Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       REGIONALENTWICKLUNG DER WIRTSCHAFTSSTRUKTUR
       ===========================================
       UND DER ARBEITERKLASSE
       ======================
       
       Zur Differenzierung nach regionalen Zentren
       -------------------------------------------
       
       Hermann Bömer/Ulrike Bohnenkamp
       
       1. "Alte  Zentren" /  "neue Zentren"  - ein brauchbares Begriffs-
       paar? -  2. Regionale Disparitäten in der Wirtschaftsstruktur von
       Ballungsgebieten -  2.1 Langfristige  Veränderung der  Industrie-
       struktur -  2.2 Der  tertiäre Sektor - 2.3 Standortverteilung von
       Hauptverwaltungen und  Forschungseinrichtungen -  2.4  Vergleich:
       dynamische  Zentren   (Stuttgart,  Hamburg)   und  alte   Zentren
       (Saarland, Dortmund)  - 2.5  Weitere Entwicklungstendenzen  -  3.
       Hauptprobleme der  Arbeits- und  Lebensbedingungen in  den unter-
       schiedlichen Zentren
       
       1. "Alte Zentren" / "neue Zentren" -
       ------------------------------------
       ein brauchbares Begriffspaar?
       -----------------------------
       
       Der Blick auf die monatlich regionalisiert ausgewiesenen Arbeits-
       losenquoten sowie auf andere regionalisierte ökonomische, sozial-
       statistische und  politische Daten läßt unmittelbar erkennen, daß
       das gesellschaftliche Leben auch in der Bundesrepublik dem Gesetz
       der Ungleichmäßigkeit  der Entwicklung unterworfen ist. Die Ursa-
       chen für  die Herausbildung  der räumlichen Widersprüche und Dis-
       proportionen, die  sich aus  den Widersprüchen und Klassenantago-
       nismen der  vorkapitalistischen und natürlich besonders der kapi-
       talistischen Produktionsweise,  ihrer spontanen  und anarchischen
       Entwicklung ergeben,  sind an  anderer Stelle  ausführlich analy-
       siert. 1)  Obwohl der Kapitalismus längst die Produktivkräfte und
       den gesellschaftlichen  Reichtum hervorgebracht  hat, die der Be-
       völkerung in  allen Teilräumen  der Bundesrepublik  eine hohe Le-
       bensqualität (soziale Sicherheit, Recht auf sinnvolle Arbeit, ho-
       hes soziales und kulturelles Infrastrukturniveau, hohe Umweltqua-
       lität, hohes  materielles  Lebensniveau)  gewährleisten  könnten,
       ohne den Regionen und Städten ihre Mannigfaltigkeit und Einzigar-
       tigkeit zu nehmen, erhöhen sich die Belastungen 2) für die ausge-
       beuteten Klassen  und Schichten   i n   a l l e n  T e i l r ä u-
       m e n,  nimmt also die Notwendigkeit der Gegenwehr überall zu.
       Es ist schon lange festgestellt, daß die Begriffspaare Stadt-Land
       oder Ballungsgebiete-ländlich  strukturierte Gebiete die Struktur
       und Vielfalt  der territorialen Widersprüche und der Regionstypen
       des heutigen  staatsmonopolistischen Kapitalismus  der BRD  nicht
       mehr hinreichend erfassen können. Während bei Dähne 3) als Reflex
       auf die  räumliche Trennung  von Produktion,  Handel,  Dienstlei-
       stung, Verwaltung  und Staatsapparat das Kategorienpaar Führungs-
       region-Ausführungsregion   gebildet    wird    (Düsseldorf    als
       "Schreibtisch des  Ruhrgebiets") und andere Autoren die Ballungs-
       gebiete in  Metropolen und alte Industrieregionen 4) unterteilen,
       stellen Hoormann, Lütke-Daldrup und Walter als Ergebnis einer Un-
       tersuchung über  die Entwicklungsperspektiven  der  Regionen  der
       BRD, die  sie in Verdichtungsregionen, Zwischenräume mit Oberzen-
       tren, Zwischenräume  und ländliche  Räume auf  der Basis  der Ar-
       beitsamtsbezirke eingeteilt  haben, fest: "Insbesondere bezüglich
       der zentralen  Probleme des Arbeitsmarktes gilt es endgültig auf-
       zuräumen mit  dem raumordnerischen 'Primitivbild', das sowohl die
       Problemanalyse als  auch Steuerungseingriffe  lediglich  auf  die
       klassische Zweiteilung  in ländliche  Räume und  - eventuell noch
       unterschieden in  'alte' und  'neue'  -  Verdichtungsgebiete  be-
       schränkt. Dieses  überkommene Raumtypenklischee  wird nur äußerst
       unzureichend den  aktuellen und  zukünftigen  Problemen  gerecht,
       denn 'Verlierer'-  und 'Gewinnerregionen' entwickeln sich quer zu
       den Raumtypen.  Auch aus  diesem Grund kommt der regionalen Ebene
       eine wichtige  Aufgabe zu,  da nur hier konkrete Probleme und Po-
       tentiale identifiziert und bearbeitet werden können." 5)
       Die Wiederaufnahme  des Zentren-Begriffs  in der Analyse sozialer
       Bewegungen 6)  mit ihrer  materiellen Grundlage,  "der objektiven
       Zusammenballung und  Intensität der  Widersprüche  in  bestimmten
       Sektoren, z.B.  Regionen oder besonders betroffenen Gruppierungen
       der Klasse", 7) eröffnet einerseits Möglichkeiten, schon in einem
       frühen Stadium  der Entwicklung  neuer Bewegungen  bzw. neuer Er-
       scheinungsformen Handlungsmöglichkeiten  usw. zu erfassen und für
       die gesamte  Bewegung durch  theoretische  Verallgemeinerung  und
       praktische Nachahmung  bzw. schöpferische  Anwendung auf  die  je
       spezifischen Bedingungen fruchtbar zu machen.
       Gleichzeitig wird  jedoch wiederum eine grobschlächtige Klassifi-
       kation  von  Regionen  ("alte"  und  "neue",  "aufsteigende"  und
       "absteigende" Zentren)  vorgenommen, die der Vielfalt und Hetero-
       genität der  ökonomischen, sozialen  und politischen Regionalent-
       wicklung nicht gerecht werden kann.
       Es wird suggeriert,
       - daß den  "aufsteigenden Zentren"  die Zukunft gehört, die kämp-
       fenden Klassen  und Gruppen in den "absteigenden Zentren" dagegen
       vergeblich gegen den objektiven historischen Trend ankämpfen,
       - daß die  "neuen Zentren" eine ungebrochene Dynamik der Arbeits-
       platzentwicklung behalten.
       Damit ist  das Problem der Einheit und Spaltung der Arbeiterbewe-
       gung in  seinen objektiven  und subjektiven Dimensionen aufgewor-
       fen. 8)
       Es  kommt   im  Gegensatz   zur   oben   skizzierten   räumlichen
       "Primitivsicht" darauf an, die nicht zu leugnenden Strukturverän-
       derungen der Ökonomie und der sozialen Klassen und Schichten ein-
       schließlich ihrer politischen Folgen in ihren spezifischen regio-
       nalen Formen zu untersuchen, d. h., die jeweiligen regionalen Be-
       sonderheiten zu  bestimmen und  gleichzeitig die  Einheit der Ar-
       beits-  und   Lebensbedingungen  der  ausgebeuteten  Klassen  und
       Schichten als  objektive Grundlage  der Einheit der antimonopoli-
       stischen Bewegungen im Auge zu behalten, ohne die teilweise star-
       ken Ausdifferenzierungen und Gegensätze auszublenden.
       
       Tabelle 1:
       Arbeitslosenquoten in Zentren der BRD 1980-1983 (April)
       
       Ort            Jahresdurch-     April 1983     April 1983
                      schnitt 1980                    i.V. zu 1980
                                                      in Prozent
       
       BRD                3,8             9,2             242
       Saarland           6,7            12,1             181
       Hamburg            3,4            10,3             303
       Stuttgart          1,8             5,3             294
       Ruhrgebiet         5,7            12,7             223
       Dortmund           6,2            15,0             242
       Bremen             5,1            12,9             253
       Hannover           4,4            11,1             252
       Berlin             4,3            11,0             256
       Bochum             6,0            13,5             225
       Essen              5,6            12,5             223
       Duisburg           6,4            14,4             225
       Wuppertal          4,6            10,6             230
       Düsseldorf         3,8             9,6             253
       Köln               6,1            12,4             203
       Frankfurt          2,5             6,4             256
       Mannheim           3,4             7,3             215
       Nürnberg           3,7             9,7             262
       München            2,5             6,0             240
       _____
       Quelle: BfA, eigene Berechnungen
       
       Dabei müssen folgende Tatsachen berücksichtigt werden:
       1. Die  spezifische  staatsmonopolistische  Formbestimmtheit  der
       wissenschaftlichtechnischen Revolution  sorgt dafür, daß auch für
       "dynamische Zentren"  der Produktivkraftentwicklung die Massenar-
       beitslosigkeit als Ergebnis der Überakkumulationsdynamik, der ka-
       pitalistischen  Rationalisierung  in  Industrie,  Verwaltung  und
       Dienstleistungssektor zu  Beginn  der  80er  Jahre  zum  sozialen
       Hauptproblem geworden  ist. Zu  den "dynamischen Zentren" rechnen
       wir im  folgenden Frankfurt,  Stuttgart, München  und  (mit  Ein-
       schränkungen) Düsseldorf und Hamburg.
       Tabelle 1  weist aus, daß selbst in den "dynamischen Zentren" die
       günstigeren Wirtschaftsstrukturen  kein wesentliches Gegengewicht
       gegen den zyklischen Krisenverlauf sind. Die zweite Kategorie von
       Zentren, in  denen eine  moderne Industriestruktur, aber größten-
       teils keine  Dienstleistungsstruktur von nationaler oder interna-
       tionaler Bedeutung  besteht (Nürnberg,  Mannheim, Köln, Hannover,
       Bremen), liegt  bei den Arbeitslosenquoten bereits teilweise über
       dem nationalen Durchschnitt.
       2. Aufgrund der  sich vertiefenden  Krise  der  imperialistischen
       Weltwirtschaftsbeziehungen wird gerade eine Reihe wichtiger neuer
       Zentren trotz  einer bislang  als günstig  angesehenen (weil  ex-
       portstarken) Industriestruktur besonders viele Arbeitsplätze ver-
       lieren. Dies machen die Prognosedaten der Tabelle 2 deutlich.
       
       Tabelle 2:
       Prognose der versicherungspflichtig Beschäftigten im verarbeiten-
       den Gewerbe 1980-1990 in den 16 Großstädten (Arbeitsamtsbezirken)
       
       Arbeitsamtsbezirk     Veränderung 1980-1990 in Prozent
       
       Hamburg                          ./. 24,7
       Bremen (Stadt)                   ./. 21,1
       Hannover                         ./. 20,6
       Berlin                           ./. 22,0
       Dortmund                         ./. 19.8
       Bochum                           ./. 20,7
       Essen                            ./. 17,8
       Duisburg                         ./. 16,2
       Wuppertal                        ./. 20,9
       Düsseldorf                       ./. 17,9
       Köln                             ./. 19,8
       Frankfurt .                      ./. 13,9
       Mannheim                         ./.  9,2
       Stuttgart                        ./. 13,9
       Nürnberg                         ./.  2,3
       München                          ./.  2,6
       _____
       Quelle: Hoormann  u.a., Internationaler Handel..., a.a.O., Tab. A
       XI
       
       3. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt setzt sich auch in
       den sogenannten  alten Industrien durch, so daß sich auch in die-
       sen Industriezweigen  die soziale  und qualifikatorische Struktur
       der Arbeiterklasse  entscheidend verändert  hat und weiter verän-
       dern wird.  Die Qualitätsansprüche  an Stahlprodukte z.B. steigen
       laufend weiter  an; so  stellen die  heute von der Automobilindu-
       strie gestellten  Anforderungen an von Schweißrobotern zu schwei-
       ßende Karosseriebleche besondere Qualitätsansprüche, die entspre-
       chend  moderne   computergestützte  Produktionsverfahren  in  den
       Stahl- und Walzwerken und hoch qualifiziertes Reparatur- und War-
       tungspersonal erfordern.
       4. Eine erfolgreiche Durchsetzung alternativer Wirtschaftspolitik
       mit dem  Schwerpunkt "qualitatives Wachstum" 9) wird aufgrund der
       Erfordernisse eines prinzipiellen, ökologisch orientierten Umbaus
       des Produktionskörpers  für einige  Jahrzehnte zu  einer nach wie
       vor großen  Bedeutung der  Grundstoff- und  Produktionsgüterindu-
       strie, 10)  des Anlagen-  und Maschinenbaus sowie des Baugewerbes
       führen. Aber selbst dann, wenn diese Politik in den nächsten Jah-
       ren noch  nicht durchgesetzt wird, ist nicht zu erwarten, daß die
       "Entindustrialisierung" der  alten Zentren  bis zum bitteren Ende
       voranschreiten wird,  obwohl dieser  Prozeß die  Arbeits- und Le-
       bensbedingungen der  Arbeiterklasse in den alten Zentren grundle-
       gend verändern wird. 11)
       Aus diesen vier Feststellungen leitet sich die diesem Beitrag zu-
       grunde liegende Hauptthese ab, daß kein Anlaß für die Meinung be-
       steht, die  alten Zentren  würden mit der absehbaren Wirtschafts-
       strukturentwicklung zur Bedeutungslosigkeit herabsinken und könn-
       ten daher in Zukunft auch keine Kraftzentren der Arbeiterbewegung
       und anderer demokratischer Bewegungen mehr darstellen.
       
       2. Regionale Disparitäten in der Wirtschaftsstruktur
       ----------------------------------------------------
       von Ballungsgebieten
       --------------------
       
       Die empirische Analyse der großräumigen Disparitäten in der Wirt-
       schaftsstruktur ist  relativ weit  fortgeschritten. 12) Dies gilt
       insbesondere für  die Unterscheidung  zwischen Verdichtungsräumen
       einerseits und  ländlichen Räumen andererseits. Unsere Fragestel-
       lung bezieht  sich jedoch  auf die   D i f f e r e n z i e r u n-
       g e n   i n n e r h a l b   d e r  V e r d i c h t u n g s r ä u-
       m e,  für die die Datenlage sich erst in jüngster Zeit verbessert
       hat.
       
       2.1 Langfristige Veränderung der Industriestruktur
       --------------------------------------------------
       
       Da nicht  die regionalen Faktoren die Gesetzmäßigkeiten der Indu-
       striestrukturentwicklung determinieren,  sondern die  allgemeinen
       Gesetzmäßigkeiten der  Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus,
       ist es sinnvoll, zunächst die langfristigen Veränderungen der In-
       dustriestruktur zu betrachten.
       Tabelle 3:  Langfristige  Veränderung  der  Industriestruktur  in
       Deutschland (v.H. der Beschäftigten)
       
       Industriegruppe      1980 1970 1961 1950 1939 1925 1902 1895 1882
       
       Bergbau            a 1)         5,4  8,0  6,0  7,0  5,3  6,1  6,1
                          b  3,0  3,6  6,2
       Steine und Erden   a            3,4  4,1  4,0  4,1  6,7  7,1  5,9
                          b  2,5  2,7  3,2
       Mineralölverarbei- a            0,4  0,3  0,3  0,0  -    -    -
       tung               b  0,4  0,4  0,4
       Chemie             a            5,0  3,5  3,6  2,9  2,9  2,5  2,2
                          b  7,4  6,9  6,0
       Kunststoff-, Gum-, a            2,1  1,3  0,6  0,6  0,4  0,2  0,1
       mi, Asbestindu-    b  4,2  3,0  2,4
       strie
       Eisen- und Metall- a            9,2  6,2  5,3  5,9  4,9  3,6  3,1
       herstellung und    b  7,8  9,4 10,2
       -bearbeitung
       EBM-Waren          a            4,3  6,9  9,1  7,6  6,3  8,4  7,5
                          b  4,1  4,9  4,8
       Stahl-, Leicht-    a            2,8  2,2  1,5  1,3  1,2  0,6  0,6
       metallbau          b  2,7  2,4  2,7
       Maschinenbau       a           11,2  7,6  7,4  6,9  4,4  3,3  2,5
                          b 13,4 13,0 12,4
       Straßenfahrzeugbau a            5,7  4,6  3,7  2,4  2,2  1,8  1,7
                          b 10,5  7,0  5,0
       Luftfahrzeugbau    a            0,2  0,0  1,9  0,0  -    -    -
                          b  0,7  0,5  0,3
       Schiffbau          a            0,9  0,7  1,0  0,8  0,6  0,5  0,4
                          b  0,7  0,9  1,2
       Elektrotechnik     a            9,2  4,4  5,3  4,0  1,6  0,4  -
                          b 12,7 12,7 10,9
       Feinmechanik,      a            1,9  1,7  1,9  1,4  0,9  0,9  0,8
       Optik, Uhren       b  1,4  2,0  1,9
       Herstellung von    a            -    -    -    -    -    -    -
       Büromaschinen,     b  1,0  0,9  -
       etc.
       Papier-, Pappe-,   a            7,8 10,6  9,7 11,2 10,9 11,0 10,7
       Holz- Be- und      b  6,0  5,9  6,2
       Verarbeitung
       Druckerei,         a            2,5  2,0  2,0  2,6  2,2  1,6  1,1
                                                       2)   2)
       Vervielfältigung   b  2,4  2,6  2,3
       Textil-, Beklei-   a           15,0 20,9 22,0 24,9 27,8 34,8 40,8
       dungs- und Leder-  b  8,3 11,8 14,0
       industrie
       Nahrungs- und      a           11,1 12,5 12,7 12,4 13,7 15,0 14,2
       Genußmittel        b  6,4  6,4  6,1
       Übrige Ver-        a            2,6  2,3  2,1  3,2  2,5  1,4  1,1
       brauchsgüter       b  2,5  2,7  2,9
       (Glas, Keramik,
       Spielwaren, etc.)
       _____
       1) Zeile a  enthält Angaben  der Arbeitsstätten- bzw. Gewerbezäh-
       lungen, Zeile  b Angaben  aus der  Industrieberichterstattung. Da
       die Gewerbe-  bzw. Arbeitsstättenzählungen  jeweils Vollzählungen
       sind, für die neueren Jahrgänge aber nur Daten aus der Industrie-
       statistik (Betriebe  ab 10  bzw. 20  Beschäftigte) zur  Verfügung
       stehen, wurden  für das Jahr 1961 jeweils Anteilswerte aus beiden
       Statistiken zum Vergleich berechnet.
       2) Einschl. Verlagswesen.
       Quelle: M.  Pohl, Wirtschaftsförderung  in Großstädten - Untersu-
       chung der  16 größten  Städte im  Bundesgebiet, in:  Bremer Zeit-
       schrift für Wirtschaftspolitik, Heft 1/2 1982, S. 35, 144
       
       Tabelle 3  weist die  gewaltigen langfristigen  Veränderungen der
       Industriestruktur seit  1882 aus  und unterstreicht, daß sie sich
       auch in den 70er Jahren in der Bundesrepublik nachhaltig geändert
       hat. Insbesondere  ist für  die 70er Jahre der relative und abso-
       lute (ca.  + 100 000 Beschäftigte) Bedeutungszuwachs des Straßen-
       fahrzeugbaus sowie  die weitere  bedeutende Abnahme  der Sektoren
       Eisen- und  Stahlherstellung und  -bearbeitung sowie der Textil-,
       Bekleidungs- und Lederindustrie kennzeichnend.
       Allerdings ist festzustellen, daß die von Martha Pohl anhand die-
       ser  Vergangenheitsbetrachtung   gemachte  Einteilung  der  Indu-
       striegruppen in  Wachstumsindustrien (Mineralölverarbeitung, Che-
       mie, Kunststoff-,  Gummi- und Asbestindustrie, Stahl- und Leicht-
       metallbau,  Maschinenbau,   Straßenfahrzeugbau,  Luftfahrzeugbau,
       Elektrotechnik, Herstellung  von Büromaschinen und Datenverarbei-
       tungsanlagen,  Druckerei-   und  Vervielfältigungsindustrie)  und
       Schrumpfindustrien (Bergbau,  Industrie der Steine und Erden, Pa-
       pier-, Pappe-, Holzbe- und -verarbeitung, Eisen- und Metallwaren-
       herstellung und -bearbeitung, Schiffbau, Feinmechanik [Optik, Uh-
       ren-Industrie], Textil-,  Bekleidungs-  und  Lederwarenindustrie,
       übrige Verbrauchsgüterindustrie [Glas, Keramik, Spielwaren usw.],
       Nahrungs-  und   Genußmittelindustrie)  erstens   nicht   darüber
       hinwegtäuschen darf,  daß z.B. 1980 die Schrumpfbranchen Textil-,
       Bekleidungs- und Lederindustrie mit 8,3 Prozent der Beschäftigten
       des verarbeitenden Gewerbes immer noch das gleiche Gewicht hatten
       wie die  Wachstumsbranchen Luftfahrzeugbau  (0,7),  Büromaschinen
       und Datenverarbeitungsanlagen (1,0), Druckerei- und Vervielfälti-
       gung (2,4)  sowie Kunststoff-,  Gummi- und  Asbestindustrie (4,2)
       zusammengenommen! Zweitens  sind für  die Zukunft  der regionalen
       Arbeitsmärkte letztlich nicht die relativen nationalen Positionen
       der jeweiligen  regionaldominierenden  Branchen  ausschlaggebend,
       sondern die Entwicklung der absoluten Arbeitsplatzzahlen des ver-
       arbeitenden Gewerbes sowie des tertiären Sektors.
       Tabelle 4  zeigt die  Industrie-Entwicklung für  die  16  größten
       Städte der BRD seit 1961 auf.
       
       Tabelle 4:
       Entwicklung der Industriebeschäftigten und der Anzahl der
       Betriebe in den 16 Zentren der BRD (einschließlich Westberlin)
       
       Stadt                 Industriebeschäftigte  Zahl der Betriebe 1)
                                1961     1980          1961     1980
       
       Hamburg                233971   168136          1523      992
       Bremen                  86074    75232           383      323
       Hannover               116768   100058           410      318
       Westberlin             313524   182314          2995     1188
       Dortmund               125667    78178           322      243
       Bochum                  75196    56448           167      182
       Essen                  116175    57695           378      280
       Duisburg               107648    99653           253      196
       Wuppertal               94175    63690           928      396
       Düsseldorf             128451    91144           584      298
       Köln                   135879   123826           662      450
       Frankfurt              134032   109197           535      356
       Mannheim                90940    74878           275      224
       Stuttgart              164028   132407           701      406
       Nürnberg               118450    99412           559      409
       München                174383   191452           916      637
       Städte insgesamt      2215361  1703420         11591     6898
       Bundesgebiet          8002000  7659533         54372    48784
       _____
       1) 1961 Betriebe  mit 10  und mehr Beschäftigten im Jahresmittel;
       1980 Betriebe mit 20 und mehr Beschäftigten
       Quelle: M. Pohl, Wirtschaftsförderung, a.a.O., S. 145
       
       Die Angaben  von Tabelle  4 verweisen  auf eine  deutlich  unter-
       schiedliche Dynamik der Industriebeschäftigung, aber auch der An-
       zahl der  Betriebe sowie  der durchschnittlichen  Betriebsgrößen,
       was mit  dem Grad der Konzentration bzw. mit der Branchenstruktur
       korreliert. In  den 16  Zentren arbeiteten  1980 nur  1,7 von 7,6
       Millionen Industriebeschäftigten. Dies zeigt die im internationa-
       len Vergleich starke Dezentralisierung der Industriestruktur, ob-
       wohl die  BRD mit  über die  größte Industriedichte der Welt ver-
       fügt.
       
       2.2 Der tertiäre Sektor
       
       In die  Strukturanalyse der  großstädtischen Räume  ist auch  der
       Dienstleistungssektor (Wirtschaft ohne produzierendes Gewerbe und
       Landwirtschaft) einzubeziehen.  Obwohl die Abgrenzung nicht exakt
       ist, sind die Angaben der Tabelle 5 aufschlußreich.
       
       Tabelle 5:
       Struktur des Tertiärsektors in den 16 Großstädten 1980
       
       Stadt bzw. Arbeits-  DL-Beschäf-  davon in den Wirtschafts-
       amtsbezirk           tigte 1)     abteilungen (%) a)
                            insgesamt
                            (1000)        4    5    6    7    8    9
       
       Hamburg                 528,8    28,6 19,2  9,8 32,2  2,4  7,8
       Bremen                  161,8    29,9 21,1  6,7 30,8  2,7  8,9
       Hannover                209,1    28,4 12,0  9,8 33,9  3,9 12,1
       Berlin                  448,9    22,9  8,8  4,6 43,8  4,4 15,4
       Dortmund                129,1    33,1 10,0  8,3 36,7  3,3  8,7
       Bochum                   86,6    32,3  9,0  4,4 36,8  3,0 14,4
       Essen                   132,1    31,6  9,7  6,1 40,9  4,8  7,0
       Duisburg                 88,3    30,5 22,0  4,9 31,9  3,1  7,7
       Wuppertal                80,9    33,9 11,0  7,5 31,0  4,5 12,1
       Düsseldorf              261,1    31,9  9,8 11,1 32,0  3,8 11,3
       Köln                    258,1    27,4 11,1 13,4 34,6  4,1  9,3
       Frankfurt               387,3    27,8 15,4 13,8 30,1  4,4  8,5
       Mannheim                105,3    32,7 11,5 10,1 32,5  1,7 11,6
       Stuttgart               238,8    28,4  8,6 12,6 31,1  6,2 13,2
       Nürnberg                214,3    35,4 11,3  7,8 31,5  2,7 11,3
       München                 482,4    26,6  9,7 11,4 39,1  4,5  8,7
       Städtedurchschnitt        -      30,1 12,5  8,9 34,3  3,7 10,5
       Städte insgesamt       3812,9    28,8 12,6  9,6 34,8  3,8 10,4
       Bundesgebiet           9912,1    29,4 10,1  7,7 35,7  3,6 13,6
       _____
       1)  Sozialversicherungspflichtige  Beschäftigte im Arbeitsamtsbe-
       zirk
       a) 4 = Handel, 5 = Verkehr, 6 = Bank- und Versicherungsgewerbe, 7
       = Sonstige Dienstleistungen, 8 = Organisationen o. Erwerbscharak-
       ter, 9 = Gebietskörperschaften, Sozialvers.
       Quelle: M. Pohl, Wirtschaftsförderung, a.a.O., S. 181
       
       Die Konzentration der DL-Beschäftigten auf die 16 Zentren ist mit
       38,5 Prozent der DL-Beschäftigten insgesamt weitaus höher als die
       entsprechende Konzentrationsziffer für die Industriebeschäftigten
       (22,2 Prozent). Im Zusammenhang mit dem "Beschäftigtenüberbesatz"
       13) für  die einzelnen  Städte kann zugleich auf die Struktur des
       tertiären Sektors  geschlossen werden.  Die beiden  extremen Bei-
       spiele Dortmund  und München zeigen die unterschiedliche Struktur
       und Zentralität der Großstädte auf.
       Der Vergleich  München-Dortmund  unterstreicht  die  landeshaupt-
       stadtliche Funktion  von München  und die Erfolge der Bayerischen
       Staatsregierung, München  Metropolfunktion  von  westeuropäischem
       Rang zu  übertragen (z.B.  durch die  Ansiedlung des Europäischen
       Patentamtes). Insgesamt  muß jedoch  auch die  Verteilung der DL-
       Funktionen im  internationalen Vergleich  für die BRD als relativ
       dezentral beurteilt  werden, was  nicht zuletzt  ein Ergebnis des
       Krieges und der föderalistischen Struktur der BRD ist.
       Martha Pohl  hat unter  Beachtung unterschiedlicher  Kriterien in
       der  wirtschaftlichen   Lage  (Arbeitslosenquote,   Steueraufkom-
       men/Schulden, Anteil der Wachstumsindustrien, Wachstums-DL, Indu-
       striekonzentration -  und dies  aktuell und  längerfristig)  eine
       Rangliste der 16 Großstädte für die Zeit Ende der 70er Jahre auf-
       gestellt. 14) Sie hat folgende Ordnung: 1. München, 2. Stuttgart,
       3. Frankfurt,  4. Hamburg,  5. Nürnberg,  6. Mannheim, 7. Düssel-
       dorf, 8. Köln, 9. Wuppertal, 10. Essen, 11. West-Berlin, 12. Han-
       nover, 13. Bremen, 14. Bochum, 15. Dortmund, 16. Duisburg.
       Während in  den 70er  Jahren die Gesamtbewertung von München (1),
       Stuttgart (2), Frankfurt (3), Hamburg (4) sehr stark mit dem Rang
       ihrer Arbeitslosigkeit  korrespondierte und  dies  auch  bei  den
       Schlußlichtern der Fall ist - Duisburg (16/14), Dortmund (15/16),
       Bochum (14/13)  -, fällt  Köln  außerordentlich  aus  dem  Rahmen
       (8/15). Die  Interpretation für  diesen "Querschläger"  wird  uns
       noch einige Erkenntnisse bringen.
       Was die  Analyse der  Qualität der  Wirtschaftsstruktur der Groß-
       städte jedoch  überhaupt nicht erklären kann, ist das sprunghafte
       Ansteigen der  Arbeitslosenquote auch  in den dynamischen Zentren
       zu Beginn  der 80er  Jahre. Offensichtlich  ist auch eine noch so
       gute "Papierform"  der Wirtschaftsstruktur  keine Garantie dafür,
       daß diese  Städte vor  einem abrupten Ansteigen der Arbeitslosen-
       quote gefeit  sind. Die Wirtschaftsförderer sind mit ihrem Latein
       am Ende.  Wie wollen  Städte wie Köln und Hamburg, die im Bereich
       Industrie und  Dienstleistungen die  jeweils günstigste  Struktur
       aufweisen, mit der traditionellen Strategie der Wirtschaftsförde-
       rung ihre  hohen Arbeitslosenquoten beseitigen? Mehr denn je wird
       deutlich, daß  die  Beseitigung  der  Massenarbeitslosigkeit  die
       Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise selbst zur Vor-
       aussetzung hat!
       
       2.3 Standortverteilung von Hauptverwaltungen
       --------------------------------------------
       und Forschungseinrichtungen
       ---------------------------
       
       In der  regionalwissenschaftlichen Literatur  wird den Standorten
       von Hauptverwaltungen  eine besondere Resistenz gegen ökonomische
       Instabilität und  Arbeitslosigkeit zugewiesen. Es ist daher sinn-
       voll, die  räumliche Struktur  der Verwaltungszentren  der  Indu-
       strie, der  Banken und  Versicherungen gesondert zu berücksichti-
       gen. Krickau-Richter  und Olbrich  haben hierzu eine ausführliche
       und kartierte  Analyse für  die BRD  vorgelegt. 15)  Sie kamen zu
       folgenden Ergebnissen: a) Es gibt unterschiedliche räumliche Kon-
       zentrationsgrade der  einzelnen Managementfunktionen;  b) es gibt
       eine Spezialisierung  der dominierenden  Standorte  auf  einzelne
       Führungsfunktionen.
       Zu a):  Die Hauptverwaltungen der Banken zeigen die stärkste Kon-
       zentration auf  führende Standorte  (Frankfurt, Düsseldorf,  Mün-
       chen), insbesondere, wenn nur die Privatbanken betrachtet werden.
       Die Verteilung  der  Versicherungszentralen  zeigt  drei  Zentren
       (München, Köln,  Hamburg) und  eine weitere  Anzahl  mittelgroßer
       Standorte (Stuttgart, Düsseldorf, Hannover). Für die Hauptverwal-
       tungen der Industrie ist im Vergleich zu den Banken und Versiche-
       rungen eine relativ disperse Verteilung zu konstatieren. Es domi-
       nieren acht  Städte (in  der  Reihenfolge:  Hamburg,  Düsseldorf,
       Frankfurt, Essen,  München, Stuttgart,  Köln, Duisburg), die alle
       über 40  Mrd. DM kumulierter Umsätze auf sich vereinigen: Für die
       Forschungseinrichtungen der Industrie zeichnet sich eine ähnliche
       dezentrale Standortverteilung ab wie für die HV.
       Zu b): Aus den Karten läßt sich eindeutig die Spezialisierung be-
       stimmter Städte auf einen oder mehrere der Führungsfunktionen ab-
       lesen. Frankfurts  Spitzenstellung als  Bankenstandort  wird  von
       keiner Stadt  in einem anderen Bereich erreicht. Als Standort von
       Industriezentralen liegt  Frankfurt hinter Hamburg und Düsseldorf
       auf Platz  drei. In  Köln dominieren  die Versicherungszentralen,
       während diese Stadt als Bankenstandort weit zurückfällt. Hamburgs
       und Düsseldorfs  Stellung wird  durch die Sitze von Industriekon-
       zernen begründet. München ist der führende Versicherungs- und der
       zweite  Bankplatz  in  der  Bundesrepublik,  seine  Position  als
       Standort für  Hauptverwaltungen der Industrie ist weniger entwic-
       kelt. Alle  drei Untersuchungsbereiche  sind relativ ausgeglichen
       in Stuttgart  vertreten, ohne daß die Stadt in einem Bereich eine
       Spitzenstellung erreicht.
       Bei der  gegebenen Datenlage  sind Aussagen  zum vierten Untersu-
       chungsbereich, nämlich  zur  Verteilung  von  industriellen  For-
       schungseinrichtungen, nur grob möglich. Als Schwerpunkte zeichnen
       sich Stuttgart,  München, Frankfurt,  Köln/Düsseldorf und Hamburg
       ab." 16)
       Vergleicht man die Zentren dieser modernen Beschäftigungssektoren
       (Frankfurt, Hamburg,  Köln/Düsseldorf, Stuttgart und München) mit
       den Arbeitslosenquoten  auf den entsprechenden Arbeitsmärkten, so
       läßt sich  jedoch aus heutiger Sicht feststellen: Das Großkapital
       schafft sich  auch in  den dynamischen  Zentren eine industrielle
       Reservearmee. Diese Zentren waren zu Zeiten der Vollbeschäftigung
       die Zentren  der Arbeitskräfteimmigration.  In den  Großbetrieben
       und Verwaltungen  werden heute  zusätzlich derart  viele Arbeits-
       kräfte freigesetzt, daß der klassische Mechanismus der Reservear-
       mee auch hier greift; dennoch ist natürlich festzuhalten, daß die
       Abstände zu  den alten  Zentren sich  absolut und teilweise sogar
       auch relativ  noch vergrößern.  Dies gilt  insbesondere für einen
       großen Teil der Nicht-Zentren. Schließlich sind die übrigen, über
       die Arbeitslosigkeit  hinausgehenden Belastungsindikatoren  nicht
       zu vernachlässigen.
       Am Beispiel der Stadt Köln zeigt sich, daß betriebliche Besonder-
       heiten und  andere Standorteinflüsse die durch den Wachstumsindu-
       strieanteil definierte  Struktur völlig überlagern und deren Ein-
       fluß ausschalten können. Köln hatte immerhin mit 86,3 Prozent Be-
       schäftigtenanteil in  den Wachstumsindustrien Rang 1 unter den 16
       Städten inne,  während die Domstadt bei der Arbeitslosenquote auf
       Rang 15  rangierte. Folglich müssen die Konkurrenzposition der in
       den jeweiligen  Branchen mit internationalisierter Struktur agie-
       renden Konzerne,  ihre Produktionsstruktur vor Ort usw. wesentli-
       cher Bestanteil  von Regionalanalysen  sein. Ford-Köln,  Feiten &
       Guilleaume, KHD  sowie andere  Betriebe und Unternehmen haben von
       1976-1980 mehr  als 10 Prozent der industriellen Arbeitsplätze in
       Köln vernichtet. Da in dieser Zeit der tertiäre Sektor seine kom-
       pensatorische Funktion  trotz einer  sehr günstigen Struktur auf-
       grund von  Rationalisierungsmaßnahmen und  Personalabbau auch  im
       öffentlichen Dienst schon nicht mehr wahrnehmen konnte, mußte die
       Arbeitslosigkeit stark ansteigen. 17)
       
       2.4 Vergleich: dynamische Zentren (Stuttgart, Hamburg)
       ------------------------------------------------------
       und alte Zentren (Saarland, Dortmund)
       -------------------------------------
       
       Im  folgenden   sollen  Prototypen   von  dynamischen  Metropolen
       (Stuttgart und Hamburg) sowie "alten Industrie-Zentren" (Saarland
       und Dortmund)  in ihrer unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur et-
       was ausführlicher  skizziert werden.  (Die Daten  für Hamburg 18)
       werden hier  nicht aufgeführt, jedoch der Interpretation zugrunde
       gelegt.)
       Zunächst wird  in tabellarischer Form die Struktur der sozialver-
       sicherungspflichtig beschäftigten  Arbeitnehmer nach Wirtschafts-
       zweigen in  Relativzahlen für 1978/80 angegeben und dann die Ent-
       wicklung 1961-78/80 ausgedrückt.
       Das   v e r a r b e i t e n d e  G e w e r b e  sank in Stuttgart
       von 1961  bis 1978  um 11,3  Prozentpunkte auf  38,5 Prozent,  in
       Dortmund (einschl. Bergbau) von 48,2 Prozent um 9,2 Prozentpunkte
       auf 39  Prozent, während  es im Saarland (incl. Bergbau) von 43,7
       auf 48,1  Prozent anstieg.  Das  B a u g e w e r b e  ist in etwa
       der gleichen  Größenordnung vertreten,  nahm jedoch  in Stuttgart
       prozentual stärker  ab. Der  Handel hat  in Dortmund vor allem in
       den 70er Jahren absolut stark an Arbeitsplätzen verloren, was mit
       den starken Rationalisierungsmaßnahmen aufgrund des im Ruhrgebiet
       frühzeitigen Vordringens  der Großmärkte  zusammenhängt. Das Kre-
       dit- und  Versicherungswesen ist in Dortmund und im Saarland ver-
       gleichsweise schwach  vertreten, ebenso  die Organisationen  ohne
       Erwerbscharakter, während  die privaten Dienstleistungen in allen
       drei Städten ihren Anteil mehr als verdoppelt haben.
       
       Tabelle 6:
       Strukturvergleich Dortmund, Stuttgart, Saarland
       (Beschäftigtenanteile 1) jeweils in v.H.)
       
       Bereiche  Stuttgart Dortmund Saarland    1978/80 in % von 1961
                    1978     1978    1980    Stuttgart Dortmund Saarland
       0. Landwirtschaft
                     0,3      0,4     0,4        .         .       .
       1.a Energie/Wasservers.
                     1,2      1,8     1,8        .         .       .
       1.b Bergbau   -        7,6     6,3        -       42,5    45,1
       2. Verarbeitendes Gewerbe
                     38,5    31,4    41,8      73,6      64,1    97,0
       3. Baugewerbe 6,3      8,7     7,4        .         .       .
       4. Handel    15,1     16,6    12,7      94,8      71,0    69,8
       5. Verkehr/Nachrichten
                     4,8      5,1     3,9        .         .       .
       6. Bank- u. Versicherungsgew.
                     7,3      4,1     3,0     139,6     136,7   138,0
       7. Sonst. Dienstl.
                    15,6     17,5    15,5     185,0     164,9   180,1
       8. Organisationen o. Erwerbschar.
                     3,4      1,6     1,4        .         .       .
       9. Sozialvers, u. Gebietskörpersch.
                     7,1      5,1     5,7   ·    .         .       .
       0.-9.-v.H.  100,0    100,0   100,0      93,3      71,9    76,6
                                               1961=     1961=   1961=
       -in Tausend 356      219     355        382       305     462
       _____
       1) Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte; . = nicht berechnet
       Quelle: Berechnet durch Verf. nach verschiedenen Quellen
       
       Am auffälligsten ist der Unterschied der Entwicklung der Beschäf-
       tigten insgesamt von 1961-1978, wobei Bergbau und Handel den ent-
       scheidenden Einfluß  ausgeübt haben  (Dortmund:  ./.  ca.  38250;
       Saarland ./.  46600; Stuttgart  ./. 2000).  Bemerkenswert ist die
       relativ stabile Position des verarbeitenden Gewerbes im Saarland,
       in der  sich auch  der Neuaufbau  von Automobilwerken  und Zulie-
       ferern dieser  Branche in  den 70er  Jahren ausdrückt.  Besonders
       drastisch ist der Unterschied bei den Erwerbs- und Beschäftigten-
       quoten. 1970  betrug die  Erwerbsquote in  Dortmund 39,3  und  in
       Stuttgart 52,6  Prozent der Einwohner, versicherungspflichtig Be-
       schäftigte waren  pro 1000  Einwohner in  Dortmund 1978 358,8, in
       Stuttgart 1979  618,7 -  wodurch die  Verschiedenheit  der  wirt-
       schaftlichen Lage am krassesten zum Ausdruck kommt.
       Bei der  Einteilung der Beschäftigten des produzierenden Gewerbes
       in die  Sektoren Bergbau,  Grundstoff- und  Produktionsgüterindu-
       strie,  Investitionsgüterindustrie,  Verbrauchsgüter-,  Nahrungs-
       und Genußmittelindustrie wird deutlich, worin die wichtigsten Un-
       terschiede im  produzierenden Gewerbe zwischen den 4 Städten lie-
       gen. Stuttgart  verfügte über einen extrem hohen Anteil der Inve-
       stitionsgüterindustrie (81,3 Prozent) mit ihren Paradepferden Au-
       tomobil- und  Elektroindustrie, während dieser Anteil in Dortmund
       30,8 Prozent,  in Hamburg  50,3 Prozent und im Stadtverband Saar-
       brücken bei 25,6 Prozent lag.
       Bemerkenswert sind die Unterschiede in der Wirtschafts- und Indu-
       striestruktur zwischen Hamburg und Stuttgart. Der wesentliche Un-
       terschied ist  durch die  Hafenorientierung Hamburgs gegeben, die
       1980 direkt 50000 und indirekt 100000 Arbeitsplätze 19) bedeutete
       und die  einen relativ hohen Anteil der Grundstoff- und Produkti-
       onsgüterindustrie zur  Folge hat. Im Bereich Investitionsgüterin-
       dustrie ist  die Krise  der Hamburger  Großwerften ein  negativer
       Faktor, der den Maschinenbau besonders tangiert hat.
       Eine  Besonderheit   kennzeichnet  die   Automobilarbeiterzentren
       (Köln, Hannover,  Bochum, Stuttgart,  München und  zukünftig auch
       Bremen) - für Bochum als "Kadett-Effekt" bezeichnet -: Bei insge-
       samt stagnierendem  PKW-Markt beeinflußt  die Beliebtheit der je-
       weiligen Modellreihen der verschiedenen Automobilkonzerne die je-
       weiligen Arbeitsmärkte  relativ kurzfristig in positiver oder ne-
       gativer Form.  Für Stuttgart  (Daimler-Benz/Porsche) und  München
       (BMW) ist  allerdings bislang  kein Einbruch zu verzeichnen gewe-
       sen.
       
       2.5 Weitere Entwicklungstendenzen
       ---------------------------------
       
       Hoormann u.a.  haben die  Entwicklung der Beschäftigten im verar-
       beitenden Gewerbe  bis 1990 bei verschiedenen Randbedingungen un-
       ter Berücksichtigung  der Weltmarktentwicklung prognostiziert und
       auf die regionale Ebene heruntergerechnet (vgl. Tabelle 2). Diese
       Daten basieren  auf der  Variante I,  d. h. auf der Einschätzung,
       daß sich  die Zahl  der Beschäftigten  im verarbeitenden  Gewerbe
       1980-90 nur um 13,5 Prozent verringert. (Eine u. E. unwahrschein-
       lichere Entwicklung stellt die Variante III (-18,7 Prozent) dar.)
       20) Aufgrund  der spezifischen  Struktur der BRD-Industrie im in-
       ternationalen Vergleich werden selbst dynamische Zentren wie Ham-
       burg, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf mehr als 10 Prozent, teil-
       weise sogar mehr als 20 Prozent der Beschäftigten im verarbeiten-
       den Gewerbe verlieren. Und dies unter der optimistischen Annahme,
       daß Variante I zutrifft.
       Darüber hinaus  ist zu  berücksichtigen, daß  in dieser  Prognose
       aufgrund der  angewandten Shift-Analyse  keine sich bereits voll-
       ziehenden oder  potentiellen Brüche  in der Konzernentwicklung in
       den jeweiligen  Städten berücksichtigt  sind. So  ist z. B. weder
       für Nürnberg  das Problem  AEG und  Grundig noch  für München der
       Fall Agfa oder für Stuttgart die rabiate Restrukturierung von SEL
       (ITT) berücksichtigt.  Ebensowenig kann  eine solche Prognose die
       sich schnell  zuspitzende Situation  z.B. in  der  Stahlindustrie
       erfassen. Trotz dieses Mangels, die zyklischen Krisen eliminieren
       zu müssen  und damit  das Risiko einzugehen, daß die Prognosezif-
       fern schon  eher Realität  werden, haben  die Prognoseangaben für
       uns einen  erheblichen Informationswert: Die Arbeitsmarktprobleme
       werden sich  auch in diesen Zentren, selbst unter Annahme günsti-
       ger Bedingungen, weiter zuspitzen.
       Für die  Gesamtbilanz des Arbeitsmarktes in den Zentren sind ent-
       scheidend die  allgemeinen Rationalisierungstendezen in Industrie
       und Verwaltung.  So schätzte  1983 die  VDMA ca.  400000 der 1,25
       Millionen Montagearbeitsplätze  in den 80er Jahren für rationali-
       sierbar. Eine  besondere Rolle spielen bekanntlich die Montagear-
       beitsplätze in der Elektro- und Automobilindustrie, die in 12 der
       16 Zentren  mehr als  10000 Beschäftigte  hatten, in 6 sogar über
       15000.
       Das Rationalisierungstempo in den Verwaltungen hängt entscheidend
       vom Tempo  der Einführung der neuen Medien und Kommunikationsmit-
       tel ab, durch die inzwischen die meisten Studien einen Per-saldo-
       Arbeitsplatzabbau um ca. 30-50 Prozent prognostizieren: 21)
       ./. 25-30 Prozent  der 2  Millionen Schreibkräfte und 3 Millionen
       Sachbearbeiter =1,5 Millionen;
       ./. 30 Prozent bei Banken und Versicherungen;
       ./. 25 Prozent  im Einzelhandel  durch elektronische  Ladenkassen
       und die ihnen angeschlossenen Systeme.
       Es ist selbstverständlich, daß gerade in den modernen Zentren die
       Verwaltungen und  Dienstleistungseinrichtungen jene Mindestgrößen
       aufweisen, die  eine systematische  Rationalisierung ermöglichen.
       Insofern sehen  wir für die Zukunft mehr denn je unsere These ge-
       stützt, daß auch die modernen Zentren von Arbeitslosigkeit in im-
       mer stärkerem Umfang betroffen sein werden.
       Dennoch werden sich deren Probleme quantitativ und qualitativ von
       denen in den alten Zentren oder in Zwischenräumen mit Oberzentren
       22) unterscheiden,  zumal in den dynamischen Zentren mit den spe-
       ziell hohen  Ausländer- und  Frauenanteilen an den Erwerbstätigen
       noch starke  "Puffer" für reaktionäre Politik vorhanden sind. Für
       die alten  Zentren haben düstere Zeiten längst begonnen. Nach dem
       "Vorbild" von  Liverpool und anderen alten Industriezentren setzt
       ein regelrechter  Niedergang ein.  Nach groben  Schätzungen  wird
       z.B. in  Dortmund und Duisburg die Arbeitslosenquote bis Ende der
       80er Jahre  über 25 Prozent steigen. Die entsprechenden Pläne der
       Stahlkonzerne sind bereits bekannt.
       
       3. Hauptprobleme der Arbeits- und Lebensbedingungen
       ---------------------------------------------------
       in den unterschiedlichen Zentren
       --------------------------------
       
       Es soll  hier auf  einige für  die Arbeiterklasse und die Mittel-
       schichten wichtige  Frage eingegangen werden. Hervorstechend sind
       im Vergleich  der 16  Zentren die  radikalen Unterschiede der Er-
       werbsquoten. Die  für 1970 vorliegenden Zahlen 23) zeigen bei ei-
       nem Bundesdurchschnitt von 43,7 Prozent (1960 = 47,2 Prozent) und
       einem Durchschnitt  der 16  Zentren von 46,2 Prozent (1960 = 48,5
       Prozent) eine  Streuung zwischen  53,0 Prozent (52,8 Prozent) für
       München und  52,1 Prozent  (54,8 Prozent)  für Stuttgart  auf der
       einen und 38,7 Prozent (41,7 Prozent) für Bochum und 39,3 Prozent
       (42,9 Prozent) für Dortmund auf der anderen Seite.
       Noch schärfer  die Differenz bei den Frauenerwerbsquoten. Für sie
       galten im  Bundesdurchschnitt 1970  = 29,9  Prozent (1960  = 33,4
       Prozent) und  im Zentrendurchschnitt  1970 = 32,8 Prozent (1960 =
       33,9 Prozent). Die Streuung war hier noch größer. Sie reichte von
       44,2 Prozent  (41,0 Prozent)  für München  und 39,5 Prozent (41,3
       Prozent) für  Stuttgart bis 20,6 Prozent (23,1 Prozent) für Dort-
       mund und 22,3 Prozent (21,7 Prozent) für Bochum.
       Die Hauptursache  für Unterschiede der Erwerbsquoten ist in einem
       Komplex sich  gegenseitig bedingender  und verstärkender spezifi-
       scher Bestimmungsfaktoren  der Wirtschaftsstruktur  zu sehen.  So
       läßt sich die äußerst niedrige Erwerbsquote der Frauen im Ruhrge-
       biet aus  der monopolistischen  Beherrschung der Region durch die
       Montankonzerne, dem hieraus folgenden spezifischen Arbeitsregime,
       der Schwere und dem Kontischichtsystem der Arbeitsplätze für Män-
       ner sowie der Verhinderung von neuen Industrieansiedlungen ablei-
       ten, die  den Frauen die Erwerbstätigkeit beinahe unmöglich mach-
       ten und damit auch die Herausbildung eines entsprechenden inneren
       Marktes für  Dienstleistungen im  Einzelhandel usw., wo besonders
       Frauen arbeiten, verhinderten. 24)
       D i e  F o l g e n  dieser sehr unterschiedlichen  E r w e r b s-
       und   B e s c h ä f t i g t e n q u o t e n,  in denen sich posi-
       tive und  negative Einflüsse  mischen (als positiver Einfluß z.B.
       die Senkung  der Erwerbsquoten durch Verlängerung der Schulzeiten
       und Einführung  der flexiblen Altersgrenze, als negativer Einfluß
       die Erhöhung  z. B. der Invaliditätsraten oder die Zurückdrängung
       der Frauenerwerbstätigkeit),  spiegeln sich in allen Lebensberei-
       chen wieder:  Haushaltseinkommen, Wohnsituation,  Qualifikations-
       struktur, Freizeit- und Urlaubsverhalten usw.
       Hinsichtlich der  Arbeits- und  Lebensbedingungen können folgende
       Problem- und Konfliktfelder benannt werden:
       - Arbeitslosigkeit / wachsende Existenzunsicherheit (1),
       - Betriebsstillegungen, Belegschaftsabbau (2),
       - Lohn- und Sozialleistungsabbau (3),
       - Mietenprobleme und Wohnungskosten (auch für Eigenheimer) (4),
       - Kosten, Qualität und Quantität sozialer Infrastruktur (5),
       - Qualifikationsprobleme (speziell für die Jugend) (6),
       - Mobilitätsprobleme (Kosten; Erreichbarkeiten) (7),
       - Umwelt- und Erholungsprobleme (8),
       - Demokratieabbau und Friedensgefährdung (9),
       - Stadtbild, Verslumung,  Kriminalität, Entwurzelung, Armut, Ras-
       sismus/Ausländerfeindlichkeit (10).
       Es ist  hier nicht  erforderlich, die materiellen und psychischen
       Auswirkungen der  Arbeitslosigkeit, speziell  der Dauer-  und Ju-
       gendarbeitslosigkeit zu  beschreiben. Wichtig ist vielmehr in un-
       serem Zusammenhang,  auf spezifische  Probleme der Ungleichmäßig-
       keit und -zeitigkeit einzugehen. Wachsende Arbeitslosigkeit wirkt
       zunächst, in  der ersten  Etappe der  Entfernung vom  Zustand der
       Vollbeschäftigung, außerordentlich  selektiv: Zwar  wird die  so-
       ziale Unsicherheit  der Lohnabhängigen  und ihrer Familien insge-
       samt verstärkt,  doch zunächst  recht ungleich im Territorium und
       über die einzelnen Gruppen der Arbeiterklasse verteilt. Dies gilt
       ebenso für  die unterschiedlichen  Haushaltskategorien. Wird  ein
       angelernter Arbeiter  mit 2 Kindern, dessen Frau nicht erwerbstä-
       tig ist, arbeitslos (Musterfamilie A), so ist eine solche Familie
       mit ca.  1000 DM Arbeitslosengeld mit Sicherheit in allen anderen
       aufgezählten Problembereichen  extrem betroffen, während ein kin-
       derloses Paar  mit qualifizierten  Berufen ohne  Arbeitslosigkeit
       (Musterfamilie B)  möglicherweise über 4000 bis 5000 DM netto pro
       Monat verfügt und auf dieser Einkommensbasis zunächst selbst dra-
       stische Kostensteigerungen  im Wohn- und Sozialbereich ohne große
       Probleme bewältigen  kann, sogar  teilweise eine Kurzarbeitsphase
       als willkommene  Gelegenheit für  einen zusätzlichen  Urlaub  be-
       trachtet. Für  derartige Gruppen und Schichten der Arbeiterklasse
       sind auch  die Problemebereiche  7/8 und 10 (z.B. durch Umzug in-
       nerhalb der  Region) zunächst  leicht kompensierbar.  Entschließt
       sich eine  derartige Familie  heute zum Erwerb bzw. Bau eines Ei-
       genheimes, so  kann sie sich inmitten der Krise sogar auf ein ex-
       zessiv ausgeweitetes  Förderungsprogramm im Rahmen der neuen Woh-
       nungspolitik stützen, die durch eine massive Umverteilung von un-
       ten nach  oben gekennzeichnet  ist. Wenn man zugleich berücksich-
       tigt, daß  aufgrund eines  noch nie dagewesenen Investitionsbooms
       der Automobilindustrie  in neue  Modelle unsere  Musterfamilie  B
       sich jedweden  automobilen Traum erfüllen kann, so ist das Maß an
       selektiver Wirkung der Krise abgesteckt.
       Summarisch ist  festzuhalten, daß  die konkreten  Belastungen als
       Resultat  der  Krise  in  kumulativer  Form  auftreten  und  sich
       zunächst auf bestimmte Gruppen konzentrieren. 25) Die Angaben für
       die regionaldifferenzierten  Erwerbsquoten sind ein Indikator da-
       für, daß  die Verteilung der Haushaltstypen mit den extrem unter-
       schiedlichen Merkmalen  in den Arbeits- und Lebensbedingungen auf
       die Zentrentypen sehr ungleichmäßig ist. Folglich wirken die Kri-
       senbelastungen auch regional selektiv, weil eben z.B. in Dortmund
       relativ viel  mehr Haushalte mit nur einer Erwerbsperson existie-
       ren als  z.B. in  München oder  Stuttgart. Zugleich ist jedoch zu
       berücksichtigen, daß es in den neuen Zentren ebenfalls eine große
       Zahl von  mehrfachbelasteten Familien,  vor allem  Ungelernte und
       ausländische Familien,  sowie ebenfalls eine große Anzahl von Fa-
       milien mit Kindern und nur einem Erwerbstätigen aus der Arbeiter-
       klasse gibt,  die -  soweit sie beschäftigt sind - in diesen Zen-
       tren vor  allem mit  Miet- und Wohnungskosten, wachsenden Preisen
       für soziale  Infrastrukturangebote, z. B. Kindergärten, sowie mit
       wachsenden Mobilitätskosten und Umweltproblemen belastet sind.
       Gänzlich unterschiedlich  sind jedoch die  D a u e r w i r k u n-
       g e n  der Krise auch auf den aktiven Teil der Arbeiterklasse und
       auch  auf   die  Gruppe   des  Typs  B  (mit  oder  ohne  Kinder)
       einzuschätzen.  Die  wachsende  Arbeitslosigkeit  untergräbt  die
       Kampfkraft der  Gewerkschaften in  der Lohn-  und  Sozialpolitik,
       steigert die Aggressivität der Unternehmer und erhöht die soziale
       Unsicherheit auch  für den  Kern der  Industriearbeiter sowie der
       Angestellten einschließlich  der kaufmännischen  und  technischen
       Intelligenz. Dies  wird offensichtlich, wo ganze Unternehmen oder
       zumindest ganze  Standorte von  Großunternehmen liquidiert werden
       (Beispiele sind die Krisen von AEG, Grundig usw.).
       Die zunehmende  Rekonzentration von  Produktionsstätten durch Li-
       quidierung der  in den 60er und 70er Jahren vor den Großunterneh-
       men erworbenen  oder in  ländlichen Regionen errichteten Betriebe
       können einst blühende Industriestädte in größte soziale Unsicher-
       heit und  Massenarbeitlosigkeit stürzen.  Hochverschuldete Eigen-
       heimbesitzer können und werden dadurch vor unlösbare Probleme ge-
       stellt. Besondere  Belastungen treten  auf für  Familien mit Kin-
       dern, die  in das Erwerbsalter kommen. Entzug des BAFÖG, Neurege-
       lung der  Sozialhilfe (Dreigenerationenprinzip)  usw.  führen  zu
       drastischen Senkungen  des Lebensstandards und der Lebensperspek-
       tiven dieser  Familien, die  sich in den Durchschnittskennziffern
       der Entwicklung des Reallohnes z.B. nicht widerspiegeln.
       Als Ergebnis  dieser Skizze  halten wir fest, daß trotz aller re-
       gionalen Disproportionen, Unterschiede und Widersprüche die rela-
       tive Einheitlichkeit  der Arbeits-  und Lebensbedingungen der Ar-
       beiterklasse und  der anderen  nichtmonopolistischen Schichten in
       den unterschiedlichen  Zentrentypen gewahrt bleibt und damit auch
       eine objektive  Basis für  die Einheit der Arbeiterklasse und die
       Herstellung von Bündnissen gegeben ist.
       
       _____
       1) Vgl. K.  Brake, Zum Verhältnis von Stadt und Land. Geschichte,
       Ursachen  und  Veränderungsmöglichkeiten  der  Siedlungsstruktur,
       Stadtplan l,  Schriften für  Planen, Bauen und kommunale Politik,
       Köln 1980, sowie die dort angegebene Literatur.
       2) Der Begriff  "Belastung" tritt nicht an die Stelle der Katego-
       rie "Ausbeutung",  sondern erfaßt verschiedene Erscheinungsformen
       der Klassen-  und Ausbeutungsverhältnisse, die die gebrauchswert-
       mäßige Gestalt  der Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Vor-
       aussetzungen für  die Entwicklung  regionaler Bevölkerungsgruppen
       und klassenbewußter  Persönlichkeiten beschreiben. Vgl. hierzu K.
       Brake / Chr. Wurms, Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevöl-
       kerung als  Hauptziel der  arbeitnehmerorientierten Stadtentwick-
       lungs- und  Regionalpolitik, in:  Arbeitskreis arbeitsorientierte
       Regionalwissenschaft (Hrsg.),  Regionale Krisen  und Arbeitnehme-
       rinteressen. Materialien  zur  arbeitnehmerorientierten  Raumord-
       nungs- und Regionalpolitik, Stadtplan 6, Köln 1981, S. 27 ff.
       3) E. Dähne,  Zu einigen  methodischen  Problemen  sozial-wissen-
       schaftlicher Regionalforschung.  Voruntersuchung C  im Rahmen des
       RKW-Projekts "Arbeitswirtschaftliche Strukturprobleme der Produk-
       tivitätsentwicklung", Marburg 1967.
       4) Arbeitskreis arbeitsorientierte  Regionalwissenschaft (Hrsg.),
       a.a.O., S. 7 ff.
       5) J. Hoormann  / E.  Lütke-Daldrup /  J. Walter, Internationaler
       Handel und  regionale Beschäftigungseffekte,  Dortmunder Beiträge
       zur Raumplanung, Bd. 32, Dortmund 1983, S. 183 f.
       6) W. Roßmann,  Arbeiterklasse, soziale  Bedürfnisse und  gewerk-
       schaftliche Politik,  in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       5, Frankfurt 1982, S. 42 ff.
       7) Ebenda, S. 47 f.
       8) Vgl. F.  Deppe, Einheit  und Spaltung der Arbeiterklasse, Mar-
       burg/L. 1981.
       9) Vgl. Arbeitsgruppe  Alternativen der Wirtschaftspolitik, Memo-
       randum '81, '82 und '83, Köln 1981, 1982, 1983.
       10) Diese Aussage  ist für  die Grundstoffchemie allerdings inso-
       fern problematisch,  als z.  Zt. noch keine genauen Aussagen über
       die mögliche  Verdrängung der  erdöl- und erdgasabhängigen Grund-
       stoffchemie durch  Importe aus den Erdölförderländern, die in den
       letzten Jahren riesige Investitionen in der ersten Verarbeitungs-
       stufe vorgenommen  haben, gemacht  werden können. Es steht jedoch
       fest, daß  hier eine massive weltwirtschaftliche Strukturverände-
       rung stattfindet.  (Vgl. hierzu:  Prognos-Report Nr. 11. Die Bun-
       desrepublik Deutschland 1985/1990/2000, Basel 1982).
       Die Gesamtaussagen  der Prognos-Studie  sind an Dreistigkeit kaum
       zu überbieten,  da dieser  Report die Lösung der Probleme der Ar-
       beitslosigkeit bis  zum Jahr 2000 allein aufgrund demographischer
       Faktoren unterstellt.  Aber selbst für diese die Probleme der Ka-
       pitalverwertung völlig  außer acht  lassende Variante unterstellt
       das Institut  für die  Chemieindustrie X 100000 Arbeitsplätze bis
       zum Jahr 2000.
       11) Vgl. als warnendes Beispiel die Entwicklung der Region Liver-
       pool (L.  Schröter, Liverpool:  Dortmunds Zukunft?  Ein Vergleich
       zwischen Regionen mit ähnlichen Strukturproblemen, in: Die Mitbe-
       stimmung, Monatszeitschrift  der Hans-Böckler-Stiftung,  Heft  8-
       9/1982, S. 292 ff). Der Begriff "Entindustrialisierung" hat einen
       ambivalenten Charakter,  weil er  sowohl Übertreibungen  Vorschub
       leisten kann  (indem ein  völliges Verschwinden  der Industrie in
       den strukturschwachen Regionen unterstellt wird statt deren Redu-
       zierung auf  einen in  der Regel  hochmodernen Kern) als auch das
       Theorem von  der "postindustriellen  Gesellschaft"  fördert,  das
       suggeriert, die  Gesellschaft könne ohne Industrie als Dienstlei-
       stungsgesellschaft existieren.  Zwar kann sich die Beschäftigten-
       struktur weiter  in Richtung tertiärer Sektor verschieben, dieser
       kann jedoch  nur auf Basis einer hochmodernen Industrie und Land-
       wirtschaft existieren.
       12) Vgl. die  entsprechenden Veröffentlichungen der Bundesanstalt
       für Landeskunde und Raumordnung. Bonn, die ein System der laufen-
       den Raumbeöbachtung entwickelt hat.
       13) Der Beschäftigtenüberbesatz  drückt aus,  um wieviel die Zahl
       der Beschäftigten  in den  jeweiligen Dienstleistungssektoren pro
       1000 Einwohner den Bundesdurchschnitt übersteigt.
       14) M. Pohl,  Wirtschaftsförderung in  Großstädten, a.a.O.  (Tab.
       3), S. 125.
       15) Die folgenden  Angaben sind  der sehr informativen Arbeit von
       L. Krickau-Richter  / J.  Olbrich, Regionale  Strukturpolitik mit
       Dienstleistungsbetrieben. Möglichkeiten und Grenzen der Standort-
       steuerung, Dortmunder  Beiträge zur Raumplanung, Bd. 25, Dortmund
       1982, entnommen.
       16) ebenda, S. 29-31; (Städtenamen in Klammern durch die Verf.).
       17) U. Semmelrogge, Krise, Arbeitnehmer und Konzerne in Köln, in:
       Arbeitskreis  arbeitsorientierte   Regionalwissenschaft  (Hrsg.),
       a.a.O., S. 146-194.
       18) Vgl. F.  Fiehler, Arbeitsplatz  Hamburg. Regionalökonomie und
       -politik in  Hamburg in  den siebziger  Jahren, in:  Marxistische
       Studien. Jahrbuch  des IMSF 4/1981, S. 276ff; L. Bading, Beispiel
       Hamburg: Soziale Bewegungen - politische Strömungen und Verallge-
       meinerungen - Wahlen, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       5/1982, S. 107 ff.
       19) F. Fiehler, a.a.O., S. 281 und 285.
       20) J. Hoormann u. a., a.a.O., S. 107, Tab. 4.8.
       21) Vgl. U.  Briefs, Arbeiten  ohne Sinn  und  Perspektive?  Köln
       1980, S.  65-77. Briefs  schätzt für 1980 ca. 500000 EDV-Beschäf-
       tigte nach  nur 220 000  im Jahre 1973, wobei die in der EDV-Her-
       stellung Beschäftigten  für 1980  von Siemens  auf nur 43 000 ge-
       schätzt wurden!  Vgl. auch  Autorenkollektiv unter Leitung von E.
       Rechtziegler, Mikroelektronik  im Dienste des Imperialismus, Ber-
       lin (DDR)  1982, sowie  DKP (Hrsg.)  Arbeiterklasse und Massenme-
       dien. Die Kabelschau der Monopole, Düsseldorf 1983.
       22) Vgl. Forschungsgruppe  Produktivkraftentwicklung  Nordhessen,
       Bekämpfung der  Massenarbeitslosigkeit durch  Ausbau der Arbeits-
       und Lebensverhältnisse  in Nordhessen,  Frühjahrsgutachten  1983,
       Kassel 1983. So fielen 1980 23,4 Prozent der Arbeitslosen in Hes-
       sen auf  Nordhessen, 1982 dagegen 26,3 Prozent. D. h., der Anteil
       des strukturschwachen  Nordhessen an  der Arbeitslosigkeit  sowie
       den Folgelasten stieg an.
       23) Nach: M.  Pohl, Wirtschaftsförderung  in Großstädten, a.a.O.,
       S. 18, 142.
       24) Vgl. H.  Bömer, Regionale Strukturkrisen im staasmonopolisti-
       schen Kapitalismus und marxistische Raumökonomie. Am Beispiel der
       Ruhrgebietskrise, in:  Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/
       1979, S. 138 ff.
       25) Vgl. hierzu  die empirische  Untersuchung von A. Oppolzer, P.
       Strutynski und  K.H. Tjaden  (Forschungsgruppe Produktivkraftent-
       wicklung Nordhessen),  Raumentwicklung und  Belastungshäufigkeit.
       Ein Verfahren  der Bewertung regionaler Arbeits- und Lebensbedin-
       gungen von  Arbeitnehmern am  Beispiel eines nordhessischen Land-
       kreises. In: Arbeitskreis arbeitsorientierte Regionalwissenschaft
       (Hrsg.), a.a.O., S. 43 ff.
       

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