Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       KORPORATISMUS - EIN "WEITERENTWICKELTES PLURALISMUSMODELL"? *)
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       Michael Jäger
       
       Nachdem die  Korporatismus-Debatte in  diesem Jahrbuch,  im IMSF-
       Beitrag 6/I  und in den "Blättern für deutsche und internationale
       Politik" bereits  mehrmals aufgegriffen und beurteilt wurde, kann
       ich mich  zur Einführung darauf beschränken, die von Ulrich Kypke
       rekonstruierte Definition  von Korporatismus in Erinnerung zu ru-
       fen: "Als kleinster gemeinsamer Nenner der unterschiedlichen Kon-
       zepte und  Ansätze... kann  festgehalten werden", schreibt Kypke,
       "daß es um die Beschreibung strategischer Ambitionen zur Verknüp-
       fung von strukturellen und legitimatorischen Herrschaftstechniken
       geht, deren  erkenntnistheoretischer Nutzen eine gewisse Flexibi-
       lität im  Wechsel von mehr autoritären zu mehr freiwilligen Inte-
       grationsinstrumenten zu sein scheint", wobei  d i e  G e w e r k-
       s c h a f t e n   als Gegenstand solcher Integration und zugleich
       "als zentrale korporative Akteure" eingeschätzt werden. 1)
       Kypke beklagt  sich über  die "Begriffsvielfalt" der Debatte, die
       es schwer mache, "einen noch irgendwie operationalisierbaren Aus-
       gangspunkt identifizieren  zu können".  2) Mir geht es jedoch so,
       daß ich  bereits jenen  "kleinsten" Nenner  theoretisch und poli-
       tisch gravierend finde, die unbestreitbare Begriffsvielfalt, auch
       Unklarheit vieler  Ansätze als  Durchgangsstadium des Theoriepro-
       zesses hinnehme und selber an der Arbeit der Klärung teilzunehmen
       versuche, statt  die Debatte  wegen ihres  momentanen Zustands zu
       diskriminieren oder gar zu verdrängen. Die Debatte über dialekti-
       sche Logik  ist auch  recht begriffsvielfältig,  obwohl sie sogar
       weit älter  ist als  die Korporatismus-Debatte: Wer wirft ihr das
       vor? Ich denke, daß Kypke selbst in diesem Punkt weniger kritisch
       wäre, wenn er die Debatte nicht ihrem Inhalt nach als Versuch be-
       greifen würde,  "die gesellschaftspolitischen Denkmuster des Plu-
       ralismuskonzepts zu  renovieren", "ein  weiterentwickeltes Plura-
       lismusmodell" zu entwerfen 3) u. dgl. m. - eine Einschätzung, die
       meines Erachtens gänzlich in die Irre führt.
       Da ich sie nicht für zufällig halte, möchte ich ihr die folgenden
       Ausführungen widmen.  Ich will  zu zeigen  versuchen: 1.  daß die
       Protagonisten der  Korporatismus-Debatte mit  dem Pluralismus-Mo-
       dell  g e r a d e  g e b r o c h e n  h a b e n  und  g e r a d e
       d e s h a l b   ihre Resultate  neuartig und für marxistische An-
       eignung bedeutsam sind, 2. daß Kypke und andere, die vor dem Hin-
       tergrund der  SMK-Theorie  argumentieren,    s e l b s t    d e m
       P l u r a l i s m u s m o d e l l   v i e l   n ä h e r    s t e-
       h e n  a l s  d i e  P r o t a g o n i s t e n  d e r  K o r p o-
       r a t i s m u s - D e b a t t e   und 3.  daß diese Nähe zu einer
       verhängnisvollen Handlungsunfähigkeit  im Verhältnis  zu  Selbst-
       blockierungsprozessen der  Arbeiterklasse beitragen kann, während
       es gerade  die marxistischen Teilnehmer der Korporatismus-Debatte
       sind, die solche Prozesse  t h e m a t i s i e r e n.
       
       1.
       
       Daß es  eine   p l u r a l i s t i s c h e    S i c h t w e i s e
       d e s     k o r p o r a t i s t i s c h e n     P h ä n o m e n s
       gibt, soll  keineswegs bestritten  werden. Durch den Wortlaut der
       Korporatismus-Debatte wird  dies zwar  eher verdeckt, da sie sich
       gern in  toto als  Ende des  Pluralismus-Paradigmas aufspielt. 4)
       Schon ihr  wichtigster Promotor  Schmitter hatte den korporativen
       "Typ" als Gegenteil des pluralistischen definiert - um dann frei-
       lich hinzuzufügen:  In der  westeuropäischen Wirklichkeit  träten
       beide Typen  stets "gemischt" auf. 5) Diese "Gemischtheit" ist in
       der Tat  so augenscheinlich  - für  diejenigen, denen Pluralismus
       als reales  Phänomen statt  als falsche  Beschreibung gilt ", daß
       selbst dem  klassischen Faschismus plurale Verfaßtheit nachgewie-
       sen werden  konnte, was  seinerzeit zur Widerlegung der Totalita-
       rismustheorie beitrug. 6) Aber noch eher als in der Realität gibt
       es in  der Theorie  Mischungen, die den behaupteten Gegensatz von
       Korporatismus- und  Pluralismus-Paradigma in  Zweifel ziehen. Das
       Pluralismus-Paradigma ist jedenfalls in der westdeutschen Diskus-
       sion von  der Korporatismus-Debatte nicht so sehr abgelöst worden
       als vielmehr  bruchlos in sie übergegangen. Es hatte beschrieben,
       wie eine  unbestimmte Vielzahl  gesellschaftlicher Interessenver-
       bände Einfluß  auf einen  als klassenneutral  verstandenen  Staat
       ausübt, wobei  dieser teils als bloßer Spielball außerstaatlicher
       Kräfte, teils als schiedsrichterliches Gemeinwohlorgan konzipiert
       wurde. So  bestimmt es noch heute Teile des  c h r i s t d e m o-
       k r a t i s c h e n  B e i t r a g s  z u r  K o r p o r a t i s-
       m u s - D e b a t t e,   nämlich die  Begründung der Geißlerschen
       "neuen sozialen Frage", die sich für im korporativen System nicht
       artikulationsfähige  Interessengruppen   stark  macht  und  damit
       stillschweigend Konzepte  und Zielsetzungen eines früheren linken
       Flügels von  Pluralismus-Theoretikern aufgreift  und mit  rechten
       Vorzeichen versieht.  7) Es  hat in seiner Fraenkelschen Variante
       auch den   s o z i a l l i b e r a l e n   B e i t r a g   unver-
       kennbar vorgeprägt.  Fraenkels "Neopluralismus" hatte die Konzep-
       tion vieler  um Einfluß konkurrierender pressure groups, die noch
       einseitig dem  liberalen Marktwettbewerbsdenken verpflichtet ist,
       sozialdemokratisch weitergeführt  zur  Theorie  der  Parität  der
       gesellschaftlichen Hauptgruppen.  Das legte,  wie  Blanke  zeigt,
       eine staatstheoretische  Vorstellung von autonomer Rechtsetzungs-
       befugnis dieser  Hauptgruppen nahe.  Denn die  Idee jener Parität
       war am  Modell der Tarifverträge und "Arbeitsgemeinschaften" ent-
       wickelt worden  - deren Aushandelungspraxis brauchte man sich nur
       auf außertarifliche  Konfliktfälle ausgedehnt  denken, um auf die
       Vorstellung zu  kommen, "daß  das   s t a a t l i c h    gesetzte
       Recht de  facto nichts  anderes ist  als ein  von den  'autonomen
       Gruppen'  ausgehandeltes   Kompromißresultat".   8)   An   diesem
       Gedankengut kann  eine sozialliberal-korporative Strategie unmit-
       telbar anknüpfen.  Hoffnungen auf  gewerkschaftliche "Gegenmacht"
       werden vor  diesem Hintergrund zu ihren Stützpunkten. Was sie vom
       Pluralismus-Paradigma in  den korporativen Diskurs hinüberrettet,
       ist der  naive Glaube  an die "Benutzbarkeit" staatlicher Organe,
       sei es nun durch Druck von außen oder durch Teilnahme.
       Dieser Glaube reicht in die wissenschaftliche Debatte hinein, so,
       wenn unter  Korporatismus z.T. einfach die "neue aktive Rolle der
       großen Interessengruppen  und ihre  institutionalisierte Macht im
       politischen System" verstanden wird. 9) Pluralistisch gefärbt ist
       auch die  Theorie des Briten Winkler, obwohl seine Korporatismus-
       Definition dem  Staat unbeschränkte  Kontrollmacht über die Wirt-
       schaft zuschreibt  sowie die Ersetzbarkeit von Wettbewerbs- durch
       Einheitsdenken für  einen Wesenszug  von Korporatismus hält. Denn
       gleichwohl behauptet er, die "großen Oligopole" würden "durch die
       Korporatismustheorie nicht  beunruhigt sein, sofern sie Zugang zu
       den Prozessen  des staatlichen decision-making haben und folglich
       eine reelle  Möglichkeit, Einfluß  über die Substanz der Kontrol-
       len", die sie selbst betreffen, "und des Umfangs der finanziellen
       Unterstützungsleistungen auszuüben". 10)
       Geprägt und  eröffnet wurde die Debatte allerdings von Vertretern
       der   S y s t e m t h e o r i e,   die eine nichtmarxistische Al-
       ternative zum  Staatsinstrumentalismus und insofern einen wissen-
       schaftlichen Fortschritt gegenüber dem Pluralismus-Paradigma dar-
       stellt. Sie basiert auf der Übernahme des naturwissenschaftlichen
       Gedankens, daß organische Systeme sich in ihrer Umwelt durch Fil-
       trierung und  Verarbeitung von  Umwelteinflüssen im Gleichgewicht
       und damit "am Leben" erhalten; Luhmanns Fassung des Filtrierungs-
       vorgangs als  "Komplexitätsreduktion" ist  besonders bekannt  ge-
       worden. Wird  der Staat derart als organisches System gedacht, so
       erscheint er nicht mehr als passives Medium, in das gesellschaft-
       liche Kräfte  "einfließen",  sondern  als    U m f o r m u l i e-
       r u n g s m a c h t;   er  ist  nicht  mehr  "Instrument"  dieser
       Kräfte, sondern  instrumentalisiert seinerseits die gesellschaft-
       liche "Umwelt".  Der Fortschritt  an Realismus,  den das  system-
       theoretische Paradigma bringt, hat seinen Preis. Erstens macht es
       den  Staat   unkritisch  zum   Naturereignis,  dem,   wie   jedem
       "organischen  Leben",   ein  Recht   auf   Selbsterhaltung   ohne
       spezifische Begründung  und letztlich,  was nur  konsequent  ist,
       ohne Beschränkung  der Selbstverteidigungsmittel zuerkannt werden
       muß. Zweitens  zwingt es  dazu, die  Realitätsperspektive  dieses
       Leviathan zu  übernehmen: eine Anordnung, in der die Gesellschaft
       nicht als  sie selbst,  sondern als  "Umwelt" von  etwas anderem,
       eben von  jenem Staats-Lebewesen  konzeptualisiert wird (ausführ-
       liche Darstellung  und Kritik bei Narr 11). Stärken und Schwächen
       wirken sich  in Schmitters   K o r p o r a t i s m u s - D e f i-
       n i t i o n   sichtbar aus. Korporatismus ist für ihn ein "System
       der Interessenvermittlung", dessen "Bestandteile", also vor allem
       Gewerkschaften und  Kapitalverbände, einerseits "staatliche Aner-
       kennung oder  Lizenz"  und  ein  ausdrückliches  Repräsentations-
       monopol erhalten,  andererseits diesen  Machtzuwachs mit  Selbst-
       verwandlung bezahlen:  Sie  haben  "bestimmte  Auflagen  bei  der
       Auswahl  des  Führungspersonals  und  bei  der  Artikulation  von
       Ansprüchen  oder   Unterstützung  zu  beachten".  12)  Schmitters
       theoretische Leistung  ist  es,  gezeigt  zu  haben,  daß  solche
       Verwandlung keineswegs  in faschistischen  Formen  erfolgen  muß,
       sondern auch  "freiwillig" erfolgen kann, oder umgekehrt: daß ein
       "freiwilliger" Eintritt  in den  Staat genausosehr  der Logik der
       Umformulierung unterliegt  wie ein erzwungener, nur daß die Logik
       im letzteren  Fall sichtbarer  wird,  etwa,  wenn  sie  sich  als
       "Zerschlagung der Arbeiterorganisationen" präsentiert. Schmitters
       Grenze liegt  darin, daß er den Unterschied solcher Möglichkeiten
       in systemtheoretischer Realitätsperspektive formuliert, als einen
       von "staatlichem"  und "gesellschaftlichem"  Korporatismus,  d.h.
       als Unterschied, ob der Korporatismus im Staat oder außerhalb des
       Staates entsteht.  13) Solche  Differenzierung erfaßt  weder  die
       Evolution   des    korporatistischen   Phänomens    infolge   der
       Akkumulationsgeschichte des Kapitals noch macht sie verständlich,
       daß und  wie auch  der Faschismus "aus der Gesellschaft entstand"
       bzw.  daß   auch  der   sozialliberale  Korporatismus   ohne  ein
       Entstehungsmoment   i m   S t a a t  - in Gestalt sozialliberaler
       Regierung - nicht denkbar wäre.
       Das Verhältnis der Schmitterschen Typologie zur Realität korpora-
       tistischer Systeme wird anschaulich in den apologetischen Ausfüh-
       rungen von Nenning, einem Mitglied des Parteivorstands der Sozia-
       listischen Partei  Österreichs, der  dieselbe  Typologie  spontan
       formuliert: "Wenn  in parlamentarisch-demokratischen Systemen die
       Gewerkschaften staatliche  Aufgaben übernehmen,  so mit wesentli-
       chem Unterschied  zur Diktatur.  Sie werden ihnen nicht von oben,
       vom Staat,  übertragen, aufgezwungen - sie übernehmen sie selber,
       erklären sich  selber für 'berufen' (ÖGB-Statuten)." 14) Interes-
       sant ist  die   F u n k t i o n  des Hinweises in Nennings Gedan-
       kengang: Er  soll beweisen,  daß die Gewerkschaften in Österreich
       nicht nur Ordnungsmacht sind, wie ihr Kritiker vorhalten, sondern
       a u c h   Gegenmacht. "Sie sind dies gerade dadurch und nur dann,
       wenn sie...  Staatsorgane, Ordnungsmacht werden: Nur das gibt ih-
       nen die  nötigen Bedienungshebel für Gegenmacht." Später offenba-
       ren die  "Hebel" die  merkwürdige Eigenschaft, ihre "Bediener" zu
       verwandeln, nämlich  sie zur "emanzipatorischen Bürokratisierung"
       zu zwingen:  "Auf die  Macht des  bürgerlichen Staates, die Macht
       der kapitalistischen Ökonomie antwortet die Gegenmacht der Arbei-
       terbewegung -  als gleichfalls  bürokratische Macht.  Armeen, die
       einander auf  demselben Schlachtfeld  treffen, legen  sich in der
       Regel die  etwa gleiche  Ausrüstung zu."  15) Hierüber macht sich
       auch  die  Systemtheorie  keine  Illusionen.  Ihre  Begriffe  wie
       "Selektion", "Kanalisierung"  oder "Komplexitätsreduktion" erlau-
       ben allerdings  auch keinen  Fortschritt über Nennings Fatalismus
       hinaus, 16) in dem Sinne etwa, daß es möglich würde, zwischen ei-
       nem Schlachtfeld  und einer Falle zu unterscheiden. Und weder die
       Floskel von  der "gesellschaftlichen  Entstehung"  noch  die  Ab-
       sichtserklärung in  den ÖGB-Statuten läßt begreifen, wie das kor-
       poratistische System  in Österreich   w i r k l i c h  entstanden
       ist. Wesentliche  Existenzbedingungen wie  die Koalition  von SPÖ
       und Konservativen  in den 50er Jahren oder der Wandel der SPÖ-Po-
       litik zwischen  den 20er  und den  50er Jahren - wozu Nenning be-
       merkt, die  Gewerkschaften hätten  sich schon in der Ersten Repu-
       blik in den bürgerlichen Staat integrieren wollen, seien aber von
       der SPÖ  "behindert" worden 17) -, Fragen also des Zusammenspiels
       von staatlicher  und gesellschaftlicher  Entstehung, ließen  sich
       mit Schmitters theoretischer Verallgemeinerung nicht fassen.
       
       2.
       
       Von einem   m a r x i s t i s c h e n  p o l i t i k w i s s e n-
       s c h a f t l i c h e n   P a r a d i g m a  sollte man erwarten,
       daß es  den Staatsinstrumentalismus  überwindet  zugunsten  einer
       Theorie des  "Klassencharakters" der Staatsinstrumente - ja sogar
       der Relativierung oder Auflösung des Instrumentalbegriffs selbst,
       soweit er  sich  als  Stützpunkt  für  "Bedienungshebel"-Argumen-
       tationen à  la Nenning  eignet  -  und  die  Naturalisierung  des
       Staates zugunsten  einer Theorie  seiner historischen und gesell-
       schaftlichen Relativität;  wobei dies  nicht nur  in  allgemeinen
       Bekenntnissen,  sondern  mehr  noch  in  konkreten  Analysen  wie
       derjenigen des  korporatistischen Phänomens  geschehen müßte. Ein
       Blick  auf  den  marxistischen  Zweig  der  Korporatismus-Debatte
       zeigt, daß  es damit  nicht zum besten steht. Noch immer kann man
       nur in  einem sicher  sein, nämlich, daß staatliche Politik stets
       aus  ökonomischen   Bedingungen  abzuleiten  versucht  wird.  Die
       Annahme, dies  erfülle bereits  die obigen Erwartungen, verbunden
       mit der  Vorstellung, der  Staat sei  irgendwie "weniger wichtig"
       als Ökonomie  und bürgerliche  Gesellschaft, ist  ein Aspekt  von
       Ökonomismus.  Ökonomistische   Politikwissenschaft  stellt  keine
       überlegene Alternative zu Pluralismus-Paradigma und Systemtheorie
       dar. Weil  sie die  Zweitrangigkeit  des  Staates  im  Sinne  der
       Ableitungsreihenfolge mit  Zweitrangigkeit nach  Kriterien  poli-
       tischer Macht  und Relevanz  verwechselt, tendiert  sie dazu, den
       Staat   n u r   a b z u l e i t e n,    ohne  eine  eigenständige
       T h e o r i e   ü b e r   d a s  A b z u l e i t e n d e  zu for-
       mulieren. Die paradoxe Folge ist, daß nicht eigentlich der Staat,
       sondern Pluralismus-Paradigma  oder  Systemtheorie  (oder  andere
       bürgerliche Staatsillusionen) "ökonomisch fundiert" werden.
       Den Theoretikern,  die vor  dem Hintergrund der SMK-Theorie argu-
       mentieren, kann  man Ökonomismus sicherlich nicht vorwerfen. Ganz
       zu Recht  stellt z.B.  Heinz Jung 18) fest, daß die korporatisti-
       sche Strategie  ebensowenig wie  jede andere,  die auf politische
       Reproduktion des  Kapitalverhältnisses zielt,  "am Staat  vorbei"
       geht. Ihre  Selbsteinschätzung, sie hielten eine Art Generallinie
       besetzt, die die Extreme von Ökonomismus und "Politizismus" glei-
       chermaßen umschiffe  und in  solcher Ausgewogenheit  bereits  das
       Richtige treffe, 19) scheint mir dennoch der Prüfung zu bedürfen.
       Zweifellos ließe  sie sich nur dadurch einlösen, daß die vorfind-
       baren theoretischen  Konzepte über  Politik nicht bloß in ein ad-
       äquates Basis-Überbau-Modell "richtig eingeordnet", sondern dabei
       auch  u m g e a r b e i t e t  würden: Auch ein Pluralismus-Para-
       digma, das  über die Ableitung aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten
       hinaus in  seiner "relativen  Eigenständigkeit"  gewürdigt  wird,
       bleibt immer noch ein Pluralismus-Paradigma. Wie sieht es nun mit
       der Umarbeitung  des Pluralismus-Paradigmas durch die SMK-Theore-
       tiker aus?  Ich meine, daß sie einen bloß reformistischen Charak-
       ter hat und deshalb sein Gravitationsfeld nicht wirklich verläßt.
       Ich möchte  hierzu drei  allgemeinere Bemerkungen machen und dann
       kurz auf die Argumentation von Kypke eingehen.
       Erstens wird  es nützlich sein, daran zu erinnern, daß die Gefahr
       bloß reformistischer  Theorieumarbeitung auch zu Beginn der Marx-
       schen Arbeit  an einer Kritik der Politischen Ökonomie eine Rolle
       spielte. Auch  damals gab es eine Periode sozialistischer Kritik,
       die darin  bestand, bürgerliche Theoriemodelle, und zwar die öko-
       nomischen Systeme  von Smith  bzw. Ricardo,  mehr oder weniger zu
       übernehmen und gewissermaßen mit umgekehrten, "linken" Vorzeichen
       zu versehen.  So könnte  man zeigen,  daß die  Anhänger Proudhons
       oder die  von Marx  auf den  ersten Seiten der "Grundrisse" ange-
       griffenen   Arbeitszettler    an   einem   zu   wenig   radikalen
       "sozialistischen  Ricardianismus"  gescheitert  sind.  Aber  noch
       mehr: Man  könnte zeigen, daß Marx und Engels selbst in ihren An-
       fängen dem Typus dieser zu wenig radikalen Kritik unterlagen; daß
       ihre Leistung gerade darin bestand, seine Unvereinbarkeit mit den
       Erfordernissen des politischen Kampfes Schritt für Schritt zu er-
       kennen und  ihn schließlich  zu überwinden.  Der Reformismus, den
       ich hier indizieren will, hat also gar nichts Ehrenrühriges.
       Angreifbar wäre es allerdings schon - damit komme ich zur zweiten
       Bemerkung -,  wenn auf einen entsprechenden  Reformismus - V o r-
       w u r f  diejenigen, auf die er gemünzt ist (sei es zu Recht oder
       zu  Unrecht),  gar  nicht  eingingen,  ihn  nicht  annähmen  oder
       entkräfteten, sondern  totzuschweigen versuchten.  Was  die  SMK-
       Theoretiker angeht, so wird es Zeit, daß sie sich äußern: Ich bin
       nicht  der   erste,  der  den  Pluralismus-Vorwurf  erhebt.  Bei-
       spielsweise hat  Bodo Zeuner  schon  1976  den  in  seiner  Sicht
       g e m e i n s a m e n  F e h l e r  d e s  P l u r a l i s m u s-
       u n d   d e s  S M K - M o d e l l s  so formuliert: "Wo ökonomi-
       sche Systemzwänge  sich auf  das Staatshandeln  auswirken, müssen
       sie entweder  ignoriert oder als Ergebnis bewußten Drucks mächti-
       ger kapitalistischer Interessengruppen fehlinterpretiert werden."
       20) Ist  diese Diagnose  richtig, dann ist der Einspruch der SMK-
       Theorie gegen das Pluralismus-Modell weniger eine Widerlegung als
       ein strategisches Einfallstor. Man sieht sich einem Kreislauf un-
       vollständiger, deshalb unabschließbarer Pro- und Kontra-Argumente
       gegenüber: Die  Pluralisten können  stets  auf    d i e    f o r-
       m e l l e   G l e i c h b e r e c h t i g u n g   der großen ein-
       flußnehmenden "Verbände"  hinweisen. Die  SMK-Theoretiker  können
       stets darauf  hinweisen, daß  das  R e s u l t a t  d e r  E i n-
       f l u ß n a h m e   im Interesse  des Kapitals  liegt. Weder  das
       eine noch das andere Argument beweist, was es beweisen soll, weil
       beide  auf   der      h a n d l u n g s t h e o r e t i s c h e n
       E b e n e  verbleiben. In Wahrheit ist die formelle Gleichberech-
       tigung der  "Verbände"   n u r   f o r m e l l,  ist das Resultat
       der Einflußnahme  nicht  nur  Resultat    d e r    E i n f l u ß-
       n a h m e,   sondern  mehr  noch  der  "Systemzwänge",  die  sich
       vielleicht auch ohne Einflußnahme durchgesetzt hätten.
       Hier zeichnet  sich bereits  die Korporatismus-Problematik ab, in
       der ja  gerade untersucht  wird, inwiefern  auch das Resultat der
       Einflußnahme   d e r   G e w e r k s c h a f t e n   im Interesse
       des Kapitals  liegt. Jene  Diagnose wurde  daher jüngst  von Rolf
       Heinze direkt  auf  die  Adaption  der  Korporatismus-Problematik
       durch die  SMK-Theorie bezogen;  auch er spricht verallgemeinernd
       von einer  "verkürzte(n) handlungstheoretische(n) Perspektive...,
       die die  Politikformulierung einseitig  durch das bewußte Agieren
       von Akteuren...  determiniert sieht,  anstatt  die  strukturellen
       Hintergründe der Politikentstehung in die Analyse mit einzubezie-
       hen". 21)
       In diesem  Zusammenhang noch eine dritte Bemerkung: Ich finde die
       uneingestandene Vorliebe  der SMK-Theoretiker  für den handlungs-
       theoretischen Nährboden  des Pluralismus-Modells  sehr  verständ-
       lich. Eine Wissenschaft, die nicht auf dem l'art pour Part-Stand-
       punkt steht, kann sich nämlich ein Desinteresse am Handelnden gar
       nicht leisten  und deshalb  nicht einfach wegen der Schwächen von
       Handlungstheorie in  eine rein strukturalistische Position umkip-
       pen. Überdies  wird an  der schon  erwähnten Bemerkung  von Heinz
       Jung eine  unglückliche Konfundierung  deutlich: Es  scheint, daß
       die SMK-Theoretiker  Strukturalismus für  eine Begleiterscheinung
       speziell von  Ökonomismus halten  - Jung  spricht von "struktura-
       listisch-ökonomistischen Mißverständnissen  des Marxismus"  - und
       folglich wohl die Schwächen der Handlungstheorie ebenso einseitig
       für eine  Begleiterscheinung von  Politizismus, weshalb  dann der
       Gedanke naheliegt,  daß mit  jener Generallinie,  die Ökonomismus
       und Politizismus  gleichermaßen vermeidet,  zugleich  auch  schon
       eine Generallinie  im Verhältnis  von  Struktur-  und  Handlungs-
       theorie gefunden  wäre. Man hätte sich dieses Problems dann nicht
       nochmals  anzunehmen,   wenn   Modelle   spezifisch   politischer
       Beschreibung,  z.B.   der  Mechanismen  von  "Einflußnahme",  zur
       Debatte stehen.  Tatsächlich verhält  es sich  aber  so,  daß  es
       s o w o h l   in der Ökonomie  a l s  a u c h  in der Politik je-
       weils strukturalistische  u n d  handlungstheoretische Einseitig-
       keiten gibt,  die nicht  aufeinander reduziert werden können; und
       während diese  Spaltung in  Extreme für  den Bereich der ökonomi-
       schen Theorien  meines Erachtens durch Marx ein für alle Mal ent-
       machtet wurde,  steht eine  entsprechende Bewältigung für den Be-
       reich politischer Theorien, nämlich für die  S p a l t u n g  i n
       P l u r a l i s m u s-  u n d  S y s t e m t h e o r i e n,  eben
       noch aus.  Selbstverständlich kann  man eine  solche Aufgabe aber
       n i c h t   e i n m a l   i n   A n g r i f f  n e h m e n,  wenn
       man nicht  sehen will, daß hier eine Spaltung überhaupt vorliegt,
       wenn man  statt dessen  z.B.  versucht,  die  Systemtheorien  als
       "geringfügige Abwandlung" der Pluralismustheorien o. dgl. zu deu-
       ten.
       Wie luxuriös  mutet da  Kypkes Abneigung gegen die Korporatismus-
       Debatte an,  von der  er doch selbst schreibt - womit wir zum Be-
       greifen des  Ausgangspunkts gelangen  -,  daß  sie  die    V e r-
       k n ü p f u n g   v o n   s t r u k t u r e l l e n   u n d  l e-
       g i t i m a t o r i s c h e n  H e r r s c h a f t s t e c h n i-
       k e n   thematisiere (s.o.)!  Ich kann mir keine Problematik den-
       ken, die  geeigneter wäre,  Gegenstand einer  exemplarischen Ent-
       machtung der Spaltung von Pluralismus- und Systemtheorie zu sein.
       Daß Kypkes  Argumentation einen  anderen Verlauf nimmt, läßt sich
       jetzt  aus   der    A u s b l e nd u n g    d e s    s y s t e m-
       t h e o r e t i s c h e n   E xt r e m s   erklären: Er gibt sich
       Mühe,  die   systemtheoretischen  Protagonisten  der  Debatte  in
       Pluralisten umzubiegen,  und konfrontiert  dann  den  angeblichen
       Pluralismus der  Korporations-Debatte   m i t   s e i n e m  e i-
       g e n e n,  "l i n k e n"  P l u r a l i s m u s.  Ersteres zeigt
       sich am  meisten in  seiner Charakterisierung  der Schmitterschen
       Konzeption, die als Grundlegung einer "Untersuchung von Tendenzen
       zur Oligarchisierung und Monopolisierung von Entscheidungsfeldern
       im Grenzbereich  der Interessen  von Staat und gesellschaftlichen
       Großbereichen"  vorgestellt  wird:  22)  Da  fällt  der  zentrale
       systemtheoretische Aspekt,  nämlich,  daß  die  Interessen,  laut
       Schmitter, im  Staat   n i c h t   b l e i b e n,   w a s   s i e
       s i n d   (s.o.), unter  den Tisch.  23) Letzteres zeigt sich vor
       allem in  Kypkes Reaktion  auf die Behauptung von Esser/Fach 24),
       wonach in  korporatistischen Strategien  eine Selektion angezielt
       u n d   v o n   d e n   G e w e r k s c h a f t e n    m i t g e-
       t r a g e n   werde, die  "die Gesellschaft  tendenziell in  zwei
       Abteilungen  spaltet:  nützliche,  weil  (direkt  oder  indirekt)
       produktive, und überflüssige, weil nicht verwertbare Elemente".
       Dies ist  in meinen  Augen die  w i c h t i g s t e  B e h a u p-
       t u n g   im Kontext  der Korporatismusdebatte, diejenige, die es
       am dringlichsten  macht, daß  Marxisten sich mit ihr befassen und
       sie sich aneignen. Wenn sie zutreffend ist, bedeutet sie, daß die
       korporative Strategie  in ökonomischen  Krisenzeiten jene Zunahme
       von Krisenbewußtsein  und  Kapitalismuskritik  in  der  Arbeiter-
       klasse,  die   dann  notwendig  eintritt,  zu  einem  System  der
       S e l b s t b l o c k i e r u n g     d e r      A r b e i t e r-
       k l a s s e   kanalisiert dergestalt,  daß fungierende  und nicht
       fungierende  Arbeiter   sich  gegenseitig  diskriminieren,  statt
       gemeinsam gegen  das kapitalistische Krisenmanagement zu kämpfen;
       25) man  müßte dann fragen, welche Mechanismen in der Politik, in
       den Organisationsstrukturen,  in den Zielvorstellungen der Arbei-
       terklasse solche  Selbstblockierung  befördern,  zu  Stützpunkten
       einer sie  bezweckenden Strategie  werden können, und wie man sie
       beseitigt oder  ihre Entstehung  verhindert. Kypke  aber sieht in
       der Diagnose  von Esser/Fach  nur  eine    S c h u l d z u w e i-
       s u n g   und reagiert mit  E n t s c h u l d i g u n g e n:  Den
       Gewerkschaften solle "etwas untergeschoben werden..., für das sie
       nichts können:  Die für  die wirtschaftspolitische Weiterentwick-
       lung  wesentlichen  einkommens-  und  ordnungspolitischen  Fragen
       werden   w e n i g e r   m i t   Beteiligung  der  Gewerkschaften
       entschieden -   d i e  G e w e r k s c h a f t e n  h a b e n  da
       allenfalls  eine,     'V e r h i n d e r u n g s m a c h t'    -,
       sondern entstehen  im Rahmen der Dispositionspalette des 'freien'
       Unternehmertums,  unter  Dominanz  der  führenden  Konzerne.  Die
       Bemühungen  um   Ansätze  einer   gesamtgesellschaftlichen   oder
       wenigstens branchenweiten überbetrieblichen Mitbestimmung sind so
       alt wie  die Bundesrepublik.  Legitimerweise kann man danach fra-
       gen, wie  ernsthaft und  mit welcher  'Power'  sich  die  Gewerk-
       schaften für  eine solche  Mitbestimmung eingesetzt  haben,  aber
       ihnen umstandslos  die Verantwortung  für die ordnungspolitischen
       Fehlentscheidungen  einer  kapitalistischen  Gesellschaftsordnung
       anzulasten, ist  eine verfehlte  Argumentation." 26)  Das ist ein
       klassisches  Mißverständnis  der    F r a g e    n a c h    d e m
       T ä t e r,   das ich,  weil der  Aspekt  der  mehr  oder  weniger
       starken "Power"  in den  Vordergrund gerückt  wird, die entfaltet
       wird  oder   entfaltet  werden   soll,   als   linkspluralistisch
       bezeichne. Es  geht doch  nicht um Schuld. Kypke müßte dann schon
       konsequent sein und auch die Kapitalisten entschuldigen. 27) Aber
       ist es  nicht unsere Pflicht,  s e l b s t  "s c h u l d l o s e"
       G e w e r k s c h a f t e n   davon abzubringen, eine Politik der
       Gesellschaftsspaltung mitzutragen - deren  E x i s t e n z  weder
       von Kypke  noch von einem anderen SMK-Theoretiker widerlegt wird?
       Übrigens  auch,  indem  wir  Stützpunkte  der  Spaltungsstrategie
       s o g a r   i n   m a n c h e n  M i t b e s t i m m u n g s m o-
       d e l l e n    kenntlich  machen,  statt  nur  den  Mangel  ihrer
       Durchsetzung zu kritisieren? 28)
       Wir nützen  den Arbeitern  nicht dadurch,  daß wir  ihnen auf die
       Schultern klopfen.  Das haben  Esser/Fach, meine  ich, besser be-
       griffen als Kypke.
       
       _____
       *) Die Redaktion  der Zeitschrift  "Das Argument" bat um die Mög-
       lichkeit einer Replik auf die Beiträge zum Schwerpunkt "Staat und
       politisches System  im  staatsmonopolistischen  Kapitalismus  der
       Bundesrepublik" in  "Marxistische  Studien.  Jahrbuch  des  IMSF"
       4/1981. Autor  dieser Replik ist Michael Jäger; auf sie antwortet
       Ulrich Kypke.
       1) U. Kypke, Kritische Übersicht zur aktuellen Korporatismus-Dis-
       kussion in der BRD, in: Der Staat im staatsmonopolistischen Kapi-
       talismus der  Bundesrepublik. Staatsdiskussion  und Staatstheorie
       (Beiträge des  IMSF 6/1),  Frankfurt am  Main 1981,  S.  183-201,
       hier: S. 189
       2) Ebd., S. 190
       3) Ebd., S. 184, S. 188
       4) Vgl. etwa  Alemann/Heinze,  Verbändepolitik  und  Verbändefor-
       schung in  der Bundesrepublik,  in: dies.  (Hrsg.), Verbände  und
       Staat, Opladen 1979, S. 33
       5) Schmitter, Interessenvermittlung  und Regierbarkeit,  in: Ale-
       mann/Heinze, a.a.O., S. 94 f., S. 101
       6) Etwa: Broszat,  Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung
       seiner inneren  Verfassung, München  1969; Mommsen, Beamtentum im
       Dritten Reich, Stuttgart 1966
       7) Vgl. Geißler,  Verbände  und  neue  soziale  Frage,  in:  Ale-
       mann/Heinze, a. a. O., S. 180-186
       8) Blanke/Jürgens/Kastendieck,  Kritik  der  Politischen  Wissen-
       schaft. Analysen von Politik und Ökonomie in der bürgerlichen Ge-
       sellschaft, Ffm./New York 1975, S. 203
       9) Vgl. Alemann/Heinze,  Auf dem  Weg zum  liberalen Ständestaat?
       Einführung in  die Korporatismusdis-kussion,  in: dies.  (Hrsg.),
       Verbände und Staat, a. a. O., S. 45
       10) Winkler, Corporatism,  in: Archives Europeenes de Sociologie,
       vol. 17 (1976), no. 1, S. 133
       11) Narr, Theoriebegriffe  und Systemtheorie.  Einführung in  die
       moderne politische  Theorie, Stuttgart,  Berlin/W.,  Köln,  Mainz
       1965
       12) Schmitter, Still  the Century of Corporatism?, in: The Review
       of Politics, vol. 36 no. 1, Jan. 1974, S. 94 f.
       13) Schmitter, Interessenvermittlung  und Regierbarkeit,  a.a.O.,
       S. 96
       14) Nenning, Die  siamesischen Zwillinge.  Merkmale  österreichi-
       scher Arbeiterbewegung,  in: Gewerkschaftliche  Monatshefte 8/79,
       S. 454-466 und 9/79, S. 539-551; hier: S. 460
       15) Ebd., S. 459, S. 540
       16) Nennings Argument,  Gewerkschaften müßten  sich bürokratisie-
       ren, um  mithalten zu können, kehrt in der wissenschaftlichen De-
       batte -  nicht nur  bei Systemtheoretikern - wieder in der Umkeh-
       rung, wenn  Gewerkschaften "stark  zentralisiert" seien,  sei das
       ein Hinweis  auf ihren korporatistischen oder korporatismusträch-
       tigen Charakter.  Das ist jedoch eine ideologische Verdrehung, da
       nicht nach Zentralisierung als solcher, die je nach Umständen ein
       Moment revolutionärer  Arbeitermacht wie  ein Moment des Verlusts
       von Autonomie sein kann, gefragt werden müßte, sondern nach ihrem
       demokratischen oder  undemokratischen Charakter.  Typisch für die
       Verwirrung, der die Korporatismus-Debatte in dieser Hinsicht bis-
       her unterliegt,  ist der  sog. Zentralisations-Index  von  Heady.
       Headys Indikatoren  würfeln demokratische  und  antidemokratische
       Züge von  "Zentralisation" bunt durcheinander, z.B. zentrale Kon-
       trolle über  Streikfonds einerseits,  Unterrepräsentation der Ge-
       werkschaftsminderheit auf  der zentralen  Ebene andererseits, und
       machen auch  keinen Unterschied zwischen Zentralisation qua frei-
       williger Satzung  und staatlichem  Zwang, z.B. dem Verbot inoffi-
       zieller Streiks. Dieser Index demonstriert nur, daß auch ganz un-
       klare Begriffe  exakt quantifiziert  werden können.  Vgl.  Heady,
       Trade Unions  and national wage policies, in: Journal of Politics
       32/1972, S. 407-439
       17) Nenning, a.a.O., S. 548
       18) Jung, "Korporatismus"  statt "Etatismus"?  Staatsmonopolisti-
       sche Vergesellschaftung  und politisch-staatlicher Überbau heute,
       in: Marxistische  Studien, Jahrbuch des IMSF 4, Frankfurt am Main
       1981, S. 11-41
       19) Vgl. Jungs Bemerkung über die Position "der Marxisten", ebd.,
       S. 11
       20) Zeuner, Verbandsforschung  und Pluralismustheorie.  Etatozen-
       tristische Fehlorientierungen  politologischer Empirie  und Theo-
       rie, in: Leviathan 2/76, S. 151
       21) Heinze, Verbändepolitik  und "Neokorporatismus".  Zur politi-
       schen Soziologie organisierter Interessen, Opladen 1981, S. 78
       22) Kypke, a.a.O., S. 188
       23) Ich möchte  das Thema  "Umformulierungsmacht des Staates" zum
       Anlaß nehmen,  ein Mißverständnis  aufzuklären, dem Harald Werner
       in seinem  Kommentar zu meinem Vortrag über "Marxistische Staats-
       theorie" unterliegt.  Vgl. Jäger, Marxistische Staatstheorie, in:
       Argument 124,  Berlin/West, S. 795-808 und: Werner, Das Staatsbe-
       wußtsein der Arbeiter in der BRD, in: Marxistische Studien. Jahr-
       buch des IMSF 4, Frankfurt am Main 1981, S. 156-172. Die Substan-
       zialität des  Staates bestehe für mich darin - schreibt Werner -,
       "daß er in den Individuen wurzelt - und dies deshalb, weil jeder,
       der sich mit dem Staat einläßt, sich in ihm auflöst 'wie in einer
       Säure'." Ich habe so etwas keineswegs behauptet. Ich habe nie ge-
       schrieben, daß der Staat in den Individuen "wurzelt", sondern daß
       er  i n  s i e  "h i n e i n g e h t,  abgesteckte Plätze" in ih-
       nen "besetzt,  sie von innen beherrscht" (Jäger, a.a.O., S. 801).
       Das ist  wohl kaum  dasselbe. Ferner  löst sich  nach meinem Text
       nicht derjenige im Staat auf, der sich mit ihm "einläßt" - so als
       wollte ich  eine Politik  "am Staat  vorbei" empfehlen ", sondern
       wer ihn   "w i e   e i n   l e e r e s   M a u e r w e r k    z u
       b e t r e t e n   m e i n t"  (ebd). Ich hätte auch sagen können:
       wer ihn betritt, ohne mit dem Pluralismus-Modell gebrochen zu ha-
       ben. Oder,  um beim  Bild der  Säure zu bleiben: Es geht nicht um
       die Aufforderung,  ein Schmuckstück  im Salzsäurefaß liegenzulas-
       sen, wo  es hineingefallen  ist, sondern  um den  Hinweis, daß im
       Salzsäurefaß Salzsäure  ist und  man also  beim Hineinfassen  ge-
       eignete Handschuhe tragen sollte. - Werner entgegnet mir: Die Ar-
       beiter seien  schon wegen ihrer Klassenlage nicht in Gefahr, sich
       in der  Säure des Staates aufzulösen, von "folgenschweren Ausnah-
       men" einmal abgesehen. Ihr Verhalten dürfe nicht so interpretiert
       werden, als  ob sie dem Staat zustimmten, vielmehr handle es sich
       um bloße  Duldung wegen "Mangel an Antizipation politischer Herr-
       schaft". Die  Alltagserfahrung scheine dem zwar zu widersprechen,
       jedoch stütze  sie sich  "in diesem Fall freilich auf nichts mehr
       als auf  das im  vierjährigen  Turnus  ablaufende  Wahlverhalten"
       (a.a.O.). Der  Behauptung kann ich nicht zustimmen, wohl aber dem
       Argument, das,  wie mir  scheint, eher  m e i n e  Behauptung vom
       "Säurecharakter" des  Staates belegt:  Die Arbeiter  stimmen  dem
       Staat nicht  zu -  einverstanden -,  sondern werden von ihm  p a-
       r a l y s i e r t,      h a n d l u n g s u n f ä h i g      g e-
       m a c h t,  und zwar nicht zuletzt gerade in dem Maße, wie sie in
       jenem "vierjährigen  Turnus" gefangen  sind, der sie jedesmal von
       neuem  vor   die  Notwendigkeit   zu  stellen  scheint,  für  das
       Linsengericht eines "kleineren Übels" auf ihr politisches Selbst-
       bestimmungsrecht zu verzichten; die "mangelnde Antizipation poli-
       tischer Herrschaft"  besteht darin,  daß ihnen  noch niemand eine
       nicht nur  dem Inhalt,  sondern  a u c h  d e r  F o r m  n a c h
       ü b e r z e u g e n d e   A l t e r n a t i v e  zum bürgerlichen
       Parteiensystem   o d e r  a u c h  n u r  e i n e n  W e g  a u s
       i h m  h e r a u s  hat zeigen können. Es handelt sich hier nicht
       nur um "propagandistische und organisatorische Schwächen der Kom-
       munisten" (Werner,  S. 171),  sondern auch  um   t h e o r e t i-
       s c h e   S c h w ä c h e n   bei  der  Analyse  der  Mechanismen
       bürgerlicher Macht.
       24) Esser/Fach, Internationale Konkurrenz und selektiver Korpora-
       tismus. Beitrag  für die  Tagung des  AK "Parteien - Parlamente -
       Wahlen" der DVPW am 23./24.2.1979, MS, S. 16 ff.
       25) Vgl. hierzu  auch Zoll  u.a., Arbeiterbewußtsein in der Wirt-
       schaftskrise I  - Erster Bericht: Krisenbetroffenheit und Krisen-
       wahrnehmung, Köln 1981
       26) Kypke, a.a.O., S. 198 f.
       27) Vgl. Karl  Marx, Das  Kapital, Bd.  l, in: Marx/Engels, Werke
       Bd. 23, Berlin 1972, S. 16
       28) Vgl. hierzu  Kastendieck/Kastendieck/Reister,  Inkorporierung
       der Gewerkschaften?  Zum Verhältnis von Staat - Kapital - Gewerk-
       schaften  und  zum  Adressatenproblem  einer  alternativen  Wirt-
       schaftspolitik, in:  Alternative Wirtschaftspolitik  3, Argument-
       Sonderband 68, Berlin/West 1981, S. 144-177
       

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