Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       DER FINNISCHE FORSCHERVERBAND
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       Pekka Kosonen / Sakari Hänninen
       
       1. Organisation,  Themen, Publikationen - 2. "Der finnische Kapi-
       talismus"
       
       1. Organisation, Themen, Publikationen
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       Der Finnische  Forscherverband (Suomen  Tutkijaliitto) wurde 1976
       als eine  demokratische und fortschrittliche Wissenschaftlerorga-
       nisation gegründet.  Grundlage seiner  Tätigkeit ist  der wissen-
       schaftliche Sozialismus.  Der Forscherverband vereinigt in seinen
       Reihen marxistische  Wissenschaftler und  Spezialisten  der  ver-
       schiedensten Fachrichtungen.  Gegenwärtig zählt  er rund 450 Mit-
       glieder.
       Der Forscherverband  hat und konnte kein direktes internationales
       Vorbild haben. Aus eigenem Antrieb, selbständig gegründet, ist er
       eine Weiterführung  der fortschrittlichen  Studentenbewegung, die
       sich in  den siebziger  Jahren in Finnland entwickelt hatte. Sei-
       nerzeit hatte  die marxistische Wissenschaft ihre Stellung an den
       Universitäten stabilisieren  können, und  ein Teil  der marxisti-
       schen Wissenschaftler  kam in  Kontakt zur kommunistischen Arbei-
       terbewegung. Der  Forscherverband ist  in seiner  Tätigkeit unab-
       hängig von jeder anderen Organisation, aber seine Mitglieder kön-
       nen natürlich  auch in  anderen fortschrittlichen  Organisationen
       tätig sein.
       In seiner  Tätigkeit versucht der Forscherverband eine fruchtbare
       Diskussion zwischen  verschiedenen marxistisch  orientierten  und
       demokratischen Auffassungen zu fördern. Wichtige Schwerpunkte der
       Arbeit sind auch die Durchsetzung einer fortschrittlichen Wissen-
       schaftspolitik und  die Friedensarbeit.  Das Gerüst der Tätigkeit
       bilden bestimmte  ständige Arbeitsformen.  Zwei  "Besonderheiten"
       verdienen dabei  erwähnt zu  werden: die erste ist der sogenannte
       Klassikerclub, in  dem man sich monatlich mit Referat und Diskus-
       sion mit  einem Klassiker  beschäftigt. Die  zweite ist die soge-
       nannte Sommerschule, die an einem verlängerten Wochenende im Juni
       außerhalb der  Universitätsstädte auf dem Land zu einem aktuellen
       Thema abgehalten wird. 1981 wurde das Thema "Begrifflichkeitswer-
       dung der Geschichte" diskutiert, und 1982 lautet das Thema "Staat
       und Hegemonie". Außerdem werden ständig Seminare zu den verschie-
       densten Themen  organisiert. Die  größten  sind  die  interdiszi-
       plinären  Symposien   des  Forscherverbandes,   1980  zum   Thema
       "Evolution" und 1982 zum Thema "Mensch und Natur". An diesen Sym-
       posien, wie  auch an  anderen Veranstaltungen des Forscherverban-
       des, haben  zahlreiche Wissenschaftler aus dem Ausland teilgenom-
       men. Das  wichtigste Instrument  des Forscherverbandes ist jedoch
       seine Zeitschrift  "Tiede ja  Edistys" ("Wissenschaft  und  Fort-
       schritt"). Die  Zeitschrift wurde  im selben Jahr wie der Verband
       ins Leben  gerufen und erscheint vierteljährlich. Sie hat den An-
       spruch, ein  interdisziplinäres, internationales,  kritisches und
       aktuelles Diskussionsforum zu sein. Neben dieser Zeitschrift gibt
       der Forscherverband  die Mitgliederzeitschrift "Ukuli" und Veröf-
       fentlichungsreihen heraus,  in denen  die Mitglieder,  aber  auch
       Nichtmitglieder, ihre  Forschungsergebnisse  publizieren  können.
       Die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit ist auch eines der
       Hauptziele des Forscherverbandes.
       
       2. "Der finnische Kapitalismus"
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       Die wissenschaftliche  Untersuchung des Kapitalismus stellt einen
       Teil der Arbeit des Forscherverbandes dar. Als eine Art Zusammen-
       fassung erschien  1979 das  Werk "Suomalainen  kapitalismi"  (Der
       finnische Kapitalismus) 1). Das Werk ist das Ergebnis kollektiver
       Arbeit; schon  1972 war ein Projekt entstanden, das von marxisti-
       schen Studenten  und jungen Wissenschaftlern betrieben wurde, und
       seit 1976  schrieb eine  12köpfige Arbeitsgruppe  das Werk. Diese
       beiden Gruppen verfügten allerdings nicht über bezahlte Mitarbei-
       ter, sondern  die Untersuchung  entstand in freiwilliger Nebentä-
       tigkeit. Aus  diesem Grund nahm die endgültige Fertigstellung re-
       lativ viel Zeit in Anspruch.
       Das Werk  "Der finnische Kapitalismus" ist Teil der internationa-
       len Diskussion  über den heutigen, den staatsmonopolistischen Ka-
       pitalismus; es  versucht dabei,  einen eigenen Standpunkt zu ent-
       wickeln. Die  theoretische Grundlage  ist vor  allem die Marxsche
       Kapitalismustheorie, die  Kritik der  politischen  Ökonomie.  Sie
       kann jedoch  nicht direkt auf die empirische Forschung angewendet
       werden, wie  es bei  der sogenannten  Realanalyse versucht  wird:
       Dann besteht  nämlich die  Gefahr, daß  die konkrete Untersuchung
       tatsächlich nur beim Beweisen der im "Kapital" dargestellten all-
       gemeinen Gesetzmäßigkeiten stehenbleibt. Die Aufgabe ist vielmehr
       darin zu  sehen, die neuen Formen darzustellen, in denen sich die
       Gesetzmäßigkeiten des  Kapitalismus verwirklichen,  und eine kon-
       krete Analyse  unter Berücksichtigung  der besonderen Bedingungen
       des jeweiligen Landes vorzunehmen. Das setzt  e r s t e n s  eine
       theoretische Auffassung  von der historischen Entwicklung des Ka-
       pitalismus  und   seiner  verschiedenen   Phasen   voraus.   Aber
       z w e i t e n s   muß man - bei der Analyse eines bestimmten Lan-
       des, wie  z. B.  Finnlands -  die Besonderheiten der historischen
       Entwicklung des  jeweiligen Landes  einbeziehen: Man muß sich hü-
       ten, das Besondere mit dem Allgemeinen gleichzusetzen.
       Das Werk  versucht, einen  relativ umfassenden Überblick über die
       verschiedenen Aspekte  des Kapitalismus zu geben, was auch in den
       Überschriften der einzelnen Kapitel deutlich wird: 1.) Die histo-
       rische Entwicklung  des Kapitalismus  in Finnland.  2.) Über  die
       Ausgangspunkte für  eine Analyse des staatsmonopolistischen Kapi-
       talismus. 3.)  Der Staat,  die Reproduktion  des Kapitals und die
       Wirtschaftskrise. 4.) Der Staat und die Reproduktion der Arbeits-
       kraft. 5.)  Finnlands internationale Stellung. 6.) Das politische
       System und seine Widersprüche. 7.) Aspekte der ideologischen Ent-
       wicklung, und 8.) Aussichten zur Überwindung der Krise.
       Als grundlegende  Entwicklung wird  die Reproduktion des Kapitals
       gesehen. Das  Wirtschaftswachstum in  Finnland war  sowohl in der
       Zeit zwischen  den beiden  Weltkriegen als  auch nach dem Zweiten
       Weltkrieg relativ stark. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg hat
       ein rascher  Prozeß des Strukturwandels von einer landwirtschaft-
       lich geprägten  Wirtschaftsstruktur zu  einer von  Industrie  und
       Dienstleistungssektor dominierten Wirtschaftsstruktur stattgefun-
       den. Die  Aufgabe besteht nun darin zu analysieren, wie das Wirt-
       schaftswachstum und  die  Veränderungen  der  Wirtschaftsstruktur
       sich vollzogen haben. Ein zentrales Charakteristikum war die hohe
       Akkumulationsrate: Der  herrschende Wirtschaftszweig,  die  Holz-
       und Papierindustrie,  ist ein  kapitalintensiver Bereich,  in dem
       umfangreiche Investitionen  getätigt wurden.  Die großen Investi-
       tionen haben  jedoch nicht zu einem Absinken der Rentabilität ge-
       führt, sondern die Rentabilität der finnischen Industrie wies be-
       sonders in  den Jahren 1960-74 eine steigende Tendenz auf und ist
       nach der  Krise erneut  gewachsen. Diese  Entwicklung wurde durch
       die relativ günstigen Weltmarktpreise und durch die Anstrengungen
       beeinflußt, im Vergleich zu den sogenannten Konkurrenzländern auf
       einem niedrigeren Lohnniveau zu produzieren.
       Die in Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte Wirtschafts-
       politik wird  in dem  Werk als "traditionelle Wirtschaftspolitik"
       bezeichnet, für  die an  erster Stelle Bemühungen um die Investi-
       tionen der  Unternehmen und die allgemeinen Bedingungen der Wirt-
       schaft sowie  die Regulierung  der Löhne stehen. Eine keynesiani-
       stische aktive  Konjunktursteuerung dagegen ist nicht charakteri-
       stisch für  sie. Die  staatliche Wirtschaftsregulierung wurde be-
       sonders in  der zweiten  Hälfte der sechziger Jahre einerseits in
       Form der Einkommenspolitik, andererseits durch die Bereitstellung
       von besonderen  Finanzmitteln für  die Unternehmer betrieben. Das
       Wirtschaftswachstum und  der Druck  der Forderungen der Arbeiter-
       klasse machten auch die Durchsetzung vieler sozialer Reformen auf
       dem Gebiet  des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie der Alters-
       versorgung möglich;  die Rolle  der öffentlichen Hand wuchs deut-
       lich. In den Jahren der Krise 1975"77 und danach wurde eine rela-
       tiv zurückhaltende Wirtschaftspolitik verfolgt, bei der die Beto-
       nung der  Unternehmerinvestitionen auf  Kosten der  Reallöhne und
       Sozialleistungen noch mehr im Vordergrund stand.
       Finnland ist ein interessantes Land, da es in gewisser Weise zwi-
       schen Ost und West steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten
       sich die  Beziehungen zur  Sowjetunion gut,  und deren  Anteil am
       finnischen Außenhandel  ist relativ  groß. Der  größte Anteil des
       Außenhandels geht  jedoch in die kapitalistischen Länder, für die
       Finnland ein Exporteur von relativ wenig veredelten Produkten der
       Holzindustrie und  ein Importeur  von Maschinen  und Konsumgütern
       ist. Der  Freihandelsvertrag mit der EWG hat die Abhängigkeit vom
       kapitalistischen Markt erhöht; Finnlands Stellung ist in gewisser
       Hinsicht zweigespalten.
       Die Studie  analysiert auch  Finnlands politisches  und ideologi-
       sches System.  Interessant ist  die Phase seit 1966 mit einer Re-
       gierungskoalition, an  der das  Zentrum und die Linke einschließ-
       lich der Kommunisten beteiligt sind. Diese Konstellation wird als
       Integrationspolitik charakterisiert,  die  die  Durchsetzung  der
       staatlichen  Regulierungspolitik   ermöglicht  hat.  Gleichzeitig
       wächst die  Bürokratisierung und findet eine Anbindung der Arbeit
       der Massenorganisationen an staatliche Vorgaben statt.
       In den  letzten Jahren haben verschiedene Wissenschaftler die Ar-
       beit an  den Themen fortgesetzt, die in der Studie "Der finnische
       Kapitalismus" behandelt werden, obwohl keine umfassenden Projekte
       existieren. Zu  den Schwerpunkten  gehören Fragen im Zusammenhang
       mit der  Lage der  Arbeiter und  ihrer Lebensweise sowie Probleme
       der Staatstheorie  und des politischen Systems Finnlands; zu die-
       sen Fragen  sind in  naher Zukunft  einige Veröffentlichungen ge-
       plant.
       Die Anschrift  des Finnischen  Forscherverbandes  lautet:  Suomen
       Tutkijaliitto, Vuorikatu 8 A 3, 00100 Helsinki 10, Finnland.
       
       Übers- aus dem Finnischen: Arnold Bruns
       
       _____
       1) Suomalainen kapitalismi. Tutkimus yhteiskunnallisesta kehityk-
       sestä ja  sen ristiriidoista  sodanjälkeisessä Suomessa. Vastaava
       kirjoittaja Pekka Kosonen, Helsinki 1979, 484 S.
       

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