Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       POLITZUGÄNGE BEI FRAUEN UND PROBLEME DER VERBINDUNG
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       VON ARBEITERBEWEGUNG UND FRAUENBEWEGUNG
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       Eine Tagung des Arbeitskreises zur Frauenfrage
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       beim IMSF (24.1.1982) *)
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       Bettina Wessels
       
       Der im  folgenden wiedergegebene Beitrag von Ute H.-Osterkamp war
       eines der  Hauptreferate auf einer Tagung des IMSF-Frauenarbeits-
       kreises, bei  der Fragen  der Politisierung  von Frauen, Probleme
       des Zugangs von Frauen zur "Politik" - sei es die gewerkschaftli-
       che Interessenvertretung,  Arbeit in  einer politischen Organisa-
       tion oder  das aktive Engagement in der Frauenbewegung - zur Dis-
       kussion gestellt  werden sollten.  Sowohl der Beitrag von Ute H.-
       Osterkamp als  auch die  Referate von  Lottemi Doormann und Karin
       Jakubowski waren  konzipiert als- kritische Meinungsäußerungen zu
       zwei Aufsätzen  von Frigga  Haug, die  den Ausgangspunkt  der Ta-
       gungsdiskussion bildeten. 1)
       Frigga Haug  stellt ihre  Thesen gegen  die ihrer Ansicht nach in
       der Frauenbewegung  vorherrschende Redeweise  von den  Frauen als
       Opfern auf mit dem Einwand, daß auch Opfer-Sein eine Tat sei; sie
       behauptet, daß  Frauen irgendwie "freiwillig in ihre Unterwerfung
       einwilligen". Denn  obwohl Ehe  und Familie - die Frigga Haug den
       "wesentlichen gesellschaftlichen  Bereichen" gegenüberstellt  und
       als "außerordentliche  Einschränkung, Abhängigkeit  und  Entwick-
       lungshemmung" kennzeichnet - von vielen Frauen selbst als hemmend
       empfunden würden,  komme es  doch immer wieder dazu, "daß Mutter-
       schaft und  Ehe in  dieser Weise von Frauen gewünscht - zumindest
       heimlich gewünscht  und angestrebt  - werden", obwohl eine andere
       Wahl möglich sei: "Sie werden nicht dazu gezwungen", meint Frigga
       Haug. Ihre  These: "Unterdrückung,  wenn sie  nicht  mit  äußerem
       Zwang arbeitet,  braucht die Zustimmung der Unterdrückten. In je-
       dem Tun  steckt also ein Stück Einwilligung, auch das Sich-Opfern
       ist eine Tat und kein Schicksal."
       In der Konsequenz kommt Frigga Haug dann bei der Antwort auf ihre
       Frage,  wie   die  Frauen   sich  ändern   sollen,  wie  sie  zur
       Selbstbeteiligung bei  ihrer Befreiung  zu bringen  seien, zu dem
       Schluß: "Wenn  Frauen die  Bedingungen und Verhältnisse verändern
       wollen, unter  denen sie  leiden, müssen  sie die von ihnen schon
       mit dieser  Inkompetenz einverständig besetzten Bereiche in ihren
       eigenen Persönlichkeiten  umbauen, die  Sache anders  wahrnehmen,
       d.h., sie  müssen auch  ihre Gefühle  verändern." Die Veränderung
       der eigenen  Persönlichkeitsstruktur stelle jedoch einen Verunsi-
       cherungsprozeß größten Ausmaßes dar, der sich allein nicht bewäl-
       tigen lasse.  Die Funktion  der Frauenbewegung,  die Funktion von
       Frauengruppen sieht  Frigga Haug  deshalb darin,  "diese Verände-
       rungsprozesse zu ermöglichen und durchzusetzen".
       Der bisherigen  marxistischen Diskussion zur Frauenfrage, die im-
       mer vom  Primat der  ökonomischen Befreiung ausgehe, wirft Frigga
       Haug ein  reduktionistisches Vorgehen,  ein falsches Nacheinander
       vor: erst  die Befreiung  von kapitalistischer  Herrschaft,  dann
       "die übrigen  Veränderungen, z.  B. der Abbau von Herrschaft zwi-
       schen Mann und Frau". Dem hält sie entgegen:
       "Für meine  Ausführungen mache  ich folgende,  an  dieser  Stelle
       nicht noch  einmal ausgeführte Voraussetzungen: daß die Macht der
       Männer über  die Frauen,  also die Frauenunterdrückung, älter ist
       als die  Klassenunterdrückung... (und)  daß in  der Befreiung von
       der Ausbeutung  durch das  Kapital mit der Arbeiterklasse als hi-
       storischem Subjekt  die Frauenbefreiung nicht enthalten ist. Eine
       allgemeine Politik,  die... den  Kampf gegen  die kapitalistische
       Ausbeutung der  vorwiegend männlichen  Arbeiter auf eine Weise in
       den Mittelpunkt  rückt, daß  andere Unterdrückungsfragen, wie die
       Frauenfrage, bestenfalls  hinten an einen Forderungskatalog ange-
       hängt werden,  ist fragwürdig.  Dies nicht  allein deswegen, weil
       sie die Hälfte der Menschheit einzubeziehen vergißt, sondern weil
       sie, unter der Behauptung, Herrschaft an sich abzuschaffen, nicht
       alle Machtbeziehungen angeht."
       Im Gegensatz zu den Thesen von Frigga Haug verweist Lottemi Door-
       mann auf  den historischen  Kontext der Frauen- und Arbeiterbewe-
       gung, ihre Entstehung und ihren jeweiligen gesellschaftlichen und
       politischen Zusammenhang.  Erinnernd an  die immer  noch uneinge-
       schränkt gültige  Analyse Bebels  von der doppelten Unterdrückung
       der Frau  in der bürgerlich-kapitalistischen Klassengesellschaft,
       folgert Lottemi  Doormann: "Die  Frauenfrage... ist... untrennbar
       verbunden mit der sozialen Frage, d.h. dem Kampf um eine soziali-
       stische Veränderung  der gesellschaftlichen Verhältnisse als Vor-
       aussetzung dafür,  die Emanzipation  der Frau durchzusetzen." Al-
       lerdings reiche  die traditionelle  marxistische Antwort  auf die
       Unterdrückung der  Frau im Kapitalismus - Teilnahme der Frauen an
       der gesellschaftlichen Arbeit und am sozialen Kampf - heute nicht
       mehr aus.  Um den  Emanzipationskampf der  Frauen voranzutreiben,
       "muß der gesamte weibliche Lebenszusammenhang in der kapitalisti-
       schen Gesellschaft in den Kampf einbezogen werden".
       Ausgehend von  der Betroffenheit  der Frauen  von der  Ausbeutung
       durch das  Kapital - "sogar in besonders krasser, geschlechtsspe-
       zifischer Weise"  -, verlangt  Lottemi Doormann "eine Analyse der
       heutigen gesellschaftlichen  Situation der  Frauen, aus  der  der
       Kampf, die  Forderungen, die  Agitationsformen  und  die  gesell-
       schaftliche Perspektive  der Frauenbewegung sowie ihres Zusammen-
       hangs zur  Arbeiterbewegung und den sozialen Bewegungen überhaupt
       ableitbar wären".  Abschließend formuliert  sie die These: Keines
       der beiden Merkmale eines wirksamen Frauenkampfes - Eigenständig-
       keit (Autonomie)  einerseits und  die Verbundenheit  mit der  ge-
       samten fortschrittlichen Bewegung andererseits" - darf aufgegeben
       werden, sonst  "steht  der  Fortbestand  einer  emanzipatorischen
       Frauenbewegung überhaupt auf dem Spiel".
       Ein wesentlicher  Teil der Diskussion befaßte sich mit den Thesen
       des "Opfer-Täter"-Aufsatzes  von Frigga  Haug und der dazu formu-
       lierten Kritik von Ute H.-Osterkamp. Eine dabei immer wieder auf-
       geworfene Fragestellung war die nach dem Zusammenhang von Bewußt-
       seins- und  Persönlichkeitsveränderungen bei  Frauen und  den ge-
       sellschaftlichen Entwicklungsbeschränkungen.  "Bei  der  Untersu-
       chung der  psychologischen Widerspiegelung,  bei der  Betrachtung
       individueller Prozesse muß gesehen werden, daß das Individuum ge-
       sellschaftlich bedingt  ist", faßte Werner van Haren seine Kritik
       an Frigga Haug zusammen. Die Frau sei nicht ein sich "frei in der
       Gesellschaft bewegendes Individuum, das wählen kann", sondern sie
       lebe, ebenso  wie jeder  andere im Kapitalismus, unter sachlichen
       Zwangsverhältnissen, die  es zu  erkennen und zu verändern gelte.
       Die Einsicht  in die  Notwendigkeit, die Einsicht, wie die eigene
       Lage zu  verändern sei, also die Einsicht in die Determiniertheit
       des eigenen Handelns, führe zur Aktivierung.
       Die Fragen  nach dem  spezifischen Zugang von Frauen zur Politik,
       wie Frauen  zur Politik  kommen, was sie daran hindert bzw. davon
       abhält -  Fragen, die  Frigga Haug  noch einmal in Erwiderung auf
       die Kritik  an ihren Auffassungen als ihre zentrale Fragestellung
       herausstrich, wurden  einmütig als  wichtig und  richtig erkannt.
       Die "Besinnung der Frau auf sich selbst als Voraussetzung für die
       Besinnung auf  Frauenfragen und -probleme", wie Helga Karl in der
       Diskussion forderte, könne, so wurde ihr entgegengehalten, jedoch
       nicht Antwort  auf die Frage geben, welche Faktoren bei der Poli-
       tisierung von Frauen eine Rolle spielen.
       Politisierung, das  wurde von  Karin Jakubowski anhand der Erfah-
       rungen aus  der Studentenbewegung  unterstrichen, entwickle  sich
       nur, wenn man an den alltäglichen Erfahrungen der Betroffenen an-
       knüpfe. Statt aber nach Lösungen zu suchen, innerhalb der gegebe-
       nen Umstände  "die Psyche zu reparieren und die Emotionen umzuer-
       ziehen", gelte es, Bewußtsein herzustellen über die objektive Wi-
       dersprüchlichkeit der Berufstätigkeit unter kapitalistischen Ver-
       hältnissen, von  der die Frauen, besonders wenn sie Kinder haben,
       in besonderem Maße betroffen sind.
       Die Gewerkschafterin Gisela Keßler ergänzte diesen Gesichtspunkt.
       Ansetzen müsse man, so ihre Erfahrung, an der direkten Betroffen-
       heit der  Frauen. Diese liege in Lohndiskriminierung, in der Dop-
       pelbelastung durch  Familie und Beruf, in Arbeitszeit, Streß usw.
       Aber die  Betroffenheit allein  führe nicht unmittelbar zur Akti-
       vierung. Wie  eine Umfrage  der IG  Druck und Papier ergeben hat,
       will ein  Viertel der befragten Frauen im Rahmen der Gewerkschaft
       selbst aktiv  werden; der  Umsetzung dieser Erkenntnis steht aber
       eine Vielzahl  "äußerer" Faktoren (z.B. ungenügende Zeit für Sit-
       zungen  und  Schulungen,  unsichere  Arbeitsplatzaussichten)  und
       "innerer" Faktoren  (z.B. Angst,  bei politischer Aktivität einen
       existenzbedrohenden Konflikt  wie das Risiko einer Scheidung her-
       aufzubeschwören) entgegen.
       Insgesamt  gelang  es  Referentinnen  und  Diskussionsteilnehmern
       eher, die  Unterschiede der  Positionen herauszuarbeiten, als die
       aufgeworfene Fragestellung  nach den spezifischen Politisierungs-
       zugängen von Frauen in jeder Hinsicht zufriedenstellend zu beant-
       worten. Deshalb  wurde die  Tagung von  allen Teilnehmern als ein
       Teil einer weiterzuführenden Diskussion begriffen.
       
       _____
       *) Dieser Kurzbericht  soll vor  allem den  Zusammenhang des  an-
       schließenden Textes von Ute H.-Osterkamp verdeutlichen.
       1) Frigga Haug,  Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen,
       in: Das Argument 123/1980; dies., Männergeschichte, Frauenbefrei-
       ung, Sozialismus. Zum Verhältnis von Frauenbewegung und Arbeiter-
       bewegung, in: Das Argument 129/1981
       

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