Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       BETRIEBSBESETZUNGEN UND GEWERKSCHAFTLICHER KAMPF
       ================================================
       
       Rahmenbedingungen, Triebkräfte und Perspektiven betrieblicher
       -------------------------------------------------------------
       Abwehrkämpfe gegen Arbeitsplatzvernichtung
       ------------------------------------------
       
       Gert Hautsch/Bernd Semmler
       
       I. Zahl  und Schärfe betrieblicher Konflikte nehmen zu - II. Rah-
       menbedingungen betrieblicher Abwehrkämpfe - III. Kämpfe gegen Ar-
       beitsplatzvernichtung in  Frankfurt -  IV. Entfaltung  von Wider-
       standspotential -  V. Triebkräfte des offenen Konflikts - VI. Be-
       triebliche Kämpfe und gewerkschaftliche Politik
       
       Betriebsbesetzungen galten  in der  Bundesrepublik bis Anfang der
       siebziger Jahre  als französisch-italienische  Besonderheit,  die
       hierzulande keine  Entsprechung findet. Die Entwicklung der letz-
       ten Jahre  hat aber dazu geführt, daß die Blockade oder Besetzung
       von Fabriken  auch in der BRD als eine mögliche Kampfform zur De-
       batte steht. Namen wie VDM Frankfurt, Videocolor Ulm, Enka Kassel
       oder Heckel  Saarbrücken stehen  für eine  gewachsene öffentliche
       Resonanz betrieblicher Besetzungsaktionen. 1)
       
       I. Zahl und Schärfe betrieblicher Konflikte nehmen zu
       -----------------------------------------------------
       
       Ist diese größere Resonanz nur dem spektakuläreren Charakter ein-
       zelner Aktionen der letzten Jahre geschuldet? Oder steht dahinter
       eine bedeutsame Zunahme betrieblicher Abwehrkämpfe gegen Arbeits-
       platzvernichtung durch  Massenentlassungen,  Betriebsstillegungen
       und Konkurse?  Das Statistische  Bundesamt erfaßt solche Aktionen
       nicht getrennt  von anderen  Arbeitskämpfen; vielfach  gehen  sie
       überhaupt nicht  in die offizielle Arbeitskampfstatistik ein. An-
       haltspunkte für das quantitative Ausmaß kann hingegen die Auswer-
       tung des  "Archivs Soziale Bewegungen" im IMSF liefern, auch wenn
       hier nicht alle Aktionen erfaßt werden können. 2) Bezogen auf be-
       triebliche Bewegungen  insgesamt  gegen  Arbeitsplatzvernichtung,
       zeigt sich  eine deutliche  Zunahme in  den letzten  Jahren (vgl.
       Tab. 1).
       
       Tabelle 1:
       Betriebliche Aktionen gegen Arbeitsplatzvernichtung 1976-1982
       
       Jahr   Teilnehmer (in Tausend)
             Demonstra-  Warn-    Streiks und  Teilnehmer  Zahl der er-
             tionen und  streiks  Betriebs-    insgesamt   faßten
             Kundgebun-  1)       besetzungen  2)          Betriebe
             gen                               in Tausend
       
       1976      .           .        .            34          17
       1977      .           .        .           118          40
       1978      .           .        .            33          27
       1979     35          19        1            55          40
       1980     91          41        1           110          36
       1981    130          58        5           160          43
       1982    232          29        5           293          97
       _____
       1) ohne den  bundesweiten Textil-Warnstreik  am 2.  Dezember 1980
       (270 000 Teilnehmer)
       2) wegen Doppelerfassung  ist die  Gesamtzahl niedriger  als  die
       Summe der Einzelzahlen
       Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF
       
       In dieser  Tabelle sind  nur solche  Aktionen erfaßt,  deren Aus-
       gangspunkt im  jeweiligen Betrieb  lag. Hinzu  kamen die 1978 von
       der IG  Metall  initiierte  Warnstreikbewegung  auf  den  Werften
       (knapp 100 000 Teilnehmer) und 1979 die Aktionen bei der Post für
       die Übernahme  aller Auszubildenden  (ca. 15 000 Teilnehmer). Die
       Angaben belegen  sowohl bei  den verschiedenen  Aktionsformen wie
       bei der Teilnehmerzahl ein deutlich höheres Niveau seit 1980; das
       Jahr 1977  bildet wegen der umfangreichen Protestaktionen in Bre-
       men (Klöckner-Stahl, Werften, Zeitungen, VFW-Fokker) 3) eine Aus-
       nahme. Auch  die Zahl  der "betroffenen" Betriebe hat zugenommen,
       wobei teilweise  mehrere Aktionen  in einem  Betrieb stattfanden.
       Diese Welle  betrieblicher Abwehrkämpfe bildet den Boden, auf dem
       in den  letzten Jahren Aktionen in Form der Blockade oder der Be-
       setzung von Betrieben gewachsen sind.
       In solchen  "illegalen" Kampfformen kommt die gestiegene Militanz
       und Hartnäckigkeit  betrieblichen  Widerstands  konzentriert  zum
       Ausdruck. Eine  vermutlich unvollständige Erfassung dieser Aktio-
       nen (Besetzung  von Betrieben, Betriebsteilen oder Werkstoren) in
       den letzten  elf Jahren  (davor hat  es Vergleichbares in der BRD
       kaum gegeben)  3a) zeigt  eine deutliche  Zunahme seit 1980 (vgl.
       Tab. 2).
       
       Tabelle 2:
       Betriebsbesetzungen in der BRD 1972-1982
       
       Jahr   Betroffene 1)   Betriebe   Gesamtdauer (Tage)
       
       1982 2)    4818           12           84
       1981 3)    3670            6           19
       1980       1020            3           42
       1979        230            1            1
       1978        260            3            8
       1977        750            2            8
       1976       1500            1            4
       1975        790          . 2           55
       1974          -            -            -
       1973        380            1            4
       1972       3000            1            3
       _____
       1) Belegschaftszahl der Betriebe bzw. Abteilungen
       2) 1982 gab  es außerdem zwei Blockaden in Betrieben mit zusammen
       1500 Beschäftigten, Zeit gewaltsam gesprengt wurden.
       3) 1981 gab es sieben Blockaden bzw. Besetzungen in sechs Betrie-
       ben.
       Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF.
       
       Zwei dieser  Aktionen erfolgten  im Rahmen  von Lohn- bzw. Tarif-
       kämpfen: 1973  bei Mannesmann Duisburg-Huckingen und 1978 bei der
       Frankfurter Rundschau; die übrigen waren Kämpfe gegen die Stille-
       gung oder Verkleinerung von Betrieben bzw. Bewegungen um damit im
       Zusammenhang stehende Konfliktpunkte (z.B. Sozialpläne).
       Wenn sich  im politisch-sozialen Geschehen eine so deutliche Ver-
       änderung in Richtung auf bestimmte Kampfebenen und -formen zeigt,
       dann lohnt  dies den  Versuch, Ursachen, Triebkräfte und mögliche
       Konsequenzen zu beleuchten. Das soll im folgenden auf zwei Ebenen
       geschehen: Am  Beispiel von  vier Frankfurter Betrieben, in denen
       sich 1981/82 Bewegungen gegen Arbeitsplatzvernichtung bis hin zur
       Besetzung entwickelten, sollen Handlungsbedingungen und -möglich-
       keiten von Belegschaften untersucht werden. 4) Die Auswahl dieser
       Betriebe lag  nahe, weil hier das empirische Material für die Au-
       toren am leichtesten greifbar war und weil in der raschen zeitli-
       chen Abfolge  mehrerer Bewegungen  am gleichen  Ort  verschiedene
       Entwicklungslinien besonders  deutlich werden.  Des weiteren soll
       unter Einbeziehung  von Analysen anderer Bewegungen und vorhande-
       ner Forschungsergebnisse versucht werden, die ökonomisch-sozialen
       Rahmenbedingungen für  die Zunahme  betrieblicher Kämpfe  und die
       Bedeutung dieser Tendenz für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewe-
       gung zu analysieren.
       
       II. Rahmenbedingungen betrieblicher Abwehrkämpfe
       ------------------------------------------------
       
       Der erneute  Ausbruch einer zyklischen Krise 1980 vor dem Hinter-
       grund der seit 1974 angeschwollenen und im "Aufschwung" 1977-1979
       kaum nennenswert  abgebauten Massenarbeitslosigkeit ließ nur noch
       wenig Raum  für Illusionen  über ein baldiges Ende der Arbeitslo-
       sigkeit. 5)  Die Entwicklung  der letzten  Jahre machte zunehmend
       deutlich, daß  Betriebsstillegungen oft  als  Ergebnis  gezielter
       (auch internationaler) Konzernstrategien erfolgen und wirtschaft-
       lich gesunde  Produktionsstätten betreffen  können. Am  stärksten
       werden hiervon die un- und angelernten Arbeitskräfte, großenteils
       Ausländer, erfaßt.  Daraus dürfte  zu erklären  sein,  daß  diese
       Gruppe - darunter besonders Türken - bei vielen betrieblichen Be-
       setzungen eine zentrale Rolle spielten.
       Die Schließung  von Betrieben  bei verstopften Arbeitsmärkten be-
       droht aber zunehmend auch die Facharbeiter und qualifizierten An-
       gestellten. Allein  im Mai/Juni  1982 wurden  21 259 Facharbeiter
       und 17 069 Angestellte in gehobener Tätigkeit arbeitslos; das wa-
       ren zusammen  42,2 Prozent  aller Zugänge bei Arbeitslosen (1981:
       35,6 Prozent).  Zwar sind  die Chancen, wieder einen Arbeitsplatz
       zu finden,  bei höher  Qualifizierten größer,  doch gilt auch das
       nur für jüngere Jahrgänge. 6)
       Hier zeigt  sich, daß die Auswirkungen der Krise auf das Verhält-
       nis von  "Stamm-" und  "Rand-Belegschaften" zwiespältig sind: Zum
       einen werden  Interessengegensätze  und  Spaltungstendenzen  ver-
       tieft, weil  sich Arbeitsplatzabbau,  Sozialdemontage und Einkom-
       mensverluste vorrangig gegen die marginalisierten Gruppen der Ar-
       beiterklasse richten  und den  betrieblichen "Kern" relativ scho-
       nen. 7)  Diese Tendenz  herrscht weiterhin vor und bleibt gefähr-
       lich für  die Arbeiterbewegung.  Aber es  wirkt auch  die obenge-
       nannte Tendenz zur Angleichung der Arbeitsmarktlage verschiedener
       Beschäftigtengruppen auf  niedrigerem Niveau, und zwar dann, wenn
       die Bedrohung der Arbeitsplätze akut wird. Dadurch wird gemeinsa-
       mes Handeln  von An- und Ungelernten und Facharbeitern, von Rand-
       und Stammbelegschaften  möglich. Bei  einer Reihe von Betriebsbe-
       setzungen bildete diese Konstellation die Basis der Bewegung.
       Die Facharbeiter waren und sind das Rückgrat der Gewerkschaftsbe-
       wegung im  Betrieb. In  Standorten mit  kämpferischen Traditionen
       sind sie  im allgemeinen das stabilste Element für eine Orientie-
       rung an  den Klasseninteressen. Unter anderen ideologisch-politi-
       schen Bedingungen  können sie  aber auch  als soziale  Stütze in-
       tegra-tionistischer Politik  im Betrieb  wirken. Die  Gruppe  der
       qualifizierten älteren  deutschen (männlichen)  Facharbeiter  ge-
       nießt gegenüber anderen Beschäftigtengruppen verschiedene materi-
       elle und  soziale Privilegien,  hat relativ sichere Arbeitsplätze
       und ist in den Betriebsräten und Vertrauenskörpern meist überpro-
       portional vertreten.  Die Befriedungsstrategien  der  Unternehmer
       bei sozialen  Konflikten sind darauf gerichtet, diese Gruppen für
       sich zu  gewinnen und  damit Widerstand  zu erschweren. Das Gebot
       der Sozialauswahl bei Entlassungen, Altersdifferenzierung bei So-
       zialplänen usw. erleichtern dies.
       In den  letzten Jahren wurde die materielle Basis dieser Konstel-
       lation jedoch  teilweise brüchig.  Sprünge in der Entwicklung von
       Produktionstechnologien (z.B. Abschied von der Feinmechanik) ent-
       werten vielfach die Qualifikation auch dieser Arbeiter und machen
       sie für die Unternehmer entbehrlich. Außerdem führen die generell
       aggressivere Politik  der Unternehmer und verengte Finanzierungs-
       spielräume infolge der Krise dazu, daß teilweise bei den sozialen
       Befriedungsmitteln (Sozialpläne) gespart wird. In solch einer Si-
       tuation  wächst   auch  unter  den  qualifizierten  Facharbeitern
       (ähnliches gilt  abgeschwächt unter  den Angestellten) die Offen-
       heit gegenüber neuen Orientierungen in der Interessenvertretung -
       auch wenn dies keineswegs ein automatischer Prozeß ist.
       Die  lang  anhaltende  Massenarbeitslosigkeit  hat  traditionelle
       Durchsetzungsmittel der Gewerkschaften und auch von Belegschaften
       geschwächt. Insbesondere  sind die  Möglichkeiten, durch Arbeits-
       verweigerung  ökonomischen   Druck  auszuüben,   stark  gesunken.
       Dementsprechend nehmen  Willkürakte von  Unternehmern,  arrogante
       Unnachgiebigkeit und  auch offene  Mißachtung  von  Gesetzen  zu.
       Ebenso verhärtete  sich die Position der Unternehmer in Tarifrun-
       den (Tabu-Katalog).  8) Die  Auswirkungen  dieses  ausgeprägteren
       Konfrontationskurses  im  betrieblich-gewerkschaftlichen  Bereich
       sind unterschiedlich.
       Erfahrungen der  Arbeitskämpfe seit 1976  9) zeigten, daß Streiks
       in der Krise, wenn ein "ökonomisches Faustpfand" gegen die Unter-
       nehmer die Ausnahme ist, um so mehr greifen, je stärker sie poli-
       tisiert werden.  Zunehmend wurden  Formen der aktiven Öffentlich-
       keitsarbeit (Informationsstände, Demonstrationen, Unterschriften-
       sammlungen) entwickelt  und Solidarität  gesucht  (Kulturgruppen,
       Solidaritätsstreiks, Streiklokale als Kommunikationszentren). Bei
       den Kampfformen  wurde stärker  auf Warnstreikwellen,  wechselnde
       Schwerpunktstreiks u.ä. Gewicht gelegt.
       Die neuen  Kampfformen bedingten und bewirkten eine stärkere Ver-
       ankerung der  Gewerkschaft im Betrieb; das gilt vor allem für die
       IG Metall,  IG Druck  und Papier,  HBV und GHK. Die Tatsache, daß
       die Masse  der Betriebsbesetzungen im Organisationsbereich der IG
       Metall und  IG DruPa  stattfanden, hängt sicher auch damit zusam-
       men, daß  diese Gewerkschaften die meisten und härtesten Arbeits-
       kämpfe der letzten Jahre geführt und die intensivsten Erfahrungen
       mit neuen Kampfformen gewonnen haben.
       Trotz neuer  Kampfformen und  teilweise gestiegener Mobilisierung
       in den Betrieben sind aber die Durchsetzungsmöglichkeiten der Ge-
       werkschaften durch  die Wirkungen der Arbeitslosigkeit stark ein-
       geschränkt. Zum  Kampf gegen  die Vernichtung  von Arbeitsplätzen
       haben sich  die Gewerkschaften  andererseits noch  nicht auf  ein
       einheitliches Konzept einigen können. Die von den Spitzen des DGB
       und der  meisten Einzelgewerkschaften  bevorzugte  Strategie  der
       zentralen Gesprächsrunden mit Unternehmerverbänden und Regierung,
       der öffentlich  bekundeten "Sorge"  um den  sozialen Frieden, des
       Zurückweichens vor  Unternehmerdruck in  Tarifrunden und  bei der
       Sozialpolitik führte dazu, daß Forderungen "von unten" nach Kamp-
       faktionen nur  sehr zögernd  nachgegeben wurde, daß Arbeitskämpfe
       mit schlechten  Kompromissen beendet  wurden. Deshalb läuft - was
       die zentrale Ebene gewerkschaftlicher Politik angeht - die in den
       letzten Jahren  erreichte Mobilisierung und Handlungsbereitschaft
       oft ins Leere.
       
       Tabelle 3:
       Beteiligte an  Warnstreiks während  Tarifauseinandersetzungen  in
       der BRD 1977-1982 (in Tausend)
       
       Jahr   Beteiligte                  darunter
              insgesamt    Metall   Stahl     HBV     öff. Dienst
       
       1977     61           20,1     -       0,7         -
       1978     716         303,7   112,2     -           -
       1979      50           0,9     1,8    18,2        15,6
       1980     221         160,6     -       2,2        38,7
       1981    3009        2991,5     -       5,2         1,7
       1982     339         129,6   149,3     0,0         2,7
       _____
       Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF
       
       Die Arbeitskämpfe 1976-1979 und die Warnstreikbewegung in der Me-
       tallindustrie 1981  haben ebenso zu einer Veränderung des politi-
       schen Klimas in der Bundesrepublik beigetragen wie der Aufschwung
       der neuen  sozialen und der Friedensbewegung vor allem seit 1979.
       Das Bewußtsein von der Notwendigkeit und die Bereitschaft zur au-
       ßerparlamentarischen  kämpferischen   Interessenvertretung  haben
       breitere Kreise  der Bevölkerung erfaßt und vor allem in den jün-
       geren Generationen  der Arbeiterklasse  die Handlungsbereitschaft
       erhöht.
       Den Hintergrund dafür bilden soziale und kulturelle Veränderungen
       in der  Arbeiterklasse schon  seit den  sechziger Jahren, die die
       "Nachfrage"  nach  wirksamen  Methoden  der  Interessenvertretung
       steigerten und die Sensibilität für Ungerechtigkeiten und Willkür
       vertieften. 10)  Auch wenn  solche Haltungen  noch nicht die vor-
       herrschende Tendenz im Massenbewußtsein der Lohnabhängigen wider-
       spiegeln, schufen  sie doch  - zusammen mit konkreten Erfahrungen
       im Umgang  mit dem  Klassengegner (Aussperrung)  - einen gewissen
       Resonanzboden für  kämpferische Aktionsformen.  Nach wie vor, und
       verstärkt durch die Massenarbeitslosigkeit, ist die Stimmungslage
       in den  Betrieben jedoch äußerst labil. Die Tendenz, sich mangels
       gesehener Alternativen  dem Kapital zu unterwerfen, sich anzupas-
       sen und  den individuellen Ausweg zu suchen, ist sehr stark. Eine
       Widerspiegelung dessen  ist die  Zunahme  rechter  Orientierungen
       z.B. auch  im Wahlverhalten.  In nicht wenigen Betrieben herrscht
       aber auch  - teilweise  ist das  gleichzeitig der Fall - so etwas
       wie ein  Klima der  Wut über Zumutungen des Unternehmers und auch
       von Renitenz, das sich an kleinen Anlässen eskalieren kann.
       Wachsende Betroffenheit  und Resignation durch Krise und Arbeits-
       losigkeit einerseits und der Wille, sich "nicht alles gefallen zu
       lassen" andererseits,  das Fehlen einer zentralen gewerkschaftli-
       chen Widerstandsbewegung  als Orientierungspunkt  für solche  Be-
       dürfnisse und  gleichzeitig erlebte  oder erfahrene Beispiele be-
       trieblichen und  außerbetrieblichen Widerstands - das ist die Si-
       tuation, in  der betriebliche  Kampfaktionen zunehmen, obwohl die
       Gewerkschaftspolitik insgesamt vor dem Druck der Unternehmer eher
       zurückweicht. Nach  wie vor  allerdings ist  der betriebliche Ab-
       wehrkampf als  Reaktion auf  Entlassungen  und  Schließungen  die
       große Ausnahme.  Das zeigt  eine Übersicht  solcher Fälle  in den
       letzten Jahren (vgl. Tab. 4).
       
       Tabelle 4:
       Arbeitsplatzverluste durch  Insolvenzen und  Betriebsschließungen
       in der BRD 1970-1982
       
       
       Jahr       Insolvenzen 1)          stillgelegte Betriebe 2)
               Zahl      verlorene         Zahl      verlorene
                        Arbeitsplätze 3)             Arbeitsplätze 3)
       
       1970    2716          50             756          60,7
       1974    5976         186             882         104,9
       1975    6953         145             767          82,7
       1976    6808         157             518          60,3
       1977    6929         109             495          45,3
       1978    5949          85             464          45,2
       1979    5483          73             374          34,6
       1980    6315          66              .            .
       1981    8494         106              .            .
       1982   12300         160              .            .
       _____
       1) alle nichtlandwirtschaftlichen Betriebe
       2) nur Industrie  (1980 betrafen 43 Prozent aller Insolvenzen In-
       dustriebetriebe)
       3) in Tausend
       Quelle: DIW-Wochenbericht  45/1982, Westberlin,  S. 551 ff. Klaus
       Schliebe, Die  Standortwahl der  Betriebe in  der  Bundesrepublik
       Deutschland und  Berlin (West),  hrsg. vom  Bundesministerium für
       Arbeit und Sozialordnung, Bonn 1981, S. 11
       
       Wenn man  für die  Krise 1980-1982  eine ähnliche Entwicklung wie
       1974/75 annimmt, dann könnten 1982 zwischen 800 und 1000 Konzern-
       betriebe (eher  noch mehr,  denn die  Krise war  diesmal  tiefer)
       stillgelegt worden  sein. Dem  stehen Kampfaktionen in 97 Betrie-
       ben, darunter  zwölf Besetzungen, gegenüber. Die Frage steht des-
       halb, welche  spezifischen Bedingungen  in einigen  bedrohten Be-
       trieben zum  offenen Widerstand geführt haben bzw. führen können.
       Dies soll  im folgenden am Beispiel der vier Frankfurter Betriebe
       Adlerwerke, Vereinigte  Deutsche Metallwerke,  Rockwell-Golde und
       Demag-Pokorny ansatzweise zu beantworten versucht werden. 11)
       
       III. Kämpfe gegen Arbeitsplatzvernichtung in Frankfurt
       ------------------------------------------------------
       
       Der Ballungsraum  Frankfurt -  Darmstadt - Mainz - Wiesbaden galt
       bis Ende  der siebziger Jahre als eine Region mit relativ günsti-
       gen Arbeitsmarktbedingungen. Das änderte sich seit dem Krisenaus-
       bruch 1980 rasch. 1980-1982 ist die Zahl der Arbeitsplätze in der
       Industrie um  10 000 (7,2  Prozent) verkleinert  worden. Die Zahl
       der arbeitslosen Metallarbeiter hat sich zwischen August 1981 und
       Januar 1983  fast verdreifacht.  Weder  die  Industrie  noch  der
       Dienstleistungsbereich (wo  die Rationalisierungswelle gerade an-
       fängt) können  Arbeitskräfte, die durch Teil- oder Vollschließung
       von Betrieben arbeitslos werden, aufnehmen.
       Die Betriebe  Triumph/Adler (VW-Konzern,  2700 Beschäftigte)  und
       Vereinigte Deutsche Metallwerke (Metallgesellschaft-Konzern, 1600
       Beschäftigte) waren Frankfurter Traditionsbetriebe. Die Tatsache,
       daß fast  gleichzeitig -  im Juli/August  1981 -  für  beide  die
       Schließung angekündigt  wurde, wirkte  im öffentlichen Bewußtsein
       der Stadt  wie ein  Schock. Die Bewegung zur Rettung dieser Werke
       erlangte deshalb  ziemlich rasch  große öffentliche Resonanz. Die
       Betriebe Rockwell-Golde  (Rockwell-Konzern, 340 Beschäftigte) und
       Demag-Pokorny (Mannesmann-Konzern, 633 Beschäftigte) waren demge-
       genüber weniger  bekannt. Die  dortigen Kämpfe  hatten jedoch ein
       beachtliches Echo, weil sie an die Bewegungen und Erfahrungen bei
       Adler und VDM anknüpften. In allen vier Fällen ging es um die of-
       fen angekündigte  Schließung oder  um Massenentlassungen, die of-
       fensichtlich die Vorstufe zur Schließung bilden sollten.
       Bei Triumph/Adler  wurde die Möglichkeit zur Schließung Ende Juli
       1981 bekanntgegeben.  Mitte August  starteten IG  Metall und  die
       evangelische und  katholische Kirche  in  Frankfurt  eine  Unter-
       schriftensammlung zur  Rettung des  Adler- und  des VDM-Werks. Am
       20. August  organisierte die im Betriebsrat vertretene Ausländer-
       liste mit  200 Arbeitern  eine Blockade von Lastwagen. Am 21. Au-
       gust fand eine Demonstration der IG Metall statt, am 2. September
       wurde die  Schließung offiziell angekündigt. Daraufhin folgte ge-
       gen den  Willen des  Betriebsratsvorsitzenden und der IGM-Führung
       eine spontane  Demonstration. Der  anschließende Versuch  zur Be-
       triebsbesetzung scheiterte  am Widerstand  der freigestellten Be-
       triebsräte. Vom  3. bis  8. September  fanden verschiedene Prote-
       staktionen im Betrieb statt. Lokalpolitiker und Pfarrer engagier-
       ten sich im Konflikt stark. Am 8. September - einen Tag bevor die
       IG Metall zusammen mit den Frankfurter Kirchenleitungen eine Pro-
       testversammlung auf  dem Römerberg  mit 6000  Teilnehmern  durch-
       führte -  wurde die  sogenannte Tausender-Lösung  (Reduzierung in
       Frankfurt auf  1000 Beschäftigte,  Entlassungen in  Nürnberg  und
       Schwandorf) ausgearbeitet.  Der Betriebsrat  stimmte dem  am  11.
       September zu.
       Die Schließung  des VDM-Werks  wurde am  13. August 1981 indirekt
       angekündigt. Am  18. August  veranstaltete die  Belegschaft einen
       Schweigemarsch zur Konzernzentrale der Metallgesellschaft, am 31.
       August fand  eine Protestkundgebung  statt. Am 7. September wurde
       kurzzeitig die  Vorstandsetage besetzt.  Zwei Tage nach der Groß-
       kundgebung auf dem Römerberg - am 11. September - wurde eine Bür-
       gerinitiative für  die Erhaltung des Werks gegründet. Am 14. Sep-
       tember folgte  die erstmalige  Besetzung des  Tors; die IG Metall
       erzwang jedoch  den Abbruch  der Aktion. Am 21., 23. und 28. Sep-
       tember fanden  Demonstrationen und ein Warnstreik (23. September)
       statt. Am  17. Oktober stimmte der Betriebsrat Sozialplanverhand-
       lungen zu.  Unmittelbar auf das Bekanntwerden des niedrigen Ange-
       bots der  Geschäftsführung am 26. Oktober folgte eine erneute Be-
       setzung der  Tore (Forderung:  Sozialplan im Volumen wie bei Tri-
       umph/Adler). Der  Betriebsratsvorsitzende solidarisierte sich. In
       der Nacht  vom 1.  zum 2.  November wurde ein wesentlich besserer
       Sozialplan abgeschlossen und daraufhin die Torbesetzung beendet.
       Bei Rockwell-Golde  kündigte die Geschäftsleitung am 9. März 1982
       115 Entlassungen an. Der Betriebsrat lehnte Sozialplanverhandlun-
       gen ab. Am 18. März organisierte die IG Metall eine Informations-
       veranstaltung über  die Notwendigkeit  kämpferischen Widerstands.
       Bis Anfang  April fanden  Veranstaltungen von linken Gewerkschaf-
       tern, Kirchenvertretern und der VDM-Arbeitsloseninitiative statt.
       Am 16.  April informierte  der Betriebsrat über die harte Haltung
       der Geschäftsleitung; daraufhin wurde der Betrieb besetzt. Am 21.
       April nahm  die Geschäftsleitung alle Entlassungen zurück und er-
       klärte sich  bereit, die  Zeit der Besetzung zu bezahlen. Die Ak-
       tion wurde beendet.
       Der Produktionsauslagerung  bei Demag-Pokomy  hatten die  freige-
       stellten Betriebsräte  im Dezember 1981 insgeheim zugestimmt; bei
       den Sozialplanverhandlungen  zeigte sich die Geschäftsleitung un-
       nachgiebig. Am 5. Februar 1982 berichtete die Presse über 170 be-
       vorstehende Entlassungen. Am 5. April veranstaltete die IG Metall
       eine Podiumsdiskussion  für die Betroffenen; dem ging eine Demon-
       stration voraus. Am 16. April wurden zwei Dienstwagen von Mannes-
       mann-Vorständen aufgehalten. Am 22. April organisierte die IG Me-
       tall eine  weitere Versammlung mit vorheriger Demonstration; eine
       Betriebsbesetzung wurde  als legitimes  Notwehrrecht  bezeichnet.
       Die im  Stadtviertel tätige Bürgerinitiative "Bockenheimer Depot-
       verein" beschloß  die Unterstützung  der Belegschaft und sammelte
       Unterschriften. Am  29. April  wurden die Tore besetzt. Am 6. Mai
       begannen Verhandlungen  mit der  Geschäftsleitung, die am 10. Mai
       zu einem  schlechten Kompromiß führten (16 Arbeitsplätze vorüber-
       gehend gerettet). Die Belegschaft stimmte dem zu.
       So unterschiedlich  der Verlauf  der Kämpfe in den vier Betrieben
       war, so  unterschiedlich waren  auch die Ausgangsbedingungen. Die
       Belegschaft bei  Adler war sozial-ökonomisch in zwei Bereiche ge-
       spalten, was  sich auch  politisch niederschlug. Facharbeiter mit
       langjähriger  Betriebszugehörigkeit  sowie  Abteilungsleiter  und
       Meister, die sich aus dieser Gruppe rekrutierten, dominierten den
       Betriebsrat und  bestimmten dessen  sozialpartnerschaftliche  und
       antikommunistische Politik.  An den  Taktbändern arbeiteten meist
       Ausländer (80  Prozent). Im  Betriebsrat war eine (linke) Auslän-
       derliste vertreten, mit der die Mehrheit nicht zusammenarbeitete.
       Die "Obergruppe"  der Fach-  und Vorarbeiter hatte in der Vergan-
       genheit von  Rationalisierungsmaßnahmen profitiert (sozialer Auf-
       stieg im  Betrieb). Sie waren erst und nur solange zum Widerstand
       bereit, wie  der Betrieb  insgesamt gefährdet war. Als eine Teil-
       stillegung angeboten  wurde, akzeptierten  sie dies mehrheitlich,
       was durch  die faktische  Spaltung des  Betriebsrats  erleichtert
       wurde.
       Bei VDM  bestand die  Mehrzahl der  Arbeiter (Ausländeranteil  50
       Prozent) aus  An-und Ungelernten. Der Betriebsrat wurde von Ange-
       stellten und  deutschen Arbeitern  beherrscht; seine  Politik war
       sozialpartnerschaftlich, was  von der  Geschäftsleitung durch ge-
       zielte Vergünstigungen  für ältere  Beschäftigte gefördert wurde.
       Konflikte um  die Massenentlassungen  bis 1979 gab es nicht. Seit
       1975 hatte sich im Betriebsrat eine Minderheitsrichtung herausge-
       bildet, deren Vertreter in wesentlichen Fragen auf klassenautono-
       men Positionen  standen. Zur  offenen Konfrontation mit der Mehr-
       heit -  wie bei Adler - kam es nicht. Während der Torblockade so-
       lidarisierte sich die Mehrheitsrichtung mit den Besetzern.
       Bei Rockwell-Golde  waren in  der Produktion  fast ausschließlich
       angelernte Kräfte  - meist Türken - beschäftigt. Die Facharbeiter
       waren z.T.  in die technische Verwaltung aufgestiegen oder wurden
       in der  Fertigungssteuerung eingesetzt. Aktive Betriebsratsarbeit
       gab es  erst seit 1978. Im Betriebsrat sind mehrheitlich Deutsche
       vertreten, die  sich jedoch als Repräsentanten der (meist auslän-
       dischen) Arbeiter verstehen; die Angestellten blieben weithin auf
       Distanz zu  Gewerkschaft und Betriebsrat, auch während der Beset-
       zung. Die  Mehrheit der  Betriebsratsmitglieder war politisch und
       ideologisch relativ ungebunden.
       Demag-Pokorny beschäftigte eine große Zahl von Facharbeitern (160
       bei 32  An-und Ungelernten),  mehrheitlich jedoch  Angestellte in
       Verwaltung und Konstruktion. Diese Gruppe bildete vor dem Hinter-
       grund von  Erfahrungen mit  sozialpart-nerschaftlichen Zugeständ-
       nissen der Geschäftsführung einerseits und einer wenig entwickel-
       ten Kampftradition in der Frankfurter IG Metall andererseits eine
       Basis für die konfliktvermeidende Politik des Betriebsrats. Trotz
       Personalabbau hatte  sich in  der Vergangenheit  nämlich an ihrem
       Status wenig  geändert. Erst  als die  Verlagerung der Produktion
       weg von  Frankfurt erfolgen  sollte, 'wurde der Glaube an die Si-
       cherheit der  eigenen Perspektive bei den Facharbeitern zerstört;
       die Angestellten  erkannten, daß mittelfristig ihre Arbeitsplätze
       ebenfalls gefährdet  würden. Als  der Konflikt  eskalierte, griff
       der Betriebsrat den Druck seiner sozialen Basis auf und trieb ihn
       weiter.
       Insgesamt bieten  die vier  Betriebe in  bezug auf Beschäftigten-
       struktur und  Interessenvertretung kein  einheitliches Bild. Cha-
       rakteristisch ist aber, daß in keinem der Betriebe von vornherein
       dezidiert kämpferische  Belegschaften bzw. Betriebsräte vertreten
       waren - eher im Gegenteil. Erst die existentielle Bedrohung domi-
       nierender Teile  der Belegschaft  - der  sozialen Stützen der Be-
       triebsräte - führte zum Konflikt,, und dies schlug sich dann auch
       in der Politik der betrieblichen Interessenvertretung nieder.
       
       IV. Entfaltung von Widerstandspotential
       ---------------------------------------
       
       Aus der  Erkenntnis von  Bedrohung allein  ergibt sich noch nicht
       die Bereitschaft  zum Kampf.  Es ist auch möglich - und mehrheit-
       lich immer  noch der  Fall - daß die Betroffenen die Berechtigung
       ihres Besitzstandes  anzweifeln und  ihr Anspruchsniveau  senken.
       Aus der Bedrohung des Arbeitsplatzes kann nur dann der subjektive
       Anstoß zur  solidarischen Gegenwehr  entspringen, wenn  der Kampf
       als berechtigt und unabdingbar angesehen wird und objektive Hand-
       lungsmöglichkeiten zur  Durchsetzung dieses  Anspruchs  vorhanden
       sind.
       In Untersuchungen  zu Stillegungskonflikten  wird  hervorgehoben,
       daß die  Betroffenen die  Arbeitsplatzbedrohung  sehr  oft  nicht
       wahrhaben wollen bzw. sie verdrängen. 12) Die bewußte Wahrnehmung
       und Verarbeitung der Gefahr wird um so eher möglich, je realisti-
       scher alternative  (individuelle oder  kollektive)  Handlungsmög-
       lichkeiten gesehen  werden.  Die  aktuelle  Handlungsbereitschaft
       wird dabei  durch die objektiven Möglichkeiten bestimmt. 13) Ent-
       wicklung und Bewußtwerdung der eigenen kollektiven Stärke spielen
       eine große  Rolle. Gleichzeitig wirkt das gesellschaftliche Klima
       wesentlich ein. All dies wird durch die Kämpfe in Frankfurter Be-
       trieben bestätigt.
       Für die Stabilisierung des eigenen Anspruchsniveaus auf Erhaltung
       der Arbeitsplätze ist es entscheidend, daß die Sachzwang-Argumen-
       tation  der   Unternehmer  aufgebrochen   wird.  Vor   allem  das
       "Gesundschrumpfungs"-Argument stimmt  oft mit  den bisherigen Er-
       fahrungen der  deutschen Facharbeiter  vordergründig überein, wo-
       nach die  Kernbelegschaft selbst bei drastischen Personalreduzie-
       rungen kaum  berührt wird.  Das Triumph/Adler-Beispiel zeigt, daß
       sich das  Verhalten einer  Stammbelegschaft, die aufgrund solcher
       Erfahrungen überwiegend  sozialpartnerschaftlich orientiert  ist,
       schlagartig ändern  kann, wenn die Unternehmensführung diesen Zu-
       sammenhang zerreißt;  es zeigt aber auch, daß die tradierten Ver-
       haltens- und Bewußtseinsformen wieder zurückgeholt werden können,
       wenn Teilerfolge auf Kosten der Randbelegschaft durchgesetzt wer-
       den.
       Das Gesundschrumpfungsargument ist für die Kapitalseite ein Bünd-
       nisangebot an  integrierte Beschäftigtengruppen  zur Spaltung der
       Belegschaft. Gelingt  dies, dann werden dem Unternehmer nicht nur
       weitere Schritte  in Richtung auf Totalschließung erleichtert, es
       wächst  auch   die  Möglichkeit,   bei   den   Integrationskosten
       (Sozialpläne) zu sparen.
       Wenn der  Betriebsrat eine  derartige Lösung  anstrebt und offene
       Konflikte vermeiden will, hat er kein Interesse an der Mobilisie-
       rung der  benachteiligten Gruppen  für die  Erhaltung  ihrer  Ar-
       beitsplätze. Bei  Adler reagierten  einzelne Betriebsräte gereizt
       auf Einflußnahme  von außen, z. B. der Kirchen. Im Gegensatz dazu
       verweigerte sich  der Betriebsrat von Rockwell-Golde bewußt jeder
       Gesundschrumpfungs-Argumentation. Das  resultierte aus den Erfah-
       rungen mit  drei vorangegangenen  Sozialplänen, aber auch daraus,
       daß er die Produktionsarbeiter als Adressaten seiner Politik sah.
       Außerdem spielten  die Beispiele  von Adler  und VDM  sowie Argu-
       mente, die  von außen  in den  Betrieb getragen  wurden, 14) eine
       Rolle.
       Im Demag-Pokorny-Konflikt  wurde die  Argumentation der Unterneh-
       mensführung durch  einen Alternativplan  aufgebrochen. Er zeigte,
       daß eine  Vermittlung der  Erfordernisse des  technischen Wandels
       mit den  konkreten Beschäftigteninteressen möglich ist, daß folg-
       lich noch  andere Gesichtspunkte  hinter den Konzernplänen steck-
       ten. Der  Alternativplan spielte psychologisch eine entscheidende
       Rolle; erst  danach war eine Überwindung der Resignation und Ver-
       drängung möglich.  Auch bei Rockwell-Golde und VDM waren Alterna-
       tivpläne ein Instrument zur Vereinheitlichung der Handlungsorien-
       tierung verschiedener  Beschäftigtengruppen und zur Festigung der
       Überzeugung, daß ihre Forderungen berechtigt sind.
       Entscheidend für  den Beginn und vor allem für die Stabilisierung
       der betrieblichen Kämpfe war ein positives öffentliches Klima ge-
       genüber den  Aktionen. Das ist wohl vor allem deshalb so wichtig,
       weil Tor-  und Betriebsbesetzungen  juristisch "illegal" sind und
       die Hemmschwelle hierzu folglich hoch ist. Der staatliche Gewalt-
       apparat wurde nicht direkt eingesetzt. Das wohlwollende öffentli-
       che Klima  legalisierte die Besetzungsaktionen. In Fortschreibung
       bisheriger Erfahrungen  konnten die Torbesetzer bei Demag-Pokorny
       davon ausgehen, daß staatliche Repression ausbleiben würde.
       Wichtig für die Herstellung dieses Klimas war das Engagement ein-
       flußreicher gesellschaftlicher Institutionen wie Kirchen, Gewerk-
       schaften, etablierte  Parteien (die ihrerseits natürlich wiederum
       die Stimmung in ihrer Mitgliedschaft reflektierten); auch die CDU
       hat in  keinem Fall (wie übrigens auch bei Betriebsbesetzungen in
       anderen Orten)  die öffentliche  Distanzierung von kämpfenden Be-
       legschaften gewagt. Bei Adler hat der CDU-Oberbürgermeister Wall-
       mann sogar  öffentlich gegen  den VW-Mutterkonzern Position bezo-
       gen. 15) DGB, IG Metall und die Kirchen veranstalteten am 9. Sep-
       tember 1981  die schon  erwähnte Großkundgebung mit 6000 Teilneh-
       mern; die  Bediensteten des  öffentlichen Nahverkehrs  legten aus
       Solidarität kurz die Arbeit nieder. Für VDM und Demag-Pokorny en-
       gagierten sich  Bürgerinitiativen. Die  lokale Presse  berichtete
       über die  Ereignisse im  wesentlichen positiv  (lediglich die FAZ
       hielt auf Distanz).
       Organisatorische, ideologische und moralische Hilfestellung haben
       die Besetzer  aus unterschiedlichen  Bereichen  erhalten.  Hierzu
       zählt z.  B. der  "Frankfurter Metallerstammtisch", ein loser Zu-
       sammenschluß aktiver Betriebskader, die zur praktizierten Politik
       der IG Metall am Ort in einem sehr kritischen Verhältnis stehen,.
       Dieser Kreis, dem auch Mitglieder oppositioneller Betriebsratsli-
       sten angehören,  gibt die  Zeitschrift  "Frankfurter  Metallbote"
       heraus. Politisch-ideologisch  ist der  Kreis in der Nähe des So-
       zialistischen  Büros   angesiedelt,  mit  starken  Tendenzen  zum
       grünalternativen Spektrum.  Hier gab  es personelle Überlappungen
       mit der  Startbahn-West-Bewegung (die  im Herbst 1981 ihren Höhe-
       punkt erreichte). Das evangelische Amt für Industrie- und Sozial-
       arbeit unterstützte  vor allem  beim Rockwell-Golde-Konflikt  die
       aktionsorientierten Kräfte.  Die DKP  wirkte, wo  sie betrieblich
       verankert war,  über Betriebsgruppen  als vorwärtstreibendes Ele-
       ment, ihre  Mitglieder verteilten Flugblätter und Betriebszeitun-
       gen und  organisierten  materielle  Unterstützung  (Lebensmittel-
       versorgung, Kulturarbeit usw.).
       Im Lauf  der vier Konflikte wurden auch zunehmend IGM-Funktionäre
       bereit, initiierend und unterstützend mitzuwirken. Die Ereignisse
       haben eine  gewisse Umverteilung  der Gewichte innerhalb der IGM-
       Ortsverwaltung zugunsten autonom orientierter Funktionäre bewirkt
       bzw. deren  Spielraum zumindest  zeitweise vergrößert.  16)  Eine
       wichtige  Rolle   spielte  eine  bei  VDM  gegründete  Arbeitslo-
       seninitiative, die  enge Verbindungen  zu den  Kirchen, zur  IGM-
       Ortsverwaltung, aber  auch zum  "Frankfurter  Metallerstammtisch"
       unterhält. In diesem Umfeld bestehen auch Kontakte zu anderen Be-
       setzerbelegschaften (z.B. Videocolor-Komitee).
       All diese  Faktoren zusammen  - die subjektiv erkannte Betroffen-
       heit tragender  Teile der Belegschaften, das Aufbrechen der Sach-
       zwang-Argumentation und  das positive öffentliche Klima - schufen
       in der  konkreten Situation  die Voraussetzungen  dafür, daß  be-
       trieblicher Widerstand begonnen und durchgehalten werden konnte.
       
       V. Triebkräfte des offenen Konflikts
       ------------------------------------
       
       Erst wenn  objektive Handlungsmöglichkeiten mit subjektiver Hand-
       lungsfähigkeit zusammentreffen,  kann sich eine kämpferische Aus-
       einandersetzung entwickeln.  Die Schwierigkeiten  für eine Beleg-
       schaft, den  ersten entscheidenden  Schritt zur Betriebsbesetzung
       zu tun, sind sehr groß; es darf angenommen werden, daß viele Kon-
       flikte, die  möglich wären,  nicht stattfinden, weil dieser erste
       Schritt unterbleibt.
       In zwei  von drei Besetzungsaktionen in Frankfurt - VDM und Rock-
       well-Golde -  erfolgte der  Eintritt in den offenen Konflikt eher
       spontan, bei  Demag-Pokorny war die Besetzung kurzfristig geplant
       worden. In  den ersten beiden Fällen hat das Verhalten der Unter-
       nehmensleitung zum  Umschlag in den offenen Konflikt beigetragen.
       Auslösendes Moment  bei Rockwell-Golde war die Weigerung des Per-
       sonalchefs, die  durch einen  Stromausfall entfallene Arbeitszeit
       zu bezahlen. Dem war eine Informationsveranstaltung des Betriebs-
       rats vorausgegangen,  auf der  die geringe  Kompromißbereitschaft
       der Geschäftsleitung dargelegt wurde. Ohne die Ungeschicklichkeit
       des Geschäftsführers  in der  konkreten Situation wäre die Beset-
       zung zu  dieser Zeit  vermutlich nicht  erfolgt. Trotzdem wäre es
       falsch, den  Gesichtspunkt des taktischen Fehlers als Ursache für
       Betriebsbesetzungen zu  verallgemeinern. Das  zeigt der Fall VDM,
       wo "theoretisch"  der offene  Konflikt durch größere Flexibilität
       der Unternehmensleitung ebenfalls vermeidbar gewesen wäre:
       Der unmittelbare  Anlaß für die Aktion war hier die Erklärung ei-
       nes Vorstandsmitglieds,  daß nur etwa ein Viertel der Sozialplan-
       forderungen zugestanden  würde. Damit  wurden Erwartungen  vieler
       Älterer auf großzügige Abfindungen enttäuscht. Die Konzernführung
       hatte dies  bewußt in  Kauf genommen:  Das taktische Vorgehen war
       ausgereizt, der  Vorstand wollte  ein Exempel  statuieren. Welche
       konkreten Folgen  dieser Schritt im einzelnen haben würde, konnte
       er natürlich  nicht wissen.  Aber die  Eskalation war nicht Unge-
       schicklichkeit, sondern Absicht.
       Bei allen  drei Frankfurter  Besetzungen ging  die Initiative von
       einem "harten  Kern" aus, der sich in der Vorphase gebildet hatte
       und der gewissermaßen stellvertretend für die Belegschaft die er-
       sten konkreten Schritte tat. Es handelte sich um Belegschaftsmit-
       glieder, die eine autonome Klassenpolitik anstreben und die teil-
       weise in  den Betriebsräten vertreten waren, teilweise nicht. 17)
       Sie verfügten durchwegs über ein organisatorisches Hinterland au-
       ßerhalb des Betriebs. Der "harte Kern" spielte im Verlauf der Ak-
       tionen eine  notwendige Avantgarderolle,  die er jedoch nur wahr-
       nehmen konnte,  weil die Bereitschaft zum Kampf mehrheitlich vor-
       handen war. Er war die verdichtete und personifizierte Handlungs-
       bereitschaft der Belegschaft.
       Bei VDM  hatten die  treibenden Kräfte (die größtenteils nicht im
       Betriebsrat waren)  bereits am 14. September mit einer eintägigen
       Besetzung eine  "Generalprobe" geliefert. Im Gegensatz hierzu sa-
       hen sie sich bei Rockwell-Golde (im Betriebsrat) außerstande, of-
       fen zur  Besetzung aufzurufen. "Es mußte aus Erfahrungen buchsta-
       biert werden,  daß diese  Wut einen Anlaß zur Umsetzung in Aktion
       braucht, daß  man sehr  aufmerksam darauf zu achten hat, wann ein
       solcher Anlaß  da ist  und daß  ein harter  Kern, eine , Führung'
       dann sofort  zur Stelle ist. Es mußte auch diskutiert werden, daß
       ein solcher  Anlaß, wenn  ihn z.B. die Geschäftsleitung nicht von
       sich aus schafft, etwa durch Provokationen, Frechheiten und unge-
       rechtfertigte Handlungen, daß man solche Anlässe dann auch selbst
       schaffen kann.  Da hat  man als  Betriebsaktivist auch  schon mal
       über einen guten Einfall zu brüten." 18)
       Im Demag-Pokorny-Konflikt wurde die Torbesetzung offen gestartet.
       Der "harte  Kern" setzte  sich größtenteils aus Betriebsräten und
       Vertrauensleuten zusammen.  Sie schätzten  ein, daß  die Mehrheit
       der Belegschaft eine eingeleitete Aktion mittragen würde. Die Be-
       setzung begann  planmäßig um 5.00 Uhr morgens. Unmittelbar danach
       organisierten Helfer von außen, insbesondere der Bockenheimer De-
       potverein, Tische, Stühle, Essen usw.
       Für die  Stabilisierung der Besetzung, vor allem unmittelbar nach
       Eintritt in die Aktion, war in allen Fällen die Unterstützung von
       außen entscheidend. Die Anfangsphasen sind bei Besetzungen labil,
       weil  die   Mehrheit  der  Belegschaft  eine  abwartende  Haltung
       einnimmt. In  der ersten  Nacht (bei Rockwell-Golde war sogar ein
       Wochenende zu  überbrücken) ist  materielle und  moralische Hilfe
       unerläßlich.
       Die Abfolge  mehrerer Besetzungen  in Frankfurt zeigte, daß neben
       organisatorischer und moralischer Unterstützung auch die Vermitt-
       lung von  Erfahrungen wichtig  ist.  Der  Rockwell-Golde-Konflikt
       wäre kaum  ohne das  Beispiel VDM zustande gekommen: "Die vorläu-
       fige Zeitperspektive  war 22.00  Uhr (Freitag - Beginn der Beset-
       zung; d.  Verf.), das Ende der Spätschicht. Am Montag sollte wei-
       tergemacht werden.  Über diesen kritischen Zeitpunkt retteten die
       erfahrenen VDMer die Besetzung. Sie machten den Rockwellern klar,
       daß sie  das, was sie jetzt erreicht hatten, am Montag so schnell
       nicht wieder  hinkriegen würden. Es mußten Fakten geschaffen wer-
       den. Die Streikaktion mußte nun auch äußerlich zur Besetzung wer-
       den, dazu  brauchte es Symbole, Handlungen. Also: Die dem Werk am
       nächsten Wohnenden  mußten heim,  Gitarren, Musikinstrumente  und
       Geräte, Teekocher tauchten auf. Gegen 22.00 Uhr begann die türki-
       sche Musik  und der  Tanz. Sie hörten bis mittwochfrüh nicht mehr
       auf." 19)
       In gewisser  Weise ist es in Frankfurt 1981/82 zu einer ähnlichen
       Entwicklung gekommen  wie 1969 bei den Septemberstreiks: "Für die
       Überwindung resignativer  Haltungen ist  das praktische  Beispiel
       erfolgreich kämpfender Belegschaften anderer Betriebe wichtig; es
       kann als Stütze dienen, um vorübergehend die noch fehlende Erfah-
       rung zu ersetzen. " 20)
       Im Verlauf  der Aktionen  erwies sich  Solidarität  in  Form  von
       Schreiben, Reden,  Spenden, Besuchen  vorm Tor  usw.  als  ebenso
       wichtig wie  die Resonanz  in den  Medien  und  das  "öffentliche
       Klima" (Reaktion  von Verwandten und Freunden, Haltung von Insti-
       tutionen usw.).  Das zeigten  Gespräche mit  Teilnehmern an allen
       Besetzungen. 21)
       Gerade in  diesem Bereich  zeigten sich  allerdings in  Frankfurt
       Schwächen, die generell für die betrieblichen Abwehrkämpfe in der
       Bundesrepublik heute gelten: Eine Verallgemeinerung über den ein-
       zelnen Betrieb hinaus gab es nicht. Die Besetzerbelegschaften er-
       hielten aus anderen Frankfurter Betrieben allenfalls einzelne So-
       lidaritätsadressen von  Vertrauenskörpern oder von einzelnen Ver-
       trauensleuten und Betriebsräten. Auch im Fall VDM - der Besetzung
       im größten  Betrieb und  mit der  meisten öffentlichen Resonanz -
       ist der  Funke weder  auf die Belegschaft der Metallgesellschaft-
       Zentralverwaltung noch  auf andere  Betriebe des  MG-Konzerns  in
       Frankfurt (z.B.  Lurgi) übergesprungen. Dem liegen z.T. Mängel in
       der Politik  der IG  Metall und von klassenorientierten Betriebs-
       funktionären zugrunde  (bei der  Großkundgebung am  9.  September
       1981 auf  dem Römerberg deuteten sich Möglichkeiten an). Dahinter
       steckt jedoch  das allgemeine Problem, daß Resignation und Anpas-
       sung augenblicklich  die in  den Betrieben vorherrschende Tendenz
       als Reaktion auf die Krise sind.
       In ähnlicher  Form stellte sich die Situation bei fast allen bis-
       herigen Betriebsbesetzungen  und auch  anderen betrieblichen  Ab-
       wehrkämpfen in  der Bundesrepublik  dar. Dadurch  werden die  Er-
       folgsmöglichkeiten eingeschränkt. Gegenwärtig kommen solche Bewe-
       gungen meist erst dann zustande, wenn Massenentlassungen oder die
       Schließung des  Betriebs angekündigt worden sind. Zu diesem Zeit-
       punkt sind  bereits ökonomische Fakten geschaffen, die den Wider-
       stand erschweren. Von den drei Frankfurter Besetzungsaktionen war
       nur die bei Rockwell/Golde erfolgreich im Sinne der Sicherung der
       Arbeitsplätze. Ein  entscheidender Faktor  dafür  dürfte  gewesen
       sein, daß hier die Belegschaft im Lauf des Konflikts ein ökonomi-
       sches Faustpfand gewann und einzusetzen verstand, mit dem sie die
       Gegenseite unter  Druck setzen konnte: Abnehmerfirmen der Automo-
       bilindustrie drohten mit hohen Konventionalstrafen, falls die Zu-
       lieferungen weiterhin  ausblieben. Ist solch ein wirtschaftliches
       Druckmittel nicht  vorhanden, dann  kann der Unternehmer bzw. der
       Konzern nur politisch unter Druck gesetzt werden.
       Der Ablauf  der näher  bekannten Betriebsbesetzungen in Frankfurt
       und anderswo  zeigt, daß Bewußtseinslagen zu Beginn des Konflikts
       (die Empörung  über die  Ungerechtigkeit, Uneinsichtigkeit  einer
       Maßnahme) sehr  rasch vertieft und politisch verallgemeinert wer-
       den können:  Fast regelmäßig  wird z.B.  versucht, regionale  und
       überregionale Politiker  für die eigene Sache zu gewinnen und un-
       ter Druck  zu setzen.  Auch Forderungen  nach Staatsbürgschaften,
       staatlichen Aufträgen usw. gehören dazu. Allerdings ist dies eine
       zwiespältige Orientierung,  denn sie  erlaubt es  den etablierten
       politischen Kräften  oft, sich  durch verbale Kraftakte zu profi-
       lieren und  eventuelle Erfolge  der Belegschaften als eigene Ver-
       dienste auszugeben.  So konnte  die CDU  in Frankfurt aus dem ge-
       schickten Taktieren  ihres OB Wallmann politisches Kapital schla-
       gen. Nur  wenn Forderungen an Politiker aus starken betrieblichen
       Kämpfen heraus  gestellt und  nicht delegiert  werden, können sie
       weitertreibend wirken.
       Häufig gerät  die Strategie  des Mutterkonzerns und zunehmend die
       Politik der  Großbanken ins  Zentrum der  Kritik. Damit  wird die
       Problematik von der betriebswirtschaftlichen Ebene ("unfähige Ma-
       nager") gelöst, politisch verallgemeinert und auf die Hauptschul-
       digen an der Massenarbeitslosigkeit gerichtet.
       Teilweise bilden  sich zur Unterstützung kämpfender Belegschaften
       Bürgerinitiativen oder es organisieren bestehende Initiativen So-
       lidarität. Damit  wird der Konflikt über den Betrieb hinausgetra-
       gen und  zum Gegenstand  örtlicher politischer Auseinandersetzung
       gemacht. Charakteristisch  ist auch  das  Engagement  kirchlicher
       Vertreter in  vielen solcher  Konflikte. Sie prägen oft erheblich
       das positive  öffentliche  Klima  gegenüber  Betriebsbesetzungen.
       Auch wenn  deren Engagement  meist ehrlich  ist, so  besteht hier
       doch die  Gefahr,  daß  die  Kirchen  sich  als  "Interessenorga-
       nisation" der  Lohnabhängigen profilieren  und  gewerkschaftliche
       Bindungen lockern.  Das gilt  allerdings  nur,  wenn  die  Unter-
       stützung der  Gewerkschaft  für  die  kämpfenden  Kollegen  unzu-
       reichend ist.  In Frankfurt konnten die Kirchen nur bei Adler und
       VDM größeren  Einfluß nehmen,  weil die  IGM-Ortsverwaltung  hier
       noch sehr zurückhaltend taktierte (teilweise sogar bewußt die In-
       itiative delegierte).  Bei Demag-Pokorny,  wo  dies  anders  war,
       spielten die Kirchen keine nennenswerte Rolle.
       In mehreren  Fällen wurden Forderungen nach Verstaatlichung erho-
       ben. Diese  Position entwickelt sich direkt aus der Kritik an der
       Konzernpolitik: Wenn die Muttergesellschaft nicht bereit ist, die
       Arbeitsplätze zu  retten, obwohl  dies möglich wäre, dann muß ihr
       das Verfügungsrecht  entzogen bzw.  sie selbst staatlich kontrol-
       liert werden (so bei VDM, im AEG-Bereich u.a.).
       Eine wachsende  Rolle scheint  die Entwicklung  alternativer Kon-
       zepte zu  spielen. Das  betrifft die Ausarbeitung von Alternativ-
       plänen zur  Rettung des Betriebs und geht bis hin zu Arbeitskrei-
       sen für alternative Produktionsprogramme; teilweise überschneiden
       sich beide.  Mit solchen  Vorschlägen sind die Argumente von Kon-
       zernführungen für  die Schließung von Betrieben zu widerlegen und
       die Planungen  als Ausfluß globaler Profitstrategien zu beweisen.
       Dies ist wichtig, um in den Augen der Kollegen den eigenen Wider-
       stand als  gerechtfertigt zu belegen und in der öffentlichen Dis-
       kussion den  Konzern in  die Defensive  zu drängen. Vor allem für
       Belegschaften ohne  technisch-wissenschaftliche Abteilungen  sind
       solche Alternativkonzepte  allerdings meist nur mit Hilfe von au-
       ßen -  durch Gewerkschaften, gewerkschaftlich orientierte Wissen-
       schaftler usw.  - zu  erarbeiten. Hier ergeben sich Kontaktpunkte
       zu anderen  sozialen Bewegungen, weil solche "Experten von außen"
       oft in anderen politischen Zusammenhängen aktiv sind.
       In Frankfurt  und auch  bei  anderen  Betriebsbesetzungen  zeigte
       sich, daß  die Dynamik  des Konflikts  Möglichkeiten zur  raschen
       Entwicklung von  Klassenbewußtsein bietet. Teilweise ist eine Ra-
       dikalisierung bei  den Forderungen  festzustellen. So war bei VDM
       die Ausgangslosung  das Verlangen nach einem besseren Sozialplan;
       im Zuge  der Besetzung  setzte sich  die Forderung nach Erhaltung
       des Werks  zunehmend durch,  was ein  Grund für das Nachgeben der
       Geschäftsleitung war.
       Neue Erfahrungen  im Kampf  können sozialpartnerschaftliche Denk-
       strukturen aufbrechen  und tradierte  Verhaltensweisen  umkehren.
       Selbst bislang fest auf Sozialpartnerschaft orientierte Betriebs-
       und Gewerkschaftsfunktionäre  können sich an die Spitze von Bewe-
       gungen stellen  und diese  weitertreiben. Das war ansatzweise bei
       VDM der  Fall, und das zeigte sich besonders bei den Auseinander-
       setzungen um  den Erhalt  der Betriebe Olympia Leer und Enka Kas-
       sel.
       Mit der  Zuspitzung des  Konflikts erweisen sich für viele Betei-
       ligte bisher verbreitete Orientierungen und "Weltbilder" als brü-
       chig; es  entsteht ein  "ideologisches Vakuum"  und es  wächst in
       dieser Phase auch die Offenheit gegenüber linken Positionen. Eine
       solche Aufgeschlossenheit gegenüber fortschrittlichen Argumenten,
       auch von  Kommunisten, die Bereitschaft, über antikapitalistische
       Alternativen und  selbst über den realen Sozialismus zu diskutie-
       ren, kennzeichnen diese Situation (ähnliches gilt regelmäßig auch
       in zugespitzten  Arbeitskampfphasen). Solche Möglichkeiten kommen
       aber nur  zum Tragen,  wenn die  entsprechenden Tendenzen ideolo-
       gisch abgestützt  werden, d.h. wenn entsprechende "Angebote" vor-
       liegen. 22) Auch deshalb ist die solidarische Unterstützung kämp-
       fender  Belegschaften  durch  sozialistische  Organisationen  und
       klassenbewußte Gewerkschaftskollegen  wichtig. Bleibt  die Beleg-
       schaft auf  sich allein  gestellt, dann  ist im  Ergebnis solcher
       Konflikte eher  eine Verfestigung tradierter Einstellungen zu er-
       warten (z.  B. Interessenkampf gegen "konkurrierende" Belegschaf-
       ten, gegen Ausländer usw.).
       Von den  28 Betrieben,  die seit  1975 aus Protest gegen Arbeits-
       platzvernichtung besetzt  worden sind,  hat es nur in zwei Fällen
       echte Erfolge gegeben: 1976 bei VFW-Fokker in Speyer und 1982 bei
       Rockwell-Golde in  Frankfurt. Einen  Teilerfolg gab es bei Schön-
       rock in  Hamburg. In  allen anderen Fällen konnte die Vernichtung
       von Arbeitsplätzen  nicht oder  kaum verhindert werden; teilweise
       wurden bessere Sozialpläne durchgesetzt.
       Diese relative Erfolglosigkeit hängt mit dem defensiven Charakter
       solcher Kämpfe  (im Grunde handelt es sich um Notwehr-Reaktionen)
       und mit  der mangelnden Verallgemeinerung über den Betrieb hinaus
       zusammen. Sie  stellt ein  psychologisches Hemmnis für den Beginn
       von Aktionen dar. Trotzdem wäre es falsch, daraus auf die Sinnlo-
       sigkeit betrieblicher Abwehrkämpfe zu schließen.
       In allen  Fällen von  Betriebsbesetzungen war  das  Ergebnis  ein
       stark gestiegenes Selbstbewußtsein und Zusammengehörigkeitsgefühl
       bei den Beteiligten. Bei Rockwell-Golde - wo der Betrieb erhalten
       wurde -  schlug sich das in einer Linksorientierung bei den nach-
       folgenden Vertrauensleutewahlen  nieder. Aber  auch wenn  der Be-
       trieb geschlossen  wird, muß die Folge nicht Resignation oder Un-
       glaube in  die eigene  Kraft sein;  das Bewußtsein, "es denen ge-
       zeigt zu  haben", kann auch bei künftigen Konfliktsituationen die
       Einsicht in  die Notwendigkeit und Möglichkeit solidarischen Han-
       delns schaffen.  Es ist eine wichtige Aufgabe der Gewerkschaften,
       gewonnene Erfahrungen  so zu  interpretieren und  zu verallgemei-
       nern, um  klarzumachen, daß "es allemal besser (ist), ohne Erfolg
       zu kämpfen, als ohne Kampf beiseite geschoben zu werden". 23)
       Betriebliche Abwehrkämpfe  sind auch  politisch wichtig: erstens,
       um Erfahrungen  mit solchen  neuen Kampfformen  zu gewinnen,  und
       zweitens, um  ein allgemeines  Klima des  Protests gegen Arbeits-
       platzvernichtung zu  erzeugen,  damit  Arbeitsplatzverlust  nicht
       mehr als  schicksalhafte Bedrohung, sondern als Ergebnis bewußten
       Handelns von Konzernen und Regierung begriffen wird. Aus all die-
       sen Gründen  ist es unerläßlich, daß der betriebliche Kampf gegen
       Arbeitsplatzvernichtung von  den Gewerkschaften als ein zentrales
       Feld ihrer Politik gewertet und entsprechend entwickelt wird.
       
       VI. Betriebliche Kämpfe und gewerkschaftliche Politik
       -----------------------------------------------------
       
       Für die  Stabilisierung und Weiterentwicklung betrieblicher Bewe-
       gungen ist  das Beispiel anderer Belegschaften - vermittelt durch
       persönliches Auftreten,  Filme usw.  - wichtig.  Bedürfnisse nach
       Querverbindungen, Erfahrungsaustausch  u. ä.  werden von  den Ge-
       werkschaften bisher  nicht befriedigt;  auch nicht von der IG Me-
       tall, in  deren Organisationsbereich sich die Masse der Betriebs-
       besetzungen und -blockaden abspielte.
       Politisch-organisatorischer Bedarf,  der von  den  Gewerkschaften
       nicht gedeckt wird, sucht sich anderweitig Kompensation. Seit ei-
       niger Zeit entstehen auch außerhalb institutionalisierter gewerk-
       schaftlicher Organisationsgliederungen  und  -stränge  Strukturen
       mit übergreifenden  Kontakten, die die vorhandene Lücke zu füllen
       bemüht sind.  Auf lokaler, regionaler und neuerdings auch bundes-
       weiter Ebene  finden Treffen statt, an denen Vertreter von Beset-
       zerbelegschaften, Gewerkschafter  aus anderen  Bereichen, Wissen-
       schaftler usw.  teilnehmen und  die der Verallgemeinerung und Um-
       setzung von  Erfahrungen dienen.  Der "Frankfurter Metallerstamm-
       tisch", der bei den dortigen Betriebsbesetzungen - u.a. Rockwell-
       Golde -  eine beachtliche Rolle spielte, ist ein Beispiel. Träger
       solcher  "Vernetzung"  sind  organisatorisch  meist  "linkssozia-
       listische" Gruppierungen  24) wie  das Sozialistische  Büro,  die
       Gruppe Arbeiterpolitik,  die Gruppe  "Revier", der Kommunistische
       Bund, teilweise  auch trotzkistische  Gruppen u.a.  Die  Resonanz
       reicht jedoch  weit über diese organisatorischen Kerne hinaus und
       erfaßt Belegschaftsmitglieder  aus Betrieben  und Gewerkschaften,
       die oft  zu den  aktivsten  Kräften  in  Abwehrkämpfen  gehörten.
       Häufig sind  Mitglieder  linksoppositioneller  Betriebsratslisten
       Träger solcher überörtlichen Kontakte. 25)
       Ob sich  in diesem  Bereich eine dauerhafte Struktur bilden wird,
       ist noch  nicht absehbar. Zweifellos besteht die Gefahr der poli-
       tisch-organisatorischen Verselbständigung,  und zwar  dann,  wenn
       als vorrangiges  Ziel nicht mehr die Einflußnahme auf die Politik
       der Gewerkschaft  durch Teilnahme  an der  inneren Willensbildung
       gesehen wird,  sondern  die  stellvertretende  Übernahme  gewerk-
       schaftlicher Aufgaben  und die Entwicklung der eigenen Politik an
       der Gewerkschaft  vorbei. Die Perspektive wird auch von der künf-
       tigen Politik der Gewerkschaften selbst, vor allem der IG Metall,
       abhängen. Dabei werden die politischen Gewichte innerhalb der or-
       ganisierten Arbeiterbewegung, vor allem auch der Einfluß der DKP,
       eine wichtige  Rolle spielen.  Von Bedeutung  ist die Entwicklung
       des Alternativspektrums  bzw. der Partei der Grünen, auf die sich
       - trotz  z.T. großer  Distanz zu deren konkreter Praxis - ein er-
       heblicher Teil  der hier  Aktiven oder Interessierten orientiert.
       Teilweise besteht auch Offenheit gegenüber der SPD.
       Die Zunahme von betrieblichen Abwehrkämpfen und Betriebsbesetzun-
       gen folgt  nicht den vorherrschenden Tendenzen der Gewerkschafts-
       politik seit  Ende der siebziger Jahre, die im wesentlichen durch
       Konfliktvermeidung  und   Nachgeben  gegenüber  unternehmerischem
       Druck gekennzeichnet  ist. Obwohl die Erfahrungen gewerkschaftli-
       cher Kämpfe  eine wesentliche Voraussetzung sind, handelt es sich
       bei den  Betriebskämpfen um  eine Sonderentwicklung neben der ge-
       werkschaftlichen Tarifbewegung.  Aber solche Bewegungen müssen in
       ihren Wirkungsmöglichkeiten geschwächt bleiben, solange sie nicht
       fest mit  der gewerkschaftlichen  Organisation verbunden sind und
       von dieser  unterstützt werden.  Umgekehrt zeigen die Erfahrungen
       der letzten Jahre, daß ohne eine noch viel stärkere Mobilisierung
       der Belegschaften im gesamten Organisationsbereich kein wichtiges
       gewerkschaftspolitisches Ziel  mehr erreichbar  ist. Insbesondere
       wird der  Kampf gegen  die Massenarbeitslosigkeit  nicht ohne die
       Unterstützung betrieblicher Abwehrkämpfe durch die Gewerkschaften
       erfolgreich sein  - bei  aller juristischen Problematik, die sich
       dabei für  die Organisation  stellt. So  ist  beispielsweise  die
       Frage der  finanziellen Unterstützung  von Betriebsbesetzern wäh-
       rend der tariflichen Friedenspflicht ein Problem, um das sich die
       Gewerkschaften nicht herumdrücken dürfen.
       Einzelne Beispiele  hierfür gibt  es schon.  So leistete  die  IG
       Druck und  Papier im  Juni 1977 den streikenden Beschäftigten von
       "Weser-Kurier" und  "Bremer Nachrichten"  Solidarität nach  dem §
       14/3f der  Satzung (Unterstützung  in besonderen Fällen). Die Be-
       legschaft von Videocolor in Ulm erhielt im Januar 1982 Unterstüt-
       zung aus  einem von  der Arbeiterwohlfahrt  verwalteten  Spenden-
       fonds, in  den u.a.  die IGM-Ortsverwaltung und der Bezirk Stutt-
       gart zahlten.  In die  Richtung solcher  unabhängiger Fonds gehen
       auch verschiedene Vorschläge für eine bundesweite Regelung. Trotz
       der komplizierten  Probleme gilt wohl der Grundsatz, daß eine ju-
       ristisch mögliche  Form gefunden werden kann, wenn dies politisch
       gewollt wird.
       Im Zuge  der konkreten Auseinandersetzungen um Betriebsstillegun-
       gen kann sich die Haltung örtlicher Gewerkschaftsfunktionäre wan-
       deln. Die Angst vor "radikalen Elementen", wenig kontrollier- und
       kalkulierbaren Bewegungen  von unten, Befürchtungen über eine Ge-
       fährdung des Apparats bei Unterstützung "illegaler" Aktionen usw.
       führen nicht  selten zunächst zur Distanz zwischen kämpfenden Be-
       legschaften und  örtlicher Gewerkschaftsgliederung,  zu  Behinde-
       rungs- und  Abwiegelungsversuchen. Bei solchen Konflikten ist die
       Konfrontationsebene zunächst immer der Betrieb und gewerkschafts-
       politisch die  lokale Organisation.  Häufig wird - etwa in der IG
       Metall -  die Ortsverwaltung  von Funktionären  aus den führenden
       Betrieben faktisch beherrscht; Betrieben, in denen oft günstigere
       Arbeitsbedingungen bestehen und deren Betriebsräte sozialpartner-
       schaftliche "Erbhöfe" sind. Auch sind die verantwortlichen Sekre-
       täre der  Gewerkschaft oft  in verschiedene gesellschaftliche und
       politische Gremien  delegiert, was  bei sozialpartnerschaftlicher
       Orientierung und fehlendem Druck aus betrieblichen Bewegungen die
       Einbindung  in   die  bestehenden   Herrschaftsverhältnisse  noch
       stärkt. 26)
       Daß solche  Strukturen nicht  zwangsläufig sind,  zeigen einzelne
       Beispiele einer umgekehrten Entwicklung: Veränderungen in der ge-
       werkschaftspolitischen Orientierung,  die sich aus konkreten Aus-
       einandersetzungen mit  dem Kapital  ergeben (z.  B. Opel Rüssels-
       heim). Unter  den konkreten  Verhältnissen in  der Bundesrepublik
       bleiben solche  Fälle bisher  aber die Ausnahme. Das bedeutet ein
       Hemmnis für betriebliche Bewegungen so lange, wie nicht einer der
       Zentralbetriebe selbst  bedroht ist  oder betriebliche Bewegungen
       selbst eine  Veränderung der politischen Situation bewirken. Sol-
       che strukturellen  Schwächen der  gewerkschaftlichen Organisation
       können in  zentralen Kampagnen  durch Anstrengungen des Vorstands
       teilweise ausgeglichen  werden; bei lokalen Konflikten werden sie
       sehr rasch deutlich.
       Darüber hinaus  ist aber auch die Politik des IG Metall-Vorstands
       gegenüber betrieblichen  Abwehrkämpfen noch sehr zögernd. Die ge-
       werkschaftlichen Mandatsträger in den Mitbestimmungsgremien nutz-
       ten in  keinem Fall ihre Funktion, um öffentlich für die kämpfen-
       den Kollegen zu mobilisieren. Eugen Loderer ist stellvertretender
       Aufsichtsratsvorsitzender bei  VW, dem Mutterkonzern von Triumph/
       Adler, und Aufsichtsrat bei Mannesmann, dem Mutterkonzern von De-
       mag-Pokorny. Seine  Bemühungen beschränkten  sich jedoch auf Ver-
       handlungen hinter  verschlossenen Türen,  und auch  das erst, als
       der Konflikt jeweils schon ausgebrochen war.
       Dabei wäre  gerade die  vorbereitende Unterstützung betrieblicher
       Aktionen durch  frühzeitige Information  über Konzernpläne,  Aus-
       tausch von  Erfahrungen usw.  die Aufgabe  der gewerkschaftlichen
       Organisation. Wenn sich Belegschaften gegen beabsichtigte Schlie-
       ßungen zur  Wehr setzen,  dann ist  es eigentlich  fast schon  zu
       spät. Nicht  selten ist  der Betrieb  dann auch schon herunterge-
       wirtschaftet. Notwendig  wäre eine vorbereitende Mobilisierung in
       Branchen oder Konzernen, die besonders gefährdet sind. Aber weder
       auf dem Höhepunkt der Krise im AEG-Konzern noch in der Stahlindu-
       strie oder  bei den  Werften - wo zehntausende Arbeitsplätze kon-
       kret bedroht sind - war der Vorstand der IG Metall bisher bereit,
       bundesweite Funktionärskonferenzen  zur Beratung von Widerstands-
       möglichkeiten einzuberufen  - obwohl  der Ruf  hiernach sehr laut
       ist. Lediglich  eine Betriebsrätekonferenz für die Stahlindustrie
       kam zustande  und ist  für August  1983 bei  den Werften geplant.
       Ebensowenig gibt es bisher zentrale Versuche, Erfahrungen aus Be-
       triebsbesetzungen aufzuarbeiten  und z.  B. in der Bildungsarbeit
       zu vermitteln.  (Zum IGM-Gewerk-schaftstag im Oktober 1983 werden
       hierzu allerdings einige Anträge vorliegen.)
       Die Scheu  vieler Funktionäre  vor horizontalen Kommunikationsli-
       nien -  quer zu  den innergewerkschaftlichen Willensbildungs- und
       Kontrollsträngen -  scheint indessen nur dazu zu führen, daß sich
       auch hier  neue Strukturen bilden. Ein Beispiel ist die norddeut-
       sche Werftenkonferenz  vom Mai 1983 in Hamburg, an der betriebli-
       che und gewerkschaftliche Funktionäre aus allen bedrohten Werften
       teilnahmen; eine  Veranstaltung, die  in die Zuständigkeit der IG
       Metall gefallen  wäre, die  jedoch von  den Betroffenen selbst in
       Zusammenarbeit mit  Wissenschaftlern der  "Memorandum"-Gruppe or-
       ganisiert werden mußte.
       In der IG Druck und Papier hat es bereits 1976/77 - in Auswertung
       des Arbeitskampfs  1976 -  vor allem  im hessischen  Landesbezirk
       Diskussionen gegeben,  unter Bezug  auf die  hessische Verfassung
       (die die Aussperrung verbietet) bei zukünftigen Aussperrungen die
       Arbeitsplätze besetzt  zu halten. Das mündete in eine vom Gewerk-
       schaftstag 1977  verabschiedete Entschließung, in der zur Vertei-
       digung gegen Aussperrungen das Mittel der Betriebsbesetzung anvi-
       siert wurde.  Die Besetzung  der Frankfurter Rundschau 1978 steht
       in diesem  Zusammenhang. Diskussionen über eine Mobilisierung der
       betrieblichen Basis  zur Verteidigung  von Arbeitsplätzen sind in
       dieser Gewerkschaft in den letzten Monaten intensiviert worden.
       In der IG Chemie-Papier-Keramik, in deren Organisationsbereich es
       die  beiden  hartnäckigsten  betrieblichen  Widerstandsbewegungen
       (Seibel Erwitte  und Enka  Kassel) gegeben  hat, finden kämpfende
       Belegschaften u.U.  organisatorische und  auch politische  Unter-
       stützung durch  die örtliche  Gewerkschaft, kaum jedoch durch den
       Hauptvorstand, was  bei dessen  extrem  sozialpartnerschaftlichem
       Kurs auch  nicht verwundert.  27) Versuche,  betrieblichen Wider-
       stand als Kampfform zu verallgemeinern, Erfahrungen aufzuarbeiten
       und zu vermitteln, sind hier nicht bekannt.
       Die Warnstreikbewegung  1981 in  der Metallindustrie hat gezeigt,
       wie schlagkräftig  Belegschaften auch  zentral mobilisiert werden
       können. 1983  haben die Warnstreiks im öffentlichen Dienst bewie-
       sen, daß trotz mehrjähriger negativer Erfahrungen und Frustratio-
       nen mit dem Ausgang von Tarifrunden, trotz verleumderischer Pres-
       sekampagnen die  Kollegen bereit und fähig sind, zu kämpfen - ge-
       rade auch auf betrieblicher Basis. Dies muß in Zukunft das Funda-
       ment für  gewerkschaftliche  Durchsetzungsstrategien  sein,  wenn
       wirklich etwas  erreicht werden  soll; in zentralen Verhandlungen
       allein ist  den Unternehmern  kein ernsthaftes  Zugeständnis mehr
       abzuringen.
       Im Betrieb wird der Mehrwert, die Existenzgrundlage des Kapitals,
       geschaffen. Deshalb  sind die  Betriebe der  Hauptkampfplatz zwi-
       schen Kapital  und Arbeit  und die  entscheidende Quelle  gewerk-
       schaftlicher Kraft.  Der Kampf  gegen die  Massenarbeitslosigkeit
       wird in  absehbarer Zukunft  die wichtigste  Aufgabe der  Gewerk-
       schaftsbewegung sein.  Dazu müssen  betriebliche  Bewegungen  zur
       Verteidigung der  Arbeitsplätze  vorbereitet,  gefördert,  unter-
       stützt und weitergetragen werden. Die Besetzung von Betrieben ist
       eine hochentwickelte  Form solcher  Aktionen. Ihre  Legalisierung
       durch praktischen  Vollzug und  Verteidigung gegen Angriffe muß -
       ähnlich wie seinerzeit das Streikrecht - errungen werden.
       
       _____
       1) Vereinzelte Protest-  und Widerstandsaktionen  in dieser  Form
       gab es  bereits in  der ersten  Hälfte der  siebziger Jahre. Vgl.
       hierzu H. Bär u.a., Betriebsbesetzung - eine Kampfform zur Siche-
       rung  von  Arbeitsplätzen,  IMSF-Informationsbericht  21,  Frank-
       furt/M. 1976.
       2) Diese Unterlagen  werden jährlich  in der Reihe "Soziale Bewe-
       gungen. Analyse  und Dokumentation des IMSF" in Form von Aktions-
       tabellen und  analytischen Auswertungen  veröffentlicht,  zuletzt
       für 1981  in Heft  12. Die  nachfolgenden Zahlen wurden durch die
       Aufbereitung und Umgruppierung der dortigen Angaben gewonnen. Für
       1982 werden die Zahlen in Heft 13 der Reihe im Herbst 1983 veröf-
       fentlicht.
       3) Vgl. G.  Hautsch, J. Huffschmid, W. Schwarz und P. Wiener, Ar-
       beitskämpfe  '77,   Heft  5   der  Reihe   "Soziale   Bewegungen"
       (nachrichten-reihe 12), Frankfurt/M. 1978, S. 42 ff.
       3a) Eine Ausnahme bildeten die spontanen Streiks für Lohnerhöhun-
       gen im  September 1969. In einer Studie des IMSF hierzu heißt es:
       "Herausragendes Merkmal  der Septemberstreiks war die Anwesenheit
       der Streikenden  in den  Betrieben. Fast  alle Streiks nahmen die
       Form der faktischen Betriebsbesetzung an. Die Tendenz, nach Hause
       zu gehen  bzw. gar nicht erst im Betrieb zu erscheinen, war wenig
       ausgeprägt. Die  Streikenden trugen  in der Regel Arbeitszeug und
       stempelten wie gewöhnlich ihre Karten... Die Kampfform der fakti-
       schen Betriebsbesetzung  ergab sich vor allem daraus, daß es sich
       nicht um  von den  Gewerkschaften offiziell organisierte, sondern
       um direkt  von den  Belegschaften ausgehende  Streiks  handelte."
       Vgl. Autorenkollektiv  des IMSF,  Die Septemberstreiks 1969. Dar-
       stellung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M. 1969, S. 245.
       4) Dieser Teil des Aufsatzes stützt sich auf die Diplomarbeit von
       Bernd Semmler  zum Thema "Empirische und analytische Untersuchun-
       gen der  Kämpfe gegen  die Stillegung am Beispiel von vier Frank-
       furter Metallbetrieben",  Frankfurt/M., Juni  1983. Teile  dieser
       Arbeit sollen  im Heft  13 der Reihe "Soziale Bewegungen. Analyse
       und Dokumentation des IMSF" im Herbst 1983 veröffentlicht werden.
       5) Interessant, wenn  auch schon  wieder einige  Jahre zurücklie-
       gend, sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der Untersuchung
       von Rainer  Zoll (Hrsg.),  Arbeiterbewußtsein in der Wirtschafts-
       krise, 1.  Bericht,  Krisenbetroffenheit  und  Krisenwahrnehmung,
       Köln 1981.
       6) Vgl. Amtliche  Nachrichten der  Bundesanstalt für  Arbeit, Nr.
       10/1982, Nürnberg, S. 1389.
       7) Diese Tendenz  wurde in  Veröffentlichungen der  letzten Jahre
       über die  Folgen von Krise und moderner Technologie fast regelmä-
       ßig verabsolutiert, als geradlinige Entwicklung interpretiert und
       zu unhaltbaren gesellschaftspolitischen Schlußfolgerungen verlän-
       gert ("Korporatismus"-,  "Fordismus"-, "Modell Deutschland"- usw.
       - Diskussion in Argument, Prokla, spw u.a.).
       8) Eine anschauliche  Fallsammlung veröffentlichte  der  IGM-Vor-
       stand: Unternehmerverhalten  in der  Krise und  gewerkschaftliche
       Gegenwehr, Frankfurt/M.  o.J. (1983);  vgl. auch  den Beitrag von
       Peter Hinrichs in diesem Band.
       9) Vgl. als  Beispiele: Hauptvorstand  der IG  Druck  und  Papier
       (Hrsg.), Analyse  des Arbeitskampfs  1976 in  der Druckindustrie,
       Stuttgart o.J.  (1977), S.  70 ff., 98 ff.; Leonhard Mahlein, Ra-
       tionalisierung - sichere Arbeitsplätze - menschenwürdige Arbeits-
       bedingungen. Zum  Arbeitskampf in der Druckindustrie 1978, Stutt-
       gart o.J.  (1979), S.  24 ff.;  Gert Hautsch  und Bernd  Semmler,
       Stahlstreik und  Tarifrunde 78/79, Soziale Bewegungen..., a.a.O.,
       Heft 7, Frankfurt/M. 1979, S. 35 ff.; Josef Esser, Gewerkschaften
       in der Krise, Frankfurt/M. 1982, S. 128 ff.
       10) Gemeint ist die Entwicklung neuer Bedürfnisse und Anforderun-
       gen an  die Arbeits- und Lebensbedingungen, gestiegenes Bildungs-
       und Qualifikationsniveau,  engere Verbindungen  zu den  "sozialen
       Nachbarn" der  Arbeiterklasse (lohnabhängige  Mittelschichten und
       Intelligenz), ein  Generationswechsel in  den Gewerkschaften usw.
       Vgl. hierzu ausführlich: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF,
       Bd. 5,  Frankfurt/M. 1982  (Beiträge von K. Maase, W. Roßmann, L.
       Bading, H.  Werner u.a.);  vgl. auch Hartmut Dybowski u.a., Nicht
       wehrlos -  doch wohin? Gewerkschaften und neue soziale Bewegungen
       unter der  CDU-Herrschaft, Soziale Bewegungen..., a.a.O. Heft 12,
       Frankfurt/M.. 1983,  S. 54  ff.; vgl.  auch den Beitrag von Klaus
       Pickshaus in diesem Band.
       11) Eine Auswertung  erster Erfahrungen  aus den  Frankfuner  Be-
       triebsbewegungen wurde  von verschiedener Seite vorgenommen. Vgl.
       das Gespräch  der Redaktion von "Marxistische Blätter" mit Arbei-
       tern aus  den betroffenen  Betrieben,  abgedr.  in:  Marxistische
       Blätter, Heft  5/1982, Frankfurt/M., S. 95 ff.; vgl. auch Michael
       Blank und Hermann Unterhinninghofen, Betriebsstillegungen und Ge-
       genwehr, in:  WSI-Mitteilungen, Heft  1/1983, Düsseldorf,  S. 43;
       vgl. auch  Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.), Metallerwiderstand ge-
       gen Arbeitsplatzvernichtung  in Frankfurt. Berichte und Analysen,
       Bremen 1982.
       12) Vgl. Gerhard Bosch, Arbeitsplatzverlust - Die sozialen Folgen
       einer Betriebsstillegung,  Frankfurt/M. und New York 1978, S. 188
       ff.
       13) Vgl. Ute  H.-Osterkamp, Bürgerliches/sozialistisches  Bewußt-
       sein und individuelle Existenz, in: K.H. Braun u. a. (Hrsg.), Ka-
       pitalistische Krise,  Arbeiterbewußtsein, Persönlichkeitsentwick-
       lung, Berichte vom 2. internationalen Kongreß Kritische Psycholo-
       gie, Köln 1980, S. 96 ff.
       14) Vgl. express.  Zeitung für  sozialistische Betriebs-  und Ge-
       werkschaftsarbeit, Nr. 4/1982, Offenbach.
       15) Das Engagement  Wallmanns ist buntschillernd und zwiespältig.
       Sein Anliegen  war es,  die damalige  SPD/FDP-Bundesregierung als
       Mehrheitsaktionär bei  VW und  den IGM-Vorsitzenden  Loderer  als
       stellv. Aufsichtsratsvorsitzenden  mit der  Hauptschuld zu  bela-
       sten. Gleichzeitig  lenkte er  von seiner  eigenen Verwicklung in
       die VDM-Schließungspläne  (Grundstücksspekulation) ab.  Er konnte
       diese Rolle  aber nur  spielen, weil  ihm die IG Metall die Bühne
       überließ (beispielsweise  trat er als Redner im Gewerkschaftshaus
       auf).
       16) Vgl. Georg  Gutermuth und Uli Kühn, Und sie bewegt sich doch.
       Wie der  Kampf um  Arbeitsplätze  eine  Verwaltungsstelle  ändern
       kann, in:  O. Jacobi u.a. (Hrsg.), Nicht vor - nicht zurück? Kri-
       tisches Gewerkschaftsjahrbuch  1982/83, Westberlin  1982, S.  116
       ff.
       17) Bei Triumph/Adler konnte sich solch ein Kern wegen der inner-
       betrieblichen Spaltung in Ausländerliste und ändere nicht bilden;
       die auf  autonome Klassenpolitik  orientierten Kräfte der IGM-BR-
       Liste wurden  durch diese  Konfrontation gelähmt.  Das dürfte ein
       Grund dafür  sein, daß  es hier bei einem Versuch zur Betriebsbe-
       setzung geblieben ist.
       18) Georg Gutermuth, Vom Himmel fällt so ein Kampf sicher nicht!,
       in: express, Nr. 5/1982, Offenbach, S. 3.
       19) Ebenda, S. 4.
       20) Johannes Henrich  von Heiseler  und Josef  Schleifstein,  Zur
       Bildung und  Entwicklung von  Klassenbewußtsein in  der BRD,  in:
       IMSF (Hrsg.),  Klassenstruktur und  Klassenbewußtsein in der BRD,
       Tagungsprotokoll, Frankfurt/M. 1974, S. 47.
       21) Vgl. Frankfurter Metallbote, Nr. 12/1981, Frankfurt/M., S. 5;
       vgl. auch Frankfurter Rundschau vom 29. Oktober 1981.
       22) Vgl. hierzu näher: Johannes Henrich von Heiseler, Die elemen-
       tare Basis  bürgerlichen und  sozialistischen Bewußtseins  in der
       Arbeiterklasse -  Bemerkungen zu  theoretischen und  methodologi-
       schen Fragen,  in: Marxistische  Studien. Jahrbuch  des  IMSF  2,
       Frankfurt/M. 1979, S. 370 ff.
       23) Thesen zum  betrieblichen Kampf gegen die Vernichtung von Ar-
       beitsplätzen, in:  Landesbezirk Hessen  der IG  Druck und  Papier
       (Hrsg.), Geschäftsbericht 1980-1982, Frankfurt/M. 1983, S. 83.
       24) Die Schwammigkeit dieses Begriffs ist den Autoren bewußt: So-
       zialistisch ist  immer links,  und zum genannten Spektrum gehören
       recht unterschiedliche  Gruppen. Trotzdem hat sich in den genann-
       ten Kreisen  in jüngster Zeit ein gewisser Grundkonsens gebildet,
       der durch  Hinwendung zu  den neuen sozialen Bewegungen, oft auch
       eine Orientierung auf die Grünen, sowie das Bemühen um eine kämp-
       ferische Betriebs-  und Gewerkschaftspolitik  gekennzeichnet ist.
       Ein treffenderer Sammelbegriff steht nicht zur Verfügung.
       25) Vgl. hierzu  ausführlicher den Aufsatz von Klaus Pickshaus in
       diesem Band.
       26) Die vor  wenigen  Jähren  moderne  "Korporatismus"-Diskussion
       litt u.a. daran, daß sie die sehr wesentliche untere und mittlere
       Ebene integrationistischer Einbindung von Funktionären der Arbei-
       terbewegung übersah.  Zur konkreten  Situation in  Frankfurt vgl.
       Wolf G.  Brügmann, Wenn man die Finger überall drin hat, kann man
       keine Faust  mehr machen. Die Ortsverwaltung Frankfurt der IG Me-
       tall, in: O. Jacobi u.a. (Hrsg.), Nicht vor..., a.a.O., S. 99 ff.
       27) Auf einem  Höhepunkt des  Kampfes bei  Enka Kassel beispiels-
       weise, als im Dezember 1982 eine Torblockade durch Polizeieinsatz
       gesprengt wurde,  war die einzige öffentliche Reaktion des Haupt-
       vorstands eine Presseerklärung, in der der Enka-Vorstand zu einem
       Vermittlungsgespräch aufgefordert  wurde. Einen Protest gegen den
       Polizeieinsatz oder  eine Unterstützung  der Belegschaft enthielt
       die Erklärung  nicht. Vgl.  Pressedienst IG Chemie-Papier-Keramik
       XVIII/82, Hannover, 20. Dezember 1982.
       

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