Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       ENGELS ALS POLITISCHER FLÜCHTLING IN DER SCHWEIZ IM SOMMER 1849 -
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       VERSUCH EINER DOKUMENTATION
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       Michael Knieriem
       
       "Ich habe in der letzten Zeit tüchtig geschanzt, wie Dir der Ver-
       lag der  Züricher Buchhandlung wohl anzeigen wird, und namentlich
       Gelegenheit genommen, allerhand Stücke aus der schönen Jugendzeit
       1848/49 wieder  aufzufrischen. Das  wird verdammt nötig, denn die
       junge Generation,  die das  alles vergessen oder gar nie erfahren
       hatte, fängt an, jetzt wissen zu wollen, was damals passiert, und
       da ist  es nötig, bei den vielen falschen Quellen und Nachrichten
       ihr auch  möglichst viel  Richtiges beizubringen."  Diese  Zeilen
       schrieb Friedrich  Engels an  seinen Freund Johann Philipp Becker
       in Genf  fast genau  sechsunddreißig Jahre nach seiner Ankunft in
       London. 1)
       Die gescheiterte Revolution entließ ihre Kinder in die Emigration
       und hat  sie damit  sich selbst  überlassen. Die  Umstände dieser
       Emigration führten  zu geistiger  und gesellschaftlicher Absonde-
       rung von  den meisten  Mitemigranten. Aber aus ihrer Vereinsamung
       heraus wurde  ihr Wirken Macht. Die Isolierung führte auch gerade
       Friedrich Engels  dazu, sich aus der Selbstbesinnung über die mi-
       litärischen Unzulänglichkeiten  der bisherigen revolutionären Or-
       ganisation heraus dem Studium des soldatischen Elements der Revo-
       lution zuzuwenden.  Denn die Ereignisse selbst haben die Vorstel-
       lungen Engels'  korrigiert: Demokratische Bürger und Landwehrmän-
       ner sind  keine Arbeiterbataillone  im Sinne  des Kommunisten En-
       gels, der  im Jahre  1849 die gesellschaftlichen Widersprüche für
       seine Revolution noch nicht reif findet. 2)
       Auch der  Weg in die Emigration - bei dem die Schweiz nur Station
       blieb -  fordert aus diesem Grunde eine minutiöse Darstellung. Es
       soll hier  bewußt darauf verzichtet werden, ideen- und geistesge-
       schichtliche Interpretation  zu liefern,  zumal die Dokumentation
       Voraussetzung jedweder Interpretation sein sollte.
       Die Geschichte der Revolution in Baden, speziell auch das Verhal-
       ten einzelner  Mitglieder des Freikorps Willich, sind anderenorts
       mehr oder weniger zuverlässig und ausführlich, nicht zuletzt aber
       durch Friedrich Engels selbst, hinreichend beschrieben und gewür-
       digt worden.  3) Sinn  und Zweck  dieses Aufsatzes soll sein, den
       Ablauf der  Ereignisse, wie  sie sich für Engels darstellten, an-
       hand der  überlieferten Dokumente  chronologisch  nachzuzeichnen,
       ohne dabei  allerdings Anspruch  auf Vollständigkeit  erheben  zu
       wollen und zu können.
       Zweimal hatte  Friedrich Engels  bereits weite  Teile der Schweiz
       bereist, so  daß er mit den Verhältnissen einiger Kantone als re-
       lativ vertraut  gelten konnte. Darüber hinaus verfügte er in die-
       sem Land  über vielfältige  Kontakte zu  Bekannten und  Freunden,
       nicht nur  aus der  Bewegung selbst, sondern auch im bürgerlichen
       Lager. 4)
       Das erste Mal weilte Friedrich Engels im Mai und Juni 1841 zusam-
       men mit  seinem Vater  in der Schweiz. Diese Durchreise beschrieb
       er in seinem Aufsatz "Lombardische Streifzüge". 5) Der Anlaß die-
       ser Reise war rein geschäftlicher Natur. Der Vater hatte in Lecco
       und Mailand  zu tun.  6) Dem jungen Kaufmann, der eben erst seine
       Lehre in  Bremen beendet  hatte, mag  sie der  Erweiterung seines
       geistigen Horizonts gedient haben.
       Sein zweiter Aufenthalt hatte politische Motive. Am 30. März 1848
       stellte ihm  die französische  Regierung einen Reisepaß mit einer
       Gültigkeitsdauer von  einem Jahr aus. Mit diesem Legitimationspa-
       pier ausgestattet,  wanderte er  vom 20.  Oktober von  Paris nach
       Bern. Seine Reiseroute führte ihn über Genf, Lausanne und Neuchâ-
       tel. In  Bern war  er seit dem 23. November und erhielt am 9. De-
       zember 1848 eine Aufenthaltsbewilligung für diesen Kanton bis zum
       1. April des Jahres 1849. 7) Am 18. Januar 1849 verließ er jedoch
       die Stadt nach einem etwa neunwöchigen Asyl, um nach Köln auf den
       Redaktionsstuhl zurückzukehren. 8)
       Der dritte  Aufenthalt schließlich  beginnt am  12. Juli 1849 und
       steht in  direktem Zusammenhang  mit dem Scheitern der Reichsver-
       fassungskampagne. An  diesem Tag  überquert Friedrich  Engels mit
       den Resten  des Willichschen  Freikorps vom badischen Lottstetten
       die Schweizer  Grenze bei  Eglisau. In seinem Brief an Jenny Marx
       hat er "... gefunden, daß der vielgerühmte Mut des Dreinschlagens
       die allerordinärste  Eigenschaft ist, die man haben kann. Das Ku-
       gelpfeifen ist  eine ganz geringfügige Geschichte und während des
       ganzen Feldzugs hab' ich trotz vieler Feigheit kein Dutzend Leute
       gesehen, die  sich im  Gefecht feig  benahmen.  Desto  mehr  aber
       'tapfere Dummheit'." 9)
       Nach den vorliegenden Unterlagen besteht das Freikorps Willich zu
       diesem Zeitpunkt noch aus ca. 280 Offizieren, Unteroffizieren und
       Mannschaften.  10)  Die  Schweizer  Behörden  bemühen  sich,  die
       Flüchtlingsströme so  rasch wie  möglich weiterzuleiten.  Engels'
       Einheit ist für den Kanton Waadt vorgesehen. In der Nacht vom 14.
       zum 15.  Juli wohnt Friedrich Engels im Hotel "Schiff" in Zürich.
       Im gleichen Haus logiert Willich, und wahrscheinlich teilt Engels
       das Zimmer  mit dem Schneider Christian Rau, einem einfachen Sol-
       daten der Kompanie "Besançon":
       [...] Verzeichnis  der in  den Gasthöfen  der  Stadt  logierenden
       Fremden  H[er]r  Willich,  Oberst  a.[us]  d.[em]  Badischen  HH.
       [Herren] Rau u.[nd] Engels, Fl[üchtlinge] v.[on] d.[a] 11)
       Auf die  Anwesenheit Engels'  in Zürich spielt auch Wilhelm Wolff
       in seinem  Brief an  Friedrich Engels  in Lausanne vom 28. August
       an, wenn  er schreibt:  "Du bist  hier mit  Willich durchgereist,
       auch in der Häfelei gewesen. Das erfuhr ich den anderen Tag, just
       eine Stunde zu spät." 12)
       Wolffs Brief  ist also  keineswegs der  einzige Beleg  dafür, daß
       sich Engels im Juli oder August in Zürich aufhielt. 13) Abgesehen
       davon hatte  Wolff sich  wohl verhört,  es heißt nicht "Häfelei",
       sondern "Helferei".  Dieses Züricher Armenversorgungsinstitut lag
       in der Kirchgasse 11. 14)
       Die nächste greifbare Station war Bern, von wo aus die Männer des
       Willichschen Freikorps  am 20.  Juli nach  Murten abmarschierten.
       Die Flüchtlingsakten  von Bern  nennen jetzt  noch 208 Mitglieder
       dieses Korps:
       
       Nr. Dienstgrad Familienname Vornamen  Herkunft Geburts- Zivil-
                                                      jahr     beruf
       
       1   Oberst     Willich      August    Preußen  1811     Offizier
       2   Adjutant   Engels       Friedrich Preußen  1820     Schrift-
                                                                steller
       [...]
       
       Aus einer  Tagesmarschleistung von rund fünfundzwanzig Kilometern
       erklärt sich in etwa Engels' Ankunft in Vevey am 24. Juli. In dem
       bereits zitierten  Brief an Jenny Marx vom 25. Juli 1849 schreibt
       er: "[...] und sind gestern hier in Vevey angekommen. Während des
       Feldzugs und  des Marsches  durch die  Schweiz war es mir absolut
       unmöglich, auch nur eine Zeile zu schreiben." 16)
       Er und  die  übrigen  Offiziere  wohnen  höchstwahrscheinlich  im
       "Hôtel du Léman", Dazu schreibt Engels selbst aus London an Laura
       Lafargue am  20. September  1882: "[...]  Ob ich Vevey kenne? Ich
       war doch  dort im  September 1849 ungefähr vierzehn Tage einquar-
       tiert und  kenne das ganze Schweizer Ufer des Sees von Villeneuve
       bis Genf,  den Dent  du Midi und den Mont Blanc und alles andere.
       Wenn ich  mich nicht  irre, so waren wir Offiziere in Eurem Hotel
       am Kai  einquartiert. Auf dem Platz unter den Bäumen, dem See zu,
       pflegte Willich seine beiden Pferde in Übung zu haken." 17)
       Abgesehen davon, daß Engels sich mehr als dreißig Jahre nach die-
       sen Ereignissen in der Monatsangabe irrt, ist an der grundsätzli-
       chen Aussage  nicht zu  zweifeln. Dies  beweisen auch die wenigen
       überlieferten Dokumente.  Eine namentliche  Liste vom  3.  August
       macht deutlich,  daß Engels  tatsächlich nur  zehn Tage  in Vevey
       kantoniert war.  Rolf Dlubek hat wohl als erster darauf hingewie-
       sen, daß  Engels kurze Zeit später nach Morges weiterzog. 18) Die
       ersten politischen  deutschen Flüchtlinge, genannt "Les Badisch",
       werden am 18. Juli in Morges erwähnt. Am 21. Juli ist die dortige
       alte Salzsiederei  bereits mit  300  Freikorpsmännern  überfüllt.
       Wahrscheinlich bleibt  Engels die  Unterbringung in  diesem heute
       noch existierenden, häßlichen Gebäude nicht erspart. 19)
       Eine "Liste der Kompanie 'Besançon' des Korps Willich", die am 3.
       August 1849 Morges erreicht, nennt:
       "[..] Stab des Obersten Willich:
       "Engels, Frédéric, 28, Barmen, Belgier [!], Literat, Adjutant"
       Aus bisher  unbekannten Gründen  präsentiert Engels  hier  seinen
       belgischen Paß.  20) Die  wenigen,  nicht  täglich  überlieferten
       "Stärkemeldungen" für  die Abteilung der deutschen Flüchtlinge in
       Morges nennen zwar mehrfach Friedrich Engels, ohne daß jedoch ein
       direkter Zusammenhang immer klar wird:
       "[...] 10. August 1849
                  Engels vom Stab, beurlaubt am 10. August
                                                      [...]
              11. August 1849
                  Engels vom Stab, aus dem Urlaub zurückgekehrt am
                  10./11. August" 21)
       Vielleicht hatte  Engels diesen  Tag zu einem Abstecher nach Genf
       benutzt. Knapp vierzehn Tage später jedenfalls schreibt er an Jo-
       seph Weydemeyer:  "Euern rothen  Becker sah  ich neulich  in Genf
       ganz fidel,  er kneipte mit dem Volksmann Essellen und ändern ge-
       müthlichen Diis minorum gentium auf dem Lande. " 22)
       Engels lebt in dieser Zeit in bedrängten finanziellen Verhältnis-
       sen. Die  mit Brief  der Mutter  vom 13. August angekündigte, be-
       reits getätigte  Überweisung durch das Bankhaus La Röche in Basel
       kann frühestens um den 10. August angekommen sein. Möglicherweise
       hat Engels  den Betrag  in Genf  in Empfang genommen. 23) Auf der
       Adreßseite dieses  Briefes seiner  Mutter notiert  er  sich  vier
       Lausanner Wohnungsanzeigen. Da der Brief laut Poststempel erst am
       19. August in Morges angekommen war, kann er frühestens nach die-
       sem Datum  konkrete Schritte  zur Übersiedlung  nach Lausanne ins
       Auge gefaßt  haben. Auf  diesem Umschlag  vermerkt er sogar neben
       anderen seine künftige Adresse:
       "cab[inet] joli  m[eu]bl[é] pl[ace de la] Palud 8, au 2 [étage]."
       24)
       Unter dieser  Wohnungsangabe verbarg sich ein Cafe, das einem ge-
       wissen Jean-Rudolphe  Coeytaux gehörte.  Hier wurden gelegentlich
       Zimmer im ersten und zweiten Stock vermietet. 25)
       Seit dem  22. August lebt Engels in Lausanne unter der oben ange-
       gebenen Adresse,  wie der Eintrag in den militärischen Stärkemel-
       dungen von Morges beweist: "[...] 22. August 1849
       Engels, Frédéric,  Adjutant, beurlaubt  nach Lausanne  am 22. Au-
       gust." 26)
       Einen Tag nach seiner Ankunft in Lausanne schreibt er in dem eben
       schon zitierten  Brief an  Joseph Weydemeyer  in  Frankfurt/Main:
       "[...], nach  4 Wochen  langweiligen Cantonnirens mit dem Flücht-
       lingsdetaschement im  Canton Waadt bin ich endlich wieder soweit,
       daß ich hier in Lausanne auf meine eignen Füße
       gerathe." 27)
       Offiziell war Friedrich Engels nach wie vor in Morges kantoniert,
       seine Anwesenheit  in Lausanne  wurde als  genehmigter Urlaub von
       der Truppe  betrachtet, wie  sogar noch  eine Eintragung  vom 17.
       September 1849 in Morges belegt:
       "[...] Stab,  Engels, Friedrich,  Adjutant, beurlaubt am 17. Sep-
       tember." 28)
       Neben seinen  schriftstellerischen Arbeiten  muß Engels  sich  um
       einen Reisepaß bemühen, der ihm in Lausanne am 11. September auch
       tatsächlich ausgestellt wird:
       Reisepaß [...] 210, Dienstag 11. September 1849
                      Anwesend: Herr Briatte, Staatsrat: Der Präfekt von
                      Lausanne ist bevollmächtigt, einen Pass an Herrn
                      Frédéric Engels auszuhändigen. [...] 3. Engels,
                      von Barmen in Sachsen [!], politischer Flüchtling,
                      kantoniert in Morges, will nach England über
                      Piemont und Spanien gehen. [...] 29)
         Der Reisepaß selbst lautet wie folgt:
       Nr. 1279
       Name:        Engels, Schriftsteller
       Vornamen:    F[rie]d[ri]ch
       Geburtsort:  Barmen, Preußen
       Alter:       28 Jahre
       Größe:       5 Fuß 9 3/4 Zoll oder 1 Meter 79 Zentimeter
       Haare:       kastanienbraun
       Stirn:       hoch
       Augenbrauen: kastanienbraun
       Augen:       braun
       Nase:        klein
       Mund:        mittel
       Bart:        kastanienbraun
       Kinn:        rund
       Gesicht:     oval
       Haut:        hell
       Besondere Kennzeichen: ./.
       Ausgestellt für die Dauer eines Jahres vom
       11. Sept.  1849 an,  um nach  England über Piemont und Spanien zu
       gehen, um sich dort aufzuhalten.
       Ausgestellt  durch   das  D[epartemen]t   der  J[ustiz]  und  der
       P[olizei] am 11. September 1849
                                  Unterschrift des Inhabers
                                  Fréd[éri]c Engels 30)
          Im Paßregister wird vermerkt:
       [...] Engels, Fréd. c, 28, Lausanne, England
             1849, Sept. 11, an den Paßinhaber ausgehändigt
             Sept. 11 1849 [...]
       [...] Engels, Frédéric, Flüchtling,
             Pass 210-3 [...] 31)
       Am  Tage   der  Paßausstellung  schreibt  der  Staatsrat  Georges
       François Briatte wegen eines Sichtvermerks des Bundesrates an den
       Vizepräsidenten Henri  Druey in  Bern, den Engels sogar als einen
       "sozialistische[n] Demokraten]  von der  Farbe Louis  Blancs" be-
       zeichnet hatte. 32)
       [...] Herr Engels aus Elberfeld [!], ein Flüchtling, hat die
             Absicht, sich via Genua und Spanien nach England zu
             begeben. Das Departement hat ihm einen Pass ausstellen
             lassen. Wenn Sie es für angebracht halten, Herrn Engels mit
             einem Pass zu versehen, würde ich Sie bitten, den ihm hier
             ausgestellten abzuverlangen. -
             Ich empfehle Ihnen Herrn Engels ganz besonders. [...] 33)
           Henri Druey muß unmittelbar reagiert haben, denn die Gesandt-
       schaft des  Königreichs Sardinien in Bern antwortet unter dem 14.
       September:
       [...] Ich beeile mich, Ihnen Ihrem Wunsch gemäß, die Pässe der
             Herren Heringer [Heinzen?] und Struve mit dem Visum für
             Genua zuzustellen. Was den dritten Paß (des Herrn Engels)
             betrifft, so habe ich ihn in dem Umschlag nicht
             vorgefunden, so daß ich annehme, daß er vielleicht beim
             Einpacken vergessen wurde, oder daß Sie in Bezug auf ihn
             Ihre Meinung geändert haben. [...] 34)
       Zwischenzeitlich hatte sich Engels wohl selbst nach Bern begeben,
       um die  Sache voranzutreiben.  Aus dem  Paßregister  des  Kantons
       Genf, Stadt  Genf, geht  hervor, daß  Engels sich "offiziell" bis
       zum 17.  September in  Bern aufhielt. Tatsächlich war er auch be-
       reits dort am 15. des Monats mit Wilhelm Wolff zusammengetroffen.
       35)
          Auszug aus dem Paßregister des Kantons Genf:
       Niedergelegte Papiere: Pass Lausanne 11. September 1849
       Name:         Engels, Frédéric
       Alter:        28 Jahre
       Beruf:        Schriftsteller
       Herkunft:     Preußen
       wohnhaft in:  - -
       Letztes Visum in den Papieren vermerkt: Bern, 17. September 1849
       Datum der Wiederaushändigung der Papiere: 28. September 1849
       Ziel: Genua 36)
       Zwischen dem  18. und  28. September  hält sich Engels demnach in
       Genf auf, wo er Borkheim, Schily und erneut Liebknecht trifft und
       zuweilen wohl Ausflüge ins "Cafe de la Couronne" macht. 37)
       Mit der  Erteilung eines Transitvisums für Sardinien-Piemont ent-
       falten die dortigen Behörden eine emsige Tätigkeit:
       [...] Betrifft: Friedrich Engels:
       Ich eile,  Ihnen mitzuteilen,  daß das  Ministerium  den  Transit
       durch unsere  Staaten bewilligt  hat, von  wo der genannte Preuße
       Friedrich Engels,  gegenwärtig in der Schweiz, sich in Genua ein-
       schifft. Dies geschieht unter den gleichen Vorbehalten und Bedin-
       gungen, wie  sie für  die Herren Struve und Heinzen, beide Führer
       der badischen  Revolution, zu denen auch Engels gehören soll, an-
       gegeben wurden.
       Betreffend das  Geleit ihrer Begleitung, muß ich Ihnen mitteilen,
       daß man  es den Befehlshabern überlassen wird, den oder die Cara-
       binieri zu  wechseln, wann  und wo sie es für richtig halten; daß
       diese Carabinieri  von den  Personen, die  sie begleiten, bezahlt
       werden müssen. Diese nehmen einen eigenen Wagen, können aber auch
       von einem  öffentlichen Fahrzeug  Gebrauch machen,  wenn sie alle
       Plätze mieten, wie ein Coupe oder eine Limousine, um mit dem oder
       den Carabinieri alleine zu sein. [...] 38)
       [...] Nr. 540     Gemäß Ihrem Auftrag mit Depesche vom 18.
             An den      d. M., Nr. 86 (Pol. Äff.) habe ich das
             Chevalier   Innenministerium bezüglich der drei politischen
             Farina      Flüchtlinge Heinzen, Struve und Engels
             27. Sept.   benachrichtigt.
             1849        Die nötigen Anordnungen an die Intendanten von
                         Chambéry und Annecy wird man für den Fall
             Heinzen     geben, daß diese Individuen die königlichen
               Struve      Staaten durchqueren werden, um sich nach Ame-
       rika
             und         oder England zu begeben. [...] 39)
             Engels
       Nun erst  wird klar, warum Engels in seinem Brief an G.J. Harney,
       einen Tag  vor seiner Einschiffung nach London, am 5. Oktober aus
       Genua schreibt:  "Ich bin  sehr glücklich,  so bald eine günstige
       Gelegenheit gefunden zu haben, diese verfluchte Polizeiatmosphäre
       zu verlassen.  Ich habe  tatsächlich noch nie eine so gut organi-
       sierte Polizei  gesehen wie  hier in  Piemont." 40)  Engels hatte
       also die  Reise von  der Schweizer  Grenze bis  nach Genua in der
       Zwangsbegleitung piemontesischer Carabinieri hinter sich zu brin-
       gen gehabt.
       Am 12. November erreichte Engels den Londoner Hafen, wie die Pas-
       sagierliste und das Ankunftszertifikat zeigen:
       
       Nr 2557         Hafen von London  Ankunftszertifikat
       Ankunftsdatum   Name und Land     Von welchem Hafen   Bemerkungen
                                         angekommen
       
       12. Nov[embe]r  Frederic [!]      Genua mit der       verließ
       1849            Engels            Cornish Diamond     [England]
                       Beruf: Schrift-                       1847
                       steller                               hat einen
                       Gebürtig in                           Paß der
                       Preußen                               Regierung
       Unterschrift des  Inhabers:      Unterschrift des Hafenoffiziers:
       Friedrich Engels              Fabian 41)
       
       Auszug aus der Passagierliste:
       [...] Ich,  der unterzeichnete Kapitän der "Cornish Diamond", un-
       terwegs von Genua nach dem Hafen von London [...]
                                  Name des Kapitäns: G.P. Stevens
       
       Nr.  Vor- und Nachnamen   Beruf   Heimatland
       1    Fredrick Engles [!]  Literat Preußen
       
                        G.P. Stevens
                        gegeben am 12. Tag des Novembers 1849 [...] 42)
       
       _____
       1) Friedrich Engels  an Johann Philipp Becker in Genf, London, 5.
       Dezember 1885,  wieder abgedruckt  in: MEW,  Bd. 36,  S. 400-401,
       hier S. 400.
       2) Vgl. Michael  Knieriem/Brigitte  Treude,  Friedrich  Engels  -
       seine Stellung in der Revolution von 1848/ 49, in: Helmut Eisner,
       Michael Knieriem und Brigitte Treude, Karl Marx und Friedrich En-
       gels - ihre Stellung in der Revolution 1848/49, Schwerte 1979, S.
       17-32, hier S. 31.
       3) Vgl. Fernand  Rüde, Les  refugies allemands à Besannen sous la
       deuxieme Republique,  in: Bulletin de la Societe d'Histoire de la
       Revolution de  1848, Nr. 36, Paris 1939/40 u. Nr. 37, Paris 1946.
       Paul  Neitzke,  Die  deutschen  politischen  Flüchtlinge  in  der
       Schweiz 1848-49,  (Diss. phil.  Kiel) Charlottenburg  1926;  vgl.
       auch die  hier angegebene  ältere Literatur und Friedrich Engels,
       Die deutsche Reichsverfassungskampagne, wiederabgedruckt in: MEW,
       Bd. 7, S. 109-197.#
       4) Es soll  hier nicht  unerwähnt bleiben, daß auch Friedrich En-
       gels' Bruder Rudolf zu dieser Zeit noch in Lausanne lebte. Rudolf
       Engels (*  Barmen 8.  März 1831,  + Barmen 15. Februar 1903), Fa-
       brikbesitzer zu  Barmen, Teilhaber  des Hauses  Ermen  &  Engels,
       erlernte die  Kaufmannschaft zu Krefeld und Paris. Vgl. Deutsches
       Geschlechterbuch, Genealogisches  Handbuch bürgerlicher Familien,
       hrsg. v.  Bernhard Koerner,  Bd. 24  (Stammfolge Engels), Görlitz
       (Starke) 1913,  S. 51-93, hier S. 79. Rudolf war mit einem am 21.
       April 1847  von der  Regierung Düsseldorf ausgestellten Paß einen
       Monat später  in Lausanne  angekommen. Hier wohnt er zunächst als
       Pensionär bei  dem deutschen Pastor Blattner. Archives Cantonales
       Vaudoises, Lausanne  (künftig zitiert  ACV, Lausanne) K VII G11/5
       (1846-1850) Department  de la  Justice et Police, Aus der Libelle
       du recensement 1849 im Stadtarchiv Lausanne geht jedoch eindeutig
       hervor, daß Rudolf Engels später zusammen mit einem anderen Deut-
       schen bei  dem Pastor  Frederic Esperandieu bis etwa Mai 1849 als
       Pensionsgast lebte.
       5) Friedrich Engels,  Lombardische Streifzüge,  in: Athenäum, Nr.
       48 und 49 vom 4. und 11. Dezember 1841, wiederabgedruckt in: MEW,
       EBII, S.  150-160. Zur  Datierung des Aufenthaltes in der Schweiz
       vgl. Michael Knieriem, Aus den Tagebüchern des Johann Wilhelm Ja-
       kob Blank - eines Jugendfreundes von Friedrich Engels, in: Marxi-
       stische Studien.  Jahrbuch des  IMSF 4, 1981, S. 383-389, hier S.
       387 und 388, Anm. 24.
       6) Vgl. hierzu:  Michael Knieriem, Die Entwicklung der Firma Cas-
       par Engels  Söhne (= Nachrichten aus dem Engels-Haus, H. 1), Wup-
       pertal 1978, S. 15 und 16.
       7) Vgl. den  Brief Friedrich  Engels' an die Direktion der Justiz
       und Polizei des Kantons Bern, Bern 15. November 1848, wiederabge-
       druckt in:  MEGA® III,  2, S. 169 und 170; sowie Staatsarchiv des
       Kantons Bern, Manual des Berner Regierungsrates, Nr. 133, Sitzung
       vom 9.  Dezember 1848  und Registerband  II über  Toleranzscheine
       1838-1859, S.  142; sowie Stadtarchiv Bern Kontrolle über politi-
       sche Flüchtlinge  und Kontrolle über die Tolerierten, Nr. l, 301.
       Fotokopien liegen dem Friedrich-Engels-Haus, Wuppertal, vor. Sehr
       informativ und  kenntnisreich ist die Arbeit von Rolf Dlubek, Zur
       politischen Tätigkeit  von Friedrich  Engels in  der Schweiz, in:
       Beiträge zur  Geschichte der  deutschen Arbeiterbewegung, 2. Jg.,
       H. 4, S. 742-786.
       8) Staatsarchiv des  Kantons Bern, Registerband II über die Tole-
       ranzscheine (vgl.  Anm. 7).  Im Original  ist  unter  der  Rubrik
       "Bemerkungen" in  schwacher roter Tinte noch nachgetragen: "fort,
       nach Deutschland, Schriften extr. [adiert], d. 18. Jenner 1849".
       9) Friedrich Engels  an Jenny Marx in Paris, Vevey 25. Juli 1849,
       wiederabgedruckt in: MEGA ² III, 3, S. 30-33, hier S. 30.
       10) Ein noch  unveröffentlichtes Manuskript  über die  Mitglieder
       des Freikorps Willich wird z. Z. durch den Verfasser bearbeitet.
       11) Vgl. "Tagblatt  der Stadt  Zürich", Nr. 196, "Verzeichnis der
       in den  Gasthöfen der  Stadt logierenden  Fremden" vom  15.  Juli
       1849. Christian Rau (* Weingarten [Baden] 9. April 1823), Schnei-
       der, Soldat  in der  Kompanie Besannen. Er erhält am 30. November
       1849 die  Erlaubnis, sich nach La Chaux-de-Fonds zu begeben; vgl.
       Anm. 10.
       12) Wilhelm Wolff an Friedrich Engels in Lausanne, Zürich 28. Au-
       gust 1849,  wiederabgedruckt in:  MEGA ² III, 3, S. 386-389, hier
       S. 386.
       13) Vgl. MEGA ² III, 3, S. 1178, Anm. 386.9.
       14) Freundliche Mitteilung  des Stadtarchivs  Zürich, für die ich
       Herrn Rieß zu danken habe.
       15) Staatsarchiv des  Kantons Bern,  Flüchtlingsakten 1849/50, BB
       IX 730.19. Demnach erreichte das Korps Willich mit 231 Männern am
       18. Juli  Bern und  marschierte am  20. Juli noch mit 208 Männern
       nach Murten  weiter. "Namentliches Verzeichnis der Mitglieder des
       Corps Willich,  die am  19. Juli  [!] von Bern nach Murten abmar-
       schiert sind."
       16) Friedrich Engels  an Jenny  Marx in  Paris, Vevey,  25.  Juli
       1849, wiederabgedruckt in: MEGA ² III, 3, S. 20-33, hier S. 30.
       17) Friedrich Engels an Laura Lafargue in Vevey, London 20. Sept.
       1882, wiederabgedruckt  in: MEW  35, S. 362-364, hier S. 362 (aus
       dem Englischen)  und im gleichen Bd. - wichtig wegen der Hotelan-
       gabe -  Karl Marx an Friedrich Engels in London, Vevey 4. Septem-
       ber 1882, S. 91, und Vevey 16. September 1882, S. 95.
       18) Rolf Dlubek,  Friedrich Engels als publizistischer Anwalt des
       Willichschen Freikorps, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen
       Arbeiterbewegung, H. 2, 1967, S. 235-244, hier S. 238.
       19) Freundliche Mitteilung  des Stadtarchivs  Morges vom 16. Juni
       1983; Herrn  Guex-Joris habe  ich für  seine Auskünfte zu danken.
       Vgl. Stadtarchiv  Morges "Registre des proces-verbaux du Conseil,
       AAA 55  f. 136".  Vgl. auch: Morges au XIXème Siecle. Extraits du
       Journal de Morges, Morges 1901, S. 15.
       20) ACV, Lausanne,  Département de  Justice et Police, Bureau des
       étrangers, Réfugiés  1849/50, K  VIIe 10/5,  Morges.  Vgl.  auch:
       Friedrich Engels  an Karl Marx in Paris, Brüssel 8.-9. März 1848,
       wiederabgedruckt in:  MEGA ² III, 2, S. 133-135, hier S. 133 "...
       weil sie  mir damals  einen Paß  gegeben haben, was man gegen sie
       geltend machen könnte."
       21) ACV, Lausanne, vgl. Anm. 20, K Vlle 10/3, Morges.
       22) Friedrich Engels  an  Joseph  Weydemeyer  in  Frankfurt/Main,
       Lausanne, 23.  August 1849, wiederabgedruckt in: MEGA® III, 3, S.
       45.
       23) Elisabeth Engels  an Friedrich  Engels in  Morges, Barmen 13.
       August 1849, wiederabgedruckt in: MEGA ² III, 3, S. 380-381, hier
       S. 380.
       24) Vgl. diese Aussage in: MEGA ² III, 3, S. 1173.
       25) Freundliche Mitteilung  des Stadtarchivs Lausanne vom 31. Mai
       1977. Herrn J. Hügli habe ich für seine Mühe zu danken. - In die-
       sem Hause befindet sich heute das Restaurant "Hotel Suisse".
       26) ACV, Lausanne,  vgl. Anm. 20, K Vlle, Morges (aus dem Franzö-
       sischen).
       27) Vgl. Anm. 22.
       28) ACV, Lausanne,  vgl. Anm. 20, K Vlle, Morges (aus dem Franzö-
       sischen).
       29) ACV, Lausanne, Departement de Justice et Police, Emigrations,
       Legalisations, Passeports;  Registre KVIIb, 1/43 (aus dem Franzö-
       sischen). An  der Spitze  eines  jeden  Departements  (Abteilung)
       standen zwei  Mitglieder des Staatsrates. 1849 waren dies für die
       Justiz- und  Polizeiabteilung die  Herren Veillon und Briatte. So
       konnte der Staatsrat Briatte auch den Präfekten autorisieren, En-
       gels einen  Paß auszustellen.  Freundliche  Mitteilung  des  ACV,
       Lausanne.
       30) ACV, Lausanne,  vgl. Anm.  29 K  VII G93  und KVIIb2 (aus dem
       Französischen).
       31) ACV, Lausanne, Registre K VII b2 und K VII b 1/43.
       32) So Friedrich Engels, Die Persönlichkeiten des Bundesrats, in:
       "Neue Rheinische Zeitung", Nr. 155 vom 29. November 1848, wieder-
       abgedruckt in: MEW, Bd. 6, S. 64-68, hier S. 65.
       33) Bundesarchiv Bern,  E 21,  Archivnr. 41  (aus  dem  Französi-
       schen). Fotokopie  liegt  dem  Friedrich-Engels-Haus,  Wuppertal,
       vor. Vgl.  auch Rolf Dlubek, Friedrich Engels als publizistischer
       Anwalt.. ., a.a.O., S. 241, Anm. 23.
       34) Bundesarchiv Bern, E21, Archivnr. 33 (aus dem Französischen).
       Fotokopie liegt dem Friedrich-Engels-Haus, Wuppertal, vor.
       35) Vgl. Walter  Schmidt, Wilhelm Wolff. Kampfgefährte und Freund
       von Marx  und Engels,  Berlin 1979,  S. 238 und 239, sowie ders.,
       Wilhelm Wolff  in der Schweiz, in: Zeitschrift für Geschichtswis-
       senschaft, H.  12, Jg.  21, 1973, S. 1464-1488, hier S. 1468, und
       "Deutsche Zeitung" vom 18. September 1849, S. 2071. Ebenso dürfte
       Engels hier mit Stephan Born zusammengetroffen sein. Vgl. Stephan
       Born, Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Hrsg. und eingeleitet
       von Hans Schütz, Berlin/Bonn, S. 103.
       36) Staatsarchiv Genf,  vgl. Anm.  31, Etrangers  H 23,  registre
       d'inscription Nr. 9279, S. 227.
       37) Vgl. Wilhelm  Liebknecht, Erinnerungen eines Soldaten der Re-
       volution, Berlin  1976, S.  200 und  201, sowie Marx an Engels in
       Manchester, London 9. Februar 1860; wiederabgedruckt in: MEW, Bd.
       30, S. 29-35, hier S. 30.
       38) Departementsarchiv von  Savoyen, Chambery,  Fonds sarde,  Nr.
       483, Surété  publique, lettres regues par l'intendant du ministre
       de l'Interieur  (aus  dem  Italienischen).  Fotokopie  liegt  dem
       Friedrich-Engels-Haus, Wuppertal, vor.
       39) Staatsarchiv Turin,  Kabinett des Innenministeriums, Cartella
       1, Légation  de S.M.  en Suisse, 17. November 1848 - 3. Juni 1851
       (aus dem  Französischen). Fotokopie  liegt dem  Friedrich-Engels-
       Haus, Wuppertal, vor.
       40) Friedrich Engels an George Julian Harney in London, Genua, 5.
       Oktober 1849,  wiederabgedruckt in: MEGA ² III, 3, S. 49 (aus dem
       Englischen).
       41) Vgl. Public  Record Office, London: Home Office 2, Certifica-
       tes of Arrival 186X/L 03263 (aus dem Englischen). Fotokopie liegt
       dem Friedrich-Engels-Haus, Wuppertal, vor.
       42) Vgl. Public  Record Office, London, Home Office 3, Passengers
       Lists, 46  YC 02742  (aus dem  Englischen). Fotokopie  liegt  dem
       Friedrich-Engels-Haus, Wuppertal, vor.
       

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