Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       DREI ZENTREN EUROPÄISCHER FRIEDENS- UND RÜSTUNGSFORSCHUNG
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       EINE VERGLEICHENDE ANALYSE
       ==========================
       
       Jürgen Reusch
       
       1. Das  SIPRI, Stockholm - 2. Das IISS, London - 3. Das IIF, Wien
       - 4.  Zur Frage des globalen nuklear-strategischen Gleichgewichts
       - 5.  Rüstungsausgaben und  soziale Folgen  - 6. Das euronukleare
       Gleichgewicht - 7. Triebkräfte des Wettrüstens und die Abrüstung
       
       Die anwachsenden politischen und ideologischen Auseinandersetzun-
       gen um  Krieg und  Frieden haben auch einen Aufschwung derjenigen
       Forschung nach  sich gezogen, die sich mit diesen Fragen beschäf-
       tigt. Die hier vorgestellten und miteinander verglichenen europä-
       ischen Institute  stellen eine  in gewisser  Weise repräsentative
       Auswahl dar. Sie vertreten drei Hauptströmungen im wissenschafts-
       theoretischen und  weltanschaulichen Streit um Krieg und Frieden.
       Ihre Ausstrahlung auf die BRD ist beträchtlich.
       Das  Londoner   International  Institute  for  Strategie  Studies
       (Internationales Institut  für strategische  Studien) macht  sich
       zum Multiplikator der NATO-Kreise, die unter Berufung auf die an-
       gebliche kommunistische  Bedrohung Frieden  und Sicherheit  durch
       militärische Stärke  erhalten zu  wollen vorgeben.  Das Stockholm
       International Peace Research Institute (Stockholmer Internationa-
       les Friedensforschungsinstitut)  dagegen vertritt in seinem unbe-
       stritten ernsthaften  Friedensengagement eine "neutrale", bürger-
       lichpazifistische Linie der Friedenssicherung durch Abrüstung und
       Abbau von Spannungen bei prinzipieller Beibehaltung der bestehen-
       den gesellschaftlichen  Verhältnisse. Das  Wiener  Internationale
       Institut für den Frieden mobilisiert Wissenschaft im kapitalisti-
       schen und  sozialistischen Europa für eine Friedenssicherung, die
       auch die  sozialökonomischen Grundlagen des Krieges aufdecken und
       verändern helfen soll.
       Die drei  Institute haben nicht exakt die gleichen Arbeitsgebiete
       und lassen  innerhalb ihrer  Veröffentlichungen in unterschiedli-
       chem Maße divergierende Auffassungen zu. Dennoch gestatten es die
       Äußerungen ihrer führenden Repräsentanten und die in ihren regel-
       mäßigen  Publikationen  bevorzugt  vertretenen  Positionen,  eine
       Hauptlinie zu  erkennen, zu  der hier  kritisch Stellung genommen
       wird. Zweck  der Analyse  ist es, herauszuarbeiten, was diese In-
       stitute dem  Kampf der Arbeiter- und Friedensbewegung jeweils ge-
       ben können und was nicht.
       
       1. Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI)
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       SIPRI wurde  1966 in Stockholm aus Anlaß des 150. Jahrestages un-
       unterbrochenen Friedens  in Schweden gegründet. 1) SIPRI betrach-
       tet sich  selbst als  unabhängiges Institut  für Fragen der Frie-
       dens- und  Konfliktforschung mit  besonderer Berücksichtigung der
       Probleme von  Abrüstung und  Rüstungskontrolle. Es  beabsichtigt,
       den Stand  und Charakter  des Wettrüstens  sowie die  Versuche zu
       seiner Beendigung  zu erforschen  und erklärt in seinen Statuten,
       einen wissenschaftlichen  Beitrag zur friedlichen Lösung interna-
       tionaler Konflikte  und zu  einem dauerhaften  Frieden leisten zu
       wollen. Seine  Finanzierung wird  durch die schwedische Regierung
       gesichert und  beträgt pro  Jahr etwa eine Million Dollar. 2) Der
       Mitarbeiterstab sowie Vorstand und wissenschaftlicher Beirat sind
       international besetzt.  Eine  formelle  Mitgliedschaft  kennt  es
       nicht.
       Der  erste   Direktor  des  SIPRI  war  Prof.  Dr.  Robert  Neild
       (Großbritannien); ihm folgte 1972 Frank Barnaby, der unlängst von
       Frank Blackaby abgelöst wurde. Stellvertretender Direktor ist im-
       mer ein  Mitglied des schwedischen Außenministeriums, und gewöhn-
       lich gehört  auch ein  schwedischer Offizier mittleren Ranges dem
       Institut als  Berater an.  3) Der  Vorstand des SIPRI besteht aus
       acht Personen.  1981 gehörten ihm neben Barnaby folgende Mitglie-
       der an: Dr. Rolf Björnerstedt (Schweden) als Vorsitzender; Robert
       Neild als stellv. Vorsitzender; Tim Greve (Norwegen); Dr. Max Ja-
       kobson; Prof.  Dr. Karl-Heinz  Lohs (DDR);  Prof. Dr.  Leo  Males
       (Jugoslawien); Prof.  Dr. Bert  Röling (Niederlande). Er wird von
       der schwedischen Regierung für fünf Jahre ernannt und tritt zwei-
       bis dreimal jährlich zusammen. SIPRI's Mitarbeiterstab ist inter-
       national und umfaßt ca. 40 Personen, die für 1-5 Jahre angestellt
       sind. Nicht alle Wissenschaftler, die sich an seinen Veröffentli-
       chungen beteiligen,  sind ständige Mitarbeiter des Instituts. Au-
       ßerdem besitzt  das Institut  einen 24köpfigen wissenschaftlichen
       Rat, der  mindestens einmal in fünf Jahren tagt; ihm gehören auch
       Wissenschaftler aus der UdSSR an. Er ist lediglich ein beratendes
       Organ.
       SIPRI gibt  an, daß sich seine Veröffentlichungen überwiegend auf
       US-amerikanische Quellen stützen, nämlich Materialien des US-Kon-
       gresses und  militärtechnische Zeitschriften,  Publikationen  der
       US-Regierung und großer US-Forschungsinstitutionen. SIPRI verwen-
       det nur  öffentlich zugängliches Material. Die Quellen werden je-
       doch nicht  in allen  Fällen aufgeführt.  SIPRI weist darauf hin,
       dieses Material, auf das man sich deswegen stütze, weil es im Un-
       terschied zu  dem anderer  Länder reichlich  zur Verfügung stehe,
       dürfe keineswegs  unkritisch benutzt werden. Seine fast alleinige
       Verwendung schließe  keine dementsprechende  Wertung ein.  Dieser
       kritische Anspruch  wird allerdings  nicht in allen Fällen einge-
       löst.
       Die wichtigste und einzige regelmäßige Veröffentlichung von SIPRI
       ist sein  Jahrbuch. Es trägt heute den Titel "World Armaments and
       Disarmament. Sipri Yearbook"; Erscheinungs- und Berichtsjahr sind
       gleich. 1981  erschien der  zwölfte Band, an dessen Erstellung 18
       Autoren beteiligt  waren. Die  Jahrbücher haben  einen Umfang von
       rund 500 Seiten; als ihre Aufgabe wird bezeichnet, zum umstritte-
       nen Thema des Wettrüstens und den Versuchen, es zu stoppen, einen
       sachkundigen und  ausgewogenen Bericht  zu geben.  Die Jahrbücher
       1980 und  1981 sind  auch in  gekürzter deutscher Übersetzung er-
       schienen. 4)  1980 wurde  ein kumulativer Index zu den bisherigen
       zehn Jahresbüchern  veröffentlicht. Eine übersichtliche Zusammen-
       fassung der SIPRI-Forschungen kann auch dem Handbuch "Rüstung und
       Abrüstung im  Atomzeitalter" entnommen  werden, das in englischer
       und deutscher Fassung vorliegt. 5)
       Ein SIPRI-Jahrbuch  besteht aus  zwei Teilen:  einer analytischen
       Darstellung und  reichhaltigem statistischem  Material. Die wich-
       tigsten Themen  sind: Entwicklung und Vergleich der Weltrüstungs-
       ausgaben; Entwicklung  von Militärtechnologie  und Abschreckungs-
       strategie; Produktion konventioneller Waffen; Waffenhandel; mili-
       tärische Nutzung des Weltraums; Entwicklung der nuklearen Waffen;
       Einschätzungen des  Stands der  Abrüstungs-  und  Rüstungsbegren-
       zungsbemühungen usw. Jedem Kapitel folgen entsprechende Statisti-
       ken. Es  ist zu Recht kritisiert worden 6), daß die Fülle der In-
       formationen häufig zu wenig aufbereitet und gelegentlich willkür-
       lich ausgewählt  ist. Eine  zweite Kritik  richtet sich gegen die
       "überempirische Betonung"  des Jahrbuchs.  Obwohl das SIPRI-Jahr-
       buch im  theoretischen Niveau dem Jahrbuch des Londoner IISS weit
       voraus ist,  verfügt es  über keine zusammenhängende methodologi-
       sche Grundlage bei der Verarbeitung des Datenmaterials. Die Kapi-
       tel des SIPRI-Jahrbuchs haben verschiedene Autoren und können di-
       vergierende Standpunkte  sowie unterschiedliche  Qualität aufwei-
       sen.
       Die SIPRI-Jahrbücher  vertreten  den  Standpunkt,  Rüstung  führe
       durchaus nicht  zu Sicherheit und Frieden, und die bisherigen Be-
       mühungen, den  Rüstungswettlauf zu bremsen, zu stoppen oder umzu-
       kehren, seien der Größe der Gefahr keineswegs angemessen.
       Außer  den  Jahrbüchern  veröffentlicht  SIPRI  auch  die  Reihen
       "Stockholm Papers"  und "Research Reports" sowie zahlreiche Mono-
       graphien, vor  allem Analysen  der Entwicklung neuer Waffenarten,
       ihrer militärstrategischen,  politischen, sozialen  und  biologi-
       schen Wirkung, Analysen zum Stand von Abrüstungs- und Rüstungsbe-
       grenzungsver-handlungen usw.,  und zwar  alle in englischer Spra-
       che. Zu  diesen und  ähnlichen Fragen veranstaltet SIPRI auch in-
       ternationale Symposien und nimmt seinerseits an Konferenzen ande-
       rer Institutionen teil, z. B. der Pugwash-Konferenz, Tagungen der
       Weltföderation der Wissenschaftler, dem Weltkongreß der Friedens-
       kräfte 1973 in Moskau und Symposien des IIF.
       Es ist  durchaus solchen  Fachleuten und  Friedensforschern zuzu-
       stimmen, die  SIPRI's ernst  zu nehmende und konstruktive wissen-
       schaftliche Tätigkeit im Sinne der Friedenssicherung hervorheben.
       7) Die  weitere Darstellung  wird allerdings auch zeigen, daß SI-
       PRI's "neutraler" Standpunkt bestimmte Wesenszüge des Wettrüstens
       nur unzulänglich oder direkt falsch zu erklären vermag.
       
       2. Das Londoner International Institute
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       for Strategie Studies (IISS)
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       Das Londoner  Internationale Institut  für  Strategische  Studien
       wurde 1958  von einer  Gruppe britischer Wissenschaftler, Politi-
       ker, Journalisten und Kirchenvertreter gegründet. 8) Nach eigenen
       Angaben wurde  es 1964  in ein  internationales Institut umgewan-
       delt. Das IISS beansprucht Unabhängigkeit von Regierungen und be-
       hauptet, niemandes besondere Interessen zu vertreten. Ihm gehören
       als Mitglieder  öffentliche Institutionen, Beamte der staatlichen
       Bürokratien, besonders  von  Verteidigungsministerien,  Journali-
       sten, Politiker, private Unternehmen usw. aus über 60 Ländern an,
       und zwar  600 individuelle  und etwa  500 korporative Mitglieder.
       Sozialistische Länder gehören dem Institut nicht an.
       Über seine  Finanzquellen macht das Institut nur vage Angaben. Es
       verfügt über  einen Etat, der durch Zuwendungen einer "Anzahl von
       Ländern in  Amerika, Europa  und Asien"  gespeist wird, d.h. Mit-
       gliedsbeiträge, Einnahmen  aus Verkaufserlösen,  private  Spenden
       z.B. von  Stiftungen; es  kursieren nicht  nachprüfbare  Gerüchte
       über Finanzhilfen  von Regierungen kapitalistischer Länder. 1974-
       76 erhielt  das IISS  etwa 72 000  DM Zuschüsse von der Deutschen
       Gesellschaft für  Friedens- und  Konfliktforschung. 9)  Wie immer
       die Finanzierung auch vor sich gehen mag - dem rein quantitativen
       Umfang seiner  Forschungstätigkeit nach kann das Institut auf be-
       trächtliche Mittel zurückgreifen.
       Der Direktor  des Institutes ist Christoph Bertram (BRD); Gregory
       Treverton ist  stellv. Direktor.  Dem insgesamt 37köpfigen Beirat
       des Instituts steht Ernst van der Beugel (NL) vor. Alle leitenden
       Organe werden auf einer jährlichen Mitgliederversammlung gewählt.
       Der Mitarbeiterstab des IISS ist international. Es vergibt regel-
       mäßig - meist einjährige - Forschungsaufträge an Wissenschaftler,
       die nicht dem Institut angehören. Die so gewonnenen Arbeiten wer-
       den in den Schriften des IISS veröffentlicht.
       Das IISS weist seiner Arbeit drei Hauptfunktionen zu: Es bezeich-
       net sich  als Forschungsinstitut, Informationszentrum und Diskus-
       sionsforum für  Probleme der  internationalen Sicherheit. Es geht
       von der  Annahme aus,  daß im  "Atomzeitalter" internationale Si-
       cherheit, Verteidigung und Rüstungskontrolle vernünftiges Handeln
       erfordern und  will dazu einen Beitrag leisten. Dieses Selbstver-
       ständnis verdient  besondere Beachtung,  weil es  im Vergleich zu
       SIPRI und  IIF einen  grundsätzlich anderen  Standpunkt  deutlich
       macht: Das Londoner Institut geht keineswegs eindeutig davon aus,
       daß Wettrüsten und Sicherheit sich umgekehrt proportional verhal-
       ten; es  tritt nicht  konsequent für Abrüstung ein; sein Anliegen
       ist nicht, auf die besorgniserregende Höhe der Militärausgaben zu
       verweisen, sondern  es sucht  nach Wegen,  Rüstung und Sicherheit
       auf einen Nenner zu bringen. Insofern ist es durchaus dem Sicher-
       heitsverständnis der  Abschreckungsstrategie verpflichtet. Konse-
       quenterweise bezeichnet  sich das IISS daher auch nicht als Frie-
       densforschungsinstitut.
       Über seine  Informationsquellen gibt  das Institut  nur spärliche
       Auskunft. Es gehören dazu: verschiedene militärtechnische Handbü-
       cher, Informationen aus der Presse und von Mitgliedern des Insti-
       tuts. 10) Die Lektüre der IISS-Publikationen zeigt rasch, daß US-
       Regierungsbehörden, besonders  die CIA,  NATO-nahe  Zeitschriften
       und ähnliche  Quellen bevorzugt  werden. Das IISS läßt den kriti-
       schen Umgang  mit diesen Quellen vermissen. Häufig bleibt unklar,
       aus welchen  Quellen die  Informationen stammen.  Der scheinbaren
       Objektivität der Fakten gegenüber ist Mißtrauen angebracht.
       Die wichtigste  Veröffentlichung des  IISS ist sein Jahrbuch "The
       Military Balance" (Das militärische Kräfteverhältnis, TMB; Umfang
       1981/82 etwa 120 Seiten, Auflage ca. 13000 Exemplare, 11) was an-
       gesichts des niedrigen Preises eine recht hohe Verbreitung andeu-
       tet). Das schmale Buch enthält intensives Zahlenmaterial über Be-
       waffnungen konventioneller  und nuklearer  Art, über Mannschafts-
       stärken und  Verteidigungsausgaben  der  wichtigsten  Länder  der
       Erde. In  seiner heutigen  Form ist das Jahrbuch in drei Hauptab-
       schnitte gegliedert:  der erste und umfangreichste stellt die Be-
       waffnung der militärischen Bündnisse und einzelnen Länder detail-
       liert dar; der zweite enthält Tabellen (Rüstungsausgaben, Kräfte-
       vergleiche usw.); der dritte und kürzeste gibt eine als "Analyse"
       bezeichnete Einschätzung des militärischen Gleichgewichts, beson-
       ders für  Europa. TMB verzichtet weitgehend auf theoretische Aus-
       führungen und methodologische Überlegungen. Die scheinbare Objek-
       tivität der dargebotenen Fakten enthält allerdings massive Bewer-
       tungen, die nicht immer offen als solche erkennbar sind. TMB will
       offenbar keine  theoretischen Einsichten vermitteln, sondern rein
       quantitative und teils qualitative Bewertungen und Kräfteverglei-
       che anstellen.
       Neben TMB  publiziert das  IISS den  "Strategie Survey"  (Strate-
       gische Übersicht),  eine jährlich  erscheinende Analyse der wich-
       tigsten Konflikte  in der  Welt und  der Rüstungsbegrenzungs- und
       Kontrollaktivitäten. Die  Zeitschrift des IISS, "Survival" (Über-
       leben), erscheint sechsmal im Jahr mit einem Umfang von 40 bis 50
       Seiten und  enthält neben  eigenen Artikeln  auch Nachdrucke  aus
       anderen Zeitschriften, Dokumente und Buchrezensionen.
       Die Schriftenreihe des IISS, "Adelphi Papers", bringt kurze Mono-
       graphien aus  dem Forschungsprogramm des Instituts (acht bis zehn
       Hefte pro  Jahr, bisher insgesamt etwa 170). Ausgewählte Monogra-
       phien werden  in der  "Adelphi Library" auch in Sammelbänden her-
       ausgegeben. Daneben  hat das  IISS zahlreiche  Bücher  vorgelegt.
       Alle IISS-Veröffentlichungen erscheinen in englischer Sprache.
       Das Institut  veranstaltet zahlreiche  Seminare und Gesprächsrun-
       den, "Alastair  Buchan Memorial  Lectures" (in  Erinnerung an den
       ersten Direktor des IISS) und eine jährliche Konferenz, deren Er-
       gebnisse ebenfalls in den "Adelphi Papers" veröffentlicht werden.
       Die Themen  der letzten  Konferenzen geben einigen Aufschluß über
       Schwerpunkte, die das IISS setzt: "Neue konventionelle Waffen und
       die Sicherheit  in Ost  und West"; "Perspektiven der sowjetischen
       Macht in  den achtziger  Jahren"; "Die  Zukunft der nuklearen Ab-
       schreckung"; "Konflikte  in der  Dritten Welt und die internatio-
       nale Sicherheit".
       Verschiedentlich wurde mit Recht darauf hingewiesen, daß das IISS
       der NATO  nahesteht und  Einschätzungen hervorbringt, die gewöhn-
       lich NATO-Standpunkte  unterstreichen.  Konsequenterweise  stützt
       sich die Bundesregierung in der Verteidigung ihrer Positionen ge-
       gen Friedensbewegung und kritische Friedensforschung auf das Lon-
       doner Institut  (s.u.). Am  schwerwiegendsten werden die vom IISS
       gelieferten Fakten  dadurch diskreditiert,  daß sie,  der politi-
       schen Großwetterlage folgend, von Fall zu Fall abgeändert werden,
       wenn es neue Rüstungsschritte zu rechtfertigen gilt. General Nino
       Pasti sagt  daher über  das IISS:  "Sein Ruf als unabhängige For-
       schungseinrichtung, die  exakte Informationen liefert, ist völlig
       ungerechtfertigt". 12)  Das mag auch damit zusammenhängen, daß an
       der Abfassung des IISS-Jahrbuchs "informierte" Mitglieder im bri-
       tischen Verteidigungsministerium  und der  US-Botschaft beteiligt
       sind. 13)
       
       3. Das Wiener Internationale Institut für den Frieden (IIF)
       -----------------------------------------------------------
       
       Das IIF  wurde 1957  auf Initiative  des Weltfriedensrats als ein
       internationales Institut gegründet. 14) Von SIPRI und IISS unter-
       scheidet es  sich in  Größe, Struktur  und  Aufgabenstellung  be-
       trächtlich. Das  IIF gibt kein den Jahrbüchern der beiden anderen
       Institute vergleichbares  militärisches Handbuch heraus. Militär-
       technische Studien  und Kräftevergleiche sind nicht sein Hauptan-
       liegen. Das  IIF ist,  gemessen an  SIPRI oder  IISS, ein relativ
       kleines Institut mit einer geringen Zahl fester Mitarbeiter. Den-
       noch hat  es eine  außerordentlich umfangreiche und international
       vielbeachtete wissenschaftliche  Tätigkeit entwickelt,  die  auch
       auf die BRD ausstrahlt.
       Laut Satzung verpflichtet sich das IIF, "zur Erhaltung, Sicherung
       und Festigung  des Friedens  in der  ganzen Welt beizutragen". Es
       konzentriert seine Aktivitäten auf Friedensforschung, die Organi-
       sation von wissenschaftlichen Konferenzen und Symposien sowie die
       Veröffentlichung ihrer  Resultate. Das IIF ist zu einem anerkann-
       ten Treffpunkt  für Wissenschaftler aus Ost und West geworden und
       ermöglicht einen  offenen Meinungsaustausch über alle Aspekte der
       Friedensproblematik, über  die Ursachen  von Konflikten  und  die
       Wege zu  ihrer Überwindung  aus unterschiedlichen  wissenschafts-
       theoretischen  und  weltanschaulichen  Positionen.  Bredow  sagte
       schon 1973  über das IIF: "Das Wiener Internationale Institut für
       den Frieden...  versucht  seit  einiger  Zeit  in  beispielhafter
       Weise, Wissenschaftler  aus Ost  und West zu gemeinsamen, offenen
       Diskussionen zusammenzubringen,  um die sich anbahnende gesamteu-
       ropäische Kooperation vorbereiten zu helfen." 15)
       Mitglieder des  Instituts sind Organisationen (z.B. wissenschaft-
       liche Institutionen  der Friedensforschung aus Österreich, Bulga-
       rien, Ungarn,  Polen, der  UdSSR, Finnland, der CSSR, der DDR und
       auch der  BRD, wie die Hessische Stiftung Friedens- und Konflikt-
       forschung) und Einzelpersonen. Das IIF wird durch Beiträge seiner
       Mitglieder finanziert;  der  jährliche  Mitgliedsbeitrag  belauft
       sich auf  mindestens 10  Dollar für  Personen und 1000 Dollar für
       Institutionen.
       Der Schwerpunkt  der Tätigkeit  des IIF liegt in der Organisation
       von Tagungen,  deren Dokumente  in verschiedenen  Sprachen veröf-
       fentlicht werden.  Deren wissenschaftliche  und politische Breite
       hat das  IIF selbst  zu einem  aktiven Faktor der Entspannung und
       Friedenssicherung in  Europa werden  lassen, ganz im Sinne seines
       Selbstverständnisses, öffentlichen  Druck in  Richtung auf  Frie-
       denssicherung entwickeln zu wollen.
       Einige Themenkreise  dieser Konferenzen  seien hier  genannt: Rü-
       stung - globale Probleme - Ökologie; Marxisten und Christen; Pro-
       bleme der  Entspannung in  Europa; Fragen  des Charakters und der
       Lösung internationaler Konflikte; die Rolle der Öffentlichkeit im
       Friedenskampf; Wege  des Verbots  neuer Massenvernichtungswaffen;
       Rüstungskonversion; die  Rolle der  transnationalen  Monopole  im
       Wettrüsten usw.  Für 1982 plante das Institut u.a. Symposien über
       neue Chemische Waffen; über aktuelle Probleme gegenwärtiger anti-
       militaristischer Bewegungen  und über  vertrauensbildende Maßnah-
       men. Bei  solchen Anlässen  arbeitet das  IIF häufig  mit anderen
       wissenschaftlichen Institutionen  zusammen,  z.B.:  International
       Peace Research  Association; International Peace Science Society;
       SIPRI; Institut für Internationale Politik und Wirtschaft, Berlin
       (IPW); Peace  Research Institute, Oslo (PRIO); Weltföderation der
       Wissenschaftler; Club  of Rome;  Weltfriedensrat u.a. 1974 erwarb
       das IIF  den Status C einer nichtstaatlichen Organisation bei der
       UNESCO, 1978 den Status B (konsultativ). Das IIF arbeitete mit an
       der 1978  von der UNESCO herausgegebenen Bibliographie zu den so-
       zialökonomischen Folgen  des Wettrüstens  und der  Abrüstung.  Im
       gleichen Jahr beteiligte es sich an der UNO-Sondertagung über Ab-
       rüstung. 16)
       Das IIF  veröffentlicht  eine  Vierteljahreszeitschrift  "Wissen-
       schaft und Frieden" in deutscher und englischer Sprache. Führende
       Repräsentanten  haben   auch  beachtenswerte  eigene  Forschungs-
       arbeiten vorgelegt, so z.B. Gerhard Kade.
       Als Quellen  verwendet das  IIF  die  Veröffentlichungen  anderer
       Friedensforschungsund  Konfliktforschungsinstitute   in  Ost  und
       West, Materialien  der UNO,  einschlägige Periodika  usw. Ähnlich
       wie SIPRI  und im  Unterschied zum  IISS legt  das IIF über seine
       Quellen genau Rechenschaft ab.
       Mindestens alle  drei Jahre  einmal tagt  die Vollversammlung des
       Instituts; sie wählt ein Exekutivkomitee, das wiederum aus seiner
       Mitte ein Präsidium bestimmt. Zur Zeit gehören diesem Gremium an:
       Dr. Georg  Fuchs (Österreich),  Präsident; Prof. Dr. Gerhard Kade
       (BRD) und  Dr. Nikolai  Poljanow (UdSSR),  Vizepräsidenten; Prof.
       Dr.  Walter   Hollitscher  (Österreich),  Kanzler;  W.  Wassiljew
       (UdSSR), geschäftsführender  Direktor; sowie  eine Reihe weiterer
       Mitglieder. Das  Exekutivkomitee benennt einen wissenschaftlichen
       Beirat, der Wissenschaftler aus etwa zwanzig Ländern umfaßt.
       Die nachstehende  Analyse versucht,  die wissenschaftliche Tätig-
       keit der  drei Institute zu einigen Hauptfragen der Friedensbewe-
       gung und  Friedensforschung zu  vergleichen. Sie  beginnt mit der
       Behandlung des  globalen nuklear-strategischen Gleichgewichts; es
       folgen die Problematik der Militärausgaben und ihrer sozialökono-
       mischen Folgen, die Bewertung des nuklearen Gleichgewichts in Eu-
       ropa und  damit zusammenhängend des NATO-Beschlusses von 1979 und
       schließlich die  Frage der  Ursachen des Wettrüstens und der Mög-
       lichkeiten zu seiner Beendigung.
       
       4. Das globale nuklear-strategische Gleichgewicht
       -------------------------------------------------
       
       Zwischen USA und UdSSR, zwischen NATO und Warschauer Vertrag (WV)
       besteht etwa  seit dem Beginn der siebziger Jahre ein annäherndes
       militär-strategisches Gleichgewicht.  17)  Seine  nukleare  Seite
       wurde 1972  und danach  in den SALT-Verträgen, die konventionelle
       1973 beim  Beginn der Wiener MBFR-Verhandlungen als Ausgangspunkt
       anerkannt. Dieses Gleichgewicht ist eine von verschiedenen Kompo-
       nenten des  internationalen Kräfteverhältnisses  zwischen Kapita-
       lismus und Sozialismus und darf nicht mit diesem Kräfteverhältnis
       selbst identifiziert werden. Gleichgewicht bedeutet nicht Gleich-
       heit, sondern  besteht etwa  dann, wenn beide Seiten über die Fä-
       higkeit verfügen,  sich gegenseitig Vernichtungen von unerträgli-
       chem Ausmaß  beizubringen und  keine Seite zum allesvernichtenden
       Erstschlag in  der Lage  ist. Kernwaffen spielen hierbei die ent-
       scheidende Rolle und bilden den Kern dieses Gleichgewichts.
       Für die Sicherung von Frieden und Entspannung und die Möglichkeit
       konkreter Abrüstungsschritte  hat das Gleichgewicht eine zentrale
       Bedeutung. Es  geht nicht darum, einen "Fetisch" Gleichgewicht zu
       schaffen. Gleichgewicht  ist kein Selbstzweck, sondern unerläßli-
       che Voraussetzung  für Abrüstungsschritte  nach dem  Prinzip  der
       gleichen Sicherheit.  Beim  heutigen  Stand  des  internationalen
       Kräfteverhältnisses ist das militärstrategische Gleichgewicht die
       notwendige militärische  Komponente der  friedlichen  Koexistenz.
       Diese und  die Erhaltung  des Friedens  beruhen allerdings  nicht
       schlicht auf  dem Gleichgewicht "an sich", sondern auf der Fähig-
       keit des  Sozialismus, dieses  Gleichgewicht  aufrechtzuerhalten.
       Daß der Frieden heute in starkem Maße durch das Gleichgewicht ge-
       sichert wird,  ist makaber  und erschütternd, aber eine Realität.
       Auf die  Dauer kann  die Menschheit  aber nicht  auf Waffenbergen
       überleben, sondern  nur, wenn  das Gleichgewicht  als  Basis  für
       echte Abrüstung dienen wird.
       Von den  hier verglichenen  Instituten stellen SIPRI und IISS re-
       gelmäßig umfassende  militärische Kräftevergleiche an. Beide zei-
       gen, wenn auch mit abweichenden Zahlen, daß eine jahrelange stra-
       tegische Überlegenheit der USA bestand, und kommen ungefähr über-
       einstimmend zu  dem Ergebnis, etwa seit 1972 könne man vom Beginn
       des strategisch-nuklearen  Gleichgewichts sprechen  (vgl. Tab. 1,
       2).
       Es ist die für das IISS insgesamt typische Tendenz erkennbar, die
       Zahlen so  auszuwählen, daß  das Verhältnis für die USA etwas un-
       günstiger erscheint.  Die Quellen  aus regierungsoffiziellen  US-
       Kreisen  bleiben   im  einzelnen  im  dunkeln.  Festzuhalten  ist
       zunächst, daß  beide Institute  das numerische Verhältnis der nu-
       klearen strategischen  Trägermittel mit etwa 2000 zu 2500 für USA
       und UdSSR  angeben. Andere  Schätzungen, die  sich auf die Zahlen
       berufen, die  Experten bei  den SALT-Verhandlungen  erarbeiteten,
       setzen das  US-Potential mit 2300 Trägereinheiten etwas höher an.
       20) Bei  diesem Verhältnis kommt den strategisch verwendbaren Nu-
       klearsprengköpfen die  ausschlaggebende Bedeutung  zu (vgl.  Tab.
       3).
       
       Tab. 1:
       Entwicklung   des    strategisch-nuklearen   Gleichgewichts   von
       1965-1981 nach SIPRI 18)
       
                    1965  1966  1967  1968  1969  1970  1971  1972
                    1973  1974  1975  1976  1977  1978  1979  1980  1981
       
              ICBM   854   934  1054  1054  1054  1054  1054  1054
                    1054  1054  1054  1054  1054  1054  1053  1052  1052
              SLBM   464   592   656   656   656   656   656   656
       USA           656   656   656   656   656   656   656   676   600
              Bomber 738   708   697   646   581   517   565   525
                     500   500   500   430   348   348   348   348   348
              Summe 2056  2234  2407  2356  2291  2227  2275  2235
                    2210  2210  2210  2058  2058  2058  2057  1976  2000
       
              ICBM   262   338   720   900  1200  1498  1527  1527
                    1547  1567  1587  1507  1447  1400  1398  1398  1398
              SLBM     -     -    27    59   155   248   360   456
       UdSSR         564   664   700   716   857   889   921   950   950
              Bomber 155   155   155   150   140   140   140   140
                     140   140   160   180   156   156   156   156   156
              Summe  417   493  1109  1109  1495  1886  2027  2123
                    2251  2371  2447  2403  2460  2445  2475  2504  2504
       _____
       ICBM: Intercontinental ballistic missile, Interkontinentalrakete;
       SLBM: Submarine-launched  ballistic missile, U-Boot gestützte Ra-
       kete.
       
       Tab. 2:
       Entwicklung   des    strategisch-nuklearen   Gleichgewichts   von
       1965-1981 nach IISS 19)
       
                    1965  1966  1967  1968  1969  1970  1971  1972
                    1973  1974  1975  1976  1977  1978  1979  1980  1981
       
              ICBM   854   904  1054  1054  1054  1054  1054  1054
                    1054  1054  1054  1054  1054  1054  1054  1054  1052
              SLBM   496   592   656   656   656   656   656   656
       USA           656   656   656   656   656   656   656   656   576
              Bomber 630   630   600   545   560   400   360   390
                     397   397   397   387   373   366   365   338   316
              Summe 1980  2126  2310  2255  2110  2110  2070  2100
                    2107  2107  2107  2097  2083  2076  2075  2048  1944
       
              ICBM   270   300   460   800  1050  1513  1527  1527
                    1575  1618  1527  1477  1350  1400  1398  1398  1398
              SLBM   120   125   130   130   160   304   448   500
       UdSSR         628   720   784   845   909  1028  1028  1028   989
              Bomber 190   200   210   150   150   140   140   140
                     140   140   135   135   135   135   156   156   150
              Summe  580   625   800  1080  1360  1957  2115  2167
                    2343  2478  2446  2457  2394  2563  2582  2582  2537
       _____
       Abkürzungen: siehe Tab. 1
       
       Tab. 3  zufolge stehen  heute 9000  Atomsprengköpfen der USA 7000
       der UdSSR  gegenüber. Das  IISS nennt  die gleichen Zahlen. Beide
       Institute beziehen  ihre Informationen  hier aus  US-Quellen. Die
       Kennziffern sind  mit Vorbehalt  aufzunehmen; andere  Schätzungen
       nennen Zahlen,  die das  Verhältnis weit  höher zugunsten der USA
       angeben. 21)  Außerdem verdient  es nähere  Betrachtung, wie sich
       die Zahlen  des IISS  im Lauf  der Jahre  verändert  haben.  1979
       stellte das  Institut fest,  die USA besäßen insgesamt 11 000 Nu-
       klearsprengköpfe für  strategische Trägermittel, was eine Verdop-
       pelung gegenüber  dem Vorjahr  sei. Ein Jahr später verblüffte es
       die Leser  mit der  Behauptung, die  USA hätten diese Zahl um 364
       Stück vermindert,  daher betrage  sie jetzt  7301. 22) 1981 wurde
       sie dann  mit 9000  angegeben, unter  Hinzurechnung der strategi-
       schen Bomber.  Derlei Zahlenspiele finden ihre Erklärung nicht im
       Auf und Ab der Rüstungsproduktion, sondern in den politisch-stra-
       tegischen Absichten  der Kräfte,  denen das  IISS  offenbar  ver-
       pflichtet ist. Harald Brown hatte nämlich die Zahl der US-Spreng-
       köpfe strategischer  Verwendbarkeit Anfang  1980 mit 9200 und die
       der Sowjetunion  mit 6000  angegeben. In der US-Politik wurde die
       Tendenz erkennbar, ein wachsendes Ungleichgewicht zuungunsten der
       USA konstruieren,  und das  IISS machte  sich zum  Propagandisten
       dieser Tendenz.
       
       Tab. 3: Strategische Nuklearsprengköpfe der USA und der UdSSR von
       1967-1981 nach SIPRI 23)
       
                1967  1968  1969  1970  1971  1972  1973
                1974  1975  1976  1977  1978  1979  1980  1981
       MIRV:
       USA      1710  1710  1710  1938  3386  4626  6490
                7086  8010  8634  7130  7274  7273  7000  7032
       UdSSR     747   959  1355  1746  1887  1983  2111
                2231  2287  3353  3894  4393  4937  5920  6848
       Gesamt:
       USA      4500  4200  4200  4000  4600  5700  6784
                7650  8500  8900  8500  9000  9200  9200  9000
       UdSSR    1000  1100  1350  1800  2100  2500  2200
                2500  2500  3500  4000  4500  5000  6000  7000
       _____
       MIRV bedeutet,  daß sich  auf einer Raketenspitze mehrere Spreng-
       köpfe befinden, die noch nach dem Abschuß einzeln lenkbar sind.
       
       Aus der  Tatsache, daß  die USA  etwas weniger Trägermittel, aber
       wesentlich mehr  und auch  technologisch höherwertige Sprengköpfe
       besitzen, ergibt  sich eine  ganz grobe Gleichwertigkeit der Ver-
       nichtungspotentiale beider  Seiten. Bei  Berücksichtigung anderer
       quantitativer  und  qualitativer  Faktoren  (Verhältnis  zwischen
       land- und  seegestützten Raketen  und Bombern,  Verhältnis der U-
       Boote, Verhältnis  von U-Booten und seegestützten Raketen, Reich-
       weite, Treffsicherheit,  Schnelligkeit, Sprengkraft,  Verwundbar-
       keit, Nachladbarkeit, Verhältnis von Einfach- und Mehrfachspreng-
       köpfen und  vieler anderer Faktoren, die nur schwer gegeneinander
       aufzurechnen sind)  ergibt sich  noch klarer  der Schluß, daß man
       von einem ungefähren nuklear-strategischen Gleichgewicht sprechen
       kann. Die Betonung muß aber auf ungefähr liegen, denn die Gesamt-
       schau ergibt  eine zugunsten der USA sich entwickelnde Bilanz. G.
       Kade, stellvertretender Präsident des IIF, ist im einzelnen näher
       darauf eingegangen, wie die USA das nuklearstrategische Gleichge-
       wicht aushöhlen, mit welchen Waffensystemen sie Überlegenheit er-
       reichen wollen und welche strategischen Absichten dahinterstehen.
       Hier sind,  neben Pershing  II und Cruise Missiles, besonders die
       MX-Raketen, die  Trident-II-Raketen, der B-1-Bomber und der Mark-
       12a-Sprengkopf für Minuteman-III-Raketen zu nennen.
       Im Unterschied  zum IISS,  das die Rolle der USA insgesamt unkri-
       tisch beurteilt, gibt SIPRI schon zu einem recht frühen Zeitpunkt
       aufschlußreiche Informationen,  wie die  USA  an  die  Frage  des
       Gleichgewichts herangehen. 24) Es zitiert den US-Verteidigungsmi-
       nister Clifford,  der 1969,  den Fakten  entsprechend,  noch  die
       klare nuklear-strategische Überlegenheit der USA feststellte. Nur
       fünf Monate  später behauptete  sein Nachfolger  Laird, die UdSSR
       besitze bereits die nuklear-strategische Überlegenheit und nähere
       sich einer  Erstschlagskapazität. Laird hatte bei dieser ans Wun-
       derbare grenzenden  Prognose nicht nur das militär-technologische
       Niveau der  UdSSR maßlos  übertrieben, sondern  auch  die  damals
       recht hohen  Steigerungsraten der  sowjetischen strategischen Rü-
       stung, die  mit den  USA gleichzuziehen versuchte, einfach in die
       Zukunft hochgerechnet.  Das wiederum  sollte Anlaß  sein, weitere
       Aufrüstungsmaßnahmen der  USA zu rechtfertigen. SIPRI zitiert das
       Eingeständnis des  ehemaligen US-Verteidigungsministers McNamara,
       von 1961  an die  gleichen Methoden  verwandt zu haben wie später
       Laird  (und  Nachfolger).  Daraus  zieht  SIPRI  die  zutreffende
       Schlußfolgerung: "Während der 60er Jahre waren derartige Bemühun-
       gen (um Rüstungsbegrenzung, J.R.) unmöglich gewesen, weil die USA
       eine zu  große Überlegenheit  hatten" Überlegene Stärke ist keine
       Basis für  erfolgreiche Verhandlungen.  Erst als  die Sowjetunion
       Ende der sechziger Jahre annähernd gleichzog, schien ein Abkommen
       über einen  Stopp an dem erreichten Punkt vorstellbar." 25) Damit
       erkennt SIPRI,  ähnlich wie  auch das IIF, die friedenserhaltende
       Rolle des  globalen Gleichgewichts  an, wie  sie auch von anderen
       marxistischen und  nichtmarxistischen Friedensforschern hervorge-
       hoben wird,  während das IISS dazu zu neigen scheint, dem Überle-
       genheitsstreben der USA theoretischen Flankenschutz zu geben.
       Von den  weiteren quantitativ und qualitativ meßbaren Komponenten
       des globalen militär-strategischen Gleichgewichts sollen hier die
       Truppenstärken ausgewählt werden, zu denen besonders das IISS de-
       tailliert Stellung  nimmt. Für  1980 gibt  es folgende Größenver-
       hältnisse an:  WV 4.669.000  Mann (davon  UdSSR 3.568.000),  NATO
       4.907.000 Mann  (davon USA 2.050.000). Diese aus NATO-nahen Quel-
       len stammenden  Zahlen stimmen  ungefähr mit  denen  sowjetischer
       Analysen überein.  Auch Kade  geht von  den IISS-Kennziffern  aus
       26), d.h.  von einer  ungefähren  Parität,  kritisiert  aber  mit
       Recht, das  IISS verzichte  auf den  notwendigen Hinweis, daß der
       Warschauer Vertrag nicht nur die NATO als potentiellen Gegner an-
       zusehen hat,  sondern (bei der derzeitigen politischen Konstella-
       tion) auch  die VR  China (und in gewisser Weise auch andere, der
       NATO nicht  angehörende kapitalistische Länder). Allein die Mann-
       schaftsstärke der  chinesischen Armee wird vom IISS mit 4.450.000
       angegeben. 27)  Diese notwendige Gegenüberstellung hat das Insti-
       tut offensichtlich nicht einfach vergessen, sondern es verzichtet
       darauf, um  den Eindruck  eines für  die UdSSR  relativ günstigen
       Kräfteverhältnisses zu erwecken. Denn wie sonst wäre es zu erklä-
       ren, daß  das IISS,  einer allgemeinen  Tendenz der NATO folgend,
       etwa seit  1969, also  seit der  Zeit, da die chinesische Führung
       sich offen  an die  Seite des  Imperialismus zu  stellen  begann,
       nicht mehr  die "kommunistischen Mächte" (d.h. den WV, China, Ko-
       rea, Vietnam  usw.) den  "westlichen  Allianzen"  gegenüberstellt
       28), sondern  nur noch  WV (bzw.  UdSSR) und NATO (bzw. USA) ver-
       gleicht und  die anderen Regionen der Welt unkommentiert daneben-
       stellt?
       Kade verzichtet  auch nicht  auf die  notwendige Differenzierung,
       daß ca.  eine halbe  Million US-Militärangehörige  auf 386 Stütz-
       punkten außerhalb  der USA  und rund  um die UdSSR gruppiert sind
       (ähnlich einem  Teil der  französischen  und  britischen  Streit-
       kräfte) -  ein weiterer Hinweis, wer wen bedroht. Das zeigt auch,
       daß rein numerische Gegenüberstellungen bei aller Wichtigkeit al-
       lein noch kein reelles Bild des tatsächlichen Kräfteverhältnisses
       geben.
       
       5. Rüstungsausgaben und soziale Folgen
       --------------------------------------
       
       Die Ausgaben eines Staates für militärische Zwecke und ihre Stei-
       gerungsraten geben  wichtige Auskünfte über die militärischen Po-
       tentiale und deren zukünftige Entwicklung. In dieser Frage diver-
       gieren die  Angaben und  Einschätzungen der  drei Institute  sehr
       stark.
       Wer in  irgendeiner Weise  Interesse daran  hat, die sowjetischen
       Militärausgaben möglichst  hoch anzusetzen,  z. B.  um "die  Bot-
       schaft von  der sowjetischen  Bedrohung unters  Volk zu  bringen"
       (SIPRI), stützt sich am besten auf die Publikationen des IISS, so
       wie es  offenbar auch  die Bundesregierung - allerdings ohne Hin-
       weis auf  ihre Quellen - praktiziert. 29) Das vom IISS verwandte,
       aus CIA-Darstellungen übernommene Verfahren zur Schätzung der so-
       wjetischen Militärausgaben  ist mehr  als zweifelhaft und wird in
       Kritiken von  SIPRI und  IIF als unwissenschaftlich verworfen: Es
       ist die  Dollar-Schätzung, d.h.,  es wird  zu errechnen versucht,
       wieviel Dollar es die USA kosten würde, die angenommenen sowjeti-
       schen Rüstungsleistungen  zu finanzieren.  30) Die  völlig unter-
       schiedlichen  ökonomischen   Verhältnisse,  die  unterschiedliche
       Preisstruktur der  sowjetischen Wirtschaft,  unterschiedliche Ar-
       beitsproduktivität  in  verschiedenen  Industriezweigen  und  die
       ebenfalls unterschiedliche  Besoldungsstruktur  der  sowjetischen
       Streitkräfte bleiben  dabei völlig  unberücksichtigt.  Das  führt
       z.B. zu der absurden Konsequenz, daß die sowjetischen Militäraus-
       gaben steigen,  wenn der US-Wehrsold erhöht wird. Auf diese Weise
       kommt das  IISS-Jahrbuch für  1975 zu  dem Ergebnis, die sowjeti-
       schen Rüstungsausgaben  lägen fast 40% über denen der USA. Andere
       dort wiedergegebene Studien, z.B. der CIA, geben sogar 50% höhere
       sowjetische Rüstungsausgaben  an. 31) Ebenso dubios wie diese An-
       gaben ist  auch die Behauptung des IISS, die UdSSR verwende jähr-
       lich 12-14%  ihres Bruttosozialprodukts für Rüstung, die USA hin-
       gegen nur 5,9 (1975) bis 5,5 (1980) Prozent.
       In einer  Studie des  IIF hat  Nino Pasti darauf hingewiesen, die
       vom IISS benutzte CIA-Methode sei eigens dazu erfunden worden, um
       die sowjetischen  Rüstungsausgaben höher  als in Wirklichkeit an-
       zugeben und  mit Hilfe  dieser Bedrohungslegende  die Tatsache zu
       vertuschen, daß  die USA  von allen  Staaten der Welt die meisten
       materiellen Mittel für Rüstung aufwendeten. Pasti zitiert aus ei-
       ner internen  CIA-Schätzung, die trotz solcher Verrenkungen nicht
       um das Eingeständnis herumkommt, die US-Militärausgaben seien die
       höchsten. 32)
       SIPRI analysiert eine weitere Methode, die sowjetischen Rüstungs-
       ausgaben zu  schätzen, nämlich auf Rubel-Basis. 33) Da die Besol-
       dung der  sowjetischen Wehrpflichtigen viel niedriger ist als das
       Gehalt der  US-Berufssoldaten, fallen  Veränderungen in der Mann-
       schaftsstärke hier  wenig, Veränderungen in der Ausrüstung hinge-
       gen viel höher ins Gewicht. Deshalb wird diese Methode meist dann
       angewandt, wenn  besonders hohe Steigerungsraten des sowjetischen
       Verteidigungshaushalts angegeben werden sollen.
       SIPRI benutzt  in seinen  Vergleichen bis  1974 die  von der  So-
       wjetunion selbst veröffentlichten Zahlen über militärische Ausga-
       ben. Seither verwendet das Institut die Methode der Schätzung der
       Restbeträge: Es wird ausgerechnet, wieviel übrigbleibt, wenn alle
       anderen bekannten  Posten vom  Gesamtetat abgezogen werden. SIPRI
       kann dabei  natürlich nicht  mit Sicherheit sagen, ob der errech-
       nete Restbetrag  wirklich ausschließlich  für militärische Zwecke
       ausgegeben wird.  34) Aber  auch diese neue, durchaus angreifbare
       Methode führt  das Institut  zu der  Schlußfolgerung, daß USA und
       NATO in den Militärausgaben führend sind, obwohl jetzt die Ausga-
       ben der UdSSR und des WV wesentlich höher angesetzt werden. SIPRI
       errechnet eine  "ungefähre Parität"  der beiderseitigen Rüstungs-
       ausgaben. Die  Schätzungen für 1980 besagen, die Sowjetunion habe
       etwa 3,5 Prozent weniger für Rüstung ausgegeben als die USA, Ver-
       gleicht man die Weltmilitärausgaben, so entfallen 1980 auf den WV
       nur 26 Prozent, auf die NATO dagegen 43 Prozent. 35)
       
       Tab. 4:
       Weltmilitärausgaben 1971 und 1980 nach SIPRI (in Prozent):
       
                             1971     1980
       
       NATO (mit USA)         49%      43%
        USA                      32%      24%
       VR China               10%       9%
       andere Industrieländer  5%       6%
       Dritte Welt             9%      16%
       WV (mit UdSSR)         27%      26%
        UdSSR                    25%      24%
       
       Damit löst  sich die angebliche sowjetische Überrüstung in nichts
       auf. Das  Verhältnis zwischen  NATO und  WV beträgt  demnach 1980
       1,65 zu  1. Kade  gibt für 1977 ein Verhältnis von 1,72 zu 1 an -
       wobei auch  hier gilt, daß der WV nicht nur zur NATO ins Verhält-
       nis gesetzt  werden darf. Außerdem wird von SIPRI und IIF warnend
       hervorgehoben: Die  Entscheidung der  US-Regierungen  Carter  und
       Reagan, die  Rüstungsausgaben drastisch  zu steigern,  verschiebt
       die bestehenden  Kräfteverhältnisse auf  gefährliche Weise - eine
       Tendenz, auf  die das  IISS nicht eingeht. 36) Die Realität über-
       trifft die  Befürchtungen noch:  Das  US-Militärbudget  für  1981
       wurde auf  182 Mrd. Dollar angehoben, 38 Mrd. mehr als im Vorjahr
       und doppelt  soviel wie  die Gesamtausgaben 1976. 37) Die Tendenz
       setzt sich fort. SIPRI kommentiert 38): "Mit dem generellen Rich-
       tungswechsel bei  ihren Militärausgaben reagieren die USA keines-
       wegs auf irgendwelche plötzlichen neuen Erkenntnisse über die Rü-
       stungsausgaben der  Sowjetunion." Nein,  es handelt sich vielmehr
       um einen  neuen expansiven Kurs, den, wie SIPRI schreibt, die USA
       nicht nur  selbst eingeschlagen  haben, sondern  zu dem  sie auch
       ihre Verbündeten drängen. Das ist einer der Faktoren, die das un-
       gefähre militärstrategische Gleichgewicht gefährden.
       Während das  IISS die  Steigerung der  Rüstungsausgaben als einen
       gewissermaßen natürlichen  Prozeß zu  betrachten scheint,  dessen
       soziale Folgen nicht untersucht werden, gehen SIPRI und noch aus-
       führlicher das IIF auf die unheilvollen sozialökonomischen Folgen
       der Rüstung  ein. Das IIF ist dieser Problematik in mehreren wis-
       senschaftlichen Konferenzen  nachgegangen, SIPRI hat in den Jahr-
       büchern und  einzelnen Untersuchungen dazu Stellung genommen. SI-
       PRI schreibt:  "Die grundlegende  wirtschaftliche Auswirkung  der
       Militarisierung der  Welt, in der wir leben, ist leicht beschrie-
       ben. Sie liegt in der Vergeudung der begrenzten Ressourcen dieser
       Welt. Würden die Ressourcen an Rohstoffen, Produktionskapazitäten
       und vor  allem an  menschlichen Fertigkeiten und menschlicher Er-
       findungskraft, die heutzutage in der Rüstungsindustrie eingesetzt
       sind, für  die Zivilwirtschaft genutzt, so hätte dies einen tief-
       greifenden Effekt auf den Lebensstandard des Durchschnittsbürgers
       in der  Welt." 39) Auch das IIF hat vielfach warnend auf das Aus-
       maß der  Ressourcenverschwendung für militärische Zwecke aufmerk-
       sam gemacht,  und beide  Institute verwiesen  besonders  auf  die
       Fehllenkung intellektueller Kapazitäten für die Rüstung, z.B. auf
       die Tatsache, daß 400 000 Wissenschaftler und Ingenieure der Welt
       (25 Prozent  der Gesamtzahl) für militärische Zwecke arbeiten und
       dabei die  Hälfte aller  Forschungs- und Entwicklungsausgaben für
       Rüstung verbrauchen.  40) Stefan Doernberg verweist mit Recht auf
       Marx' Feststellung,  daß Rüstung  "ökonomisch dasselbe  ist,  als
       wenn die  Nation einen Teil ihres Kapitals ins Wasser würfe". 41)
       SIPRI lenkt  den Blick auch auf die militärische Verwendung knap-
       per Rohstoffe  und Energie  als ökologisches  Problem. An anderer
       Stelle hat  das Institut die ökologisch katastrophalen Folgen des
       Vietnamkrieges, wie  sie durch die USA verursacht wurden, in dan-
       kenswerter Offenheit untersucht. 42)
       Das SIPRI-Jahrbuch  kritisiert allerdings  ungenannte Kommentato-
       ren,  die   die  Verschlechterung   der  Wirtschaftslage  in  den
       "westlichen Industrieländern"  im letzten  Jahrzehnt auf  die Rü-
       stung zurückführten. Diese These sei nicht haltbar, denn von 1945
       bis 1973  hätten sich  diese Länder trotz Rüstungsausgaben ökono-
       misch sehr  erfolgreich entwickelt;  die danach eingetretene Ver-
       schlechterung sei  mit keiner  signifikanten Änderung  dieses Rü-
       stungstrends verbunden  gewesen. 43) Hier beginnen SIPRI's Analy-
       sen erhebliche Verwirrung anzurichten.
       Zunächst ist  darauf hinzuweisen,  daß die Wirtschaftskrise 1974-
       76, die praktisch alle kapitalistischen Länder erfaßte, aus einer
       tiefgreifenden Verschlechterung der Kapitalverwertungsbedingungen
       hervorging. 44) Das hat zu einem merklichen Wandel in den sozial-
       ökonomischen Folgen der Rüstung geführt, der bisher am gründlich-
       sten von  der marxistischen  politischen Ökonomie erforscht wurde
       und sich in den Arbeiten des IIF widerspiegelt. Für die von SIPRI
       erwähnte Prosperitätsphase der kapitalistischen Länder trifft die
       in gewisser Weise konjunkturfördernde Funktionsbestimmung der Rü-
       stung (z.B.  Korea-Boom) zu, aber, wie Wladimir Aboltin auf einer
       IIF-Konferenz hervorhob,  nur mit vielen Einschränkungen. Der an-
       tizyklische Einfluß  von Rüstung,  etwa  durch  Nachfragebelebung
       oder Kapitalentwertung, d.h. Kompensierung von zyklischer Überak-
       kumulation, kann  nur als vorübergehend und trügerisch bezeichnet
       werden. Gleichzeitig werden nämlich negative Folgen viel größeren
       Ausmaßes vorbereitet,  und sie sind heute das bestimmende Moment.
       45) Die  Jahre 1973/74  markieren nicht  nur einen tiefgreifenden
       Wandel kapitalistischer  Verwertungsbedingungen, sondern auch ge-
       rade solche  "signifikanten Änderungen"  des Rüstungstrends,  die
       das SIPRI-Jahrbuch  nicht erkennen  kann. Die von ihm statistisch
       dargestellte jahrzehntelange  Dauer der Militarisierung und deren
       heute gigantisches  Ausmaß haben zu einer neuen Qualität geführt.
       46) Die  Rüstung ist seit 1973/74 genausowenig die einfache Ursa-
       che der  Krise, wie  sie vorher  die Ursache von Prosperität war.
       Aber, wie  in verschiedenen Beiträgen auf Konferenzen des IIF an-
       geführt, sie begann unter dem Einfluß der krisenhaften Tendenzen,
       die sich seit dieser Zäsur durchsetzten, ihre zeitweilige und be-
       schränkt konjunkturstimulierende  Wirkung  zu  verlieren,  wirkte
       vorwiegend destruktiv  und krisenverschärfend. 47) Der Preis, der
       für Rüstung gezahlt werden muß, ist heute so hoch, daß die Repro-
       duktion Schaden erleiden muß: Die mit Rüstung verbundene Ressour-
       cenvernichtung untergräbt die Grundlagen des kapitalistischen Re-
       produktionsprozesses selbst;  Rüstung behindert zunehmend den ge-
       samtgesellschaftlichen wissenschaftlich-technischen  Fortschritt;
       Rüstung "muß"  immer mehr durch Sozialabbau auf breiter Front fi-
       nanziert  werden,   führt  damit  wieder  zur  Krisenverschärfung
       ("strukturelle Militarisierung")  und behindert  den zivilen Pro-
       duktionsprozeß.
       Frank Blackaby,  der Verfasser  des hier besprochenen Kapitels im
       SIPRI-Jahrbuch, stimmt  solchen marxistischen  Erklärungsansätzen
       nicht zu.  Für ihn  ergibt sich  ein merkwürdiges  Paradoxon: Die
       heute einflußreiche  neokonservative oder monetaristische Doktrin
       wolle einerseits Staatsausgaben/Staatsverschuldung abbauen, ande-
       rerseits die  Rüstung steigern.  48) Was  Blackaby  als  "Schizo-
       phrenie" bezeichnet, ist die tiefe innere Widersprüchlichkeit der
       kapitalistischen Produktionsweise,  die heute  in  ihrer  privat-
       monopolistischen Entwicklungsvariante  zum Ausdruck  kommt.  Ohne
       den theoretischen  Erklärungsansatz der  Militarismus-  und  MIK-
       Konzeption muß  dieser Widerspruch  unerklärbar bleiben. Insofern
       dringen  verschiedene   Wissenschaftler  in  den  hier  genannten
       Arbeiten des IIF weiter vor als das SIPRI-Jahrbuch, indem sie die
       profit- und  machtstrategischen Interessen  der miteinander  ver-
       flochtenen und  am Militarisierungsprozeß beteiligten Kräfte her-
       ausarbeiten, die sich durchzusetzen versuchen bei Inkaufnahme ei-
       ner weiteren Untergrabung der Grundlagen des kapitalistischen Sy-
       stems. 49) Von seinem Ansatz Rüstung = Vergeudung ausgehend, plä-
       diert Blackaby  entschieden für Kürzung von Rüstungsausgaben, was
       ganz dem Friedensengagement von SIPRI entspricht. Er argumentiert
       dabei (links)keynesianistisch:  Für Erhöhung  der zivilen Staats-
       ausgaben, besonders  für die  Befriedigung sozialer  Bedürfnisse.
       Das würde  Arbeitslosigkeit abbauen  und die  Inflation nicht we-
       sentlich erhöhen.  Solchen Vorschlägen  kommt für die Erarbeitung
       von Sofortforderungen ein hoher Stellenwert zu, aber darüber hin-
       aus besteht  die Notwendigkeit,  ein umfassendes,  internationale
       und nationale,  politische und  sozialökonomische Seiten  berück-
       sichtigendes Programm  für Abrüstung und Friedenssicherung zu er-
       arbeiten, Alternativen der Friedensproduktion zu entwickeln, mas-
       senhaften Druck auf die militaristischen Kräfte auszuüben, wie es
       z.B. in  den Arbeiten von Doemberg, Kade u.a. angedeutet ist. 50)
       Der Kampf  um Abrüstung  kann und  muß jetzt und in naher Zukunft
       Erfolge zeitigen,  aber er  ist  zugleich  auch  Bestandteil  des
       Kampfes um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen.
       
       6. Das euronukleare Gleichgewicht
       ---------------------------------
       
       Das militärische Kräftegleichgewicht in Europa enthält viele Kom-
       ponenten, die  hier aus Platzgründen nicht betrachtet werden kön-
       nen. Ein Teil davon ist Gegenstand der Wiener MBFR-Verhandlungen,
       und verschiedene  Analysen haben  gezeigt, daß das IISS auch hier
       zu undurchsichtigen Zahlenmanipulationen, wie z.B. Übertreibungen
       der sowjetischen  Truppenstärken, neigt.  51) Hier  soll -  ihrer
       hervorragenden Bedeutung  wegen - nur der Frage nachgegangen wer-
       den, wie  die Institute  das euronukleare Kräfteverhältnis im Be-
       reich der  Mittelstreckenwaffen beurteilen,  in welcher Weise sie
       also in  die Debatte  um den  NATO-Beschluß eingreifen. Allgemein
       gesagt, verteidigt das IISS diesen Beschluß, während Stimmen, die
       für SIPRI und IIF sprechen, ihn, mit allerdings unterschiedlichen
       Akzenten, ablehnen.
       Bei der  Frage, welche  Systeme in der Diskussion um den NATO-Be-
       schluß zu  berücksichtigen sind,  stützt sich  das SIPRI-Jahrbuch
       auf den  zweifelhaften Begriff  "eurostrategisch":  "Der  Begriff
       'eurostrategisch' bezeichnet  Kernwaffen, die  in Europa  statio-
       niert sind,  bzw. bei  denen die  Wahrscheinlichkeit besteht, daß
       sie in  Europa eingesetzt  werden, und  mit denen es möglich ist,
       Ziele zu erreichen, die in einer beträchtlichen Entfernung inner-
       halb des  Territoriums des  Gegners liegen".  52) Da nicht in den
       SALT-Verhandlungen erfaßt,  würden sie auch "Grauzonenwaffen" ge-
       nannt. Diese  Definition enthält  durchaus richtige  Elemente der
       Funktionsbestimmung der  Waffen, doch kann die Verwendung des Be-
       griffs "eurostrategisch"  wegen der damit zusammenhängenden stra-
       tegischen Vorstellungen irreführend sein. Nino Pasti hat in einer
       Arbeit des IIF eine unseres Erachtens einleuchtendere Unterschei-
       dung vorgeschlagen  53): Strategische Kernwaffen sind solche, die
       für den  Einsatz auf  dem Territorium  von USA und UdSSR bestimmt
       sind, die also, von wo auch immer gestartet, das Territorium die-
       ser beiden  Länder erreichen  können.  Taktische  oder  operative
       Kernwaffen dagegen  sind für  den Einsatz auf dem Territorium der
       jeweiligen Verbündeten  gedacht. Der  Unterschied ist wesentlich.
       Der Einsatz strategischer Waffen würde die beiden Großmächte zer-
       stören; sie sind Gegenstand von SALT-Verhandlungen, taktische da-
       gegen nicht.  Der Begriff  "eurostrategisch" legt die Vorstellung
       nahe, es  gebe Atomwaffen, die im Sinne der NATO-Doktrin zu einer
       Eskalationsstufe unterhalb  der strategischen,  aber oberhalb der
       taktischen gehören. Hier liegt ein entscheidender Denkfehler. Aus
       der Sicht  der UdSSR  sind Kernwaffen, die von Westeuropa aus so-
       wjetisches Territorium  vernichten können, ebenso strategisch wie
       die US-Interkontinentalraketen,  und nicht  nur  "e u r o strate-
       gisch".   D.h., die  Sowjetunion spielt  das US-"Spiel"  von  der
       abgestuften Eskalation,  vom auf  Europa begrenzten  Nuklearkrieg
       nicht mit.  Umgekehrt  werden  die  sowjetischen  Mittelstrecken-
       waffen, die  nur Westeuropa, nicht aber die USA erreichen können,
       mit dem  Prädikat "eurostrategisch"  falsch eingeordnet, denn sie
       sind in  keiner  Weise  strategisch.  Es  gibt  nicht  neben  dem
       globalstrategischen  Kräfteverhältnis  noch  einmal  abgetrennte,
       regionale   "strategische"    Gleichgewichte.   Die   Bezeichnung
       "eurostrategisch" ist  weiterhin wenig  ergiebig, weil sie es er-
       laubt, die echten strategischen NATO-Systeme, die ins europäische
       Kräfteverhältnis hineingehören,  auszuschließen. Es  sollte daher
       besser von euronuklearem Gleichgewicht im weitesten Sinne gespro-
       chen werden,  wobei diese  Klassifizierung bezüglich  der Mittel-
       streckenwaffen noch weiter eingegrenzt werden muß.
       Diese Frage  ist durchaus nicht akademisch, denn von ihr hängt es
       ab, welche  Kernwaffen miteinander verglichen werden müssen, wenn
       z.B. die  Stichhaltigkeit  der  "Nachrüstungs"-Argumente  geprüft
       werden soll.  SIPRI zählt  dazu nicht  nur die  bekannten Mittel-
       streckenwaffen, sondern auch eine Reihe von Systemen mit kürzeren
       Reichweiten unter  1000 km,  z.B. die  sowjetischen SS-12-Raketen
       und die  Pershing 1A.  Dagegen schließt  SIPRI verschiedene NATO-
       Atombomber mit  strategischer Verwendungsfähigkeit in die Berech-
       nung nicht  ein. Auch  die auf  U-Booten stationierten US-Raketen
       vom Typ  Poseidon werden  nicht mitgezählt,  weil sie schon unter
       SALT-II fallen.  Allerdings verweist  SIPRI darauf,  ein Teil von
       ihnen sei  für Europa  bestimmt und  SACEUR (NATO-Oberkommando in
       Europa) unterstellt. 54) Auf diese Weise zählt SIPRI 1040 Systeme
       des  WV   und  629  der  NATO;  das  Verhältnis  der  Sprengköpfe
       (einschließlich der  Bomber) beträgt nach dieser Rechnung 2442 zu
       1352, also 1,8 zu 1 zugunsten des WV. Selbst bei Berücksichtigung
       der (nach  SIPRI) 48  amerikanischen Poseidon-Raketen  vermittelt
       das immer noch ein schiefes Bild von den tatsächlichen Kräftever-
       hältnissen im  euronuklearen Mittelstreckenbereich. Doch immerhin
       entbehrt SIPRIS Berechnung jeder Effekthascherei und hebt sich ab
       von den  abenteuerlichen Verrenkungen,  mit deren  Hilfe das IISS
       eine gefährliche nukleare Überlegenheit der Sowjetunion in Europa
       zu beweisen versucht. 55)
       Das IISS untersucht das Kräfteverhältnis der für den europäischen
       Kriegsschauplatz bestimmten  Atomwaffen (TNF  =  Theatre  Nuclear
       Forces. Theatre  ist NATO-Jargon  und meint  Europa, weil  es den
       Schauplatz des  von den USA in Erwägung gezogenen Atomkrieges ab-
       geben soll.  Die Verwendung der Fachsprache soll nicht zur Gewöh-
       nung an  deren zynischen  Hintersinn führen).  Gemeint sind  also
       nicht nur  Mittelstreckensysteme, sondern fast das ganze Spektrum
       der Atomwaffen kurzer, mittlerer und langer Reichweite. In diesem
       Sammelbegriff ist  die Differenzierung in taktische und strategi-
       sche Systeme  nicht enthalten. 56) Solche Vergleiche haben durch-
       aus ihren  Sinn. Bezüglich  des NATO-Beschlusses liefern sie aber
       keine Anhaltspunkte,  denn eine  realistische Auskunft  über  das
       Verhältnis der  Atomwaffen, die  die UdSSR von Europa aus strate-
       gisch bedrohen,  zu den dagegen gerichteten sowjetischen Systemen
       ist auf diese Weise nicht zu bekommen.
       Für 1979 konstatiert das IISS zwar eine leichte  q u a n t i t a-
       t i v e   Überlegenheit des  WV (2,6:1),  geht aber im allgmeinen
       noch von  einem ungefähren  Gleichgewicht  aus  ("something  very
       close to  parity"). Bei  Berücksichtigung  qualitativer  Faktoren
       verkleinert sich  der Abstand  auf ein  Verhältnis von 1,1:1. 57)
       Das IISS-Jahrbuch  behauptet allerdings,  die  Bilanz  verschiebe
       sich weiter  zugunsten des  Warschauer Vertrages.  Die SS-20 wird
       noch ganz  selbstverständlich als Modernisierung der alten SS-4/5
       anerkannt.
       Ein Jahr  später macht  das IISS eine völlig andere Rechnung auf.
       58) Die  Kriterien sind  ohne einsichtige Gründe drastisch verän-
       dert. Plötzlich  wird nur  noch dem  sowjetischen  Bomber  Tu-22M
       (Backfire) die Fähigkeit zugeschrieben, auf  e i n e m  Flug meh-
       rere Ziele anzugreifen, nicht aber den entsprechenden NATO-Syste-
       men. Gerade  die US-Bomber  vom Typ  F-111 und FB-111 aber werden
       dem Backfire  als technisch  mindestens  ebenbürtig,  wenn  nicht
       überlegen angesehen.  59) Ausgerechnet den hochmodernen US-Bomber
       FB-111, der für den euronuklearen Einsatz bestimmt ist, zählt das
       IISS gar  nicht auf.  Die Zahl der schon stationierten SS-20 wird
       mit 160  angegeben, jedoch nicht erwähnt, daß schätzungsweise ein
       Drittel davon  für den  asiatischen Teil  der UdSSR bestimmt ist.
       Besonders schwerwiegend  ist die Ausklammerung der Poseidon-Rake-
       ten aus  der Bilanz,  was das Kräfteverhältnis extrem zuungunsten
       der NATO manipuliert.
       Ist es  ein Zufall,  daß die  Bundesregierung in  ihrer Werbebro-
       schüre für  den NATO-Beschluß  genau dieses  letzte Argument  be-
       nutzt? Gerade  hier müssen  die kritischen Einwände ansetzen. 60)
       Zweifellos sind  diese Systeme  in SALT-II  schon  gezählt,  aber
       ebenso zweifellos sind sie von der NATO ausdrücklich für den Ein-
       satz in  Europa bereitgestellt  worden und  in die  entsprechende
       Zielplanung voll integriert, müssen also von der Sowjetunion ein-
       gerechnet werden  und fordern Reaktionen heraus. Die schematische
       Trennung von  globalem und  regionalem Gleichgewicht erweist sich
       besonders an diesem Beispiel als fragwürdig.
       Die höchst  zweifelhafte Verfahrensweise  des IISS  beruht offen-
       sichtlich nicht  auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, son-
       dern auf dem politischen Einfluß der Brüsseler NATO-Ministerrats-
       tagung vom  Dezember 1979. So stellt das IISS 1980 plötzlich eine
       klare euronukleare  Überlegenheit des  Warschauer Vertrages  fest
       und empfiehlt dringend die Aufstellung neuer US-Mittelstreckenra-
       keten. 61)  Womit das  Rechenkunststück seinen  Zweck erfüllt hat
       und die  "wissenschaftlich" begründete  Parteinahme für den NATO-
       Beschluß vollbracht ist. Ein Jahr später verstärkt das IISS diese
       Tendenz mit  wiederum drastisch  veränderten Zahlen und behauptet
       eine Überlegenheit  des WV  im Verhältnis 2,9:1, 1512 Systeme der
       NATO sieht  es durch  4430 Systeme des WV bedroht. Aber nicht nur
       die Auswahl der gezählten Waffen ist unredlich, sondern das ganze
       Verfahren: Denn  der Vergleich  von Atomwaffen  auch mit  relativ
       kurzen Reichweiten gestattet keineswegs eine Schlußfolgerung dar-
       über, ob die UdSSR im Mittelstreckenbereich Überlegenheit besitzt
       oder nicht.  Andererseits ist  die IISS-Bilanz  aber  auch  keine
       echte Aufrechnung  aller Atomwaffen  in und  für Europa, weil auf
       der NATO-Seite wichtige Systeme ausgelassen oder in ihrer militä-
       rischen Bedeutung verniedlicht werden.
       Das IISS  reproduziert ein  Argument, das Helmut Schmidt 1977 vor
       dem Institut  vortrug 62):  Das globalstrategische  Gleichgewicht
       neutralisiere die  Nuklearpotentiale der "Supermächte" und erhöhe
       die Bedrohung  durch die sowjetischen Mittelstreckenpotentiale in
       Europa, daher  sei  "Nachrüstung"  erforderlich.  Der  Denkfehler
       (oder die Täuschung) besteht darin, daß das globale Gleichgewicht
       keineswegs eine  vorher bestehende allesvernichtende Erstschlags-
       fähigkeit der USA aufgehoben hat; eine solche bestand bisher noch
       gar nicht.  Die gedankliche  Abkoppelung des regionalen Gleichge-
       wichts vom  globalen ist daher unsinnig. Das IISS macht sich also
       nicht nur  der Anstiftung zur Realisierung des tödlichen NATO-Be-
       schlusses schuldig,  sondern hilft  den  NATO-Kreisen  auch,  ihr
       Streben nach Erstschlagsfähigkeit theoretisch zu begründen.
       Als vorläufige  Schlußfolgerung aus  den von  SIPRI und  IISS und
       teilweise auch  vom IIF  vorgelegten Einschätzungen  ergibt sich:
       Der WV  besitzt als  Atomwaffen in  und für  Europa  mit  Mittel-
       streckenreichweite die  Raketen SS-20, SS-4/5, die U-Boot-Raketen
       SS-N-5 sowie  die Bomber Tu-22M (Backfire) und eine Reihe älterer
       Bombertypen Tu-16 und Tu-22 (Badger und Blinder). Zusammen ergibt
       das knapp  1000 Systeme. Die NATO besitzt ihrerseits die amerika-
       nischen Poseidon-  und britischen  und französischen U-Boot-Rake-
       ten, die französischen landgestützten Raketen, die britischen und
       französischen Bomber  (Jaguar, Vulcan,  Buccaneer, Mirage)  sowie
       die amerikanischen Flugzeuge, die zu Land und auf Flugzeugträgern
       stationiert sind.  Das sind  insgesamt etwa 1000 oder geringfügig
       mehr Systeme.  Als grobe  Annäherung und  unter  Vernachlässigung
       qualitativer Aspekte,  die für die NATO zu Buche schlagen würden,
       ergibt sich  demnach ein  ungefähres Gleichgewicht. 63) Damit be-
       sitzt die NATO in Europa alle Optionen, sowohl für den selektiven
       Einsatz gegen  militärische Zentren  als auch  für umfassende An-
       griffe auf  Städte. Von  der Notwendigkeit, eine Lücke im Mittel-
       streckenbereich zu schließen, kann überhaupt keine Rede sein.
       Das IISS ist aus fadenscheinigen Motiven von seiner früheren Auf-
       fassung, die SS-20 sei lediglich eine einfache Modernisierung der
       alten SS-4/5,  abgerückt. Hingegen  werden die  neuen  US-Mittel-
       streckensysteme gerade  als einfache Weiterentwicklung schon vor-
       handener Waffen  hingestellt. Die  kritischen Analysen  von SIPRI
       und IIF gelangen zu anderen Schlußfolgerungen. 64) Die SS-20 sind
       demnach zwar höherwertig als ihre Vorgänger, sonst wäre ihre Sta-
       tionierung ja  auch sinnlos,  aber sie  geben der UdSSR keinerlei
       neue Option,  die sie nicht schon jahrelang besäße. Ihre Treffsi-
       cherheit liegt  laut SIPRI  bei einer  Abweichung von  400 m. Das
       entspricht etwa  der der Pershing I und genügt nicht für die Zer-
       störung gesicherter militärischer Punktziele. Sie stellen die so-
       wjetische Antwort  auf die  Forward Based  Systems der  USA (d.h.
       atomare Bomber  und die  Poseidon-U-Boot-Raketen) ebenso  dar wie
       ihre Vorgänger.  Die Pershing-II  mit einem  Streukreisradius von
       nur 45  m oder  weniger ist  dagegen jene  qualitativ völlig neue
       Waffe, die  die Zerstörung  von Punktzielen  erstmals  gestattet.
       Ähnliches gilt  für  die  fast  unverwundbaren  Marschflugkörper.
       Sowohl SIPRI-Autoren  als auch  G. Kade  vom IIF lehnen daher mit
       Recht den NATO-Begriff der "Modernisierung" ab. Kade wie auch SI-
       PRI-Direktor Frank  Barnaby hoben  hervor, die  USA  verschafften
       sich mit den neuen Waffen erstmals die echte Fähigkeit zum atoma-
       ren Erstschlag.  Die durch SALT-II geschaffenen Begrenzungen wer-
       den dadurch unterlaufen, das strategische Arsenal außerhalb SALT-
       II wird  vergrößert, und  die Gefahr  einer, wie es kaltschnäuzig
       heißt,  "Kriegführungsstrategie"  seitens  der  US-Administration
       rückt näher.
       Diese Warnung bestätigt die Befürchtungen von Millionen Menschen,
       die sich  in der Friedensbewegung engagiert haben. Damit ist auch
       die Frage nach den Ursachen dieses Rüstungswahnsinns und den Mög-
       lichkeiten seiner Beendigung aufgeworfen.
       
       7. Triebkräfte des Wettrüstens und die Abrüstung
       ------------------------------------------------
       
       In ihren  Analysen bezüglich  der Triebkräfte des Wettrüstens und
       der Perspektiven  der Abrüstung kommen die verglichenen Institute
       zu gegensätzlichen Schlußfolgerungen, deren Inhalt für die Arbei-
       ter- und Friedensbewegung sehr bedeutsam ist.
       Über den Verlauf des Wettrüstens nach dem Zweiten Weltkrieg geben
       nur SIPRI und das IIF ernstzunehmende Auskunft. Das Wiener Insti-
       tut hat  eine umfangreiche Arbeit vorgelegt, die den Zusammenhang
       zwischen Frieden, Rüstung und Monopolen aufdeckt. G. Kade hat ge-
       zeigt, daß  seit dieser Zeit alle wichtigen Rüstungsschritte, be-
       sonders bei  den Atomwaffen,  von den USA ausgegangen sind. SIPRI
       hat im  Jahrbuch von 1974 eine wertvolle Chronologie des atomaren
       Wettrüstens gegeben, die zu ähnlichen Ergebnissen kommt, ohne al-
       lerdings wie Kade aufzudecken, daß die Ursache dafür im gegen den
       realen Sozialismus  gerichteten  imperialistischen  Streben  nach
       Weltherrschaft  liegt.   65)  Bekanntlich   kommt  den   USA  das
       "Verdienst" zu,  das Zeitalter der Atomwaffen und ihrer Anwendung
       eingeleitet zu haben. SIPRIS Darstellung zeigt, daß die USA schon
       die Sowjetunion  mit einer  strategischen Bomberflotte  bedrohten
       (1800 B-47),  als diese  überhaupt erst mit dem Aufbau einer sol-
       chen beginnen  konnte, nämlich 1956. Die USA begannen auch zuerst
       mit der  Entwicklung nuklearer  interkontinentaler Raketen,  doch
       gelang der  UdSSR, die wegen ihres technologischen Rückstands auf
       dem Gebiet  des Baus strategischer Flugzeuge hier die Kräfte kon-
       zentrierte, die  erfolgreiche Erprobung  zuerst (1957, USA 1958).
       SIPRI zeigt ganz unzweideutig, daß die USA nicht nur bei Bombern,
       sondern auch  bei Raketen  Überlegenheit anstrebten  und auch er-
       reichten. 1962  verfügten sie über 294 interkontinentale Raketen,
       die UdSSR dagegen erst über 75. Die Einrichtung der seegestützten
       Atomstreitmacht der Sowjetunion begann erst in den späten sechzi-
       ger Jahren  und war  in den siebziger Jahren noch im Aufbau. Eine
       der wichtigsten Neuerungen des Wettrüstens, die einzeln lenkbaren
       Sprengköpfe (MIR V), wurden in den USA schon seit 1957 entwickelt
       und 1970  serienmäßig stationiert.  Die UdSSR zog erst 1975 nach.
       66) Sowohl  SIPRI wie auch das IIF führen Fakten auf, die zeigen,
       daß die  UdSSR lediglich  die Überlegenheit  der USA beendete und
       etwa seit 1972/73 ein Gleichgewicht hält.
       Das IISS  gibt überhaupt  keine, SIPRI  recht wenig Auskunft dar-
       über, welche  Gründe die USA veranlaßten, nach 1945 derart massiv
       strategisch-nukleare Überlegenheit anzustreben. Sehr viel konkre-
       tere Informationen  erhält der  Leser aus  den Publikationen  des
       IIF. Das  Londoner Institut  argumentiert massiv  mit der  Bedro-
       hungslegende. Dafür  wurden schon eine Reihe Belege angeführt. In
       der Zeitschrift  der IISS erhalten Strategen das Wort, die zu den
       ausgesprochenen Hardlinern  des Konfrontationskurses gehören. Ed-
       ward N.  Luttwak z.B.  behauptet in  einem Artikel,  der aus  dem
       Rechtsblatt "Commentary"  übernommen wurde 67), die UdSSR sei zur
       größten Militärmacht  der Welt geworden, während die USA überwie-
       gend Rüstungsversäumnisse zu verzeichnen und besonders in Vietnam
       ihre militärische Inkompetenz bewiesen hätten. Es sei für die US-
       Rüstung noch  ein langer  Weg bis zum "Gleichgewicht", und Kriti-
       ker, die  den  sowjetischen  Gleichgewichtsvorstellungen  Glauben
       schenkten, seien als Defätisten abzulehnen. Mit ähnlichen Auffas-
       sungen läßt  das IISS  auch andere  Strategietheoretiker zu  Wort
       kommen.
       Was die  Aufdeckung der Bedrohungslegende und ihrer systemmäßigen
       Hintergründe betrifft,  sind besonders  die von  Gerhard Kade  im
       Rahmen der IIF-Forschungstätigkeit vorgelegten Arbeiten zu erwäh-
       nen. 68)  Kade wies  nach, daß  "Bomberlücken",  "Raketenlücken",
       "Panzerlücken" und  abermals die "Raketenlücken" in Europa propa-
       gandistische Manöver waren und sind, um imperialistischen Strate-
       gien der  Konfrontation und  Überlegenheit in  der Öffentlichkeit
       einen defensiven Anstrich zu geben.
       Im Unterschied  zum IISS  liegt SIPRI nicht auf der Linie der Be-
       drohungslegende. Seine  Position ist  jedoch in sich widersprüch-
       lich. SIPRI  und IIF üben massive Kritik an vielen Schritten, mit
       denen die USA das Wettrüsten anheizten. Den USA wird vorgehalten,
       in der  Entwicklung von  Silo-Killern die Initiative ergriffen zu
       haben, also bei typischen Erstschlagswaffen. Mit der Präsidenten-
       direktive 59  nehme das "Gewaltelement" in der US-Politik zu. Die
       Neutronenbombe wird als sehr gefährliche Neuerung betrachtet, die
       den Unterschied  zwischen konventioneller  und atomarer Kriegfüh-
       rung weiter  verwischt und das qualitative Wettrüsten verschärft.
       Sie sei,  heißt es, eine offensive Waffe, ein Instrument begrenz-
       ter nuklearer  Strategie. SIPRI betont auch, die USA besäßen seit
       1945 bis  heute ununterbrochene Überlegenheit bei konventionellen
       Waffen. 69)
       Auf die  Ursachen des  Wettrüstens eingehend  70), gibt SIPRI den
       beiden "Großmächten"  die Schuld, wenn diesen auch unterschiedli-
       che, aber  kaum näher  charakterisierte Motive eingeräumt werden.
       In anderem Zusammenhang wird die Konkurrenz der "Supermächte" für
       das Wettrüsten verantwortlich gemacht. Die Art und Weise, wie SI-
       PRI diesen populären und auch in der bundesdeutschen Friedensfor-
       schung und  Friedensbewegung häufig  anzutreffenden Erklärungsan-
       satz zu belegen versucht, dokumentiert dessen innere Widersprüch-
       lichkeit. Wenn  SIPRI schreibt,  jede "Supermacht"  behaupte, nur
       auf die  Bedrohung durch  die andere Seite zu reagieren, kann als
       Beispiel lediglich  auf die  USA verwiesen  werden, die stets die
       Bedrohungslüge benutzten.  Das Jahrbuch  des Instituts  zeigt  ja
       häufig selbst, daß jede wichtige neue Waffengeneration zuerst von
       den USA  entwickelt wurde,  daß diese auch die höchsten Rüstungs-
       ausgaben aufweisen.  Welch groteske  Züge das Wettrüsten annimmt,
       verdeutlicht SIPRI  am Beispiel der US-Militärplaner, die ein so-
       wjetisches Abwehrsystem gegen die Cruise Missiles als "Bedrohung"
       bezeichnen und  dieser mit  vorsorglichen  weiteren  Aufrüstungs-
       schritten begegnen wollen. In ihrer Gesamtheit sind das im Grunde
       Argumente  g e g e n  die Supermachtthese. Aber da die SIPRI-Ana-
       lysen nicht zu der Kernfrage vorstoßen, welche gesellschaftlichen
       Kräfte aus  welchen Motiven  ein konkretes Interesse daran haben,
       der Sowjetunion  militärisch überlegen zu sein, gelangt das Jahr-
       buch immer  wieder zu verwirrenden Schlußfolgerungen, die der Er-
       arbeitung einer  konsequenten Friedensstrategie  alles andere als
       förderlich sind.
       Das SIPRI-Jahrbuch  vertritt die  These, die  längst verselbstän-
       digte, allen rationalen Überlegungen zuwiderlaufende militärische
       Konkurrenz der "Supermächte" müsse die Triebkraft dieser Entwick-
       lung sein.  SIPRI spricht vom "technologischen Wettrüsten", d.h.,
       es wird  eine sich  selbst immer weiter eskalierende Eigendynamik
       der militärischen  Entwicklung auf  beiden Seiten angenommen. 71)
       Auch auf  Diskussionsforen des  IIF traten manche Wissenschaftler
       mit ähnlichen Positionen auf, z.B. Senghaas und Bredow. Dem haben
       Autoren wie  Peter Klein, Doernberg, Engelhard, Kade u.a. mit Ar-
       gumenten widersprochen, die nicht nur die Supermächtetheorie ent-
       kräften, sondern  auch die  tieferliegenden Ursachen  des Wettrü-
       stens aufdecken.  Klein arbeitet  heraus, daß der Ost-West-Gegen-
       satz nicht  die Ursache  des Wettrüstens sei, denn dieser bestehe
       bereits viel  länger und habe zwei Weltkriege hervorgebracht, be-
       vor überhaupt  jemand von  "Supermächten"  sprechen  konnte.  Die
       treibenden  Faktoren   des  Wettrüstens   sind,  so   Klein,  die
       "politischen und  ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der kapitalisti-
       schen Gesellschaftsordnung".  Doernberg arbeitet  heraus, das dem
       Kapitalismus eigene  Wechselverhältnis von  Ökonomie und  Politik
       sei das  von Rüstungsprofit  und expansiver  Strategie. Bei  Kade
       findet man  den wichtigen  Hinweis, die NATO habe zwar kein lang-
       fristiges Sozialprogramm,  jedoch ein  Langzeit-Rüstungsprogramm.
       Sie sei  die treibende Kraft aller quantitativen und qualitativen
       Rüstungsmaßnahmen, finanziere diese immer mehr durch massiven So-
       zialabbau und  ziele damit  auf die  ökonomische  und  politische
       Schwächung des  realen Sozialismus  und  aller  fortschrittlichen
       Kräfte in  der Welt.  72) SIPRI  selbst hat  gezeigt, daß die So-
       wjetunion im Wettrüsten stets der nachziehende Teil ist und keine
       Überlegenheit anstrebt. Das Wettrüsten liegt demnach nicht in ei-
       nem technokratischen  Gleichgewichtsdenken beider  Mächte begrün-
       det. Doernberg verweist darauf, das gesellschaftliche Eigentum an
       den Produktionsmitteln bringe keine ökonomischen Ursachen von Rü-
       stung hervor und verhindere die Existenz von sozialen Gruppen von
       Rüstungsprofiteuren. 73)  Die im  SIPRI-Jahrbuch vertretene These
       vom "technologischen  Wettrüsten" enthält,  vor  kapitalistischem
       Hintergrund gesehen,  durchaus einen  realen Kern:  Es besteht ja
       tatsächlich ein  Zusammenhang zwischen der militärtechnologischen
       Dynamik und  der gesamten  Militarisierung der  Gesellschaft. Die
       wissenschaftlich-technische Revolution findet mit Einschluß ihrer
       militärischen Seite  in der  Revolutionierung der Produktivkräfte
       ihre materielle  Basis, aber Richtung, Ziel und Zweck dieser Ent-
       wicklung werden  nicht von  den Produktivkräften  selbst, sondern
       von den Produktions-, Eigentums- und Machtverhältnissen bestimmt.
       Im SIPRI-Jahrbuch wie auch in Arbeiten des IIF werden die aktuel-
       len Modifizierungen  der NATO-Abschreckungsstrategie  untersucht,
       die zu einer direkten Strategie der Führ- und Gewinnbarkeit eines
       Atomkrieges gelangen. Aber SIPRI's Behauptung, die UdSSR verfolge
       einen "ähnlichen  Kurs", steht auf schwachen Füßen. Zum einen er-
       kennt SIPRI  an, daß  die UdSSR  sich vernünftigerweise nicht auf
       das Mörderspiel einer sogenannten abgestuften oder begrenzten Es-
       kalation einläßt.  Klein führt  aus, daß  die UdSSR aber generell
       keine Abschreckungsstrategie  vertritt. Denn  alle  Theorien  vom
       Gleichgewicht des  Schreckens o.ä. verkennen, daß auf diese Weise
       stets nur  ein  instabiles,  Rüstungseskalation  hervorbringendes
       Gleichgewicht zu  erreichen ist, also die Kriegsvorbereitung per-
       fektioniert wird. Abschreckung verträgt sich daher auch nicht mit
       Normalisierung und  Entspannung. Die  Tatsache, daß die UdSSR der
       Bedrohung durch die NATO ein genügend starkes Verteidigungspoten-
       tial entgegenhält,  bedeutet keineswegs  ihr Einschwenken auf die
       imperialistische  Abschreckungsstrategie.   Ihre   Militärdoktrin
       kennt keine  Erstschlagskonzeption und schließt eine solche unter
       allen Umständen aus. 74)
       Damit wäre  die Frage  aufgeworfen, wie die hier verglichenen In-
       stitute zur Frage der Beendigung des Wettrüstens Stellung nehmen.
       Vom IISS gehen dazu keine nennenswerte Impulse aus; im Gegenteil,
       seine künstlich  aufgebauschten Bedrohungslegenden sind eher Plä-
       doyers für weitere Schritte der Rüstungseskalation. 75) Seine we-
       nigen Monographien  über  Rüstungsbegrenzungs-  und  Rüstungskon-
       trollprobleme gehen  nicht vom  Bestehen eines globalen Gleichge-
       wichts aus.  Sie huldigen der "Rüstungskontrolle", d.h. dem Prin-
       zip der  Erhöhung von  Sicherheit durch  Regulierung des  Wettrü-
       stens, nicht  durch echte  Abrüstung, und  konzentrieren sich auf
       militärtechnische Probleme, z.B. die Überwachung von Vereinbarun-
       gen. Anders  das Stockholmer  Institut, das nach eigenem Bekunden
       alle Abrüstungs-  und Friedensbemühungen unterstützen will; seine
       Jahrbücher gehen  in Analysen und Dokumentationen daher stets auf
       solche Fragen  ein. Im  Jahrbuch 1981 z.B. finden sich Abschnitte
       über die  zweite Kontrollkonferenz zum Vertrag über die Nichtwei-
       terverbreitung von Atomwaffen, über die Bemühungen zum Verbot in-
       humaner, unterschiedslos  tötender Vernichtungsmittel,  über  die
       Rolle der  UNO auf  dem Gebiet  der Abrüstung,  über die Madrider
       KSZE-Nachfolgekonferenz und  über den  Stand der  Einschränkungen
       von Atomversuchsexplosionen.  (Diese Abschnitte  sind in  der ge-
       kürzten deutschen Fassung teilweise nicht enthalten.) Daneben hat
       SIPRI außerordentlich viele Monographien über Abrüstungs- und Rü-
       stungsbegrenzungsfragen veröffentlicht.  76) SIPRI verwendet sich
       sehr energisch  für konkrete  Schritte, die das Wettrüsten zu be-
       grenzen geeignet sind, und geht, wie übrigens auch das IIF, dabei
       vom Prinzip  des Gleichgewichts  und der gleichen Sicherheit aus.
       Es betont,  daß sich  Abrüstung nicht  nur auf  USA und UdSSR er-
       strecken darf.  Da SIPRI  aber die systemmäßigen Ursachen von Rü-
       stung verkennt,  fehlt seiner  Darstellung  häufig  die  richtige
       Stoßrichtung. Eine  Erfolgsbedingung des Kampfes um Abrüstung ist
       nämlich, daß nicht nur die abstoßenden Erscheinungen, sondern ge-
       rade die  politischen und  ökonomischen Wurzeln bekämpft und ver-
       nichtet werden.  Darauf hingewiesen  zu haben,  ist das Verdienst
       des IIF,  z. B. in Arbeiten von Kaljadin, Kade u.a. 77) Kade kri-
       tisiert das  (auch von  Helmut Schmidt  vertretene)  Konzept  der
       "Rüstungskontrolle", das  lediglich Spielregeln  für den  Verlauf
       des Wettrüstens  aufstellt, mit  dem die USA aber echte Abrüstung
       verhindern und  das "Gleichgewicht  des Schreckens" erhalten wol-
       len. Für die BRD hat Kade Gedanken zu einer "alternativen Sicher-
       heitspolitik" entwickelt,  nämlich: Sicherheit  bedarf des Abbaus
       der militärischen  und politischen Konfrontation. Sie ist vorran-
       gig durch  politische, nicht  militärische Schritte zu erreichen.
       Sie muß  die nationalen Interessen der Völker berücksichtigen und
       kann nicht durch Unterordnung unter die USA entstehen. Sie bedarf
       einer defensiven Militärpolitik und der Reduzierung der militäri-
       schen Potentiale.  Sie verlangt nach einer Außenpolitik gegenüber
       Ost und  West, die auf Berechenbarkeit, gegenseitiger Achtung und
       Kooperation aufbaut.  Als aktuelle  Hauptlosung erhebt  Kade  die
       Forderung nach  einem Referendum über den NATO-Beschluß. Kade und
       andere IIF-Autoren würdigen auch mit Recht die friedenserhaltende
       Rolle der  Sowjetunion, die sich von der Überlegenheits- und Kon-
       frontationsstrategie der USA deutlich abhebt.
       Fassen wir  zusammen: Die  Gefahr eines  Krieges wächst.  Für die
       Wissenschaft heißt es Farbe bekennen: Ergreift sie Partei für den
       Frieden oder  nicht? Das  IISS versagt  sich dieser Notwendigkeit
       weitgehend; seine  strategischen Studien sind NATO-Interessen un-
       tergeordnet. SIPRI  und IIF  entsprechen ihr auf unterschiedliche
       Weise. SIPRI  liefert reiches Datenmaterial und wertvolle Einzel-
       analysen, verfügt  aber über  eine mangelhafte  und in sich nicht
       schlüssige Gesamtkonzeption.  Das IIF hat große Verdienste in der
       Initiierung eines fruchtbaren wissenschaftlichen Friedensdialogs.
       Doch wäre  eine Intensivierung eigenständiger marxistischer Frie-
       densforschung durchaus im Interesse der Arbeiter- und Friedensbe-
       wegung. Die Friedensforschung steht vor der Aufgabe, die Methodo-
       logie militärischer Kräftevergleiche weiter auszuarbeiten und ein
       Gegengewicht  zu   den  imperialistischen  Bedrohungslegenden  zu
       schaffen. Vor  allem kommt  es darauf  an, die Ergebnisse solcher
       Forschungen mehr in den Dienst der Aufdeckung der Triebkräfte und
       Ziele des  Wettrüstens und  einer wirkungsvollen  Abrüstungs- und
       Kriegsverhinderungsstrategie zu stellen.
       
       _____
       1) Die nachstehenden  Informationen stammen,  wenn  nicht  anders
       vermerkt, aus den SIPRI-Jahrbüchern: World Armaments and Disarma-
       ment, SIPRI Yearbook, Stockholm-New York-London, 1969 ff. Zur In-
       formation über alle drei Institute wurde herangezogen: W.S. Scha-
       poschnikow u.a.,  Internationale  nichtstaatliche  Organisationen
       und Einrichtungen, Handbuch, Moskau 1982 (russ.), S. 239 ff., 247
       f., 334 ff.
       2) U. Albrecht, A. Eide, M. Kaldor, M. Leitenberger, J. Robinson,
       Forschungsführer Militär- und Rüstungsindustrie, in: Freimut Duve
       (Hrsg.), Technologie und Politik, Bd. 4, Reinbek 1976, S. 159.
       3) Ebd., S. 161.
       4) SIPRI Rüstungsjahrbuch  1980/81 und  1981/82, Reinbek 1980 und
       1981. Wenn  möglich, wird  aus den deutschen Fassungen des SIPRI-
       Jahrbuchs zitiert.
       5) World Armaments  and Disarmament,  SIPRI Yearbooks  1968-1979,
       Cumulative Index,  London 1980; SIPRI (ed.), Armaments and Disar-
       mament in the Nuclear Age, Stockholm 1976; dt.: Rüstung und Abrü-
       stung im Atomzeitalter. Ein Handbuch, Reinbek 1977.
       6) Albrecht u.a., a.a.O., S. 159 f.
       7) Ebd., S.  161; Gert  Bastian, Notwendige Anmerkungen zum NATO-
       Doppelbeschluß in  der Darstellung  der Bundesregierung,  in:  G.
       Schröder, G. Bastian, Wider den NATO-Rüstungsbeschluß, Bonn 1981,
       S. 17;  Nino Pasti,  in: Generale für den Frieden, Interviews von
       G. Kade,  Köln 1981,  S. 247; ders., Nachwort zu G. Kade, Wer be-
       droht uns, Köln 1981, S. 143.
       8) Informationen über das IISS sind, wenn nicht anders angegeben,
       aus dem  Jahrbuch "The Military Balance" (TMB), London, 1959 ff.,
       entnommen, sowie aus der Zeitschrift des Instituts.
       9) Albrecht u.a., a.a.O., S. 147 und 177, Anm. 5
       10) Laut Albrecht  u.a., a.a.O., S. 148, wertet das IISS als ein-
       zige BRD-Zeitung  die "Frankfurter Allgemeine" aus, was nicht ge-
       rade  auf  einen  gründlichen  diesbezüglichen  Informationsstand
       schließen läßt.
       11) Albrecht u.a., a.a.O., S. 146.
       12) Pasti, Nachwort,  a.a.O., S.  125. Zur  Kritik am IISS allge-
       mein: ebd.  S. 125  ff. und  ders., in: Generale für den Frieden,
       a.a.O., S.  246 ff.; Albrecht u.a., a.a.O., S. 146 ff.; Dieter S.
       Lutz, Weltkrieg  wider Willen?  Die Nuklearwaffen  in und für Eu-
       ropa, Reinbek  1981, S.  97; Max  Schmidt/Stefan  Doernberg,  Der
       Kampf um  Rüstungsbegrenzung und Abrüstung, Schlüsselfrage inter-
       nationaler Politik, in: IPW-Forschungshefte, 2/1980, S. 40.
       13) Albrecht u.a., a.a.O., S. 149.
       14) Angaben über das IIF sind entnommen aus einem Informationsma-
       terial  des   Instituts,  Wien   o.J.  (1979),   der  Zeitschrift
       "Wissenschaft  und   Frieden"  und  Büchern  des  IIF,  besonders
       Wilfried v.  Bredow (Hrsg.),  Zum Charakter  internationaler Kon-
       flikte, Köln 1973
       15) Bredow, Einleitung, ebd. S. 8.
       16) Schaposchnikow u. a., a. a. O., S. 242.
       17) Wenn im  folgenden einfach von Gleichgewicht gesprochen wird,
       so ist  damit immer ein annäherndes, ungefähres Gleichgewicht ge-
       meint.
       18) Zusammengestellt aus  SIPRI Yearbook  1968/69, S. 33; Rüstung
       und Abrüstung  im Atomzeitalter,  S. 55 ff.; SIPRI Yearbook 1974,
       S. 106 f.; SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 219 ff. In den ver-
       schiedenen Jahrbüchern  sind für  gleiche Jahre  unterschiedliche
       Zahlen angegeben;  darauf wird hier im einzelnen nicht verwiesen.
       Der Sachverhalt erinnert an die Unsicherheit solcher Schätzungen.
       19) Zusammengestellt aus TMB, 1973/74, S. 71; ebd. 1980/81, S. 90
       f. und ebd. 1981/82, S. 5, 10, 106 f.
       20) Von wo geht die Gefahr für den Frieden aus? Dokumentation des
       Verteidigungsministeriums der  UdSSR, hier  nach "Neues  Deutsch-
       land", 27.1.1982; Europa in Gefahr, Moskau 1981, S. 25.
       21) Harold Brown  selbst gab  1980 ein Verhältnis USA : UdSSR von
       9200:6000 an;  vgl. N.  Pasti,  in:  Generale  für  den  Frieden,
       a.a.O., S.  272; 1981  schätzte Lutz das Verhältnis auf 10 000 zu
       7000; vgl.  "Militärische Beurteilungen" und "gesicherte Informa-
       tionen". Eine  Fallstudie zur  demokratischen Sicherheitspolitik,
       in: D.S.  Lutz/D. Gremliza  (Hrsg.), Rüstung  zum Tode?,  Hamburg
       1981, S. 109.
       22) Vgl. TMB 79/80, S. 3 und 80/81, S. 3 und 109. Die Reduzierung
       um 364  ergab sich  durch die Ausgliederung verschiedener Systeme
       und ihre  Hinzurechnung zu  den Theatre Nuclear Forces (TNF), den
       Atomwaffen für  den europäischen Kriegsschauplatz. Dieses Verfah-
       ren wurde  jedoch ein Jahr später wieder rückgängig gemacht. Vgl.
       auch N. Pasti in: G. Kade, Wer bedroht uns, a. a. O., S. 137.
       23) Zusammengestellt nach  SIPRI Yearbook  1968/69, S.  33; SIPRI
       Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 221; Rüstung und Abrüstung im Atom-
       zeitalter, S. 57. Die Zahlen der MIRV entstammen SIPRI-Berechnun-
       gen, die  der Sprengköpfe  insgesamt stützen sich auf US-Quellen.
       Es finden  sich auch hier für gleiche Jahre unterschiedliche Zah-
       len.
       24) SIPRI Yearbook 1968/69, S. 33 ff.
       25) Ebd. S. 20 f.
       26) TMB 1980/81, S. 96; vgl. auch: Von wo geht die Gefahr für den
       Frieden aus?,  in: "Neues  Deutschland", 30./31.  1. 1982  und G.
       Kade, Wer bedroht uns, a. a. O., S. 20 ff.
       27) TMB 1980/81, S. 62.
       28) TMB 1969/70 und 1970/71.
       29) Aspekte der Friedenspolitik. Argumente zum Doppelbeschluß des
       Nordatlantischen Bündnisses,  eine Veröffentlichung der Bundesre-
       gierung, Bonn 1981, S. 32 f. Die hier genannten Zahlen stimmen z.
       T. mit den in TMB 8 1/82, S. 1 12 gegebenen überein. Das oben an-
       geführte Zitat stammt aus SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 27.
       30) S. z.B.  TMB 1973/74, S. 8 f. und 1976/77, S. 109 f. Die Dol-
       lar-Schätzung wird  von SIPRI einer grundsätzlichen Kritik unter-
       worfen in  Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 27 und 153. Das IISS er-
       wähnt zwar  auch mögliche  Unsicherheiten in diesen Berechnungen,
       zieht die Methode aber grundsätzlich nicht in Zweifel.
       31) TMB 1981/82, S. 13 und 112.
       32) Nino  Pasti,   Verteidigung,  Sicherheit   und  amerikanische
       Kriegspropaganda, in:  Georg Fuchs,  Atomenergie, Kernwaffen  und
       die Friedensbewegung,  Wien 1979,  S. 92 f.; ders., Nachwort, in:
       G. Kade,  Wer bedroht uns, a. a. O., S. 143 ff. Scharfe Kritik an
       der IISS-Methode üben auch Albrecht u. a., a. a. O., S. 155 f.
       33) Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 153.
       34) SIPRI Yearbook  1974, S. 172 ff.; dazu ausführlicher Albrecht
       u. a.,  a. a.  O., S. 162 ff. SIPRI gibt zur Begründung für seine
       veränderte Methode "neue Erkenntnisse und Informationen" an.
       35) Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 153 und 9. Die im gleichen Band
       aufgeführte Tabelle,  S. 158  und 159,  ist eine gekürzte Fassung
       aus SIPRI  Yearbook 1981, S. 156. Die hier wiedergegebene Tabelle
       4 stammt  aus SIPRI  Rüstungsjahrbuch, ebd.  S. 9.  Vgl. auch  G.
       Kade, Die  Bedrohungslüge: Zur  Legende von  der "Gefahr  aus dem
       Osten", Köln 1979, S. 56.
       36) Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 8 und 149; G. Kade, Wer bedroht
       uns, a.a.O., S. 94 ff.
       37) Victor Perlo,  USA - Hochrüstungskurs - Bedrohung der Mensch-
       heit, in: Marxistische Blätter, 6/1981, S. 26.
       38) SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 149 ff.
       39) Ebd. S. 33.
       40) SIPRI Yearbook  1974, S. 141; Randall Forsberg, Resources De-
       voted to Military Research and Development. An International Com-
       parison, Stockholm  1972 (SIPRI);  Eric Burhop, Der destabilisie-
       rende Einfluß des Wettrüstens auf dem Gebiet der modernen Waffen-
       technologie auf  die Weltsicherheitslage, in: Alexander Kaljadin,
       G. Kade,  Entspannung und  Abrüstung, Wien 1976, S. 29 f.; S. Do-
       ernberg, Die  Abrüstungsfrage im  Wechselverhältnis  politischer,
       ökonomischer und sozialer Aspekte, in: W. v. Bredow (Hrsg.), Öko-
       nomische und  soziale Folgen der Abrüstung, Köln 1974, S. 29 ff.;
       G. Kade,  Die Bedrohungslüge,  a. a.  O., S. 67 f. und ders., Wer
       bedroht uns, a. a. O., S. 100 f.
       41) Karl Marx,  Grundrisse der  Kritik der  politischen Ökonomie,
       Berlin 1955, S. 47.
       42) Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 34;  H. A.  Westing, Ecological
       Consequences of the Second Indochina War, Stockholm 1976 (SIPRI).
       43) SIPRI Rüstungsjahrbuch, ebd.
       44) Jörg Goldberg,  Heinz Jung, Die Wirtschaftskrise 1974-1976 in
       der  BRD,  Frankfurt/M.  1976;  Jörg  Huffschmid,  Herbert  Schui
       (Hrsg.), Gesellschaft  im Konkurs. Handbuch zur Wirtschaftskrise,
       Köln 1976; IMSF-Autorengruppe, Widersprüche und Krise des staats-
       monopolistischen Kapitalismus, in: Marxistische Blätter, 4/81, S.
       17 ff.
       45) W. Aboltin,  Wettrüsten ruiniert  die  Wirtschaft,  Abrüstung
       bringt Prosperität,  in: W.  v. Bredow,  Ökonomische und  soziale
       Folgen der Abrüstung, a. a. O., S. 96 ff. Aboltin kritisiert hier
       auch solche  bürgerlichen Theorien,  die Rüstung zum Properitäts-
       faktor hochstilisieren. Zur marxistischen Diskussion über die so-
       zialökonomische Funktion  von Rüstung  vgl. M.  Eihsen, A.  Gott-
       schalk, Rüstung  und Militarisierung als Triebkräfte des SMK, in:
       Der Staat  im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundesrepu-
       blik, Beiträge  des IMSF 6/1, Frankfurt/M. 1981, S. 372; A. Gott-
       schalk, M.  Eihsen, Rüstung und militärisch-industrieller Komplex
       im Staatsmonopolistischen  Kapitalismus der BRD, in: Marxistische
       Studien, Jahrbuch des IMSF 4/1981, S. 75 ff.
       46) Doernberg, Die Abrüstungsfrage, a.a.O., S. 31.
       47) Doernberg, ebd.; Aboltin, ebd.; Klaus Engelhardt, Rüstungsin-
       teressen und  Abrüstung m  kapitalistischen Staaten,  in: Bredow,
       Ökonomische und soziale Folgen..., a.a.O., S. 168 ff. Zum diesbe-
       züglichen neueren marxistischen Diskussionsstand s. Albrecht Cha-
       risius, K.  Engelhardt, Horst  Fiedler u. a., Militarismus heute,
       2. Aufl., Berlin 1981, bes. Abschn. II und III.
       48) SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 34 f.
       49) Vgl. die  zitierten Arbeiten  von Doernberg,  Engelhardt. Zum
       aktuellen Diskussionsstand  der Militarismus-  und MIK-Konzeption
       vgl. die  genannten Arbeiten  von Gottschalk/Eihsen und Charisius
       u.a.
       50) Vgl. SIPRI  Rüstungsjahrbuch 1981/82,  und Doernberg, a.a.O.,
       G. Kade,  Wer bedroht  uns, a.a.O.,  S. 116 ff. Zur Frage der Rü-
       stungskonversion vgl.  die IIF-Veröffentlichung  Eric Burhop/Jörg
       Huffschmid (Hrsg.), Von der Kriegs- zur Friedensproduktion, poli-
       tische,  wirtschaftliche   und  soziale   Probleme,   Köln   1980
       (Materialien einer HF-Konferenz von 1979).
       51) Vgl. TMB  78/79, 79/80, jeweils S. 108 ff. und 80/81, S. 115.
       Vgl. dazu  die ältere  Arbeit von  Renee Aron  u.a., Probleme der
       Analyse  sowjetischer  Sicherheitspolitik,  Schriften  der  Hess.
       Stiftung Friedens-  und Konfliktforschung, Frankfurt/M. 1973, und
       für den  neueren Stand:  Nino Pasti, Nachwort in G. Kade, Wer be-
       droht uns, a.a.O., S. 129 ff.
       52) SIPRI Rüstungsjahrbuch 1980/81, S. 97.
       53) Nino  Pasti,   Verteidigung,  Sicherheit   und  amerikanische
       Kriegspropaganda, a.a.O., S. 94.
       54) SIPRI Rüstungsjahrbuch  1980/81, S. 97 ff. und SIPRI Yearbook
       1980, S. 176 ff.
       55) Der finnische  Major G. Hagglund spricht von "intellektuellen
       Akrobatiken" des  IISS zur  Aufrechterhaltung der Legende von der
       sowjetischen Bedrohung, zit. in Albrecht u.a., a.a.O., S. 150.
       56) TMB, lfd.,  jeweils Kap. "The Balance of Theatre Nuclear For-
       ces in Europe."
       57) TMB, 79/80,  S. 116  f. Die  Problematik der hier angewandten
       Methode erkennt  das IISS zwar an, behält sie jedoch bei. In die-
       sem Zusammenhang sei erwähnt, daß das IISS die Zahl der in Europa
       gelagerten taktischen  Nuklearsprengköpfe der  USA mit  7000 ent-
       schieden zu  niedrig angibt. Die gleiche Kritik muß sich auch ge-
       gen das SIPRI Yearbook 1980, S. 160, richten. Das IISS übertreibt
       zugleich die  sowjetischen Zahlen.  G.  Kade,  Wer  bedroht  uns,
       a.a.O., S.  46, schätzt  die Zahl  der US-Sprengköpfe  auf  8000-
       10 000, davon allein in der BRD 5000, und die der UdSSR auf 3000.
       N. Pasti,  in: Verteidigung, Sicherheit und amerikanische Kriegs-
       propaganda, a.a.O.,  schätzt die  sowjetische Zahl auf 3500-4000,
       alle auf sowjetischem Territorium. Albrecht u.a., a.a.O., S. 152,
       sprechen sogar  von ca.  20 000 US-Sprengköpfen.  Lutz, Weltkrieg
       wider Willen?  a.a.O., S.  75 f.,  äußert die Vermutung, das Ver-
       hältnis betrage inzwischen 10 000 zu 7000 zugunsten der USA.
       58) TMB 80/81, S. 114 ff.
       59) Anton Andreas  Guha, Der  Tod in  der Grauzone,  Frankfurt/M.
       1980, S. 84.
       60) Aspekte der  Friedenspolitik, a.a.O., S. 26 f. und 72 f. Vgl.
       dazu Lutz, "Militärische Beurteilungen"..., a. a. O., S. 111; Ba-
       stian, Notwendige Anmerkungen zum NATO-Doppelbeschluß..., a.a.O.,
       S. 29  f. Auch  der sowjetische  Friedensforscher Daniil Proektor
       hält die  Einrechnung von  drei bis  fünf amerikanischen U-Booten
       mit 80  Poseidon-Raketen für erforderlich: ders., Das europäische
       Dilemma, Moskau 1981, S. 71 f.
       61) TMB 80/81,  S. 117 und 81/82, S. 126 ff. Vgl. auch die Anmer-
       kungen von  Nino Pasti,  Nachwort, in:  G. Kade, Wer bedroht uns,
       a.a.O., S. 128 f.
       62) Vortrag von Bundeskanzler Helmut Schmidt vor dem IISS in Lon-
       don am  28. Okt.  1977,  hier  zit.,  in:  Alfred  Mechtersheimer
       (Hrsg.), Nachrüsten?,  Reinbek 1981,  S. 129 f. Das IISS reprodu-
       zierte das  Argument auch  in ultrarechter  Variante mit scharfer
       Polemik gegen  den sogenannten  Verhandlungsteil  des  "Doppelbe-
       schlusses: W.G.  Hyland, Soviel  Theatre Forces  and Arms Control
       Policy, in:  Survival, Sept./Oct. 1981, S. 195. Die Tatsache, daß
       das IISS solche Beiträge veröffentlicht (für deren Inhalt es sich
       formal als  nicht  verantwortlich  erklärt),  läßt  Hinweise  zu,
       welche Interessen es tatsächlich vertritt.
       63) Als Quellen  wurden benutzt  TMB 79/80 ff., jeweils Kap. "The
       Balance of the T.N.F. in Europe"; SIPRI Rüstungsjahrbuch 1980/81,
       S. 97  ff. Das hier geschätzte Verhältnis wird in absehbarer Zeit
       durch umfangreiche  technologische Neuentwicklungen zugunsten von
       USA und NATO verändert; vgl. SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, Kap.
       7 u.  8. Zwar  modernisieren beide Seiten, doch konstatiert SIPRI
       eine klare  Vorreiterrolle der USA. Zur Problematik von militäri-
       schen Kräftevergleichen  nehmen IISS  und SIPRI  wenig  Stellung.
       Vgl. dazu  Lutz, Weltkrieg wider Willen? a.a.O., passim. Verglei-
       chend wurden  herangezogen die  Arbeiten von Lutz, Bastian, Guha,
       Proektor sowie "Europa in Gefahr" und "Von wo geht die Gefahr für
       den Frieden aus?".
       64) Vgl. TMB 79/80 und 80/81; Hyland, a.a.O., und SIPRI Rüstungs-
       jahrbuch 1980/81,  S. 97 ff., 81/82, S. 46 f. S. a. Kade, Wer be-
       droht uns,  a.a.O., S. 40 ff. Die Barnaby-Äußerung findet sich in
       der Süddeutschen Zeitung, 13.6.1980, zit. nach Fred Schmid, Abrü-
       sten oder Totrüsten, Frankfurt/M. 1981, S. 19 f.
       65) G. Kade,  Max Schmidt,  Frieden, Rüstung  und Monopole,  Köln
       1980; G.  Kade, Die  Bedrohungslüge, a.a.O.;  ders., Wer  bedroht
       uns, a.a.O., bes. S. 14 ff. Eine Chronologie des atomaren Wettrü-
       stens gibt das SIPRI Yearbook 1974, S. 97 ff.
       66) SIPRI Yearbook,  ebd., S.  100 und  104 f.; Herbert York, The
       Origin of MIRV, SIPRI Research Report 9, Stockholm, Aug. 1973.
       67) Edward N.  Luttwak, Towards  Rearming America,  in: Survival,
       Jan./Feb. 1981, S. 29 ff., entnommen aus: Commentary, Sept. 1980;
       vgl. auch  Colin S.  Gray, A  New Debate on Ballistic Missile De-
       fence, in: Survival, March/Apr. 1981, S. 60 ff. Gray erregte Auf-
       sehen, als  er mit  Keith Payne  zusammen in "Foreign Affairs" 39
       (1980)  einen   Artikel  veröffentlichte,  der  unter  dem  Titel
       "Victory is Possible" ernsthaft vorschlug, in einem Atomkrieg den
       Sieg über die Sowjetunion zu erringen und danach eine Weltordnung
       nach US-imperialistischem Muster aufzubauen. Die deutsche Fassung
       ist dokumentiert  in: C.  Bredthauer/K. Mannhardt,  Es  geht  ums
       Überleben, Köln  1981, S.  181 ff.  Vgl. weiter Richard K. Betts,
       Hedging against Surprise Attack, in: Survival, July/Aug. 1981, S.
       146 ff. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.
       68) Hauptsächlich G. Kade, Die Bedrohungslüge, a.a.O., und ders.,
       Wer bedroht  uns, a.a.O. A. Kaljadin/G. Kade, Entspannung und Ab-
       rüstung, a.a.O.,  Abschnitt 1,  Charakter und Ausmaß des modernen
       Wettrüstens.
       69) S. SIPRI  Rüstungsjahrbuch 1981/82,  S. 42,  85, 94  ff.;  G.
       Fuchs, in  "Wissenschaft und  Frieden", 3/81, S. 24 ff. und: Nino
       Pasti, Verteidigung,  Sicherheit und  amerikanische  Kriegspropa-
       ganda, a.a.O., S. 98.
       70) SIPRI Rüstungsjahrbuch 1981/82, S. 20 ff., 76 ff. und 93.
       71) Ebd., S. 77, 87 und 23. Es sei hier angemerkt, daß an anderer
       Stelle im Kap. 2 des gleichen Jahrbuchs, S. 38 ff., die These von
       der Verselbständigung  der Technologie  in Zweifel  gezogen wird.
       Dieses Kapitel  ist von  Alan Krass verfaßt, das erstgenannte von
       Frank Blackaby.
       72) Dieter Senghaas, Rüstungsdynamik als restriktive Bedingung in
       Versuchen einer  Überwindung des  Ost-West-Konflikts, in: St. Do-
       ernberg, J.  Galtung, A.  Gromyko, D.  Senghaas (Hrsg.), Probleme
       des Friedens, der europäischen Sicherheit und der Zusammenarbeit,
       Köln 1975, S. 122 ff.; W. v. Bredow, Zum Verhältnis von Abrüstung
       und friedlicher  Koexistenz, in:  Kaljadin, Kade, Entspannung und
       Abrüstung, a.a.O., S. 69. Auch Senghaas spricht in anderem Zusam-
       menhang   jedoch   davon,   daß   westliche   Rüstungsaktivitäten
       "profitabler Kapitalverwertung" dienen; vgl. ders., Rüstungsdyna-
       mik und  Abrüstung, panoramische Perspektiven, in: Bredow, Ökono-
       mische und  soziale Folgen...,  a.a.O., S. 147. Peter Klein, Pro-
       bleme der  Abrüstung unter  den Bedingungen  der  internationalen
       Entspannung, in:  Kaljadin, Kade,  a.a.O., S.  81 ff.;  K. Engel-
       hardt, Rüstungsinteressen und Abrüstung in kapitalistischen Staa-
       ten, in:  Bredow, Ökonomische  und soziale Folgen, S. 168; Doern-
       berg, Die  Abrüstungsfrage, a.a.O.,  S. 27; Kade, Die Bedrohungs-
       lüge, a.a.O., S. 63 ff.
       73) Doernberg, ebd.  Vgl. auch  ders., Friedliche  Koexistenz und
       die Widersprüche  zwischen Staaten  mit unterschiedlicher Gesell-
       schaftsordnung, in:  Bredow, Zum  Charakter internationaler  Kon-
       flikte, a.a.O., S. 154 f. Ähnlich auch: Kade, Die Bedrohungslüge,
       a.a.O., S. 60 ff., 69 ff.
       74) SIPRI Rüstungsjahrbuch, 1981/82, S. 30 ff.; N. Pasti, Vertei-
       digung, Sicherheit...,  a.a.O., S. 94 ff.; Kade, Wer bedroht uns,
       a.a.O., S.  72 ff., 87 ff. SIPRI's Aussage zur Sowjetunion befin-
       det sich  im Rüstungsjahrbuch, ebd. S. 61 f.; vgl. dazu P. Klein,
       Probleme der Abrüstung, a.a.O., S. 83 f. Über die sowjetische Mi-
       litärdoktrin gibt  Auskunft  D.  Ustinow,  Gegen  Wettrüsten  und
       Kriegsgefahr, in: W. Falin, W. Sagladin, D. Ustinow, Angebote zum
       Frieden, Frankfurt/M. 1981, bes. S. 49 f.
       75) Die IISS-Zeitschrift  "Survey"  dokumentiert  Ergebnisse  von
       Verhandlungen zu  Fragen der Abrüstungsund Rüstungsbegrenzung und
       -kontrolle; daraus allein läßt sich aber noch kein Engagement für
       effektive Abrüstungsschritte erkennen, wie z.B. die heftige Pole-
       mik des  IISS für  den NATO-Beschluß  zeigt. Vgl. auch Ted Green-
       wood, Reconnaissance,  Surveillance and Arms Control, Adelphi Pa-
       pers 88,  London 1972;  Disarmament in Europe, Adelphi Papers 10,
       London 1964.
       76) Einige SIPRI-Titel seien hier genannt: Strategie Arms Limita-
       tion, Stockholm 1972, SIPRI Research Report 5; Disarmament or De-
       struction? Armaments and Disarmament, Stockholm 1975; F. Barnaby,
       Preventing Nuclear  Weapon Proliferation. An Approach to the Non-
       Proliferation Treaty Review Conference, Stockholm 1975; Strategie
       Disarmament. Verification  and National Security, London 1977; J.
       Goldblat, Arms  Control: A  Survey and  Appraisal of Multilateral
       Agreements, London 1978; Postures for Non-Proliferation. Arms li-
       mitation and Security Policies to Minimize Nuclear Proliferation,
       London 1979.  Vor dem  internationalen Abrüstungsforum in Tutzing
       warnte Barnaby  1979 eindringlich  vor der  Verbreitung der Atom-
       waffentechnologie und  sagte: "Fanatiker  und Verrückte können in
       absehbarer Zeit den Atomkrieg auslösen"; zit. in Fred Schmid, Ab-
       rüsten oder Totrüsten, a. a. O., S. 50.
       77) Z.B. G.  Fuchs, Die  Bedeutung des Teststoppabkommens für die
       Verminderung der  radioaktiven Kontaminierung der Umwelt, in: Do-
       ernberg u.a.,  Probleme des  Friedens..., a.a.O.,  S. 50  ff.; P.
       Klein, Probleme  der Abrüstung,  a.a.O., S.  85; A. Kaljadin, Für
       ein umfassendes  Verbot der Atomtests, in: G. Fuchs, Atomenergie,
       Kernwaffen und  die Friedensbewegung,  a.a.O., S.  72 ff.; ders.,
       Multilaterale Abkommen über nukleare Rüstungsbegrenzung, in: ebd.
       S. 79  ff. Kade entwickelt seine Überlegungen zu einer alternati-
       ven Sicherheitspolitik und zur Abrüstung in: Zu einigen aktuellen
       Aspekten der  Abrüstung, in: Kaljadin, Kade, a. a. O., S. 119 ff.
       und: Wer bedroht uns, a.a.O., S. 116 ff., 27 ff.
       

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