Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       ZU EINIGEN ASPEKTEN DER BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG
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       IN DER ARBEITERKLASSE
       =====================
       
       Johannes Henrich von Heiseler
       
       I. Einstellungen  zur Technikentwicklung  - II. Einstellungen zum
       Staat - III. "Zur betrieblichen Aktionsbereitschaft
       
       Auf den  folgenden Seiten  sollen einige Fragen behandelt werden,
       die vor  allem Ansichten  und Einstellungen  in den Belegschaften
       von Großbetrieben  betreffen (das  ausgewertete Material läßt al-
       lerdings eine solche Konzentration nicht immer präzise zu). 1)
       
       I. Einstellungen zur Technikentwicklung
       ---------------------------------------
       
       Eine der  aufschlußreichen Entdeckungen  der vor über einem Jahr-
       zehnt erschienenen  Mitbestimmungs-Studie des  IMSF war, daß eine
       Kluft bestand  zwischen den  in der  bürgerlichen  Öffentlichkeit
       präsenten, gleichsam  "offiziellen" Versionen  von Sozialpartner-
       schaft und  dem, was auch die verbal Konzeptionen der Sozialpart-
       nerschaft unterstützenden  Belegschaftskader darunter verstanden.
       Einige Anzeichen lassen vermuten, daß eine ähnliche Kluft bei den
       Technikvorstellungen besteht.
       Einstellungen zur Technikentwicklung sind bei Arbeitern und Ange-
       stellten aus  großen Betrieben  in der  Regel wesentlich bestimmt
       von den  Erfahrungen der  Widersprüche am  Arbeitsplatz und ihrer
       gedanklichen Verarbeitung.  2) Das  heißt, die  Einstellungen zur
       Technik werden  unserer Meinung  nach nicht durch die allgemeinen
       gesellschaftlichen Strukturen und nicht durch die Erfahrungen au-
       ßerhalb des  Betriebes und der Arbeit  b e g r ü n d e t. Selbst-
       verständlich bilden  die allgemeinen  gesellschaftlichen Verhält-
       nisse und  die außerbetrieblichen  Erfahrungen Faktoren, die ver-
       mittelt in  die Ausprägung  der Einstellungen  mit eingehen. Aber
       sie tun  das nur,  insofern sie  durch die Interessen, wie sie im
       betrieblichen Rahmen erfahren werden, vermittelt werden können.
       Insoweit die eigenen Interessen in diesem Rahmen deutlich werden,
       bestimmt sich auch die Haltung zu scheinbar neutralen technischen
       Fragen von  der Beziehung  zu den  eigenen Interessen her. Daraus
       erklären sich  auch typische  Unterschiede zwischen verschiedenen
       Gruppen von Lohnarbeitern.
       
       Tabelle 1:
       Einschätzung der  Zukunft des  eigenen Arbeitsplatzes  durch ver-
       schiedene Gruppen Lohnabhängiger
       Frage: "Die  technische Entwicklung greift in immer mehr Arbeits-
       bereiche ein. Wie schätzen Sie Ihre eigene Arbeitssituation ein?"
                          Mein Arbeitsplatz ...
                          ... wird   ... ist   An meinem   ... wird sich
                          entfallen  gefährdet A. wird sich   verbessern
                                               nichts ändern
       An- und Ungelernte     4          34        57              5
       Facharbeiter           2          36        54              8
       Angestellte Beamte     2          21        69              8
                              0           5        81             14
       _____
       Quelle: Gewerkschaftsbarometer '82, Tabelle 5.4
       Sehen wir  einmal von  der Gruppe  der Beamten ab, deren Arbeits-
       platz infolge besonderer rechtlicher Regelungen in der Tat in ge-
       ringerem Maße  gefährdet ist,  so zeigen  sich  deutliche  Unter-
       schiede zwischen  den Angestellten  und anderen Lohnarbeitergrup-
       pen. Die mißtrauische Abwehrhaltung gegenüber einer vom Profitin-
       teresse diktierten  Rationalisierungsstrategie ist  durchschnitt-
       lich bei  der Angestelltengruppe  weniger deutlich ausgeprägt als
       bei den  Arbeitergruppen. Obwohl  gegenwärtig die technische Ent-
       wicklung objektiv gerade die Arbeitsplätze der Angestellten einem
       neuen Rationalisierungszugriff  zugänglich macht,  wirkt sich bei
       ihnen aus, daß auf der Grundlage ihrer konkreten Arbeitstätigkeit
       oft Anknüpfungspunkte  für eine  Identifizierung mit  dem Verwer-
       tungsprozeß vorhanden sind. 3)
       Bei den  Arbeitergruppen hat sich auf der Grundlage der Erfahrun-
       gen mit technischen Umstellungen und anderen Veränderungen am Ar-
       beitsplatz eine  Haltung gefestigt,  die als  "arbeitspolitischer
       Konservativismus" bezeichnet  worden ist. 4) Es handelt sich hier
       um eine  skeptisch-mißtrauische Ablehnung von technisch-organisa-
       torischen Neuerungen  und um  das Festhalten  an bestehenden  Ar-
       beitsformen derart,  daß die  Verteidigung  des  Bestehenden  als
       wichtigstes Ziel  im Bewußtsein  auftritt. Diese  Skepsis  beruht
       darauf, daß sich aufgrund des Auseinanderfallens der skalaren und
       der funktionalen  Organisation 5)  (dessen Ursache  letztlich  im
       Verlust der  Kongruenz zwischen von der Struktur des Verwertungs-
       prozesses bestimmten  und von  der Struktur  des Arbeitsprozesses
       ermöglichten Kooperationsformen  liegt) stille Reserven der Regu-
       lierung und  der Disposition  bei den  Arbeitern gebildet  haben;
       diese sind jedoch, so lautet eine wiederkehrende Erfahrung, durch
       jede technische  und jede  organisatorische Umstrukturierung  be-
       droht, mag  diese auch als "Humanisierung der Arbeitswelt" daher-
       kommen.
       Die Vorstellung,  die westdeutsche  Arbeiterklasse habe eine naiv
       technikoptimistische Grundhaltung und die notwendige mißtrauische
       Vorsicht hinsichtlich des antihumanen Charakters der vom Kapital-
       interesse vorangetriebenen  Struktur der Technikentwicklung müsse
       ihr erst  in missionarischen Erweckungspredigten beigebracht wer-
       den, beruht  nicht allein  auf Unkenntnis,  sondern eher noch auf
       der gedanklichen  Übertragung der eigenen bisherigen Naivität auf
       die Lohnarbeiter  im Betrieb. Sieht man sich die Technik-Einstel-
       lungen der  Arbeiter an, so gibt es hier sehr wohl Grundlagen für
       Gemeinsamkeiten mit den neuen sozialen Bewegungen. Die Verständi-
       gungsschwierigkeiten treten  eher an einem anderen Punkt auf. Die
       dominierende Haltung  der mittleren  und höheren Altersgruppe der
       Arbeiter ist (verständlicherweise) eher  d e f e n s i v,  ausge-
       richtet auf  die Verteidigung  der Spielräume und Positionen, die
       man sich im täglichen Kleinkrieg geschaffen hat.
       Es ist der gemeinsame Erfahrungshintergrund, der eine Ähnlichkeit
       in der  Haltung der  Arbeiterbelegschaften großer Betriebe gegen-
       über technischen  Neuerungen schafft.  Das daraus entstehende Be-
       wußtsein entbehrt  in der Regel der verallgemeinernden Systemati-
       sierung, die  voll erst mit dem Aufstieg zu entwickeltem Klassen-
       bewußtsein, das  heißt auch: zu theoretischem Bewußtsein, zu lei-
       sten ist. Der unmittelbare Erfahrungsbezug macht die geschilderte
       Haltung relativ stabil; auf der anderen Seite erklärt sein Fehlen
       die Ablösung von solchen Haltungen bei einem Teil der Angehörigen
       betrieblicher und gewerkschaftlicher Vertretungsorgane. Je weiter
       man von  der unmittelbaren  Erfahrung des  Interessenwiderspruchs
       entfernt ist,  desto größer  ist die  Gefahr bei solchen Gruppen,
       die nicht  mit der  politischen Arbeiterbewegung  verbunden sind,
       die Logik  der kapitalistischen Rationalität als Logik "der Tech-
       nik" anzusehen.  6) Eine  gewerkschaftspolitische Praxis,  die an
       der Sozialpartnerschaft  orientiert ist, verhindert dann Erkennt-
       nisprozesse, die auch bei Kollegen, die fachlich und ihrer allge-
       meinen Bildung nach weniger qualifiziert sind, in Gang kommen.
       
       II. Einstellungen zum Staat
       ---------------------------
       
       Was das  Verhältnis zum  Staat angeht, so ist es seit der Bildung
       der  CDU/CSU/FDP-Regierung   für  sozialdemokratisch  orientierte
       Kollegen einfacher, sich gegenüber dem konkreten staatlichen Han-
       deln eine  kritische Distanz zu bewahren. Das bedeutet in der Re-
       gel allerdings  nicht, daß die grundlegende Indentifikationsbasis
       aufgegeben wird.  Eine mißtrauische  Distanz gegenüber  dem,  was
       "von oben"  kommt, ist  als Stimmung schon traditionell innerhalb
       der Arbeiterschaft weit verbreitet; in diesem Punkt unterscheiden
       sich im  Durchschnitt die  Angestelltengruppen immer noch von den
       Arbeitergruppen. Dabei  ist zu vermuten, daß gerade die Arbeiter-
       klassegruppen der  Angestellten der  Haltung der  Arbeiter  recht
       nahe kommen. 7)
       Weitverbreitet ist  das Mißtrauen gegenüber der Erfassung von Da-
       ten der  Bevölkerung durch  die staatliche  Bürokratie. Traditio-
       nelle Distanz  gegenüber den  "Bürokraten, die ihre Arbeitsplätze
       ausdehnen wollen",  mischt sich  hier mit neueren Erfahrungen mit
       betrieblichen Personal-Informationssystemen,  die zum  Zwecke der
       Rationalisierung und  mit dem  Ziel,  Arbeitsplätze  einzusparen,
       aufgebaut und eingesetzt werden. Die allgemeine Diskussion um die
       Volkszählung 1983  hat, nach  den Gesprächen  zu schließen, einen
       entsprechenden Widerhall  in den Betrieben gefunden. Im Unmut ge-
       genüber der  geplanten Volkszählung stecken viele Erfahrungen mit
       der staatlichen  und auch der betrieblichen Bürokratie. Die Angst
       vor der  totalen Überwachung, die Furcht vor dem "Computerstaat",
       der spontane  antibürokratische Affekt scheinen dabei gegenwärtig
       nicht von  konservativer Seite  benutzbar zu sein, obwohl dies ja
       von der CDU/CSU immer wieder demagogisch versucht wird.
       Dies bestätigt,  daß die  Arbeitergruppen  offenbar  mehrheitlich
       meinen, daß  die "Sachargumente",  die in den Kampagnen zur reak-
       tionären "Entstaatlichung" vorgetragen wurden, nicht gültig sind.
       8) Schon  bei den Arbeiterklassengruppen der Angestellten ist al-
       lerdings das  auch hier eher gewachsene antibürokratische Engage-
       ment in  Gefahr, von demokratischen Forderungen losgelöst zu wer-
       den.
       Forderungen, die auf Verstaatlichung von wichtigen Produktionsbe-
       reichen hinauslaufen,  können auch  heute eine  positive Aufnahme
       bei betrieblichen  Kadern finden.  Dabei geht  es  außerhalb  der
       kämpfenden Sektoren selten um Forderungen, die mit einer Bewegung
       unmittelbar verbunden  sind (Verstaatlichung  der  Stahlindustrie
       z.B.), meist  um Fernorientierungen,  die dazu dienen können, ge-
       genwärtige Widersprüche deutlicher sichtbar zu machen. In der Re-
       gel finden  sich jedoch in solchen Fällen unter den betrieblichen
       Kadern Gruppen,  bei denen auch politische Traditionen der Arbei-
       terbewegung fortwirken.
       
       III. Zur betrieblichen Aktionsbereitschaft
       ------------------------------------------
       
       Die Beurteilung  der betrieblichen Aktionsbereitschaft ist beson-
       ders schwierig,  wenn die  Organisationen der  gewerkschaftlichen
       Arbeiterbewegung diese  Bereitschaft nicht  immer wieder  in  der
       Praxis fordern und damit wirklich prüfen. Das methodische Problem
       ist allein mit einer Verfeinerung der empirischen Sozialforschung
       im Sinne  einer bloßen  Verfeinerung der Methoden der repräsenta-
       tiven Befragung  nicht zu  lösen. Das  methodische Problem  liegt
       darin, daß mit dem Handeln selbst, auch dem sogenannten spontanen
       Handeln (was  ja in  diesem Zusammenhang  ein Ausdruck  für  noch
       nicht in  hohem Maße organisiertes Handeln ist), eine neue Quali-
       tät auch im Bewußtsein der Handelnden auftritt.
       Wenn wir  vorsichtig versuchen,  die Aktionsbereitschaft  in  den
       Großbetrieben zu  beurteilen, so  müssen wir ausgehen von den ob-
       jektiven Daten,  die durch  die schon  seit Jahren bestehende Ar-
       beitslosigkeit, den  Reallohnabbau und  schließlich den unter der
       sozialliberalen Koalition  vorangetriebenen  und  nun  unter  der
       CDU/CSU/FDP-Regierung verschärften  Sozialabbau gegeben sind. Da-
       durch ist  indessen die  innerhalb  der  Arbeiterklasse  vorherr-
       schende Spielart  bürgerlichen  Bewußtseins,  die  sozialpartner-
       schaftliche Ideologie,  nicht beiseite  geschoben worden.  Es hat
       sich vielmehr gezeigt, daß die neuen Erfahrungen zwar gewisserma-
       ßen "Risse" in der bisherigen Form der Ideologie von der sozialen
       Partnerschaft verursachen  können, daß  aber Erfahrungen, die die
       eigene Rolle als potentielles Subjekt noch nicht sichtbar machen,
       auch noch  nicht zu  einer massenhaften  Ablösung  sozialpartner-
       schaftlichen Denkens führen.
       Der Mechanismus  der Krise setzt sowohl verstärkte Orientierungen
       auf solidarisches  Verhalten und Handeln als auch verstärkte Ori-
       entierung auf  die Konkurrenz gegenüber anderen Lohnarbeitern und
       Lohnarbeitergruppen frei. Eine Erwartung, Massenarbeitslosigkeit,
       Reallohnabbau und Sozialabbau würden gleichsam automatisch desil-
       lusionierend die sozialpartnerschaftliche Befangenheit zerbrechen
       und Grundformen  gewerkschaftlichen Klassenbewußtseins  schaffen,
       übersieht die  Komplexität der wirklichen Vorgänge. Umgekehrt muß
       man feststellen,  daß die  Erwartung, die  Krise und  ihre Folgen
       würden alle  auf autonomes Handeln im Klassenzusammenhang gerich-
       teten Tendenzen lahmen, den wirklichen Mechanismus ebenso einsei-
       tig und  unzulässig vereinfacht.  Beide Vereinfachungen führen in
       der betrieblichen  Praxis zu  einem rein  abwartenden  Verhalten,
       weil die  Rolle des  handelnden (einzelnen oder kollektiven) Sub-
       jekts ebenso  wie die  neue Qualität,  die auch im Bewußtsein der
       Handelnden auftritt, nicht beachtet werden.
       Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß die sozialpartnerschaftli-
       che Ideologie, so wie sie sich in den Köpfen der Arbeiter und An-
       gestellten  darstellt,  auch  früher  schon  keineswegs  mit  dem
       gleichzusetzen war,  was als  sozialpartnerschaftliche Propaganda
       von den herrschenden Meinungsbildnern auf die westdeutsche Bevöl-
       kerung einströmte. Allgemein blieb vielmehr in der Arbeiterklasse
       stets ein  Ansatz für die Entwicklung einer an den eigenen Inter-
       essen orientierten  Haltung, oft  und typischerweise in einer wi-
       dersprüchlichen Gemengelage  mit der bürgerlichen Ideologie - vor
       allem in  ihrer dominierenden Form, eben der Sozialpartnerschaft-
       sideologie. Der  Übergang zu  Einsichten, die keimhaft Klassenbe-
       wußtsein enthalten,  erfolgte und  erfolgt vor allem im Zusammen-
       hang einmal  mit Kampf- und Konflikterfahrungen, andererseits mit
       Bildungselementen.
       Wenn sich heute im Bewußtsein Veränderungen zeigen, so sind diese
       noch keineswegs so einheitlich, daß man bereits von einem Zerfall
       der Sozialpartnerschaftsideologie  sprechen kann.  Neue Konflikt-
       felder werden  sichtbar, Lernprozesse,  die nicht  sofort  wieder
       eingefangen werden  können, sind  möglich. Aber  wir dürfen nicht
       übersehen, daß auch die Umformung der Sozialpartnerschaftsideolo-
       gie auf  ein neues, niedrigeres Anspruchsniveau erfolgt und große
       Teile der Arbeiterklasse beeinflußt. So muß man wohl eher von Po-
       larisierungsprozessen sprechen,  wobei die  Tendenz zur Anpassung
       an ein  niedrigeres Anspruchsniveau vorläufig noch umfangreichere
       Teile der  Klasse zu erreichen scheint als die Gegentendenzen. 9)
       Zudem deutet  alles darauf  hin, daß  unter jenen,  vor allem aus
       jüngeren Altersgruppen  bestehenden Teilen der Arbeiterklasse, in
       denen  sich   eine  stärkere  Widerstandsbereitschaft  ausbildet,
       zugleich ein  Gefühl der  Fremdheit gegenüber der gewerkschaftli-
       chen Organisation sich auszubreiten scheint.
       Der Lebensprozeß  der Arbeiterklasse ist die wichtigste Grundlage
       aller Lernprozesse.  Aber das heißt nicht, daß die Ereignisse, so
       wie sie  gerade kommen, ausreichen, die Erkenntnisse zu erwerben,
       die zu lernen geschichtlich unumgänglich ist. In der Verallgemei-
       nerung der  neuen Erfahrungen wächst daher den organisierten mar-
       xistischen Kräften eine große Aufgabe zu.
       Einen gewissen  Hinweis auf das Klima, in dem sich Aktionsbereit-
       schaft entfalten kann, gibt die Einstellung der Gesamtbevölkerung
       zum Streik.  Hier zeigt  sich, daß im Winter 1982  64 Prozent den
       Streik als  ein legitimes  Mittel der Auseinandersetzung ansahen,
       womit seit 1963 das zweithöchste Ergebnis erreicht wurde.
       
       Tabelle 2:
       Einstellung zum Streik in der gesamten Bevölkerung (in Prozent)
       
                       Das Mittel des Streiks halten für ...
                          richtig   nicht richtig   keine Angaben
       
       Winter 1963/64       53           30              17
       Winter 1964/65       48           33              19
       Herbst 1967          42           40              18
       Herbst 1968          49           32              19
       Herbst 1969          50           30              20
       Winter 1971/72       56           32              12
       Herbst 1973          57           26              17
       Winter 1974/75       51           35              14
       Januar/Februar 1978  51           31              18
       Sommer 1979          68           28               3
       Winter 1982          64           34               2
       _____
       Quelle: Gewerkschaftsbarometer '82, S. 52
       
       Betrachten wir aufgrund der Daten des Gewerkschaftsbarometers die
       Aktionsbereitschaft der  gewerkschaftlich Organisierten,  10)  so
       zeigt sich auch hier kein Rückgang in den letzten Jahren.
       
       Tabelle 3:
       Einstellung zum  Streik bei organisierten Lohnabhängigen (in Pro-
       zent)
                       Das Mittel des Streiks halten für ...
                          richtig   nicht richtig   keine Angaben
       
       1971/72              80           15               5
       1974/75              80           16               4
       1976                 76           16               8
       1978                 73           19               8
       1979                 84           13               2
       1982                 85           15               1
       _____
       Quelle: Gewerkschaftsbarometer  1978, S. 10; Gewerkschaftsbarome-
       ter '79, Tabelle 3.6; Gewerkschaftsbarometer 1982, Tabelle 3.5.
       
       Vielmehr zeigt  sich, daß  es nach 1971 erst eine abfallende Ten-
       denz gab,  die bis 1978 anhielt, daß dann aber ein Anstieg bis zu
       einem Niveau  erfolgte, das höher als 1971/72 lag. Vergleicht man
       dies mit  der Entwicklung  in der  Gesamtbevölkerung (Tab. 2), so
       ergibt sich  ein ähnliches Bild: In der ersten Phase ein Rückgang
       um sieben  bzw. fünf  Prozent, in  der zweiten Phase ein erneuter
       Anstieg um  fünf bzw. sieben Prozent. (Man muß allerdings berück-
       sichtigen, daß  der DGB zwischen 1978 und 1979 das Untersuchungs-
       institut wechselte;  das Absinken  der Werte für jene, die "keine
       Angabe" machen,  und der Anstieg der Befürworter von Streiks fal-
       len mit dieser Umstellung zusammen.)
       Für den  Übergang zu  betrieblichen Aktionen  ist eine Vorausset-
       zung, daß  der aktive  Kern im  größten Teil  der Belegschaft die
       Überzeugung verankern kann, daß die Aktion "berechtigt" ist. Wenn
       auch die Ausdrucksform dieser Bewertung Zuflucht nimmt zu Katego-
       rien, die  der bürgerlichen  Weltanschauung entstammen, so sollte
       der Sozialforscher  ebensowenig wie der praktisch Engagierte hier
       lächelnd nur  Restbestände bürgerlichen  Denkens sehen, denen man
       sich eventuell  im einzelnen  anpassen muß.  Vielmehr deutet sich
       hier eine  Umformung der  mit dem Anspruch der Allgemeinheit auf-
       tretenden bürgerlichen Moral an.
       Die Formierung  von Ansätzen  autonomer, an den Klasseninteressen
       entwickelter ethischer  Vorstellungen ist  ein Aspekt der Heraus-
       bildung von Keimformen des Klassenbewußtseins. Selbstverständlich
       entsteht nicht spontan eine sozialistische Ethik; zu ihrer vollen
       Herausbildung bedarf  es ebenso  wie bei  anderen Seiten der Ent-
       wicklung von Klassenbewußtsein der Verbindung von praktischer Ar-
       beiterbewegung und sozialistischer Theorie als Wissenschaft. Aber
       die Herausbildung  der Keimformen  von Klassenbewußtsein  ist der
       grundlegende Prozeß, der eine objektive Voraussetzung jeder Höhe-
       rentwicklung darstellt. Auch der Herausbildung ethischer Vorstel-
       lungen kommt dabei Bedeutung zu.
       Es ist  keineswegs verwunderlich,  wenn unter den Bedingungen der
       Herrschaft der bürgerlichen Ideologie die Herausbildung von Keim-
       formen eigener  ethischer Vorstellungen sich abstützt auf den Wi-
       derhall, den  der eigene Kampf in der bürgerlichen Presse findet.
       Die Bedeutung, die öffentlichen Solidaritätsbekundungen von Prie-
       stern und  Pastoren (sogar  bei den  türkischen Muslims,  die  im
       Kampf stehen) zukommt, findet hier ihre Erklärung - sind doch die
       Kirchen traditionell  in der Rolle des Hüters und Interpreten der
       Werte des geltenden moralischen Systems.
       Die Zunahme  der Zustimmung  zu Streiks  in der Gesamtbevölkerung
       (vgl. Tabelle  2) zeigt, daß sich im großen Trend die Möglichkei-
       ten, den  Kampf für  die eigenen Interessen auch dem weiteren Um-
       feld als legitim zu vermitteln, verbessert haben.
       Wenn man  sich die  Entwicklung bei  den betrieblichen Bewegungen
       einerseits, das  Anwachsen von  außerbetrieblichen Aktionen (z.B.
       im Zusammenhang  mit der  Friedensbewegung) andererseits ansieht,
       stellt sich  die Frage,  ob die Veränderung der objektiven Bedin-
       gungen durch  die Krise  und ihre Folgen etwa die Entwicklung be-
       trieblicher Aktivitätsbereitschaft  gegenüber der Entwicklung au-
       ßerbetrieblicher Aktivitätsbereitschaft  hat zurücktreten lassen.
       Demgegenüber ist jedoch eher davon auszugehen, daß es die organi-
       satorisch-politischen Rahmenbedingungen  sind, die  zu einer sol-
       chen Verlagerung  führen können. Wo die gewerkschaftliche Organi-
       sation am Ort und im Betrieb die Arbeit der an autonomem Klassen-
       handeln orientierten  Aktivisten unterstützt  und begünstigt, ist
       nach wie  vor die  Entwicklung betrieblicher  Aktivität einfacher
       als die  Entwicklung außerbetrieblicher  Aktionen. Dort  aber, wo
       die gewerkschaftliche  Leitung am  Ort und  wo die  betrieblichen
       Vertretungsgremien von  einer auf soziale Partnerschaft von Lohn-
       arbeit und  Kapital ausgerichteten  Politik dominiert werden, er-
       scheinen die  Handlungsmöglichkeiten in  Zusammenhängen außerhalb
       des Betriebes viel größer. 11)
       Eine rigide an Konzeptionen der Sozialpartnerschaft ausgerichtete
       Politik von gewerkschaftlichen Führungsgremien bzw. betrieblichen
       Vertretungen kann die Grundlage für eine allgemeine und verallge-
       meinerte Ablehnung  von festeren  Organisationsformen bilden. Die
       tatsächliche Ursache  einer wachsenden  Distanz zwischen  gewerk-
       schaftlichen Führungsgremien  bzw. betrieblichen Vertretungsorga-
       nen und  besonders aktiven  Kadern  gewerkschaftlicher  Tätigkeit
       liegt jedoch  nicht in unterschiedlichen Organisationsvorstellun-
       gen, sondern  in den  unterschiedlichen   i n h a l t l i c h e n
       Konzeptionen über die Richtung der Gewerkschaftsarbeit.
       Auf dem  Hintergrund dieser  Überlegungen sind  die Tendenzen zum
       Sinken der  Mitgliederzahl des DGB (1982 ein Verlust von mehr als
       100 000) 12)  zu erörtern.  Darin schlägt  sich nicht  allein die
       hohe Arbeitslosigkeit  nieder; Befragungsergebnisse  sprechen für
       die Annahme, daß auch der Organisationsgrad unter den tatsächlich
       abhängig Beschäftigten  sinkt. 13)  Zumindest einer  der verursa-
       chenden Faktoren  scheint inhaltlich begründete Distanz zur Orga-
       nisation zu  sein: Vor allem jüngere Lohnarbeiter verbinden über-
       durchschnittlich häufige  Bekundungen der  Sympathie für  Streiks
       mit unterdurchschnittlich häufigen Aussagen zur Notwendigkeit von
       Gewerkschaften.
       Ein Vergleich  zweier verschiedener Fragen des Gewerkschaftsbaro-
       meters zeigt, daß bei den Jüngeren, 19- bis 30jährigen, zwar eine
       deutlich höhere  Zustimmung zum  Streik festzustellen  ist,  also
       wohl eine  größere Mobilisierbarkeit  besteht, zugleich  aber die
       Distanz zur Gewerkschaft deutlich größer geworden ist. 14)
       
       Tabelle 4:
       Erkenntnis der  Notwendigkeit der  Gewerkschaften und Einstellung
       zum Streik  bei lohnabhängig  Beschäftigten nach  Altersgruppen -
       Vergleich der  19- bis  30jährigen und der 31- bis 50jährigen (in
       Prozent)
                                                  19-30      31-50
       
       Gewerkschaften halten für notwendig         64         75
       Das Mittel des Streiks halten für richtig   78         70
       _____
       Quelle: Gewerkschaftsbarometer 1982, Tabellen 2.1 und 3.5
       
       Zugleich hat  die Aktivität  zumindest einer so wichtigen Gewerk-
       schaft wie  der IG Metall gerade auf dem Gebiet der Arbeit in der
       Jugend (bei  den noch  unter 18 Jahre alten Beschäftigten) in den
       letzten zehn Jahren nachgelassen. Von 1972 bis 1982 sank die Zahl
       der Jugendvertretungen  in diesem  Bereich von 3945 auf 2724, die
       der Jugendvertreter von 9611 auf 5674. 15)
       Ein Niederschlag  der Entwicklungen  vor allem unter den jüngeren
       Lohnarbeitern ist  sicher auch  die Zunahme  linksoppositioneller
       Listen bei  den BR-Wahlen; sie zeigt auch Veränderungen im Umfeld
       der marxistischen  Kräfte in  den Betrieben  an. Noch vor einigen
       Jahren konnte man sagen, daß sich für die marxistischen Kräfte im
       Betrieb der  Hauptzugangsweg als  Weg von einer an die SPD gebun-
       denen Position  zu einer  auf die  DKP  bezogenen  Position  dar-
       stellte. Auch  war es der - bei aller Kritik an der SPD in vielen
       Fragen -  sich in  seinem Denken  und politischen Handeln auf die
       SPD beziehende  qualifizierte Arbeiter  und untere Angestellte im
       Großbetrieb, der  den  wichtigsten  politischen  Adressaten,  An-
       sprechpartner und Kampfgefährten der DKP im Betrieb ausmachte.
       Inzwischen ist  bei den  Jüngeren eine gewisse Änderung eingetre-
       ten. Die  Aufgabe, Gemeinschaft  in der  Aktion herzustellen, be-
       steht nun   a u c h   gegenüber  jenen gewiß heterogenen Kräften,
       die als  aktive Gewerkschafter  sich politisch linkssozialistisch
       und/oder als Anhänger der Grünen verstehen. Gewiß kann man sagen,
       daß das  Bemühen um  die Gemeinsamkeit  in der Aktion viel weiter
       reicht und fraglos z.B. auch christdemokratisch wählende Arbeiter
       einbeziehen muß. Hier geht es aber um die Frage des konkreten Um-
       felds und  der Dichte  der realen  Übergänge. Auch in dieser Hin-
       sicht besteht  für die marxistischen Kräfte heute eine zwar nicht
       radikal veränderte, aber doch andere Lage als zuvor.
       
       _____
       1) Überlegungen dieser  Art sind  von uns  schon öfter angestellt
       worden. Ich nenne hier aus der Reihe "Beiträge des IMSF" den Bei-
       trag 2: Mitbestimmung als Kampfaufgabe, Köln 1971, sowie die seit
       1976 vom IMSF herausgegebene Reihe "Soziale Bewegungen".
       Die folgenden  Überlegungen beruhen  auf Materialien  des Archivs
       "Soziale Bewegungen"  des IMSF,  auf Gesprächen  mit Klaus Picks-
       haus, Gert Hautsch und Bernd Semmler, auf noch unveröffentlichten
       Analysen des letzteren zum Kampf gegen Stillegungen bei Frankfur-
       ter Metallbetrieben  und auf  Expertengesprächen mit einigen Mit-
       gliedern von  Betriebsräten  und  mit  Vertrauensleuten  mehrerer
       Großunternehmen. Es  wurde Wert  darauf gelegt, daß ihrer politi-
       schen Orientierung  nach  unterschiedliche  (sozialdemokratische,
       grüne, kommunistische, parteilose) Gewerkschafter einbezogen wur-
       den. Zu  den  Betrieben  gehörte  auch  ein  Großunternehmen  des
       Dienstleistungssektors.
       2) So wurde  in den  Gesprächen ausdrücklich  darauf hingewiesen,
       daß die Presseberichterstattung über den "sauren Regen" unter an-
       derem auch  deshalb aufmerksam  von Kollegen verfolgt werde, weil
       solche Probleme gedanklich in Verbindung gebracht würden mit Fra-
       gen ihrer Arbeitssicherheit. In dem betreffenden Konzern hatte es
       mehrere schwere,  darunter auch tödliche, Unfälle am Arbeitsplatz
       gegeben. Die  Diskussionen darüber  hätten den Boden dafür berei-
       tet, daß  nun Berichte  über Umweltprobleme  stärker gelesen  und
       erörtert würden.  Aber zugleich  wird betont: "Die Leute in einem
       chemischen Betrieb haben kein negatives Verhältnis zu Technik und
       Wissenschaft an sich."
       3) Vgl. Helmut Steiner, Soziale Strukturveränderungen im modernen
       Kapitalismus, Berlin  1967, S.  157 ff. Plastische Beschreibungen
       vieler konkreter Differenzen zwischen Angestelltengruppen und Ar-
       beitergruppen finden  sich bei:  Werner Kudera, Konrad Ruff, Rudi
       Schmidt, Blue  collar, white  collar: grey  collar? Soziale  Welt
       Heft 21983, S. 201 ff.
       4) Michael  Schumann,  Edgar  Einemann,  Christa  Siebell-Rebell,
       Klaus Peter  Wittemann, Rationalisierung, Krise, Arbeiter, Frank-
       furt/M. 1982.  Dazu die ausführliche Rezension: Mario Helfen, Ra-
       tionalisierungsfolgen,   Kritik    der    Arbeitssituation    und
       "arbeitspolitischer Konservativismus"  der Arbeiter, in: WSI-Mit-
       teilungen 3/1982, S. 187 ff.
       5) Zu diesem Prozeß im Betrieb früh schon Hans Paul Bahrdt, Indu-
       striebürokratie, Stuttgart 1958.
       6) "Da kommt  es zu  solch einem  Paradox, daß  manche unbedarfte
       Kollegen in  dieser Frage  eine fortschrittlichere Position haben
       als  ein  Betriebsratsmitglied"  -  diese  Aussage  bezieht  sich
       selbstverständlich auf  solche Betriebsratsmitglieder,  die  auf-
       grund ihrer  praktischen und  politischen Abgehobenheit  von  der
       Lage ihrer  Kollegen inzwischen einen Teil der Welt mit den glei-
       chen Gläsern  sehen, durch die die Vertreter der Geschäftsleitung
       sie betrachten.
       7) Vgl. das  Material bei  Heinz Jung, Josef Schleifstein (Red.),
       Der Staat  im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundesrepu-
       blik.  Staatsdiskussion  und  Staatstheorie,  IMSF-Beiträge  6/1,
       Frankfurt/ M. 1981, S. 462-480.
       8) Vgl. ebenda,  S. 473;  vgl. auch die Zahlen bei E. Noelle-Neu-
       mann (Hrsg.),  Allensbacher Jahrbuch  für Demoskopie,  Band  VII,
       Wien/Zürich/München/Innsbruck 1977, S. 175.
       9) Insofern unterscheidet  sich meine  Ansicht von der von Harald
       Werner (in  Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982, hier
       insbesondere S.  84 ff.)  vorgetragenen Position.  Harald  Werner
       spricht -  vereinfacht -  bereits von einem "Zerfall" der Sozial-
       partnerschaftsideologie, der sich durch einen "Rückzug der Arbei-
       ter aus  vorgegebenen politischen  Handlungsbereichen" ankündigt,
       dem aber  noch keine "Aneignung neuer politischer Orientierungen"
       folgt, der  vielmehr, insofern  er mit  dem Rückzug  aus - sei es
       auch reduziertem  - Handeln verbunden ist, große Teile der Klasse
       zumindest für eine Übergangszeit zurückwirft "in hilflose Privat-
       heit". Ich  halte die Rede vom "Zerfall" der Sozialpartnerschaft-
       sideologie für  illusionär. Ich  vertrete die  Ansicht, daß  man,
       wenn man  von  Sozialpartnerschaftsideologie  und  Sozialpartner-
       schaftspolitik spricht,  sich nicht nur das Bild vor Augen halten
       darf, das  diese Ideologie und Politik in den vergangenen letzten
       Jahren m  der BRD  gezeigt haben. Die konkrethistorische Form der
       Sozialpartnerschafts-Ideologie und der Sozialpartnerschafts-Poli-
       tik scheint  sich gegenwärtig zu verändern. Insofern der Kern von
       beidem weiterhin die bundesdeutsche Ideologie und die bundesdeut-
       sche Politik  dominiert, bleiben auch die strategischen Hauptauf-
       gaben ähnlich.
       10) Sicher ist  es nicht  zufällig, wenn insbesondere Jugendliche
       und Frauen (vor allem benachteiligte Gruppen) als Gruppen genannt
       werden, in  denen heute  im Verhältnis zu früheren Zeiten günsti-
       gere Möglichkeiten  zur Mobilisierung  und Aktivierung  bestehen.
       Hier fallen zwei Tendenzen zusammen. Einmal ist in diesen Gruppen
       der Druck  der Krise  stärker zu  spüren. Zum anderen aber hatten
       gerade hier  schon vorher  positive Veränderungen eingesetzt, die
       den Abstand,  der hinsichtlich  des Bewußtseins  und hinsichtlich
       der Organisations-  und Mobilisierungsmöglichkeiten zwischen die-
       sen Gruppen und den traditionellen gewerkschaftlichen Kerngruppen
       bestand, verringerten.
       Es ist ein häufig zu beobachtender Prozeß, daß bei der Minderheit
       dieser Gruppen, die sich klassisch gewerkschaftliche Orientierun-
       gen in einem raschen Ablauf neu angeeignet hat, diese oft markan-
       ter, deutlicher  und in  schärferer Gegenüberstellung  zu den ge-
       sellschaftlich herrschenden  Vorgaben formuliert  werden  als  in
       traditionellen gewerkschaftlichen  Kerngruppen. (Vgl. hierzu: Wi-
       tich Roßmann,  Arbeiterklasse, soziale  Bedürfnisse  und  gewerk-
       schaftliche Politik,  in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       5, 1982, S. 42 ff.)
       11) "Da wird zehnmal in der Hierarchie hin- und hergefragt, bevor
       der Start  für etwas  Neues freigegeben  wird, da  kann man nicht
       einfach anfangen."  Daß die  Formen und  Strukturen außerhalb des
       Betriebes lockerer,  weniger fest  sind, wird  unter  d i e s e n
       Umständen als Vorteil empfunden.
       12) Vgl. Nachrichten, H. 7/1983.
       13) Vgl. Gewerkschaftsbarometer  1974/75,  Übers.  1.01;  Gewerk-
       schaftsbarometer '79, Tab. 2.1; Gewerkschaftsbarometer 1982, Tab.
       1.1.
       14) Die objektive  Gefahr einer  wachsenden Distanz  zwischen der
       gewerkschaftlichen Organisation  und ihren aktivsten jüngeren Ka-
       dern hat  sich schon vor Jahren in der empirischen Forschung nie-
       dergeschlagen. Am Beispiel der Verwaltungsstelle einer großen In-
       dustriegewerkschaft, deren Politik stark rechtssozialdemokratisch
       dominiert wird,  ließ sich zeigen, "daß die am wenigsten kampfbe-
       reiten jungen  Gewerkschaftsmitglieder von  allen Mitgliedern die
       zufriedensten sind,  während die  besonders kampfbereiten  jungen
       Mitglieder die unzufriedensten sind". Deutlich werden Möglichkei-
       ten und  Gefahren für die gewerkschaftliche Politik schon damals,
       wenn die  verschiedenen Dimensionen  dieser  Beziehung  entfaltet
       werden: "Das heißt nicht nur, daß die Distanz der Jugendlichen zu
       ihren Vertretern  (größer ist)  als die  ihrer älteren  Kollegen,
       auch nicht  allein, daß  die Kampfbereiten  kritischer die Arbeit
       der Funktionäre im allgemeinen beurteilen, sondern, daß die Unzu-
       friedenheit derjenigen  Mitglieder am  größten ist,  die jung und
       zugleich kampfbereit sind." (Harald Wiedenhofer, Untersuchung der
       Einstellungen Harburger  Mitglieder der  IG  Chemie  zur  gewerk-
       schaftlichen Interessenvertretung,  Diplomarbeit Hamburg 1975, S.
       175 f.)
       15) Aus den  Beschlüssen der  13. Jugendkonferenz  der IG Metall,
       Mai 1983, zitiert in: Nachrichten, H. 7/1983, S. 23.
       

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