Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       DORTMUND ALS "ALTES ZENTRUM" DER ARBEITER-
       ==========================================
       UND DEMOKRATISCHEN BEWEGUNG
       ===========================
       
       Andreas Achenbach/Hermann Bömer
       
       I. Eine  Ruhrgebietsstadt -  II. Ein Zentrum der Arbeiterbewegung
       gestern und  heute -  III. Soziale  und politische Aktivitäten zu
       Beginn der 80er Jahre
       
       I. Eine Ruhrgebietsstadt
       ------------------------
       
       Dieser Beitrag  knüpft unmittelbar  an den vorhergehenden Aufsatz
       "Regionalentwicklung der  Wirtschaftsstruktur und  der  Arbeiter-
       klasse" an  und baut  insbesondere auf  den Aussagen zur Stellung
       und Rolle  der alten Industriezentren und dabei Dortmunds 1) auf.
       Die hier  von uns vertretene These lautet, daß trotz extrem nega-
       tiver wirtschaftlicher  Bedingungen die  Arbeiter- und demokrati-
       sche Bewegung Dortmunds nicht nur voll an den zukünftigen Kämpfen
       beteiligt sein  wird, sondern  wie in der Vergangenheit eine füh-
       rende Rolle  in den  Auseinandersetzungen zu  spielen in der Lage
       sein wird. Dies wird nicht nur augenfällig, wenn man die Entwick-
       lung der  letzten 15  Jahre betrachtet,  in denen  die Dortmunder
       Stahlarbeiter Auslöser  der Septemberstreiks  1969 waren und 1978
       im Zentrum  des Kampfes  um die 35-Stunden-Woche standen, sondern
       auch, wenn  man die Aktivitäten gegen die Krisenauswirkungen seit
       1980 genauer  analysiert. Es geht also um die Betrachtung der hi-
       storisch gewordenen politischen Strukturen der Arbeiterklasse und
       um die  Beschreibung der in Dortmund wichtigen sozialökonomischen
       und politischen Aktivitäten, Kämpfe und Bewegungen der Gegenwart.
       Dies soll  in Abschnitt 2 und 3 geschehen und damit die wesentli-
       chen politischen  Ausgangsbedingungen der zukünftigen Kämpfe auf-
       decken. Der  Beitrag folgt  somit Intentionen, von denen auch die
       Analyse der  linken Bewegung  Hamburgs als einem politischen Zen-
       trum der BRD in "Marxistische Studien" 5/1982 geleitet war. 2)
       Dortmund (1980   609 400  Einwohner) ist  eine Stadt  des Ruhrge-
       biets. Viele seiner Probleme sind die Probleme der Region. Obwohl
       diese Region  infolge ihrer  Siedlungs- und  Kommunikationsdichte
       und der relativen Homogenität der Wirtschafts- und Sozialstruktur
       und der politischen Kultur als Einheit angesehen werden kann, be-
       sitzt sie  weder  regionale  parlamentarische  Vertretungskörper-
       schaften noch eine Regionalverwaltung. Der Siedlungsverband Ruhr-
       kohlenbezirk als  Instanz  der  Regionalplanung  (Landesplanungs-
       gemeinschaft) des  Landes  NRW  für  das  Ruhrgebiet  wurde  1975
       abgeschafft und durch den Kommunalverband Ruhr ersetzt, der - mit
       Ausnahme einiger  Spezialkompetenzen -  für das  Ruhrgebiet nicht
       mehr  als   eine  bessere  Werbeagentur  darstellt,  während  die
       Regionalplanungskompetenz   auf   die   Bezirksplanungsräte   der
       Regierungsbezirke Arnsberg/Münster/Düsseldorf übergegangen ist.
       Das politische Leben spielt sich auf der Ebene der Kommunen - und
       der Stadtteile  -, des  Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes
       ab. Somit  zerfällt eine Region wie das Ruhrgebiet (RG) politisch
       in Städte  und Gemeinden.  Dies rechtfertigt es und macht es not-
       wendig, Dortmund als ein Zentrum des Ruhrgebietes zu untersuchen.
       Wenn ökonomische Stellung und Tendenzen der Ruhrgebietsstädte be-
       trachtet werden  (vgl. die  Angaben im  vorhergehenden  Aufsatz),
       dann muß vor allem beachtet werden, daß das Ruhrgebiet - mit sei-
       nen Städten  - ein  Industriezentrum der BRD bleiben wird und daß
       die Beschäftigung  in  den  sogenannten  Dienstleistungsbereichen
       auch hier einen beachtlichen Umfang erreichen wird bzw. schon er-
       reicht hat.  Dies gilt  selbst dann,  wenn in den Kernstädten des
       Reviers (Dortmund,  Bochum, Duisburg,  Essen) in  den 80er Jahren
       ein Drittel der Industriearbeitsplätze vernichtet wird. Alle vor-
       liegenden Trendangaben  übergehen in  der Regel  den Faktor,  den
       eine kämpferische  Bewegung gegen  die Krisenauswirkungen auf das
       Ruhrgebiet darstellen könnte. Gerade dies ist der dynamische Fak-
       tor jeder marxistischen Analyse. Es entscheidet somit der subjek-
       tive Faktor  auch auf  Seiten der Arbeiterklasse darüber, ob oder
       inwieweit sie sich dem strategischen Konzept des Strukturwandels,
       wie es  von den  Herrschenden verfochten  wird, beugen  muß  oder
       nicht.
       Als ein  im Sinne  der  Arbeiterklasse  positives  Beispiel  kann
       Bottrop (1981   114 000  Einwohner) angeführt werden. Diese Stadt
       war durch  die Krise  des Kohlebergbaus  besonders betroffen, er-
       langte aber im Rahmen der Ruhrkohle AG eine wichtige Stellung und
       verfügt nach wie vor über eine starke Arbeiterklasse in der mate-
       riellen Produktion.  Ein Moment der Stärkung des subjektiven Fak-
       tors zur  Verteidigung dieser  Position war  die Erringung  einer
       kommunistischen Vertretung  im Stadtrat  (1972). Dies trifft auch
       auf die  Erlangung von  parlamentarischen Vertretungen  durch die
       DKP in  den Bergarbeiterstädten  Gladbeck und  Ahlen und  in  der
       Stahlarbeiterstadt Hattingen  1980 zu. Wie sich aus den Erklärun-
       gen der  DKP Ruhr-Westfalen  ergibt, sieht  sie in  diesen Parla-
       mentspositionen Mittel  auch zur  Vertretung der  Interessen  der
       Belegschaften der  Großbetriebe der  Industrie  und  der  Dienst-
       leistungen und  zur Erweiterung ihres Einflusses in der Arbeiter-
       klasse.
       In der Durchsetzung des Konzepts des Strukturwandels 3) vertrauen
       die Herrschenden  nicht allein dem stummen Zwang der ökonomischen
       Verhältnisse. Sie begreifen dies mehr oder weniger als Prozeß des
       Klassenkampfes und  orientieren ihre  Aktivitäten an dieser Gege-
       benheit. In  der ersten  Etappe der Krise bestand ihre politische
       Strategie darin,  den radikalen Strukturwandel mit sozialpartner-
       schaftlichen Maßnahmen (Sozialpolitik 4), regionale und sektorale
       Aktionen 5)) abzusichern.
       Es liegt  auf der  Hand, daß  dieses Konzept  solange erfolgreich
       sein kann, solange es  e r s t e n s  noch ökonomische Vorausset-
       zungen, d.h.  einen Spielraum in der Sozialpolitik gibt (z.B. da-
       für, alle Stahlarbeiter mit 55 Jahren per Sozialplan vorzeitig zu
       verrenten),   z w e i t e n s  seitens der "vertrauten" Organisa-
       tionen eine  integrationistische Interpretation der Krise die Ra-
       dikalisierung des Handelns und des Bewußtseins der Arbeiter sowie
       eine Solidarisierung mit den Arbeitslosen, die sogar oftmals ihre
       eigenen Kinder sind, verhindert,  d r i t t e n s  kein antikapi-
       talistischer, d.h.  heute in  erster Linie zunächst antimonopoli-
       stischer  Ausweg   aus  der   Krise  ausgearbeitet   ist  6)  und
       v i e r t e n s   die Partei  der Arbeiterklasse,  die  DKP,  die
       klassenorientierten Teile der SPD und andere demokratische Kräfte
       noch nicht  stark genug  sind, um diesen Ausweg aus der Krise der
       Masse der  Betroffenen und  ihren bewußtesten Teilen, den Gewerk-
       schafts- und  Betriebsfunktionären, als einzige realistische Per-
       spektive vermitteln zu können.
       Will man  umgekehrt die  Chancen der  Arbeiterklasse  realistisch
       ausloten, müssen  gerade diese  politischen  Faktoren  betrachtet
       werden. Es  ist somit  im nächsten  Abschnitt nach der Geschichte
       der politischen Strukturen der Arbeiterklasse in Dortmund zu fra-
       gen.
       
       II. Ein Zentrum der Arbeiterbewegung gestern und heute
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       Es ist  hier nicht  möglich, die großen kämpferischen Traditionen
       der Dortmunder  Arbeiterbewegung etwa  nach dem ersten Weltkrieg,
       in der  Zeit des Widerstandes gegen den Faschismus oder der Grün-
       dungszeit der Bundesrepublik nachzuzeichnen. In Kreisen der älte-
       ren Funktionäre  der Gewerkschaften,  der SPD und der Kommunisten
       ist jedoch noch nicht völlig vergessen, daß z.B. die KPD 1932 bei
       den Reichstagswahlen am 6. November mit 31,2 Prozent mehr Stimmen
       als die  SPD (20,3  Prozent) erhielt, daß die Spaltung der Arbei-
       terbewegung von  beiden Parteien und den Gewerkschaften mit hohem
       Blutzoll bezahlt werden mußte, daß die KPD auch bis 1956 in Dort-
       mund ein  gewichtiger Faktor war: 2. B. waren über die Hälfte der
       Betriebsräte der Westfalenhütte 1956 Kommunisten. Die Sozialdemo-
       kratie wurde zum Erben dieser Potentiale der Arbeiterklasse.
       Von Dortmund  aus wurden auch nach dem KPD-Verbot gewerkschaftli-
       che und politische Kontakte zur DDR gehalten, was eine Vorausset-
       zung für die Stärke der Bewegung für die Anerkennung der DDR war.
       1967 erzwang  der Marsch  der Kumpel  der Zeche  Hansa mit  ihren
       roten Fahnen  durch Dortmund  eine staatsinterventionistische Lö-
       sung der Krise des Ruhrbergbaus, die in die Bildung der Ruhrkohle
       AG mündete; 1968 war Dortmund ein Zentrum der Ostermarschbewegung
       gegen die  Notstandsgesetze und  den Vietnamkrieg. 1969 wurden in
       Dortmund von  den Stahlarbeitern  die Septemberstreiks ausgelöst,
       1972   100 000 Unterschriften  für die Ratifizierung der Verträge
       von Moskau  und Warschau gesammelt. Belegschaften von Großbetrie-
       ben standen bereit zum Streik, falls das auf Korruption beruhende
       Mißtrauensvotum gegen  die Regierung  Brandt/Scheel durchgekommen
       wäre.
       Dortmund als  heutiges und auch zukünftiges Zentrum der Arbeiter-
       bewegung ist  nicht ohne  diese Geschichte und hierbei nicht ohne
       die spezifische Rolle der SPD zu verstehen. Von 1965-1972 verbes-
       serte sich  die SPD  bei den  Bundestagswahlen von  52,3 auf 60,2
       Prozent, während  die CDU  von 39,1  auf 32,4 Prozent abnahm. Die
       großen Erfolge  der Entspannungspolitik  und Reformpolitik  waren
       damit Erfolge  der SPD,  der Gewerkschaften  und auch der im Ver-
       gleich zu  vor 1956 zahlenmäßig sehr kleinen kommunistischen Par-
       tei; Dortmund  war parlamentarische  u n d  außerparlamentarische
       Stütze der  sozialdemokratischen Bundes-  und Landespolitik,  war
       aber gleichzeitig  in den  Großbetrieben ein Zentrum der Aktions-
       einheit. Dortmund  wurde als  "heimliche Hauptstadt  der SPD"  im
       Herzen des  Reviers angesehen,  und gerade  ein Politiker  wie W.
       Brandt hatte  hier mit  sozialen Gerechtigkeitsappellen besondere
       Resonanz. Die SPD hat in Dortmund heute 40 000 Mitglieder.
       Diese Traditionen  wirken heute  in spezifischer  Weise. Sie sind
       eine zwieschlächtige  Grundlage für die Revitalisierung von Klas-
       senbewußtsein. Es  ist einerseits ausgeprägter Sinn dafür vorhan-
       den, daß  in der Zeit der Entspannungs- und Reformpolitik Vertei-
       digenswertes geschaffen  worden ist, daß es sich lohnt, diese Er-
       folge kämpferisch  zu verteidigen. Die Arbeiter und ihre Funktio-
       näre waren  und sind stolz auf das, was in dieser Zeit geschaffen
       worden ist.  Ein gewisser,  für Nichtkenner  des Ruhrgebietes oft
       unverständlicher Lokal- und Regionalpatriotismus hat sich heraus-
       gebildet bzw. erhalten. Andererseits wurden in dieser Zeit starke
       Illusionen über  den Charakter  des Kapitalismus und der SPD ent-
       wickelt, die  teilweise erklären,  warum die  seit 1975 verstärkt
       einsetzende "Konsolidierungspolitik", die bereits durch die Poli-
       tik der  Berufsverbote 1972  anvisiert worden war, in Dortmund zu
       einer massiven  Lähmung der  Gewerkschafts- und  der  SPD-Politik
       führen mußte.
       Der außerparlamentarische  Widerstand gegen  die schleichende Zu-
       rücknahme der  Reformpolitik der  sozialliberalen Koalition durch
       die Regierungen  unter H.  Schmidt hat aber gleichzeitig dazu ge-
       führt, daß  eine Reihe  von sozialdemokratischen  und parteilosen
       Funktionären in  den Industriebetrieben  und Verwaltungen  diesen
       Kurs sehr früh als verhängnisvoll erkannten, öffentlich ihre Kri-
       tik äußerten, sich teilweise außerhalb ihrer Partei und ihrer Ge-
       werkschaften an den außerparlamentarischen Bewegungen beteiligten
       und deshalb  heute als anerkannte linke Persönlichkeiten in Dort-
       mund Repräsentanten einer linken Alternativpolitik sind.
       In Dortmund ist die SPD einschließlich eines größeren Teils ihrer
       Funktionäre in  ihrer Sozialstruktur  eine Arbeiterpartei geblie-
       ben. Dies  zeitigt eine doppelte Wirkung: Einerseits gehörten die
       Dortmunder Sozialdemokraten  nicht zu  den linken  Kritikern  der
       "Konsolidierungsstrategie" seit 1975; Ideen und Anstöße der neuen
       sozialen Bewegungen  konnten in  der SPD  und den  Gewerkschaften
       keine starken  Positionen erringen.  Negativer Höhepunkt war hier
       sicherlich  die  1977  von  Kernkraftwerksunternehmen  und  ihren
       betriebssyndikalistisch  orientierten  Betriebsräten  inszenierte
       und dann von einigen Gewerkschaftsvorständen geduldete und mitge-
       tragene bundesweite  Massenveranstaltung im  Westfalenstadion zur
       Unterstützung des Bonner AKW-Programms.
       Andererseits stellt  ihr Charakter  als Arbeiterpartei  heute die
       SPD unzweideutig vor die Frage, ob sie sich mit der tendenziellen
       Liquidierung der  Industrie in  Dortmund, und  hier besonders der
       Hoesch-Hüttenwerke, ihre eigene Existenz als bundes-, landes- und
       kommunalpolitischer Faktor  in Frage  stellen  lassen  will.  Von
       1959-1980 sank  die Zahl  der im Bergbau Beschäftigten von 44 270
       auf 17 295,  in der  Eisen- und  Stahlindustrie  von  36 488  auf
       23 478. Allein  von September 1979 bis Mai 1983 hat sich die Zahl
       der Stahlarbeiter  weiter um ca. 10 000 verringert! Falls die SPD
       und die  von ihr  geführten Gewerkschaften  in der  nächsten Zeit
       nicht auf Kampf zur Verteidigung der schwerindustriellen Basis in
       Dortmund, im  Ruhrgebiet und  darüber hinaus setzen, könnte Wirk-
       lichkeit werden, daß diese beiden Wirtschaftszweige 1990 über we-
       niger als 10 000 Beschäftigte in Dortmund verfügen, ohne daß auch
       nur in  Ansätzen alternative  Beschäftigungsmöglichkeiten in Aus-
       sicht stünden.  Arbeitslosenquoten von  25 und  mehr Prozent sind
       dann absolut gewiß. Daß die Rechtsregierung und ihre Parteien ein
       fundamentales politisches  Interesse daran haben, der SPD und der
       Gewerkschaftsbewegung gerade  im Ruhrgebiet  das Rückgrat zu bre-
       chen und daß ihr die Wirkungen der Krise speziell auf die Schwer-
       industrie hierbei entgegenkommen, dürfte offensichtlich sein. Vor
       diesem Hintergrund  ist es  auch nicht  überraschend, daß die CDU
       ihren angeblichen  Charakter als Volkspartei gerade im Ruhrgebiet
       herauszustreichen versucht.  Die folgenden  Ausführungen über die
       sozialen und  politischen Bewegungen  in Dortmund  zu Beginn  der
       80er Jahre  stehen vor dem Hintergrund dieser dramatischen Situa-
       tion.
       
       III. Soziale und politische Aktivitäten zu Beginn der 80er Jahre
       ----------------------------------------------------------------
       
       Die Situation  in Dortmund läßt sich bezüglich der genannten vier
       Bedingungen für  eine erfolgreiche  Durchsetzung der  politischen
       Strategie  der  Herrschenden  für  einen  radikalen  ökonomischen
       Strukturwandel wie  folgt charakterisieren:  Bedingung l  war  in
       Dortmund bis  Mitte 1983 auf der betrieblichen Ebene der Stahlin-
       dustrie und  des Bergbaus in extremem Ausmaß erfüllt. Ein für die
       Stahlindustrie  insgesamt   sehr  weitgehender   Sozialplan   mit
       93prozentiger Absicherung des letzten Nettogehalts für die Arbei-
       ter des  Leitbetriebes Hoesch kann und muß als "Stillhalteprämie"
       bezeichnet werden.  Gleichzeitig werden jedoch die Folgewirkungen
       (z. B.  die kommunalen  Finanzprobleme) voll  auf die Betroffenen
       abgewälzt. 7) Seit 1982/83 ändern sich jedoch die Bedingungen re-
       lativ abrupt.  Es erfolgt  der Eintritt  der Krise in ihre zweite
       Etappe: die  Sozialpläne werden verschlechtert, die Rentenansprü-
       che massiv reduziert.
       Bedingung 2  ist in Dortmund partiell in Auflösung begriffen, wo-
       bei diese  Ablösung der  integrationistischen Interpretation  der
       Krise in Richtung auf klassenmäßige Einsichten in die Krisenursa-
       chen und Alternativen 8) nicht stabil ist.
       Bedingung 3, d.h. die Formulierung von wirtschafts- und sozialpo-
       litischen Alternativen, ist für Dortmund, die Stahlindustrie, den
       Bergbau im  großen und ganzen erfüllt, wobei die Alternativen für
       die Stahlindustrie  sogar schon in der IG Metall breit diskutiert
       und teilweise  verankert sind. Zur 4. Bedingung, der Stärkung der
       DKP und  anderer demokratischer  Kräfte, sind einige Ausführungen
       erforderlich. Entsprechend der Erfahrung der Arbeiterbewegung und
       der anderen  demokratischen Bewegungen,  daß es eine Vielfalt von
       Zugängen zur  antikapitalistischen und antimonopolistischen Poli-
       tik gibt  und immer  gegeben hat,  darf nicht nur der ökonomische
       Aspekt der  Auseinandersetzungen  zwischen  den  antagonistischen
       Klassen betrachtet werden.
       
       Ökonomische und sozialpolitische Kämpfe
       ---------------------------------------
       
       Als Resultat  der Einschätzung  der Kämpfe  um "Stahlwerk Jetzt!"
       konnte 1981  festgestellt werden, nachdem die Vertrauensleutever-
       sammlung der Hoesch Hüttenwerke AG (ca. 1000 Vertrauensleute) un-
       ter dem  Eindruck der erpresserischen Konkursdrohung des Konzern-
       vorstandes dem  Verhalten der Belegschaftsvertreter im AR bei nur
       wenigen Gegenstimmen  "schweren Herzens" zugestimmt hatte (Inhalt
       des AR-Beschlusses: Belegschaftsreduzierung von 19 500 auf 13 000
       bei gleichzeitigem Bau eines Ersatzstahlwerks und der Modernisie-
       rung der  Weiterverarbeitung), daß die neue Lage (d. h. die Tren-
       nung vom  niederländischen Konzernteil  Hoogovens sowie die Fusi-
       onsplanung mit Krupp) "die Hoesch-Belegschaften und ihre Funktio-
       närskörper zu  neuen Konsequenzen  (zwingt), gleichgültig, ob sie
       dem bisherigen  Vorleistungskonzept zugestimmt  haben oder nicht.
       In der  Vergangenheit wurde  in Dortmund schon öfter gezeigt, daß
       aus scheinbar  hoffnungslosen Situationen  heraus eine neue Phase
       des Kampfes entwickelt werden kann. " 9)
       Genau diese  Situation ist  ein Jahr  später mit  der nochmaligen
       Verschärfung der  Stahl- und  Regionalkrise eingetreten.  Von den
       Trägern der  betrieblichen und  außerbetrieblichen  Bewegung  für
       "Stahlwerk Jetzt!"  wurde die vom Inhalt und der Form her antimo-
       nopolistische Forderung  nach Verstaatlichung  und demokratischer
       Kontrolle der  Stahlindustrie entwickelt und zum ersten Male seit
       Mitte der  60er Jahre, als es im Bergbau für eine kurze Zeit eine
       Diskussion über  die Eigentumsfrage  in offensiver  Form  gegeben
       hatte,  in  den  betrieblichen  und  gewerkschaftlichen  Funktio-
       närskörpern als  ernsthafte Alternative  verankert, 10) wobei die
       Hoesch-Betriebsgruppen der  DKP und  ihre Betriebszeitung  "Heiße
       Eisen" sowie zahlreiche sozialdemokratische Betriebsräte und Ver-
       trauensleute eine wesentliche Rolle gespielt haben. Dies beweist,
       daß sich aus Abwehrkämpfen gesellschaftspolitisch offensive Bewe-
       gungen der  Arbeiterklasse entwickeln können, daß eine hohe Lern-
       fähigkeit des Kerns der Arbeiterklasse vorhanden ist, auf den ge-
       setzt werden muß.
       Dortmund war  neben Stuttgart  im Herbst  1982 mit 100 000 Demon-
       stranten aus  NRW das  Zentrum der  DGB-Demonstrationen gegen die
       Sozialabbau-Operation '83,  die nach  dem  Regierungswechsel  vom
       September 1982 mit der Installierung der Rechtskoalition eine be-
       sondere Note bekamen 11) und von den Teilnehmern sehr eng mit dem
       Kampf um  Abrüstung, gegen  die Stationierung  der amerikanischen
       Raketen verknüpft wurden.
       Der DGB-Kreis  Dortmund weist  mit 1978  151 258 in DGB-Einzelge-
       werkschaften organisierten  Mitgliedern - bei 264 300 in Dortmund
       beschäftigten Arbeitern,  Angestellten und Beamten - eine Organi-
       sationsquote von  57 Prozent aus. Sie liegt weit über dem Bundes-
       durchschnitt (etwa  30 Prozent). Die größten Einzelgewerkschaften
       hatten 1978   12)  folgende Mitgliederzahlen:  IG  Metall  54 205
       (darunter in  der Eisen- und Stahlindustrie ca. 30 000, Organisa-
       tionsquote - OQ - 100 Prozent), OQ ca. 60 Prozent; ÖTV 25 132 (OQ
       etwa ein Drittel); IGBE 24 254 (OQ 87 Prozent); HBV 11 554 (OQ in
       den Kaufhäusern  bis 100 Prozent und im Großhandel bis zwei Drit-
       tel); NGG 7 415 (mit Organisationsschwerpunkt in den Brauereien);
       DPG 7 060;  BSE 6 919 (OQ ca. 40 Prozent); GdED 4 770. Die Stati-
       stik weist  aus, daß  die modernen  Dienstleistungssektoren (ÖTV,
       DPG, HBV)  heute auch in Dortmund (und anderen alten Zentren) ein
       zweites starkes Standbein der Gewerkschaftsbewegung sind.
       Aufgrund jahrelanger  Bemühungen gibt es inzwischen in einem Teil
       des DGB eine  a k t i v e  F r a u e n a r b e i t,  die auch je-
       weils am  8. März  in öffentlichen  Veranstaltungen zum  Ausdruck
       kommt, und  eine aktive  Friedensarbeit, die  sich in Aktivitäten
       zum Antikriegstag, zum 8. Mai und auch in partiellen Aufrufen zur
       Teilnahme an  den vom Dortmunder Friedensplenum ins Leben gerufe-
       nen Ostermärschen 1982 und 1983 ausdrückt. 13)
       Bei der  Charakterisierung  der  Dortmunder  Gewerkschaften  darf
       nicht unerwähnt  bleiben, daß der Funktionärskörper, speziell der
       hauptamtliche, in  sicherlich extrem  hohem Maße mit der SPD ver-
       flochten ist  und daß die SPD ihrerseits in Dortmund seit 15 Jah-
       ren als  die Regierungspartei  schlechthin gilt, da sie neben der
       Bundes- und  Landesregierung auch  noch die kommunalen Mehrheiten
       und selbst  den Hoesch-Vorstandsvorsitzenden  (Rohwedder) stellte
       bzw. stellt. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß sich spezi-
       ell Teile  der Jugend  mit ihren neuen Problemen und Bedürfnissen
       teilweise radikal von den Gewerkschaften und den Sozialdemokraten
       abgewandt haben.  Eine besonders  negative Rolle spielten hierbei
       der Skandal um die "Neue Heimat" sowie lokal der Abriß des Gebäu-
       des der ehemaligen IG-Metall-Schule Heidehof.
       Die sozialpolitischen  Aktivitäten in  Dortmund zeichnen sich da-
       durch aus  - und  dies ist vielleicht eine Besonderheit für Dort-
       mund und  das Ruhrgebiet insgesamt - daß bis auf wenige Ausnahmen
       (Umweltschutzbewegung und  Häuserkampf in  alten Sanierungsgebie-
       ten) auch die sogenannten neuen sozialen und demokratischen Bewe-
       gungen von  Vertretern der Arbeiterklasse maßgeblich mitgestaltet
       und getragen  werden. Deshalb gibt es in den neuen sozialen Bewe-
       gungen ein relativ ausgeprägtes Bewußtsein über die Bedeutung der
       Entwicklung der  Arbeiterbewegung für  die Lösung  der von  ihnen
       thematisierten Probleme.  Dies gilt  auch und  vor allem  für die
       Friedensbewegung.
       Als eine  Art Koordinierungsgremium  der vielfältigen Initiativen
       gegen Arbeitsplatzvernichtung und Rotstiftpolitik in Dortmund hat
       sich  das     D o r t m u n d e r     A n t i - R o t s t i f t -
       K o m i t e e   entwickelt, in dem Einzelpersonen und Initiativen
       vertreten sind,  das jährlich  Alternativvorschläge zum Kommunal-
       haushalt  entwickelt  und  hierzu  Unterschriften  sammelt  sowie
       Veranstaltungen organisiert.  Die aktive  Mitarbeit von Betriebs-
       und Personalräten  kann jedoch  nicht darüber hinwegtäuschen, daß
       der  DGB-Kreis   Dortmund  und  die  Einzelgewerkschaften  diesem
       "neuen" Feld  der  Interessenvertretung  noch  nicht  ausreichend
       Rechnung tragen und sich noch nicht auf die Situation eingestellt
       haben,  daß   die  alte  Tradition  der  Arbeitsteilung  zwischen
       Gewerkschaften und SPD-Kommunalpolitik, die zu einer weitgehenden
       Enthaltsamkeit  der  Gewerkschaften  in  der  kommunalpolitischen
       Interessenvertretung geführt  hat, in  der derzeitigen  Situation
       keine positiven Ergebnisse mehr bringen kann.
       Auf sozialer  Ebene sind  ferner  die    M i e t e r i n i t i a-
       t i v e n b e w e g u n g,  die  H ä u s e r k a m p f s z e n e,
       die sehr  aktiven  K i n d e r g a r t e n i n i t i a t i v e n,
       die  bereits  zahlreiche  Massendemonstrationen  gegen  die  Ver-
       schlechterung des  Kindergartengesetzes  NRW  organisiert  haben,
       sowie   U m w e l t s c h u t z i n i t i a t i v e n  zu nennen,
       deren Schwerpunkte  verkehrs- und  energiepolitische Fragen sind.
       Die Anti-AKW-Bewegung  in Dortmund,  die sich im wesentlichen auf
       die Objekte  THTR  300  (Hochtemperaturreaktor)  in  Hamm-Schmee-
       hausen, die  Verhinderung eines großen (Atom-)Kraftwerkskomplexes
       nördlich von  Dortmund  (Rieselfelder)  sowie  großdimensionierte
       Kohleveredelungsanlagen konzentriert,  hat im Ruhrgebiet aufgrund
       der sehr  harten rechten Position der IGBE-Führung einen schweren
       Stand und neigt deshalb zu antigewerkschaftlichen Positionen.
       Die bislang  beste Verbindung von Arbeitsplatzsicherungs- und Um-
       weltschutzargumenten konnte  in der  Bewegung "Stahlwerk  Jetzt!"
       herausgearbeitet werden, indem nachgewiesen wurde, daß die Liqui-
       dierung der  Rohstahlbasis in  Dortmund zugleich die Liquidierung
       einer günstigen  Verbundwirtschaft  Kohle-Stahl-Elektroenergieer-
       zeugung-Fernwärme bedeuten  würde. Damit  wurde zugleich ein kon-
       kreter Anknüpfungspunkt  für Diskussionen zwischen Sozialdemokra-
       ten, Grünen  und Kommunisten über eine alternative Wirtschaftspo-
       litik gefunden.
       
       Demokratische Aktivitäten
       -------------------------
       
       Eine große  Bedeutung für  die linke und demokratische Politik in
       Dortmund haben  heute die   U n i v e r s i t ä t   und die Fach-
       hochschulen, in  denen mit  ca. 2400 Beschäftigten und ca. 21 000
       Studenten eine  objektive Grundlage  für eine  jahrzehntelang  im
       Ruhrgebiet vermißte Verbindung von Wissenschaft und Arbeiterbewe-
       gung geschaffen  ist. In  den Hochschulen  der vier  Zentren  des
       Ruhrgebiets studieren  inzwischen immerhin ca. 80 000 der 350 000
       Studenten des  Landes NRW.  An der  Universität und der Fachhoch-
       schule Dortmund,  die einen  besonders hohen Anteil von Arbeiter-
       kindern an  den Studierenden aufzuweisen haben, gibt es eine grö-
       ßere Zahl  von Wissenschaftlern,  die mit  den Gewerkschaften  in
       Forschung und Ausbildung kooperieren. Die gewerkschaftlich orien-
       tierten Studentenverbände  mit dem MSB Spartakus als Kern stellen
       seit Jahren  die Studentenausschüsse  bzw.  wirken  in  breiteren
       Bündnissen mit und tun alles, um eine Stärkung rechter Studenten-
       verbände, die  in Hochschulen  mit  naturwissenschaftlich-techni-
       schem Schwerpunkt  traditionell starke  Positionen haben, zu ver-
       hindern. Die  Beschäftigten der  Hochschulen verfügen  mit inzwi-
       schen  erfahrenen  Personalratskörpern  und  Gewerkschaften  über
       wirksame Interessenvertretungsorgane,  die fest in der demokrati-
       schen Bewegung  Dortmunds verankert  sind. Somit  sind  insgesamt
       gute Voraussetzungen  gegeben, um der massiven Rotstiftpolitik im
       Hochschulwesen des Landes NRW Widerstand entgegensetzen zu können
       und die Existenz der Hochschulen des Ruhrgebietes zu verteidigen.
       Eine Demonstration  mit nationaler  Signalwirkung fand vor diesem
       Hintergrund im  November 1980 in Dortmund statt, als 7000 der da-
       mals 15000  Hochschulangehörigen mit  dem Rektorat  an der Spitze
       gegen den  Stopp der  Ausbaupläne demonstrierten. Vor diesem Hin-
       tergrund verfügen  die linken  Organisationen an  den Hochschulen
       über eine solide Mitgliederbasis.
       Die   a n t i f a s c h i s t i s c h e n   A k t i v i t ä t e n
       spielen in  Dortmund eine hervorragende Rolle. Ein Spezifikum be-
       steht darin,  daß die  Sozialdemokraten einschließlich ihrer Füh-
       rung partiell eine positive Rolle spielen, wenn sie auch anderer-
       seits oftmals keine Versuche machen, Zusammenrottungen der Neofa-
       schisten zu  verhindern. Jährlich  finden am  Karfreitag von  der
       Stadt Dortmund  organisierte Gedenkveranstaltungen  für die  über
       300 am  Karfreitag 1945  in  Dortmund  ermordeten  Antifaschisten
       statt, unter denen sich zahlreiche Kommunisten und Sozialdemokra-
       ten, Polen,  Franzosen, Belgier  und  Holländer  befanden.  Durch
       diese jährlich  stattfindenden Veranstaltungen werden die aktiven
       Mitglieder der  demokratischen Organisationen  einschließlich der
       Gewerkschaften seit Jahren in antifaschistischem Geiste erzogen.
       Eine zweite  Besonderheit ist  die ständige Ausstellung und Doku-
       mentation im  Auftrage des  Rates der  Stadt Dortmund "Widerstand
       und Verfolgung  in Dortmund 1933-1945", die seit 1981 in Schulen,
       Hochschulen, Betrieben  und Verwaltungen  gezeigt wird  und deren
       Katalog in  Dortmund in hoher Auflage verkauft wird. 14) Die Mit-
       glieder des  Kuratoriums der ständigen Ausstellung und Dokumenta-
       tion setzen sich aus allen Organisationen der Verfolgten (AG ver-
       folgter Sozialdemokraten,  WN-BdA), der jüdischen Kultusgemeinde,
       dem DGB-Vorsitzenden  sowie den Bürgermeistern und Vertretern von
       SPD, DKP, CDU und FDP zusammen.
       Einen breiten  Raum  nehmen  Aktivitäten  zur    V e r t e i d i-
       g u n g  d e m o k r a t i s c h e r  R e c h t e  ein, gegen die
       Berufsverbote, gegen die Volkszählung, gegen Übergriffe der Poli-
       zei, gegen  die negativen  Folgen des  Kabelfernsehens, 15) gegen
       den Abbau  der Mitbestimmung  in der  Montanindustrie sowie gegen
       die Disziplinierung von aktiven Betriebs- und Personalräten.
       Ebenfalls entfalten sich Aktivitäten zur Verteidigung des vorhan-
       denen Kulturangebotes  sowie zur Entwicklung eines demokratischen
       Kulturwesens (z.B. durch die in der Kulturkooperative Ruhr zusam-
       mengeschlossenen Künstler).  Eine große und erfolgreiche Bewegung
       entwickelte sich  gegen die  geplante Schließung  des  Dortmunder
       Theaters im Zuge der kommunalen Rotstiftpolitik, die mit vielfäl-
       tigen Aktionen und Demonstrationen abgewehrt werden konnte.
       Eine wichtige  Rolle spielen  die    A u s l a n d s k u l t u r-
       t a g e  d e r  S t a d t  D o r t m u n d,  die 1983 zum zweiten
       Male nach  1973 der  Sowjetunion gewidmet  waren  und  neben  dem
       kulturellen Wert  ein gewichtiger  Beitrag zur Festigung der Ent-
       spannungspolitik sind.
       Eine besondere  Breite und  Stärke hat  in Dortmund die  F r i e-
       d e n s b e w e g u n g  erreicht, wobei die aktive Teilnahme von
       Betriebs- und  Personalräten sowie  von Gewerkschaftsfunktionären
       ein Charakteristikum ist. Daß von Dortmund die Wiederbelebung des
       Ostermarschgedankens  ausging,   ist  bereits   erwähnt   worden.
       Ebenfalls bemerkenswert ist, daß eine starke Orientierung auf die
       Betriebe und  die Gewerkschaften  besteht. Der  Ostermarsch  Ruhr
       1983 fand in Dortmund mit ca. 100 000 Teilnehmern seinen Abschluß
       und  war   besonders  durch  die  Verbindung  von  Arbeiter-  und
       Friedensbewegung charakterisiert.
       
       Parteien, Wahlen und Aktionseinheit
       -----------------------------------
       
       Daß es  auch nach  dem 6.  März 1983  noch eine Großregion in der
       Bundesrepublik gibt,  die über  eine sichere  Mehrheit "links von
       der CDU/CSU/FDP"  verfügt, geht aus der folgenden Tabelle eindeu-
       tig hervor. 16)
       
       Tabelle: Ergebnisse der Bundestagswahlen vom 6. März 1983
       (Zweitstimmen)
       
                 CDU/CSU SPD    F.D.P. Grüne
       BRD        48,8   38,2    6,9    5,6
       NRW        45,2   42,8    6,4    5,2
       KVR 1)     36,6   53,4    4,5    4,9
       Dortmund   34,1   55,1    4,3    5,9
       1) KVR: Kommunalverband Ruhr
       
       Bemerkenswert ist, daß CDU/FDP seit 1980 im KVR-Gebiet (41,4 Pro-
       zent) sogar geringfügig auf 41,1 Prozent abnahm!
       In Dortmund  sieht das  Bild für  CDU/FDP sogar  noch ungünstiger
       aus. Mit  38,4 Prozent konnten die Rechtsparteien nicht einmal 40
       Prozent der Stimmen gewinnen.
       Zwar verlor  die SPD  3,8 Prozent  und gewann die CDU 4,0 Prozent
       hinzu, zugleich  erreichten jedoch  die Grünen  5,9  Prozent  und
       konnten die FDP unter die 5-Prozent-Marke drücken. Die Grünen er-
       zielten in  Dortmund mit 5,9 Prozent - gefolgt von Bochum mit 5,8
       - ihr  bestes Ergebnis  im Ruhrgebiet  und kamen sogar über ihren
       Bundesdurchschnitt von 5,6 Prozent.
       Die DKP erreichte in den Dortmunder Wahlkreisen folgende Stimmen-
       anteile (Zweitstimmen):  Dortmund I  0,4 Prozent, Dortmund II 0,3
       Prozent, Dortmund  III 0,3 Prozent. Auch in den Städten, in denen
       die DKP über eine Rathausfraktion verfügt und somit bei Kommunal-
       wahlen über  5 Prozent  der Stimmen  kommt, erreichte sie bei den
       Bundestagswahlen nicht über 0,7 Prozent (so in Bottrop).
       Der Vergleich  der Dortmunder  Ergebnisse der  Grünen und der DKP
       ist unter verschiedenen Gesichtspunkten von Interesse:
       - Es ist  zu vermuten, daß auch ein größerer Teil der mit der SPD
       unzufriedenen aktiven,  fortschrittlichen Mitglieder  der Gewerk-
       schaften die Grünen gewählt hat. Die große Aktivität der Kommuni-
       sten und  der fortschrittlichen  und  aktiven  Gewerkschafter  im
       Ruhrgebiet hat sich nicht in einer entsprechenden Stimmabgabe für
       die DKP niedergeschlagen.
       - Die besondere  A k t i v i t ä t  der linken und demokratischen
       Kräfte in  Dortmund hat  stattdessen zu  einem starken Stimmenan-
       stieg der Grünen geführt, der jedoch in einem krassen Mißverhält-
       nis zu ihrer eigenen außerparlamentarischen Aktivität sowie ihrer
       organisatorischen Kraft  steht. Allerdings spiegelt dieses Ergeb-
       nis wider,  daß sowohl  die Wahlarithmetik  (verschenkte Stimmen)
       als auch die (antikommunistischen) Vorbehalte der die etablierten
       Parteien ablehnenden  Wähler gegenüber  der DKP  den Grünen jenes
       Wählerpotential verschafft  haben, das  den  (falschen)  Eindruck
       entstehen lassen  kann, daß die Grünen die Partei der außerparla-
       mentarischen Bewegung in Dortmund sind.
       - Drittens zeigen die Wahlergebnisse, daß nach wie vor der größte
       Teil der  aktiven, progressiven  Gewerkschafter die  SPD als ihre
       Partei betrachtet und in ihr für eine Richtungsänderung eintritt.
       Geht man  von der gegenwärtigen Situation aus, dann ist es offen-
       sichtlich, daß  das Widerstandspotential  noch nicht  ausreichend
       ist, um die gravierenden Folgen von Krise und Strukturveränderung
       auf die werktätige Bevölkerung des Ruhrgebietes und Dortmunds ab-
       zuwehren. Bei  der Beurteilung  der Möglichkeiten darf auch nicht
       außer acht gelassen werden, daß Teile der SPD, die ihre Stütze in
       den Gewerkschaften  der Branchen Kohle, Stahl, Bau und Chemie ha-
       ben, ihre  Perspektive für  die 80er  Jahre und  die Krisenlösung
       eher in einer großen Koalition oder einer Burgfriedenspolitik mit
       der CDU sehen als in einer Linksentwicklung. Die Politik der Füh-
       rung der IG Bergbau und Energie ist dafür charakteristisch. 17)
       Unter diesen  Bedingungen entspricht es nicht nur einem parteipo-
       litischen Zweck,  wenn sich  die DKP auf die Stärkung ihrer Posi-
       tionen in den Betrieben und Kommunen orientiert. 18) Vielmehr er-
       scheint dies unabdingbar, um im Interesse der Arbeiterklasse eine
       Linksentwicklung in der SPD durchzusetzen. In diesem Sinne bleibt
       es auch  in Dortmund  und im  Ruhrgebiet eine Schlüsselfrage, die
       gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse und der sozialen Träger
       der neuen sozialen Bewegungen zu befördern und in schlagkräftigen
       Massenbewegungen zur  Geltung zu bringen. Dies macht es offenkun-
       dig auch erforderlich, daß sich die Aktivitäten jener Belegschaf-
       ten, in deren Kernen Aktionseinheit von Kommunisten und Sozialde-
       mokraten praktiziert  wird, auch  auf  überbetriebliche  Probleme
       richten.
       
       _____
       1) Vgl. besonders die Angaben in den Tabellen dieses Aufsatzes.
       2) L. Bading,  Beispiel Hamburg:  Soziale Bewegungen - politische
       Strömungen und  Verallgemeinerungen -  Wahlen,  in:  Marxistische
       Studien. Jahrbuch des IMSF 5, Frankfurt 1982, S. 107 ff.
       3) Vgl.: H.  Bömer, Die  Stahlkrise und ihre Moderatoren. Konzept
       der Vernichtung  von Kapazitäten und Arbeitsplätzen, DVZ, 17. Fe-
       bruar und  24. Februar 1983; P. Schaaf, Ruhrbergbau und Sozialde-
       mokratie. Die Energiepolitik der großen Koalition 1966-1969, Mar-
       burg 1978;  Katalyse-Technikergruppe (Hrsg.),  Ruhrgebiet - Krise
       als Konzept. Untersuchungen zur Situation und Zukunft eines indu-
       striellen Lebensraumes, Bochum 1982.
       Seitens der Herrschenden vgl.: Wirtschaftspolitik für das Ruhrge-
       biet, vorgelegt von den Industrie- und Handelskammern des Ruhrge-
       biets Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Münster, Wiss. Beratung:
       Dr. W.  Lamberts, o.  O. 1982,  S. 114, sowie: Frühjahrsgutachten
       1983 der  fünf Wirtschaftsinstitute, die der Bundesregierung eine
       Nichtsubventionierung der Stahlindustrie vorgeschlagen haben.
       4) Autorengemeinschaft,  Sozialplanpolitik   in  der  Eisen-  und
       Stahlindustrie. Mit ausgewählten Sozialplänen, Köln 1979.
       5) Vgl. hierzu  M. Schneidereit/H. Bömer, Arbeitnehmerorientierte
       Alternative für  das Ruhrgebiet: Einzige Chance für diese Krisen-
       region, in:  Arbeitskreis arbeitsorientierte Regionalwissenschaft
       (Hrsg.), Regionale Krise und Arbeitnehmerinteressen, Stadtplan 6,
       Köln 1981, S. 77 ff.
       6) Vgl. Programm der DKP, Düsseldorf 1978; Arbeitsgruppe Alterna-
       tiven der  Wirtschaftspolitik,  Memorandum  1981/1982/1983,  Köln
       1981-1983; DKP Dortmund (Hrsg.), Hoesch-Krupp Ruhrstahl AG, Dort-
       mund 1982 und M. Schneidereit/H. Bömer, a.a.O.
       Diese Ausarbeitung der Alternativen setzt zugleich eine Auseinan-
       dersetzung mit  Scheinalternativen voraus,  die hier jedoch nicht
       geleistet werden  kann. Vgl. als Prototyp von Scheinalternativen:
       Katalyse-Technikergruppe (Hrsg.), Ruhrgebiet - Krise als Konzept,
       a.a.O., insbes. die Beiträge von E. Stratmann und A. Blume.
       7) Wo die ökonomischen Spielräume bereits wesentlich enger gewor-
       den sind,  z.B. in  der saarländischen  Stahlindustrie, wurde die
       Sozialpartnerschaftspolitik schon sehr gezielt durch eine brutale
       Erpressungspolitik seitens  der Unternehmer  und des  Staates er-
       gänzt. Vgl. H. Bömer, ARBED und die Stahlkrise, in: Rote Blätter,
       1/83.
       8) Vgl. etwa:  IGM  Verwaltungsstelle  Dortmund,  Neuordnung  der
       Stahlindustrie, Dortmund, Dezember 1982.
       9) H. Bömer/U. Bohnenkamp, "Stahlwerk Jetzt!" - Für die Erhaltung
       der Stahlbasis  in Dortmund,  in: Soziale  Bewegungen 11, Analyse
       und Dokumentation des IMSF, Frankfurt 1982, S. 56.
       10) Vgl. hierzu  den Artikel von Heinz Thüer in diesem Band; vgl.
       auch H.  Lenz, Stahlindustrie  und Verstaatlichung, in: Marxisti-
       sche Blätter  3/83, S.  77 ff. In defensiver Form wird die Eigen-
       tumsfrage seit  Jahren im  Kampf  gegen  die  Privatisierung  von
       staatlichen und kommunalen Betrieben behandelt.
       11) Zur insgesamt  sehr  unbefriedigenden  Reaktion  der  Gewerk-
       schaftsbewegung auf  die massive Politik des Sozialabbaus vgl. H.
       Dybowski u.  a., Nicht  wehrlos -  doch wohin? Gewerkschaften und
       neue soziale  Bewegungen unter  der CDU-Herrschaft, Soziale Bewe-
       gungen 12, Analyse und Dokumentation des IMSF, Frankfurt 1983.
       12) Vgl. Projektgruppe  Arbeitsorientierte Stadtentwicklungs- und
       Regionalpolitik, Dortmund. Die regionale Entwicklung. Ein Problem
       der Arbeitnehmer! Eine Aufgabe der Gewerkschaften! (Abt. Raumpla-
       nung, Universität  Dortmund), Dortmund 1979. Die Kreisgrenzen des
       DGB und  seiner Einzelgewerkschaften  sind  nicht  identisch  mit
       denen der Stadt Dortmund!
       13) 1981 wurde  zum ersten  Mal seit ca. 15 Jahren zu Ostern eine
       Demonstration der Dortmunder Friedensbewegung zum Atomwaffenlager
       Opherdicke organisiert.
       14) Widerstand und  Verfolgung in  Dortmund  1933-1945.  Ständige
       Ausstellung und  Dokumentation -  erstellt vom Stadtarchiv, Dort-
       mund 1981.
       15) Vgl. hierzu DKP (Hrsg.), Die Kabelschau der Monopole, Beitrag
       H. Rudnick, Düsseldorf 1983.
       16) Vgl. Kommunalverband  Ruhrgebiet (Hrsg.), Ruhrgebiet aktuell,
       6. Jg., 7. März 1983.
       17) Vgl. die  Kräfte in  der SPD  und den Gewerkschaften, die dem
       Konzept von R. Löwenthal folgen. Vgl. K. Schacht, SPD in den 80er
       Jahren. Soziologische  und politische Aspekte der Krise der Sozi-
       aldemokratie, in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch  des  IMSF  5,
       Frankfurt 1982, S. 143 ff.
       18) Vgl. hierzu die 6. und 7. Parteivorstandstagung der DKP sowie
       den Rechenschaftsbericht  des DKP-Kreisvorstandes,  gehalten  auf
       der Delegiertenkonferenz  der DKP  Kreis Dortmund  am  23.  April
       1983.
       

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