß der  Taylorisierung als  prägend aufgefaßt.  13) Auch  der
       Prozeß der  Individualisierung wird  - bei  Ignorierung jeglicher
       Konkretisierungsformen des Kapitalverhältnisses - zum durchgängi-
       gen Moment  aller Strukturen und somit zur institutionellen Mate-
       rialität des Arbeitsprozesses und des Staates erhoben: Auf dieser
       Individualisierung beruht  die institutionelle  Materialität  des
       kapitalistischen Staates.
       Der Darstellungsprozeß  von einfachsten Kategorien zu den entfal-
       teten wird  nicht nachvollzogen. Vielmehr wird als einfachste Ka-
       tegorie der  gesellschaftlichen Verhältnisse  bei Poulantzas  das
       Individuum gesetzt  und durch alle Konkretisierungsformen bis zum
       Staat linear "durchgezogen".
       Zusammenfassend zum  Problem der  strukturübergreifenden bzw. de-
       terminierenden Kategorien  von Poulantzas  kann gesagt werden: Im
       Gegensatz zum  Marxschen Ansatz  der  sich  entwicklungsnotwendig
       entfaltenden Kategorien  des Kapitalverhältnisses entwickelt Pou-
       lantzas ein  agenetisch-strukturiertes Gebilde,  dessen übergrei-
       fender Zusammenhang wiederum eine unbewegliche Struktur des Klas-
       senkampfes ist, deren zentrale Begrifflichkeiten die Individuali-
       sierung und  die Macht  sind. Subjektivierte  Begriffe werden zur
       Begründung der  gesellschaftlichen Verhältnisse  eingeführt:  Das
       Kapitalverhältnis als  ein sich objektiv entwickelndes Verhältnis
       wird in  diesem Zusammenhang  durch die subjektiven, agenetischen
       Begrifflichkeiten von  Macht und  Individualisierung negiert.  In
       der Konsequenz  wird das Werden und Vergehen der kapitalistischen
       Produktionsweise ausgelöscht.
       
       Staat und Produktionsverhältnisse
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       Als Verbindungsmoment der Kategorien Individualisierung und Macht
       fungiert der Klassenkampf. Allerdings sind bei Poulantzas die ge-
       samten Individualisierungs-  und Machtkonstellationen  geronnener
       Klassenkampf, wie er sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen
       niederschlägt. Zur  Aufrechterhaltung und Reproduktion der beste-
       henden Konstellation dient der Staat: "Der Staat spielt eine kon-
       stitutive Rolle  in der Existenz und Reproduktion der Machtbezie-
       hungen der  Klassen, allgemeiner im Klassenkampf, womit auf seine
       Präsenz  in  den  Produktionsverhältnissen  verwiesen  ist."  14)
       Gleichfalls stellt er auch die Gesellschaftlichkeit her 15), denn
       die Momente  der  Individualisierung/Arbeitsteilung  gehen  durch
       alle Strukturen  der kapitalistischen  Produktionsweise  hindurch
       und bilden  die Grundlage  für die Materiatur der Staatsapparate:
       Die in die Materiatur des Staates eingeschriebene Individualisie-
       rung/Arbeitsteilung hat  zur Folge, daß der Staat zum Medium bzw.
       zur Zusammenfassung verschiedener Individualitäten wird. 16) Über
       verschiedene Momente der Normalisierung der Individualisierungen,
       z.B. über das Gesetz, die Raum- und Zeitmatrix gelingt dieser Zu-
       sammenfassungsprozeß der  Individualisierungen durch  den  Staat.
       Durch die  Zusammenfassung der  Individuen konstituiert der Staat
       die Nation  und das Volk. 17) Durch diese Zusammenfassung der In-
       dividualisierungen und der Machtbefugnisse stellt der Staat nicht
       nur sein politisches Handeln sicher, vielmehr konstituiert er die
       gesellschaftlichen Verhältnisse für alle Strukturen der kapitali-
       stischen Produktionsweise;  er  stellt  die  Gesellschaftlichkeit
       überhaupt her:  "Er ist daher der Ort, an dem das Indiz der Domi-
       niertheit und  Überdeterminiertheit zum  Ausdruck kommt,  das für
       eine Gesellschaftsformation  bzw. eines  ihrer Stadien  oder eine
       ihrer Phasen  typisch ist. Auch ist der Staat der Ort, an dem die
       Einheit und die Verknüpfung der Strukturen einer Formation ermit-
       telt werden können." 18)
       Der Staat  organisiert -  nach Poulantzas - die Gesellschaftlich-
       keit: Im  Prozeß der  Spaltung der Staatsapparate, der Organisie-
       rung ihrer Einheit und der Filterung dominanter Kapitalfraktionen
       wird  die   Einheitlichkeit  der   durch   Arbeitsteilung/Indivi-
       dualisierung zersplitterten Momente hergestellt. Der Staat stellt
       überhaupt erst  den Zusammenhang  des Gesellschaftsprozesses her.
       Durch  die  zentrale  Rolle  des  Staates  wird  der  eigentliche
       Zusammenhang des  Reproduktionsprozesses in  der Bewegung  G...G'
       zerstört. Die  Einheit von stofflicher und formeller Aneignung im
       Reproduktionsprozeß  des  Kapitals  wird  ersetzt  durch  die  im
       Staatsapparat vermittelten  Momente Macht und Individualisierung.
       Daß die  politischen und  ideologischen  Formen  auch  notwendige
       Formen der  Zirkulation des  Kapitals  sind  und  als  nicht  vom
       Reproduktionsprozeß des Kapitals gelöste Formen betrachtet werden
       können, diese  Problematik stellt  sich für  Poulantzas nicht, da
       die Staatsanalyse nur den Aufbau der politischen Formation erfaßt
       und als  außerhalb der  Bewegung der Produktionsverhältnisse lie-
       gend betrachtet  wird. Poulantzas  macht nicht  nur den Staat zum
       Organisator der  Gesellschaftlichkeit, sondern  er zerreißt  auch
       die Einheit  des Reproduktionsprozesses des Kapitalverhältnisses,
       indem er  die ökonomischen,  politischen und ideologischen Formen
       getrennt voneinander behandelt. 19)
       Der Staat bzw. die Staatsapparate werden weitgehend auf Grundlage
       der Bestimmungen  von Individualisierung  und  Macht,  durch  das
       Kräfteverhältnis der  Klassen -  durch die Klassenkämpfe - umris-
       sen. Der  Klassenkampf bzw. die Volkskämpfe sind in die Apparatur
       des Staates eingeschrieben.
       
       Strukturalistisches Verständnis des Klassenkampfes
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       Da dem  Klassenkampf bei  der Bestimmung  des Staates  und seiner
       Handlungen nach  Poulantzas eine solche Bedeutung zukommt, ist es
       notwendig, Poulantzas' Verständnis des Klassenkampfes zu untersu-
       chen. Da  Poulantzas die  kapitalistische Produktionsweise  nicht
       als sich  entfaltende Totalität  auffaßt, sondern  sie in relativ
       autonome Strukturen  gliedert (Ökonomie, Politik, Ideologie), hat
       er auch  einen dreifachen  Begriff des  Klassenkampfes. 20) Dabei
       ist die Klasse als Organ des Klassenkampfes nicht in jeder Struk-
       tur identifizierbar, sondern die verschiedenen Klassenkampfpraxen
       führen dazu,  daß ihre  Lokalisierung in  jeweils einer  Struktur
       vonstatten geht: "Eine gesellschaftliche Klasse kann entweder auf
       der ökonomischen Ebene oder auf der politischen oder aber auf der
       ideologischen identifiziert  werden, sie  kann daher sehr wohl in
       bezug auf eine bestimmte Instanz lokalisiert werden." 21)
       Die Verbindungen zwischen dem in den einzelnen Strukturen festge-
       schriebenen Klassenkampf  werden über  die  Determiniertheit  des
       Klassenkampfes, wie  sie sich  in der  Frage der Vereinzelung und
       der  Machtbeziehungen  darstellt,  vollzogen.  Die  Determination
       durch die  gesellschaftlichen Verhältnisse  bestimmt die  Art und
       Richtung des  Klassenkampfes in den verschiedenen Strukturen, wo-
       bei die  Dominanz einer  Struktur je  nach der gesellschaftlichen
       Klassenpraxis bzw. der Verschiebung der Machtbeziehungen variabel
       ist: "Die  Determiniertheit des  ökonomischen  Klassenkampfes  in
       letzter Instanz (seine Beziehung zu den Produktionsverhältnissen)
       im Bereich der gesellschaftlichen Verhältnisse kann sich in einer
       Verlagerung der  dominierenden Rolle  auf eine  andere Ebene  des
       Klassenkampfes (auf  die politische  oder die  ideologische)  äu-
       ßern." 22)
       Der Klassenkampf ist für Poulantzas ein in die einzelnen Struktu-
       ren eingeschriebenes Verhältnis, das sich als geronnenes Ergebnis
       aus vollzogenen und sich vollziehenden Klassenkampfpraxen herlei-
       tet. Seine  strukturübergreifenden Bestimmungen  wie Individuali-
       sierung und  Machtbeziehungen, die sich aus der kapitalbestimmten
       Art der  Arbeitsteilung ergeben,  werden als  überdeterminierende
       Faktoren der gesamten Klassenkampfpraxis wirksam. Diese Eingebun-
       denheit des Klassenkampfes in überdeterminierende Strukturen läßt
       eine Bewegung  der Klasse als Subjekt nicht zu. Daraus resultiert
       auch Poulantzas'  eigenartige Bestimmung  von Klasse  an sich und
       Klasse für sich: "Die Klassen sind nicht 'an sich' in die Produk-
       tionsverhältnisse gestellt,  um danach oder anderswo in den Kampf
       einzutreten (Klassen  'für sich')." 23) Aus diesem Zitat wird das
       strukturalistische Unverständnis,  das sich  um die  Begriffe von
       "Klasse an  sich" und  "Klasse für sich" rankt, deutlich. Es geht
       hier nicht  darum, in irgendwelchen Produktionsverhältnissen eine
       abstrakte, bewußtlose Klasse anzunehmen. Vielmehr handelt es sich
       darum, eine  Beziehung herzustellen  zwischen dem gewerkschaftli-
       chen (ökonomischen)  Kampf der  Arbeiterklasse, bei dem es in er-
       ster Linie  darum geht,  die günstigsten  Bedingungen zum Verkauf
       der Ware Arbeitskraft herzustellen, und dem Kampf gegen das kapi-
       talistische System, dem politischen Kampf.
       Als einheitliche  Problematik ist  der Übergang  vom ökonomischen
       zum politischen  Kampf gleichzeitig verbunden mit der Entwicklung
       der Organisationsformen  der Klasse und ihren Bewußtseinsentwick-
       lungen (schematisiert:  von der  Organisation in  der Fabrik über
       die Gewerkschaft  zur Partei der Arbeiterklasse und den damit ge-
       koppelten Prozessen  der Bewußtseinsbildung).  Dadurch, daß unter
       den heutigen  Bedingungen ökonomische Kämpfe durch die Tangierung
       der Systemgrenzen leichter in politische Klassenkämpfe übergehen,
       wird auch  die analytische  Abgrenzung zwischen  ökonomischem und
       politischem Klassenkampf  schwieriger. Ökonomischer,  politischer
       und ideologischer  Klassenkampf  bilden  unter  dem  Theorem  von
       "Klasse an  sich" und "Klasse für sich" eine untrennbare Einheit,
       während der  Tripartismus der kapitalistischen Produktionsweise -
       nach Poulantzas - diese Einheit zerreißt.
       Da für Marx im Klassenkampf der politische Klassenkampf als orga-
       nisierter Kampf  zur Überwindung des Kapitalismus als bewußtester
       Ausdruck aller  Kämpfe angesehen  wird, steht  Poulantzas seiner-
       seits unter  dem Druck,  wie er dem politischen Kampf diese Rolle
       zugestehen kann. Nach Poulantzas treten im ökonomischen Kampf die
       Subjekte vereinzelt  und privat auf, im politischen Kampf dagegen
       als öffentliche  Subjekte. Diese  Entgegensetzung zerreißt völlig
       die Organisation,  die Klasse als Subjekt, als Einheit von ökono-
       mischem und  politisch-ideologischem Kampf.  Zur  Entgegensetzung
       von privat und öffentlich in den Klassenkämpfen bezieht sich Pou-
       lantzas sinnentstellend auf ein Marxzitat: "Mit dieser Niederlage
       tritt das  Proletariat  in  den  Hintergrund  der  revolutionären
       Bühne... Zum  Teil wirft  es sich    a u f    d o k t r i n ä r e
       E x p e r i m e n t e,   T a u s c h b a n k e n    u n d    A r-
       b e i t e r a s s o z i a t i o n e n,   also in  eine  Bewegung,
       worin es  darauf verzichtet,  die alte  Welt  mit  ihren  eigenen
       großen Gesamtmitteln  umzuwälzen, vielmehr  hinter dem Rücken der
       Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner beschränkten Exi-
       stenzbedingungen, seine  Erlösung zu vollbringen sucht, also not-
       wendig scheitert." 24)
       Nun geht  aus dem  Zitat keineswegs die von Poulantzas behauptete
       Unterscheidung zwischen  ökonomischem Klassenkampf als privat und
       politischem Klassenkampf  als  öffentlich  hervor,  sondern  Marx
       meint mit  privat, daß  es dem Proletariat gar nichts nützt, wenn
       es praktisch  über Tauschbanken  auf Privatweise,  also  k a p i-
       t a l i s t i s c h,   agiert, um  die Gesellschaft zu verändern,
       was nur  eine Illusion  sein kann.  Nun bildet gerade die Indivi-
       dualität/Subjektivität  des   ökonomischen   Klassenkampfes   für
       Poulantzas den  Schlüssel, um  die Dominanz des politischen Klas-
       senkampfes zu  begründen, denn  erst im  politischen Klassenkampf
       wird die Einheit der Individuen hergestellt, was die Dominanz ge-
       genüber den  anderen Formen  des Klassenkampfes  ausmacht: "Eines
       der Merkmale dieses politischen Kampfes, der gegenüber dem ökono-
       mischen Kampf  weitgehend verselbständigt  ist,  besteht  in  der
       Tat... darin, daß er darauf gerichtet ist, die Klasseneinheit un-
       ter Berufung  auf die  Vereinzelung im  ökonomischen Kampf herzu-
       stellen." 25)  Nun ist nach Poulantzas das gesellschaftliche Ver-
       hältnis des politischen Klassenkampfes nicht von der Struktur des
       Politischen -  dem Staat  - zu  trennen. Deswegen ist für ihn die
       Zusammenfassung der  Individuen keine, die sich über den Klassen-
       kampf zur  Organisation der  Klasse in  Gewerkschaft, Partei etc.
       herausbildet, sondern  der Staat  bildet das Konstitutionselement
       für die  Klassen: "Der  Staat muß  die individualisierten Agenten
       auf die  Klassen verteilen,  er muß  die Agenten so formieren und
       abrichten, qualifizieren und unterwerfen, daß sie diese oder jene
       Klassenstelle einnehmen können..." 26)
       Da im  Staat die  Individuen zusammengefaßt  werden und der Staat
       Volk und  Nation bildet,  werden die  Klassenkämpfe  als  in  die
       Struktur des  Staates eingeschrieben  gesehen, aber  gleichzeitig
       wird dadurch  ihr Charakter undeutlich, geraten sie zu Volkskämp-
       fen. Das  Volk steht  dem "Block  an der Macht" gegenüber. Danach
       ist in  der staatlichen  Ideologie  der  Klassencharakter  ausge-
       löscht. Diese  Tendenz wird  noch durch den fehlenden Subjektcha-
       rakter der Klasse in der Analyse Poulantzas' gefördert. Nicht der
       Klassencharakter staatlicher Politik wird betont, sondern der Ge-
       gensatz zwischen "Volk" und "Block an der Macht".
       
       Der Vergesellschaftungsprozeß bei J. Hirsch
       -------------------------------------------
       und sein Übergang zum Subjektivitätsideologen
       ---------------------------------------------
       
       Auch Hirsch  knüpft an die Kategorien Foucaults von Macht und In-
       dividualisierung an.  Allerdings erfahren  sie bei  ihm bestimmte
       Modifikationen, da  er die  Machtbeziehungen und die Individuali-
       sierung auf  Grundlage der Vergesellschaftungstendenz untersucht.
       Ausgangspunkt seiner  Thesen ist die Feststellung, daß der Verge-
       sellschaftungsprozeß zur  Wandlung des Reproduktionszusammenhangs
       der kapitalistischen  Gesellschaft geführt  hat, was entscheidend
       das Verhältnis von Politik und Ökonomie und von Basis und Überbau
       verändert hat:  "Diesen  Veränderungen  der  Vergesellschaftungs-
       weise, d.h.  der gesellschaftlichen  Arbeitsteilung und  der Her-
       stellung des gesellschaftlichen Zusammenhangs der Individuen, ist
       nachzugehen, wenn die Wandlungen des politischen Herrschaftsappa-
       rates jenseits  der allgemeinsten  Formbestimmungen  erklärt  und
       ihre prägenden Tendenzen aufgedeckt werden sollen." 27)
       Nach Hirsch  bedarf das Kapital zunehmend des Staatseingriffs, um
       den Reproduktionsprozeß  des Kapitalverhältnisses  zu  gewährlei-
       sten. Bis  dahin bestehen  kaum Differenzen  in der  Analyse  des
       staatsmonopolistischen Systems.  Allerdings werden  sie da sicht-
       bar, wo der Staat zur gesellschaftlichen Superstruktur gerät. 28)
       Die These  der SuperStruktur  des Staates  findet ihre Begründung
       darin, daß  neben dem  zunehmenden Eingriff in den Reproduktions-
       prozeß des  Kapitals die Reproduktion der Arbeiterklasse bzw. die
       soziale  Reproduktion   vom  Staat  gewährleistet  werde.  Daraus
       schließt Hirsch,  daß das  alte Basis-Überbau-Schema  nicht  mehr
       gültig sei.
       Es sei  kurz darauf verwiesen, daß zwar zunehmend die politischen
       Entscheidungsstrukturen in  den Reproduktionsprozeß  des Kapitals
       einbezogen werden  und dadurch  die politische Krisenanfälligkeit
       erhöht wird.  Allerdings bedeutet  diese Entwicklung  eben nicht,
       daß die  Entscheidungskompetenz über  Produktion und Reproduktion
       vom monopolistischen  Eigentum auf den Staat verlagert würde. So-
       mit bleibt das grundlegende Verhältnis von Basis und Überbau auch
       in der  modifizierten Form  erhalten, wobei dem Staat die Aufgabe
       zukommt, vergesellschaftete Bedingungen der Produktivkraftentfal-
       tung privat anwendbar zu machen.
       Aber nicht  dieser Aspekt ist für Hirschs Konzeption ausschlagge-
       bend. Vielmehr  sieht er  in den Gewährleistungen des Staates für
       den sozialen Reproduktionsprozeß der Arbeiterklasse die Grundlage
       für ihre  Einbeziehung in  das System.  Auf  dieser  Analyseebene
       führt Hirsch die bekannten Theoreme von Foucault und Poulantzas -
       Individualisierung  (bei   Hirsch:  Fordismus)   und  Normalisie-
       rung/Anpassung ein.  Der weite  Bereich staatlicher Sozialpolitik
       ist die Basis für die Prozesse von Normalisierung und Einpassung.
       Wie im  Arbeitsprozeß wird  im System  der sozialen Sicherung die
       Individualisierung des  Arbeitsprozesses reproduziert  29):  "Das
       soziale Sicherungssystem, von dem eminente 'ideologische' und So-
       zialisations-Wirkungen ausgehen,  sollte allemal qua Zementierung
       bürgerlicher Verkehrsformen  Ansätze zu einer kollektiv-solidari-
       schen Reproduktionssicherung  unterbinden. Die so institutionali-
       sierten Verhaltensmuster  und Praktiken verwirklichen die system-
       notwendige 'Normalisierung'  in einer Weise, daß unmittelbare Ge-
       waltanwendung hinter  der 'stummen  Gewalt' der Institutionen und
       Verfahren zurücktreten kann." 30)
       Noch etwas  weitgehender als Poulantzas, der noch den Begriff des
       Klassenkampfes in  seine Interpretation  des Staatshandelns  ein-
       schließt, entschwindet  Hirsch diese Problematik vollends aus dem
       Blickwinkel. So  werden die staatlichen Sozialleistungen zum Mit-
       tel der Kontrolle der Individuen stilisiert. Daß sie darüber hin-
       aus Ergebnisse des Kampfes der Arbeiterklasse sind, die überhaupt
       erst die  Bedingungen der  physischen Existenz der Arbeiterklasse
       sicherten und  somit auch  Voraussetzungen für weitere Kämpfe wa-
       ren, läßt Hirsch beiseite.
       Darüber hinaus ist ihre Aufrechterhaltung - zumal sie gerade z.Z.
       massiv bedroht  sind -  Ansatzpunkt  weiterer  Kämpfe,  die  auch
       gleichzeitig eine  Zusammenfassung und  Bewußtwerdung der Indivi-
       duen bedeuten. Hirsch leitet aus der Individualisierung im sozia-
       len Reproduktionsbereich  die allgegenwärtige  Superstruktur  des
       Staates ab,  der über  den individualisierenden Machtbegriff Fou-
       caults die  Individuen kontrolliert,  normalisiert und in den be-
       stehenden Herrschaftskomplex eingliedert: "Mit den neuartigen Re-
       produktionsbedingungen der Arbeitskraft und den 'fordistisch' ge-
       wandelten Vergesellschaftungsformen  prägt dieser Sachverhalt zu-
       nehmend die  institutionelle Struktur des Staates, seine Erschei-
       nungsweise als  Gewaltapparat und  das Verhältnis von 'Staat' und
       'Gesellschaft' insgesamt." 31)
       Der Staat als Agentur präventiver Normalisierung und Disziplinie-
       rung kommt  dem Poulantzas-Modell des Staates als Organisator der
       Klassenverhältnisse sehr  nahe. In beiden Theorien wird der Staat
       als allumfassende  Instanz der  Gestaltung der  sozialen Verhält-
       nisse angesprochen.  Hirschs Konzeption unterscheidet sich darin,
       daß er  aus der  Individualisierung das Veränderungspotential ge-
       winnt. 32)  Nach Hirsch  kann die  Arbeiterklasse die Überwindung
       des Kapitalismus nicht leisten, da sie in ihrer Objektivität "als
       bloßes Produkt  und Objekt der Kapitalbewegung oder als abstrakte
       Potenz der  Revolution" 33) nicht die Individualität (Alltag, Be-
       dürfnisse, Wünsche  etc.) erfassen  kann. Das  handelnde  Subjekt
       werde zum  bloßen Anhängsel  des Klassenkampfes. 34) Hirsch doku-
       mentiert mit  diesen Äußerungen  bloß seine  Unkenntnis konkreter
       Kämpfe der  Arbeiterklasse. Da  er in seiner ganzen Arbeit keinen
       Begriff der  Organisationen der Arbeiterklasse entwickelt, stellt
       sich für  ihn die  Frage nicht, wie sich die Bedürfnisse, Wünsche
       etc. der  Individuen im  gemeinsamen Kampf der Arbeiterklasse um-
       setzen. Vielmehr  will er mit der These der fehlenden Berücksich-
       tigung des  Individuums begründen,  daß der  Kampf der  Arbeiter-
       klasse nicht  zur Befreiung  der Individuen beiträgt, sondern sie
       als verlängerter  Arm des  Staates  unter  die  Machtverhältnisse
       zwängt. 35)
       Damit gelangt  Hirsch zu den idealistischen Machtbeziehungen Fou-
       caults, nach  denen Machtbeziehungen  Verhältnisse konstituieren,
       die ihre Beständigkeit über die normalisierende Wirkung von Orga-
       nisationen erreichen.  Auch von  den Organisationen der Arbeiter-
       klasse ginge  demnach diese  Wirkung aus. Deshalb wird die Lösung
       des Machtproblems  in der  abstrakten Betonung  der Subjektivität
       gesehen, womit  in der Tendenz das bürgerliche Freiheitsideal re-
       produziert wird. Um die Individualisierung des Kampfes auf Grund-
       lage der  Entwicklung des  Kapitalverhältnisses zu begründen, be-
       zieht sich  Hirsch auf  die erweiterten Konfliktfelder, die durch
       die Zuspitzung  der Widersprüche unter staatsmonopolistischen Be-
       dingungen erzeugt werden. Gerade die Ausweitung der Widerspruchs-
       felder zwischen  vergesellschafteter Produktion  und privater An-
       eignung wird  als Beweis  für die Notwendigkeit dezentralisierter
       und spontaneistischer  Lösungen angeführt. 36) Das Muster Indivi-
       dualisierung/Normalisierung interpretiert  diese Widersprüchlich-
       keiten als  dezentrale Konflikte:  "Er  stiftet  zugleich  Wider-
       stände, Nichtanpassung,  subjektive Potentiale von Rebellion, die
       sich in  den herrschenden  Vergesellschaftungsrahmen  nicht  ohne
       weiteres einfügen,  zugleich jedoch  vagabundieren  und  instabil
       sind." 37)
       Die Vergesellschaftung  führt nach Hirsch nicht zur Vereinheitli-
       chung, sondern  beinhaltet in diesem Konzept nur die Formen mono-
       polistischer Aneignung, Ausdifferenzierung, Subjektivierung. Ihre
       innere Widersprüchlichkeit  als Widerspruch  zwischen Arbeit  und
       Kapital wird nicht erfaßt. So bildet ihre monopolistische Verfor-
       mung die  Basis für ihre Alternative. Die Überwindung des Kapita-
       lismus wird in der Subjektivierung gesucht, deren Erscheinung die
       Alternativbewegung bildet.  Sie ist das ideale Abbild der Indivi-
       dualisierung/Normalisierung dadurch,  daß die Widersprüchlichkei-
       ten partikular auftauchen und sich in subjektiver Verweigerung in
       einzelnen Lebensbereichen  äußern können.  Die Alternativbewegung
       enthüllt diese  Subjektivität und den Partikularismus. Hirsch be-
       fürwortet gerade  den Partikularismus  und wendet sich gegen eine
       Zusammenfassung des  Protestpotentials in einer politischen Orga-
       nisation, denn  dann würden ja wieder die Effekte von Normalisie-
       rung/Machtbeziehung entstehen. 38)
       Eine Antwort,  wie ohne  eine Organisation  der Kräfte das System
       überwunden werden kann, gibt Hirsch nicht. Er stellt sein bürger-
       liches Freiheitspostulat gegen den Klassenkampf und kann aus die-
       sem Bewußtsein die Prozesse von Partikularisierung und Individua-
       lisierung, die  die herrschende  Klasse zur Bestandssicherung des
       Systems benötigt,  nicht überwinden.  Vielmehr stilisiert  er die
       Individualisierung zur einzigen Möglichkeit der Systemüberwindung
       und verneint damit den Weg revolutionärer Umwälzung durch den or-
       ganisierten Kampf  der Arbeiterklasse. Dem in alle Lebensbereiche
       eindringenden Staat  à la  Orwell setzt  Hirsch die Subjektivität
       und Vielfältigkeit  der Alternativbewegung  entgegen, ohne zu er-
       kennen, daß erstens der Partikularismus die Fähigkeit des Systems
       zur Integration und Kontrolle dieser Bewegung erhöht und zweitens
       diese Bewegung nicht den Kernbereich kapitalistischer Herrschaft,
       die Eigentumsverhältnisse, angreift. Beide Voraussetzungen werden
       nur im Kampf der Arbeiterklasse erfüllt, wobei die Organisationen
       der Arbeiterklasse notwendiger Bestandteil sind.
       
       Klassenkampf und Staatsapparat
       ------------------------------
       
       Während Hirsch  die Alternativbewegung an die Stelle des Proleta-
       riats treten  läßt, bezieht  Poulantzas den Klassenkampf in seine
       Analyse ein.  Allerdings ist  bei Poulantzas  die Klasse nie Sub-
       jekt, sondern  wird immer als Zusammenfassung der Individuen auf-
       gefaßt. Der Staat organisiert die Individuen faktisch zur Klasse.
       Damit gehen  zwei Momente  einher: Erstens, der Klassenkampf exi-
       stiert bei  Poulantzas nur  als Resultat  einer Bewegung, nie als
       Bewegung selbst.  Zweitens, als Resultat geht der Klassenkampf in
       die Materiatur  des Staates  ein. Daraus resultiert, daß für Pou-
       lantzas die  Begriffe "Klasse  an sich"  und "Klasse für sich" im
       marxistischen Sinne  nicht existieren  können, denn die Frage der
       Bewußtwerdung in  den Klassenauseinandersetzungen  ist nicht exi-
       stent. Klassenkämpfe  sind starr,  schematisch gefaßt. Sie finden
       ihren Ausdruck in der Materiatur, ihre Bewegung ist apparatebezo-
       gen. In dieser Hinsicht stellt sich für Poulantzas auch nicht das
       Organisationsproblem der  Arbeiterklasse. Die  Individualisierung
       verhindert die  Organisation. Die  Zusammenfassung der  Arbeiter-
       klasse in  der Fabrik  als genetische  Möglichkeit  des  Klassen-
       kampfes entfällt.
       Nun sind  die Klassenkämpfe  bzw. die  Volkskämpfe bei Poulantzas
       konstitutiv mit  der relativen  Autonomie des  Staates verbunden:
       "Der Staat kann die Rolle der Vereinheitlichung und Organisierung
       der Bourgeoisie  und des  Blocks an  der Macht nur dann erfüllen,
       wenn er  gegenüber dieser oder jener Fraktion oder Komponente des
       Blocks und  gegenüber ihren  Partikularinteressen eine   r e l a-
       t i v e   A u t o n o m i e   behält." 39) Die relative Autonomie
       resultiert  aus   den  in   die  Staatsapparate  eingeschriebenen
       Klassenkämpfen, die  zu bestimmten  Widersprüchen und  Kräftever-
       hältnissen führen,  was sich in Widerständen, Bündnissen, Opposi-
       tionsrollen, Interessenunterschieden auch innerhalb des Blocks an
       der Macht zeigt. 40)
       Die ständig  in den  Staat eingeschriebenen konfligierenden Klas-
       senkampfpositionen, die  die Materiatur  der Staatsapparate  her-
       stellen, nennt Poulantzas die Verdichtung eines Kräfteverhältnis-
       ses. Der  Staat gewinnt  nun in der Verdichtung dieses Kräftever-
       hältnisses seine relative Autonomie durch seine Organisationssub-
       stanz gegenüber den sich widerstreitenden Klasseninteressen. "Das
       Spiel dieser  Widersprüche innerhalb der Materialität des Staates
       ermöglicht die  Organisationsrolle des  Staates..." 41) In diesem
       Sinne ist die relative Autonomie des Staates relational 42), d.h.
       sie ergibt  sich allein aus der Differenz der sich widerstreiten-
       den Klasseninteressen.  Der Staat  füllt den  Raum - als relative
       Autonomie ",  den ihm  der in  die Staatsapparate eingeschriebene
       Kampf der Klassen läßt.
       Um die  relative Autonomie des Staates nicht nur als Ausdruck der
       Verdichtung des Kräfteverhältnisses erscheinen zu lassen, organi-
       siert sich  auch innerhalb  des Staatsapparates die Hegemonie des
       Blocks an  der Macht. Die hegemoniale Klasse oder Klassenfraktion
       macht den  Apparat, der  am deutlichsten von ihren Interessen ge-
       prägt ist,  zum dominanten Apparat, der dann das einheitliche po-
       litische Handeln der dominanten Klasse über alle anderen Apparate
       organisiert. "Diese Einheit gründet sich auf eine ganze Kette der
       Unterordnung bestimmter  Apparate unter  andere und auf die Herr-
       schaft eines  Apparates oder Zweiges des Staates (die Armee, eine
       politische Partei, ein Ministerium, usw.), der par excellence die
       Interessen der  hegemonialen Fraktion kristallisiert, über andere
       Zweige und  Apparate, die als Widerstandszentren anderer Fraktio-
       nen des Blocks an der Macht fungieren." 43)
       Die relative  Autonomie ergibt  sich nach  Poulantzas allein  aus
       diesem Kräfteverhältnis  der Klassen und der Fraktionen der Bour-
       geoisie. In  diesem Sinne  ist sie  nicht mehr bestimmbar, da sie
       von dem  sich ständig  ändernden Kräfteverhältnis der Klassen ab-
       hängig ist.  Der Klassencharakter des Staates ist nicht mehr ein-
       deutig bestimmbar.  Doch Bestandteil  der Verdichtung der Kräfte-
       verhältnisse wird  der Klassencharakter  im nachhinein  durch die
       Dominanz des  Blocks an der Macht in den dominanten Staatsappara-
       ten, der  sich alle anderen Staatsapparate unterordnen. Weiterhin
       wird die  relative Autonomie  des Staates von den gesellschaftli-
       chen Verhältnissen  insoweit dominiert,  daß die  Produktionsver-
       hältnisse -  gefaßt als  Akkumulations- und Reproduktionsverhält-
       nisse -  determinierend auf sie wirken. Dabei wird der Tripartis-
       mus der kapitalistischen Produktionsweise aufrechterhalten.
       Anstatt den  Staat und die relative Autonomie des Staates aus dem
       Eigentumstheorem 44) zu begründen, das das Wirkungsverhältnis von
       ökonomischer Veränderung, Politik und Ideologie als einheitlichen
       Prozeß kapitalistischer  Vergesellschaftung faßt, läßt Poulantzas
       verschiedene Strukturen  und Verhältnisse aufeinander wirken, wo-
       bei er  in Gefahr  gerät, den Klassencharakter des Staates in der
       relativen Autonomie  aufzulösen. Leitet  man dagegen die relative
       Autonomie aus der Eigentumskategorie ab und sieht diese darin be-
       gründet, daß  der Staat  bestimmte Systemsicherungsleistungen er-
       bringen muß, aus denen sich auch eine relativ eigenständige poli-
       tische Rolle  der Ministerialbürokratie  ableiten läßt, gerät man
       nicht in Gefahr, den Begriff des Staates und seiner relativen Au-
       tonomie des Klassencharakters zu berauben.
       Natürlich wirken sich die Klassenkämpfe auf die Systemsicherungs-
       maßnahmen aus,  deren Prozeß sich auf die objektiven Systemerfor-
       dernisse auswirken  kann. In dieser Hinsicht ist staatliche Poli-
       tik nicht  nur klassenbestimmt  durch die  Erfordernisse des  Sy-
       stems, sondern  in ihr  zeichnen sich Zugeständnisse, Kompromisse
       bzw. Bündnisse  etc. mit  den verschiedenen Klassen und Schichten
       ab; aber  der Erhalt  des Systems  und des  damit eng verbundenen
       Zwecks des  Kapitals -  der Profiterzielung - ziehen die Möglich-
       keiten für Kompromißbildungen und Bündnisse enger oder weiter, je
       nach den objektiven Widersprüchen und Friktionen des Systems, die
       zu jeder  bestimmten Phase in der Geschichte der kapitalistischen
       Produktionsweise die  Grundlage der  Politik der Bourgeoisie bil-
       den. In  diesem Zusammenhang  ist zu  bemerken, daß zunehmend die
       Monopole den  Prozeß der Systemsicherungsleistungen und damit der
       relativen Autonomie des Staates durchbrechen können.
       Des weiteren  führt Poulantzas'  Klassenbegriff  (Zusammenfassung
       von Individuen)  dazu, daß die Bündnisse, die die Herrschaftsaus-
       übung sichern,  allein als  Klassenbündnisse gefaßt werden. Nicht
       jedes Herrschaftsbündnis  kann als  Klassenbündnis gefaßt werden,
       denn auf  einer konkreten Ebene der Analyse gehen Bündnisse viel-
       fach quer  durch die sozialen Klassen und ihre Organisationen. So
       kann in  der BRD nicht von einem Bündnis zwischen Bourgeoisie und
       Arbeiterklasse gesprochen werden, weil SPD- und Gewerkschaftsfüh-
       rungen in die Herrschaftsstruktur der BRD "eingeschrieben" sind.
       Die oben  dargelegten Punkte  haben Konsequenzen  für Poulantzas'
       Übergangsmodell zum Sozialismus: Organisierung des Klassenkampfes
       und Enteignung sind für Poulantzas keine Probleme. An ihre Stelle
       treten die Veränderung der Staatsapparate und die Vergesellschaf-
       tung, die,  über Volkskämpfe vermittelt, die dominanten Staatsap-
       parate zu  Machtbastionen und  Hegemonieinstanzen der Volksmassen
       werden läßt.  Die Enteignung und Beherrschung der wichtigsten Mo-
       nopole und ihrer Einrichtungen ist für Poulantzas ebensowenig von
       Bedeutung wie  die Rolle  der Organisationen  der  Arbeiterklasse
       beim Übergang zum Sozialismus. Die Veränderung der Staatsapparate
       und die  Vergesellschaftung sind  somit bei Poulantzas ihres sub-
       jektiven Faktors  - der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen -
       beraubte Vorgänge.
       
       _____
       *) Zur Kritik  vergleiche auch:  Chr. Butterwegge, Zur Staatskon-
       zeption von  N. Poulantzas,  in: Beiträge des IMSF 6/1, Der Staat
       im  staatsmonopolistischen   Kapitalismus   der   Bundesrepublik.
       Staatsdiskussion und  Staatstheorie, Frankfurt/Main  1981, S. 142
       ff.
       1) Nicos Poulantzas, Politische Macht und gesellschaftliche Klas-
       sen, Frankfurt/M. 1974, S. 66
       2) "Dies bedeutet,  daß die  gesellschaftliche Klasse theoretisch
       nicht als  eine Teilbereichsstruktur  oder als  eine Teilstruktur
       der globalen Struktur erfaßt werden kann, so wie zum Beispiel die
       Produktionsverhältnisse, der  Staat oder  die  Ideologie  Teilbe-
       reichsstrukturen der  globalen Struktur  sind... Zwar  können die
       gesellschaftlichen Klassen  nicht als  Struktur in  den gegebenen
       Bereich angesehen  werden, doch  stellen sie, da sie eine Auswir-
       kung der  Strukturen sind, im besonderen Bezugsrahmen der gesell-
       schaftlichen Verhältnisse eine Struktur dar." Ebenda, S. 66.
       3) z.B. Michel  Foucault, Überwachen  und  Strafen,  Frankfurt/M.
       1976.
       4) siehe Michel Foucault, Dispositive der Macht, Westberlin 1978,
       S. 35
       5) Michel Foucault,  Mikrophysik der  Macht, Westberlin  1976, S.
       116
       6) Michel Foucault, Dispositive..., a.a.O., S. 68 ff.
       7) ebenda, S. 92 ff.
       8) ebenda, S. 82
       9) ebenda, S. 44 ff.
       10) Friedrich Engels, "Anti-Dühring", in: MEW, Bd. 20, S. 142
       11) "Betrachtet man  den ökonomischen Prozeß und die Produktions-
       verhältnisse als  ein Netz von Machtbefugnissen, so wird einsich-
       tig, daß  die Produktionsverhältnisse konstitutiv mit den politi-
       schen und ideologischen Beziehungen verbunden sind, die sie sank-
       tionieren und  legitimieren und die in den ökonomischen Beziehun-
       gen präsent  sind."  (Nicos  Poulantzas,  Staatstheorie,  Hamburg
       1978, S. 32)
       12) ebenda, S. 57
       13) ebenda
       14) ebenda, S.  35; weiterhin  "hat der Staat einen konstitutiven
       Einfluß nicht  nur auf die Produktionsverhältnisse und die Macht-
       befugnisse, die  sie realisieren,  sondern auf die Gesamtheit der
       Machtbeziehungen auf allen Ebenen." (ebenda, S. 41)
       15) vgl. ebenda, S. 57
       16) Dies erinnert  sehr an  einige Bestimmungen, die Foucault dem
       Staat zuschreibt,  wenn er  ihn als  überdeterminierende Struktur
       der Machtnetze  beschreibt: "Der  Staat ist  Überbau in bezug auf
       eine ganze Serie von Machtnetzen, die die Körper, die Sexualität,
       die Familie, die Verhaltensweisen, das Wissen, die Techniken usw.
       durchdringen, und  diese Beziehungen  werden ihrerseits von einer
       Art Über-Macht  konditioniert und wirken konditionierend auf sie,
       die im wesentlichen um eine gewisse Anzahl großer Verbotsfunktio-
       nen herum  strukturiert ist; aber diese Über-Macht mit ihren Ver-
       botsfunktionen kann  nur insofern  wirklich greifen und sich hal-
       ten, als  sie in einer ganzen Reihe vielfältiger, nicht definier-
       ter Machtverhältnisse  verwurzelt ist,  die die notwendige Grund-
       lage dieser großen Formen negativer Macht bilden..." (Michel Fou-
       cault: Dispositive..., a.a.O., S. 39)
       17) vgl. N. Poulantzas, Staatstheorie, a.a.O., S. 98; die betref-
       fende Stelle  lautet: "Der Nationalstaat verwirklicht die Einheit
       der Individuen  des Volkes  und der Nation in derselben Bewegung,
       in der er ihre Individualisierung gestaltet."
       18) N. Poulantzas, Politische Macht, a.a.O., S. 43
       19) Der Begriff  der Gesellschaftlichkeit verschwindet hinter ei-
       nem Sammelsurium  organisierter  individueller  Machtbeziehungen,
       die ihren  Ausdruck im  herrschenden Kräfteverhältnis des Staates
       finden.
       20) N. Poulantzas, Politische Macht, a. a. O., S. 74
       21) ebenda, S. 61/62
       22) ebenda, S. 67
       23) N. Poulantzas, Staatstheorie, a. a. O., S. 25
       24) MEW 8,  S. 122;  den hervorgehobenen Teil hatte Poulantzas in
       seiner Wiedergabe  weggelassen. (Vgl.  N. Poulantzas,  Politische
       Macht, a.a.O., S. 130)
       25) N. Poulantzas, Politische Macht, a.a.O., S. 135
       26) N. Poulantzas, Staatstheorie, a.a.O., S. 67
       27) Joachim Hirsch, Der Sicherheitsstaat, Frankfurt 1980, S. 57
       28) "Nicht zuletzt  erhält der  Staat dadurch  in  seiner  Eigen-
       schaft, Apparat  von Klassenherrschaft zu sein, den Charakter ei-
       ner gesellschaftlichen Superstruktur', die den ökonomisch-gesell-
       schaftlichen Reproduktionsprozeß  prägt und überwölbt - unter an-
       derem mit  der Konsequenz, daß das revolutionsstrategische Szena-
       rio von  der 'Zerschlagung  des Staates'  in dieser  Version wohl
       endgültig wird  ad acta  gelegt werden  müssen. Der Staat gewinnt
       real ein  Moment von  gesellschaftlicher Allgemeinheit,  er  wird
       tatsächlich in einem sehr weiten Sinne 'das gesellschaftliche Or-
       gan zur  Erhaltung der  gesellschaftlichen Ordnung'." (ebenda, S.
       62)
       29) siehe ebenda, S. 77
       30) ebenda
       31) ebenda, S. 111
       32) siehe ebenda, S. 115
       33) ebenda, S. 136
       34) siehe ebenda, S. 139 ff.
       35) "Natürlich ist  der 'Objektivismus' der Marxschen Theorie ein
       Reflex auf  den Objektivitätsübergang  der  bürgerlichen  Gesell-
       schaft, der  die Individuen  immer schon abstrakt macht, normali-
       siert und zurichtet..." (ebenda, S. 139)
       36) siehe ebenda, S. 147
       37) ebenda, S. 149
       38) ebenda, S. 151 ff.
       39) N. Poulantzas, Staatstheorie, a. a. O., S. 118
       40) "Diese Autonomie  manifestiert sich  konkret in den verschie-
       denen widersprüchlichen  Maßnahmen, die  jede dieser  Klassen und
       Fraktionen mittels  ihrer spezifischen  Präsenz im  Staat und der
       daraus  resultierenden  Widersprüchlichkeit  erfolgreich  in  die
       staatliche Politik  einbringen kann,  und sei  es nur in Form von
       Negativmaßnahmen, d.  h. mittels Oppositionen und Widerständen...
       zugunsten anderer  Fraktionen des  Blocks an der Macht." (ebenda,
       S. 125)
       41) ebenda, S. 124
       42) Das Machtfeld ist also strikt relational." (ebenda, S. 135)
       43) ebenda, S. 127/128
       44) vgl. Robert  Katzenstein:  Zum  Problem  einer  marxistischen
       "Staatsableitung", in:  Blätter für  deutsche und  internationale
       Politik 4/1975, S. 426 ff.
       

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