Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       VORWORT
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       Im Mittelpunkt des vorliegenden fünften Jahrbuches stehen Fragen,
       die durch  Aktivitäten und  Einfluß von neuen sozialen Bewegungen
       neben der  Arbeiterbewegung aufgeworfen werden. Ursachen und Per-
       spektiven, Bedeutung und innere Differenzierung dieser Bewegungen
       bilden seit  einiger Zeit wichtige Themen der sozialwissenschaft-
       lichen und politischen Debatte. Angesichts der relativen Stabili-
       tät und  Mobilisierungsfähigkeit, angesichts  der Auswirkung  der
       neuen Bewegungen auf die gesellschaftliche Diskussion und die po-
       litischen Kräfteverteilungen  kann das  nicht  verwundern.  Nicht
       ohne Einfluß  geblieben sind  Interpretationen, die die neuen so-
       zialen Bewegungen  nutzen zur  Argumentation gegen alle marxisti-
       schen Positionen, die sich auf die Arbeiterklasse und die gewerk-
       schaftliche  und  politische  Arbeiterbewegung  orientieren:  Das
       praktische Leben  bestätige hier schlagend die theoretischen Aus-
       sagen der "Neuen Linken".
       Damit ist der Hintergrund angedeutet, auf dem die Aufsätze im er-
       sten Abschnitt  verschiedene Aspekte  des Verhältnisses von neuen
       sozialen Bewegungen  und Arbeiterklasse untersuchen; Beiträge zur
       Frauenbewegung und  zu Fragen  der  Friedensbewegung  runden  den
       Schwerpunkt dieses Jahrbuchs ab. Er bringt auch zum Ausdruck, daß
       diese Themen  in der Arbeit des IMSF (nach Beiträgen zur Bürgeri-
       nitiativ- und  Frauenbewegung in  den "Marxistischen  Studien" 4,
       1981) inzwischen einen festen Platz erhalten haben.
       Die Analysen  selbst lassen erkennen, daß eine solche Erweiterung
       des Forschungsfeldes  neue theoretische  und methodische Probleme
       stellt, die  nicht im ersten Anlauf gelöst werden. Neben der Ana-
       lyse der  unterschiedlichen neuen  sozialen Bewegungen zieht sich
       die Frage  nach ihren  sozialpsychologischen Verbindungen zur Ar-
       beiterklasse und  ihren Einflüssen auf die Arbeiterbewegung durch
       die meisten  Beiträge. Grundprozesse der Sozialstruktur, der Ver-
       änderung von  Konfliktfeldern und der Bedürfnisentwicklung werden
       intensiv untersucht  - die inneren Triebkräfte der neuen Bewegun-
       gen und  ihre Rolle im politischen Kräftesystem werden allerdings
       erst in Ansätzen erörtert.
       In den  neuen sozialen  Bewegungen sieht  Kaspar Maase einen Aus-
       druck gewandelter  Bedürfnislagen; ihre  konkrete Entwicklung sei
       geprägt durch  die umfassenden Krisentendenzen der letzten Jahre.
       Hohe Aktivität  vor allem  aus den lohnabhängigen Mittelschichten
       auf dem Hintergrund einer Arbeiterbewegung, die gegenwärtig wenig
       Ausstrahlung als Kraft zur Durchsetzung gesellschaftlicher Alter-
       nativen entfaltet,  bestimmt den  Charakter der  neuen Bewegungen
       wesentlich. In  dieser Konstellation  werden vor allem Wertorien-
       tierungen und Widerstandsmotivationen in den neuen Bewegungen un-
       tersucht. Die Entwicklung neuer sozialer Bedürfnisse in verschie-
       denen Gruppen  der Arbeiterklasse und die Ansätze ihrer Umsetzung
       in gewerkschaftliche  Praxis analysiert  Witich Roßmann.  In  den
       siebziger Jahren  haben sich  viele Tendenzen und Initiativen nur
       begrenzt und  getrennt artikuliert - ihre gewerkschaftspolitische
       Zusammenfassung wurde  durch die  Krisenprozesse seit 1974/75 und
       letztlich durch die Hegemonie sozialpartnerschaftlicher Kräfte in
       der Organisation blockiert.
       In den  letzten zwanzig  Jahren haben sich bei den Lohnabhängigen
       unterschiedlich starke,  aber gleichgerichtete  und tiefgreifende
       Wandlungen in  den Wertorientierungen vollzogen, die ohne Zweifel
       zu den  subjektiven Voraussetzungen der neuen sozialen Bewegungen
       zählen. Johannes  Henrich von  Heiseler hebt gewachsene Ansprüche
       auf Autonomie  und gesellschaftliche  Mitsprache sowie die verän-
       derte Wahrnehmung  der ungleichberechtigten  Stellung der  Frauen
       hervor. Hier  gibt es  Annäherungen zwischen  den Kerngruppen der
       Arbeiterklasse und den lohnabhängigen Mittelschichten und der In-
       telligenz. Bedeutet  das auch,  daß soziale und politische Orien-
       tierungen aus dem nicht-proletarischen Protest an die Stelle zer-
       fallender  Sozialpartnerschaftsideologie  in  der  Arbeiterklasse
       treten können? Harald Werner verneint dies nach einer Analyse der
       Anforderungen der  Individualitätsform des  Lohnarbeiters im  we-
       sentlichen. Die  Ausbildung der  sozialen Psyche in der Arbeiter-
       klassenjugend werde jedoch durch die Protestbewegungen unverkenn-
       bar beeinflußt. Dem komplizierten Verhältnis von Klassengegensatz
       und Generationskonflikt geht Morus Markard nach. Nicht erzieheri-
       sche Ratschläge,  sondern praktische  Solidarität an  Punkten der
       Interessenübereinstimmung müsse  das Verhalten  der Marxisten zur
       neuen Jugendbewegung bestimmen.
       Das Potential der neuen sozialen Bewegungen findet seinen politi-
       schen Ausdruck  bisher vor allem in grünen und alternativen Grup-
       pierungen. Am Hamburger Beispiel untersucht Lothar Bading die so-
       zialstrukturellen Grundlagen neuer Basisbewegungen, ihr Einwirken
       auf außerparlamentarische  linke Strömungen,  die politische Bin-
       dung des  Protestpotentials an  eine linksreformistische ökologi-
       sche Politik  und den  Niederschlag dieser  Entwicklungen in  den
       letzten Bürgerschaftswahlen.  Die nachlassende Integrationsfähig-
       keit der  Sozialdemokratie in  doppelter Richtung - gegenüber der
       Arbeiterklasse und  der Jugend-  und Protestbewegung  - macht den
       Kern der  gegenwärtigen  Krise  der  Sozialdemokratie  aus.  Kurt
       Schacht untersucht  die Ursachen  dieser Krise und die Diskussion
       in der  SPD-Führung um neue Integrationsstrategien. Mit ideologi-
       schen Konzeptionen zu Staat, Klassenkampf und politischem Subjekt
       von N.  Poulantzas und J. Hirsch, die auch in den Alternativbewe-
       gungen ihren  Ausdruck, aber z.T. auch ihre Quellen finden, setzt
       sich Michael Ellwardt auseinander.
       Weit über  die selbständige  Frauenbewegung hinaus spielen Frauen
       in den  sozialen Bewegungen  der letzten Jahre eine zunehmend ak-
       tive und vorwärtsdrängende Rolle. Heike Flessner und Heidi Knake-
       Werner arbeiten Momente und Gründe für unterschiedliche Linien im
       Engagement  von   Frauen  verschiedener   sozialer  Lage  heraus;
       zugleich betonen  sie Gemeinsamkeiten und Bündnismöglichkeiten im
       Spektrum  von  Frauen-Aktivität.  Die  theoretische  Debatte  zum
       Selbstverständnis der Frauenbewegung führen wir fort mit Materia-
       lien einer  vom IMSF organisierten Diskussionsrunde über Politik-
       zugänge von Frauen. Ein Bericht gibt einen Überblick; der Beitrag
       von Ute  H.-Osterkamp setzt sich vor allem mit einigen Thesen von
       Frigga Haug auseinander.
       Die Friedensbewegung  ist Kristallisationspunkt unterschiedlicher
       sozialer und  Protestbewegungen; an  ihr ist die Arbeiterbewegung
       vergleichsweise am  stärksten beteiligt.  Thomas Harms  skizziert
       Hauptströmungen, gemeinsame  Forderungen und  Differenzierungsmo-
       mente dieser  breiten Volksbewegung.  Zu den in der Friedensbewe-
       gung diskutierten  Problemen gehören  die Fragen der globalen und
       europabezogenen Kräfteverhältnisse  und  die  militärstrategische
       "Begründung" des NATO-Beschlusses, zunehmend aber auch Fragen der
       Ursachen und  ökonomischen Folgen von Rüstung. Jürgen Reusch gibt
       eine vergleichende  Analyse der  Tätigkeit, Methodik,  Ergebnisse
       und politischen Ausrichtung der drei wichtigsten europäischen Rü-
       stungs- und Friedensforschungsinstitute, die in unterschiedlicher
       Weise in  die Diskussion in der Friedensbewegung durch ihre Mate-
       rialien und  Argumentationen einbezogen sind. Rainer Volkmann un-
       tersucht die  von bürgerlichen Ökonomen herausgestellten Beschäf-
       tigungseffekte von  Rüstungsausgaben und weist nach, daß langfri-
       stig Rüstungsproduktion  Verzicht auf Arbeitsplatz-Zuwachs bedeu-
       tet.
       Die Welt  des Kapitals  ist gegenwärtig von tiefgreifenden Krisen
       und Stagnationsprozessen  erfaßt, die  in allen  kapitalistischen
       Zentren einen  restriktiven  wirtschafts-  und  sozialpolitischen
       Kurs des staatsmonopolistischen Kapitalismus ausgelöst haben, der
       in unterschiedlichem  Maße auf Gegenbewegungen der Arbeiterklasse
       stößt. Einer  Konferenz des IMSF mit ausländischen Partner-Insti-
       tuten zur  Krise der  kapitalistischen Weltwirtschaft  vom Sommer
       1981 (vgl.  die Berichte  im vierten Band der "Marxistischen Stu-
       dien") folgte dieses Jahr eine Tagung zur "Wirtschaftspolitik des
       Kapitals in  der Krise" mit Teilnehmern aus den USA, Japan, Groß-
       britannien, der BRD und Frankreich sowie anderen kapitalistischen
       Ländern. Bernhard  Roth gibt eine Zusammenfassung der hier vorge-
       legten vergleichenden  Länderanalysen zur  Strategie des  SMK und
       den Gegenreaktionen  der Arbeiterbewegung. Angelina Sörgel behan-
       delt die Frage nach ökonomischen und sozialen Grenzen des krisen-
       bedingten Sozialabbaus in der Bundesrepublik sowie dem Umfang und
       den Ursachen dieser Restriktionen.
       Neu im Rahmen des Jahrbuchs ist die Rubrik "Diskussion - Kritik -
       Replik", unter der ein Bericht von Achim Bühl über eine Diskussi-
       onsrunde im IMSF zur materialistischen Staats- und Überbautheorie
       (anknüpfend an  die jüngsten Untersuchungen des IMSF) sowie Reak-
       tionen  auf  Beiträge  in  vorhergehenden  Bänden  des  Jahrbuchs
       (Jäger, mit Replik von Kypke; Kleinknecht) zusammengefaßt sind.
       Über wissenschaftliche  Institutionen in  der Bundesrepublik  be-
       richten J.  Hülsdünker, R.  Schellhase und B. Spannhake mit einem
       Beitrag über  die "Sozialforschungsstelle Dortmund" und A. Leise-
       witz, der  die Tätigkeit des "Instituts für angewandte Ökologie",
       Freiburg, behandelt.
       M. Sotow macht den Leser mit Organisation und Arbeit des Moskauer
       "Instituts für Marxismus-Leninismus bei ZK der KPdSU" bekannt; P.
       Kosonen und S. Hänninen stellen den marxistisch orientierten Fin-
       nischen Forscherverband vor.
       Aus beruflichen  Gründen ist  Christine Preiß  aus dem Beirat des
       Jahrbuchs ausgeschieden.  Ihr ist auch an dieser Stelle noch ein-
       mal für ihre Mitarbeit zu danken.
       Wir möchten  den Leser abschließend darauf hinweisen, daß in die-
       sem Jahr  erstmals ein Sonderband der "Marxistischen Studien" er-
       scheint. Er  ist aus  Anlaß des  hundertsten Todestages  von Karl
       Marx am  14. März  1983 der  Aktualität des Marxschen Denkens für
       die Analyse  der Grundprozesse  unserer Epoche  und die Strategie
       der  demokratischen  und  Arbeiterbewegung  gewidmet:  "'...einen
       großen Hebel  der Geschichte'.  Zum 100.  Todestag von Karl Marx:
       Aktualität und Wirkung seines Werks".
       
       Frankfurt am Main, Juli 1982
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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