Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       RÜSTUNG UND ARBEITSPLÄTZE
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       Zur ökonomischen Diskussion um Rüstung, Zyklus,
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       Wachstum und Arbeitsplätze im Kapitalismus
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       Rainer Volkmann
       
       1. Fragestellung - 2. Zyklusargumente: Rüstung als Instrument von
       Beschäftigungspolitik? - 3. Rüstung und kapitalistisches Wachstum
       
       1. Fragestellung
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       Angesichts der  gegenwärtigen Weltlage  ist zu befürchten, daß in
       wachsendem Maße  ökonomische Außenexpansion, auf die nach wie vor
       in der  BRD gesetzt wird, nur mit Macht, Drohung und Gewalt, d.h.
       mit militärischer  Hilfestellung und  Terrainsondierung, durchge-
       setzt werden kann: Die Strategie der außenwirtschaftlichen Expan-
       sion als Krisenüberwindung erzwingt eine - eben auch militärische
       - Disziplinierung anderer Länder.
       Rüstung kann  somit geeignet sein, international ökonomische Ein-
       flußsphären zu  sichern. Ihre Anwendung bzw. Androhung der Anwen-
       dung -  nur diese ist letztlich in der Lage, außenwirtschaftliche
       Expansion zu  erzwingen - entspricht daher dem allgemeinen Inter-
       esse des BRD-Groß- und Monopolkapitals an der Absicherung des ka-
       pitalistischen Weltsystems.  Allerdings muß vor der - möglichen -
       Anwendung von  Rüstungsgütern erst deren Produktion erfolgen; und
       deren quantitative  und qualitative Ausweitung impliziert gleich-
       zeitig eine  verstärkte Umorientierung  inländischer  Unternehmen
       von bisher tatsächlicher oder zukünftig angestrebter Exportinten-
       sivierung auf  den einheimischen  Markt, da  Rüstungsaufträge und
       -finanzierung fast ausnahmslos durch das nationale Verteidigungs-
       ministerium vergeben bzw. geleistet werden. Konsequenz wachsender
       Rüstungsproduktion kann  somit die  Reduzierung der  ökonomischen
       Möglichkeiten  zur  außenwirtschaftlichen  Expansion  sein,  weil
       Teile der  zuvor exportorientierten Produktion nunmehr stofflich-
       physisch militärischen  Charakter bekommen  haben und  für zivile
       ausländische Nachfrage  nicht zur Verfügung stehen. Von daher ist
       der Druck der US-Regierung auf die Natostaaten und Japan zu einer
       forcierten Aufrüstung  - auch - als eine Strategie zur Eindämmung
       des sehr  erfolgreichen Vordrängens westeuropäischer Konzerne auf
       früher einmal  US-amerikanisch dominierten  Märkten zu verstehen.
       1) Ein aufrüstendes Nato-Europa und Japan lenken zunächst zwangs-
       läufig Ressourcen  und Kapital verstärkt auf die nationale Repro-
       duktionssphäre und  ermöglichen dem US-Kapital, altes Einflußter-
       rain zurückzuerobern.
       Rüstungsproduktion ist  Produktion von  Gütern, die  in konkreten
       Betrieben von  Arbeitern in  meist normalen Arbeitszusammenhängen
       produziert werden.  Oft ist  Rüstungsproduktion  Montage  ziviler
       Vorprodukte zum militärischen Endprodukt. Die einzelnen Unterneh-
       men produzieren  deshalb Rüstungsgüter,  weil sie  damit  höheren
       Profit erzielen (hier sei an den für Rüstungsproduktion typischen
       geringen Eigenkapitaleinsatz  erinnert!) als  bei ziviler Produk-
       tion.
       Läßt sich  also auf verschiedenen Ebenen als Bestimmungsgrund für
       Rüstungsproduktion regelmäßig  das Profitmotiv identifizieren, so
       muß auf  ein besonderes  Charakteristikum verwiesen  werden:  Rü-
       stungsgüter sind Produkte zur gezielten massenhaften Menschenver-
       nichtung. Dies  hat auch  in der  BRD, in jüngster Zeit vor allem
       wegen der  Bedrohung der  Existenz der BRD schlechthin, wachsende
       gesellschaftliche Widerstände entstehen lassen. Diese Widerstände
       richten sich unmittelbar auch gegen das Rüstungskapital und seine
       Profit- und  Verwertungsmöglichkeiten. Um  diese  Widerstände  zu
       brechen und  auszuschalten, versucht  das Rüstungskapital, Ängste
       und Sorgen  der Bevölkerung  und in  der  Arbeiterklasse  um  Ar-
       beitsplätze und  vor Massenarbeitslosigkeit  für seine  Zwecke zu
       mobilisieren und  zu nutzen, indem es auf den Zusammenhang pocht,
       daß Rüstungsproduktion  Arbeitsplätze bzw.  fungierende  Arbeiter
       erfordert.
       Dieser Sachverhalt  liegt auch den entsprechenden wirtschaftswis-
       senschaftlichen Diskussionen  zugrunde. In  dem vorliegenden Bei-
       trag sollen  wichtige, im Rahmen dieser Diskussion in der BRD und
       anderen Ländern  vorgetragene, Argumente  referiert  werden.  Sie
       sind zweifellos  auch für  die Argumentation der Friedensbewegung
       wichtig, vor allem, wenn diese sich darauf orientiert, die Arbei-
       terklasse und  die Gewerkschaften in stärkerem Maße als bisher zu
       gewinnen. Dabei  geht es zum einen um die Wirkung von Rüstung und
       Rüstungsausgaben im  Zyklus der  kapitalistischen Wirtschaft  und
       zum anderen  um die  Wirkung auf  den  Reproduktionsprozeß  unter
       Wachstumsgesichtspunkten.
       Die Frage  nach dem  Zusammenhang von  Rüstung und Arbeitsplätzen
       muß zunächst davon ausgehen, daß von deren Beantwortung nicht auf
       mehr oder  weniger Legitimation  von Rüstung  geschlossen  werden
       darf, gleichwohl  der Kampf gegen Rüstung und Militarisierung un-
       ter anderem   a u c h  mit ökonomischen Argumenten geführt werden
       muß. Darüber  hinaus ist als Selbstverständlichkeit mit eher tau-
       tologischem Inhalt zu akzeptieren, daß jede materielle Produktion
       - auch die Rüstungsproduktion - die Verausgabung menschlicher Ar-
       beitskraft verlangt;  und dieser  gesellschaftliche Akt vollzieht
       sich regelmäßig organisiert an Arbeitsplätzen. Danach sind in der
       BRD etwa  200 000 bis  300 000 Beschäftigte  in der Rüstungswirt-
       schaft tätig;  unterschiedliche Angaben beruhen auf verschiedenen
       Berechnungsmethoden, erfaßten Produktionsbereichen - vor dem Hin-
       tergrund, daß  in der  BRD weder eine Rüstungsindustrie offiziell
       ausgewiesen wird, die einzelnen Unternehmen nicht ihre Beschäfti-
       gungszahlen aus  den sogenannten  "Sonderfertigungen"  ausweisen,
       noch der  Begriff des  Rüstungsgutes präzise  erfaßt werden kann,
       weil eher  ein geringer Teil der Rüstungsproduktion eindeutig mi-
       litärischen Charakter  hat, über  die Zugehörigkeit anderer Güter
       zum Rüstungsbereich  erst der Nachfrager bzw. Endverbraucher (die
       Bundeswehr)  entscheidet  und  nicht  zuletzt  Geheimhaltungsvor-
       schriften empirische Forschungen erheblich behindern. 2)
       Die Frage  nach dem  Zusammenhang von  Rüstung und Arbeitsplätzen
       ist in  der ökonomischen Diskussion der allgemeinen Fragestellung
       nach den Wachstums- und Wohlfahrtseffekten von Rüstungsproduktion
       untergeordnet, was  sich bereits, wie zu zeigen sein wird, in der
       etwas künstlichen  Differenzierung nach  kurz- und  langfristigen
       Arbeitsplatzeffekten abzeichnet. Es handelt sich dabei auch nicht
       um eine völlig neue Frage. J.B. Say war z.B. nicht der erste, der
       sich damit  beschäftigte. Vor ihm war diese Frage auch Gegenstand
       der Erörterungen  der bürgerlichen Klassiker. Say machte den Ver-
       such, Opportunitätskosten  der  Unterhaltung  des  napoleonischen
       Heeres zu ermitteln: 3) "Smith nennt den Soldaten einen unproduk-
       tiven Arbeiter.  Wäre er um Himmels wegen nicht mehr! Aber er ist
       ein destruktiver Arbeiter; nicht nur, daß er die Gesellschaft we-
       der um  Produkte bereichert noch Produkte konsumiert, sondern oft
       genug ist er aufgerufen, ohne eigenen Vorteil die Früchte der Ar-
       beit anderer zu zerstören." 4)
       Solche Opportunitätskosten  von in der Realität äußerst heteroge-
       ner Verausgabung  staatlicher Finanzmittel  zum Kauf und/oder zur
       Finanzierung von  überwiegend  privatwirtschaftlicher  Produktion
       und Übernahme der Endprodukte durch den Staat sowie zur unmittel-
       baren Einstellung  militärischer Personen  werden regelmäßig  be-
       rechnet. Hierbei  kann etwa auf Methoden der Wirtschaftsforschung
       zurückgegriffen werden,  die die Multiplikatoreffekte z.B. staat-
       licher Konjunkturprogramme  errechnen, also die direkte im Zusam-
       menhang mit  der unmittelbaren  Auftragsvergabe  entstehende  Ar-
       beitsplatzschaffung (hier  informieren  die  branchenspezifischen
       Kapitalintensitäten über  die Einrichtungskosten von Arbeitsplät-
       zen). Hinzu  kommt die Erfassung des indirekten, über die Veraus-
       gabung des  um ein  Vielfaches höheren  Gesamteinkommens entstan-
       denen, Arbeitsplatzaufbaus - im Vergleich zu alternativen Verwen-
       dungen staatlicher  Programme. Der  letzte  Aspekt  bereitet  die
       größten Schwierigkeiten;  einmal müßte  die inter- und intraindu-
       strielle Verflechtungsstruktur  hinreichend  bekannt  sein,  also
       z.B. die  gesamte Vorleistungsstruktur  militärischer Endprodukte
       genügend erfaßbar  sein, was gegenwärtig angesichts der zu groben
       Input/Output-Raster in  der BRD  noch nicht  befriedigend möglich
       ist. Zum  anderen beanspruchen  die multiplikativen Ausbreitungs-
       prozesse Zeit,  deren Länge bekannt sein muß, um abschließend be-
       urteilen zu  können, wann  denn nun  ein  arbeitsplatzschaffender
       Multiplikatorprozeß endgültig  versickert ist. 5) Unter Beachtung
       der genannten  Probleme und Schwierigkeiten soll nun die ökonomi-
       sche Diskussion über die Arbeitsplatzeffekte der Rüstung im nähe-
       ren erörtert werden.
       
       2. Zyklusargumente: Rüstung als Instrument
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       von Beschäftigungspolitik?
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       Der als  politische Waffe verwendete und unbestreitbare Zusammen-
       hang von  Rüstungsproduktion und dafür notwendiger Bereitstellung
       von Arbeitsplätzen  kann dem  keynesianischen Hinweis  zugeordnet
       werden, daß  die Existenz dauerhafter Unterbeschäftigung im Kapi-
       talismus möglich ist, aber durch staatliche Nachfrageerhöhung zu-
       mindest verringert  werden kann.  Da für  Keynes weder Gebrauchs-
       wertfragen noch  in  der  Kurzfristanalyse  Wachstumsüberlegungen
       eine Rolle  spielten, kann die Frage, welche staatliche Nachfrage
       denn hier  die konjunkturelle  Nachfragelücke ausfüllen soll, be-
       liebig eben  auch mit  staaatlicher Rüstungsnachfrage beantwortet
       werden: Rüstungsausgaben schaffen Einkommen, deren multiplikative
       Verausgabung sich  positiv auf  Renditeerwartungen  niederschlägt
       und zusätzliche  Investitionen und  Arbeitsplätze anregt.  Dieser
       kurzfristige Einkommens- und Arbeitsplatzeffekt ist nun prinzipi-
       ell mit  anderen staatlichen Ausgaben vergleichbar. Zunächst pro-
       fitieren regelmäßig das verarbeitende Gewerbe, insbesondere Elek-
       tro- und Elektronikindustrie, der Maschinen-, Fahrzeug- und Luft-
       fahrzeugbau, die  Metallverarbeitung - also die Schlüsselbereiche
       der Ökonomie.  6) Damit  ist nichts  anderes beschrieben  als die
       staatlich gelenkte  Herausnahme von  Teilen des privatwirtschaft-
       lich organisierten  Kapitals aus  dem üblichen  Verwertungs-  und
       Konkurrenzprozeß, indem  ihm  überdurchschnittliche  und  sichere
       Verwertung staatlich,  also nicht marktmäßig, garantiert wird und
       damit dem übrigen Kapital durch solchermaßen erfolgte Reduzierung
       von Konkurrenz und Konkurrenten tendenziell günstigere Verwertung
       möglich ist. 7)
       Unter Arbeitsplatzüberlegungen kann hier empirisch verwiesen wer-
       den etwa  auf die  Nachkriegsperiode der USA, in der die mit Ende
       des Zweiten  Weltkrieges erwarteten  Beschäftigungseinbrüche eben
       nicht stattfanden:  Schließlich war  mit nahtlosem  Übergang  zum
       Kalten Krieg ein hohes Rüstungsausgabenniveau beibehalten worden,
       welches kompensatorisch  jene durch  Beendigung des Zweiten Welt-
       krieges prinzipiell überflüssigen Arbeitsplätze in der aufgebläh-
       ten Rüstungsindustrie weiterhin beanspruchte. 8)
       Gerade in  einer Krisensituation  wie gegenwärtig  in der BRD hat
       Rüstungsproduktion die  konjunkturelle Wirkung,  daß dem  von ihr
       ausgelösten Einkommenseffekt  einer  multiplikativen  Erweiterung
       der monetären Nachfrage in der Volkswirtschaft nicht auch ein zu-
       sätzlicher Kapazitätseffekt, d.h. eine Erweiterung des Marktange-
       botes, gegenübersteht.  Die Nachfrageerhöhung  lastet die  bisher
       unterausgelasteten Kapazitäten im zivilen Produktionsbereich bes-
       ser aus,  denn Rüstungsgüter erhöhen weder die Zahl der gegenwär-
       tigen Konsum-  noch der  Investitionsgüter und scheiden mit ihrer
       Fertigstellung aus dem volkswirtschaftlichen Angebot aus. 9) Dar-
       über hinaus scheint die haushaltsrechtlich gegebene Dispositions-
       freiheit offenbar  bei Rüstungsausgaben  recht groß zu sein, d.h.
       prinzipiell durch  Flexibilität  (nach  oben)  gekennzeichnet  zu
       sein, was  u. U. auch unter Konjunkturaspekten wünschenswert sein
       kann. 10)  In einer Ausweitung von Rüstungsausgaben sind regelmä-
       ßig auch  personale Militärausgaben enthalten. Diese unmittelbare
       Schaffung von  Arbeitsplätzen im  öffentlichen  Dienst  ist  pro-
       blemlos zu  vollziehen, da  selten neu  auszubildende  Qualifika-
       tionsstandards im  staatlichen Militärbereich  erforderlich sind:
       Die hauptsächliche Betätigung von Militärpersonen in Verwaltungs-
       und Kontrolltätigkeiten  stimmt mit  ziviler  Tätigkeit  überein;
       gleiches gilt  für große  Teile  des  technisch-organisatorischen
       Bereichs (Wartung etc.).
       Insgesamt kann  unter den  genannten sozialökonomischen  und kon-
       junkturellen Bedingungen  von einer prinzipiellen Eignung von Rü-
       stungsausgaben zur  Krisenbekämpfung gesprochen werden, zumal die
       Erhöhung von  Rüstungsausgaben regelmäßig  auch zusätzliche Nach-
       frage nach  ziviler Produktion  nach sich  zieht, die durch diese
       andere Verwendung,  ohne daß stofflich ein enger Zusammenhang zur
       ausschließlichen militärischen  Verwendung gegeben  ist, zur  Rü-
       stungsware wird.  In diesem  Bereich erübrigen sich auch nennens-
       werte zeitbeanspruchende  Umstellungen von Produktion und Verfah-
       ren.
       Im Gegensatz  dazu sind  jene Rüstungsausgaben zu sehen, die sich
       auf die  Entwicklung und  Erprobung neuer Militärtechnologien be-
       ziehen und  hier besondere  Qualifikation erfordern  und zunächst
       die zivile Güterproduktion kaum berühren. Es bleibt unter dem Ge-
       sichtspunkt der Krisenbekämpfung der - erwünschte - Einkommensef-
       fekt, der  unmittelbar aber  nur im geringen Maße zusätzliche Ar-
       beitsplätze finanziert. Regelmäßig wird neue Waffentechnologie in
       den Großkonzernen  entwickelt, bei denen Rüstungsproduktion einen
       kleinen Teil  der Gesamtproduktion  darstellt und  daher  die  ja
       nicht regelmäßig  anfallenden, sehr spezialisierten Aufträge etc.
       eher durch  innerbetriebliche Umschichtungen  erfahrener und  be-
       reits speziell  qualifizierter Belegschaftsteile  erledigt werden
       können als  mit zusätzlichen Arbeitsplätzen und Neueinstellungen,
       bei denen  die betriebsspezifischen Anforderungen nicht vorausge-
       setzt werden  können. 11)  Hier bleiben also nennenswerte Neuein-
       stellungen aus  - ganz  abgesehen davon, daß sich für Arbeitslose
       mit vergleichsweise geringer Qualifikation für spezialisierte Ar-
       beitsplätze in  der Rüstungsindustrie  kaum Perspektiven ergeben.
       In der  Tat hat sich die Militärtechnologie seit Ende des Zweiten
       Weltkrieges gewandelt.  Bestanden bis dahin militärische Beschaf-
       fungen aus  Großserienproduktion und massenweiser Einführung vor-
       handener Waffen und Waffentechnologie - ergänzt durch die Vergrö-
       ßerungen des Militärpersonenbestandes -, so werden heute Militär-
       ausgaben regelmäßig zur Beschaffung neuer bzw. neu zu entwickeln-
       der Waffensysteme verwendet; denn hochspezialisierte, forschungs-
       intensive Waffensysteme  sind heute Ausdruck des qualitativen Rü-
       stens. 12)
       Unstrittig ist,  daß Rüstungsausgaben  mit den  bisher  gemachten
       Einschränkungen Arbeitsplätze  schaffen bzw.  sichern einschließ-
       lich des Vorleistungsbereichs. In einer allgemeinen Unterbeschäf-
       tigungssituation  profitiert  davon  auch  der  Konsumgütersektor
       durch die  Verausgabung der  im Rüstungsbereich  (zusätzlich) ge-
       schaffenen Einkommen.  Eine somit mögliche anhaltende Verbrauchs-
       zunahme könnte  hier Produktionsengpässe  zeitigen, wenn der Kon-
       sumgütersektor bei  seinen Beschaffungen zusätzlicher Kapazitäten
       auf Beschaffungsnotwendigkeiten eines expandierenden Rüstungssek-
       tors trifft  - letzterer  dürfte vor  dem Hintergrund der politi-
       schen Priorität seine Interessen durchsetzen. Dann expandiert der
       Grundstoff- und  Produktionsgüterbereich einmal  in  Abhängigkeit
       von der wachsenden Rüstungsproduktion  u n d  von der verstärkten
       Nachfrage des Konsumgüterbereichs, der früher oder später zusätz-
       liche Kapazitäten  aufbauen muß  aufgrund der  auf ihn fallenden,
       mit der  Beschäftigungserhöhung im  Rüstungsbereich  verbundenen,
       lohninduzierten Konsumnachfrage. Unter der Voraussetzung, daß die
       Finanzierung wachsender  Rüstungsausgaben bald  durch  Kreditauf-
       nahme, vor allem aber durch zunehmende Besteuerung der Massenein-
       kommen erfolgt,  reduziert sich tendenziell diese auf den Konsum-
       güterbereich fallende  Nachfrage. Zu  diesem  Zeitpunkt  erweisen
       sich die  zuvor aufgebauten Kapazitäten teilweise als Überkapazi-
       täten. Gleiches  trifft für den Grundstoff- und Produktionsgüter-
       bereich zu,  der stagnierende bzw. rückläufige Aufträge für Anla-
       gen aus  dem Konsumgütersektor  erfährt. Damit einhergehender Ar-
       beitsplatzabbau und  Massenarbeitslosigkeit sind  die Folgen. 13)
       Von diesem Zeitpunkt an beginnt der Konsumgütersektor zu schrump-
       fen und  verliert damit  tendenziell eine ihm gerade häufig zuge-
       schriebene Fähigkeit  zur Krisenstabilisierung;  denn bisher  ist
       seine Produktionsentwicklung  durch die  eher einkommensunelasti-
       sche Konsumnachfrage  gekennzeichnet, was sich in einem durch we-
       sentlich geringere  Amplituden gekennzeichneten  Zyklusmuster der
       Produktion von  Konsumgütern im  Vergleich zu  Investitionsgütern
       zeigte. 14)  Nunmehr -  und seriöserweise  kann hier nur auf eine
       Tendenz verwiesen  werden - unterliegt auch der Konsumgütersektor
       einer stärker  gewordenen zyklischen  Beeinflussung; weniger  da-
       durch, daß die Rezession die Konsumgüterproduktion auf ein beson-
       ders niedriges  Niveau zwingt, sondern dadurch, daß ein nur kurz-
       fristig gültiges,  erheblich expansiveres Produktionswachstum mit
       entsprechendem Kapazitätsaufbau  erfolgte und  nun um  so stärker
       abgebaut werden muß. Damit wird der Zyklus der Beschäftigungsent-
       wicklung durch  die verstärkte  Eigenbewegung des Konsumgütersek-
       tors verschärft.
       Konsequenterweise müßte,  vom Standpunkt keynesianistisch begrün-
       deter Instrumentalisierung  der Rüstung  als antizyklischer  Kon-
       junktur- und  Beschäftigungspolitik, in Phasen der Vollbeschäfti-
       gung Rüstung  reduziert werden  - was nicht geschieht. Somit ent-
       larvt sich  Rüstungskeynesianismus als  bloße Rechtfertigung  für
       Rüstung auch in Krisenzeiten.
       In  die   bisherige  theoretische   Auseinandersetzung  soll  ein
       "verteidigungspolitischer" Gesichtspunkt  eingebracht werden: Die
       Funktion von  Rüstung (auch)  als Abschreckung und Verteidigungs-
       fähigkeit hängt  angesichts des technologischen Standards von der
       Präsenzstärke ab  - also  von jener Verteidigungs-Vernichtungsfä-
       higkeit, die innerhalb kürzester Zeit angesichts reduzierter Vor-
       warnzeiten etc.  einsatzfähig ist.  Dieser Zwang  zur permanenten
       Mobilisierung erfordert  ständige Inanspruchnahme  der für  diese
       militärische Verwendung erforderlichen Produktionsressourcen, die
       somit in  einer permanenten  Konkurrenz zu  ihrer  zivilen  Inan-
       spruchnahme stehen.  15) Diese  "permanente Mobilisierung" erfor-
       dert unter  Finanzierungsgesichtspunkten eine stetige Liquidisie-
       rung, die  bei Unterbeschäftigung  hingenommen werden  kann,  bei
       Vollbeschäftigung  dagegen   regelmäßig  Preiserhöhungsspielräume
       schafft. Überhaupt erhält die Frage nach dem Zusammenhang von Rü-
       stung und  Arbeitsplätzen im Fall ausgelasteter Kapazitäten einen
       anderen Stellenwert,  da in  dem Maße,  wie Produktionsressourcen
       für Rüstungszwecke  beansprucht werden,  eine alternative Verwen-
       dung ja  nicht möglich ist - letztere aber in einem prosperieren-
       den Akkumulationsprozeß  mit Vollbeschäftigung  jederzeit gegeben
       wäre.
       Die bisherige  Argumentation war  auf den  Fall einer  Volkswirt-
       schaft mit  unterausgelasteten Kapazitäten  bezogen, in  der  Rü-
       stungsausgaben (genauer:  nur absolut wachsende Rüstungsausgaben)
       zur Beschäftigungsanhebung  eingesetzt werden  können, um die er-
       wünschte konjunkturelle Stimulanz über den Funktionszusammenhang,
       den der  Multiplikator beschreibt,  zu erbringen.  16) Gegenüber-
       stellungen von alternativen Verwendungen staatlicher Gelder bele-
       gen nun  - auch  unter Einschluß  der Verflechtungsproblematik  -
       deutlich, daß  Rüstungsausgaben mit  Abstand  die  wenigsten  Ar-
       beitsplätze schaffen; mithin Umverteilungen innerhalb des Staats-
       haushalts bei  Vollbeschäftigung eben diese gefährden und in Kri-
       senzeiten unter der allerdings unrealistischen Prämisse gegebener
       Staatsausgaben die  Arbeitslosigkeit erhöhen.  17) Überhaupt - so
       abschließend - läßt sich bezweifeln, ob Rüstungsausgabenvariatio-
       nen kurzfristig  durchführbar sind; denn bekanntlich beanspruchen
       insbesondere die technologisch aufwendigen Rüstungsprojekte mehr-
       jährige Planungs- und Realisierungsphasen. 18)
       
       3. Rüstung und kapitalistisches Wachstum
       ----------------------------------------
       
       Rüstung reduziert den Reproduktionsprozeß
       -----------------------------------------
       
       Zunächst plausibel  erscheint die  Vorstellung, daß wachsende Rü-
       stung einen  Ausgabenstrom mit  multiplikativer und akzeleratori-
       scher Vervielfachung  darstellt, der  sich über die gesamte Wirt-
       schaft ausbreitet  und alle  Unternehmen in irgendeiner Weise be-
       rührt. Probleme  treten allenfalls  auf der Angebotsseite in Form
       von Knappheit  von Arbeitskräften  und Ressourcen  auf. 19) Diese
       Vorstellung ist  bereits von  den Klassikern der Nationalökonomie
       kritisiert worden  und wurde regelmäßig schon im Zusammenhang mit
       eher tautologischen  Begründungen erweitert, wonach durch die Zu-
       ordnung von  Militärausgaben zum  staatlichen  Konsum  weder  der
       staatliche noch der private Ausrüstungsstand erhöht wird. 20) In-
       terpretiert und  vor allem  präzisiert lautet die Erkenntnis, daß
       eine Rüstungsgesellschaft  letztlich nicht  reicher wird,  obwohl
       doch (Rüstungs-)Güter hergestellt werden, weil eben durch Rüstung
       die gesellschaftlichen Reproduktionsmöglichkeiten nicht erweitert
       werden. Es  werden keine  Produktionsmittel (Maschinen  u.a.) für
       weitere Produktion  zur Verfügung  gestellt. Damit  verkürzt sich
       der gesellschaftliche Akkumulationsprozeß. 21) Damit einhergehen-
       de Einschränkungen  zukünftiger  Konsummöglichkeiten  resultieren
       darüber hinaus  auch  aus  der  Nichtvornahme  jener  staatlichen
       Infrastrukturleistungen, die private Investitionen zumindest dann
       initiiert  hätten,   wenn  diese   staatlichen  Vorleistungen  in
       komplementärer Beziehung  zu privaten  Investitionen stehen, aber
       bei gegebener  staatlicher Finanzmasse  und der  Entscheidung für
       Rüstungsausgaben eben  nicht  vorgenommen  werden  konnten.  Hier
       erfolgt eine  absolute Einschränkung von gesellschaftlichen Akku-
       mulationsfähigkeiten, die  bei -  allerdings über Geldschöpfung -
       ausweitbarer staatlicher  Finanzmasse immer  noch  eine  relative
       Einschränkung bleibt.  22) Genauer:  Rüstungsausgaben  reduzieren
       gesamtwirtschaftlich die  Zahl der  Arbeitsplätze nicht  nur  da-
       durch, daß  sie keine  Anlagen zur Reproduktion finanzieren, son-
       dern darüber  hinaus verhindert  die staatliche  Finanzierung von
       Rüstung über  die entsprechend  geringer ausfallende  öffentliche
       Infrastrukturleistung die Mobilisierung zusätzlicher privater In-
       vestitionen. Langfristig  werden somit  weniger Arbeitsplätze ge-
       schaffen. Während  Produktionsmittel ihren  ökonomischen Sinn und
       profitablen Zweck darin haben, in verschiedenen Bereichen der Ge-
       sellschaft die  dortige Produktion  von Halb-  und Fertigwaren zu
       ermöglichen und/oder  zu erweitern,  was jeweils die Neuinstalla-
       tion von Arbeitsplätzen bedeutet, finden Rüstungsgüter nicht die-
       sen weitergehenden,  akkumulierenden Einsatz.  Mit ihrer  Fertig-
       stellung wird  kein weiterer Produktionsweg beschritten; der Pro-
       duktionsmittelmarkt der  Gesellschaft und  damit  die  Investiti-
       onsquote werden  eingeschränkt. 23) Diese Verknappung des Produk-
       tionsmittelangebots ermöglicht die Durchsetzung von höheren Prei-
       sen, so  daß bei gegebener monetärer Nachfrage real weniger Inve-
       stitionen und  damit weniger Arbeitsplätze finanziert werden kön-
       nen. Einschränkungen  dieser Schlußfolgerungen  ergeben sich  für
       den Fall,  bei dem Militärausgaben Investitionen in das Sozialka-
       pital darstellen,  also die  gesellschaftliche  Infrastrukturaus-
       stattung durch  den Bau  von Flugplätzen,  Hafenanlagen,  Straßen
       etc. erhöhen. 24)
       Ein möglicher  Einwand lautet, daß die gesellschaftliche Investi-
       tionsquote immer  dann nicht  negativ berührt  wird, wenn die Rü-
       stungsausgaben anstelle  des privaten Verbrauchs treten. 25) Dies
       wäre z.B.  der Fall,  wenn die Rüstungsfinanzierung über Besteue-
       rung der  überwiegend für Konsumzwecke verausgabten Einkommen der
       Lohnabhängigen erfolgt.  Dieser angebliche  Zusammenhang verkennt
       die Bedeutung  der privaten Massenkaufkraft für die private Inve-
       stitionstätigkeit -  ein in der wirtschaftswissenschaftlichen Li-
       teratur hinreichend bestätigter Zusammenhang. 26)
       Die reduzierte  Versorgung der  Volkswirtschaft mit heutigen Pro-
       duktionsmitteln und  damit künftigen  Konsummitteln -  unter Ein-
       schluß personeller und kapazitativer Konsequenzen für den Vorlei-
       stungsbereich -  charakterisiert Rüstungsausgaben  als umfassende
       Beeinträchtigung gesellschaftlicher  Reproduktions- und  Arbeits-
       möglichkeiten. Aber  auch die  gegenwärtige Konsumtion  und damit
       Arbeitsplätze im  Konsumgüterbereich werden beschränkt; das zeigt
       sich gegenwärtig  in der  BRD im  Zusammenhang von wachsenden Rü-
       stungsausgaben und staatlicher Umverteilung zu Lasten der Massen-
       kaufkraft und  folglich erstmals  in der  Geschichte der  BRD  in
       rückläufigem realem Konsum. 27)
       
       Rüstung und Außenwirtschaft
       ---------------------------
       
       Wachstums- und  Allokationsaspekte hängen  eng miteinander zusam-
       men, was  am Beispiel der BRD mit ihrer großen Exportabhängigkeit
       und einem im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hohen
       Industriesektor belegt  werden kann.  Private Akkumulation  hängt
       von der  Realisierung produzierter  Profite ab, dies wiederum von
       erfolgten Absätzen  zu unter  Konkurrenzgesichtspunkten günstigen
       Preisen. Für  die BRD spielt dabei bisher das Exportwachstum eine
       hervorragende Rolle,  nicht zuletzt durch die von vornherein über
       die Grenzen  der monetären Binnennachfrage hinaus aufgebauten und
       staatlich geförderten Produktionskapazitäten, die Massenprodukti-
       onsvorteile und  Stückkostendegressionen zu  erreichen erlaubten.
       Dies führt  als Produktivitätssteigerung und - im internationalen
       Vergleich -  Reallohnstückkostensenkung zu  erheblichen Begünsti-
       gungen für  die private Akkumulation in der BRD. Erfolgreiche Ex-
       portexpansion mit  insbesondere technischen  Gütern war  für  die
       BRD-Unternehmen möglich  und verhinderte  auch, daß, da die Nach-
       frage nach  Importen positiv  mit der Entwicklung der Inlandsein-
       kommen wächst, eine erfolgreiche binnenwirtschaftliche Wachstums-
       politik u.U. gebremst werden muß, um das aus wachsendem Einkommen
       und damit  steigender Importnachfrage drohende Handelsbilanzdefi-
       zit zu vermeiden. 28)
       Ein hoher und vor allem wachsender Rüstungssektor umfaßt in wach-
       sendem Maße  Kapital, welches dieser außenwirtschaftlichen Expan-
       sion -  hier soll  dieses geschlossene Argument überprüft werden,
       ohne daß  auf Möglichkeiten  und  Sinnhaftigkeit  der  außenwirt-
       schaftlichen Expansion  eingegangen werden  soll - entzogen wird,
       darüber hinaus  auch  dem  produktivitätssteigernden  Effekt  von
       teilweise funktionierenden  Konkurrenzbeziehungen nicht  mehr un-
       terzogen ist, weil es nunmehr - spezialisiert - rüstungstechnolo-
       gische Monopolstellungen  innehat und einem Nachfrager gegenüber-
       steht, der  preisunelastisch ist: Geringere Massenproduktionsvor-
       teile und Produktivitätsfortschritte im gesellschaftlichen Durch-
       schnitt sind  die Folgen.  29) Höhere Stückkosten führen bei Vor-
       herrschen kostenorientierter Preissetzung zu entsprechend höherem
       Preisniveau, was  reale Nachfrageabwertung gegebener Kaufkraft im
       In- und  Ausland bedeutet  und damit  Absatz und  inländische Be-
       schäftigung verringert.  Folgen diesen reduzierten Exportmöglich-
       keiten auch  noch verstärkte Rohstoffimporte aufgrund zunehmender
       Rüstungsproduktion, dann  werden -  im System fester Wechselkurse
       und Interventionsverpflichtung der Notenbank zwecks Stabilhaltung
       der Kurse  - Geldvernichtungsprozesse mit ihrer Rezessionstendenz
       gefördert. 30)
       Dieser Zusammenhang  führt zur gegenwärtigen Waffenexportpolitik,
       die,  selbst   wenn   der   Waffenexport   als   Instrument   zur
       "Disziplinierung" unsicherer  ökonomischer Einflußsphären  einge-
       setzt wird,  dennoch Arbeitsplätze  in der BRD-Wirtschaft gefähr-
       det. Eine  ökonomisch erfolgreiche  Entwicklung der  Dritten Welt
       schlägt sich  u. a.  auch m wachsender Importnachfrage nach west-
       deutschen Gütern  nieder. Voraussetzung dafür ist aber die finan-
       zielle Fähigkeit  zum Kauf von Produktionsmitteln, mit deren Ein-
       satz ein  inländischer Akkumulationsprozeß  - ob planvoll gelenkt
       oder einzelwirtschaftlich  organisiert - initiiert werden könnte.
       Waffenkäufe der Dritten Welt, die sich ja auch niederschlagen als
       Rüstungsaufträge an  BRD-Rüstungsunternehmen und  somit zumindest
       dort auch  eine gewisse Zeit als sichere Arbeitsplätze, schließen
       aber gerade  bei finanziell begrenzten Möglichkeiten den Kauf von
       Produktionsmitteln  aus.   Die  BRD   verliert  inländische   Ar-
       beitsplätze doppelt:  Es bleibt  nennenswerte Nachfrage nach Pro-
       duktionsmitteln als  (allerdings nur  hinreichende) Voraussetzung
       für einen  Akkumulationsprozeß in der Dritten Welt aus; und lang-
       fristig reduziert  diese Nicht-Entwicklung  weitere Nachfragemög-
       lichkeiten nach  westdeutschem Export. 31) Und selbst eine Markt-
       öffnungsfunktion von  Rüstungsexporten ist  fraglich -  und empi-
       risch nicht belegbar. 32)
       
       Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der Rüstung
       ---------------------------------------------------
       
       Unbestritten ist, daß Rüstungsproduktion auch in forschungsinten-
       siven Wirtschaftszweigen erfolgt - wobei militärische Forschungs-
       ausgaben ohnehin  einen hohen  Anteil an den gesamten Forschungs-
       aufwendungen haben.  33) In  der Literatur wird unter sogenannten
       Spill-over- und  Spin-off-Effekten monetär erfaßbare und/oder ko-
       stenlose Ausbreitung  von Kenntnissen, Produkten, Produktionsver-
       fahren und  Materialien als  Ergebnis von militärischer Forschung
       und Entwicklung für zivile Produkte und Produktionsverfahren ver-
       standen. Wenn  auch die  Verifizierung bisher nicht erfolgt ist -
       im einfachsten  Falle genügt  bereits der  Hinweis auf  Japan und
       auch (bisher)  die BRD,  die eine bemerkenswerte ökonomische Ent-
       wicklung nach  dem Zweiten Weltkrieg ohne bedeutende Rüstungspro-
       duktion durchführten,  während die  rüstungsintensiven USA,  auch
       England und Frankreich, ein eher bescheidenes Wirtschaftswachstum
       zeitigten. 34)  Die Analyse - die hier nicht abgeschlossen werden
       kann - muß fragen:
       - Inwieweit werden die Nebenwirkungen militärischer Forschung und
       Entwicklung zu Hauptentwicklungen uminterpretiert?
       - Was ist  der ökonomische Preis für die Nutzbarmachung militäri-
       scher F+E-Ergebnisse auch für die zivile Produktion? 35)
       - Welche Blockaden  der Übertragung von F+E-Erkenntnissen auf den
       zivilen Bereich  entstehen aus den besonderen Bedingungen militä-
       rischer Forschung  und Entwicklung,  u.a. den  Geheimhaltungsvor-
       schriften, die  gesellschaftlich  verschwenderische  Parallelfor-
       schung notwendig machen mit allerdings doppelt zu besetzenden Ar-
       beitsplätzen für  hochschulqualifiziertes Fachpersonal,  das dann
       vergleichsweise selten von Arbeitslosigkeit betroffen ist?
       Eine Argumentation,  die  a u c h  den zivilen Nutzen und die zi-
       vile Übertragbarkeit  militärischer F+E-Kenntnisse vorsieht, ent-
       larvt sich  schon dadurch,  daß die  angeblich stimulierenden Ef-
       fekte militärischer  Forschung richtigerweise  zu  Nebenprodukten
       erklärt werden. Diese bleiben ohnehin fraglich, ruft man sich die
       technologische Rüstungsentwicklung  nach dem Zweiten Weltkrieg in
       Erinnerung, deren  Endprodukte extremen militärischen Anforderun-
       gen -  da die  Finanzierung unproblematisch  ist - gerecht werden
       müssen: Kriterien, in denen Kostenminimierung und alltägliche Ge-
       brauchswertsteigerung -  für die zivile Vermarktung wichtige Fak-
       toren -  wie Fremdkörper  wirken und zivile Anwendung verhindern.
       36)
       Als Ergebnis unserer Überlegungen kann ein Widerspruch formuliert
       werden, der  in spezifischer  und zugespitzter Form den Ziel-Mit-
       tel-Konflikt der kapitalistischen Produktionsweise ausdrückt: Rü-
       stungsproduktion als  profitable Kapitalverwertung für die betei-
       ligten Unternehmen,  als Mittel  der profitablen Einflußsicherung
       nach innen  und außen ist durchaus geeignet, die Profitproduktion
       und -realisierung voranzutreiben. Je größer dabei der rüstungska-
       pitalistische Erfolg,  desto  mehr  werden  die  perspektivischen
       Wachstums- und  damit auch  die Systemsicherungsgrundlagen beein-
       trächtigt. Als  innere Logik  dieser Entwicklung ergibt sich eine
       zunehmende  Gefahr  für  die  Erhaltung  und  Schaffung  von  Ar-
       beitsplätzen, die  unter kapitalistischen  Bedingungen nicht nur,
       aber eben auch von funktionierenden Akkumulationsprozessen abhän-
       gen.
       
       _____
       1) M. Maximowa,  Besonderheiten der  modernen Weltwirtschaft  und
       die internationalen Wirtschaftsbeziehungen, in: Institut für Mar-
       xistische Studien  und Forschungen  (Hrsg.), Weltmarkt und natio-
       nale Wirtschaftspolitik heute, Frankfurt/Main 1982, S. 15.
       2) Vgl. die  Problemvorstellung bei  J. Huffschmid  (Hrsg.),  Rü-
       stungs- oder  Sozialstaat? Köln 1982, 2. Auflage, S. 34 ff., dort
       angeführte Literatur und eigene Berechnungen; auch ders., E. Bur-
       hop (Hrsg.),  Von der  Kriegs- zur Friedensproduktion, Köln 1980,
       S. 100 ff.; auch C. Bielfeldt, Zur Ermittlung der militärisch ab-
       hängig Beschäftigten  in der  BRD, in:  antimilitarismus informa-
       tion, Nr.  2/1974. Einzelne Branchen- und Unternehmensbeschäftig-
       tenzahlen finden  sich bei: A. Gottschalk, M. Eihsen, Rüstung und
       militärisch-industrieller Komplex im staatsmonopolistischen Kapi-
       talismus der  BRD, in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch des  IMSF
       4/1981, insbesondere  S. 69  ff.; auch  U. Albrecht,  P. Lock, H.
       Wulf, Arbeitsplätze durch Rüstung? Reinbek b. Hamburg 1978, S. 18
       ff. Eine  übersichtartige Auflistung  weiterer  Untersuchungen  -
       auch für  die USA-Wirtschaft  - findet sich bei: U. Albrecht, Rü-
       stungskonversionsforschung, Baden-Baden 1979, S. 24 f.
       3) Dieser Hinweis  findet sich  mit entsprechender  Quellenangabe
       bei G. Kennedy, The economics of defense, London 1975, S. 32. Die
       Berechnung von  Opportunitätskosten kommt  heute insbesondere  in
       der Konversionsforschung zur Anwendung und fußt historisch in der
       Beschäftigung mit  Umstellungsproblemen der aus dem II. Weltkrieg
       mit einer  unzerstörten  und  vollbeschäftigten  Kriegswirtschaft
       herausgekommenen  US-Wirtschaft.   Vgl.  dazu  mit  umfangreicher
       Literaturaufarbeitung auch  zur Konversionsmethodik: U. Albrecht,
       Konversionsforschung, a.a.O., S. 27 ff.
       4) J.B. Say,  Traité d'economie politique, 1803, Book II, zitiert
       bei G.  Kennedy, The  economics..., a.a.O.,  S. 32.  Bei gleicher
       Quelle findet sich ein informativer Überblick über das Verhältnis
       der klassischen Nationalökonomen zu den ökonomischen Konsequenzen
       von Rüstung.
       5) Zur Problematik  dieses Sachverhaltes vgl.: J.G. Grunwald, Die
       Möglichkeiten zur Bestimmung zeitlicher Verzögerungen in der Sta-
       bilitätspolitik, Berlin 1979, insbesondere S. 247-276.
       6) Nach nicht  mehr ganz  aktuellen Zahlen  für 1976 entfielen in
       der BRD  82 Prozent der Zahlungen des Bundesamtes für Wehrtechnik
       und Beschaffung allein auf die vier Industriezweige Luftfahrzeug-
       bau, Maschinenbau,  elektrotechnische Industrie  und Straßenfahr-
       zeugbau (vgl.  im einzelnen  U. Albrecht,  P. Lock,  H. Wulf, Ar-
       beitsplätze durch Rüstung, a.a.O., S. 24 ff.).
       7) Zur Preisentwicklung von Rüstungsgütern vgl. ebenda S. 53 ff.;
       zu Berechnungen  der Profitentwicklung  in Rüstungsbetrieben vgl.
       J. Huffschmid (Hrsg.), Rüstungs- oder Sozialstaat?, a.a.O., S. 86
       ff.
       8) So etwa  G. Kennedy,  The economics...,  a.a.O., S. 37. Dieser
       Sachverhalt wird allerdings kontrovers behandelt.
       9) J. Huffschmid,  Ökonomie der  Abrüstung, in: Blätter für deut-
       sche und  internationale Politik,  5/1977, S. 537; G. Brandt, Di-
       vergierende Funktion  militärischer Rüstung,  in: E. Krippendorff
       (Hrsg.), Friedensforschung, Köln 1970, 2. Auflage, S. 263.
       10) Ein Hinweis,  auf den  P. Lock,  H. Wulf,  Wachstum durch Rü-
       stung?, in:  Blätter für  deutsche  und  internationale  Politik,
       4/1977, S. 417, dort Fußnote 4, abstellen.
       11) J. Huffschmid, Ökonomie der Abrüstung, a.a.O., S. 541 ff.
       12) H. Fiedler,  Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Mi-
       litarismus der Wirtschaft im gegenwärtigen Imperialismus, in: In-
       stitut für internationale Politik und Wirtschaft der DDR (Hrsg.),
       IPW-Bericht 10/1978,  S. 27.  So wird  auch von  "technologischem
       Krieg" (Fiedler) gesprochen. Entsprachen Entwicklung und Erstaus-
       stattung der  Bundeswehr noch dem traditionellen Rüstungsbeschaf-
       fungsmuster, so  beinhalten die gegenwärtig durchgeführten Moder-
       nisierungen  fast   ausschließlich  qualitative  "Verbesserungen"
       (vgl. Wirtschaftswoche, Nr. 33, vom 5.8.1977, S. 17).
       13) Diese Schlußfolgerungen gelten nur für sog. Friedenszeiten.
       14) K.W. Rothschild,  Rüstungswirtschaft  und  Vollbeschäftigung,
       in: Schweizerische  Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik
       1956, S. 158.
       15) G. Brandt, Divergierende Funktionen..., a.a.O., S. 262.
       16) K. Engelhardt, Ökonomische und soziale Aspekte der Abrüstung,
       in: Wirtschaftswissenschaft, 22. Jg. 1974, S. 723.
       17) Vgl. für  die BRD etwa: J. Schmidt, Zur Bedeutung der Staats-
       ausgaben für die Beschäftigung. Input-Out-put-Studie der Beschäf-
       tigungswirkungen von  Staatsausgaben. DIW-Beiträge  zur Struktur-
       forschung, H.  46, Berlin (West) 1977. Danach schafft eine Verän-
       derung der  Staatsausgaben zugunsten  der Verteidigung um 10 Mrd.
       DM rd. 180 000 Arbeitsplätze, die gleiche Staatsausgabenvariation
       zugunsten   a l l e r  a n d e r e n  Bereiche jeweils mindestens
       9 bis 50 Prozent Arbeitsplätze mehr - unter Einschluß der mittel-
       bar geschaffenen.
       18) C. Lo,  Die widersprüchlichen  Funktionen der  amerikanischen
       Rüstung nach  dem 2. Weltkrieg, in: G. Krell (Hrsg.), Die Rüstung
       der USA. Gesellschaftliche Interessen und politische Entscheidun-
       gen, Baden-Baden 1981.
       19) K.W. Rothschild, Rüstungswirtschaft..., a.a.O., S. 152.
       20) H. Regling,  Militärausgaben und wirtschaftliche Entwicklung.
       Hamburg 1970, S. 84.
       21) Rothschild schlägt  vor, zur Berechnung der Wachstumsverluste
       die (vermutlich  sachlichen, R.V.)  Militärausgaben mit den indu-
       striellen Kapitalkoeffizienten zu multiplizieren, um jene Sozial-
       produktentwicklung zu  bestimmen, auf die wegen der Militärausga-
       ben verzichtet  wird. (Vgl. K. W. Rothschild, Militärausgaben und
       Wirtschaftswachstum, in:  A. Reif  [Hrsg.], Die Zukunft der Wirt-
       schaft, München 1976, S. 128.)
       22) J. Huffschmid  (Hrsg.), Rüstungs-  oder Sozialstaat?, a.a.O.,
       S. 172.
       23) Über den bei konstanter Kapitalproduktivität positiven Zusam-
       menhang von Investitionsquote und Wachstumsrate vgl. für die BRD:
       K.-W. Schatz, Wachstum und Strukturwandel der westdeutschen Wirt-
       schaft im internationalen Verbund, Tübingen 1974, darin insbeson-
       dere S. 135 ff.
       24) W. Wittmann, Militärausgaben und wirtschaftliche Entwicklung,
       in: Zeitschrift  für die  gesamte  Staatswissenschaft,  Bd.  122,
       1966, S.  112. Der  entscheidende Punkt  ist die Allgemeinzugäng-
       lichkeit, d.h. der Subventionscharakter für weitere private Wirt-
       schaftstätigkeit  nach   Fertigstellung  dieser  militärisch  be-
       stimmten Leistungen.  Gerade dies  wäre untypisch  für den  Mili-
       tärsektor einer Gesellschaft.
       25) Ebenda, S. 111.
       26) Vgl. G.  Lorenzen, Der Beitrag der Akzelerationshypothese zur
       Erklärung der Nettoinvestitionen in den Sektoren der verarbeiten-
       den Industrie  der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 1975; H.
       B. Chenery, Overcapacity and the Acceleration Principle, in: Eco-
       nometrica, 1952,  S. 12  ff.; B.  G. Hickman,  Capacity, Capacity
       Utilization and  the Acceleration  Principle, in: National Bureau
       of Economic Research (Hrsg.), Problems of Capital Formation. Stu-
       dies in Income and Wealth, Vol. 19, Princeton 1957.
       27) HWWA-Institut für  Wirtschaftsforschung  Hamburg,  Konjunktur
       von morgen, Nr. 608 vom 11.3. 1982.
       28) K.W.  Rothschild,  Militärausgaben  und  Wirtschaftswachstum,
       a.a.O., S. 129.
       29) Ebenda, S. 130.
       30) P. Lock, Die widersprüchlichen Funktionen..., a.a.O., S. 90.
       31 P. Lock, H. Wulf, Wachstum durch Rüstung?, a.a.O., S. 421. Auf
       einen beachtenswerten  Sachverhalt verweisen  Lock und Wulf: Wenn
       aus der wachsenden Militarisierung der Dritten Welt deren Import-
       fähigkeit nachläßt,  wäre die BRD besonders benachteiligt, da aus
       der BRD  überwiegend Investitionsgüter  und keine  Nahrungsmittel
       für die Dritte Welt exportiert werden. Andere Länder wie etwa USA
       und Frankreich  exportieren auch  Nahrungsmittel, so daß letztere
       selbst bei  einer Verschlechterung  der wirtschaftlichen  Lage in
       der Dritten  Welt zumindest  teilweise profitieren  von der  dann
       einsetzenden Nachfrage  nach Nahrungsmitteln,  während der Import
       von Investitionsgütern (aus der BRD) zurückgestellt wird.
       32) E. Ehrenberg,  Der deutsche  Rüstungsexport, München 1981, S.
       41. So  stellte gerade  die erhebliche militärische Unterstützung
       des Schah-Regimes durch die BRD eine Desavouierung der iranischen
       Opposition dar  und führte  konsequenterweise mit der Überwindung
       der Schah-Diktatur  zum drastischen  Abbau der. Wirtschaftsbezie-
       hungen durch die neue iranische Regierung.
       33) Bundesministerium für  Forschung und  Technologie,  Bundesbe-
       richt Forschung, Nr. 6, Bonn 1979, S. 40 f.
       34) Stockholm International Peace Research (SIPRI), Rüstungsjahr-
       buch 80/81, Reinbek b. Hamburg 1980, S. 51.
       35) "Preis" könnte im einfachsten Fall die Differenz zwischen der
       Geldsumme sein,  die die gleichen zivilen Güter bzw. Erkenntnisse
       bei direkter  Forschungsförderung hervorgebracht  hätte, und  der
       tatsächlichen Summe  der militärischen  Forschungs- und  Entwick-
       lungsförderung. Rothschild  spricht hier  von  der  sog.  "Umweg-
       rentabilität" (K.  W. Rothschild,  Militärausgaben..., a.a.O., S.
       135).
       36) Wenn der Trend von der gesellschaftlichen Herstellung von mi-
       litärischen Endprodukten immer mehr zur gesellschaftlichen Arbeit
       von Forschung  und Entwicklung und wachsender Militarisierung der
       Wissenschaft anhält,  wird die Vorstellung vom physischen Vorhan-
       densein militärischer  Endprodukte, welche irgendwann und irgend-
       wie doch  noch zivil genutzt werden können, zunehmend ad absurdum
       geführt (H. Fiedler, Wissenschaftlich-technischer Fortschritt...,
       a.a.O., S. 29).
       

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