Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       DIE SOZIALPSYCHOLOGIE DER ARBEITERKLASSE
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       UND DIE "NEUEN SOZIALEN BEWEGUNGEN"
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       Harald Werner
       
       1. Zum nicht-proletarischen Protest - 2. Zum Begriff der Klassen-
       psychologie -  3. Grundtatbestände der proletarischen Klassenpsy-
       chologie - 4. Probleme beim Zerfall der Sozialpartnerschaftsideo-
       logie -  5. Bedingungen und Ansätze für die Entwicklung neuer po-
       litischer Orientierungen in der Arbeiterklasse - 6. Sozialpsycho-
       logische Aspekte  der neuen  sozialen Bewegungen  - 7. Trennendes
       und Gemeinsames
       
       1. Zum nicht-proletarischen Protest
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       Wenn die Frage nach dem Einfluß der neuen sozialen Bewegungen auf
       die Arbeiterklasse  beziehungsweise auf  die Verarbeitung  dieses
       Einflusses durch die gesellschaftliche Psychologie der Klasse ge-
       stellt wird,  dann bedarf es einer klaren Unterscheidung der bei-
       den Momente. Die Bestimmung muß mit den wirklichen Bewegungen und
       den von ihnen ausgehenden ideologischen Elementen übereinstimmen.
       Eine solche  Definition ist  am ehesten  mit der  Bezeichnung der
       neuen sozialen  Bewegungen als  "nicht-proletarischer Protest" 1)
       gegeben. Damit wird nicht nur das objektive Merkmal, die Stellung
       in der  Klassenstruktur, beschrieben, sondern auch die subjektive
       Orientierung der  Bewegung. Die so definierten neuen sozialen Be-
       wegungen gehen einen scheinbar dritten Weg zwischen der Arbeiter-
       bewegung (und  dem existierenden  Sozialismus) auf  der einen und
       dem staatsmonopolistischen  Kapitalismus auf  der anderen  Seite.
       Sie verstehen  sich selbst weitgehend als linke Bewegung, richten
       ihre Kritik jedoch nicht auf die herrschenden Produktionsverhält-
       nisse, sondern auf die von diesen verursachten gesellschaftlichen
       Strukturen und  letztlich auf die Produktivkräfte. So vielschich-
       tig ihre  Aktionsanlässe sind, so vielgliedrig sind die von ihnen
       entwickelten gesellschaftlichen  Utopien. Übereinstimmende  Merk-
       male lassen  sich nur  in der  Sensibilität für  ökologische Pro-
       bleme, für Entfremdungstatbestände und für alle Formen von Unter-
       drückung feststellen.
       Die daraus  entspringenden Bewußtseinsinhalte richten sich objek-
       tiv gegen  die staatsmonopolistische Regulierung. Die sich daraus
       ergebenden Gemeinsamkeiten zwischen den neuen sozialen Bewegungen
       und der  Arbeiterbewegung führen  dazu, daß in zahlreichen außer-
       parlamentarischen Kämpfen  Teile der Arbeiterklasse und Marxisten
       mit Gruppen der Mittelschichten und mehr oder minder locker orga-
       nisierten Gruppen aus den neuen sozialen Bewegungen zusammentref-
       fen. Wenngleich  je nach  Aktionsfeld die  Mittelschichtengruppen
       und die  ihnen entsprechenden  neuen Gruppierungen oft überreprä-
       sentiert sind,  so bleibt doch die Tatsache, daß die Trennungsli-
       nie zwischen  Arbeiterbewegung und  den neuen sozialen Bewegungen
       quer durch  jene außerparlamentarischen  Kämpfe verläuft, die oft
       fälschlicherweise ganz  als neue soziale Bewegungen verbucht wer-
       den. Gerade  die Friedensbewegung, die zum Leidwesen bürgerlicher
       Lohnschreiber wesentlich  von Kommunisten  und anderen  marxisti-
       schen Kräften  mitgetragen wird, zeigt überaus deutlich, wie brü-
       chig jener  unscharfe Begriff  der neuen sozialen Bewegungen ist,
       der alles einzuschließen versucht, was sich außerhalb der Gewerk-
       schaften an Kämpfen entwickelt.
       Aber gerade  das gemeinsame Handeln der unterschiedlichen Kräfte,
       die Einheit der ideologischen Gegensätze, wie sie sich in den au-
       ßerparlamentarischen Kämpfen  herausbildet, und  das  Miteinander
       der verschiedenen  sozialen Gruppierungen  werfen die  Frage nach
       der Verlaufsrichtung  der ideologischen  Prozesse auf,  die  sich
       zwangsläufig entwickeln.  Denn  das  gemeinsame  Handeln  schafft
       nicht  nur  die  Voraussetzung  dauerhafter  antimonopolistischer
       Bündnisse, es  konfrontiert auch aktive Teile der Arbeiterklasse,
       insbesondere der  Arbeiterjugend, mit Ideologien, die einer klas-
       senbewußten politischen  Orientierung entgegenwirken.  Und da der
       "dritte Weg" der neuen sozialen Bewegungen nicht nur zwischen Ka-
       pitalismus und realem Sozialismus hindurchzielt, sondern auch dem
       sozialdemokratischen Opportunismus,  den taktierenden Realpoliti-
       kern und  anderen eine  Absage erteilt, die auch in der Arbeiter-
       schaft an Kredit verloren haben, ist er nicht ohne vordergründige
       Attraktivität.
       Da die  neuen sozialen Bewegungen und ihre Ideologien keine bloße
       Modeerscheinung sind,  sondern ihre  reale Basis  im Krisenprozeß
       haben, der  sich immer  stärker auf breitere Mittelschichten aus-
       wirkt, werden  nicht nur  die Möglichkeiten  antimonopolistischer
       Bündnisse fortbestehen,  fortdauern werden auch die ideologischen
       Einflüsse der  nicht-proletarischen Protestbewegungen auf die Ar-
       beiterklasse. So ist Steigerwald zuzustimmen, daß die hier aufge-
       zeigten Probleme "eine längerfristige Angelegenheit der marxisti-
       schen Arbeiterbewegung sein" 2) werden.
       
       2. Zum Begriff der Klassenpsychologie
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       Der Begriff  "Sozialpsychologie der Arbeiterklasse" erscheint auf
       den ersten  Blick ungewöhnlich. Wenn in der marxistischen Litera-
       tur und  in der  Diskussion  linker  Gesellschaftswissenschaftler
       bisher vom Zusammenhang des gesellschaftlichen Prozesses mit sei-
       ner psychischen  Widerspiegelung durch  die Individuen gesprochen
       wurde, dann  war in  der Regel  vom gesellschaftlichen Bewußtsein
       die Rede.  Die Unterscheidung von "Sozialpsychologie und Klassen-
       bewußtsein der  Arbeiterklasse" wurde dagegen erstmals in der BRD
       von Diligenski in der gleichnamigen Veröffentlichung vorgenommen.
       3) Als  Klassenbewußtsein bezeichnet Diligenski die Ideologie der
       Klasse, die  keinesfalls mit  den empirisch beobachtbaren, durch-
       schnittlich gegebenen  Bewußtseinsinhalten gleichzusetzen ist. In
       seiner entwickeltsten  Form entspricht  das Klassenbewußtsein der
       Arbeiter dem wissenschaftlichen Sozialismus, es umfaßt das ratio-
       nale oder,  wie Holzkamp sagt, das erkennende Begreifen. "Deshalb
       ist es  innere Logik, Organisiertheit und Zweckmäßigkeit, was die
       Ideologie vor der Psychologie auszeichnet, die verschwommener und
       widersprüchlicher ist." 4)
       Diligenski bleibt  jedoch insofern  mißverständlich, als er Klas-
       senideologie und Klassenpsychologie gegenüberstellt. Auch wenn er
       die Wechselwirkung  beider und das gegenseitige Durchdringen her-
       vorhebt, so  ist doch die Ideologie eine spezifische Form psychi-
       scher Widerspiegelung  und deshalb  zumindest im  Individuum  ein
       Teil seiner  Psyche. Die Klassenideologie existiert zwar als Ele-
       ment des  subjektiven Faktors  außerhalb der Individuen, aber als
       Form der  subjektiven Widerspiegelung existiert sie in den Köpfen
       realer Menschen, sie ist also, um im Sprachgebrauch des Autors zu
       bleiben, ein Teil ihrer Psychologie. (Richtiger müßte es freilich
       heißen: Teil ihrer Psyche.) Der Unterschied zwischen Klassenideo-
       logie und  Klassenpsychologie ist, daß erstere nicht nur als sub-
       jektive Widerspiegelung  existiert, sondern  materialisiert ihren
       Niederschlag in  diversen Dokumenten findet. Die Klassenpsycholo-
       gie aber  ist die Gesamtheit der psychischen Widerspiegelungsfor-
       men realer Lebensprozesse im Bewußtsein einer Klasse.
       Diese Unklarheiten  einmal ausgeräumt, erweist sich die Differen-
       zierung des Begriffs "gesellschaftliches Bewußtsein der Arbeiter"
       oder "Arbeiterbewußtsein"  in methodischer  Hinsicht als  äußerst
       hilfreich. Zwar  umfaßt der Begriff des Bewußtseins in der marxi-
       stischen Theorie  schon immer  die "Gesamtheit der sinnlichen und
       rationalen Widerspiegelungsformen sowie den Bereich der menschli-
       chen Emotionen  und des  Willens" 5), doch der Sprachgebrauch ist
       durchaus nicht  einheitlich. So  spricht zum  Beispiel Hacker von
       "bewußtseinspflichtigen" Handlungen  und scheidet  die  automati-
       sierten, nicht rational vorgefaßten Handlungen aus.
       Wenn im  folgenden von  der Sozialpsychologie  der Arbeiterklasse
       gesprochen wird, dann meint dies die Widerspiegelung des gesamten
       sozialen Prozesses  in der  Psyche  der  Klassenangehörigen.  Als
       Klassenpsychologie existiert  sie in der Tendenz, als allgemeiner
       Ausdruck. Zu beachten ist dabei, daß der soziale Prozeß, der sich
       hier widerspiegelt,  "die Gesamtheit  der objektiven  Bedingungen
       des gesellschaftlichen  Lebens" 6) einschließt. Der Arbeiter exi-
       stiert nicht  nur als  Lohnarbeiter, er ist auf vielfältige Weise
       mit der  Gesamtheit der Lebensbedingungen verbunden; je mehr sich
       die Lebensbedingungen  der nichtherrschenden  Klassen und Gruppen
       im staatsmonopolistischen  Kapitalismus  angleichen,  desto  mehr
       spiegelt die  Sozialpsychologie der  Arbeiterklasse rational  wie
       emotional Momente  wider, die außerhalb des traditionellen prole-
       tarischen Lebenszusammenhangs entwickelt wurden.
       
       3. Grundtatbestände der proletarischen Klassenpsychologie
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       in der BRD
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       In den objektiven Lebensbedingungen der BRD-Arbeiterklasse fallen
       nach wie vor alle Merkmale von Ausbeutung, Entfremdung und Behin-
       derung menschlicher  Entwicklung zusammen,  die der  Kapitalismus
       auch den anderen nichtherrschenden Klassen und Gruppen aufbürdet.
       Selbst die konjunkturell günstigen Phasen haben diesen Tatbestand
       für die  Arbeiterklasse sinnlich  erfahrbar gelassen. Die empiri-
       schen Studien  über  die  rationale  Erfassung  der  ökonomischen
       Grundtatbestände bestätigen  dies durchweg.  Und sofern  man  die
       Emotionen, die  Wertvorstellungen und  Bedürfnisse nicht  von der
       sinnlichen Erfahrung  trennt, kann  davon ausgegangen werden, daß
       diese Lebenswirklichkeit,  als die  alle anderen  Bereiche mitbe-
       stimmende Realität,  von Einfluß auf die gesamte Klassenpsycholo-
       gie ist.  Mit diesem  Grundtatbestand muß  gerechnet werden, wenn
       überlegt wird, wie Sinngebungen und Wertvorstellungen, die außer-
       halb der Arbeiterklasse entwickelt wurden, in diese hineinwirken.
       Bei aller  Beschränktheit sinnlicher  Erkenntnis, die in der bür-
       gerlichen Gesellschaft  zudem  der  Mystifizierung  des  sozialen
       Grundprozesses unterliegt  und zu  selektiver Wahrnehmung  führt,
       ist die sinnliche Erfahrung doch für das Individuum die entschei-
       dende Basis  aller psychischen Prozesse. Mag es sich hierbei auch
       um eine  "Pseudokonkretheit" handeln, die dem gedanklichen Durch-
       dringen des Konkreten mehr im Wege steht als daß sie es fördert -
       jede Ideologie,  die dem Individuum Orientierungshilfen für seine
       tägliche Lebenspraxis  anbietet, muß sich auf diese sinnliche Er-
       fahrung einlassen.
       Die Uneinheitlichkeit  des Arbeiterbewußtseins  kann  niemals  so
       weit gehen, daß in ihm Momente vereint werden, die der sinnlichen
       Erfahrung entgegenlaufen oder diese nicht zumindest plausibel er-
       scheinen lassen. Dies setzt der Adaption verschiedener Ideologien
       unüberschreitbare Grenzen. Bevor man vorschnell zu der Auffassung
       gelangt, die  Arbeiterklasse der BRD könne in ihre Klassenpsycho-
       logie jede  beliebige Ideologie  integrieren, da Widersprüchlich-
       keit  ohnehin  ein  Wesensmerkmal  des  Arbeiterbewußtseins  sei,
       scheint es notwendig, die Art dieses Widerspruchs zu untersuchen.
       So übersehen  die meisten empirischen Studien zum Arbeiterbewußt-
       sein, daß der mittlerweile gemeinplatzfähige Widerspruch zwischen
       ökonomischem und  politischem Bewußtsein  keine unvermittelte Ge-
       gensätzlichkeit, kein  bloßes  Nebeneinander  von  Richtigem  und
       Falschem, sondern  eine Durchgangsform ist. Denn auch die Sozial-
       partnerschaftsideologie ist  in den Köpfen der Arbeiter kein kon-
       gruentes Abbild  der außerhalb der Arbeiterklasse vorfabrizierten
       Ideologie, sie ist bereits verarbeitet, verändert und der sinnli-
       chen Alltagserfahrung  angepaßt. So  läßt sich  durch  Nachfragen
       selbst in  standardisierten Interviews leicht nachweisen, daß die
       Arbeiter unter Sozialpartnerschaft anderes verstehen als die Pro-
       pagandisten dieser Ideologie. 7) Im Denken der Arbeiter ist Sozi-
       alpartnerschaft der  zugegebenermaßen untaugliche  Versuch,  eine
       Handlungsstrategie zu entwerfen, die der Befriedigung individuel-
       ler wie kollektiver Bedürfnisse entspricht. Bei aller Beschränkt-
       heit dieser  Widerspiegelung gesellschaftlicher  Verhältnisse und
       trotz aller Behinderungen, die von diesem Denken ausgehen, ist es
       auch eine  Überwindung hilfloser  Individualität und ein Versuch,
       durch gesellschaftliches  Handeln Kontrolle  über die eigenen Le-
       bensbedingungen zu erlangen.
       Daß diese Ideologie nicht nur eine Verkehrung der wirklichen Ver-
       hältnisse vornimmt,  vielmehr an  sinnliche Erfahrungen anknüpft,
       gewährleistet auch  ihre Verankerung  in der  Klassenpsychologie.
       Sie ist  nicht nur  Trugbild, sie  ist ein Produkt aus wirklichen
       Lebensverhältnissen, realen  Bedürfnissen der  Arbeiterklasse und
       geschickter ideologischer  Vergesellschaftung durch die bürgerli-
       chen Meinungsproduzenten.  So leugnet  die Sozialpartnerschaftsi-
       deologie keinesfalls  den Konflikt  zwischen Lohnarbeit und Kapi-
       tal, sie  leugnet "lediglich"  seinen antagonistischen  Charakter
       und begrenzt  damit das  Denken der Arbeiter auf die Auseinander-
       setzung um  den angemessenen  Tauschwert beziehungsweise  auf die
       Sicherung der Tauschbedingungen.
       Die Überzeugungskraft  der Ideologie  wurzelt letztlich im realen
       Lebensniveau der  bundesdeutschen Arbeiterklasse - womit zugleich
       die Bedingungen  ihres Zerfalls  benannt sind. Die vordergründige
       Plausibilität der  angebotenen Deutungen  gesellschaftlicher Pro-
       zesse und  die darauf  aufgebauten  Handlungsstrategien  erweisen
       sich im  zunehmenden Maße  als untauglich. Trotzdem scheinen sich
       in der  Klassenpsychologie der Lohnabhängigen keine grundlegenden
       Veränderungen zu  vollziehen. So  schreibt Hautsch: "... daß eine
       dauerhafte Massenarbeitslosigkeit  zwischen eineinhalb  und  zwei
       Millionen sowie der Abbau von Lebensstandard für die Lohnabhängi-
       gen bisher  ohne ernsthaftere  ideologisch-politische Brüche ver-
       kraftet worden  sind, hätte  vor zehn  Jahren  kaum  ein  Gesell-
       schaftswissenschaftler   für    möglich   gehalten."    8)    Daß
       "ernsthaftere ideologisch-politische  Brüche" in der BRD nicht zu
       verzeichnen sind,  ist kaum  zu bestreiten, sofern man sich dabei
       auf die Sphäre des Politischen im engeren Sinne und auf die Stel-
       lung der Gewerkschaften im staatsmonopolistischen System bezieht.
       Daß es  jedoch keine Brüche in der Entwicklung der Klassenpsycho-
       logie gibt, kann nicht behauptet werden. Nur nehmen die hier ein-
       getretenen Entwicklungen  einen anderen  Verlauf als  angenommen.
       Zum einen sind Veränderungen nicht hauptsächlich aus dem Wahlver-
       halten der  Gesamtbevölkerung und auch nicht aus Meinungsumfragen
       ablesbar, und zum anderen mündet die Ablösung von der Sozialpart-
       nerschaftsideologie nicht  notwendig in  die Aneignung  adäquater
       Deutungen von Gesellschaft.
       Was den ersten Punkt betrifft, so sagen die Handlungen der Klasse
       über ihre Psychologie mehr aus als sämtliche Meinungsumfragen zu-
       sammengenommen. Wenn  auch heute noch Arbeiter in Interviews Ant-
       worten geben,  die  vermeintlich  Aufschluß  über  sozialpartner-
       schaftliche Orientierungen zulassen, dann bleiben wesentliche Mo-
       mente der  Psyche ausgeblendet.  Der  sprachliche  Reflex  verrät
       nichts über  die Emotionen,  den Grad  der Überzeugtheit, die Be-
       dürfnisse der  Befragten. Die Ideologie kann zur leeren sprachli-
       chen Hülse geworden sein, zur perpetuierten Floskel, die nur des-
       halb noch  in der Psyche vorhanden ist, weil nichts Neues an ihre
       Stelle trat,  - und  die Interviewsituation  preßt nur  das alte,
       aber längst überholte Interpretationsmuster ab.
       Nicht anders  ist es,  wenn man  aus der Stabilität der Parteien-
       landschaft auf  Konsens schließen  will. Der  Zerfall der Sozial-
       partnerschaftsideologie kündigt  sich durch einen Rückzug der Ar-
       beiter aus  vorgegebenen politischen  Handlungsbereichen an.  Be-
       troffen ist  davon in  erster Linie  die SPD, weil sie das größte
       Wähler- und  Mitgliederpotential in  der Arbeiterklasse  hält und
       weil gerade sie als der entscheidende Träger sozialpartnerschaft-
       licher Praxis vom Zerfall dieser Ideologie betroffen ist. Ihr Ar-
       beiteranteil ist  bereits seit 1968 stark rückläufig; im Funktio-
       närskörper sind die Arbeiter im Verhältnis zu ihrem Anteil an der
       Gesamtpartei die  am schlechtesten repräsentierte Gruppe. 9) Auch
       ihr Verlust  an Wählerstimmen  geht auf  das Konto  der Arbeiter-
       klasse, ohne  daß ein Wechsel zu den anderen Parteien stattgefun-
       den hätte.  Ein Trend, der sich insbesondere bei der letzten Nie-
       dersachsenwahl bestätigte,  als die  SPD erhebliche Stimmeinbußen
       durch Nichtwähler  hinnehmen mußte,  während es  der CDU  gelang,
       bisherige Nichtwähler zu mobilisieren.
       Auch die  Grünen konnten  keinen Einbruch  in  das  proletarische
       Stimmreservoir erzielen.  So "liegen  die Stimmanteile der Grünen
       deutlich höher,  wenn der  Arbeiteranteil im  Wahlkreis niedriger
       liegt". 10) Aus alledem folgt, daß einerseits Anzeichen für einen
       Bruch mit  der Sozialpartnerschaftsideologie  zu finden sind, daß
       aber andererseits  die Arbeiterklasse  weder die Ideologien jener
       Bewegungen übernimmt,  die außerhalb  ihrer entstanden sind, noch
       mit neuen  eigenen Orientierungen  in den politischen Prozeß ein-
       greift.
       
       4. Probleme beim Zerfall der Sozialpartnerschaftsideologie
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       Die oft  geäußerte Erwartung, daß die Ablösung der Arbeiterklasse
       von  der  Sozialpartnerschaftsideologie  umgehend  zur  Aneignung
       neuer politischer  Orientierungen führt, läßt sowohl den bisheri-
       gen  Verlauf   dieses  Prozesses   außer  acht  wie  die  in  der
       "Individualitätsform" 11)  des Arbeiters begründeten Besonderhei-
       ten der Psychologie der Klasse. Eine Analyse der Individualitäts-
       form des  Lohnarbeiters zeigt,  welche komplizierten  Bewußtsein-
       sprozesse gerade  durch den Zerfall der Sozialpartnerschaftsideo-
       logie eingeleitet werden.
       Jede Individualitätsform, die den Individuen der bürgerlichen Ge-
       sellschaft aufgezwungen wird, unterwirft sie, seien sie nun Kapi-
       talist, selbständiger  Intellektueller oder Lohnarbeiter, gesell-
       schaftlichen Anforderungsstrukturen,  denen sie  nur bei  Verlust
       ihrer Handlungsfähigkeit  entfliehen können.  Das Individuum  er-
       wirbt Kontrolle  über die eigenen Lebensbedingungen, ja überhaupt
       erst die  Möglichkeit individueller  Handlungsfähigkeit, indem es
       sich auf  gesellschaftliche Anforderungen  einläßt, die  dem Ent-
       wicklungsstand der  Produktivkräfte und  den sie umfassenden Pro-
       duktionsverhältnissen sowie dem individuellen Standort im gesell-
       schaftlichen Produktions-  und  Reproduktionsprozeß  entsprechen.
       Doch das Ausmaß der gesellschaftlichen Anforderungen steht in der
       Klassengesellschaft im Gegensatz zu der damit erwerbbaren indivi-
       duellen Kontrolle  über die  eigenen Lebensbedingungen.  So  läßt
       sich der Kapitalist motiviert auf die ihm gesetzten minimalen An-
       forderungen ein  und gewinnt  damit ein  Höchstmaß  individueller
       Entfaltungsmöglichkeit sowie  weitgehend individueller  Verfügung
       über die  eigenen Lebensbedingungen. Der Lohnarbeiter aber unter-
       wirft sich  einer jede Individualität vernichtenden Anforderungs-
       struktur und  erwirbt damit eine Existenz, die ihn jeglicher Kon-
       trolle über die gesellschaftlichen Lebensbedingungen beraubt. Die
       Individualität des  Kapitalisten durchdringt alle seine Lebensbe-
       reiche, die  Privatheit des Lohnarbeiters existiert nur außerhalb
       seiner eigentlichen Lebenstätigkeit, der Arbeit. Der dem Arbeiter
       nach Realisierung  seiner Individualitätsform  verbleibende  Raum
       subjektiver Entwicklung  reduziert sich  auf hilflose,  weil iso-
       lierte Privatheit,  die zwar  die zeitweilige  Flucht aus den ge-
       sellschaftlichen Anforderungen  erlaubt, aber  nur für  den Preis
       der gesellschaftlichen Wirkungslosigkeit.
       Der Kapitalist  muß seine  Privatheit verteidigen, da nur sie ihm
       jenseits der gesellschaftlichen Anforderungen jene Handlungsfrei-
       heit verschafft,  mit der  er Kontrolle  über seine individuellen
       Lebensbedingungen gewinnt. Der Lohnarbeiter aber erwirbt nur Kon-
       trolle über seine Lebensbedingungen, indem er seine hilflose Pri-
       vatheit überwindet.
       Doch diese  Einsicht wird durch die Individualitätsform des Lohn-
       arbeiters selbst  blockiert. Wenn man die beiden Individualitäts-
       formen -  Lohnarbeiter und  Kapitalist  -  gegenüberstellt,  wird
       deutlich, daß  deren Realisierung nicht nur graduell unterschied-
       liche Handlungsfreiheit  beschert, sondern  auch qualitativ  ver-
       schiedene psychische  Handlungen verlangt. Der Kapitalist muß zur
       Kontrolle über  seine eigenen  Lebensbedingungen jeweils abwägen,
       wie weit  er sich  auf bestimmte  gesellschaftliche Anforderungs-
       strukturen einzulassen  hat. Holzkamp-Osterkamp  erwähnt, daß die
       optimale Ausnutzung der gegebenen Möglichkeiten einer "kognitiven
       Zielanalyse der  zu realisierenden  Individualitätsform"  bedarf.
       12) Diese  gedankliche Antizipation  der eigenen  Handlungen  er-
       zwingt gesellschaftliches  Denken und  fördert, über alle Konkur-
       renz hinweg,  die Parteinahme  für die eigene Klasse und ihre ob-
       jektiven Interessen.  Der Lohnarbeiter  jedoch wird, dem ökonomi-
       schen Zwang  folgend, einer Anforderungsstruktur unterworfen, die
       nicht nur jede individuelle Zielfindung ausschließt und damit ge-
       dankliche Durchdringung  verhindert,  sondern  das  bereitwillige
       Ausliefern an  die fremdbestimmten  Anforderungen sogar zur ober-
       sten Maxime erklärt.
       Da aber  die gesellschaftlich  definierten Anforderungen  und die
       unbeeinflußbaren Wechselverhältnisse der Arbeiterexistenz wie Ar-
       beitslosigkeit oder  Entwertung der  Ware Arbeitskraft  nicht als
       Ergebnis sozialer Verhältnisse, vielmehr als Verhältnisse von Sa-
       chen ins  Bewußtsein dringen,  verharrt das  Denken auf einer nur
       kurzfristig orientierenden  Stufe. Der  vereinzelte  Lohnarbeiter
       ist  "weitgehend   auf  das   uneinsichtige  und  unbeeinflußbare
       'Wohlwollen' der  Mächtigen angewiesen"  und muß  versuchen,  aus
       "deren 'Belohnungen' und 'Bestrafungen' bestimmte blind-faktische
       Regelhaftigkeiten herauszufinden".  13)  Eine  solche  psychische
       Struktur macht  nicht die Einsicht, sondern die Angst vor Verlust
       der geringen  Handlungsfreiheit zum  bestimmenden Faktor des Han-
       delns.
       Historisch hat  die Arbeiterklasse  diese fatalistische Realisie-
       rung der  Individualitätsform durch  die Assoziation  in  Gewerk-
       schaften und  Parteien überwunden  - was jedoch den einzelnen Ar-
       beiter nicht  von der Notwendigkeit befreit, dies in seiner eige-
       nen Entwicklung nachzuvollziehen. Je schwächer in der jeweils hi-
       storischen Situation  die Handlungen  der Klasse  als Klasse  für
       sich selbst  sind, je  weniger sich die Individuen über ihre iso-
       lierte Privatheit  erheben und  in konkreten  Handlungen auch das
       Klasseninteresse erkennen,  desto mehr  verharren sie  in  bloßer
       Konfliktvermeidung und  suchen im Privaten ihre eigentliche Indi-
       vidualität zu finden.
       Bei aller  Kritik der  sozialpartnerschaftlichen  Denkweise  darf
       nicht übersehen werden, daß sie das nur individuelle Denken über-
       windet -  so begrenzt  und erkenntnishemmend  ihre Praxis und die
       daraus entspringenden  Bewußtseinsinhalte auch  sind. Selbst  die
       illusionsbeladene  Identifikation   mit  der   SPD  als  "Arbeit-
       nehmerpartei" ist  noch eine  ideologische Vergesellschaftung, in
       der der  Keim  einer  Einsicht  in  gemeinsame  Klasseninteressen
       erhalten geblieben  ist. So gesehen, erweist sich der Zerfall der
       Sozialpartnerschaftsideologie nicht  allein als Voraussetzung zur
       Aneignung neuer politischer Orientierungen. Sofern dieser Zerfall
       mit dem Rückzug aus gemeinsamem Handeln verbunden ist, und sei es
       auch nur  ein reduziertes  Handeln, das  sich auf  Delegieren und
       Identifizieren beschränkt,  wirft er  große Teile  der  Arbeiter-
       klasse  zurück   in  hilflose   Privatheit.  Zumindest  für  eine
       Durchgangsphase ist  deshalb damit  zu rechnen, daß die Krise der
       sozialpartnerschaftlichen Politik  und der  mit  ihr  verbundenen
       Form gesellschaftlichen  Denkens die  negative  Realisierung  der
       proletarischen Individualitätsform begünstigt.
       Es sind im wesentlichen drei Momente, die eine solche Entwicklung
       der Klassenpsychologie begünstigen.  E r s t e n s  fehlt dem ge-
       genwärtigen Ablösen von der Sozialpartnerschaftsideologie das ak-
       tive Moment.  Die Ideologie  wird nicht brüchig, weil sie der Ar-
       beiterklasse beim  Kampf um  erweiterte Kontrolle ihrer Lebensbe-
       dingungen im  Wege steht, sie wird brüchig, weil die Lebensbedin-
       gungen selbst  eingeschränkt werden.  Gedankliche  Antizipationen
       entstehen aber  aus Handlungssituationen,  nicht aus  Situationen
       passiven Betroffenseins. Da gerade die alten Handlungsmuster ver-
       sagen, wird die hilflose Betroffenheit verstärkt.
       Z w e i t e n s   wachsen in der Krise die Anforderungen; die Ge-
       fahr, bei  Nichterfüllung gänzlich die Kontrolle über die eigenen
       Lebensbedingungen zu  verlieren, wird  sinnlich  erfahrbar.  Jede
       Meldung über  steigende Arbeitslosenzahlen,  Entlassungen Kranker
       im  Betrieb,  aber  auch  die  erdrückende  Fülle  negativer  Zu-
       kunftsprognosen verstärken  die Angst  vor dem Verlust des bisher
       erreichten relativen  Handlungsspielraums. Das gemeinsame Auftre-
       ten von erhöhter Anforderung und Angst vor Verlust der Handlungs-
       fähigkeit provoziert  individuelle Anstrengungen,  die ihrerseits
       zu Konkurrenz und Isoliertheit führen.
       D r i t t e n s   ist unübersehbar,  daß der  selbst in der Krise
       noch hohe Standard individueller Reproduktion zahlreiche Möglich-
       keiten bietet,  jenseits der erdrückenden Anforderungen die Illu-
       sion individueller  Kontrolle über  die eigenen Lebensbedingungen
       zu befestigen.  Die Verelendung  der Arbeiterklasse  verläuft un-
       gleichmäßig, differenziert  nach Beschäftigungsgruppen und insbe-
       sondere nach  Generationen. Während  der Kern der Arbeiterklasse,
       insbesondere in  den  Großbetrieben,  trotz  schneller  werdender
       technischer Umstellungen lediglich partielle Lohneinbußen hinneh-
       men muß  und Arbeitslosigkeit  in ihrer  flüssigen Form  erfährt,
       werden bestimmte  Randgruppen, aber  auch die Arbeiterjugend, von
       Dauerarbeitslosigkeit und Sozialabbau um so härter getroffen.
       Fast 70 Prozent der Arbeiter sind in der Altersgruppe zwischen 25
       und 55  Jahren zu  finden. Gerade  für die  über 30jährigen haben
       sich die privaten Konsumtionsbedingungen seit Eintritt in das Er-
       werbsleben so  deutlich verbessert,  daß sie  selbst durch  Real-
       lohnabbau und  Arbeitslosigkeit nicht  hinter ihr  Ausgangsniveau
       zurückgeworfen werden.  Für sie, und das ist die Mehrheit der Ar-
       beiterklasse, hat  der Rückzug  in die  scheinbar selbstbestimmte
       Privatheit noch immer eine reale Grundlage.
       
       5. Bedingungen und Ansätze für die Entwicklung neuer
       ----------------------------------------------------
       politischer Orientierungen in der Arbeiterklasse
       ------------------------------------------------
       
       Neue politische  Orientierungen eignen  sich Individuum wie ganze
       Gruppen und  Klassen nur  in neuen Handlungssituationen an, wobei
       nicht die  Situation an sich, sondern die motivierte Handlung das
       bestimmende Moment  ist. Die  gedankliche Vorwegnahme  des  Hand-
       lungsziels ist  nicht nur  an die  konkrete Aktion gebunden; wenn
       sie zu einem dauerhaften Element des Bewußtseins werden soll, muß
       sie im Einklang mit den anderen kognitiven und emotionalen Inhal-
       ten der  Psyche stehen. Neue politische Orientierungen können nur
       dann zum  festen Bestandteil  der Klassenpsychologie der Arbeiter
       werden, wenn  sie auf  jene sinnlichen  Erfahrungen eingehen, die
       wir vorab  als Grundelemente der Klassenpsychologie bezeichneten,
       und gleichzeitig ein Maß der Kontrolle über die eigenen Lebensbe-
       dingungen in  Aussicht stellen, das den individuellen Anstrengun-
       gen zum Erhalt der Handlungsfähigkeit nicht nur langfristig, son-
       dern auch im Moment überlegen ist.
       Politische Orientierungen, die keine Antwort auf die aktuelle Be-
       wältigung der Anforderungen an die Lohnarbeiter geben und deshalb
       die Angst  vor Handlungsverlust  nicht beseitigen, können von der
       Masse der  Arbeiterklasse nicht  übernommen werden  - selbst dann
       nicht, wenn  sie mit  bestimmten erkannten Tatsachen übereinstim-
       men. Dies  setzt der  Wirksamkeit von  Ideologien, die  die Frage
       nach der Lebensmöglichkeit der Gattung Mensch über die Lebensmög-
       lichkeit der Arbeiterklasse setzen, unüberwindbare Grenzen.
       Die Bedeutung der Sozialpartnerschaftsideologie erwuchs, wie auf-
       gezeigt, aus  den Antworten, die sie auf das Bedürfnis der Arbei-
       terklasse nach Kontrolle ihrer gesellschaftlichen Lebensbedingun-
       gen bereithielt.  Jede neue politische Orientierung muß zumindest
       diese Anforderungen erfüllen, die zwar zeitweilig zugunsten indi-
       vidualisierender Bedürfnisbefriedigung zurückgestellt werden kön-
       nen, für  alle kommenden  psychischen Entwicklungen aber ihre Be-
       deutsamkeit behalten.
       Für die  Aneignung politischer Orientierungen durch die Arbeiter-
       klasse bilden  sich gegenwärtig  neue Ansätze heraus. Sie ergeben
       sich aus  vier Merkmalen  des gesellschaftlichen Prozesses in der
       BRD. Die ersten beiden Merkmale sind objektiver Natur und betref-
       fen erstens  strukturelle Veränderungen in der Arbeiterklasse und
       zweitens Veränderungen  in den allgemeinen, nicht nur für die Ar-
       beiterklasse relevanten  Lebensbedingungen. Die  beiden  anderen,
       die subjektive  Seite betreffenden Momente sind drittens Verände-
       rungen im politischen Klima der BRD und viertens neue Bedürfnisse
       der Arbeiterklasse, die aus den objektiven Veränderungen folgen.
       Die strukturellen Veränderungen der Arbeiterklasse betreffen ver-
       schiedene Elemente.  Erstens ergeben  sich Veränderungen  in  der
       qualifikations- und  aufgabenbezogenen Struktur.  Die Integration
       von Angehörigen  bisheriger Zwischenschichten, die aufgrund ihrer
       Ausbildung als  besonders aktive Mitglieder in den Klassenorgani-
       sationen wirken können, führt der Arbeiterklasse Bildungselemente
       und organisatorische  Qualifikationen zu, die die Aneignung neuer
       Orientierungen fördern können.
       Die zweite  Veränderung vollzieht sich im Zuge der Generationsab-
       lösung. In  den 80er  Jahren werden  die mittleren Jahrgänge, die
       erfahrungsgemäß die  Masse der  ehren- und hauptamtlichen Gewerk-
       schaftsfunktionäre stellen,  zunehmend an Einfluß gewinnen. Diese
       Kader haben  gänzlich andere  ökonomische und ideologische Erfah-
       rungen gemacht  als jene  Generationen, die ihre wesentliche Prä-
       gung im  Faschismus oder in der Nachkriegszeit erfuhren. Die nach
       1950 geborenen  Gruppen der Arbeiterklasse mußten weniger Entbeh-
       rungen als  ihre Väter  hinnehmen, sind  meist weniger  durch das
       Klima des  Kalten Krieges geprägt worden und haben zum Teil aktiv
       die Lehrlingsbewegung  am Ende der 60er Jahre mitgemacht. Die be-
       achtlichen Erfolge,  die von  ihnen am Anfang der sozialliberalen
       Koalition in  der Berufsbildung,  bei der Verankerung von Rechten
       für die Auszubildenden und letztlich auch bei der Ausbildungsver-
       gütung erkämpft werden konnten, werden von Einfluß auf die anste-
       henden ökonomischen Kämpfe sein. Ihr relativ hohes Niveau materi-
       eller Bedürfnisbefriedigung ist eine Voraussetzung für angstfrei-
       ere Entwicklung neuer produktiver Bedürfnisse.
       Wesentlich für die Entwicklung neuer Bedürfnisse sind Veränderun-
       gen in den objektiven Lebensbedingungen. Die Bedrohung der allge-
       meinen Lebensbedingungen,  besonders des Friedens, läßt im Gegen-
       satz zur Bedrohung der ökonomischen Lebensbedingungen keine indi-
       viduell begehbaren Auswege mehr. Es ist vorstellbar, daß über die
       hier bereits  entwickelten Handlungsfelder gerade jüngere Gruppen
       der Arbeiterklasse das Bedürfnis zur gesellschaftlichen Kontrolle
       von Lebensbedingungen  entwickeln, die infolge des Scheiterns der
       sozialpartnerschaftlichen Politik  zunächst in die Privatheit ge-
       flüchtet sind.
       An diesem  Punkt gewinnen Elemente des subjektiven Faktors Bedeu-
       tung, die  mit den  neuen sozialen  Kämpfen entstanden sind. Denn
       das politische Klima der BRD hat sich durch die vom nichtproleta-
       rischen Protest  ausgelösten Kämpfe  nachhaltig verändert. Einer-
       seits setzten  sich neue  Politikformen durch  und wurden  längst
       vergessene neu  belebt, andererseits wurde die ideologische Hege-
       monie der staatstragenden Parteien erschüttert. Gleichzeitig wur-
       den von  der in der Geschichte schon immer sensibler reagierenden
       Schicht der Intelligenz in der Protestbewegung Bedürfnisse formu-
       liert, die auch in die Arbeiterklasse hineinwirken.
       Bei aller  Begrenztheit der neuen sozialen Bewegungen fällt ihnen
       das Verdienst zu, Probleme formuliert zu haben, die auch Probleme
       der Arbeiterklasse  sind, und  Aktionsformen entwickelt zu haben,
       die schon  jetzt von  Einfluß auf  die Arbeiterbewegung  der  BRD
       sind. Gerade die jüngeren Gruppen der Arbeiterklasse scheinen we-
       gen der  oben aufgezeigten  Besonderheiten in  ihrer  psychischen
       Entwicklung geeignet,  zum Träger  neuer Aktionsformen  und neuer
       Bedürfnisse zu  werden. Die  Anzeichen hierfür  sind bislang noch
       keine Massenerscheinungen, sie tragen eher dazu bei, die Struktur
       der Klassenpsychologie  zu verändern. Gemeint ist die Zunahme von
       Betriebsbesetzungen, die  Gründung von  Bürgerinitiativen zur Si-
       cherung von Arbeitsplätzen wie bei Enka-Glanzstoff oder die Orga-
       nisation solcher  Initiativen wie "Stahlwerk jetzt!" in Dortmund,
       die nicht mehr nur den ökonomischen Aspekt des Arbeitsplatzes be-
       tonen, sondern  in den Mittelpunkt ihrer Argumentation die Siche-
       rung allgemeiner  Lebensbedingungen stellen. Hier wie bei der zu-
       nehmenden Teilnahme junger Gewerkschaftler an solchen Kämpfen wie
       gegen die  Startbahn West  oder in  Friedensinitiativen, die noch
       mehrheitlich von  Kräften außerhalb der Arbeiterklasse beherrscht
       werden, zeigt sich der Übergang zwischen der nicht-proletarischen
       Protestbewegung und der Arbeiterklasse.
       
       6. Sozialpsychologische Aspekte der neuen sozialen Bewegungen
       -------------------------------------------------------------
       
       Vieles an  den neuen sozialen Bewegungen erinnert an alte bürger-
       liche Protestbewegungen beziehungsweise an deren Ideologien. Seit
       die Bourgeoisie  ihren revolutionären  Optimismus einbüßte,  seit
       der Glaube  an die Rationalität der kapitalistischen Produktions-
       weise selbst  den Kapitalisten in den Krisen abhanden kam und die
       bürgerliche Intelligenz  in den  vom Imperialismus  angerichteten
       Menschheitskatastrophen die  Hoffnung auf  die  Vernunft  verlor,
       fehlt es  nicht an bürgerlichen Protestbewegungen, die kulturkri-
       tisch und gar antikapitalistisch sind.
       Schon in  der Lebensphilosophie  sieht deshalb Robert Steigerwald
       den Keim  "romantischer Kapitalismus-Kritik"  14)  begründet  und
       zieht von  ihr eine Linie bis "zu den Hippies und 'Ausgeflippten'
       des heutigen  freien-wilden Westens!" 15) Die ideologische Analo-
       gie wurzelt in analogen sozialen Prozessen, doch dürfen auch hier
       die neuen  Bewegungen nicht mit ihren Ideologien verwechselt wer-
       den. Gerade die Heterogenität der Bewegungen zwingt zu einer Ana-
       lyse der die neuen Bewegungen tragenden Gruppen und ihrer Lebens-
       weise, um  deren innere Dynamik, ihre Entwicklungsbedingungen und
       damit ihren  möglichen Einfluß auf die Arbeiterklasse vorhersagen
       zu können.  Doch einer  solchen Analyse stehen zahlreiche Schwie-
       rigkeiten im Wege. Die Handlungsebenen und erst recht die soziale
       Zusammensetzung der  Bewegungen sind uneinheitlich, empirisch nur
       unzureichend zu  erfassen und  gleichzeitig einem  sehr schnellen
       Wandel unterworfen.
       Geht man  von den  Handlungsebenen aus,  dann muß  zumindest grob
       zwischen den  ursprünglichen Bürgerinitiativen, der völlig anders
       ausgerichteten Alternativbewegung und einem politischen Block un-
       terschieden werden, der verschiedene Linke, spontaneistische, an-
       archistische und ökologistisch orientierte Gruppen vereinigt. Wie
       wenig statisch  diese Ebenen  sind, hat  gerade das vereinheitli-
       chende Engagement der Gruppen in der Friedensbewegung gezeigt.
       Vereinheitlichung und  Wechsel der Handlungsebenen verändern auch
       die soziale Zusammensetzung. Schon längst kann nicht mehr von ei-
       ner ausschließlich  durch die Mittelschichten getragenen Bewegung
       gesprochen werden,  wie dies noch in den 70er Jahren für die Bür-
       gerinitiativen möglich war, als rund zwei Drittel der Aktiven aus
       diesen Schichten  stammten. 16)  In der  Alternativszene und erst
       recht bei den Hausbesetzern treten Klassenmerkmale hinter genera-
       tionsspezifische Merkmale zurück, die sich aus der Jugendarbeits-
       losigkeit, der  Vernichtung vernünftiger  Studienperspektiven und
       der Arbeitslosigkeit junger Akademiker ergeben. Hier sammelt sich
       die "überflüssige  Generation", die weniger nach politischen Ori-
       entierungen fragt  als vielmehr  aus einer  gemeinsam empfundenen
       Grundbefindlichkeit heraus  einen Weg  jenseits der  Widersprüche
       sucht, in  die sie  die gegenwärtige  Krise getrieben  hat.  "Neu
       daran ist", so stellt Werner van Haren fest, "daß dieser Anspruch
       auf ein anderes Leben nicht unmittelbar, zum Teil sogar überhaupt
       nicht, gekoppelt ist an die Absicht zur gesellschaftlichen Verän-
       derung." 17)
       Einheitlicher sind  wahrscheinlich die  Klassenmerkmale bei jenen
       Gruppen, die  eine zunehmend festere organisatorische Verknüpfung
       zwischen den  verschiedenen Aktivitäten  vornehmen. Dies betrifft
       in erster  Linie die  Grünen, Alternative  Listen  und  Zusammen-
       schlüsse um  örtliche Aktionszentren  des BBU. Auch wenn die vor-
       liegenden empirischen Ergebnisse schon relativ alt sind, kann an-
       genommen werden,  daß nach  wie vor verschiedene Mittelschichten-
       gruppen den Kern bilden.
       Trotzdem ist die Heterogenität so groß, sind die spezifischen ge-
       sellschaftlichen Anbindungen  so unterschiedlich,  daß nicht  wie
       bei der  Arbeiterklasse von einer Klassenpsychologie oder gar von
       einer typischen Individualitätsform gesprochen werden könnte. Die
       bestehenden ideologischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Grup-
       pen sind  ihre Absage an herkömmliche Organisationsformen von Po-
       litik, die  starke Betonung der unmittelbaren subjektiven Befind-
       lichkeit und  das gänzliche  Fehlen eines  historischen, sich auf
       die Fortentwicklung der Produktivkräfte stützenden Optimismus. In
       diesen Gemeinsamkeiten  liegen die Gegensätze nicht nur zur Ideo-
       logie der  Arbeiterbewegung, sondern auch zur Psychologie der Ar-
       beiterklasse begründet.
       Diese bei aller Unterschiedlichkeit der sozialen Bindungen beste-
       hende Gemeinsamkeit  wurzelt ihrerseits in Individualitätsformen,
       die nur  insofern miteinander  verglichen werden  können, als sie
       sich wesentlich  von der  einheitlichen  Individualitätsform  des
       Lohnarbeiters unterscheiden.  Die Anforderungsstrukturen  und die
       sich aus ihrer Realisierung ergebenden Handlungsmöglichkeiten mö-
       gen objektiv  bei Studienräten, selbständigen Einzelhändlern, Ju-
       risten, Studenten  und Sozialhilfe beziehenden Akademikern höchst
       unterschiedlich sein,  dennoch verbindet  sie das gemeinsame sub-
       jektive Empfinden, über die Verteidigung ihrer Privatheit und das
       Zurückdrängen der gesellschaftlichen Anforderungen jene Kontrolle
       über ihre  Lebensbedingungen zu erhalten, die im Laufe der zuneh-
       menden Vergesellschaftung des Privaten verlorengeht.
       Der Lohnarbeiter,  ob er nun gewerkschaftlich aktiv ist oder sich
       an die ihm gesetzten Anforderungsstrukturen ausliefert, kann sich
       nicht mehr  der Illusion  hingeben, aus  seiner Privatheit heraus
       Kontrolle über  die Bedingungen  seiner Existenz  zu erlangen, es
       sei denn,  er rechnet  mit  der  Chance,  dem  Lohnarbeiterdasein
       selbst  zu   entfliehen.  Die   Privatheit  kann   ihm  als   das
       "eigentliche Leben",  als das  wirklich Individuelle  erscheinen,
       aber die sinnliche Erfahrung und erst recht die Krise lehren ihn,
       daß weder der Wert noch die Verkaufsmöglichkeiten seiner Ware Ar-
       beitskraft von  seinem Privatdasein abhängen. Tagtäglich wird ihm
       deutlich, daß  die Wechselfälle  des Arbeiterdaseins  nicht durch
       die Einschränkung  der privaten Handlungsfreiräume, sondern durch
       den Ausschluß  aus den  gesellschaftlichen Handlungsräumen verur-
       sacht werden.  Ganz gleich, ob er diesen Ausschluß von der Verfü-
       gung über  seine  Lebensbedingungen  nun  als  gesellschaftliches
       Merkmal erkennt  oder nur als blindes Wirken der Mächtigen erdul-
       det, er weiß zumindest, daß er der Tatsache nicht individuell ab-
       helfen kann, solange er Lohnarbeiter ist.
       Völlig anders  stellt sich das gesellschaftliche Ausgeliefertsein
       dem Selbständigen  und auch  dem  lohnabhängigen  Intellektuellen
       dar. Die  bürgerliche Privatheit ist nicht allein ein Ort, an dem
       (wie beim  Lohnarbeiter) Arbeitsvermögen  reproduziert wird,  von
       hier aus werden individuelle Strategien zur ökonomischen Absiche-
       rung, zur Ausweitung der Lebensmöglichkeiten, zum Aufbau von Kar-
       rieren und  zum Fortkommen der Kinder entwickelt. Doch die Verge-
       sellschaftung der  Privatbereiche, das heißt ihre Außenbestimmung
       infolge staatsmonopolistischer Regulierung, wie überhaupt die zu-
       nehmende Komplexität  der Lebensbereiche  schränken diese private
       Verfügungsgewalt immer mehr ein.
       Dementsprechend ist  die Erhaltung  des Privatraumes für die Mit-
       telschichten eine  unabdingbare Voraussetzung zur Kontrolle ihrer
       Lebensbedingungen. Die  zu diesem  Zweck entwickelten politischen
       Orientierungen können unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Natur
       sein. Aus einem bereits erworbenen und damit verfestigten Lebens-
       niveau heraus  werden sie konservativ, auf die Erhaltung des Sta-
       tus quo  ausgerichtet sein.  Doch  der  junge  Rechtsanwalt,  der
       lohnabhängige Intellektuelle  oder der  zum Kneipenwirt gewordene
       Politologe tragen  nicht nur die Illusion unabhängiger Privatheit
       mit sich herum, sie sind auch geprägt von den Einsichten, die die
       jüngere Generation  in die  Wolfsmoral des  Kapitalismus und  die
       Verbrechen des Imperialismus gewonnen hat.
       Zweifellos tut sich hier ein Widerspruch zwischen der geforderten
       Realisierung der  Individualitätsform und  der tatsächlich zu er-
       werbenden Handlungsfähigkeit  auf.  Dieser  Widerspruch  ist  ge-
       danklich nur  aufhebbar durch  die Einsicht  in die Notwendigkeit
       gesellschaftlicher Assoziation,  was für  das bürgerliche Indivi-
       duum scheinbar  gleichbedeutend mit  Handlungsverlust ist. Bleibt
       der einzelne jedoch in der Illusion privat zu realisierender Kon-
       trolle über  die gesellschaftlichen  Lebensbedingungen befangen -
       und diese  Illusion entsteht  geradezu naturwüchsig aus der Angst
       vor Verlust  subjektiver Handlungsfähigkeit  ", dann  scheint das
       Zurückdrehen all  jener Entwicklungen,  welche Vergesellschaftung
       erzwingen, der  einzige Weg  aus den erkannten Widersprüchen her-
       aus.
       Die in  den neuen  sozialen Bewegungen  aktiven Gruppen sind zwar
       Träger unterschiedlicher  Individualitätsformen, und  bei  weitem
       nicht die  Mehrheit kann  den Mittelschichten zugerechnet werden;
       trotzdem finden sich in ihren Ideologien und in dem, was als ihre
       sozialpsychologische Gemeinsamkeit  bezeichnet werden  kann, fol-
       gende Übereinstimmungen:  Es geht  grundsätzlich um  das Bewahren
       oder Ausweiten  von Lebensweisen,  in denen der einzelne nur sol-
       chen Anforderungen  ausgesetzt wird,  die von ihm unmittelbar und
       auch individuell  beeinflußbar sind  und in  denen die  Kontrolle
       über die Gesamtheit der Lebensbedingungen aus der Privatheit her-
       aus möglich  ist. Dabei  ist diese Privatheit keinesfalls auf die
       bürgerliche Familie  beschränkt. Daraus ergeben sich verbindliche
       Wertsetzungen wie  Subjektbezogenheit, Unmittelbarkeit  und Spon-
       taneität als  Garantie für jederzeit mögliches Ausklinken aus den
       Anforderungsstrukturen.
       Der Dogmatismus,  mit dem  diese Wertsetzungen vorangetragen wer-
       den, verrät  die ungeheure Angst der Individuen vor Verlust ihrer
       Subjekthaftigkeit, die  ihnen als  Verlust von Handlungskompetenz
       erscheint. Angst  und Hilflosigkeit gegenüber dem scheinbar blin-
       den Walten  der "Megamaschine"  18), wie Großkonzerne und Großin-
       stitutionen gleichermaßen genannt werden, erfassen aber nicht nur
       die Mittelschichten. Sie erfassen auf eine viel härtere Weise die
       lernende und  studierende, erst recht die arbeitslose Jugend. Und
       obwohl viele von ihnen nicht aus den Mittelschichten kommen, mei-
       stens auch  keine Chancen  haben, ihnen  eines Tages anzugehören,
       erscheint ihnen  doch die Privatheit, die Unabhängigkeit des Sub-
       jekts als  das oberste Ziel allen Handelns. Die Ursache für diese
       Wertsetzung liegt  nicht in  tradierten oder  auf eine  bestimmte
       Weise aus  der spezifischen  Teilnahme am gesellschaftlichen Pro-
       duktionsprozeß entspringenden Illusionen bürgerlicher Autonomie -
       sie liegt  gerade im Ausschluß aus dem gesellschaftlichen Produk-
       tionsprozeß begründet.
       Der Schüler und der Student sehen sich mit Anforderungsstrukturen
       konfrontiert, deren Regelhaftigkeit nicht nur immer undurchschau-
       barer, deren  Beachtung auch  immer weniger  mit relativer  Hand-
       lungsfreiheit belohnt wird. Das Resultat der geforderten Anstren-
       gungen stimmt  infolge der krisenhaften Entwicklung immer weniger
       mit den subjektiv vorgestellten Zielen überein. Nicht anders geht
       es dem arbeitslosen Jugendlichen, der direkt von der Schulbank in
       die Arbeitslosigkeit geworfen wird. Als Teil jener "überflüssigen
       Generation", für  die zuwenig  Kindergartenplätze, zuwenig Spiel-
       plätze, zuwenig  Lehrer und  letztlich zuwenig  Ausbildungsplätze
       zur Verfügung  standen, fehlen ihm jegliche positiven Erfahrungen
       im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Anforderungen. Positiv er-
       fahren wurde  nur die relative Handlungsfreiheit, die aus dem An-
       passen an überschaubare Gruppenstrukturen entstand und Schutz vor
       hilfloser Individualität  gegenüber den gesellschaftlichen Insti-
       tutionen bot.  Ausgehend von  diesen Erfahrungen  antizipiert  er
       eine gesellschaftliche  Utopie, die nicht auf Veränderung der Ge-
       sellschaft, sondern auf ihr Zurückdrängen abzielt. In diesem psy-
       chischen Verhältnis  zur Gesellschaft werden keine Forderungen an
       sie gestellt, sie wird abstrakt negiert, und es wird ihr das ent-
       gegengestellt, was sie am wenigsten zuläßt, nämlich kompromißlose
       Subjektivität.
       
       7. Trennendes und Gemeinsames
       -----------------------------
       
       Entfremdung, Vernichtung  der subjektiven Entwicklungsmöglichkeit
       und Auslieferung  an die undurchschaubare Regelhaftigkeit gesell-
       schaftlicher Prozesse  sind Tatbestände,  die, wie in Abschnitt 3
       ausgeführt, allesamt  in der Lebenslage der Arbeiterklasse zusam-
       menfallen. Und  dennoch besteht  wenig Aussicht,  daß die politi-
       schen Orientierungen,  die in  den neuen  sozialen Bewegungen als
       Antwort auf diese Tatbestände entwickelt wurden, in gleicher Form
       von der  Arbeiterklasse übernommen  werden. Zwar erfährt auch der
       Arbeiter die Einschränkung seiner privaten Lebensbedingungen, und
       die Entwicklung zeigt auch, daß die Bereitschaft, deshalb in Bür-
       gerinitiativen mitzuarbeiten,  zunimmt. 19) Doch die Verteidigung
       des  privaten  Reproduktionsbereichs  löst  ganz  augenscheinlich
       ebensowenig das  Problem der  Hilflosigkeit gegenüber  jenen, die
       seine wirklichen  Lebensbedingungen bestimmen, wie dieses Problem
       durch Verkleinerung der Produktionseinheiten gelöst werden kann.
       Die Arbeitserfahrung lehrt ihn, daß der Konflikt um Lohn und Lei-
       stung im  Betrieb und  nicht im Wohnbereich entschieden wird; was
       die Verkleinerung  der  Produktionseinheiten  angeht,  so  wider-
       spricht dem  einerseits die Erfahrung, daß große Betriebe die Ar-
       beitskraft besser  bezahlen, und andererseits die aus der konkre-
       ten Arbeit  entstehende Einsicht  in den  ökonomischen Nutzen der
       Großproduktion. Wie überhaupt bei aller Entfremdung des Arbeiters
       nicht übersehen werden darf, daß die widersprüchliche Einheit von
       gebrauchswertschaffender  und  Tauschwert  produzierender  Arbeit
       auch eine widersprüchliche Einstellung zur Arbeit produziert. In-
       dem die  Ideologien der neuen sozialen Bewegungen an die entfrem-
       dende und  jede Subjektivität vernichtende Seite des kapitalisti-
       schen Produktionsprozesses  anknüpfen, benennen sie Probleme, die
       dem Arbeiter  sinnlich erfahrbar  sind. Aber  indem sie  die  Ge-
       brauchswertseite übergehen, den Gebrauchswertestolz des Arbeiters
       nicht gelten lassen oder sogar als irregeleitete Anpassung an die
       kapitalistische Rationalität  denunzieren, übergehen sie auch Be-
       dürfnisse der  Arbeiterklasse nach  sinnvollem Leben  durch sinn-
       volle Arbeit.
       Mit den  Überlebensproblemen der Gattung Mensch greifen die neuen
       sozialen Bewegungen ein Problem auf, das gegenwärtig auch der Ar-
       beiterklasse einsichtig  ist. Doch  indem sie  das tagtäglich vom
       Arbeiter erfahrbare  Klassenproblem - und sei es auch nur in sei-
       ner ökonomischen Dimension - fast gänzlich übergehen, fehlt ihnen
       der Anknüpfungspunkt  an die  vorab beschriebene Klassenpsycholo-
       gie. Die  Ideologien der  neuen sozialen  Bewegungen haben  nicht
       deshalb eine geringe Chance, von der Arbeiterklasse übernommen zu
       werden, weil  sie bestimmte  gesellschaftliche Tatbestände falsch
       benennen, ihre  relative Wirkungslosigkeit  entsteht daraus,  daß
       sie wichtige Tatbestände überhaupt nicht benennen.
       Freilich muß  Wert auf  die Betonung der  r e l a t i v e n  Wir-
       kungslosigkeit gelegt  werden. Da  die Klassenpsychologie die Ge-
       samtheit der  objektiven und  subjektiven Bedingungen des gesell-
       schaftlichen Prozesses  widerspiegelt, wird  sie auch  vom Wirken
       der nichtproletarischen  Protestbewegung geprägt.  Und wenn  auch
       die dort  entwickelten Ideologien  in wesentlichen  Momenten  der
       sinnlichen Erfahrung  der Arbeiter  widersprechen, andere Momente
       (besonders jene,  die die  Reproduktionsbedingungen der  Arbeits-
       kraft betreffen) stoßen auf elementare Bedürfnisse der Lohnarbei-
       ter und können motivierte Handlungen auslösen, die ihrerseits zur
       dauerhaften Verankerung neuer Wertvorstellungen führen.
       Bedeutsam wird  das in  allererster Linie  für die heranwachsende
       Arbeiterjugend. Da jede neue Generation einen Prozeß der Sinnfin-
       dung durchläuft  und dabei  sowohl von den objektiv vorfindlichen
       Lebensbedingungen als  auch von den ideologischen Vergesellschaf-
       tungsprozessen beeinflußt wird, werden der Klassenpsychologie je-
       weils auch  neue Werthaltungen und Sinngebungen zugeführt. Dieser
       Prozeß wird voraussichtlich beschleunigt, je mehr die DGB-Gewerk-
       schaften das  Konzept einer  autonomen  Klassenorganisation  ent-
       wickeln. 20) Da dies "sich natürlich nicht auf den Binnenraum ge-
       werkschaftlicher Organisation  und Praxis  beschränken" kann 21),
       eignen sich  die Gewerkschaften über das Wirksamwerden im politi-
       schen Raum  auch neue politische Elemente an. Das gegenwärtig be-
       deutsamste Feld  dafür dürfte  die Friedensbewegung  sein. Andere
       Felder dieser Art werden sich entwickeln, und auf ihnen wird sich
       letztlich entscheiden,  welche Veränderungen die Klassenpsycholo-
       gie durch  das gemeinsame  Handeln der  nicht-proletarischen Pro-
       testbewegung und der Arbeiterbewegung erfährt.
       
       _____
       1) Robert Steigerwald,  Probleme  des  nicht-proletarischen  Pro-
       testes, in: Marxistische Blätter 4/1981, S. 79
       2) ebenda
       3) G.G. Diligenski,  Sozialpsychologie und  Klassenbewußtsein der
       Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus, Frankfurt/M. 1978
       4) ebenda, S. 15
       5) Georg Klaus,  Manfred Buhr,  Philosophisches Wörterbuch,  Ber-
       lin/DDR 1972, S, 195
       6) Diligenski, a.a.O., S. 7
       7) Vgl. dazu  Harald Werner, Zwischen Sozialpartnerschaftsideolo-
       gie und  Klassenbewußtsein, in:  Marxistische Studien  - Jahrbuch
       des IMSF 2, 1979, S. 341 ff.
       8) Gert Hautsch, Integrationismus und "Korporatismus", in: Marxi-
       stische Studien - Jahrbuch des IMSF 4, 1981, S. 222
       9) Staatsmonopolistischer   Kapitalismus    der    Bundesrepublik
       Deutschland in  Daten und Fakten, Arbeitsmaterialien des IMSF 12,
       Frankfurt/M. 1981, S. 287
       10) Johannes Henrich  von Heiseler, Bestimmungsfaktoren des Wahl-
       verhaltens, in: Marxistische Studien - Jahrbuch des IMSF 4, 1981,
       S. 178
       11) Mit dem  Begriff der  Individualitätsform beziehe ich mich im
       folgenden auf  die von  Ute Holzkamp-Osterkamp vorgenommene Defi-
       nition dieser Kategorie als "Vermittlungsinstanz zwischen gesell-
       schaftlichen und  individuellen Lebensnotwendigkeiten" (Ute Holz-
       kamp-Osterkamp, Grundlagen  der  psychologischen  Motivationsfor-
       schung 2, Frankfurt/M., New York 1978, S. 78).
       12) ebenda, S. 83
       13) ebenda, S. 84
       14) Robert Steigerwald, Bürgerliche Philosophie und Revisionismus
       im imperialistischen Deutschland, Frankfurt/M. 1980, S. 61
       15) ebenda
       16) Fred Karl, Die Bürgerinitiativen, Frankfurt/M. 1981, S. 48
       17) Werner von Haren, Hausbesetzungen, Jugendproteste und Lebens-
       weise, in: Marxistische Blätter 4/1981, S. 75
       18) Vgl. Joseph  Huber, Wer  soll das alles ändern, Berlin (West)
       1980, S. 37 ff.
       19) Karl, a.a.O., S. 53
       20) Vgl. dazu  Frank Deppe,  Autonomie und Integration - Materia-
       lien zur Gewerkschaftsanalyse, Marburg 1979, S. 179 ff.
       21) ebenda, S. 198
       

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