Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       NEUE BEWEGUNGEN:
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       GESELLSCHAFTLICHE ALTERNATIVE ODER KULTURELLER BRUCH?
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       Zu einigen Momenten außerparlamentarischer Bewegungen
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       in der Bundesrepublik
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       Kaspar Maase
       
       1. Drei Hauptströme außerparlamentarischer Bewegungen - 2. Zu den
       Bewegungen 1966-1974  -  3.  Bewegungen  unter  Krisenbedingungen
       (seit 1974/75) - 4. Zu einigen ideologischen und kulturellen Ent-
       wicklungen in  den neuen sozialen Bewegungen - 5. Kulturelle Bar-
       rieren zwischen neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbewegung
       
       1. Drei Hauptströme außerparlamentarischer Bewegungen
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       Betrachtet man  die außerparlamentarischen Bewegungen der letzten
       Jahre, so  lassen sich drei wichtige Stränge herausheben. Wir se-
       hen breite  soziale und  demokratische Bewegungen,  die vor allem
       von Konflikten  um allgemeine  Reproduktionsbedingungen sowie  um
       konkrete  regionale   und  örtliche   Umweltbedrohungen  ausgehen
       (Friedensbewegung;  Bürgerinitiativenbewegung;   Startbahn  West;
       Brokdorf, Gorleben,  Wyhl etc.);  in ihnen lassen sich meist kon-
       krete Reproduktionsinteressen der Betroffenen und Aktiven aufzei-
       gen, sie sind im Bereich allgemeiner Sympathie mehrheitsfähig, an
       ihnen beteiligen  sich zu einem bedeutenden Anteil Angehörige der
       Arbeiterklasse sowie Kräfte und Untergliederungen der organisier-
       ten Arbeiterbewegung. Davon zu unterscheiden sind Bewegungen, die
       stark durch  Momente des  Krisenprotests und  der Identitätssuche
       gekennzeichnet sind,  nur vermittelt klare materielle und soziale
       Interessen  aufgreifen  und  vor  allem  unter  Jugendlichen  der
       "Krisengeneration" sowie  Angehörigen der  Mittelschichten Anhang
       finden (Jugendprotest; Frauen- und Minderheitenbewegungen; Alter-
       nativ- und  Ökologiebewegung). Die dritte Tendenz ist die der ge-
       werkschaftlichen und  betrieblichen Auseinandersetzungen um mate-
       rielle Fragen,  Arbeitsbedingungen und  Arbeitsplätze, die insge-
       samt heute  die Grenze zur politischen Konfrontation, zur Artiku-
       lation von  Grundinteressen der  Arbeiterklasse gegen Kapital und
       Regierung nicht überschreiten. 1)
       Zwischen diesen Hauptsträngen gibt es jeweils Übergangsfelder und
       -bewegungen. Zwischen  Protestbewegungen und Massenbewegungen für
       Reproduktion und  Frieden sind  etwa die  überregionale Anti-AKW-
       und Umweltbewegung,  die Auseinandersetzungen  um  Wohnraum  oder
       auch die  breite Kampagne gegen den § 218 einzuordnen; lokale und
       regionale Kämpfe um Erhaltung von Arbeitsplätzen oder gegen Sozi-
       alabbau und  Rotstiftpolitik bilden  Scharniere zwischen außerbe-
       trieblichen Massenbewegungen  und dem  gewerkschaftlichen und be-
       trieblichen Kampf.  In Momenten der gewerkschaftlichen Kämpfe von
       Frauen gegen  Diskriminierung in puncto Lohn, Ausbildungsmöglich-
       keiten etc.  und in  Ansätzen einer Arbeitslosenbewegung zeichnen
       sich Verbindungen von betrieblich-gewerkschaftlichen und Protest-
       bewegungen ab.
       Wesentliche Merkmale  der Entwicklung,  die in der Linken mit der
       Frage nach den Perspektiven von neuen sozialen Bewegungen und Ar-
       beiterbewegung aufgegriffen  werden, sind: Die genannten demokra-
       tischen und  sozialen Massenbewegungen  wie die Protestbewegungen
       haben bislang wenig Widerhall in der gewerkschaftlichen Strategie
       und Kampforientierung  gefunden -  mit ihren Problemen und Forde-
       rungen wie  mit ihren Widerstandsmotiven und kämpferischen Impul-
       sen. In  gewissem Sinne die andere Seite dieser Feststellung ist:
       In den Massenbewegungen für elementare Lebens- und Reproduktions-
       bedürfnisse auch  der Lohnarbeiter  sind Interessenpositionen der
       Arbeiterbewegung keineswegs  bestimmend für Selbstverständnis und
       Orientierung; vielmehr  überwiegen in den ideologischen Verallge-
       meinerungen Anschauungen  und Einstellungen  von Mittelschichten,
       die auch  in ihren  antikapitalistischen Zügen durch Distanz bzw.
       Gegnerschaft zu  Arbeiterbewegung und  Sozialismus gekennzeichnet
       sind 2)  und sich  häufig aus  den Protestbewegungen  im  engeren
       Sinne speisen.  Politisch-parlamentarischen Ausdruck finden diese
       Bewegungen, wo  sie den  unmittelbaren Einflußbereich der Bundes-
       tagsparteien verlassen,  passiv in  Wahlenthaltung  und  Politik-
       feindlichkeit, aktiv  in grünen  und alternativen  Gruppierungen,
       während kommunistische  und linkssozialistische Klassenpositionen
       bisher kaum stärker wurden.
       Damit sind  die Probleme  benannt, die im ersten Teil dieses Auf-
       satzes genauer  betrachtet werden  sollen;  der  zweite  versucht
       dann, einige  für die Zukunft wichtige Momente der neuen Bewegun-
       gen herauszuarbeiten.
       
       2. Zu den Bewegungen 1966-1974
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       2.1 Im Bannkreis staatsmonopolistischer Reformpolitik
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       Für die Untersuchung der gegenwärtigen außerparlamentarischen Be-
       wegungen muß  man ihre  Geschichte  zurückverfolgen  bis  in  die
       zweite Hälfte  der 60er  Jahre. Mit  zunehmendem historischem Ab-
       stand läßt  sich immer  deutlicher erkennen,  welchen tiefen Ein-
       schnitt in  der Geschichte  der Bundesrepublik das Ende des "CDU-
       Staates"  und  der  langen  Nachkriegskonjunktur  mit  der  Krise
       1966/67 bildet.  Die damals konzentriert auftretenden und die öf-
       fentliche Diskussion  bestimmenden Krisen  und Mängel der von der
       CDU/CSU politisch  verantworteten  Entwicklung  (Produktionsrück-
       gang,  Arbeitslosigkeit,   Aufschwung  der  NPD,  außenpolitische
       Isolierung, "Bildungskatastrophe",  "Krise der  Städte",  Umwelt-
       probleme) riefen  vielfältige soziale  und politische  Bewegungen
       hervor, die zur Lockerung ideologischer Bindungen an die "soziale
       Marktwirtschaft"  beitrugen  und  die  Suche  nach  neuen  Orien-
       tierungen ausdrückten.
       Charakter und  Entwicklung des  damaligen  außerparlamentarischen
       Protests sind  entscheidend bestimmt durch die Rolle, die die So-
       zialdemokratie wahrnehmen konnte. Sie stellte sich dar als unver-
       brauchte Kraft  des Wandels:  Strukturprobleme sollten  bewältigt
       und mehr  soziale Gerechtigkeit  geschaffen werden. Da in die so-
       zial-liberale Politik  staatsmonopolistischer  Reformen  zunächst
       bestimmte soziale  Interessen der  Arbeiterklasse  eingingen,  3)
       mußte es  zu einer  Öffnung für Aktivitäten in der Arbeiterklasse
       und aus  der Gewerkschaftsbewegung heraus kommen, in denen quali-
       tative Reformforderungen  wachsendes Gewicht  erhielten - bis hin
       zum politischen  Engagement für die Entspannungspolitik und gegen
       den Versuch,  die Regierung  Brandt/Scheel zu  stürzen.  Mit  den
       praktischen Bewegungen gewannen weit in die Arbeiterklasse hinein
       realistischere Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit der kapi-
       talistischen Marktkräfte und von den Perspektiven der weltumspan-
       nenden Systemauseinandersetzung an Boden. 4)
       In diesem Zusammenhang ist auch die Aufnahme neuer Interessen und
       Bedürfnisse in Programmatik und Praxis der sozialdemokratisch do-
       minierten Gewerkschaften  zu sehen. Noch in der Anti-Notstandsbe-
       wegung hatten  profilierte reformistische Gewerkschaftsführer und
       Einzelgewerkschaften eine zentrale Rolle gespielt. Die September-
       streiks 1969  gaben einen Anstoß für aktivere und offensivere Ge-
       werkschaftspolitik auf  dem Felde der Einkommen wie zur Durchset-
       zung betrieblicher  und sozialer  Reformforderungen. Zu  "Humani-
       sierung der  Arbeitswelt", Umweltschutz, Bildungs- und Hochschul-
       reform  entwickelten  und  vertraten  die  Gewerkschaften  eigen-
       ständige  Vorstellungen;   deutlichster  Ausdruck  des  damaligen
       Verständnisses der "Gestaltungsaufgabe" der Gewerkschaftsbewegung
       war 1972  die IG Metall-Tagung "Aufgabe Zukunft: Qualität des Le-
       bens" als Zusammenfassung weitgespannter Reformvorstellungen. Zu-
       mindest im  programmatischen Anspruch  präsentierte sich  der DGB
       als Kraft  der Arbeiterbewegung,  die neue gesellschaftliche Pro-
       bleme, Interessen  und Bedürfnisse  der Lohnabhängigen  aufgreift
       und in  eine  Gesamtkonzeption  gesellschaftlicher  Veränderungen
       einbringt -  als außerparlamentarische "Ergänzung" und "Gewissen"
       der SPD mit ihrem "Langzeitprogramm".
       Ansprüche auf  Lebensqualität,  Frieden  und  Entspannung  wurden
       breit popularisiert  und führten  auch zu  Mobilisierungen in den
       Kerngruppen der  Arbeiterklasse; vor  allem in der Arbeiterjugend
       und bei jüngeren Kadern der Gewerkschaften prägte sich eine anti-
       kapitalistische Strömung  aus. Sozialistisch-marxistische Initia-
       tiven und Gruppierungen konnten in und angesichts einer kämpferi-
       scher auftretenden Arbeiterbewegung ihren Einfluß erweitern - al-
       lerdings von  einer schwachen  Ausgangsposition aus  ohne Chance,
       schon bestimmend  zu werden.  Formell selbständige Bewegungen au-
       ßerhalb der  Arbeiterbewegung verblieben  weitgehend  im  ideolo-
       gisch-politischen  Anziehungsbereich   sozial-liberaler   Kräfte.
       Grundlage hierfür  war, daß  die Masse  der an außerparlamentari-
       schen Bewegungen, Initiativen und Protesten Beteiligten letztlich
       von der  Reformierbarkeit der  bestehenden Ordnung ausging - oder
       anders und  für unsere Betrachtung treffender gefaßt: Der Verlust
       von Vertrauen  in und Bindungen an die vorgefundenen Verhältnisse
       und politischen  Einrichtungen berührte  noch nicht  die grundle-
       gende Erwartung, die individuelle Perspektive eines guten und be-
       friedigenden Lebens  im bestehenden System durchsetzen zu können.
       Tendenzen zur  Erosion des  in der Restaurationsperiode herausge-
       bildeten "Basiskonsenses"  5) wurden  zunächst aufgefangen in der
       sozial-liberalen Reformpraxis  und -ideologie.  Dies  war  um  so
       leichter, als  die Vorstellung, bei hohem wirtschaftlichem Wachs-
       tum Reformen  und mehr  soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, ohne
       privilegierten Gruppen etwas abnehmen zu müssen, bis 1973/74 noch
       an die reale ökonomische Entwicklung anknüpfen konnte.
       
       2.2 Zur Entwicklung von Persönlichkeitsbedürfnissen
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       Die Zuspitzung wirtschaftlicher Probleme 1966/67 wurde zum Auslö-
       ser weiterreichender  Erschütterungen und Bewegungen; darin kommt
       zum Ausdruck,  daß die Krise des konservativen Blocks und die an-
       schließenden politischen  Umgruppierungen in  der zweiten  Hälfte
       der 60er  Jahre längerfristige  und unwiderrufliche Wandlungen in
       Interessen und  Bedürfnissen zur  Grundlage haben.  6) Wir können
       hier den  Beginn eines ersten Zyklus außerparlamentarischer Bewe-
       gungen sehen, die auf die neue Phase der Krisenentwicklung im SMK
       der BRD  (zunächst infolge des Abbaus spezifischer Nachkriegsfak-
       toren) reagieren.  Mit der Krise 1974/75 beginnt dann ein zweiter
       Zyklus, zu  dessen Voraussetzungen  Ergebnisse,  Erfahrungs-  und
       Lernprozesse des  ersten zählen.  Mit der  äußerlichen Einbindung
       vieler Bewegungen  in die sozial-liberale Programmatik wurde kei-
       neswegs die  Entwicklung im subjektiven Faktor, in den Köpfen der
       Menschen stillgestellt  oder gar zurückgedreht. Die folgenden Be-
       merkungen konzentrieren  sich auf  einige solcher weiterwirkenden
       Tendenzen.
       Objektive Interessen  und  ihre  Veränderung  widerspiegeln  sich
       zunächst notwendig  widersprüchlich im  Bewußtsein;  7)  Klärung,
       Vereinheitlichung und  Verankerung von  Bedürfnissen als stabilen
       Handlungsorientierungen gegenüber  der sozialen Umwelt werden we-
       sentlich erleichtert  und vorangetrieben  durch die  Möglichkeit,
       die Widersprüche  im praktischen Handeln, im kollektiven Anmelden
       und Durchsetzen von Forderungen aufzuheben. Dies war in der skiz-
       zierten Situation der Öffnung für Aktivitäten von Angehörigen der
       Arbeiterklasse und  ihren Gewerkschaften  der Fall;  so kam es zu
       einem starken  Schub der kollektiven Aneignung von Reproduktions-
       interessen der  Arbeiterklasse, der sich subjektiv in weithin ge-
       teilten Bedürfnissen und Ansprüchen niederschlug.
       Unter dem  Gesichtspunkt der neuen Momente in den aktuellen Bewe-
       gungen soll  hier vor  allem die Verstärkung von Bedürfnissen der
       Persönlichkeitsbehauptung und  -entfaltung verfolgt  werden. Ihre
       objektive Grundlage  sind steigende  Anforderungen an Fähigkeiten
       und Motivation  in Teilen der modernen Produktion wie an die Kom-
       petenzen zur Bewältigung der Lebens- und Reproduktionsprozesse in
       der hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft von heute; 8) dazu
       gehören gleichermaßen  der Stand  der  gesellschaftlichen  Reich-
       tumsproduktion und  der Entfaltung  von Bedürfnissen und Genüssen
       in privilegierten Gruppen.
       Auf der  subjektiven Seite ist zunächst das Abschleifen der Wirt-
       schaftswunder-Faszination anzuführen.  Die  Nachkriegsentwicklung
       brachte ja nicht einfach die quantitative Erweiterung der indivi-
       duellen Konsumtion  der Lohnarbeiter,  sondern eine  derart  ein-
       schneidende Veränderung ihrer Lebensweise wie seit der Herausbil-
       dung des Imperialismus nicht. Radio und Fernsehen, der eigene Pkw
       am freien  Wochenende, die Urlaubsreise ins Ausland, die Teilhabe
       an der  Warenfülle und  die Möglichkeit,  ein attraktives eigenes
       Heim zu  gestalten, bildeten  Handlungsaufforderungen und -anfor-
       derungen, für die es in der Arbeiterklasse keine fertigen Einord-
       nungsmuster geben  konnte; sie mußten erst subjektiv verarbeitet,
       in eine  stabile Lebensweise  überführt werden  - schon dies eine
       Aufgabe, die  starke psychische  Energien auf sich zog. Hinzu kam
       die Bewältigung  anderer Kriegsfolgen, der großen Wanderungsbewe-
       gungen etc.,  so daß  erst gegen  Ende der  50er Jahre  eine neue
       "Normalität" eingerichtet,  der Alltag  mehr und  mehr selbstver-
       ständlich wurde.
       Die Verarbeitung  solcher Veränderungen  wird mit  bestimmt durch
       die unterschiedlichen Geschichts- und Gesellschaftsbilder, in die
       die Angehörigen  verschiedener Generationen  sie einzuordnen  su-
       chen. 9)  In der  zweiten Hälfte der 60er Jahre traten die ersten
       Nachkriegsjahrgänge in  das politische Geschehen ein, es sank das
       Gewicht der  wesentlich durch NS-Sozialisation, Krieg, Leiden und
       Verluste aus  der Konfrontation  mit dem  Sozialismus (Tod an der
       Ostfront,  Kriegsgefangenschaft,   Umsiedler,  "Vertriebene   und
       Flüchtlinge") sowie "gemeinsamen Wiederaufbau aus dem Nichts" ge-
       prägten Gruppen. Zunehmend trat eine Generation auf die Bühne so-
       zialer Bewegungen,  für die Frieden, der vorgefundene Lebensstan-
       dard, staatliche  Sozialpolitik im  weitesten Sinn  und die darin
       enthaltenen Entfaltungsmöglichkeiten  nicht dankbar zu würdigende
       Erfolge der  CDU-Politik, sondern selbstverständlich auszubauende
       Voraussetzungen für  Bedürfnisse und  Ansprüche waren; die außer-
       parlamentarischen Bewegungen dieser Jahre fanden daher hier star-
       ken Widerhall.
       Mit der  jüngeren Generation wuchs das Niveau schulischer und be-
       ruflicher Bildung;  längere Freizeit und vielfältigere Mittel und
       Möglichkeiten für ihre Nutzung schufen erst nennenswerte Wahlmög-
       lichkeiten und  verlangten bewußte Entscheidungen über die eigene
       Entwicklung; die  soziale Durchmischung in Wohngebieten, Arbeits-
       und Freizeitkontakten verstärkte die Ausstrahlung deutlicher bil-
       dungs- und  persönlichkeitsorientierter Lebensstile  von  Gruppen
       der Mittelschichten. Erziehungsziele und -methoden in Familie und
       Schule gaben  individuellen Qualitäten  und Ansprüchen  wie Selb-
       ständigkeit und "Selbstverwirklichung" größeren Stellenwert.
       Vor allem  Diskussionen und  Projekte der  Bildungsreform mobili-
       sierten Interessen  und Ansprüche  mit einer  starken Persönlich-
       keitskomponente. Über bessere individuelle Qualifikation will man
       eine sichere  berufliche Stellung mit gutem Einkommen und befrie-
       digender Tätigkeit  unter Bedingungen  erreichen, die  noch Kraft
       und Initiative  in der  Freizeit lassen. Belastende Arbeitsbedin-
       gungen und  Tätigkeitsentleerung werden  angesichts der Umwälzung
       privater Lebensverhältnisse  zunehmend als inakzeptabel erfahren;
       Reaktion hierauf ist sowohl die wachsende Bereitschaft, derartige
       Persönlichkeitsansprüche im  Beruf einzubringen, wie - angesichts
       der Widerstände  dort zunächst  überwiegend -  die Entfaltung von
       Glücks- und  Befriedigungsansprüchen in  der Freizeit; vorhandene
       Infrastrukturmängel und  Umweltprobleme werden damit subjekiv be-
       deutsamer.
       In diesen Jahren richteten sich individuell und kollektiv gefaßte
       Ansprüche auf  mehr soziale  Gerechtigkeit an die Reform des Bil-
       dungswesens als der zentralen Verteilungsstelle für Lebenschancen
       in der  Bundesrepublik; sozialdemokratische Versprechungen, durch
       den Sozialstaat  bessere Chancen für Benachteiligte und "mehr De-
       mokratie" zu  schaffen, trugen noch zur Verallgemeinerung des An-
       spruchs auf Gleichheit und Gerechtigkeit bei.
       
       2.3 Zur Rolle der Mittelschichten
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       Zu den neuen Momenten in diesem Zyklus außerparlamentarischer Be-
       wegungen gehört  die besondere Rolle vor allem der lohnabhängigen
       Mittelschichten (einschließlich  der lohnabhängigen Intelligenz),
       wie sie etwa in Entwicklung und Einfluß der Studentenbewegung zum
       Ausdruck kommt.  Ihr Handeln  steht im  Widerspruch zwischen  der
       Verteidigung von  Privilegien und Freiräumen einerseits, der Ver-
       folgung von  Lohnabhängigeninteressen andererseits. Im Widerstand
       gegen wachsende  und schärfere  staatsmonopolistische Regulierung
       und  Durchkapitalisierung  weiterer  Lebensbereiche  lassen  sich
       diese Interessen  ein Stück  weit vereinen - und das verleiht den
       lohnabhängigen Mittelschichten  angesichts der  Schwäche soziali-
       stischer Kräfte und autonomer Gewerkschaftspolitik besonderes Ge-
       wicht. Die  objektive Tendenz  einer Intensivierung ihrer Lohnab-
       hängigeninteressen trifft  zusammen mit  der wachsenden Bedeutung
       von Interessen an gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen und
       Persönlichkeitsentfaltung für  die Arbeiterklasse; die Annäherung
       von Interessen  ist die  Grundlage für die wichtige Rolle lohnab-
       hängiger Mittelschichten in spontanen Widerstands- und Protestbe-
       wegungen mit  breiter Beteiligung  von Angehörigen  der Arbeiter-
       klasse.
       Dies läßt  sich verfolgen  in der Entwicklung der Bürgerinitiati-
       ven-Bewegung seit  dem Ende der 60er Jahre. 10) Sie ist nicht al-
       lein mit  dem Hinweis auf das Auseinanderklaffen von objektiv er-
       weiterten Reproduktionsinteressen  (vor allem  im Bereich gesell-
       schaftlicher Reproduktionssicherung)  und realer  Entwicklung von
       Infrastruktur und  Umweltverhältnissen zu erklären. Sie ist schon
       Ergebnis einer  ersten Lockerung des Vertrauens in das politische
       Repräsentativsystem, Ausdruck der Einstellung, daß man eigene In-
       teressen gemeinsam öffentlich deutlich machen muß. Wenn dabei An-
       gehörige der  Mittelschichten dominieren, so verweist das auf die
       höhere Artikulations-  und Handlungsfähigkeit, die sie durch Bil-
       dung und berufliche Tätigkeit erworben haben; es bringt auch ihre
       starke Verunsicherung  in Lebensverhältnissen  und  -perspektiven
       durch die  Tendenz zunehmender Unterordnung unter das Kapital und
       ihre Suche  nach Möglichkeiten  breiterer Gegenwehr zum Ausdruck.
       So gingen  in ihren  Widerstand und  ihre Forderungen überwiegend
       individuelle Aufstiegsinteressen  (Bürgerinitiativen im Bildungs-
       und Kulturbereich) sowie Interessen kleiner Eigentümer (vor allem
       von Immobilien) ein, und es bildeten sich auch eindeutig reaktio-
       näre und  bornierte Bürgerinitiativen.  Die breite  Sympathie für
       die Bürgerinitiativaktivitäten und die zunehmende Beteiligung von
       Angehörigen der  Arbeiterklasse sprechen aber dafür, daß überwie-
       gend Reproduktionsinteressen  aller lohnabhängigen Gruppen aufge-
       nommen waren  und daß Dispositionen zur Vertretung von Interessen
       außerhalb der  traditionellen Kanäle  und Institutionen gerade in
       den Jahren  des reformerischen  "Neubeginns" sich auch in die Ar-
       beiterklasse hinein ausdehnten.
       In konkreten  Widerstandsaktionen läßt  sich ein breites Interes-
       senspektrum vereinen;  so fand  und findet  der regionale Protest
       gegen Atom Wirtschaftsprojekte auch eine Basis in den agrarischen
       und gewerblichen Mittelschichten. Mit zunehmender Stabilisierung,
       Dauer und  überregionaler Koordination  der Bürgerinitiativen muß
       jedoch die Frage nach der Perspektive des Widerstandes an Gewicht
       gewinnen. Sie  liegt, knapp formuliert, für die Arbeiterklasse in
       der Verbindung  zum betrieblich-gewerkschaftlichen  Kraftzentrum,
       im Konzept von Arbeiterkontrolle und wirksamer ökonomisch-politi-
       scher Mitentscheidung,  im kollektiven  Kampf um die Durchsetzung
       des Klassenwillens  bzw. von Bündnisforderungen bei den zentralen
       gesellschaftlichen Schaltstellen.  Dem stehen spontan die Bestre-
       bungen der  selbständigen wie  der lohnabhängigen Mittelschichten
       entgegen, vorhandene  Freiräume und  individuelle Gestaltungsmög-
       lichkeiten gegen  die Durchsetzung  des Warencharakters ihrer Ar-
       beitskraft zu verteidigen; sie äußern sich in der heftigen Weige-
       rung, die  eigenen Interessen  den Gemeinsamkeiten  der Arbeiter-
       klasse und  der realen  Arbeiterbewegung ein-  (und eben manchmal
       auch unter-)zuordnen.
       Die konkrete Entwicklung der Mittelschichtposition in außerparla-
       mentarischen Bewegungen  wird stark beeinflußt vom Kräfteverhält-
       nis in  den Bewegungen  und von  gesellschaftlich  einflußreichen
       Stimmungen. "Als  Schicht, deren soziale Existenz einem ständigen
       Wechsel unterworfen  ist, werden  auch ihre ideologischen Reflexe
       beständig durch die Richtung dieses Wandels bedingt. Das Festhal-
       ten  an  Ideologien  vergehender  Existenzbedingungen  und  fort-
       schrittliches projektives  Denken sind  daher bei  ihnen, je nach
       gesellschaftlicher Entwicklung,  gleichermaßen anzutreffen."  11)
       Im von  uns betrachteten  Zeitraum ermöglichen die Reformkonzepte
       der Sozialdemokratie  wie die  aktive gesellschaftliche Rolle der
       Arbeiterklasse und  der Gewerkschaftsbewegung,  daß vor  allem in
       Teilen der  jungen Intelligenz radikaldemokratische Einstellungen
       und  auch  sozialistische,  auf  die  Arbeiterklasse  orientierte
       Kräfte einen gewissen Einfluß erhalten.
       Es zeichnet sich schon damals eine weitere Tendenz im Protest aus
       den Mittelschichten  ab. Ihre soziale Perspektive ist im Umbruch,
       materielle und  ideologische Sicherheiten  sind  bedroht;  daraus
       folgt (neben konservativ-reaktionärem Beharren) auch unruhige Su-
       che nach  kollektiver Identität zwischen den Hauptklassen; im Zu-
       sammenhang mit  individualistischen Traditionen und relativ hohem
       Bildungsniveau und Persönlichkeitsanspruch trägt dies die Proble-
       matik der  Klärung und  Behauptung individueller Identität gerade
       in progressive  Bewegungen der Mittelschichten, wie etwa die Stu-
       dentenbewegung, hinein.
       
       3. Bewegungen unter Krisenbedingungen (seit 1974/75)
       ----------------------------------------------------
       
       Ein Blick  auf die Bürgerinitiativen-, Frauen- oder Umweltschutz-
       bewegung läßt  das Moment der Kontinuität in den außerparlamenta-
       rischen Bewegungen der 70er Jahre erkennen. Seit der Ablösung des
       "Reformkanzlers" Brandt  und  dem  Beginn  der  zyklischen  Krise
       1974/75, mit  der tiefgreifenden Auswirkung überzyklischer Fakto-
       ren wie  Strukturkrisen, Energieproblemen,  einer  beschleunigten
       Umsetzung wissenschaftlich-technischen  Fortschritts zur Arbeits-
       einsparung mit dem Ergebnis von Dauerarbeitslosigkeit sind jedoch
       die Rahmenbedingungen  grundlegend verändert,  so daß auch früher
       entstandene Bewegungen  einen neuen  Stellenwert  gewinnen.  Eine
       Schlüsselfunktion für  die Entwicklung hat wiederum die Rolle von
       SPD und  Gewerkschaftsbewegung - allerdings mit entgegen dem vor-
       hergehenden Zyklus umgekehrten Vorzeichen.
       
       3.1 Arbeiterbewegung und Krisenprotest
       --------------------------------------
       
       3.1.1 Zur Rolle der SPD
       -----------------------
       
       Politisches Abbremsen  der Reformansätze  und verstärkter  Ausbau
       großkapitalistischer Machtpositionen  und  Herrschaftsinstrumente
       ("Tendenzwende") waren in der BRD nicht mit einem Wechsel der Re-
       gierungskoalition verbunden;  die veränderte  Kapitalstrategie in
       Reaktion auf die weltweit verschlechterten Verwertungsbedingungen
       ("Stabilitätspolitik") wurde  zur Leitlinie der SPD/FDP-Regierung
       Schmidt/Genscher. Die politische Verantwortung für den Ausbau des
       autoritären "Sicherheitsstaates"  und für sozialen Abbau, für das
       Einfrieren der  Entspannungspolitik und den NATO-Aufrüstungskurs,
       für Atomprogramm  und Schutz  monopolistischer  Umweltzerstörung,
       für Arbeitslosigkeit  und Zukunftsverlust  übernahmen  also  jene
       Kräfte, an  die vor allem Interessen und Hoffnungen auf Friedens-
       politik und mehr Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Lebensqua-
       lität geknüpft worden waren.
       Das wirkte sich bestimmend auf die Entwicklung der außerparlamen-
       tarischen Bewegungen  aus. Mit ihrer praktischen Politik kann die
       SPD grundlegende  soziale und  politische Ansprüche der Arbeiter-
       klasse immer  weniger integrieren, von den skizzierten "neuen Be-
       dürfnissen" ganz zu schweigen. Sie verliert bis in ihre Stammwäh-
       lerschaft unter  den Arbeitern  hinein an  Vertrauen und kann vor
       allem viele  Akteure  der  krisenbedingt  verstärkten  Bewegungen
       nicht mehr in ihrem politischen Anziehungsbereich halten. Die ak-
       tive Umkehr von Reformtendenzen durch genau die Partei, der viele
       Wähler ein  entgegengesetztes Mandat gegeben hatten, stärkt neben
       dem Ausbruch aus den Scheinalternativen des etablierten Drei-Par-
       teien-Systems Prozesse  der Abwendung von der repräsentativen De-
       mokratie überhaupt: Die reale Einflußlosigkeit, das Ausgeliefert-
       sein der Bürger zwischen den Wahlterminen wird zu einem wichtigen
       Ansatzpunkt für Widerstand.
       
       3.1.2 Blockierte Krisenverarbeitung in den Gewerkschaften
       ---------------------------------------------------------
       
       Seit 1974 herrschen für die Gewerkschaftsbewegung mit der auf Um-
       verteilung zielenden  Kapitalstrategie, mit dem Schwinden der so-
       zialpolitischen Manövriermasse,  mit der gezielt zur Disziplinie-
       rung eingesetzten  Massenarbeitslosigkeit neue und wesentlich er-
       schwerte Kampfbedingungen.  Bei der Masse der Angehörigen der Ar-
       beiterklasse wie  der Gewerkschaftsmitglieder laufen spontan sehr
       widersprüchliche Reaktionen  und  Verarbeitungsprozesse  ab.  Die
       Kräfte, die  in den DGB-Gewerkschaften für eine autonome Klassen-
       politik des  Stutzens auf die eigene Kraft eintreten, können zwar
       in gewissen  Bereichen an  Einfluß gewinnen  - sie bestimmen aber
       nicht die gewerkschaftliche Strategie.
       In der  Krise ist selbst der soziale Besitzstand nur zu erhalten,
       wenn man  sich von der Logik der kapitalistischen Wirtschaft löst
       und die  Klasseninteressen kämpferisch  über "Sachzwänge" stellt.
       Diesem Schritt in die politische Konfrontation der Gewerkschafts-
       bewegung mit den Unternehmern als  K l a s s e n g e g n e r  und
       auch mit  der staatlichen  Wirtschaftspolitik im Kapitalinteresse
       stehen nicht nur weiterhin Festlegungen auf das bestehende System
       als Rahmen  gewerkschaftlicher Strategie  entgegen -  die Bindung
       vieler Mitglieder  und Funktionäre  an die  SPD und  damit an die
       Bundesregierung verstärkt diese Blockierungen erheblich. Sie wer-
       den gezielt mobilisiert von jenen Kräften innerhalb und außerhalb
       des DGB,  die mit  allen Mitteln die Durchsetzung autonomer Klas-
       senpolitik verhindern wollen.
       So ist  eine Hauptkraft  außerparlamentarischer Bewegungen in der
       Bundesrepublik, die  Gewerkschaftsbewegung als  Kern  der  ökono-
       misch-sozialen Arbeiterbewegung,  trotz einzelner Vorstöße (1976,
       1978/79) wesentlich  an der  Entfaltung ihrer möglichen Kraft und
       gesellschaftlichen Ausstrahlung  gehindert. Lohn- und Tarifkämpfe
       bleiben auch  bei breiterer  Mobilisierung vor  der Grenze  einer
       prinzipiellen Klassenalternative  als Krisenausweg  stehen -  und
       praktische Profilierung für gesellschaftliche Reformprogramme ist
       in der umrissenen Lage gar nicht zu erwarten.
       
       3.2 Soziale und demokratische Massenbewegungen als Krisenreaktion
       -----------------------------------------------------------------
       
       3.2.1 Bewegungen außerhalb des Produktionsbereichs
       --------------------------------------------------
       
       In vielen  Untersuchungen der  neuen sozialen Bewegungen wird als
       wesentliches Merkmal hervorgehoben, daß sie von Konflikten im Re-
       produktionsbereich ausgehen.  Das ist zu erklären aus dem Aufein-
       andertreffen von  Krisenstruktur (neue  Momente wie  Energie- und
       Ressourcenverknappung verbinden sich mit verschlechterten Verwer-
       tungsbedingungen, die  verstärkte unentgeltliche  Nutzung von Um-
       weltressourcen erzwingen)  und gestiegenen  Bedürfnissen und  An-
       sprüchen im  Bereich allgemeiner Lebensbedingungen. Die Besonder-
       heit der  Entwicklung in  der  Bundesrepublik  seit  der  zweiten
       Hälfte der siebziger Jahre ist damit jedoch noch nicht erfaßt.
       Die anhaltenden Krisenerscheinungen und neue Zuspitzungen wie die
       Bedrohung durch die US-Rüstungs- und Militärpolitik rufen spontan
       die Suche  nach Alternativen und Gegenbewegungen hervor, an denen
       sich Bedürfnisse  nach Widerstand und Ausweg kristallisieren kön-
       nen. Infolge der Blockierungen in der Gewerkschaftsbewegung konn-
       ten betriebliche, tarifliche oder gesellschaftspolitische Ausein-
       andersetzungen diese  Kristallisations- und Orientierungsfunktion
       nicht wahrnehmen.  Sie fiel  vor allem  jenen Bewegungen  zu, die
       (unter Mittelschichtdominanz)  schon seit  der ersten  Hälfte der
       70er Jahre  aktiv waren  und breit wirksame Zeichen des Protestes
       setzten, wie  die Umweltschützer, die autonome Frauenbewegung und
       andere. Seit  1981 hat  die Friedensbewegung diese Funktion eines
       zentralen Sammelpunktes des Widerstandes. 12)
       Die breiten  sozialen  und  demokratischen  Massenbewegungen  der
       letzten Jahre  haben nicht  wenige Angehörige  der Arbeiterklasse
       mobilisiert und  mögen dort sogar die Mehrzahl ihrer Sympathisan-
       ten finden. Darin drückt sich aus, daß konkrete, unmittelbare Ar-
       beiterinteressen an gesunden und erholsamen Umweltbedingungen, an
       Überleben und  Rüstungssenkung aufgenommen  werden. Damit ist al-
       lerdings der  Charakter dieser Bewegungen noch nicht bestimmt. An
       Bewegungen im  Reproduktionsbereich nehmen  Angehörige der Arbei-
       terklasse überwiegend individuell, vereinzelt - nicht als Vertre-
       ter einer  Klassenbewegung -  teil; dies  setzt sie verstärkt der
       Hegemonie von  Mittelschichten aus.  Ausgangs- und  Kernpunkt von
       Kraftentfaltung und  bewußter Klassenbildung in der Arbeiterbewe-
       gung ist  bis heute  die unmittelbare Konfrontation mit dem Klas-
       sengegner, die von der realen Einheit der Lohnarbeiter am gemein-
       samen Arbeitsplatz  in Betrieb  und Büro getragen wird. Erst eine
       hier entwickelte Klassenbewegung ermöglicht etwa den Gewerkschaf-
       ten, zu  einem realen Faktor von Mobilisierung und Einfluß im Re-
       produktionsbereich zu  werden. Es gibt in der Bundesrepublik kaum
       Traditionen, die betrieblich-gewerkschaftliche Kampfkraft und Mo-
       bilisierungsfähigkeit der  Kerngruppen der Arbeiterklasse in Aus-
       einandersetzungen im  Reproduktionsbereich einzubringen - und bis
       auf weiteres muß man annehmen, daß selbst bei einem höheren Stand
       der Kämpfe die Auseinandersetzung um die ökonomische Lage und die
       Arbeitsbedingungen das Zentrum gewerkschaftlicher Kraftentfaltung
       und Selbstverständigung  bleibt und dem eigenständigen Engagement
       im Reproduktionsbereich  Grenzen gesetzt  sind. Hier ist das Feld
       der politischen Organisationen der Arbeiterbewegung.
       Wir müssen  also die  Frage wieder aufnehmen: Wie steht es um das
       Verhältnis von  Mittelschichtinteressen und  proletarischen Klas-
       seninteressen bei  den Bewegungen  im  Reproduktionsbereich?  Von
       seinem Entstehen  an war  vor allem  der Umweltprotest  neben der
       spontanen Anziehung  für Mittelschichtangehörige  intensiven  und
       organisierten politisch-ideologischen  Einflüssen ausgesetzt. Das
       betrifft über  den  linksbürgerlichen  Mediensektor  vervielfacht
       wirksame Ideologen,  in erster  Linie jedoch verschiedene Gruppen
       und Organisationen, die im vorhergehenden Zyklus außerparlamenta-
       rischer Bewegungen (vor allem mit der Studentenbewegung) entstan-
       den, sich  überwiegend aus  der Intelligenz  rekrutierten und  in
       vielen Metamorphosen  nach einer breiteren Basis für ihre politi-
       schen Konzepte  und Führungsansprüche im Gegensatz zur realen Ar-
       beiterbewegung suchten.  Ihnen gelang  es, die  für sie  günstige
       Konstellation in  den Widerstandsbewegungen  im  Reproduktionsbe-
       reich zu  nutzen. 13)  Auf der  Basis von Mittelschichtinteressen
       und -mobilisierung  schufen sie sich Einfluß, der es ihnen jetzt,
       in der  Phase auch sozialer Erweiterung dieser Bewegungen und der
       Funktionsausweitung zum  allgemeinen  Krisenprotest,  ermöglicht,
       eine politisch-ideologische  Führungsrolle in  den Verallgemeine-
       rungsprozessen einzunehmen.  Die Vorherrschaft im weitesten Sinne
       "grüner" und auf einen "Dritten Weg" zwischen SMK und Sozialismus
       orientierter Ideologien ist das Ergebnis.
       Nicht übersehen darf man auch das Wirken konservativer und in der
       oder jener  Weise zum Irrationalismus faschistischer Herkunft und
       Perspektive tendierender  Gruppierungen. Sie  sprechen nicht  nur
       agrarische und  gewerbliche Mittelschichten  an,  sondern  können
       auch Teile  des Protests deklassierter Arbeiterklassengruppen ge-
       winnen.
       Breite gemeinsame Widerstandsaktionen wie die weitgehende Einbin-
       dung in  nichtproletarische Alternativkonzepte  verdecken die la-
       tenten Gegensätze  zwischen proletarischen  und kleinbürgerlichen
       Reproduktionsinteressen. Daß  sie nicht stärker zum Ausdruck kom-
       men, liegt an der geringen Vertretung der Arbeiterbewegung in den
       neuen Bewegungen. Sozialistische Kräfte, die das Klasseninteresse
       an den  allgemeinen Reproduktionsbedingungen  herausarbeiten  und
       zum gegenwärtigen  Interessenbewußtsein der  Lohnarbeiter vermit-
       teln, sind  schwach. Selbst  in der  Friedensbewegung stehen  die
       Verhältnisse nicht prinzipiell anders.
       
       3.2.2 Neue soziale Bewegungen und Arbeiterbewegung
       --------------------------------------------------
       
       Wir fassen im folgenden Protestbewegungen und Massenbewegungen im
       Reproduktionsbereich im  Begriff der  "neuen sozialen Bewegungen"
       zusammen. Das  tun auch  jene Autoren,  die mit marxistischem An-
       spruch diesen  Bewegungen die  historische Nachfolge der soziali-
       stischen  Arbeiterbewegung   (A.  Gorz)   oder   eine   zumindest
       gleichrangige gesellschaftsverändernde  Kraft (J. Hirsch) zuspre-
       chen. Dies  geht nach  unseren Überlegungen  wie nach den prakti-
       schen politischen  Entwicklungen der  letzten Jahre  an der Wirk-
       lichkeit vorbei.
       Kein Marxist  wird die  weitgehende sozialpartnerschaftliche  Be-
       schränkung der  Arbeiterbewegung in  der Bundesrepublik  und  die
       Schwäche ihres  sozialistischen Flügels leugnen - ebensowenig die
       wachsende Bedeutung  von Konflikten  im Reproduktionsbereich  für
       die Befriedigung  der Lebensbedürfnisse der Lohnarbeiter, für die
       Entfaltung sozialer  und politischer  Klassenkämpfe und  für  die
       Entwicklung antimonopolistischer Bündnisse. Diese Perspektive ha-
       ben aber die neuen sozialen Bewegungen nicht - und sie können sie
       auch aus  ihrer inneren  Dynamik nicht gewinnen. Daß in ihnen ein
       Übergewicht der  realen Arbeiterbewegung  fern oder feindlich ge-
       genüberstehender politischer  Kräfte und Ideologien herrscht, daß
       das soziale  Spektrum ihrer  Akteure und auch Sympathisanten (mit
       Ausnahme von  Friedensbewegung  und  Anti-Startbahnbewegung)  nur
       kleine Teile  der aktiven Arbeiterklasse umfaßt, ist kein aufhol-
       barer Entwicklungsrückstand, sondern letztlich Ausdruck und Folge
       der Schwäche  sozialistischer Kräfte  der Arbeiterbewegung in der
       Bundesrepublik.
       Illusion ist auch die Annahme, die Impulse aus den neuen sozialen
       Bewegungen könnten  heute  e n t s c h e i d e n d e  Anstöße für
       eine Stärkung  kämpferisch-autonomer Positionen  in der Arbeiter-
       klasse geben. Alles spricht dafür, daß soziale und politische Ak-
       tivitäten der  Lohnarbeiter  im  Reproduktionsbereich  mit  einer
       klassenstrategischen Orientierung  die Entwicklung  der Kämpfe im
       Kernbereich gewerkschaftlicher  Aufgaben und  das Überwinden  von
       Sozialpartnerschaft und  Ökonomismus   h i e r  zur Voraussetzung
       haben; dann wird die Wechselwirkung mit Konflikten im Reprodukti-
       onsbereich wegen  ihrer politischen  Dimension  die  Bildung  von
       Klassenbewußtsein breit  befördern. Nur über ihre gewerkschaftli-
       chen und  politischen Organisationen  werden die  Angehörigen der
       Arbeiterklasse massenhaft und im bewußten Klasseninteresse Forde-
       rungen im  Reproduktionsbereich vertreten  können -  und nur  bei
       Einsatz ihrer  Kraft in  Betrieben und  Büros werden sie nennens-
       werte Erfolge  erreichen können.  Hierin gründet  doch die  tiefe
       Kluft zwischen den zahlenmäßig gewaltigen Demonstrationen, Basis-
       aktivitäten und  auch Sympathiebekundungen für die Bewegungen ge-
       gen NATO-Raketenbeschluß  und Startbahn 18 West und der Unbeirrt-
       heit, mit  der die herrschenden Kräfte ihren Kurs weiterverfolgen
       - weil  sie die Entfaltung der Kraft der Arbeiterbewegung aus de-
       ren Schlüsselstellung in der gesellschaftlichen Produktion heraus
       gegenwärtig nicht befürchten.
       Mit  diesen  prinzipiellen,  perspektivischen  Überlegungen  soll
       nicht die  Bedeutung der neuen Bewegungen als Moment progressiver
       Entwicklung in  der Bundesrepublik, als Faktor des Einflusses auf
       Arbeiterklasse und  Arbeiterbewegung und auch als produktive Her-
       ausforderung für  neue Überlegungen der Marxisten weggeredet wer-
       den. Selbst  wenn die  gegenwärtige Tendenz, in diesen Bewegungen
       gewerkschaftliche und  soziale Interessenpositionen der Arbeiter-
       klasse anzumelden,  keine Veränderung  ihres bei allen Widersprü-
       chen nichtproletarischen  Charakters erwarten  läßt - auf die mit
       der zunehmenden  Institutionalisierung und politischen Festlegung
       ablaufenden Differenzierungsprozesse können und müssen die Kräfte
       der Arbeiterbewegung Einfluß nehmen; der Hauptweg dieses Einflus-
       ses  wird  allerdings  die  Entwicklung  der  betrieblich/gewerk-
       schaftlichen  Kämpfe   um   Einkommen   und   Arbeitsbedingungen,
       Arbeitsplätze und  Ausbildungsmöglichkeiten,  soziale  Sicherheit
       und Friedenspolitik  sein. Zugespitzt:  Was als Beitrag der neuen
       sozialen Bewegungen  zur Durchsetzung  von Lohnarbeiterinteressen
       und zur Veränderung des Kräfteverhältnisses gegen das Großkapital
       herauskommt, hängt  stärker von  der konsequenten  Entfaltung der
       betrieblich und  national zu  führenden gewerkschaftlichen Kämpfe
       ab als  von der  inneren Dynamik  und  den  Kampferfahrungen  der
       Bewegungen selber.
       Was kann man als Zwischenbilanz der neuen Bewegungen für ihre Ak-
       teure festhalten? Heute lassen sich etwa folgende Entwicklungsli-
       nien erkennen  - grob voneinander abgehoben: Vor allem marginali-
       sierte proletarische  und subproletarische  Gruppen sowie Deklas-
       sierte verschiedener Herkunft bilden einen Treibsatz unterschied-
       lichster Bewegungen;  sie sind zunehmend anfällig für die Instru-
       mentalisierung als  Stoßtrupp des  Neofaschismus. Gruppen aus den
       selbständigen, zum Teil auch aus den lohnabhängigen Mittelschich-
       ten sowie aus der kleinen Bourgeoisie werden reaktionäre, massen-
       feindlich-elitäre Züge  vor allem  des ökologischen  Protests mit
       ihren Eigentümerinteressen verbinden. Gruppen der Mittelschichten
       und bessergestellte  Teile der  Arbeiterklasse tendieren zu einer
       ausgeprägteren reformerischen  Profilierung mit großem Anteil an-
       timonopolistischer Interessen.  Zu fragen ist, ob  s i e  die Po-
       litik der Grünen Partei prägen werden; bei ihnen kann sich durch-
       aus erneut  eine sozialdemokratische Dominanz etwa der Linie Epp-
       ler/Klose mit  entsprechendem Einfluß  in den Gewerkschaften her-
       ausbilden.
       Schließlich zeigen  sich stärkere  Tendenzen einer  Aufnahme  der
       Protestimpulse im antikapitalistischen gewerkschaftlichen und Ar-
       beiterklassenmilieu, vor  allem unter qualifizierten jüngeren Ak-
       tivisten mit  oft ausgeprägt oppositioneller Haltung zur dominie-
       renden Linie  und Aktionsform in den Gewerkschaften. Vor allem in
       den beiden  letzten Strömungen  zeichnen sich  "Scharniergruppen"
       zwischen den  neuen Bewegungen und der Arbeiterbewegung ab. Neben
       den sozialistischen  Kräften sind sie es, die in den Klassenorga-
       nisationen das Verständnis für die Vereinbarkeit ihrer Interessen
       mit vielen  Anliegen der neuen sozialen Bewegungen fördern und im
       Kern der Arbeiterbewegung die Öffnung zu den "neuen" Bedürfnissen
       und Ansprüchen vorantreiben können.
       Zieht man die Parallele zum vorangegangenen Zyklus außerparlamen-
       tarischer Bewegungen,  so scheint  folgende Entwicklung  möglich:
       Gegenwärtig sammeln  und stärken  sich in  der Arbeiterklasse die
       Momente der  neuen  Reproduktions-  und  Persönlichkeitsansprüche
       (durch den  Nachwuchs der Klasse, durch die Ausstrahlung der Jün-
       geren auf  ihre Eltern,  durch das  Wirken  der  genannten  Kader
       usw.). Sie  werden eine  höhere  Qualität  gewinnen  im  nächsten
       Kampfzyklus der  Arbeiterbewegung, sich an "alte" ökonomische und
       soziale Forderungen  anlagern und  ihnen  zusätzliche  Triebkraft
       verleihen; schließlich  können sie bei einer relativen Erleichte-
       rung des  ökonomisch-sozialen  Krisendrucks  im  wirtschaftlichen
       Aufschwung wieder selbständiges Gewicht erlangen.
       Und bis dahin? Mündet der Hauptstrom der mit den neuen Bewegungen
       verbundenen Suche nach grundlegenden Alternativen zunächst wieder
       in die  grün und bunt herausgeputzten Kanäle des herrschenden po-
       litischen Systems  ein? Zumindest  mittelfristig scheint mir eine
       parlamentarische Austrocknung  der neuen  Bewegungen nicht  wahr-
       scheinlich. In ihren Interessengrundlagen und im herausgebildeten
       Anspruch  auf    s e l b s t t ä t i g e    Interessenwahrnehmung
       statt ihrer Delegation sehe ich eine gewisse Voraussetzung dafür,
       daß es auch in den kommenden Jahren einen wichtigen Strang außer-
       parlamentarischer Bewegungen  neben  der  Arbeiterbewegung  geben
       wird.
       Die neuen  sozialen Bewegungen sind durch ihre Verankerung in der
       jungen Generation  eine einflußreiche  "Schule politischer Praxis
       und Kultur".  Im Vergleich  zu Studentenbewegung und APO der end-
       sechziger Jahre  reicht ihre Ausstrahlung weiter in den Nachwuchs
       der Arbeiterklasse  hinein. Damit wird die Dimension "produktiver
       Herausforderung" deutlich,  die sie für alle politischen Strömun-
       gen der Arbeiterbewegung bilden muß.
       Wir müssen hier die politisch-ideologische Analyse erweitern. Sie
       allein kann nicht erklären, wieso derart stark von den lohnabhän-
       gigen Mittelschichten ausgehende und bestimmte Bewegungen Massen-
       charakter bis in die Arbeiterklasse hinein und eine solche Stabi-
       lität erreichten,  daß sie allem Anschein nach für den ersten er-
       folgreichen Versuch  einer Aufsprengung  des  etablierten  Bonner
       Parteienkartells genutzt werden können. Sie kann diese Bewegungen
       auch nicht  als Anzeiger und aktives Moment in der Bedürfnis- und
       Anspruchsentwicklung aller  lohnabhängigen Schichten und damit in
       ihrer langfristigen  Bedeutung für  die weitere  Entwicklung  der
       Klassenauseinandersetzungen und für die Perspektive der Arbeiter-
       bewegung erfassen.  Dazu einige  Thesen. Die objektive Annäherung
       der Lebenslage  zwischen wichtigen  Teilen der Arbeiterklasse und
       der lohnabhängigen Mittelschichten ist die Grundlage für eine An-
       näherung  von   Reproduktions-  und  Persönlichkeitsbedürfnissen.
       Heute können  Impulse und Bewegungen aus den Mittelschichten, die
       diese Bedürfnisse von  i h r e n  Interessen und kulturellen Tra-
       ditionen her zum Gegenstand von Forderungen machen, auf Widerhall
       in wichtigen  Teilen der Arbeiterklasse rechnen. Diese Bewegungen
       und das mit ihnen verbundene soziale und kulturelle Milieu werden
       damit zu realen Faktoren der Bedürfnisentwicklung und der Bildung
       des Klassenwillens  in der  Arbeiterklasse. "Je mehr... die soge-
       nannten Reproduktionsbereiche  für die Lebens- und Existenzbedin-
       gungen der  Arbeiterklasse und  generell für  die Gesellschaft an
       Bedeutung gewinnen...,  desto weniger  erfolgt die  Herausbildung
       entsprechender Interessen  in einem reinen Arbeiterklassenmilieu,
       sondern in  einem nichtmonopolistischen sozialstrukturellen Spek-
       trum." 14)  Sich auf hier herausgebildete Bedürfnisse und Ansprü-
       che positiv  zu beziehen, meint nicht, sie unkritisch zu überneh-
       men, sondern  sie   a u c h   als erste Ausprägung tiefgreifender
       Veränderungen zu sehen, die zunehmend die Arbeiterklasse erfassen
       und auf  die die  bewußtesten Kräfte  im Gesamtinteresse  Einfluß
       nehmen, denen sie aber auch Rechnung tragen müssen.
       
       4. Zu einigen ideologischen und kulturellen Entwicklungen
       ---------------------------------------------------------
       in den neuen sozialen Bewegungen
       --------------------------------
       
       Unter dieser  Hauptfragestellung sind  die folgenden,  in  vielem
       noch unzulänglichen Überlegungen zu lesen. Ihr Mangel besteht vor
       allem darin,  daß neue  Tendenzen im  Milieu der Arbeiterbewegung
       nicht aufgearbeitet  werden; damit  fehlt der  praktische Maßstab
       für die  Einschätzung von Entwicklungen in den neuen sozialen Be-
       wegungen, manches  bleibt beschreibend. Es soll zunächst die Ver-
       mittlung von  Einstellungen aus den Protestbewegungen in die Mas-
       senbewegungen  mit  Reproduktionsforderungen  untersucht  werden.
       Dann werden  Ansprüche im Milieu der neuen Bewegungen auf Tenden-
       zen zu  einem "kulturellen  Bruch" geprüft, ihre Umsetzung in der
       politischen Kultur dieser Bewegungen verfolgt und zum Schluß nach
       "kulturellen Barrieren" zwischen ihnen und der realen Arbeiterbe-
       wegung der Bundesrepublik gefragt.
       
       4.1 Soziale Massenbewegungen und Krisenprotest
       ----------------------------------------------
       
       Die vielfältigen Beziehungen und Übergänge hinsichtlich Akteuren,
       Aktionsformen und  Selbstverständnis zwischen  den in Abschnitt 1
       unterschiedenen Massenbewegungen  und den eigentlichen Bewegungen
       des Kristenprotests  und der  Identitätssuche (im  folgenden  der
       Einfachheit halber als Protestbewegungen zusammengefaßt) sind of-
       fensichtlich und  nicht zufällig.  Sie werden hier verstanden als
       qualitative Abstufungen  in einem  Kontinuum der  Veränderung von
       Bedürfnissen und  Ansprüchen, das  bis weit in jene Teile der Ar-
       beiterklasse hineinreicht,  die den  neuen Bewegungen distanziert
       gegenüberstehen. Bei  den engagierten Sympathisanten und Akteuren
       der neuen Bewegungen sind infolge ihrer Jugend und höheren Quali-
       fikation die  Persönlichkeitsansprüche stärker  ausgeprägt; damit
       sind sie empfindsamer für Auswirkungen und Bedrohungen imperiali-
       stischer Krisenprozesse. Diese Tendenzen sind in den Protestbewe-
       gungen noch  weiter  radikalisiert:  Krisenerfahrungen  verbinden
       sich mit mittelschichtspezifischen Tendenzen der Identitätsbedro-
       hung und Identitätssuche und bewirken einen tiefen Bruch zwischen
       individueller Lebensperspektive  und herrschenden Werten, Lebens-
       formen und politischen Mechanismen.
       Es sei  gleich hier  eine grundsätzliche Bemerkung angeschlossen,
       die bei den folgenden Ausführungen mit zu bedenken ist. Die skiz-
       zierten Tendenzen der Distanzierung von Basiskonsens, Konsumismus
       und parlamentarischem  Repräsentativsystem geraten  sofort  unter
       den Einfluß  unterschiedlicher politisch-ideologischer Kräfte. Es
       überwiegen kleinbürgerliche und stark individualistische Alterna-
       tivkonzepte, und  aus der Entwicklung zwischen 1900 und 1933 kann
       man lernen, daß auch von radikaler Zivilisationskritik, Lebensre-
       form und antiparlamentaristischem Aktivismus breite Wege zu reak-
       tionären und faschistischen "Bewegungen" führen, wenn der Einfluß
       der Arbeiterbewegung  hier nicht  wirkt. Aber auch umgekehrt: Von
       hier aus  können Wege zur revolutionären Arbeiterbewegung führen,
       allerdings nicht im Selbstlauf.
       Die folgende  Skizze arbeitet Einstellungen und Haltungen heraus,
       die noch  offen sind für unterschiedliche politische Orientierun-
       gen. Damit  soll nicht der Eindruck erweckt werden, daß im Milieu
       der heutigen Protestbewegungen und ihres Einflußbereichs noch der
       Zustand der Offenheit und Unbeflecktheit herrsche - das Gegenteil
       ist der  Fall. Wenn  aber die  These vom durchgängigen Bedürfnis-
       und Anspruchswandel  und der  allgemeinen Krisenbetroffenheit zu-
       trifft, werden sich vor allem bei den jüngeren Gruppen der Arbei-
       terklasse immer wieder derartige Tendenzen finden, die die bewuß-
       ten Kräfte  in Übereinstimmung  mit den Klasseninteressen und auf
       der Basis  gemeinsamer Praxis weiterentwickeln können und müssen.
       15) Die  These ist  also, daß  die im  folgenden typisierend rein
       herausgearbeiteten Haltungen  in  vielfältiger  Abschwächung  und
       Vermischung auch in die Arbeiterklasse hinein sich ausbreiten.
       
       4.1.1 Zur Infrastruktur der Protestbewegungen
       ---------------------------------------------
       
       Der Einfluß  von letztlich  kleinbürgerlichen Positionen  in  den
       neuen sozialen Bewegungen beruht auch auf ihrer Durchdringung mit
       den Bewegungen  des Krisenprotests  und der  Identitätssuche, die
       eine relativ entwickelte Infrastruktur besitzen (die "Szene") und
       damit einen  gewichtigen und wirksamen Einflußfaktor im Gesamtmi-
       lieu der  Bewegungen bilden. Auch die verschiedenen politisch mo-
       tivierten Gruppen  bis zu  den grünen  und alternativen  Parteien
       nutzen Medien  und Kommunikationszusammenhänge der Krisenprotest-
       bewegungen als ideologisch-organisatorisches Hinterland und Mobi-
       lisierungsbasis. Daher ein kurzer Blick auf einige Daten und Fak-
       ten.
       Für die außerhalb politischer und gewerkschaftlicher Organisatio-
       nen formierte  Frauenbewegung kann die Auflage der beiden größten
       überregionalen Zeitschriften  mit etwa  200 000 (1978)  einen An-
       haltspunkt geben,  16) außerdem die Schätzung von etwa 10 000 bis
       15 000 Frauengesprächsgruppen  mit je zwischen 10  20 Beteiligten
       (1978). 17)  Unübersichtlicher ist  die im weiteren Sinn alterna-
       tive Szene.  Ihre regelmäßig erscheinenden größeren Blätter haben
       eine monatliche  Auflage von  etwa 1,4 Mio. (ohne die angeführten
       Frauenzeitschriften); 18)  hinzu kommen  für 1980 kleinere lokale
       Blätter mit ca. 400 000 verkauften Exemplaren pro Monat sowie un-
       regelmäßig erscheinende Erzeugnisse mit einer geschätzten Gesamt-
       auflage von rund 180 000 Stück. 19)
       Mit einem gewissen Vorbehalt gegenüber den Zahlen seien hier noch
       die Angaben von Huber aufgenommen, der für das Ende der siebziger
       Jahre 11500  alternative Projekte (von ländlichen und handwerkli-
       chen Kooperativen  über Läden,  Verlage und  Zeitschriften bis zu
       Initiativen für  soziale Hilfe und Betreuung) mit rund 80 000 di-
       rekt Engagierten  schätzt 20) und auf ca. 30 000 Wohngemeinschaf-
       ten mit  100- bis 150 000 Beteiligten verweist, 21) von denen ein
       bedeutender Anteil  zur Infrastruktur  der  Protestbewegungen  zu
       rechnen  ist.  Unter  dem  Gesichtspunkt  der  Verbreitung  grün/
       ökologistischer  Theorien  sind  auch  die  Bürgerinitiativen  im
       Umweltschutzbereich zu  bedenken, für  die Karl  zwischen 150 000
       und 200 000 Aktive zählt. 22)
       
       4.1.2 Generationslinien
       -----------------------
       
       Mit der  ideologischen Ausstrahlung  der Umweltschutz-Initiativen
       ist schon eine der Linien angesprochen, entlang derer Einflußbah-
       nen aus  dem Mittelschichtprotest quer zu den sozialstrukturellen
       Differenzierungen in die sozialen Bewegungen und in Teile der Ar-
       beiterklasse hinein  verlaufen. Die wichtigste dieser Linien wird
       sicher durch  objektive und subjektive Generationsgemeinsamkeiten
       gebildet. Wir  haben auf  dieses Moment  schon in  den Bewegungen
       nach 1966 hingewiesen; für die Entwicklung seit der Krise 1974/75
       ist es noch weitaus bedeutsamer.
       Die neuen  sozialen Bewegungen  - vor  allem die mit ausgeprägtem
       Protestcharakter -  erhalten wesentliche  Schubkraft aus der Mas-
       senerfahrung des  Bruchs zwischen  individuellen Lebensplänen und
       -ansprüchen und den Perspektiven der Gesellschaft. Während in den
       mittleren und  älteren Jahrgängen der Verlust realer Sicherheiten
       und die  Erschütterung von  Erwartungen widersprüchlich  und  zäh
       verarbeitet werden,  machen die  jüngsten Akteure  der Bewegungen
       schon seit  fast zehn Jahren die Erfahrung des alltäglichen Kapi-
       talismus als Einschränkung, Abbau, Vernichtung von Lebenschancen.
       Die unmittelbare persönliche Betroffenheit sensibilisiert für na-
       tionale und  globale Krisenprozesse  und rückt sie in den Vorder-
       grund des  Weltbildes: Ökologische Zerstörungen, die Parallelität
       von Hunger  und Nahrungsmittelvernichtung,  der Rüstungswahnsinn,
       Langzeitrisiken und  aktuelle Gefahren  wirtschaftlicher  Nutzung
       der Kernenergie.  Hierin verdichtet sich das Bild einer Welt, die
       scheinbar blind  und doch  zielstrebig der  Selbstzerstörung  der
       Menschheit entgegentaumelt; in diesen Erscheinungen und Projekten
       symbolisiert sich geradezu der Umschlag von Profit- und Machtgier
       in totale  Widervernunft -  sie werden daher zu Kristallisations-
       punkten des Widerstandes.
       Ganz augenscheinlich  kommen die Akteure und Aktivisten der neuen
       Bewegungen 23) in ihrer Masse aus dem Kreis der unter 35jährigen.
       Zwar ist  der krisenhafte und krisenverschuldete Bruch in den Le-
       benserwartungen weder  die Erfahrung  aller in diesen Jahrgängen,
       noch ist er auf sie beschränkt; offensichtlich ist jedoch gleich-
       falls, daß  längst nicht alle von Arbeitslosigkeit, Dequalifizie-
       rung, Diskriminierung  Betroffenen in  die Bewegungen  einbezogen
       sind, geschweige,  daß sie zu ihren Aktiven gehören. Es sind also
       die subjektiven  Voraussetzungen näher  zu bestimmen, unter denen
       diese Erfahrungen  in Richtung eines Bruchs mit der vorgefundenen
       Ordnung verarbeitet werden.
       Dabei ist  die Ablösung  der Generationen bedeutsam. Grundlegende
       Wahrnehmungsund Handlungsmuster  gegenüber gesellschaftlich-poli-
       tischen Erfahrungen  und Ereignissen  bilden sich relativ früh in
       der Biographie heraus und gewinnen beachtliche Festigkeit. Wer 25
       Jahre andauernde  Verbesserung von  Lebensbedingungen erlebt hat,
       wird mit  großer Wahrscheinlichkeit  auch mehrjährige Krisenperi-
       oden als  Ausnahme auffassen,  nach den Linien von Normalität und
       ruhiger Weiterentwicklung  suchen und sein Verhalten entsprechend
       ausrichten. Insofern  ist der Generationswechsel ein sozialer Ort
       der schnelleren und heute in gewisser Weise eher wirklichkeitsan-
       gemessenen Verarbeitung der Krisen des internationalen imperiali-
       stischen Systems.  Das betrifft vor allem die Jahrgänge, die nach
       erster Erschütterung der BRD-Perspektive voll auf die sozialdemo-
       kratische Reformstrategie  setzten und  nun deren  Scheitern  als
       solches zur  Kenntnis nehmen,  da auch persönliche Hoffnungen und
       Erwartungen davon  betroffen sind;  und es umfaßt die eigentliche
       "Krisengeneration", deren  Weltbild überwiegend  von krisenhaften
       Abwärtsbewegungen und Erschütterungen geprägt ist.
       Die Jüngeren wurden noch nicht so stark auf den Basiskonsens ein-
       geschworen, viele  von ihnen  hatten schon am Ende der 60er Jahre
       Kontakt mit außerparlamentarischen Bewegungen. Bis heute heißt in
       der Bundesrepublik "jünger" gleichzeitig: im Schnitt länger schu-
       lisch und  beruflich ausgebildet.  Es bedeutet  auch: mit höheren
       Ansprüchen auf  persönliche Entfaltung und mit größerer individu-
       eller Handlungsfähigkeit ausgestattet.
       Allgemein hat  sich bis  weit in den Nachwuchs der Arbeiterklasse
       hinein das  soziale und  individuelle Gewicht der Jugendphase und
       der in ihr entwickelten Lebensansprüche erhöht: Späterer Eintritt
       in den Beruf verbindet sich mit höheren sozial-kulturellen Kompe-
       tenzen und bisher unbekannter materieller Absicherung durch Fami-
       lie, staatliche Leistungen und flexible Erwerbsmöglichkeiten. Un-
       ter diesen Bedingungen entwickelte und praktizierte Vorstellungen
       eines befriedigenden  und sinnvollen  Lebens werden auch das Ver-
       halten als "Erwachsene" stärker prägen. 24)
       Erfahrungen und  Gefühle  von  Angst  und  Endzeit,  "Beton"  und
       "Packeis", Sinnlosigkeit  und unmittelbarem Verlangen nach "Leben
       jetzt!" bestimmen  über weite Strecken die Milieus der Jugendkul-
       tur, prägen  Musik und Sprüche, Lektüre und Unterhaltungen, Spra-
       che und  Auftreten. Die  relative Abgegrenztheit der Orte und Me-
       dien der  Jugendkulturen (Schulen  und Jugendzentren, Szene-Knei-
       pen, Kinos  und Discos,  Konzerte und Cliquen) und das stark über
       symbolische Gemeinsamkeiten  und Abgrenzungen  vermittelte Zusam-
       mengehörigkeitsgefühl Jugendlicher schaffen einen wirksamen Reso-
       nanzboden für  solche Grundstimmungen - ihre Umsetzung im indivi-
       duellen Lebensentwurf  und in  der eigenen Praxis ist jedoch ent-
       scheidend bestimmt  durch klassen-  und  schichtspezifische  Deu-
       tungs- und Handlungsmuster.
       Der Protest  aus dem proletarischen (und zum Teil schon subprole-
       tarischen) Milieu scheint stark geprägt durch Züge spontaner Auf-
       lehnung, Verweigerung,  Rebellion, durch  explosive Ausbrüche von
       Wut und  Verzweiflung; Tendenzen  der Abwehr von "Politik" können
       umschlagen in  Aktivität gegen  Institutionen und  Vertreter  des
       verhaßten "Systems",  vor allem des Staates. Hier wirken sich die
       Schwäche der  sozialistischen Kräfte und die fehlende Perspektive
       betrieblicher  und  gewerkschaftlicher  Kämpfe  als  Krisenausweg
       ebenso aus  wie Entwicklungsschwierigkeiten  für eine mit der Ar-
       beiterbewegung verbundene  Arbeitslosenbewegung. 25)  Das  Fehlen
       einer Klassenposition  angesichts der  Krise betrifft ebenso jene
       Jugendlichen aus  der Arbeiterklasse,  die weiterführende Schulen
       besuchen. Hier  scheint in  großem Maße  Mittelschichteinfluß auf
       die Arbeiterklassengruppen  in den  neuen Bewegungen,  aber  auch
       darüber hinaus umgesetzt zu werden.
       Die Bedeutung des Generationsmoments in den neuen Bewegungen wird
       schlagend deutlich, wenn man auf das Wählerpotential Grüner, Bun-
       ter und  Alternativer Listen  schaut. Sie  können gegenwärtig bis
       zur Bundesebene  hinauf sicher  sein, die 5%-Hürde zu überwinden,
       und erreichen in Gebieten mit entwickelten örtlichen Protestbewe-
       gungen bis  zu 15  und 20%  der Stimmen.  Deutlich mehr  als  die
       Hälfte ihrer Wähler sind im Alter bis zu 30 Jahren. Ihr Anteil an
       den Wählern zwischen 18 und 25 Jahren schwankt in städtischen Ge-
       bieten zwischen einem Fünftel und einem Drittel, mancherorts sind
       sie unter diesen Jahrgängen die stärkste Partei. Die Kreuzung von
       Generations- und Klassenlinien ist andeutungsweise zu erkennen im
       Ergebnis einer  bundesweiten Jugenduntersuchung  mit  der  Frage,
       welche Partei  einem "alles in allem genommen am nächsten" stehe.
       26)
       
       Tab.:
       Parteipräferenzenjugendlicher in  der BRD  1981  nach  Alter  und
       Schulabschluß (in %)
       
               Gesamt       Alter       Schulabschluß (erreicht bzw.
                                        angestrebt)
                                        Hauptschule Realschule Gymnasium
                      15-17 18-20 21-24
       
       CDU/CSU  18     17    17    20       19         16         18
       SPD      24     18    27    26       27         25         17
       FDP       6      4     5     7        4          6          8
       Grüne/Alter-
       native   20     16    22    23       15         22         29
       Keine    32     44    28    23       35         29         28
       _____
       Quelle: Jugend  '81, Studie  im Auftrag des Jugendwerks der Deut-
       schen Shell, Hamburg 1981, Bd. 3, S. 100, Tab. 22.16
       
       Die Mehrzahl  der Grünen  Listen (die je nach Region recht unter-
       schiedlich profiliert  sind) ist im Mittelschichtmilieu über- und
       im Arbeitermilieu  unterrepräsentiert. Man  sollte ihre  mögliche
       Reichweite in die Arbeiterklasse hinein aber nicht unterschätzen,
       wenn sie  deutlich soziale Probleme aufgreifen. So sind unter den
       Wählern der  "Alternativen Liste" in Westberlin Arbeiter durchaus
       entsprechend ihrem  Anteil an der Bevölkerung vertreten (darunter
       überdurchschnittlich viele jüngere und hochqualifizierte). 27)
       
       4.1.3 Die Geschlechterfrage
       ---------------------------
       
       Die Bedeutung  gewachsener Ansprüche  auf persönliche  Entfaltung
       als neues  Motiv breiter  Bewegungen ist  mit am deutlichsten er-
       kennbar in  der Ausstrahlung  der autonomen  Frauenbewegung. Auch
       sie bildet  eine Schiene  zum Transport  von Auffassungen aus den
       lohnabhängigen Mittelschichten  gerade in aktive und aktivierbare
       Gruppen der  Arbeiterklasse. Damit werden die schon genannten Ab-
       grenzungslinien der  neuen Bewegungen (Alter/Generation, Qualifi-
       kation, Schichtzugehörigkeit,  enttäuschte Reformhoffnungen) noch
       einmal durch das Merkmal Geschlecht überlagert - Ausdruck der re-
       alen Benachteiligung  und Diskriminierung  der Frauen in der Bun-
       desrepublik. Der Wertwandel der letzten 20 Jahre förderte Tenden-
       zen einer  positiven Bewertung  der Frauenemanzipation  und  fand
       seinen politischen Niederschlag in Reformprojekten der ersten so-
       zialliberalen Regierungen.  Die Bewegung zum beruflichen Aufstieg
       von Frauen  aufgrund verbesserter  Qualifikationen  geriet  unter
       Krisendruck; gesteigerte  Konkurrenz verstärkte geschlechtsspezi-
       fische Diskriminierung  weiblicher Arbeitskräfte.  Auch hier also
       wieder abgebrochene  und vom Verlust des Erreichten bedrohte Auf-
       stiegs- und  Entfaltungsprozesse als  Auslöser für  Sensibilisie-
       rung, Widerstand und Suche nach Alternativen.
       So ist  nicht verwunderlich,  daß zu  dem wesentlich  "Neuen" der
       letzten Jahre die (verglichen mit früheren außerparlamentarischen
       Bewegungen) überaus  hohe Aktivität  von Frauen  gehört.  Sozial-
       strukturelle Differenzierungslinien  verlaufen  in  erster  Linie
       zwischen der autonomen, weitgehend von den lohnabhängigen Mittel-
       schichten getragenen  und der (in sich wiederum farbigen) auf die
       Arbeiterbewegung orientierten  bzw. zu ihr gehörenden Frauenbewe-
       gung; letztere  hat von den Feministinnen wesentliche Impulse für
       Selbstverständnis und Praxis erfahren, sie jedoch im Sinn der Er-
       weiterung und  "Aufladung", nicht der Aufgabe grundlegender sozi-
       aler Gleichstellungsforderungen  aus der  Perspektive der lohnab-
       hängigen Frauen  verarbeitet. Auch hier wieder die kennzeichnende
       Struktur im Verhältnis verschiedener Kräfte: Anstöße für breitere
       Massenbewegungen, in  denen unmittelbare proletarische Interessen
       aufgenommen werden (§ 218), gehen von nichtproletarischen Gruppen
       aus und  mobilisieren auch  in der  dementsprechenden Färbung und
       Argumentation breit,  da sie gewandelte Bedürfnisse und Ansprüche
       auch der  Arbeiterklasse artikulieren;  in den Bewegungen stärken
       sich dann Kräfte mit Interessenbezug auf die Arbeiterbewegung. Es
       bleibt jedoch bei der Selbständigkeit und weiten Ausstrahlung au-
       tonomer Gruppen,  während und  weil die Aufnahme neuer Interessen
       und Ansprüche  in den großen, sozialdemokratisch beherrschten Or-
       ganisationen der  Arbeiterbewegung blockiert und auf Minderheiten
       beschränkt bleibt.
       
       4.2 "Identitätssuche" und "kultureller Bruch"? - Zu Bedürfnissen,
       -----------------------------------------------------------------
       Ansprüchen und Gesellschaftsbildern im Milieu der neuen sozialen
       ----------------------------------------------------------------
       Bewegungen
       ----------
       
       Wir haben  bisher beim Blick auf subjektive Triebkräfte unter den
       Akteuren der  neuen Bewegungen  die Brüche zwischen individuellen
       Lebensentwürfen und gesellschaftlicher Perspektive herausgehoben.
       Gerade die Frauenbewegung zeigt, daß damit eine Tendenz zur Suche
       nach neuer individueller und kollektiver Identität verbunden ist.
       28) Auch  auf dieser Ebene krisenhafter Verunsicherung gelingt es
       der Arbeiterbewegung  heute kaum,  Schwächungen des  herrschenden
       Hegemonialsystems durch die Anziehungskraft einer Klassenalterna-
       tive zu nutzen.
       Die Niederlage der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus aufgrund
       ihrer Spaltung,  die Ermordung zigtausender Kader, die massenhaf-
       ten biographischen  Brüche während  12 Jahren Naziherrschaft, er-
       neute Spaltung der Arbeiterbewegung nach 1945 und Scheitern ihrer
       Neuordnungsversuche haben  das kollektive  Selbstverständnis, die
       kollektive Identität  29) der  bundesdeutschen Arbeiterklasse und
       ihrer Massenorganisationen zutiefst getroffen. Weithin zerbrochen
       und verschüttet wurde das Selbstbewußtsein als kollektiv aufstei-
       gende und  die alte  bürgerliche Gesellschaft  radikal umwälzende
       Klasse; an  die Stelle  traten  die  Einordnung  als  unaufhebbar
       schwächere und  beherrschte Klasse in ein dichotomisches Weltbild
       sowie in der rechtssozialdemokratischen Ideologie die Selbstdefi-
       nition   i n n e r h a l b  der bürgerlichen Gesellschaft als un-
       ersetzlicher und reformierender Träger der sozialpartnerschaftli-
       chen Ordnung;  an   i n d i v i d u e l l e r   I d e n t i t ä t
       a l s  L o h n a r b e i t e r  war daraus positiv allenfalls ab-
       zuleiten die  Selbstbestätigung aus dem eigenen Beitrag zum wirt-
       schaftlichen Wachstum als dem Garanten kontinuierlicher Verbesse-
       rung der allgemeinen und individuellen Lebensverhältnisse - ihren
       Ausdruck fand sie in der Hochschätzung zuverlässiger Qualitätsar-
       beit und des erreichten individuellen Konsums.
       Die Identität  autonomer, radikal  antibürgerlicher Kampfbewegung
       für eine neue Welt wurde nur noch bei Minderheiten gelebt. Gab es
       im Jahrfünft  der Reformen  wieder eine Verstärkung von Selbstbe-
       wußtsein und Ausstrahlung der Arbeiterbewegung als möglichem Sub-
       jekt gesellschaftlichen Wandels, so ist seit Krisenbeginn 1974/75
       das Konzept der "Sozialpartnerschaft auf schmälerer Basis" zuneh-
       mend straff durchgesetzt worden. 30) Da mit der kollektiven Iden-
       tität zumeist  auch die individuelle Orientierung auf radikal an-
       tikapitalistische Arbeiterpolitik aufgegeben wurde, gab es bisher
       auch "von  unten", über  die Kommunikation  im Alltag  und in den
       neuen Bewegungen  wenig Impulse für ein Aufgreifen der Protestak-
       tionen und  -motive in  überzeugenden proletarischen Konzeptionen
       des Kampfes  um eine  andere Gesellschaft;  Generationsbruch  und
       -konflikt können  gleichfalls die  Weitergabe klassenmäßiger Hal-
       tungen und Einsichten Älterer im Arbeiterklassenmilieu hemmen.
       In dieser  Situation treten  an die Stelle geschwächter ideologi-
       scher Bindungen sofort bürgerliche Kriseninterpretationen und Lö-
       sungsvorschläge; im  Milieu der  neuen sozialen  Bewegungen  sind
       dies vor  allem individualistische  und ökologistische  Konzepte.
       Dies bedenkend, sollen hier einige der Brüche mit der bestehenden
       Ordnung genauer betrachtet werden.
       Man erwartet nicht mehr, die eigenen Lebensansprüche durch Anpas-
       sung an  das bestehende gesellschaftliche System zu verwirklichen
       (das läßt  sowohl den  Versuch offen,  sie außerhalb in einer Art
       Koexistenz als alternative Subkultur zu sichern, wie den Kampf um
       Änderungen). Diese Tendenz hat zwei Seiten. Das System kann nicht
       mehr geben,  was es aus der Sicht der Mehrzahl der Lohnabhängigen
       lange Zeit  bot: das relativ glatte Erringen eines relativ siche-
       ren Platzes im Beruf, der die relativ feste Basis für ein relativ
       befriedigendes Privatleben  bildete. Zugleich  wird zunehmend ein
       Anspruch auf sinnvolles, erfülltes, Betätigung und Entfaltung der
       eigenen Persönlichkeit  ermöglichendes Leben  erhoben -  das kann
       das imperialistische  System selbst  in Prosperitätsperioden  der
       Masse der  Werktätigen nicht  sichern. Die  Verbindung der beiden
       Seiten macht gerade ihre Brisanz aus; sie kann auch die Verteidi-
       gung  einzelner   materieller   und   sozialer   Errungenschaften
       "aufladen" mit dem Willen zur Selbstbehauptung, mit der Kraft der
       Persönlichkeitsansprüche, die  ja vor allem in der Arbeiterklasse
       nur auf  der  Grundlage  sozialer  Existenzsicherung  anzustreben
       sind. Der  Kriseneffekt entsteht  nicht einfach aus der Tatsache,
       daß die  Differenz zwischen  einzelnen Bedürfnissen und Befriedi-
       gungen sich  vergrößert; Widerstand  ist wahrscheinlicher bei der
       perspektivischen Einschätzung, daß das Zurückstecken berechtigter
       Ansprüche nicht  Ausnahme ist, sondern Existenzprinzip des ganzen
       Lebens als  Lohnarbeiter. Aus  dieser Sicht  kann sich  dann eine
       Einzelfrage mit großer Sprengkraft aufladen.
       Wachsender individueller Wohlstand und eine Konzentration von Le-
       bensansprüchen auf  Freizeit und  Familie konnten für die Genera-
       tionen, deren  Bezugspunkt Zusammenbruch und Nachkriegselend bil-
       deten, bei  allen empfundenen  Leerstellen noch  die Gesamtbilanz
       eines durch eigene Leistung bewältigten und gelungenen Lebens be-
       gründen. Dieser Lebensstil und die ihm zugrunde liegenden Wertun-
       gen sind  vor allem durch die Krisenentwicklung der letzten Jahre
       denunziert - nicht allein bei der Krisengeneration: Diese Lebens-
       weise ist die subjektive Kehrseite der als zerstörerisch erfahre-
       nen Wachstumspolitik;  sie ist nur unter großen Opfern an Lebens-
       zeit und  -kraft zu erreichen und letztlich doch im Falle von Ar-
       beitslosigkeit und Minderverdienst nicht zu halten; sie kann kei-
       nen Lebensinhalt, keinen Lebenssinn bieten.
       Der Bruch  mit der Bindung der eigenen Identität an das Konsumni-
       veau bewirkt auch eine Schwächung des gegenwärtigen Hegemonialsy-
       stems. Wer  Selbstwert und gesellschaftliche Anerkennung nur über
       ständige Erweiterung  und Demonstration  eines hohen  Lebensstan-
       dards bestätigen  kann, der wird äußerst abhängig vom Unternehmer
       und von  Nebenverdienstmöglichkeiten, der entwickelt mit dem müh-
       sam erworbenen  kleinen Besitz nicht selten Eigentümermentalität,
       für den  ist die  Wahrnehmung von Interessen über den kollektiven
       Lohnkampf hinaus  eingeschränkt durch  das Risiko, seinen Konsum-
       standard aufs Spiel zu setzen.
       Tendenzen zu  Konsumverzicht und Asketismus in den neuen Bewegun-
       gen werden  von den  bürgerlichen Medien groß herausgestellt. Sie
       sind jedoch  nicht der  alleinige, nur ein extremer Ausdruck sub-
       jektiver Abwertung  des individuellen  Konsumstandards. Man  will
       überwiegend  n i c h t  auf das erreichte Lebensniveau verzichten
       - ist aber bei Einsicht zu einer Umorientierung zugunsten kollek-
       tiver Aufgaben  (Umweltschutz, Bildung,  öffentlicher Nahverkehr,
       Entwicklungshilfe) bereit, ohne dies als Verlust von Lebensquali-
       tät zu empfinden. Die Krise selbst bringt in einer hochentwickel-
       ten Wirtschaft wie der BRD für Millionen, vor allem Jüngerer, die
       Möglichkeit und  die Notwendigkeit wechselnder, nicht langfristi-
       ger Beschäftigungen;  verbunden mit  der  Fähigkeit  und  Bereit-
       schaft, den ganzen Lebensstil auf solche Beweglichkeit einzustel-
       len, bewirkt  dies eine reale Tendenz geringerer Abhängigkeit vom
       einzelnen Unternehmen  und kann  soziales und politisches Engage-
       ment erleichtern.
       Die subjektive  Abwertung von  Konsumstandard in  der eigenen Le-
       bensplanung und  für die  eigene Persönlichkeitsentwicklung,  die
       Wendung zu Selbsttätigkeit und Entfaltung der eigenen Fähigkeiten
       und Möglichkeiten als Mittel und Maßstäbe persönlichen Glücks hat
       sicher auch  kompensatorische Züge:  Man bewertet  niedriger, was
       ohnehin kaum  zu erreichen ist. So muß man annehmen, daß die Ver-
       lockungen individueller  Konsumsteigerung wieder  Anziehungs- und
       Bindungskraft gewinnen,  wenn das  Kapital sie  erneut in höherem
       Maße anbieten  kann und  sie damit  für die Lebensplanung "reali-
       stischer" werden.
       Die Krise  forciert aber nur Tendenzen eines objektiv begründeten
       Wertwandels. 31)  Ohne Zweifel  sind die Herrschenden dabei, ihre
       Gratifikationen und  Bindungsangebote auf  die neuen Bedürfnisli-
       nien einzustellen,  und sicher  werden nicht wenige Lohnabhängige
       in Zukunft für einen inhaltlich attraktiven Arbeitsplatz in glei-
       cher Weise  zurückzustecken bereit sein wie vielleicht ihre Väter
       für die  Möglichkeit, Überstunden  zu machen. Doch ist zu fragen,
       ob die  Spielräume der  kapitalistischen  Wirtschaft  hier  nicht
       kleiner sind als auf materiellem Gebiet.
       Gleichermaßen  vorangetrieben   haben  die   Krisenprozesse   die
       Schwächung der  bürgerlichen Leistungsideologie - wieder mit dop-
       peltem Inhalt:  Man weiß, daß eigene Leistung keineswegs eine er-
       strebenswerte gesellschaftliche Stellung sichert - und die Beloh-
       nungen für systemkonforme Leistungen wiegen die dafür zu bringen-
       den Opfer  und Persönlichkeitsbeschränkungen nicht auf. Die Krise
       hat bis  in die  unteren Schulstufen  hinein den  Konkurrenz- und
       Auslesedruck verschärft - und gleichzeitig die Aussichten verrin-
       gert, daß selbst jahrelange Schinderei sich in Form anspruchsvol-
       ler und  sicherer Arbeit  auszahlt. Ein Absenken der Ansprüche an
       die Qualität  der Arbeit  scheint nicht  die Haupttendenz  - auch
       wenn diese  Ansprüche gegenwärtig  kaum zu verwirklichen sind. Es
       zeigt sich keine Verstärkung jener Job-Mentalität", die Versagun-
       gen und  Erniedrigungen in  der Lohnarbeit durch das "eigentliche
       Leben" in  der Freizeit  kompensiert.  Vor  allem  schwindet  das
       "protestantische Arbeitsethos",  das  jeder  Pflichterfüllung  in
       welcher Tätigkeit  auch immer schon Sinn und individuelle Befrie-
       digung zuspricht.
       Hier zeigt  sich, daß  die Brüche  mit Konsumismus und Leistungs-
       ideologie Momente umfassenderer Distanzierung vom bisherigen Ent-
       wicklungsmodell der  BRD-Gesellschaft, seinen Werten und der ent-
       sprechenden Lebensweise sind. Es kann kein sinnvolles Leben sein,
       acht Stunden  am Tag als Knöpfchendrücker unter Vernutzung riesi-
       ger natürlicher  Ressourcen Vernichtungsmittel  und ausgeklügelte
       Konsumgüter samt eingebautem Verschleiß zu produzieren, um in der
       restlichen Zeit  dann "Leben"  in Form ständig wachsenden Konsums
       vorgefertigter Angebote  zu vollziehen - während gleichzeitig die
       Mehrzahl der  Menschen hungert  und verhungert  und von einem Le-
       bensstandard träumt,  wie er  noch aus  unseren Abfallbergen her-
       auszuholen wäre.
       In dieser  Sinnkrise verbinden  sich individuelle und quasi welt-
       bürgerliche 32)  Momente: In  der "Normalität" dieses Systems ist
       kein Leben mehr möglich, in dem der einzelne mit sich einverstan-
       den sein  kann -  und wir  tragen heute die Verantwortung für das
       Weiterbestehen der  Menschheit und  die Erhaltung  ihrer  Lebens-
       grundlagen überhaupt. Hieran lagert sich eine Vielzahl von Erfah-
       rungen der  Einschränkung individueller und kollektiver Verfügung
       über die Bedingungen des eigenen Lebens an, 33) die aus der prin-
       zipiellen  Fremdbestimmtheit   staatsmonopolistischer  Vergesell-
       schaftung immer  weiterer Lebensbereiche  resultieren: Der Wider-
       stand gegen  Reglementierung und Bürokratisierung, Leistungsdruck
       und Anpassungszwang,  Machtkonzentration  und  politisch-ökonomi-
       schen "Filz"  wird in  dem Maß  grundsätzlich, wie sich das ganze
       "Modell BRD"  als falsch programmiert, zerstörerisch herausstellt
       - die bedrückenden und isolierenden Formen des gesellschaftlichen
       Zusammenhangs sind  die Formen einer völlig falschen Entwicklung,
       deren Inhalt durch Profit- und Machtgier, nicht durch Bedürfnisse
       und Interessen des Volkes bestimmt ist.
       Wir haben  gesehen, wieso  für die Mittelschichten der Widerstand
       gerade gegen diese Verhältnisse obenan steht und stark individua-
       listische Züge  gewinnt. Die  skizzierte Erfahrung  reicht jedoch
       weit in  die Arbeiterklasse  hinein, wird vor allem in der Jugend
       mit zunehmender  Empfindlichkeit verarbeitet  und geht ein in Be-
       dürfnisse und  Ansprüche gerade qualifizierter, kritischer, hand-
       lungsfähiger Gruppen.
       Man kann  hier vielleicht  insgesamt von einem  "k u l t u r e l-
       l e n  B r u c h"  sprechen: Abgelehnt werden bestimmte traditio-
       nelle  individuelle   und  kollektive  Lebensformen  und  -ziele,
       abgelehnt die  praktisch Gesellschaft  und Politik  regulierenden
       Maßstäbe, eingeklagt  werden humane  und ethische  Ansprüche  und
       Prinzipien; subjektive  Konsequenz ist der Bruch mit "Politik" im
       etablierten Sinn  und das  Ernstmachen mit  dem "anders leben" im
       unmittelbaren  persönlichen  Umfeld.  Eine  starke,  kämpferische
       Arbeiterbewegung hat  in der  Geschichte oft  an solchen  Brüchen
       ansetzen können.
       
       4.3 Zur politischen Kultur der neuen sozialen Bewegungen
       --------------------------------------------------------
       
       In keinem "Dialog"-Versuch der Herrschenden fehlt mehr als billi-
       ger Nachweis  des eigenen  Verständnisses   i h r  Nenner für die
       neuen Bewegungen:  die Angst.  Ohne  Frage:  Angst,  Erschrecken,
       tiefe Sorge  um die  Zukunft, starke  Zweifel an der Chance eines
       Fortschritts zu  Gerechtigkeit, Gleichheit,  Glück, ja  selbst an
       der Erhaltung des gegenwärtigen Nichtkriegs - diese Grundstimmun-
       gen durchdringen die neuen sozialen Bewegungen und ihren Einfluß-
       bereich. Wer mit Optimismus zum Jahr 2000 blickt, wer glaubt, daß
       die Menschen  ihre Probleme lösen können und werden, wer gar Wis-
       senschaft und  Technik als  Hilfsmittel dabei  sieht -  der steht
       hier hoffnungslos in der Minderheit.
       Was dem  bürgerlichen Kokettieren mit der Angst aber ganz abgeht,
       ist das  Verständnis für die Umwandlung von Ängsten in Motivation
       zum Widerstand.  Wir sind damit an dem Punkt, die politische Kul-
       tur der  neuen Bewegungen  genauer zu betrachten. Gemeint ist der
       Bereich der  Einstellungen, Überzeugungen, Praxisformen, Einrich-
       tungen und Symbole, die die besondere Weise der individuellen Be-
       teiligung an  den Bewegungen  bestimmen. Zugespitzt läßt sich ein
       Grundzug der  Motivation bei  den Akteuren so formulieren: Nur im
       Widerstand ist  Leben möglich  - wer  sich nicht wehrt, lebt ver-
       kehrt. 34) Was ist damit gemeint?
       Krisenerfahrung und  Krisenangst, die tägliche Möglichkeit atoma-
       rer oder  ökologischer Katastrophen,  der Verlust  von Lebensper-
       spektiven, von Entfaltungs- und Bewährungsraum für den einzelnen,
       die Folgen  von Konsumfixierung  und verschärftem Konkurrenzdruck
       für die  menschlichen Beziehungen  - all  das verdichtet sich zum
       Gefühl, daß  das System  Leben bedroht.  Hier verbindet  sich die
       schockhafte Konfrontation durch Krisenerfahrungen und Bedrohungen
       mit der tiefen Überzeugung, daß man ein Recht auf intensives, die
       eigenen Fähigkeiten  herausforderndes, entwicklungsoffenes  Leben
       hat. Die einzige Chance dazu wird im praktischen Widerstand gegen
       die Bedrohungen gesehen - und zwar im Widerstand nicht allein als
       Mittel zur  Erringung stärker selbstbestimmter Lebensbedingungen,
       sondern gleichermaßen  als Lebensform,  als Sinn und Befreiung im
       widerständigen Handeln  selber. Die  Aktiven ziehen tiefe und für
       ihre Identität,  ihre Selbstbehauptung  wesentliche  Befriedigung
       schon aus der Tatsache und Form gemeinsamen Widerstands.
       35)
       Anlässe und  Ziele der  neuen Bewegungen  haben meist eine ausge-
       prägt "symbolische" Qualität. Ein Symbol ist ein konkreter, sinn-
       lich  anschaubarer   Gegenstand  oder  ein  Geschehnis,  mit  dem
       zugleich eine rational nicht ausschöpfbare Vielzahl von Bedeutun-
       gen gemeint  ist; im  Sinnbild verbinden sich Allgemeines und Be-
       sonderes auf  unmittelbar eindrucksvolle Weise. So meint der Pro-
       test gegen  ein bestimmtes Atomkraftwerk gleichermaßen die Bedro-
       hung unserer  ökologischen Lebensgrundlagen, das Sichhinwegsetzen
       staatlicher und  großindustrieller Kalküle  über Betroffene,  den
       Mißbrauch von Wissenschaft und Technik; im Kampf gegen die Start-
       bahn West  geht es  auch gegen  den "Beton", der uns überall ein-
       zwängt, und gegen ein selbstzerstörerisches "Wachstum"; die Bewe-
       gung gegen neue Raketen zielt auf die ganze Bedrohung unseres Le-
       bens und auf eine Welt, in der Frieden Grundqualität der sozialen
       Beziehungen sein  kann. In  der Zukunft könnte die Forderung nach
       der 35-Stunden-Woche  als Beitrag  gegen Arbeitslosigkeit  solche
       Qualität in der Arbeiterklasse gewinnen.
       Die Einheit  von konkreter Unmittelbarkeit und utopisch-radikalem
       Zukunftsentwurf, in der sich das Motiv persönlicher Selbstbehaup-
       tung ausdrückt,  ist vor allem Reaktion auf die bisherigen Erfah-
       rungen mit  "Politik" in  der Bundesrepublik.  Die Delegation von
       nur langfristig realisierbaren Forderungen an Politiker, das Aus-
       handeln  "realistischer   Kompromisse",  die   Respektierung  von
       "Sachgesetzmäßigkeiten", die  Umsetzung von  Zielen  in  Gesetze,
       Verordnungen, Maßnahmen  - dabei  kommt für  die Betroffenen  und
       Fordernden nichts  heraus: weder  für ihre  Ziele, die  sich beim
       Durchgang durch  staatliche Instanzen nicht selten ins offene Ge-
       genteil verkehren,  noch für  Selbstbehauptung und Entfaltung des
       einzelnen, der  immer stärker zum Objekt der Experten verkümmert.
       Daher die  Bedeutung von  Basisdemokratie, Überschaubarkeit, Kon-
       trollmöglichkeiten in  den Protestbewegungen und den sich auf sie
       beziehenden politischen Formationen. An diesem Beharren auf demo-
       kratischer Form  kristallisieren in gewisser ""Weise neue Persön-
       lichkeitsbedürfnisse wie  soziale Erfahrungen  und Interessen un-
       terschiedlicher nichtmonopolistischer Gruppen.
       Dem Anspruch  auch an  die  F o r m,  seine Interessen zu vertre-
       ten, kommen  die angeführten Ziele deutlich entgegen. Die Verhin-
       derung konkreter  Projekte ist eine klare und kontrollierbare, im
       Prinzip durchsetzbare Sache, sie bietet ein Ziel auch emotionaler
       Identifikation, und  sie eröffnet eine Vielzahl direkter Aktions-
       möglichkeiten, in denen sich ein unmittelbar persönlicher Beitrag
       leisten läßt.
       Die stark symbolisch-emotionale Komponente der Zielbestimmung und
       die zentrale  Stellung individueller Entwicklungsansprüche in der
       Motivation zum  Engagement weisen  auf Grenzen der neuen sozialen
       Bewegungen; die  Interessenlage von  Mittelschichtangehörigen und
       Lernenden schlägt  sich in der Abgehobenheit gegenüber drängenden
       materiell-sozialen Interessen großer Teile der Arbeiterklasse und
       im Unverständnis für dort tief verankerte Orientierungen auf zen-
       trale, staatliche  Maßnahmen zur Erfüllung ihrer Forderungen nie-
       der. Gegenwärtig laufen in den neuen Bewegungen Prozesse der Ver-
       allgemeinerung und  Institutionalisierung ab,  in denen  sie sich
       stärker auf die Strukturen des gegebenen politischen Systems ein-
       stellen - und sicher werden sich dabei individualistische und op-
       portunistisch-karrieristische Züge deutlicher von basisdemokrati-
       schen Kontrollforderungen  im Interesse der Arbeiterklasse schei-
       den. Ebenso sicher ist aber die oben skizzierte Motivationsstruk-
       tur nicht  auf Mittelschichtangehörige  beschränkt; sie ist viel-
       mehr Ausdruck  von Veränderungen,  die schon heute in jüngere und
       qualifiziertere Gruppen  der Arbeiterklasse hineinreichen und der
       Vertretung von Klasseninteressen neue Züge verleihen.
       In den Aktionsformen der neuen Bewegungen ist die Tendenz erkenn-
       bar, daß Ausdruck von Forderungen und Selbstausdruck der Fordern-
       den eine  Einheit bilden.  Bei Instandbesetzungen fallen Ziel und
       Aktivität unmittelbar  zusammen; Bauplatzbesetzungen  und  Wider-
       standsdörfer, Wiederaufforstungen  und Stromzahlungsboykotte ent-
       halten deutlich symbolische Elemente und die Möglichkeit des per-
       sönlichen, einmaligen,  nicht selten  subjektive Radikalität for-
       dernden Beitrages.  Dies gilt  gleichermaßen für die vielfältigen
       künstlerisch-kreativen Formen  der Öffentlichkeitsarbeit  und der
       Aktionen  selber:  Theater-  und  Musikgruppen,  Verkleidung  und
       Schminken, Spektakel auf Straßen und Plätzen wie ein inszeniertes
       Massensterben zu Sirenengeheul oder das Ausschütten mißgebildeter
       Fische vor  den  verantwortlichen  Konzernzentralen,  die  vielen
       großen und  kleinen Feste, die die Initiativen selbst gestalten -
       all dies  sind keine Äußerlichkeiten, Zusätze zu den Forderungen,
       geglückte Werbemittel:  In diesen Aktivitäten bestätigen sich die
       Akteure selbst  als schöpferisch,  als  Subjekte  und  Nutznießer
       ihres eigenen Handelns, so erstreben und erfahren sie die Einheit
       von Ziel und Mitteln der Bewegung.
       Teilnahme an den neuen Bewegungen heißt meist auch mehr oder min-
       der ausgeprägt:  nicht nur kämpfen für Alternativen, sondern sel-
       ber anders  leben. Energiesparen, Umwelt weniger belasten, Kaffee
       aus Nicaragua  kaufen, Jute  statt Plastik", Fahrradfahren, Abbau
       des männlichen Chauvinismus - diese und andere Verhaltensalterna-
       tiven sollen  die Trennung  von Fernziel, für das ich mich ab und
       zu mit  anderen als  Masse versammle, und dem Alltag, meinem kon-
       kreten, endlichen  Leben aufheben  oder zumindest verringern. Man
       will nicht auf ein besseres Morgen warten, sondern hier und heute
       die eigene  Lebensweise ändern  - das ist eine Form der Selbstbe-
       hauptung (ich  muß nicht tun, was Werbung und Meinungsdruck, Vor-
       gesetzte oder auch nur Bequemlichkeit und Gewohnheit von mir ver-
       langen), und es ist praktische Reaktion auf bisherige Erfahrungen
       mit "Politik"  und der  Unglaubwürdigkeit  ihrer  Repräsentanten.
       "Anders leben"  meint auch: Durch Engagement aus den eigenen Ein-
       sichten die  Konsequenz ziehen  und dadurch seinem Leben sozialen
       und historischen Sinn geben.
       Die kommerzielle  und sektenmäßige Ausbeutung dieser Entschieden-
       heit des "anders leben", ihre Verkürzung zur individuell-isolier-
       ten  Lebensreform  durch  Selber-Brot-Backen,  Selbstuntersuchung
       oder Naturheilkunde,  die Ideologie  des Wandels der Gesellschaft
       durch das  eigene Vorbild  sind Formen  der Entpolitisierung oder
       gar der  reaktionären Funktionalisierung  dieses Motivs vor allem
       im Mittelschichtmilieu.  Es sei  aber nur darauf hingewiesen, daß
       auch in  der revolutionären Arbeiterbewegung vergleichbare Motive
       eine große  Rolle gespielt haben, wie ein Blick auf Kampagnen und
       Bewegungen gegen  Alkohol und  Nikotin, für  Feuerbestattung oder
       natürliche Lebensweise erkennen läßt.
       Die je  individuelle Veränderung  des Lebensstils  ist Moment der
       Ausbildung einer Gegenkultur, die durch äußerlich sichtbare Merk-
       male und  Verhaltensweisen dem  einzelnen versichert, daß er Teil
       einer Gruppe  mit gleichen Überzeugungen ist. Die Beliebtheit von
       Aufklebern und Ansteckknöpfen gehört dazu ebenso wie die antibür-
       gerlichen Züge in der Kleidung oder die Frequentierung von Treff-
       punkten, an  denen man  sicher sein kann, Gleichgesinnte zu tref-
       fen. Ohne  Zweifel hat  jede oppositionelle Bewegung solche Züge.
       Zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik ist jedoch die Ra-
       dikalität der  kulturellen Selbstausgliederung für außerparlamen-
       tarische Bewegungen dieser Breite etwas Neues.
       Eng damit  verbunden ist die ausdrückliche Abwendung von verbrei-
       teten Tendenzen  persönlicher Isolation und des Konkurrenzverhal-
       tens. Der mit der Krise wachsende Konkurrenzdruck ruft gerade bei
       Jüngeren spontan  Tendenzen zur Solidarisierung hervor, zur Suche
       nach Gemeinschaft  als kollektivem Rückhalt für Selbstbehauptung.
       Das ausgeprägte  Bedürfnis nach  offenem, spontanem,  menschlich-
       verständnisvollem Umgang  durchdringt die  neuen  Bewegungen  und
       bildet ein  eigenständiges und  gewichtiges Motiv für Engagement.
       Die gemeinsame  Aktivität, die Beteiligung an den Gruppen und Öf-
       fentlichkeiten, Treffpunkten  und Gesprächsmöglichkeiten  schafft
       unmittelbare Befriedigung,  indem sie  Kontakte  und  Beziehungen
       jenseits der  Sphäre schafft, die von Konkurrenz, Karrieredenken,
       von Sorge vor Denunziation und vom bornierten Schwarz-Weiß-Denken
       der Wirtschaftswundergeneration  bestimmt ist.  Vor allem  in der
       Frauenbewegung hat es sich als massenhaft mobilisierendes Bedürf-
       nis erwiesen,  überhaupt unter  Gleichen die  eigenen Erfahrungen
       und Probleme  einmal aussprechen und erörtern zu können; dies war
       nicht selten  der erste  Schritt  zu  weiterführendem  Engagement
       (auch wenn selbstverständlich das Gemeinschafts- und Gesprächsbe-
       dürfnis sich loslösen, verabsolutieren kann).
       Solche Bedürfnisse  werden in  der Konfrontation mit herrschenden
       Politikformen zu  politisch-moralischen Prinzipien  und zu Normen
       der eigenen  Praxis verallgemeinert.  Hier scheint  ein Grund für
       die Betonung  von Offenheit, Vielfalt, Buntheit zumindest in Tei-
       len der  neuen Bewegungen zu liegen. Praktisch erfahren wurde die
       Notwendigkeit, sich um des politischen Erfolgs willen auf gemein-
       same Forderungen  zu einigen;  das soll aber nicht zu Uniformität
       führen -  daher Vielfalt als Prinzip der Einheit. Hierin schlagen
       sich ohne  Zweifel antikollektive  Ängste der Mittelschichten und
       wegen Proletarisierung  besorgter Gruppen  nieder,  gleichermaßen
       aber veränderte  Erziehungsstile und reale Individualisierungsan-
       sprüche auch  im Nachwuchs  von Teilen  der Arbeiterklasse. Diese
       Tendenz tragt bei zum Abbau jenes bornierten Antikommunismus, der
       noch nicht  einmal duldet,  daß Kommunisten  neben einem das tun,
       was man selbst für richtig hält (mit inhaltlich-politischer Annä-
       herung hat das zunächst nichts zu tun).
       Die skizzierten  Momente politischer Kultur entwickeln sich nicht
       im luftleeren  Raum. Sie  sind den  Interessen untergeordnet, und
       sie werden  praktisch an  den realen  Aufgaben des Klassenkampfes
       gemessen werden.  Ein Blick auf die Ansätze der Arbeitslosenbewe-
       gung, auf  phantasievolle Aktionen  und Kulturarbeit  der Gewerk-
       schaftsjugend oder  politischer Arbeiterjugendorganisationen,  ja
       selbst auf  die Kämpfe  gegen Arbeitsplatzvernichtung  kann Über-
       gänge und Gemeinsamkeiten mit Formen der Selbstverständigung, Ar-
       tikulation, der  Praxis und auch der Motive in den neuen sozialen
       Bewegungen nicht  übersehen. Das ist nicht in erster Linie darauf
       zurückzuführen, daß  viele aktive  Arbeiterjugendliche auf beiden
       Feldern außerparlamentarischer Bewegungen engagiert sind und auch
       vom Milieu  der neuen  Bewegungen beeinflußt  werden -  vor allem
       scheint mir  hier eine  gleichgerichtete Tendenz  in  Persönlich-
       keitsentwicklung und Persönlichkeitsbedürfnissen Ausdruck zu fin-
       den.
       
       5. Kulturelle Barrieren zwischen neuen sozialen Bewegungen
       ----------------------------------------------------------
       und Arbeiterbewegung
       --------------------
       
       Im vergangenen  Jahrzehnt hat  sich ein  wechselseitiges Bild von
       organisierter Arbeiterbewegung und neuen sozialen Bewegungen her-
       ausgebildet und  verfestigt. Knapp formuliert: In den gegenwärti-
       gen Protestbewegungen,  aber auch  darüber hinaus  in den breiten
       Bewegungen im Reproduktionsbereich überwiegt die Neigung, die or-
       ganisierte traditionelle Arbeiterbewegung im wesentlichen auf der
       Seite des  abgelehnten Systems einzuordnen. Infolge Alter und so-
       zialer Lage  hat nur  eine Minderheit  der Akteure  in ihrer  Be-
       rufstätigkeit bisher  Erfahrungen mit  der  betrieblichen  Wider-
       standsrolle der  Gewerkschaften und  Belegschaftsvertretungen ma-
       chen können. In wichtigen "symbolträchtigen" Konflikten steht die
       offizielle Position  der SPD,  aber auch der DGB-Führung oder von
       Einzelgewerkschaften den  breiten Bewegungen  entgegen,  positive
       Beschlüsse bleiben oft auf dem Papier; so in der Frage des Bonner
       Atomprogramms, der Startbahn West, des Kampfes gegen die NATO-Rü-
       stungspläne oder  der Maßnahmen  gegen  Beteiligung  der  Gewerk-
       schaftsjugend an Friedensaktionen. Vorurteile und reale Erfahrun-
       gen  mit   Kapitalabhängigkeit  und   Verfilzung,  bürokratischer
       Schwerfälligkeit und  administrativer Ausschaltung von Opposition
       lagern sich  hier an  und formen  das Bild der Gewerkschaften als
       einer verkrusteten  Großorganisation, die  durch ihre  Bindung an
       Arbeitsplatzinteressen, Konsummehrung  und  Wachstumsfetisch  zum
       Anhängsel der zerstörerischen Kapitalbewegung verurteilt sei.
       Diese Momente  sollte man jedoch nicht überbewerten. Eine kämpfe-
       rische Arbeiterbewegung  oder wenigstens  ein  ausgeprägt  linker
       Flügel hätten  eine Anziehungskraft für die Suche nach Alternati-
       ven, angesichts  derer die  Bedeutung der weltanschaulichen Posi-
       tionen gewaltig sänke, die jetzt scheinbar unüberwindliche Gräben
       schaffen. Wo  praktisch auf  autonome  Klassenpolitik  verzichtet
       wird, entstehen  reale Ansatzpunkte  dafür, daß der Arbeiterbewe-
       gung feindliche  Erklärungsversuche und Ideologien auch bei wich-
       tigen Gruppen  der Lohnabhängigen in den neuen Bewegungen Anklang
       finden. Diese  Konstellation  trifft  marxistische  Gruppierungen
       gleichermaßen. Ihr Verweis auf die Arbeiterklasse als historische
       Alternative zum  Imperialismus hat  in der  skizzierten Situation
       wenig Überzeugungskraft.
       Umgekehrt wurden und werden Anstöße, die von den neuen Bewegungen
       ausgehen oder mit ihren Forderungen parallel laufen, von Mehrhei-
       ten in  DGB und  SPD abgeblockt,  zum Teil bekämpft. Mit der hier
       unvermeidlichen Verkürzung  kann man  sagen, daß  Stimmungen  und
       Mehrheiten gegen  die neuen  Bewegungen und ihre Anschauungen vor
       allem im  traditionellen Arbeitermilieu  zu  mobilisieren  waren,
       während Versuche einer Aufnahme und Integration eher bei jüngeren
       gewerkschaftlich-sozialdemokratisch oder  linkssozialistisch ori-
       entierten qualifizierten  Angestellten und z.T. auch Beamten eine
       Basis hatten.
       Diese Prozesse  sind auf tiefere Ursachen zu befragen. In der Si-
       tuation der  Bundesrepublik ist  es verständlich, daß Initiativen
       zu massenwirksamen Aktivitäten auf Problemfeldern, die elementare
       Lebensinteressen der  Lohnarbeiter betreffen, zunächst von beweg-
       lichen, verunsicherten  Gruppen der  Mittelschichten ausgehen und
       nicht vom Kern der Klasse. Was verhindert aber das Aufgreifen ih-
       rer Anstöße  und Erfahrungen in den Arbeiterorganisationen? Wieso
       drücken sich die Veränderungen in den Bedürfnissen und Ansprüchen
       der Arbeiterklasse noch kaum in Aktivitäten und Aktionsformen der
       großen Organisationen aus?
       Dazu lassen sich eine Menge Argumente anführen, die auf die poli-
       tische   Unterordnung    der   DGB-Gewerkschaften    unter    den
       "Stabilitätskurs" des  BRD-Kapitals durch  den systemintegrativen
       SPD-Flügel hinauslaufen;  er kann sich dabei auf die spezifischen
       Organisationsstrukturen stützen.  Zu fragen  ist jedoch  nach den
       Bedingungen im  Bewußtsein und in der Lage der Mitglieder und des
       Wählerpotentials, die  dieser Mehrheit die Basis schaffen und ge-
       genwärtig selbst  von reformistischen Kräften nicht zu ihren Gun-
       sten zu beeinflussen sind.
       Was noch  bis zum Anfang der 70er Jahre als ein gleichgerichteter
       Prozeß des  Wertwandels, der  Entwicklung von  Ansprüchen an  Le-
       bensqualität, an  Achtung und  Entfaltung der Persönlichkeit ver-
       lief (wenn  auch in  den verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen
       unterschiedlich stark), ist mit der Krise bis hin zu ausgeprägten
       Polarisierungstendenzen aufgesplittert.  Während  im  Milieu  der
       neuen Bewegungen  Tendenzen zum  Bruch mit  der bisherigen Wachs-
       tums- und Konsumorientierung eine neue Qualität gewannen, ist der
       begonnene Ablösungsprozeß  vor allem  in der Arbeiterschaft durch
       die unmittelbare Krisenverunsicherung gestoppt und zum Teil umge-
       kehrt worden.  Was in  der Konjunktur  als Erweiterung von Werten
       und Ansprüchen  auf  der  Basis  gesicherter  Lebenslage  möglich
       schien, verkehrt  sich jetzt zur ausschließenden Alternative: Si-
       cherung der  materiellen Situation  o d e r  Erweiterung sozialer
       Lebenschancen -  wo es nicht schon verkürzt ist auf die alles an-
       dere ausschließende  Wahl zwischen Arbeitsplatzverlust oder Lohn-
       verzicht.
       Die Erschütterung  des sozialdemokratisch umdefinierten Basiskon-
       senses, die Erfahrung, daß auch der Staatseingriff in die kapita-
       listische Wirtschaft keine ständig bessere Befriedigung individu-
       eller Bedürfnisse  und Lebensansprüche  garantiert, ruft spontane
       Tendenzen der  psychischen Befestigung  wankender Bindungen,  des
       Anklammerns an  reduzierte Sozialpartnerschaft, eine Bereitschaft
       auch zu kurzschlüssig einleuchtenden reaktionären Erklärungen und
       Auswegvorschlägen hervor  - dies  um so  mehr, als in den letzten
       Jahren selbst  der mögliche  Aktionsspielraum der  Gewerkschaften
       nicht ausgenutzt wurde und damit die praktische Perspektive auto-
       nomer, kämpferischer  Arbeiterpolitik ungenügend  als  Lösungsweg
       präsent ist.
       In einer solchen Situation rückt die Sicherung des erreichten Le-
       bensniveaus in  den Mittelpunkt,  werden die neuen sozialen Bewe-
       gungen auch  als grundlegende Bedrohung der eigenen Identität er-
       fahren. Selbst  dort, wo sie Forderungen aufgreifen und in Aktio-
       nen umsetzen,  die im uneingeschränkten Arbeiterinteresse liegen,
       stehen diese  doch im Gesamtzusammenhang der Alternativen und der
       politischen Kultur  der neuen  Bewegungen und  erhalten durch sie
       eine spezifische  Färbung. Abwendung  vom kapitalistischen Wachs-
       tumsmodell, von  der Sinngebung  des eigenen Lebens durch Konsum-
       standard und  Pflichterfüllung bedeutet,  alles von den Arbeitern
       individuell wie  kollektiv, als  Gewerkschaft, nach dem Krieg Er-
       reichte in  dem Moment in Frage zu stellen, in dem es vom Kapital
       bedroht ist.  Hier muß es zu tiefgehenden und zum Teil rationaler
       Debatte entzogenen Konflikten kommen.
       Diese haben  um so  mehr Gewicht,  da sie keineswegs ideologische
       Differenzen zur  Grundlage haben, sondern in realen Unterschieden
       der Lebenslage  und der  Interessen wurzeln.  Die Bindungen eines
       arbeitenden Familienvaters  an Wirtschaftswachstum  und  Arbeits-
       platz sind  ja ganz  handfest: Lebensunterhalt,  Miete,  Kredite,
       Pkw, Urlaubsreise wollen bezahlt sein. Ganz anders in den bestim-
       menden Gruppen neuer Bewegungen, die auf hohem materiellem Niveau
       abgesichert sind  oder sozusagen schon hereinwachsen in einen Le-
       bensstil geringer  Stabilität, niedriger  Verpflichtungen, einge-
       schränkter materieller Ansprüche. Diese realen Tendenzen sind die
       Grundlage, auf  der etwa im Löwenthal-Papier die "soliden Arbeit-
       nehmer" als  Träger der  Industriegesellschaft und  ihrer Lebens-
       weise in eine falsche Front gegen "die Aussteiger" gehetzt werden
       sollen - um sie von autonomer Klassenpolitik fernzuhalten.
       Zu dieser Konstellation kommt ein wesentliches Problem hinzu: die
       kulturelle Distanz  auch unter aktiven und klassenbewußten Arbei-
       tern (bis  hinein in die kommunistische Partei) gegenüber Weitsy-
       stemen und  politischer Kultur  in den neuen sozialen Bewegungen,
       dem davon  beeinflußten Umfeld und parallelen Entwicklungen unter
       dem Nachwuchs der Arbeiterklasse (die folgenden Überlegungen ste-
       hen nur beispielhaft, schöpfen das Problem nicht aus).
       Kultur und  Lebensweise der Arbeiterklasse 36) sind auch in ihrer
       revolutionären Ausprägung von einem unaufhebbaren Widerspruch ge-
       zeichnet: Sie  sind Produkte  einer ausgebeuteten und unterdrück-
       ten, um  Bildung und Ausformung reicher Individualität betrogenen
       - und  zugleich kollektiv  zu Kampf und Organisierung, zu Bewußt-
       wer-dung und  Sieg über  das Kapital  gezwungenen und  befähigten
       Klasse; in  diesem  Sinn  spricht  Lenin  immer  wieder  von  den
       "Menschen..., die  der Kapitalismus erzogen, die er verdorben und
       demoralisiert, dafür  aber auch zum Kampf gestählt hat". 37) Pro-
       gressive Veränderungen  in Formen und Werten des alltäglichen Le-
       bens setzen  sich hier durch unter dem Druck unabweisbarer Repro-
       duktions- und Kampfanforderungen - und sind weit entfernt von ab-
       strakten Idealvorstellungen  in den  lohnabhängigen Mittelschich-
       ten. Gerade  diese forcieren in den neuen Bewegungen den Anspruch
       auf Übereinstimmung von kämpferischer Praxis und alltäglicher Le-
       bensweise, auf  Einheit von  Weltveränderung und bewußter Selbst-
       veränderung. Dies ist ein altes Prinzip der Arbeiterbewegung, das
       in ihr  materialistisch-nüchtern, hier jedoch idealistisch-dogma-
       tisiert auf die wirklichen Lebensprozesse angewendet wird. Gerade
       die Schwäche kämpferischer Ausstrahlung der Arbeiterbewegung läßt
       die konservativen  und vom  Kapital beherrschten  Züge im  Arbei-
       teralltag zum  herausragenden Kritikgegenstand  werden; umgekehrt
       sind Reaktionen  aus der  Masse der  Lohnarbeiter  gegenüber  den
       neuen Bewegungen  dadurch geprägt,  daß die Lebensbedingungen der
       unterdrückten Klasse  die Konzentration  der subjektiven Verände-
       rungspotentiale auf  den Klassenkampf und dessen psychische Absi-
       cherung in  vielen konservativen,  traditionsgeleiteten Zügen der
       übrigen Lebensweise erzwingen. Patriarchalische und starre Abwehr
       von Herausforderungen zu neuen Verhaltensweisen, wie sie etwa die
       Frauenbewegung oder  Instandbesetzer vorbringen,  liegt nahe  und
       verfestigt sich  in kollektiven  emotionalen Blockaden und Vorur-
       teilen. Entscheidend bleibt aber, daß es sich meist nicht einfach
       um überlebte  Einstellungen ohne  Realitätsbezug handelt: Verhal-
       tensweisen und  Wertmuster der Lohnarbeiter entspringen nicht zu-
       erst dem  Eigengewicht von  Traditionen -  sie werden  durch  die
       Zwänge von Leben und Kampf immer wieder reproduziert.
       Eine ähnliche  Barriere, beruhend  auf materiellen Differenzen in
       Lebenslage und  Interessen, erhöht  durch  sachlicher  Erörterung
       entzogene Fixierungen  auf beiden Seiten, bilden unterschiedliche
       Einstellungen zur  Organisation und den in ihr praktizierten Nor-
       men und  Prinzipien. Arbeitsteilung und Delegationsmethoden, Zen-
       tralismus und  das starke  Gewicht der  hauptamtlichen Apparate m
       den Arbeiterorganisationen  sind objektiv  Antwort  auf  die  vom
       Klassengegner gesetzten  Anforderungen und Strukturen des Kampfes
       wie auf die Tatsache, daß die als Individuen unterdrückten und an
       der Aneignung  von Kenntnissen und Fähigkeiten gehinderten Arbei-
       ter nur  kollektiv, als Organisation, ihrem Gegner und ihren Auf-
       gaben gewachsen  sind. Hinzu kommt bei den Kadern der Arbeiterbe-
       wegung die auch tief gefühlsmäßig verankerte Überzeugung, daß die
       Organisationen ihre wichtigste historische Errungenschaft und die
       einzige Chance  zukünftigen gesellschaftlichen  Fortschritts ver-
       körpern. Das  kann die Abwehr von Kritik bewirken selbst dort, wo
       sie sich  gegen Organisationsformen  richtet, die  die von vielen
       Arbeiteraktivisten erstrebte  Einbeziehung und  Mobilisierung der
       Basis entscheidend  behindern. Dem steht in den Protestbewegungen
       ein pragmatisch-mißtrauisches Verhältnis zur Organisierung gegen-
       über; sie  muß ihren  Sinn nicht  allein gegenüber der objektiven
       Aufgabe, sondern  stets auch  für die Selbsttätigkeit und Entfal-
       tung der sie Tragenden beweisen.
       Als letzte  der tief  in den Selbstverständlichkeiten der Lebens-
       weise verankerten Differenzen sei die grundlegende Haltung gegen-
       über Entwicklung  und Kontrolle  der modernen Produktivkräfte und
       gesellschaftlichen Lebensbedingungen  angesprochen. Stärker  noch
       als im Durchschnitt der Klasse sind bei den Aktivisten der Arbei-
       terbewegung aus der Erfahrung der Produktionsprozesse Überzeugun-
       gen ausgeprägt  und strukturieren das Welt- und Zukunftsbild, daß
       nur die  fortschreitende Entfaltung  und gesellschaftliche Bünde-
       lung aller  produktiven Kräfte  unter der zentralen Leitung durch
       die Produzenten  eine gerechte, freie und zukunftssichere Ordnung
       der Welt  schaffen läßt.  Die Perspektive  der Klasse ist mit der
       von Wissenschaft, Technik, Produktion, Vergesellschaftung der Le-
       bensverhältnisse nicht  identisch, aber  ohne  deren  progressive
       Entfaltung gar  nicht zu  denken. Die  Tendenz zum  Bruch mit den
       bisher erfahrenen  Wachstums- und  Leistungsprinzipien hat in den
       neuen sozialen Bewegungen Bindungen an das herrschende Wertsystem
       gelöst, gleichzeitig  aber eine  tiefe Kluft zur Arbeiterbewegung
       geoffenbart.
       Aus den  skizzierten "kulturellen  Barrieren" folgen Verzerrungen
       und Blindheiten  in der gegenseitigen Wahrnehmung; sie trugen we-
       sentlich dazu  bei, daß auch engagierten Kadern der Arbeiterbewe-
       gung der  soziale Sprengstoff in den zunächst durch die neuen Be-
       wegungen aufgeworfenen  Konflikten und die vorwärtsweisenden, mit
       Arbeiterinteressen zu  vereinbarenden Momente  ihrer  Forderungen
       und Politikformen  verdeckt blieben.  Hier zeigt sich aktuell die
       unverzichtbare Aufgabe einer wissenschaftlich analysierenden mar-
       xistischen Klassenpartei.
       Wenn sich  Teile der Arbeiterjugend heute leichter mit der Praxis
       der neuen Bewegungen identifizieren als mit der Arbeiterbewegung,
       so ist das nicht abzutun als leicht wieder wettzumachende Einbuße
       an Anziehungskraft.  Die neuen Bewegungen sprechen gerade mit ih-
       rer "politischen Kultur" jene stark an, die durch Aufgeschlossen-
       heit  u n d  Verbindung zu den Lebenswelten der Lohnarbeiter prä-
       destiniert sind, die vorwärtstreibenden, bewegenden Kräfte in der
       Arbeiterklasse von morgen zu sein. Da die politischen Blockierun-
       gen der  sozialdemokratisch dominierten Arbeiterbewegung der Bun-
       desrepublik sich  gerade auf die konservativen Momente der Kultur
       der Klasse  und ihrer  Organisationstraditionen stützen, zeichnet
       sich hier  die reale  Gefahr zunehmend geschwächter Bindungen zur
       jungen Generation  der Arbeiterklasse  ab. Dies  hätte  auch  zur
       Folge, daß solche Gruppen nicht als Elemente des notwendigen Wan-
       dels der  Kultur der  Arbeiterbewegung von  innen heraus  wirksam
       werden. Im  zunehmenden Engagement  von Gruppen der Arbeiterbewe-
       gung in den neuen sozialen Bewegungen und vor allem in den Ansät-
       zen selbstbewußter  und einfallsreicher  Arbeiterkämpfe gegen die
       staatsmonopolistische Krisenausnutzung liegen die Triebkräfte da-
       für, daß  die Verarbeitung der Krisenerfahrungen in der Arbeiter-
       klasse in Richtung autonomer Interessenvertretung geht und die in
       der jungen Generation freigesetzten Impulse aufnimmt.
       
       _____
       1) Vgl. dazu  die Analysen in: H. Bömer, B. Goergens, G. Hautsch,
       B. Semmler, Neue Beweglichkeit - Neue Impulse?, Reihe Soziale Be-
       wegungen, hgg. vom IMSF, Band 11, Frankfurt/M. 1982
       2) Vgl. R.  Steigerwald, Probleme  des nicht-proletarischen  Pro-
       testes, in: Marxistische Blätter 4/1981
       3) IMSF-Autorengruppe, Widersprüche und Krise des staatsmonopoli-
       stischen Kapitalismus,  in: Marxistische  Blätter 4/1981,  S.  17
       ff., hier vor allem S. 20
       4) Auf der  Ebene demoskopischer  Daten ist  dieser Prozeß bis in
       die jüngste  Zeit verfolgt  bei K. Steinhaus, Zu einigen Entwick-
       lungstendenzen des  politischen Klimas in der Bundesrepublik, in:
       Marxistische Studien"Jahrbuch des IMSF 4, 1981.
       5) F. Deppe hat ihn charakterisiert als "Synthese von Sozialpart-
       nerschafts- und  Wirtschaftswunderideologie, von  Antikommunismus
       und 'Wiedervereinigung'"  in einer  übergreifenden  "volksgemein-
       schaftlichen" Ideologie  des CDU-Staates  (F. Deppe,  Zu  einigen
       Problemen der Bestimmung des gegenwärtigen gewerkschaftlichen und
       politischen  Bewußtseins   der  Arbeiterklasse   der   BRD,   in:
       Marxistische Studien - Jahrbuch des IMSF l, 1978, S. 29).
       6) Vgl. dazu zusammenfassend: IMSF-Autorengruppe, a.a.O., vor al-
       lem S. 20
       7) Für die Analyse sozialer Bewegungen hat die Klärung der Inter-
       essen  grundlegende   Bedeutung.  In   ihnen   fassen   wir   die
       "Beziehungen zwischen  den objektiven Existenz- und Entwicklungs-
       bedingungen sozialer  Subjekte... und  den sich daraus ergebenden
       Erfordernissen des  Handelns und  der Tätigkeit  dieser Subjekte"
       (Wörterbuch  der  marxistisch-leninistischen  Soziologie,  Berlin
       [DDR] 1977, S. 314). Interessen tragen objektiven und materiellen
       Charakter. Sie sind eine Seite der materiellen gesellschaftlichen
       Verhältnisse, existieren unabhängig und unbeeinflußbar vom Willen
       und Bewußtsein  der Menschen;  die Kategorie bringt zum Ausdruck,
       daß den  Subjekten aus  ihrer konkreten  Stellung in  den gesell-
       schaftlichen Verhältnissen  Richtungen ihres  Handelns vorgegeben
       sind, wollen sie ihr Leben erhalten und durch Ausweitung der Ver-
       fügung über  ihre Lebensbedingungen  sichern. "In  den Interessen
       treten die  materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse als Rich-
       tungsbestimmungen der  Tätigkeit  individueller  und  kollektiver
       Subjekte, als  Erfordernisse bzw.  Anforderungen an die Tätigkeit
       in Erscheinung" (ebenda).
       So wichtig die Betonung des objektiven und materiellen Charakters
       der Interessen  ist, so  wichtig ist, daß sie praktisch als reale
       Triebkräfte menschlichen  Handelns untrennbar sind von ihren sub-
       jektiven Widerspiegelungen in der menschlichen Psyche. Da "alles,
       was einen Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen
       muß" (F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen
       deutschen Philosophie,  MEW 21, S. 281), werden wir die unmittel-
       bar wirksamen Antriebe menschlichen Handelns in den Bedürfnissen,
       Motiven, Ansprüchen etc. der Subjekte finden. Die Schwierigkeiten
       der Analyse sind Ausdruck der realen Komplexität und Widersprüch-
       lichkeit der  sozialen Interessen und der Vielfalt der Widerspie-
       gelungsprozesse zwischen  den Polen  von Spontaneität und Bewußt-
       heit, Tradition und kritischer Erkenntnis.
       Die Widersprüchlichkeit  der Interessen ist objektiv, kein Ergeb-
       nis verzerrter  Widerspiegelung. Der  Arbeiter im Rüstungsbetrieb
       hat sowohl ein Interesse an der Ausweitung der Produktion (um un-
       mittelbar seinen  Arbeitsplatz als Existenzgrundlage zu erhalten)
       wie an  der Beseitigung der Rüstungsherstellung (um der lebensbe-
       drohlichen Kriegsgefahr  entgegenzutreten und  langfristig  durch
       die Aufhebung der Kapitalherrschaft seine Existenz zu sichern und
       befreien). Die  Widersprüche zwischen  den (besonderen und allge-
       meinen, kurz-  und langfristigen) Interessen der Proletarier sind
       in der allgemeinen Fassung und Durchsetzung der Klasseninteressen
       aufzuheben. Diese  Klasseninteressen, wie  sie die sozialistische
       Arbeiterbewegung zur Richtschnur nimmt, sind nur in fortwährender
       wissenschaftlicher Analyse  zu erkennen; der praktisch-politische
       Prozeß der  Zusammenfassung und Verallgemeinerung der empirischen
       Interessen der  Proletarier zum  konkret historischen Klassenwil-
       len, zu  einer die  Massen bewegenden  Forderung und Programmatik
       ist etwas völlig anderes als das abstrakte Propagieren objektiver
       Klasseninteressen -  vielmehr ihr  Hineinvermitteln in  eine  be-
       stimmte geschichtliche  Situation und die Selbstverständigung der
       empirischen Klasse.
       Ein wichtiges  Moment dabei  ist die  Entwicklung von Ansprüchen.
       Ein Prozeß  kollektiver Bewertung  und Normierung  von Interessen
       und Bedürfnissen  führt dazu, daß bestimmte Wünsche und Forderun-
       gen in einem bestimmten sozialen Milieu und seiner Öffentlichkeit
       für berechtigt  und legitim gehalten werden und damit als Maßstab
       zur Bewertung  der gesellschaftlich  gegebenen Lebensverhältnisse
       dienen. Die  Bildung von  Ansprüchen ist ein wesentliches Ketten-
       glied in  der subjektiven  Aneignung von Interessen durch Kollek-
       tive und ihrer Verinnerlichung zu real wirksamen Triebkräften so-
       zialen Handelns.
       8) Das beruht ökonomisch auf dem Übergang zur vorwiegend intensiv
       erweiterten Reproduktion  des Kapitals;  die Erhöhung des wissen-
       schaftlich-technischen Niveaus und die straffere Organisation der
       Produktion werden als Hauptwege beschritten - die Produzenten er-
       fahren dies  vor allem  als wachsende Anforderung, kompliziertere
       Arbeit zu leisten bzw. sich für sie zu qualifizieren. Vgl. Prole-
       tariat in der BRD, Berlin (DDR) 1974, vor allem S. 65 ff.
       9) Gemeint ist  die von marxistischer Seite noch unzureichend un-
       tersuchte Tatsache,  daß die  Angehörigen bestimmter Jahrgänge in
       bestimmten Lebensphasen  mit hoher  Wahrscheinlichkeit durch  ge-
       meinsame, übereinstimmende  historische Erlebnisse  und Eindrücke
       geprägt werden, aus denen sich ein relativ stabiles Interpretati-
       ons- und Bewertungsmuster für weitere soziale Erfahrungen heraus-
       bildet; diese  Generationengliederung verläuft sozusagen quer zur
       Klassen- und  Schichtstruktur -  beide Determinanten durchdringen
       einander.
       10) Vgl. F.  Karl, Die  Bürgerinitiativen, Reihe Soziale Bewegun-
       gen, hgg. vom IMSF, Band 10, Frankfurt/M. 1981
       11) H. Werner,  Zum Staatsbewußtsein  der Mittelschichten im SMK,
       in: Der  Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundes-
       republik, Teil  I: Staatsdiskussion und Staatstheorie, Redaktion:
       H. Jung, J. Schleifstein, Frankfurt/M. 1981, S. 481
       12) Angesichts dieser  Tatsachen scheint  es verkürzt,  die neuen
       Bewegungen  als   "sozial-kulturelle  Bewegungen"  oder  gar  als
       "vorwiegend kulturelle  Bewegung" zu  charakterisieren  (so  W.F.
       Haug, Strukturelle  Hegemonie, in:  Das Argument  129,  1981,  S.
       630); damit wird der Blick verstellt auf den Interessengehalt der
       Bewegungen und auf ihren  b e s o n d e r e n  C h a r a k t e r,
       k u l t u r e l l e   B r ü c h e  u n d  A n s p r ü c h e  g e-
       r a d e   i n   p r a k t i s c h e n    p o l i t i s c h - s o-
       z i a l e n  W i d e r s t a n d  z u  ü b e r f ü h r e n.
       13) Günstig auch  insofern, als  die marxistischen Kräfte der Ar-
       beiterbewegung zu  einer Unterschätzung von Funktion und Perspek-
       tive dieser  Bewegungen neigten, sie zu stark nach rein ideologi-
       schen Maßstäben  beurteilten und  daher erst relativ spät organi-
       siert eingriffen.
       14) H. Jung,  Staat und Überbau im SMK der BRD, in: Der Staat...,
       a.a.O., S. 247. Jung verwendet den Interessenbegriff hier für die
       subjektive Wahrnehmung  und Artikulation der objektiven Reproduk-
       tionsanforderungen, d. h. für den Bereich der Bedürfnisse und An-
       sprüche.
       15) So nimmt  ein sozialistischer  Arbeiterjugendverband wie  die
       SDAJ z.B.  folgende Losungen  und Ansprüche  auf: "Wer sich nicht
       wehrt, lebt  verkehrt!"; "Her  mit dem  ganzen Leben!";  "In  uns
       brennt das  Feuer und draußen herrscht die Eiszeit!"; "Allein ma-
       chen sie  dich ein";  "Was ich will, das krieg ich nicht. Und was
       ich kriegen  kann, das will ich nicht" (vgl. W. Stürmann, Bericht
       des Bundesvorstandes an den 7. Bundeskongreß der SDAJ, 6./7. März
       1982).
       16) Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG),
       Zur alternativen Kultur in der Bundesrepublik, April 1981, S. 19
       17) Vgl. Lottemi  Doormann (Hg.),  Keiner schiebt  uns weg, Wein-
       heim, Basel 1979, S. 303
       18) Die verkaufte  Auflage liegt  bei  etwa  80%;  vgl.  Wolfgang
       Beywl, Lokale Alternativpresse - eine erste Bestandsaufnahme, in:
       Media Perspektiven  3/1982, S.  187. Diese  Teiluntersuchung legt
       insgesamt niedrigere Zahlen nahe.
       19) Alle Zahlen  zur Presse nach: BMJFG, a.a.O., und J.R. Mettke,
       Selbstbespiegelungen -  Über die Gegenöffentlichkeit der alterna-
       tiven Presse,  in: M. Haller (Hg.), Aussteigen oder rebellieren -
       Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft, Reinbek 1981, S. 159 f.
       20) J. Huber,  Wer soll  das alles ändern, Berlin (West) 1980, S.
       29
       21) Huber, a.a.O.,  S. 42, beruft sich auf: B. Korczak, Neue For-
       men des Zusammenlebens, Frankfurt/M. 1979, S. 101
       22) Vgl. F. Karl, a.a.O., S. 38-41
       23) Hier wie im folgenden sind ausgeklammert die Ideologen und um
       die politische  Führung in den Bewegungen kämpfenden Gruppen, die
       unter ganz anderen Fragestellungen zu analysieren sind.
       24) Zu diesen  Veränderungen von  Jugend" sind anregende Gedanken
       entwickelt in  der Studie  Jugend '81,  Studie im Auftrag des Ju-
       gendwerks der Deutschen Shell, Hamburg 1981
       25) Vgl. dazu IMSF-Autorengruppe, Arbeitslose - Protest und Bewe-
       gung, Frankfurt/M. 1982
       26) Von 1077  Befragten nannten  2 die  DKP und 0 die NPD (Jugend
       '81, a.a.O., Band 1, S. 674, Tabelle G 1)
       27) Die Wähler der AL nannten folgende politischen Aufgaben deut-
       lich häufiger als die der Bundestagsparteien: Bereitstellung bil-
       ligen Wohnraums  (86%); Maßnahmen gegen den "Filz" in Politik und
       Verwaltung (74%);  Mehr Einfluß  der Bürger  auf die  politischen
       Entscheidungen  (68%);  Unterstützung  alternativer  Lebensformen
       (53%);  Verbesserung   der  Lebensbedingungen  in  Berlin  (50%).
       (Forschungsgruppe Wahlen e. V., Wahl in Berlin - Eine Analyse der
       Wahl zum  Abgeordnetenhaus am 10. Mai 1981, Mannheim 1981, S. 21;
       auf diese  Untersuchung beziehen sich auch die Angaben zum Arbei-
       teranteil unter den Wählern)
       28) Vgl. C.  Offe,  Konkurrenzpartei  und  kollektive  politische
       Identität, in:  R. Roth (Hg.), Parlamentarisches Ritual und poli-
       tische Alternativen, Frankfurt/M. 1980, S. 35
       29) Identität meint  hier die emotionale und rationale Gewißheit,
       daß die eigenen Handlungen und Pläne einen klaren und erkennbaren
       Zusammenhang, Sinn und Zielgerichtetheit haben.
       30) Differenzierter dazu  K. Gerhan  u. a.,  Rückkehr zur Sozial-
       partnerschaft?, Frankfurt/M. 1981, vor allem S. 72 ff.
       31) Diligenski weist  in diesem  Zusammenhang auf  die  besondere
       westeuropäische Tradition  der Hochschätzung von Persönlichkeits-
       werten auch  im Massenbewußtsein hin. Vgl. G.G. Diligenski, Sozi-
       alpsychologie und  Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse im heuti-
       gen Kapitalismus,  Reihe Theorie  und  Methode,  hgg.  vom  IMSF,
       Frankfurt/M. 1978, S. 40
       32) Die modernen  Massenmedien haben  uns real zu Weltbürgern ge-
       macht; wir  erhalten Bilder  und  Eindrücke  ins  Wohnzimmer  ge-
       liefert. Dabei  macht die  Spezifik der Auswahl im Imperialismus,
       daß wir  die  Welt  fast  ausschließlich  als  Krisen-  und  Ter-
       rorzusammenhang erfahren - Alternativlosigkeit als letzte Trumpf-
       karte bürgerlicher Ideologie.
       33) Dies ist  der Kern der meisten soziologischen Analysen zu den
       neuen Bewegungen.
       34) "In dem  Dreck kann man nur durch Widerstand man selber sein,
       weil die  Zerstörung der Umwelt ihre Ursache und Folge in der In-
       nenwelt hat."  Zit. nach  J. Leinemann,  Die Angst der Deutschen,
       Reinbek 1982, S. 127
       35) U. Holzkamp-Osterkamp  hat  diese  Voraussetzung  motivierten
       Handelns theoretisch herausgearbeitet. Im Anschluß an sie wird in
       dieser Arbeit Motivation für gesellschaftlich eingreifende Tätig-
       keit verstanden als emotionale Bereitschaft von Individuen in ei-
       ner bestimmten  Lage, zielgerichtete  Aktivitäten zu  entwickeln,
       weil man  sich von  ihnen subjektive Befriedigung in der Überwin-
       dung gegebenen relativen Ausgeliefertseins und empfundener Fremd-
       bestimmung zugunsten  erweiterter Kontrolle über eigene Lebensbe-
       dingungen erwartet  (vgl. U.  Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen  der
       psychologischen Motivationsforschung,  Band 2, Frankfurt/M. 1976,
       S. 61 ff., hier vor allem S. 74).
       36) Zur historisch-materialistischen  Auffassung der  Kultur  der
       Arbeiterklasse als  Hintergrund der  hier auf  die Arbeiterschaft
       beschränkten Ausführungen  vgl. M.  Verret, Über die Arbeiterkul-
       tur, in:  Kultur der Arbeiterklasse - Marxismus Digest 31, Frank-
       furt/M. 1977;  K. Maase,  Arbeiterklasse, Reproduktion und Kultur
       im heutigen  Kapitalismus, in: IMSF (Hg.), Kulturelle Bedürfnisse
       der  Arbeiterklasse,  München  1978;  Forschungsgruppe  Kulturge-
       schichte, Zu einigen Problemen der Kulturgeschichte der Arbeiter-
       klasse, in:  Mitteilungen aus  der kulturwissenschaftlichen  For-
       schung, hgg. vom Lehrstuhl Kulturtheorie der Sektion Ästhetik und
       Kunstwissenschaften der  Humboldt-Universität zu  Berlin, Band 4,
       Manuskriptdruck, Berlin (DDR) 1979.
       37) W.I. Lenin,  Erfolge und  Schwierigkeiten der Sowjetmacht, LW
       29, S. 54
       

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