Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       DIE MARX MEMORIAL LIBRARY IN LONDON
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       Andrew Davies
       
       Gegründet wurde  die Marx  Memorial Library  (MML) 1933. Sie ent-
       stand aus  einer Initiative  von Gewerkschaftern, Sozialisten und
       Kommunisten, für  die es zwei Anlässe gab: die fünfzigste Wieder-
       kehr von  Marx' Todestag und als aktuelle Herausforderung die Bü-
       cherverbrennungen im  faschistischen Deutschland,  die sich gegen
       alles marxistische und fortschrittliche Gedankengut richteten. Es
       wurde der Plan entwickelt, als "angemessene Erinnerungsstätte für
       den größten Denker und Revolutionär aller Zeiten ein Bildungszen-
       trum der  Arbeiterklasse" zu schaffen; so hat es Robin Page Arnot
       ausgedrückt 1), der dann erster Leiter der Marx-Gedenk-Bibliothek
       und Arbeiterschule (so hieß sie zunächst) wurde. Sammlungen mach-
       ten es  möglich, das  traditionsreiche Haus Clerkenwell Green 37a
       für die MML zu erwerben. Gebaut 1738 für eine bürgerliche Wohltä-
       tigkeitsschule, hatte  es seit  dem letzten Viertel des 19. Jahr-
       hunderts verschiedene  progressive und  sozialistische Clubs  und
       Verlage beherbergt; so wurden in den Jahren 1902 und 1903 in die-
       sem Haus 17 Ausgaben von Lenins "Iskra" gedruckt, auf den Maschi-
       nen des  sozialdemokratischen Verlages "Twentieth Century Press".
       Wegen seiner  historischen Bedeutung wurde das Gebäude 1967 unter
       Denkmalschutz gestellt.
       Viele freiwillige  Helfer richteten  mit unbezahlter  Arbeit  das
       Haus für  den neuen  Zweck her,  und am 30. Oktober 1933 begannen
       die ersten Kurse. Die Bibliothek umfaßte rund 5000 Bände, vor al-
       lem Arbeiten über den Sozialismus aus der Feder marxistischer wie
       nichtmarxistischer Autoren,  außerdem Standardwerke  zu  Philoso-
       phie, 'Naturwissenschaften,  Geschichte und  Ökonomie. Sie erwei-
       terten sich  nicht zuletzt  durch die  Mithilfe von Studierenden,
       die Hunderte  von Broschüren banden und ordneten. Die Bildungsar-
       beit fand in Form von Seminaren, Fernkursen, Vorlesungen, Sommer-
       schulen und  wissenschaftlichen Symposien statt und wurde ergänzt
       durch die Herausgabe eigener Lehr- und Studienmaterialien. 2)
       Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte man die Aufgabe der Marx Me-
       morial Library  neu. Von nun an sollte sie die Möglichkeit bieten
       für das  Studium der  Sozialwissenschaften auf  breiter marxisti-
       scher Basis  und offenstehen für Interessenten aus allen Richtun-
       gen der Arbeiterbewegung, die lesen, forschen oder Ratschläge für
       ihr Studium erhalten wollten. 3)
       Andrew Rothstein schreibt über die Arbeit der MML in dieser Zeit:
       "Die Bildungsarbeit  der Bibliothek  wurde auf eine weniger feste
       Form zurückgenommen. Viele Kurse mit wöchentlichen Vorträgen wur-
       den aber doch durchgeführt zur politischen Ökonomie der kapitali-
       stischen wie der sozialistischen Gesellschaft, über dialektischen
       und historischen Materialismus, über Ethik und individuelle Frei-
       heit, über  die nationalen  Befreiungsbewegungen der  Nachkriegs-
       zeit, über  Marxismus und  Künste sowie über viele andere Themen.
       Einzelvorlesungen gab  es an  den Sonntagabenden,  vor allem über
       die Klassiker des Marxismus und über neue Bücher, die für studie-
       rende Arbeiter wichtig waren. 1965/66 wurde eine Reihe von Sympo-
       sien eröffnet,  die  Themen  wie  'Dialog  über  den  Marxismus',
       'Marxismus und  technologische Revolution' und 'Marxismus und De-
       mokratie' behandelten.
       Von Zeit zu Zeit wurden Ausstellungen organisiert zu Gegenständen
       wie der Pariser Commune, zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution,
       zu Leben  und Werk  von Robert Owen und Thomas Paine und zur Hun-
       dertjahrfeier der  Gründung der  Internationalen Arbeiterassozia-
       tion." 4)
       Bis heute wird eine Tradition fortgeführt: Jedes Jahr am 14. März
       um 14.30  - zu Tag und Stunde von Marx' Tod - wird mit einer kur-
       zen Ansprache  ein Kranz an Marx' Grabmal auf dem Highgate-Fried-
       hof niedergelegt.  Wenn möglich,  findet an  diesem Tag  auch die
       Marx-Gedenkvorlesung statt, die ein aktuelles Thema von Bedeutung
       aus theoretischer  Sicht behandelt.  Die Referenten  der  letzten
       Jahre waren Tony Benn, Bernard Dix, Raymond Williams, Stuart Hall
       und E.J.  Hobsbawm. Das Doppeljubiläum des Jahres 1983 - der hun-
       dertste Todestag von Marx und der fünfzigste Gründungstag der Bi-
       bliothek -  wird gebührend begangen. Es gibt eine Vorlesungsreihe
       über die marxistische Tradition in Großbritannien sowie eine Aus-
       stellung und  eine Publikation über die Geschichte des "radikalen
       London"; den Gedenkvortrag hielt in diesem Jahr Mich McGahey, Vi-
       zepräsident der  Britischen Bergarbeitergewerkschaft und Mitglied
       des Exekutivkomitees  der Kommunistischen Partei Großbritanniens.
       Außerdem soll  die Klugmann-Sammlung eröffnet werden, die die um-
       fassende Bibliothek des Historikers und ehemaligen Redakteurs und
       Herausgebers von  "Marxism  Today",  James  Klugmann,  mit  ihren
       Schriften  zu  allen  Aspekten  der  Arbeiterbewegung  zugänglich
       macht.
       Seit 1949  ist der  größte Teil der Buchbestände der MML auch für
       die Ausleihe  verfügbar. Jedermann  kann Mitglied  der MML werden
       und dann aus der Menge der ca. 100000 Stücke benutzen, was er für
       seine Arbeit  benötigt. Neben Büchern, Zeitschriften und Fotogra-
       fien zählen  zum Bestand  ca. 60000  Broschüren und Flugschriften
       aller Art  ("pamphlets"). Spezialsammlungen gibt es zu Themen wie
       Spanischer Bürgerkrieg,  Friedensbewegung,  Irland,  Die  Hunger-
       märsche, Chartismus und USA.
       Neben der  Benutzung durch  einheimische Interessenten  hat  sich
       auch der  internationale Kontakt der MML ausgeweitet. Die Biblio-
       thek erhält häufig Anfragen aus kapitalistischen Ländern; sie hat
       gleichermaßen Beziehungen zu wissenschaftlichen Einrichtungen so-
       zialistischer Staaten,  deren Veröffentlichungen  in  die  eigene
       Sammlung aufgenommen  werden und  denen sie seltene Publikationen
       aus der britischen Arbeiterbewegung zugänglich macht.
       Dem Trägerverein  der MML gehören individuelle Mitglieder und Or-
       ganisationen an;  sie wählen  in der  Generalversammlung den Vor-
       stand. Über die laufende Arbeit sowie über wissenschaftliche Stu-
       dien zur  Geschichte der sozialistischen und Arbeiterbewegung in-
       formiert das  regelmäßig erscheinende "Bulletin of the Marx Memo-
       rial Library".
       Andrew Davies als Bibliothekar und Max Egelnick als Sekretär füh-
       ren die  laufenden Geschäfte  der MML.  Ihre Arbeit  wäre  jedoch
       nicht zu  denken ohne die Hilfe der vielen Freiwilligen, die sich
       an allen Bibliotheksaufgaben beteiligen.
       
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       1) Zit. nach Andrew Rothstein, A House on Clerkenwell Green, Lon-
       don, Marx Memorial Library 1972, S. 73.
       2) Vgl. ausführlicher ebd., S. 75 f.
       3) Ebd., S. 76 f.
       

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