Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       PROBLEME DER NEUEN FRIEDENSBEWEGUNG
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       Thomas Harms
       
       I. Zur Herausbildung der neuen Friedensbewegung - II. Hauptkräfte
       der Friedensbewegung der BRD - III. Die soziale Zusammensetzung -
       IV. Motive  und Zugänge  zur neuen  Friedensbewegung - V. Politi-
       sches Selbstverständnis und Hauptforderungen - VI. Neue Friedens-
       bewegung -  Demokratische Bewegung  - Neue  Soziale Bewegungen in
       der BRD.
       
       I. Zur Herausbildung der neuen Friedensbewegung
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       Von einer  "neuen" Friedensbewegung  sprechen wir,  weil sie  auf
       qualitativ  neue   Momente  der   internationalen  Lage  und  des
       "Wettrüstens" reagiert,  weil sich  ihre soziale  Zusammensetzung
       und ihre  sozialen Grundlagen  sowie ihr  politisch-ideologisches
       Profil von  den Bewegungen  früherer Jahrzehnte  deutlich  unter-
       scheiden, weil  sie -  in den  letzten Monaten immer deutlicher -
       auch einen  qualitativ neuen internationalen Charakter anzunehmen
       beginnt. Gleichwohl  stehen die  neuen Bewegungen  auch in  einer
       Traditionslinie zu  früheren Kämpfen. Voraufgegangen waren in den
       70er Jahren  die Aktionen  zur Durchsetzung der Ostverträge und -
       ab Mitte  der 70er Jahre - zur "Beendigung des Wettrüstens", maß-
       geblich initiiert  vom "Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusam-
       menarbeit". In  beiden Bewegungen  spielte die  DKP eine  wichtig
       Rolle, waren  Kräfte aus  Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung ak-
       tiv. Von einer "Friedensbewegung" kann deshalb gesprochen werden,
       weil die  Bewegung sich  zwar in ihren politischen Hauptforderun-
       gen, die  im Mittelpunkt des Tageskampfes stehen, auf die Bekämp-
       fung der  dringendsten Probleme  des "Wettrüstens"  konzentriert,
       aber von  ihren inneren  Motiven, Antriebskräften  und Zielen her
       über dieses  Ziel hinausgeht,  auch eine Bewegung für den Frieden
       im Sinne demokratischer und humanistischer Zielsetzungen ist. 1)
       An dieser Stelle wird nur ein Überblick über einige Grundprobleme
       gegeben. Auf  aktuelle strategische und ideologische Diskussionen
       in der Bewegung wird nicht eingegangen.
       Die neue Friedensbewegung entzündete sich an der Entscheidung der
       NATO, in  ganz Westeuropa  neue, objektiv strategische Raketensy-
       steme vom  Typ Pershing  II und "Cruise Missile" zu stationieren,
       wovon ein  besonders großer  Teil in  der BRD  aufgestellt werden
       soll. Die  Bewegung gegen  diesen Beschluß  und die damit verbun-
       dene, qualitativ  gewachsene Gefahr  eines Atomkriegs  entfaltete
       sich zunächst  nur zögernd. Erst langsam verbreitete sich die Er-
       kenntnis über  seine Bedeutung,  seine Gefährlichkeit und die be-
       sondere Betroffenheit  der Bundesrepublik  in der  Linken und der
       demokratischen Bewegung.  Das Wahljahr  1980 war zwar stärker als
       die Jahre  zuvor durch das Thema "Krieg und Frieden" geprägt, die
       Hauptkämpfe wurden  aber gegen  die mögliche Kanzlerschaft Franz-
       Josef Strauß' geführt.
       Ende 1980  begann der große Um- und Aufschwung der neuen Bewegung
       der BRD. Zwei Impulse waren entscheidend:
       - der Sieg Reagans in den USA, der sofort zusammen mit seinen Mi-
       nistern Haig  und Weinberger eine zügellose militaristische Hetze
       entfachte und  neue irrsinnige  Rüstungsvorhaben ankündigte. Dies
       führte zu  einer tiefen Beunruhigung breiterer Kreise der Öffent-
       lichkeit;
       - das "Krefelder  Forum" im November 1980, mit dem sich die Bewe-
       gung gegen  den NATO-Beschluß  zu einem wirksamen breiten Bündnis
       mit einer klaren, einheitlichen Forderung zusammenschloß, und das
       mit der  Orientierung auf die Sammlung von 1 Million Unterschrif-
       ten unter  den "Appell"  gleichzeitig eine  einfache und wirksame
       Orientierung zum gemeinsamen Handeln ausarbeitete.
       Das Jahr  1981 wurde  zum Jahr  des Aufschwungs.  Die wichtigsten
       Stationen in Stichworten:
       Ostern 81:  Zehntausende demonstrieren  auf "Osterspaziergängen";
       regionale "Krefelder" Foren entstehen, z. B. in Hamburg;
       1. Mai  81: stärker als in den Jahren davor prägen Aussagen gegen
       das Wettrüsten, für Entspannung den 1. Mai;
       3.6.81: 40 000 Studenten demonstrieren in Bonn gegen Rotstift und
       neue US-Raketen;
       19.6.81: 80 000  Christen demonstrieren anläßlich des 19. Evange-
       lischen Kirchentages;  1.9.81: Zehntausende auf den Demonstratio-
       nen der DGB-Jugend zum Antikriegstag;
       10.10.81: 300 000 Menschen, aufgerufen von über 1000 Organisatio-
       nen und Initiativen, demonstrieren in Bonn.
       Im Laufe  von knapp 11 Monaten wurde die Bewegung gegen die neuen
       US-Raketen zur  größten außerparlamentarischen  Bewegung seit den
       50er Jahren. Erstmals in der Geschichte der BRD sah sich der Bun-
       destag gezwungen,  sich mit  einer einzelnen Demonstration zu be-
       fassen.
       Knapp 14  Tage vor  dem 10.10. hatten 500 000 US-Bürger gegen die
       Politik Reagans  demonstriert, und Ende Oktober kam es zu Massen-
       kundgebungen in Amsterdam, Brüssel, Paris, Madrid, Lissabon, Lon-
       don, Rom  und Athen.  Insgesamt demonstrierten  über eine Million
       Westeuropäer. Die Bewegung hatte damit europäischen Charakter an-
       genommen. Die  Entwicklung zu einer weltweiten Massenbewegung be-
       gann sich  abzuzeichnen. Auch  in Japan und Kanada nahm der Frie-
       denskampf einen Aufschwung.
       Zum Zeitpunkt  dieses Aufsatzes  (Mai 1982) hat sich die Bewegung
       weiter verbreitert.  Eine wachsende  Anzahl örtlicher Initiativen
       arbeitet,  480 000   Menschen   haben   in   der   BRD   an   den
       "Ostermärschen" teilgenommen,  eine große Demonstration aus Anlaß
       des NATO-Gipfels unter Teilnahme Reagans wird am 10.6.1982 statt-
       finden. Vielleicht  die wichtigste  Entwicklung dieses  Frühjahrs
       ist der  breite Aufschwung  der Bewegung  für ein  Einfrieren des
       strategischen Raketenpotentials in den USA. 2)
       Die Bewegung  entwickelte sich  gegen massive  Hetze und außeror-
       dentlich intensive  Propaganda der  Befürworter und  Einpeitscher
       des NATO-Beschlusses.  Die Hauptfrage,  die in  der Bewegung  und
       durch die  Bewegung geklärt  werden mußte  und auch klarer wurde,
       war die  Frage: "Ist  Pershing =  SS 20?" In immer neuen Analysen
       und Argumenten  widerlegten besonders  die den "Krefelder Appell"
       tragenden Kräfte  die Lüge von der angeblichen "Nach"-Rüstung ge-
       gen eine  angebliche "Vor"-Rüstung  mit SS 20.  Besonders auf den
       qualitativ neuen,  s t r a t e g i s c h e n  Charakter der NATO-
       Raketen und ihrer Aufstellung in der BRD wurde verwiesen, den der
       Vergleich mit den SS 20 vertuschen sollte. 3)
       Die Bewegung schuf sich so im Laufe des Jahres 1981 in zäher Aus-
       einandersetzung mit  der herrschenden Propaganda die programmati-
       sche Grundlage  ihres Kampfes,  die von  allen gemeinsam getragen
       werden konnte: Ziel ist die Verhinderung eines für Europa und die
       BRD möglicherweise  todbringenden Aufrüstungsschrittes  der  USA.
       Die durchzusetzende  Forderung ist  die  Rücknahme  des  NATO-Be-
       schlusses vom  Dezember 1979.  Darüber hinausgehende  Forderungen
       können solidarisch  diskutiert werden,  aber nicht  Grundlage der
       Bewegung sein.
       
       II. Hauptkräfte der Friedensbewegung der BRD
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       Hauptkennzeichen der neuen Friedensbewegung ist ihr Charakter als
       Volksbewegung, die alle sozialen Schichten erfaßt und in alle po-
       litischen Lager  hineinwirkt. Wer  sind die Hauptträger der Bewe-
       gung?
       1. Die   p o l i t i s c h e n   O r g a n i s a t i o n e n  des
       demokratischen und  linken Spektrums inklusive der Kräfte aus SPD
       und FDP, die zum NATO-Beschluß (und damit zu ihrer Parteiführung)
       in Opposition  stehen. "Abweichler"  aus dem Lager der Unionspar-
       teien (z.B.  Untergliederungen dieser Parteien oder ihrer Jugend-
       organisationen) gibt  es nicht,  zumindest nicht offen. Spektaku-
       läre Ausnahme  ist der  inzwischen aus  der  CSU  ausgeschlossene
       Friedensforscher A.  Mechtersheimer. Als  politische Kraft spielt
       die DKP eine wichtige impulsgebende, orientierende und organisie-
       rende Rolle.
       2. Die  F r i e d e n s (b ü r g e r) i n i t i a t i v e n,  die
       es im  ganzen Bundesgebiet  gibt. In  diesen Initiativen arbeiten
       Organisierte mit  Nichtorganisierten zusammen.  Insgesamt  sollen
       etwa 1200  solcher Initiativen  arbeiten. In Köln existierten An-
       fang 1982  etwa 30 mit rund 1500 Mitgliedern. Die Initiativen ar-
       beiten orts-  oder stadtteilbezogen,  mobilisieren aber  auch für
       zentrale Aktionen.  In Hamburg bestehen rund 70 solcher Initiati-
       ven. 4)
       Zu den  "Friedensinitiativen" im  weitesten Sinne  zu zählen sind
       Zusammenschlüsse wie  die "Gustav-Heinemann-Initiative",  die  AG
       "Schritte zur  Abrüstung",  das  "Komitee  zur  Verteidigung  der
       Grundrechte und der Demokratie" etc. und auch die vielen regiona-
       len "Foren" nach Krefelder Vorbild sowie das bundesweite "Komitee
       für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit" (KOFAZ). Die Zahl sol-
       cher Initiativen, in denen z.B. Politiker und Wissenschaftler zu-
       sammenarbeiten oder  die den  Charakter überparteilicher  politi-
       scher Bündnisse haben, hat stark zugenommen. 5)
       3. Schon jetzt sind Teile der Arbeiterbewegung in der Friedensbe-
       wegung aktiv. Was die Gewerkschaften betrifft, ist das Engagement
       in der Gewerkschaftsjugend sowie in den Einzelgewerkschaften HBV,
       IG Druck  und IG Metall recht groß. Der DGB-Aufruf "Frieden durch
       Abrüstung" ist  bisher von  ca. 1  Million Gewerkschaftern unter-
       schrieben worden  - ein eher mageres Ergebnis. Immerhin ist diese
       Sammlung die  erste Initiative  dieser Art in der bundesdeutschen
       Gewerkschaftsbewegung. 6)
       4. In der  Bewegung engagieren sich viele  C h r i s t e n  u n d
       k i r c h l i c h e   G l i e d e r u n g e n   beider Konfessio-
       nen, vor  allem Jugendliche.  Das Engagement  von Kräften aus der
       evangelischen Kirche ist stärker entwickelt. Besonders im Vorder-
       grund stehen  Organisationen wie  "Aktion  Sühnezeichen/Friedens-
       dienste" (ASF)  und "Aktionsgemeinschaft  Dienst für den Frieden"
       (AGDF), die  Initiative "Ohne  Rüstung  Leben",  Teile  der  "Pax
       Christi"-Bewegung,  der   "Internationale  Versöhnungsbund",  die
       Initiative "Christen  für  die  Abrüstung"  sowie  einige  höhere
       Kirchenfunktionäre. 7)
       5. Ein wichtiger  Träger sind Kräfte und Initiativen, die im wei-
       testen Sinne  der   ö k o l o g i s c h e n   u n d   "A l t e r-
       n a t i v b e w e g u n g" zuzurechnen  sind (soweit  sie  nicht,
       wie die  "Grünen", unter 1. erfaßt sind). Hierzu zählen zum einen
       die  Vielzahl   der  eigentlichen   Umweltschutz-  und  Anti-AKW-
       Initiativen, deren  wichtigste  bundesweite  Koordinierungsstelle
       der  BBU   ist,  der   bei  der  Vereinigung  von  Ökologie-  und
       Friedensbewegung eine  wichtige Rolle  spielt. Hierzu zählen aber
       auch Teile  des neopazifistischen Lagers in der BRD wie die radi-
       kalpazifistischen "Gewaltfreien  Aktionsgruppen" oder  Teile  der
       "autonomen Friedensbewegung". Dazu kommen Teile der Hausbesetzer-
       bewegung und der "neuen Jugendbewegung" sowie der internationalen
       Solidaritätsbewegung. 8)
       6. Zu erwähnen  ist weiterhin  die  demokratische    F r a u e n-
       b e w e g u n g   in der  BRD, die  von Gruppen  wie der Arbeits-
       gemeinschaft sozialdemokratischer  Frauen (AsF)  über  die  Demo-
       kratische Fraueninitiative  (DFI) bis  zu  den  neofeministischen
       Gruppierungen reicht  und einen  eigenständigen Beitrag zur Bewe-
       gung leistet. 9)
       7. Zusammenschlüsse  und   Aufrufe  spezifischer     B e r u f s-
       o d e r   I n t e r e s s e n g r u p p e n   treten eigenständig
       in der  Bewegung auf:  Ärzte, Naturwissenschaftler,  Juristen und
       Sportler werden aktiv für den Frieden aus ihrer spezifischen Ver-
       antwortung heraus.  Besonders engagiert  sind die  demokratischen
       Friedensforscher. 10)
       8. Schließlich gibt  es auch  eine  noch  kleine  Gruppe    v o n
       M i l i t ä r s   u n d   S o l d a t e n,   die sich  gegen  die
       neuen  US-Raketen   aussprechen.  Es  sind  dies  Offiziere  oder
       (ehemalige) Generäle  wie Bastian,  Vollmer und  Löser, die  ihre
       breit in  der Öffentlichkeit wirksame Ablehnung der neuen Raketen
       mit Vorschlägen  für eine  Ablösung  der  Bundeswehr-Doktrin  der
       "Vorne-Verteidigung" verbinden. Soldaten-Initiativen regt vor al-
       lem der Arbeitskreis demokratischer Soldaten (ADS) an. 11)
       Angesichts dieser Vielfalt ist die Bewegung nicht durch eine ein-
       zelne Organisation  zu leiten oder in einer Organisationsform wie
       der der  "Ostermarsch"-Bewegung der  60er Jahre zusammenzufassen.
       12)  Eine   zusammenführende  Rolle   spielt   insbesondere   die
       "Krefelder  Initiative",  ansonsten  hat  sich  die  Vorbereitung
       großer Aktionen  durch demokratische Tagungen aller einschlägigen
       Organisationen bewährt.  Diese bestimmen einen Koordinierungsaus-
       schuß (wie zum 10.6.). Es können Beschlüsse über den Abstimmungs-
       modus auf  solchen Tagungen  gefaßt werden,  die  eine  möglichst
       große Einheitlichkeit  gewährleisten. 13)  Wir haben den Kern der
       Bewegung, ihr "Gerüst" dargestellt. Von diesem Kern ist die Masse
       der Angesprochenen,  der Anhänger,  der Mobilisierbaren zu unter-
       scheiden: Sie  ist viel  größer. Es gibt mittlerweile wohl keinen
       Haushalt in der BRD mehr, der sich nicht zum Thema "NATO-Raketen-
       beschluß" eine  Meinung gebildet  hat. Allein  den "Krefelder Ap-
       pell" haben mittlerweile fast 3 Millionen Bürger unterzeichnet.
       
       III. Die soziale Zusammensetzung
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       Die neue  Friedensbewegung in der BRD ist eine Volksbewegung, die
       in ihrem  aktiven Kern  stark durch  das Engagement  der  Mittel-
       schichten und  der Intelligenz  bestimmt wird.  Führen wir  diese
       These näher aus.
       Auf Grund  des Ziels der Bewegung, das sich letztlich in der ein-
       fachen Formel  "Überleben!" auf  den Punkt  bringen läßt, ist die
       Bewegung tatsächlich  eine, die   a l l e  sozialen Schichten und
       Gruppen des Volkes erfassen kann und zum Teil bereits erfaßt hat.
       Wie man am Beispiel USA sehen kann, werden sogar realistisch den-
       kende Kreise der imperialistischen Bourgeoisie in bestimmtem Maße
       aktiv, obwohl bekanntlich auch E. Kennedy einem Moratorium in Eu-
       ropa nur  bei gleichzeitigem  weltweitem  "Einfrieren"  zustimmen
       würde. 14)  Das Monopolkapital in der BRD scheint momentan aller-
       dings mehr  oder minder  einheitlich die  Stationierung der neuen
       US-Raketen in  unserem Land zu befürworten. Allerdings unterstüt-
       zen kleine Teile der nichtmonopolistischen Bourgeoisie (die nicht
       mehr zur Intelligenz oder den oberen selbständigen Mittelschicht-
       gruppen gezählt werden können) bereits die Bewegung.
       Bedeutende Teile  der Mittelschichten  und der  Intelligenz  sind
       demgegenüber in  der Bewegung besonders aktiv. Sie stellen momen-
       tan einen großen Teil des aktiven Kerns, des Rückgrates der Bewe-
       gung, wobei vor allem die  j u n g e n  Angehörigen dieser sozia-
       len Schichten  aktiv sind. Untersuchungen über die Aktivisten der
       Friedensinitiativen in  Köln bestätigen  diese Aussage. Dort sind
       v.a. Schüler  und Studenten  in  den  Stadtteilinitiativen  aktiv
       (80%). Dazu  kommen Lehrer, Sozialarbeiter, Akademiker und einige
       ingenieurtechnische bzw. Verwaltungsangestellte, die überdies zum
       großen Teil  bereits Erfahrungen im politischen Kampf haben (z.B.
       in der Anti-AKW-, Berufsverbote- oder Anti-Strauß-Bewegung). 15)
       Ursache ist  zum einen die besondere Sensibilität von Angehörigen
       dieser Schichten  für die  Gefährdung des Friedens, ihre Möglich-
       keit, auf  Grund höheren  Bildungs- und  Informationsniveaus  die
       staatsmonopolistische Manipulation  leichter zu durchschauen, und
       die allgemein größere Möglichkeit, sich in noch vorhandenen Frei-
       räumen politisch zu betätigen. Ursache ist zum zweiten die Tatsa-
       che, daß  seit den 60er Jahren (der Studenten- und Antinotstands-
       gesetz-Bewegung) diese  Schichten in  starkem Maße  zu demokrati-
       scher Selbsttätigkeit  erwacht sind und bereits über eine gewisse
       Tradition demokratischen Kampfes verfügen.
       Das Engagement der heutigen Studentenbewegung für den Frieden ist
       vor allem auf das Wirken und die Kontinuität der gewerkschaftlich
       orientierten Kräfte  an den  Hochschulen zurückzuführen.  Die so-
       ziale Hauptursache  für dieses Engagement liegt im übrigen in der
       stärkeren Ausprägung  des Gegensatzes  dieser Schichten zur Mono-
       polbourgeoisie, in  der zunehmenden Bedrohung ihrer sozialen Lage
       mit ihren  (durchaus widersprüchlichen)  Auswirkungen im  Bewußt-
       sein.
       Dennoch wäre  es verfehlt,  den Einfluß,  dem bereits jetzt große
       Teile der  Arbeiterklasse durch die Bewegung ausgesetzt sind, so-
       wie den Anteil von Teilen der Arbeiterklasse an der Bewegung sel-
       ber zu  unterschätzen. So  ist bereits an dem Aktionskalender der
       Friedensbewegung für  1981 und 1982 zu sehen, daß es einen Anteil
       der Gewerkschaftsbewegung  am Gesamtaufschwung  durchaus gibt. Zu
       nennen sind  insbesondere die Aktivitäten am 1. Mai sowie die Ge-
       werkschaftsaktionen am Antikriegstag. Weiter kann davon ausgegan-
       gen werden,  daß trotz der ablehnenden Haltung des DGB-Bundesvor-
       stands Tausende  von Arbeitern, besonders Arbeiterjugendliche, an
       der Demonstration  vom 10. 10. beteiligt waren. Die gewerkschaft-
       lichen und  betrieblichen Aktivitäten anläßlich des Ostermarsches
       1982 waren  ein weiterer Schritt nach vorne, besonders im Ruhrge-
       biet.
       Zudem sind  auch in  einer Reihe  von Betrieben  und Verwaltungen
       Friedensinitiativen entstanden.  Bei Blohm  & Voss in Hamburg ar-
       beitet ein  gewerkschaftlicher Arbeitskreis zu Fragen der Umwand-
       lung von Rüstungs- in Friedensproduktion (Konversion), um nur ein
       Beispiel zu nennen. 16) Schließlich ist davon auszugehen, daß ein
       beträchtlicher Teil  der Unterstützer des "Krefelder Appells" aus
       der Arbeiterklasse stammt. Zum Vergleich: An den Hochschulen wur-
       den bisher  ca. 100 000 Unterschriften gesammelt (10% der Studen-
       tenschaft).
       Das Hauptproblem  ist, daß auf Grund der relativen Passivität der
       Gewerkschaften das   a k t i v e,   s e l b s t t ä t i g e  Ein-
       und Auftreten der Arbeiterklasse für den Frieden, gegen den NATO-
       Beschluß, gehemmt  wird. Und  zweitens, daß  die Anpassung vieler
       Gewerkschaftsführungen an  die von der Regierung betriebene Spar-
       (sprich: Umverteilungs-)  und Lohnabbaupolitik  eine   H e r a n-
       f ü h r u n g   größerer Teile der arbeitenden Bevölkerung an die
       Friedensfrage über  eine Bewegung  "gegen Sozialabbau  und  Hoch-
       rüstung" verhindert,  ja  diese  tendenziell  der  Demagogie  von
       CDU/CSU zuführt.  Der DGB-Aufruf  "Frieden durch  Abrüstung"  hat
       nicht den entscheidenden Impuls für eine stärkere Selbsttätigkeit
       gebracht. Eine  Verbreitung und Diskussion des Aufrufs in den Be-
       trieben selbst hat kaum stattgefunden.
       
       IV. Motive und Zugänge zur neuen Friedensbewegung
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       Die besondere Stärke der Bewegung liegt in der Breite der Zugänge
       und Motive,  sich an  ihr zu beteiligen oder zumindest mit ihr zu
       sympathisieren. Ausschlaggebendes  Motiv ist  die Angst vor einem
       neuen -  diesmal alles vernichtenden - Krieg. Die Bonner Parteien
       und die (mit wenigen Ausnahmen) gleichgeschaltete Presse versuch-
       ten lange Zeit, diese Angst als irrationalen "Spinnkram" abzutun,
       als "Feigheit vor dem Feind in schweren Zeiten". Aber diese Angst
       ist nicht  irrational. Sie  spiegelt den  in der  Tat  qualitativ
       neuen Stand  der atomaren  Aufrüstung und der mit ihr verbundenen
       Bedrohung wider.  Heute kann  die ganze Menschheit in einem Krieg
       mit den  angehäuften Arsenalen  vernichtet werden. Die Waffenent-
       wicklung nimmt immer perversere Wege (Neutronen-, B- und C-Waffen
       etc.). "Unverwundbare" Potentiale des "gesicherten zweiten Schla-
       ges" wird es bei der rapiden Entwicklung auf dem Sektor der Anti-
       U-Boot-Waffen u. U. schon in wenigen Jahren nicht mehr geben. Die
       Situation ist  äußerst labil.  Die Menschheit steht in der Tat am
       Rande des atomaren Abgrunds. 17)
       Dabei ist die Angst - wir kommen zu einem zweiten Zugang - durch-
       aus zielgerichtet: Sie hat in erster Linie die US-Politik und die
       menschenverachtende US-Führungsclique zum Gegenstand, obwohl sich
       viele Menschen  auch von  der UdSSR  bedroht fühlen. Die Empörung
       über den Haig-Ausspruch, es gebe Wichtigeres als den Frieden, hat
       dies besonders gezeigt. Und es ist die Angst des BRD-Bürgers, des
       Europäers, für  die US-Interessen  geopfert zu  werden. Die Angst
       kann somit einen antiimperialistischen und nationalen, demokrati-
       schen Inhalt  haben. Nationalist ist, wer seine Nachbarvölker mit
       neuen "Wunderwaffen"  bedroht -  national denkt, wer dies verhin-
       dern will.  Hierbei ist  besonders wichtig, daß die Friedensbewe-
       gung gerade  durch die  Propaganda von  oben, sie sei "antiameri-
       kanisch", gezwungen  war, ihre  Position zu  vertiefen und  demo-
       kratisch auszubauen:  Nicht gegen  das amerikanische  Volk richte
       sich der  Protest, sondern gegen seine jetzige Führung. Ein gutes
       Beispiel für  Lernprozesse in der direkten Auseinandersetzung mit
       dem Gegner.
       Die Angst  - dies ist ein drittes Motiv - fragt auch nach der Zu-
       kunft dieses  Planeten, wenn  nicht endlich mit dem Rüstungswahn-
       sinn Schluß gemacht wird. Auch dieses Moment hat einen objektiven
       Inhalt: die ungeheure Verschärfung aller "globalen Probleme", die
       sich vertiefende  soziale Krise  in den imperialistischen Ländern
       sowie die  tiefe ökologische  Krise im Kapitalismus. Keine Grund-
       forderung der  Bewegungen für  das Recht  auf Arbeit und Bildung,
       für die Gleichberechtigung der Frau, für eine ökologisch vernünf-
       tige Wirtschaft,  für die  Abschaffung des  Hungers auf  der Welt
       etc. kann gelöst werden, wenn nicht Abstriche von der Rüstung ge-
       macht werden.  Auch hierin  liegt ein  objektiver Grund  für  die
       K r i s t a l l i s a t i o n s f u n k t i o n,   die die gegen-
       wärtige Friedensbewegung für andere soziale Bewegungen hat.
       Die Bewegung  entwickelt sich  auf dem  Hintergrund von 10 Jahren
       Entspannungspolitik in  Europa. Manche Gruppen schätzen diese Pe-
       riode als  erfolglos und  enttäuschend ein. Die Dialektik besteht
       aber gerade darin, daß die  d u r c h  d i e  E i n l e i t u n g
       d e r   E n t s p a n n u n g s p o l i t i k  erzeugten Hoffnun-
       gen, Wünsche  und Erwartungen  es sind, die heute ganz wesentlich
       die Bewegung  antreiben. Dabei  ist gerade das Steckenbleiben der
       Entspannung -  vor allem der militärischen - bei ersten Schritten
       Hintergrund  des  besonders  ungeduldigen,  drängenden  Einsatzes
       vieler Friedenskräfte. Das Hauptmotiv der Entspannung war und ist
       u. E.  nach wie  vor das  der Aussöhnung  mit den sozialistischen
       Ländern nach  zwei Jahrzehnten Kaltem Krieg, Revanche-Politik und
       "innerdeutscher" Konfrontation.  Endlich damit  Schluß zu  machen
       und zu  einem vernünftigen  Zusammenleben mit den Menschen in der
       DDR und  der UdSSR  zu kommen, von der Konfrontation zum friedli-
       chen Nebeneinander  der Staaten überzugehen, ist nach wie vor ein
       wichtiges Motiv in der Bewegung.
       Ein vorletztes Motiv ist die Verteidigung und Erkämpfung von mehr
       D e m o k r a t i e.   Wenn der  NATO-Beschluß eines zeigt, dann:
       Das Volk ist im Imperialismus gerade in den entscheidenden Grund-
       fragen seiner  Zukunft, seines  Überlebens, von  jeder Mitsprache
       ausgeschlossen. Zahlen  und Fakten  über alle Rüstungsfragen sind
       Geheimsache. Eine  wirkliche Information der Bevölkerung über die
       neuen Raketen  fand vor dem Dezember 1979 nicht statt. Nicht ein-
       mal die  Delegierten des SPD-Parteitages von 1979 waren annähernd
       über die  Zusammenhänge informiert.  Das erzeugt  ein Gefühl  des
       Ausgeliefertseins bei  vielen Menschen.  Und eben den Wunsch nach
       mehr Transparenz und Mitsprache.
       Schließlich ist  d e r  A n t i m i l i t a r i s m u s  ein wei-
       teres Motiv,  das eigenständig  und stark  in der Bewegung wirkt.
       Die Durchsetzung  des NATO-Beschlusses  ist mit einer umfassenden
       Militarisierung des Lebens in der BRD verbunden. 18) Das fängt an
       mit preußisch-militaristischen  öffentlichen Vereidigungen, gegen
       die Protest  laut wird;  geht über  die Pläne, auch Frauen in die
       Bundeswehr einzubeziehen, bis zur verstärkten "Katastrophen"- und
       "Zivilschutz"-Planung, in  deren Verlauf  überall in  den Städten
       ausgediente Bunker  wieder betriebsfähig  gemacht  werden.  Gegen
       diesen allumfassenden Militarismus existiert besonders in der Ju-
       gend ein starker Widerwillen. Daraus erklärt sich die Radikalität
       der antimilitaristischen  Aktionen und  Forderungen, die  in  der
       Friedensbewegung verbreitet  sind. Sehr populär ist die Forderung
       nach Umstellung  der Rüstung  auf Zivilproduktion. Eine Reihe von
       Gruppen fordert  die völlige  Abschaffung der Bundeswehr und ihre
       Ersetzung durch eine "Soziale Verteidigung". 19)
       Zusammenfassend kann  man festhalten:  Auch in der Breite der Mo-
       tive und Zugänge zur Bewegung widerspiegeln sich ihre neue Quali-
       tät und  ihr Charakter  als Volksbewegung. Neu sind die Tendenzen
       zu einer  nationalen Motivation mit weitgehend demokratischem und
       antiimperialistischem Charakter. Neue Momente und eine neue Tiefe
       hat auch  der humanistische  Zugang zur  Bewegung erhalten. Z. B.
       ist das  Motiv des Naturschutzes und der Naturerhaltung gegenüber
       früher deutlich politisiert. Gleiches gilt für den demokratischen
       und antimilitaristischen Impuls.
       
       V. Politisches Selbstverständnis und Hauptforderungen
       -----------------------------------------------------
       
       Entsprechend der  großen Breite  der Bewegung  sowie der Vielfalt
       der sozialen  Gruppierungen, die sie umfaßt, kann nicht von einem
       einheitlichen politisch-weltanschaulichen  Selbstverständnis aus-
       gegangen werden.  In der  Bewegung wirken  mindestens fünf  große
       geistige und politische Strömungen und Traditionslinien zusammen:
       - die       s o z i a l d e m o k r a t i s c h - l i b e r a l e
       Strömung im weitesten Sinne,
       - die   s o z i a l i s t i s c h e  Strömung, die unterschiedli-
       che Richtungen  und Gruppierungen  einschließlich der Kommunisten
       umfaßt,
       - die   c h r i s t l i c h e   Strömung und  Traditionslinie, in
       sich wiederum sehr heterogen,
       - die   ö k o l o g i s c h e  Strömung, die, ausgehend von einem
       ökologisch geprägten  Weltbild,  einen  spezifischen  Zugang  zur
       Friedensfrage entwickeln kann,
       - die   p a z i f i s t i s c h e  Strömung, die sich in bestimm-
       tem Maße  mit den  anderen überschneidet, aber auch - z.B. in den
       Organisationen der Kriegsdienstverweigerer - selbständig auftritt
       und über eine lange Tradition verfügt.
       An dieser  Stelle ist  weder ein  unfassenderes Eingehen  auf die
       einzelnen Richtungen  noch auf  ihr gegenseitiges Verhältnis mög-
       lich. Wir  wollen aber  versuchen, einen Überblick über die wich-
       tigsten, von  den verschiedenen Kräften der Bewegung diskutierten
       politischen Forderungen  und die  damit verbundenen Grundprobleme
       zu geben.
       1. Die populärste  Forderung der neuen Friedensbewegung neben der
       nach Zurücknahme des NATO-Raketenbeschlusses ist ohne Zweifel die
       nach  einer     a t o m w a f f e n f r e i e n    Z o n e    i n
       E u r o p a.   Alle relevanten  Teile der  Bewegung  unterstützen
       diese Forderung. 20) Dies hat seine Ursache darin, daß die Besei-
       tigung der Atomwaffen in Europa, das mit solchen Waffen bis oben-
       hin vollgestopft ist, von den Teilnehmern an der Bewegung als ein
       besonders drängendes  und wichtiges, schnell anzugehendes Problem
       der nuklearen Abrüstung angesehen wird. Außerdem ist diese Forde-
       rung einfach und radikal. Ihre Durchsetzung würde eine reale Min-
       derung der  Atomkriegsgefahr in  Europa bedeuten. Und das ist es,
       was viele wollen: endlich reale, deutlich spürbare Abrüstung. Ein
       einheitliches Konzept für eine solche Zone (Größe etc.) existiert
       jedoch nicht. 21)
       2. Als entscheidender  Ausweg aus  der jetzigen  Hochrüstung, als
       Weg zu einer atomwaffenfreien Zone wird von vielen die Konzeption
       e i n s e i t i g e r   A b r ü s t u n g  angesehen. Eine solche
       Konzeption beruht  auf der  Einschätzung, daß  der  entscheidende
       Grund dafür,  daß es mit der Abrüstung nicht vorangeht, im gegen-
       seitigen Mißtrauen, in den wechselseitig übersteigerten Feindbil-
       dern zu  suchen ist.  Eine Seite  müsse den Anfang machen, nur so
       könne langsam Vertrauen entstehen. 22)
       Auch hier  muß darauf  hingewiesen werden, daß die konkreten Vor-
       stellungen darüber,  was "einseitige Abrüstung" sein soll und wie
       sie durchgesetzt  werden kann, sehr weit auseinandergehen und vom
       gemäßigten "Gradualismus"  bis  zum  radikalen  "Unilateralismus"
       alle denkbaren Varianten einer solchen Konzeption in der Bewegung
       vertreten sind.  Das Hauptaugenmerk richtet sich klar auf einsei-
       tige Reduzierung  im Bereich  der Atomwaffen.  Zuweilen wird auch
       der Verzicht  auf die  neuen NATO-Raketen  bereits als einseitige
       "Vorleistung" gewertet.
       3. Diskutiert werden  eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Verän-
       derung der   M i l i t ä r s t r a t e g i e  u n d  B e w a f f-
       n u n g   von NATO  und Bundeswehr.  In der Diskussion sind Über-
       legungen, in der NATO zu einer strikten Mindestabschreckung über-
       zugehen,  die  im  wesentlichen  auf  U-Boot-gestützten  Systemen
       basieren soll.  Parallel dazu  könnte die  Bundeswehr - so manche
       Überlegungen -  zu einer  Defensivarmee umgerüstet  werden, wobei
       man sich oft an den Vorschlägen H. Afteldts orientiert. Aber auch
       Überlegungen für  ein  Defensivkonzept  ganz  ohne  atomaren  Ab-
       schreckungsschirm sind  im  Gespräch.  23)  Parallel  zu  solchen
       Vorschlägen werden  vor allem  eine deutliche Reduzierung des Rü-
       stungsetats, das  Verbot des  Waffenexports, der Beginn einer Rü-
       stungskonversionsplanung  und   weitere  innenpolitische  Reform-
       schritte wie die Einrichtung eines Abrüstungsamtes gefordert.
       4. Insbesondere von  den "Grünen"  wird der  völlige Verzicht auf
       eine bewaffnete  militärische Verteidigung  und der  Übergang zur
       "S o z i a l e n  V e r t e i d i g u n g"  gefordert. SV soll in
       Form gewaltfreier Aktionen der Bevölkerung gegen einen potentiel-
       len Aggressor  durchgeführt werden  und nach außen eine defensive
       "Warnungs- und Abhaltewirkung" entwickeln. 24)
       5. Schließlich hat  sich eine  breite Debatte über die zukünftige
       bündnispolitische Orientierung  der BRD,  ihren  außenpolitischen
       Status und  über neue  Wege zur  Lösung der Probleme der europäi-
       schen Sicherheit entwickelt. Eine Gruppe von Kräften, zu der auch
       die DKP  gehört, orientiert  vor allem  auf die Weiterentwicklung
       der Entspannung  und auf  erste Abrüstungsschritte als organische
       Fortführung des  KSZE-Prozesses hin zu einer europäischen Sicher-
       heitsgemeinschaft. Bei  sozialdemokratischen Kräften  spielt  das
       Konzept  der  "Sicherheitspartnerschaft"  hierbei  eine  wichtige
       Rolle. Von ihnen und anderen wird auch auf eine "Reform" der NATO
       gedrängt: Die  Westeuropäer sollen in ihr mehr Gleichberechtigung
       und Einfluß erhalten. 25)
       Von manchen  wird aber auch der Austritt der BRD aus der NATO und
       der Status  der Neutralität  als eine Lösung der Probleme angese-
       hen. Weniger  an einen  Alleingang der BRD wird dabei gedacht als
       an eine  kollektive Neutralisierung einer ganzen Gruppe von Staa-
       ten in Europa, die einen Status der "Blockfreiheit" erhalten sol-
       len. Dies  wird als  Weg zur  Auflösung der Militärallianzen, von
       manchen auch  der "Blöcke"  selbst angesehen.  Bestimmte  Gruppen
       glauben, hierin  auch den  Schlüssel für  eine  Wiedervereinigung
       Deutschlands gefunden zu haben. 26)
       Vier Hauptprobleme  tauchen in der Diskussion über die politische
       Programmatik der Friedensbewegung auf:
       1. die ambivalente  Haltung mancher  Gruppen zur Politik der Ent-
       spannung und  friedlichen Koexistenz.  Sie wird  vielfach als ge-
       scheitert oder  zumindest als in der alten Konzeption gescheitert
       angesehen. Dies  betrifft besonders  die gleichgewichtige bi- und
       multilaterale Abrüstung;
       2. die Gleichsetzung  von  Ost  und  West  unter  dem  Titel  der
       "Supermächte" oder  der "Blocklogik in Ost und West". Dies behin-
       dert sowohl die Kämpfe gegen die NATO-Aufrüstung als auch die Er-
       kenntnis über  realistische Alternativen.  Die  "Überwindung  der
       Blöcke" im Sinne eines "Dritten Weges" ist kein möglicher Weg zum
       Frieden. Von diesem Ansatz - der das Bemühen um die Schaffung ei-
       ner "staatsunabhängigen", "autonomen" Friedensbewegung in den so-
       zialistischen Ländern  implizieren kann  - gehen  gegenwärtig die
       nicht unwirksamen  Versuche zur  Desorientierung und Spaltung der
       Friedensbewegung aus;
       3. die nach  wie vor  wirkenden  Elemente  der  imperialistischen
       "Bedrohungslüge" in der Bewegung, die nicht wenige daran hindern,
       das alte  "Feindbild" der  UdSSR aufzugeben und eine realistische
       Bewertung der  sowjetischen Politik und der sowjetischen Frieden-
       sinitiativen vorzunehmen;
       4. die vielfach noch fehlende Klarheit über realistische Wege zum
       Ziel einer abgerüsteten und friedlichen Welt. Daß dieses die Ver-
       änderung materieller  Kräfte- und  Machtverhältnisse bedeutet und
       nur in langwierigen Klassenauseinandersetzungen zu erreichen ist,
       ist verständlicherweise  nicht Gemeingut  der Bewegung. Entschei-
       dend bleibt,  die Einheit in der Ablehnung der neuen NATO-Raketen
       allen Differenzpunkten überzuordnen.
       
       VI. Neue Friedensbewegung - Demokratische Bewegung -
       ----------------------------------------------------
       Neue soziale Bewegungen in der BRD
       ----------------------------------
       
       Nach unserer Meinung spiegelt das Wachsen der neuen Friedensbewe-
       gung eine qualitative Höherentwicklung der Klassenauseinanderset-
       zung in  der BRD  wider und  treibt diese aktiv voran. Sie erhält
       Impulse und  Verstärkung aus  anderen sozialen  Bewegungen, wirkt
       aber auch  selber befruchtend  auf diese zurück. Folgende Aspekte
       seien in aller Kürze aufgeführt:
       1. Das qualitativ  neue Niveau  an  S e l b s t t ä t i g k e i t
       bisher passiver  Bürger in  Friedensinitiativen und  die  Bereit-
       schaft, mit  dem eigenen  Namen (z.B.  auf einem  Aufruf) für das
       Ziel "Frieden durch Abrüstung" einzustehen.
       2. Die Erhöhung  des   O r g a n i s a t i o n s g r a d e s  der
       demokratischen Bewegung in der BRD gegenüber allem, was es in den
       60er und  70er Jahren bisher gegeben hat. Organisationsgrad meint
       sowohl die  organisierte Tätigkeit  der  einzelnen  Gruppierungen
       selber wie  ihren lokalen und bundesweiten Zusammenschluß, der am
       beeindruckendsten am  10.10. zum  Ausdruck kam. Mit dem Anwachsen
       der neuen  Friedensbewegung ist ein Netz organisierten demokrati-
       schen Bürgerprotests  im ganzen  Land entstanden, der - zumindest
       in der  einen und  wichtigsten Forderung gegen die NATO-Raketen -
       a n  e i n e m  S t r a n g  zieht.
       3. Das  n e u e  N i v e a u  d e s  Z u s a m m e n s c h l u s-
       s e s   und Bündnisses  vorher separat  operierender   s o z i a-
       l e r   und politischer  B e w e g u n g e n.  Die neue Friedens-
       bewegung ist  zu einem  Kristallisationspunkt, zu  einer  Klammer
       geworden, die  unterschiedliche Bewegungen zusammenführt, und die
       vorher fehlte.  Hierin wird  eine Gesetzmäßigkeit  deutlich,  die
       ihren objektiven  Hintergrund in  dem immer  engeren Zusammenhang
       aller Seiten  der einheitlichen  Krisenstrategie des Großkapitals
       hat. Dabei ist die Friedensbewegung nicht an die Stelle der alten
       Bewegungen getreten,  wie die Massenaktionen gegen die "Startbahn
       West" in  Hessen, der bundesweite Studentenstreik im Herbst 1981,
       die Aktionen gegen "Rotstiftpolitik" etc. zeigen.
       4. Das Hineinwirken der Bewegung - und damit des außerparlamenta-
       rischen Massenkampfes  - in das bestehende Parteiensystem und das
       System des  bürgerlichen Parlamentarismus. Wichtige Teile von SPD
       und FDP  - bei  der SPD  bis hinein in die Führung - unterstützen
       die Bewegung,  die Führungen aller Bonner Parteien sind zum Manö-
       vrieren gezwungen.  Breit verankert  ist in  der Bewegung der Ge-
       danke, eine  "neue, eine echte Weise von Demokratie" (H. Gollwit-
       zer) praktizieren zu wollen. Man will sich nicht mehr auf "die in
       Bonn" verlassen, sondern seine Belange selber in die Hand nehmen.
       Hier entsteht  eine Gegenkraft  zum imperialistischen  "Volkspar-
       teien"-System  und   seiner  Ideologie,   das  die  sozialen  und
       politischen Gegensätze in unserer Gesellschaft vertuschen und die
       Bürger auf  die Führungen  der mit dem staatsmonopolistischen Sy-
       stem verbundenen Parteien fixieren soll. Die Friedensbewegung als
       solidarisch handelnde  Volksbewegung verkörpert  m gewisser Weise
       hierzu ein Gegenmodell.
       
       _____
       1) D.h.: Sie ist nicht nur eine "Antikriegsbewegung"
       2) Vgl.: "Der SPIEGEL", Nr. 16, 19.4.82 und: Mark Solomon, Reagan
       stößt auf Widerstand, in: Blätter für deutsche und internationale
       Politik 4/1982
       3) Vgl. u.a.  G. Bastian, G. Schröder, Wider den NATO-Rüstungsbe-
       schluß (Hg.: Juso-Bundesvorstand), Bonn 1981
       4) Nach G.  Matthiessen, Die  Friedensbewegung in der Bundesrepu-
       blik, Manuskript  1982, und Heinz Humbach, Diskussionsbeitrag auf
       der 2. Tagung des PV der DKP, Manuskript 1982
       5) Vgl. die Dokumentationen und Übersichten in: A. Mechtersheimer
       (Hrsg.), Nachrüsten?,  Reinbek 1981;  K. D.  Bredthauer, K. Mann-
       hardt (Hrsg.),  Es geht  ums Überleben, Köln 1981; H. Apel u. a.,
       Sicherheitspolitik contra Frieden, Berlin (West)-Bonn 1981, sowie
       die Dokumentationsteile  der Blätter für deutsche und internatio-
       nale Politik seit 1980 laufend
       6) Vgl. R. Bastian, DGB und Friedenskampf, in: Marxistische Blät-
       ter 2/1982; WI-Verlag, Militärische Aufrüstung und soziale Demon-
       tage?, Düsseldorf  1981; WI-Verlag, Gewerkschafter fordern: Frie-
       den durch Abrüstung, Düsseldorf 1981
       7) Vgl. Duve/Böll/Staeck  (Hrsg.),  Zuviel  Pazifismus?,  Reinbek
       1981; AK  "Ohne Rüstung  Leben", Ohne  Rüstung Leben!,  Gütersloh
       1981; ASF  (Hrsg.): Frieden  schaffen ohne  Waffen  (Aktionshand-
       buch), Berlin (West) 1981
       8) Vgl. J. Heimbrecht, Ökologie- und Friedensbewegung, in: Marxi-
       stische Blätter 2/1982
       9) Zur Diskussion  um Frieden in der Frauenbewegung vgl. die lau-
       fenden Nummern der "Deutschen Volkszeitung" im Frühjahr 1982
       10) Vgl. z.  B. Naturwissenschaftler  gegen Atomraketen - Aufruf,
       in: UZ, 29.10.1981, S. 3
       11) Vgl. H.  J. Löser,  Überleben ohne  Atomkrieg, in: Die Grünen
       (Hrsg.), Entrüstet Euch!, Bonn 1981; G. Vollmer, K.D. Bredthauer,
       Atomkrieg auf  deutschem Boden?, in: Blätter für deutsche und in-
       ternationale Politik 11/1981
       12) Vgl. G. Grünewald, Zur Geschichte des Ostermarsches der Atom-
       waffengegner, in: Blätter für deutsche und internationale Politik
       3/1982
       13) So in Vorbereitung des 10.6. auf der bundesweiten Aktionskon-
       ferenz am 4. 4.: Beschlüsse bedurften einer 75-%-Mehrheit.
       14) Vgl. "Reagans  Politik erhöht  die Kriegsgefahr", SPIEGEL-Ge-
       spräch mit  E. Kennedy,  in: Der SPIEGEL, Nr. 18. v. 3.5.1982, S.
       140 ff.
       15) Diese Angaben  aus: Heinz Humbach, Diskussionsbeitrag auf der
       2. PV-Tagung der DKP, 1982 (Manuskript)
       16) Wie  entwickelt   gewerkschaftliche  Positionen   zum   Thema
       "Konversion" bereits sind, zeigt: WI-Verlag, Vorschläge zur Abrü-
       stung in der Bundesrepublik, Düsseldorf 1980.
       17) Vgl. SIPRI (Hrsg.), Rüstungsjahrbuch '81/'82, Reinbek 1981
       18) Zur marxistischen  Militarismus-Theorie vgl. aktuell A. Gott-
       schalk, M.  Eihsen, Rüstung und militärisch-industrieller Komplex
       im staatsmonopolistischen  Kapitalismus der BRD, in: Marxistische
       Studien - Jahrbuch des IMSF 4, 1981
       19) Vgl. Die Grünen (Hrsg.), Friedensmanifest, Bonn 1982
       20) Eine Gesamtdarstellung der Entwicklung sicherheitspolitischer
       Alternativkonzepte in der Friedensbewegung der BRD gibt meine Di-
       plomarbeit "Zur Entwicklung sicherheitspolitischer Alternativkon-
       zepte in  der Friedensbewegung  der BRD seit 1979", abgeschlossen
       im Juni 1982.
       21) Vgl. u.a.:  Komitee für  Grundrechte und  Demokratie (Hrsg.),
       "Frieden mit anderen Waffen", Reinbek 1981, S. 121 ff.
       22) Die Konzeption  stammt vom Anfang der 60er Jahre. Ihre Haupt-
       exponenten sind Charles E. Osgood, A. Etzioni und E. Fromm.
       23) Auch das  Konzept einer  stabilen Mindestabschreckung  stammt
       vom Anfang der 60er Jahre aus den USA. Zu Afheldts Konzept siehe:
       H. Afheldt, Verteidigung und Frieden, München 1979; zum Defensiv-
       Konzept siehe: A. Büro, Striktes Defensivkonzept als Alternative,
       in: "Antimilitarismus-Information", 3/1981
       24) Zum Konzept  siehe vor  allem Th. Eben, Soziale Verteidigung,
       Band 1, 2, Waldkirch 1981
       25) Das Konzept  der "Sicherheitspartnerschaft"  breitet  aus  K.
       Voigt, Wege  zur Abrüstung,  Frankfurt 1981; Epplers Überlegungen
       zur Zukunft  der NATO in: E. Eppler, Wege aus der Gefahr, Reinbek
       1981, S. 205 ff.
       26) Vgl. u.a. Die Grünen (Hrsg.), Friedensmanifest, Bonn 1982; H.
       Rasch, NATO-Bündnis  oder Neutralität?,  Köln 1981;  U. Albrecht,
       Disengagement, atomwaffenfreie  Zone, Neutralismus,  in:  Blätter
       für deutsche  und internationale  Politik 6-7/1981; die "deutsche
       Frage" wird aufgerollt bei: Berlin-AG in der AL Westberlin, Pakt-
       freiheit für  beide deutsche Staaten, Atomwaffenfreies Europa vom
       Atlantik zum  Ural, Einheit  für Deutschland,  Broschüre, Berlin-
       West 1982  sowie bei  R. Bahro  in: Die Grünen (Hrsg.), Entrüstet
       Euch!, Bonn 1981.
       

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