Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       VOM POLITISCHWERDEN DER HERRSCHENDEN SOZIOLOGIE
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       IN DER BUNDESREPUBLIK *)
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       H.J. Krysmanski
       
       1. Als  Problemlösungswissenschaft noch  aktuell? - 2. Systemaus-
       einandersetzung -  3. Krise - 3.1 Die "sozialreformistische" Kri-
       senlösungsstrategie - 3.2 Die "konservative" Krisenlösungsstrate-
       gie -  3.3 Die  "alternative" Krisenlösungsstrategie - 4. Krisen-
       überwindung als Systemveränderung?
       
       1. Als Problemlösungswissenschaft noch aktuell?
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       Die Soziologie  wurde zur  Wissenschaft, weil  bestimmte mit  der
       Herausbildung der  bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft  ent-
       standene Probleme  der sozialen  Integration, der Herrschaftsaus-
       übung usw. nicht mehr mit den herkömmlichen Mitteln der Gewaltan-
       wendung und  Überredung gelöst  werden konnten.  Doch  bis  heute
       steht sie  wie andere  sozialwissenschaftliche Disziplinen  1) in
       Konkurrenz zu  jenen traditionellen  Praktiken und  Institutionen
       "harter" und "weicher" Integration und Herrschaft - zu denen bei-
       spielsweise auch  die Polizei  gehört. Der radikale amerikanische
       Soziologe Martin  Nicolaus hat für das "Konkurrenzverhältnis" von
       Soziologie und  Polizei 1969,  als  in  den  USA  der  sogenannte
       "Feldzug gegen  die Armut"  des Präsidenten  Johnson, welcher den
       angewandten Sozialwissenschaften  eine Blüte  beschert hatte, ge-
       scheitert war,  eine schöne Formel gefunden: "... Polizei und So-
       ziologie sind  funktionale Alternativen.  Soziologische Forschung
       gedeiht in  einem Klima geringer und weit gestreuter sozialer Un-
       ruhe. Wenn  allerdings, wie  in Zeiten  der Rezession und Depres-
       sion, aus  passiver aktive  Unruhe wird,  wenn Widerstand sich in
       offenen Aktionen,  in Streiks, Aufruhr, Revolten und Revolutionen
       regt, dann  werden die  'geistigen Waffen', welche die soziologi-
       sche Forschung  den Autoritäten  liefert, zunehmend  funktionslos
       ... Wie  Anzeichen in  den USA  der letzten  vier oder fünf Jahre
       zeigen, ist die positive Korrelation zwischen dem funktional ent-
       gegengesetzten Prosperieren  der Soziologie  und der untersuchten
       Bevölkerung erklärbar  durch den Hinweis auf die inverse Korrela-
       tion zwischen  dem funktional  alternativen Prosperieren der Pro-
       fessionen der Soziologie und der Polizei... Indem der funktionale
       Wechsel von  der soziologischen zur Polizei-Profession sich voll-
       zieht, erfährt der Grad der Ängstlichkeit in den Konzilen der er-
       steren eine  merkliche Steigerung. Wenn der Tümpel der Geldmittel
       verdunstet, hüpfen  die Frösche; keiner möchte am Rande sein, und
       der Run auf die Lilienblätter in der Mitte ist enorm." 2)
       Trotz einer auf Depression tendierenden Wirtschaftskrise kann man
       allerdings nicht  davon ausgehen, daß der Ausbau der Repressions-
       apparate nach  innen und außen die "weicheren" Formen des Krisen-
       managements funktional voll ersetzen könnte - zumal etwa die Ver-
       wissenschaftlichung von  Polizeifunktionen Zubrot einer nicht ge-
       ringen Zahl  von Soziologen ist. Es wird in unserer hochkomplexen
       Gesellschaft also Raum für "soziologische Problemlösungsaktivitä-
       ten" bleiben,  auch wenn  dies unter bestimmten Bedingungen nicht
       gleichbedeutend mit dem Erhalt oder auch nur mit dem Zusammenhalt
       der Soziologie  als einer  sozialwissenschaftlichen Fachdisziplin
       sein muß.
       Nach Hoffnungen  aus den Anfängen der sozial-liberalen Koalition,
       die Soziologie könne zu einer etablierten Politikberatungswissen-
       schaft in  Sachen  "Lebensqualität"  (Sozialindikatorenbewegung),
       Strukturpolitik ("Kommission  für wirtschaftlichen  und  sozialen
       Wandel") und nicht zuletzt in Sachen Abfederung der sozialen Fol-
       gen von  Rationalisierung  und  Automatisierung  (Aktionsprogramm
       "Humanisierung des Arbeitslebens") werden, wird längst die Parole
       von der  unvermeidlichen  "Parzellierung"  und  "Spezialisierung"
       ausgegeben 3) - die Rückzug und Verstoßung aus dem zentralen Pla-
       nungsgeschehen signalisiert. Die Deutsche Gesellschaft für Sozio-
       logie, die vor zehn Jahren noch ihre innere Organisationsstruktur
       zu einer  Clearing-Stelle für die Verteilung der Forschungsmittel
       ausbauen und beispielsweise sogar die fachinterne Theoriendiskus-
       sion auf  diese Funktion  hin zurichten wollte, 4) besteht inzwi-
       schen nur  noch aus  einer Ansammlung  von treibenden Lilienblät-
       tern, auf  denen, um den jeweiligen Hauptfrosch herum, in rascher
       Folge "mal  solche und  mal solche"  Soziologentage  veranstaltet
       werden.
       Gleichzeitig aggregieren  die gesellschaftlichen  Probleme in der
       Bundesrepublik atemberaubend schnell, und einiges sprach zunächst
       dafür, daß gerade der letzte Soziologentag im Herbst 1982 in Bam-
       berg -  unter dem  Thema "Krise der Arbeitsgesellschaft?" - fach-
       und gesellschaftspolitisch  ebenso bedeutsam werden würde wie je-
       ner legendäre von 1968, der die Frage nach dem Gegenstand der So-
       ziologie unter  den Titel "Spätkapitalismus oder Industriegesell-
       schaft?"  stellte.   Trotz  einiger  wichtiger  inhaltlicher  und
       "klimatischer" Ansätze  überwog dann  aber doch  der Eindruck der
       Rat- und  Hilflosigkeit gegenüber  dem problematischen Gesamtpro-
       zeß, gepaart  mit der opportunistischen Bereitschaft, alle etwai-
       gen Anfragen  der Autoritäten  zu bearbeiten. Dieser Verzicht auf
       Handlungsfähigkeit der Disziplin als ganzer, auf eine fachpoliti-
       sche Gesamtorientierung  bedeutet weder,  daß die Soziologie sich
       aus den  gesellschaftlichen Problemlösungsaktivitäten ausschalten
       will noch  daß sie  ausgeschaltet werden  kann. Die organisatori-
       sche, fachpolitische Zersplitterung des Fachs (mit der Gefahr ei-
       ner "Soziologie ohne Soziologen") ist aber durchaus ein Indiz für
       den derzeitigen Zustand derjenigen gesellschaftlichen und politi-
       schen Kräfte,  mit denen  die Soziologie "groß" geworden ist: der
       reformkapitalistischen Kräfte  um  Sozialdemokratie  und  Gewerk-
       schaften.
       Die Frage  nach dem  Problemlösungspotential der  Soziologie  muß
       deshalb die Frage nach den Perspektiven dieser politischen Kräfte
       vorrangig miteinschließen,  und zwar  im Sinne  einer umfassenden
       Struktur- und  Problemanalyse der  bundesrepublikanischen Gesell-
       schaft und  im Sinne  einer Bestandsaufnahme  der "gesellschafts-
       politischen  Milieus",   in  denen  die  Soziologie  überzeugende
       Leistungen erbracht  hat. Ganz  allgemein  gesprochen  hängt  die
       praktische  Leistungsfähigkeit  der  Soziologie  vom  Niveau  der
       Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Praxis ab, vom durchge-
       setzten Ausmaß gesellschaftlicher Planung und vom Erfolg einer um
       die sozialstaatliche  Entwicklungsvariante des Kapitalismus herum
       entfalteten zwischen-  und innergesellschaftlichen 'Entspannungs-
       politik'. Konkret verlangt diese Abhängigkeit ein Politischwerden
       der Soziologie, ob sie sich, von welcher Parzelle her auch immer,
       um  die  politische  Durchsetzung  der  staatlichen  Finanzierung
       sozialwissenschaftlicher Forschung  oder gar  - so  weit  ist  es
       schon -  friedenspolitisch um  die Erhaltung  ihres  Gegenstandes
       bemühen muß.
       Die folgenden,  notwendigerweise skizzenhaften Bemerkungen bezie-
       hen sich  unter diesen  Prämissen auf  zentrale Probleme und Pro-
       blemlösungsstrategien, in denen die gesellschaftlichen Praxisfel-
       der Moment  der Soziologieentwicklung in einem doppelten Sinn ge-
       worden sind: they can make her or break her. 5)
       
       2. Systemauseinandersetzung
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       Der Begriff  der Systemauseinandersetzung  oder  Systemkonkurrenz
       bezieht sich  selbstverständlich auf  sehr komplexe  Prozesse und
       Problemlagen. Für die Soziologie schwingen in diesem Zusammenhang
       sowohl ihre  Genese als  antisozialistische  Gesellschaftswissen-
       schaft als auch ihre vielfältigen Inanspruchnahmen für den natio-
       nalen und internationalen Klassenkampf mit. Konzentriert man sich
       auf die  gegenwärtige Situation,  so erzeugt die reale Systemkon-
       kurrenz für  die Soziologie vor allem Probleme und Chancen im Be-
       reich der staatsmonopolistischen Regulierung.
       Auch wenn die Wirtschaftspolitik heute auf die Förderung der pri-
       vaten Akkumulation und auf das spontane Wirken der monopolkapita-
       listischen Konkurrenz  zu setzen scheint, macht die Krise des Sy-
       stems verstärkte Regulierungsanstrengungen bezüglich der wachsen-
       den Disproportionen  der regionalen  und sektoralen  Wirtschafts-
       struktur, der  Internationalisierung der Monopoltätigkeit und der
       neuen sozialen  Problematik, die mit dem Ende des Ausbaus der so-
       zialen Netze ansteht, erforderlich. Diese Notwendigkeit wird ver-
       stärkt (und  letztlich erzeugt)  durch die Systemkonkurrenz. Noch
       immer ist  ein Bewußtsein  für diesen weltsystemaren Kontext, für
       den Tjaden  den Begriff des "transsystemaren Vergesellschaftungs-
       prozesses" geprägt  hat  6),  innerhalb  der  Soziologie  relativ
       schwach entwickelt.  7) Andererseits  war die neue Ostpolitik als
       eine spezifische  Strategievariante in  der Systemauseinanderset-
       zung Anlaß für die Einbeziehung der Soziologie in staatliche Pla-
       nungsaktivitäten,  federführend  etwa  bei  der  Erarbeitung  von
       "Systemvergleichsmaterialien" für  die Berichte  zur Lage der Na-
       tion 8) und bei den Arbeiten der "Kommission für wirtschaftlichen
       und sozialen Wandel". Die Soziologie wurde hier gewissermaßen von
       einem intersystemaren Vergesellschaftungsschub mitgerissen.
       Ein anderes  Moment objektiver Planungsnotwendigkeit im Interesse
       der Erhaltung  der Systemidentität gegenüber dem Sozialismus ent-
       steht für  die Soziologie und andere Sozialwissenschaften mit der
       Aufgabe, eine umfassende ökonomische und politische Theoriegrund-
       lage für  die kontinuierliche  Abstimmung  privatmonopolistischer
       und "öffentlicher"  Belange zu  entwickeln - oder, philosophisch-
       ideologisch gesprochen,  den bürgerlichen Individualismus in eine
       Zeit irreversibler  staatlicher Lenkungs-  (und Haushalts-) Funk-
       tionen hinüberzuretten.  An diesbezüglichen Lösungsversuchen sind
       heute führend  neokonservative Soziologen,  besonders in den USA,
       beteiligt. In  ihren Grundpositionen  bleiben sie zwar immer noch
       einem "Antikommunismus, der sich auf das Konzept des Totalitaris-
       mus berufen  konnte" und einem "Antipopulismus, der mit der Theo-
       rie der  demokratischen Elitenherrschaft begründet wurde" 9) ver-
       haftet, doch  ist ihnen  klar, daß dies nicht ausreicht. Habermas
       hebt allerdings,  durchaus bezogen  auf das  Regulierungsproblem,
       allein den neokonservativen Kulturkampf um die Schicht der Exper-
       ten und Intellektuellen hervor. In ihm verbindet sich der Angriff
       auf eine  vermeintliche Herrschaft linker Intellektueller vor al-
       lem in  den beeinflussungsrelevanten  Bereichen (Medien)  mit dem
       Zusammenzimmern eines  "neuen" Selbstverständnisses der Intellek-
       tuellen, Wissenschaftler  usw. in den entscheidungsrelevanten Be-
       reichen (Staatsapparat).  10) Der  Kampf um  das Personal für die
       Ausübung der  Regulierungsmacht ist, was diese ideologische Seite
       angeht (die  in der  Bundesrepublik "Anti-Soziologen"  wie Helmut
       Schelsky und  Friedrich H.  Tenbruck pflegen)  allerdings nur ein
       Aspekt des Regulierungsproblems.
       Die immer  im Zusammenhang  der Systemkonkurrenz  zu sehende Vor-
       liebe für  den Abbau  bestimmter Zuständigkeiten  der staatlichen
       Entscheidungszentren und  für marktwirtschaftliche  Lösungen, die
       zunächst auch Anti-Intellektualismus, ja Wissenschaftsfeindschaft
       erzeugt (und  benutzt), kommt  ja letztlich nicht um das Konsens-
       problem herum.  Systemidentität verlangt  die  Herstellung  eines
       Konsensus zwischen  der herrschenden  Klasse und den Massen, ver-
       mittelt über  die Schicht der wissenschaftlich-technischen Exper-
       ten (weitgehend im öffentlichen Dienst), denen einerseits die Re-
       flexion  auf   ihre  gesellschaftliche   Stellung  versagt   wird
       ("Ideologiefreiheit"), denen  aber andererseits, weil anders Kon-
       sensus nicht herstellbar ist, eine explizite Formulierung theore-
       tisch und  sozial verbindlicher  normativer Prinzipien abverlangt
       wird, die  eine Artikulation  öffentlicher Interessen ermöglichen
       und das  Wechselverhältnis von  Ökonomie und  Politik  regulieren
       sollen. Daniel  Bell spricht in diesem Zusammenhang vom Desiderat
       einer "Philosophie  des öffentlichen  Haushalts", mit deren Hilfe
       die Experten  in die Lage versetzt werden sollen, den nach seiner
       Auffassung unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem wachsenden Be-
       dürfnis nach  Demokratisierung von Entscheidungsprozessen und dem
       Respekt gegenüber ihrer sachlichen Kompetenz auszuhalten. 11)
       Dieses zentrale  Problem  staatsmonopolistischer  Regulierung  im
       Kontext der  Systemauseinandersetzung  wird  für  das  politische
       "Schicksal" der Soziologie in zwei Richtungen interessant. Einmal
       ist sie,  wie gesagt,  an die  Entwicklung staatsmonopolistischer
       Reformpolitik in  Gestalt des  Ausbaus bzw. der Erhaltung sozial-
       staatlicher Strukturen  gebunden; zum anderen aber wird sie heute
       über das "expertokratische Modell" tendenziell auch in einen ganz
       anderen Versuch  der Lösung  der Finanzkrise des kapitalistischen
       Staates   hineingezogen.   Im   transsystemaren   Vergesellschaf-
       tungsprozeß ist schließlich nicht nur die Möglichkeit friedlicher
       Koexistenz unterschiedlicher  Gesellschaftssysteme, also auch die
       Fortsetzung von Sozialstaatspolitik, sondern auch die von den Mi-
       litär-Industrie-Komplexen ausgehende  Wahnsinnsmöglichkeit  einer
       Beendigung des  Systemkonkurrenzverhältnisses "ein für allemal" -
       nämlich durch den "war to end all wars" - angelegt. Es darf nicht
       unterschätzt werden,  in welchem  Ausmaß,  trotz  der  Zerstörung
       wichtiger überkommener  Infrastrukturen der  Sozialforschung 12),
       heute in  den Vereinigten Staaten (und so etwas wirkt "anregend")
       Sozialwissenschaftler und eben auch Soziologen in den Expertenun-
       terbau der  militaristischen  Strategie  einbezogen  werden.  Was
       selbst führenden  Vertretern der  Frankfurter Schule  während des
       Zweiten  Weltkriegs  im  Kampf  gegen  den  Hitler-Faschismus  in
       Diensten des amerikanischen Geheimdienstes 13) und später zahllo-
       sen Sozialwissenschaftlern  im Kampf  gegen den Kommunismus recht
       war, das dürfte finanziell ausgehungerten Sozialforschern - ange-
       sichts der gewaltig gesteigerten Informations- und Analysebedürf-
       nisse des Militär-Industrie-Komplexes - immer billiger werden.
       Systemauseinandersetzung bildete  auch  die  Hintergrundstrahlung
       der letzten  Soziologentage. Das Thema des Berliner Soziologenta-
       ges 1979  allein, "Sozialer  Wandel in  Westeuropa", konnte schon
       als demonstrative  Negierung der  den Tagungsort  territorial um-
       schließenden realen  sozialistischen Entwicklungsalternative auf-
       gefaßt werden.  Auf dem Bremer Soziologentag des folgenden Jahres
       wurden konservative,  auch militant antikommunistische Positionen
       für ein  Überlebensprogramm der  Soziologie reklamiert.  14)  Der
       Bamberger Soziologentag  schließlich widmete  sich zumindest  von
       seinem Konzept her jener - gerade unter dem Aspekt des Systemver-
       gleichs -  wichtigsten staatsmonopolistischen Strategie zur Inte-
       gration der  Lohnabhängigen, nämlich  der Aufwertung  der Privat-
       sphäre außerhalb der Arbeitswelt. 15)
       Noch ein  weiterer Punkt gehört in dieses Problemfeld: Wenn Alain
       Touraine in Bamberg davon sprach, daß das Aufkommen der neuen so-
       zialen Bewegungen  der Soziologie  einen  Paradigma-Wechsel  auf-
       zwinge, so  meinte er  die Ablösung der Klassenanalyse durch eine
       Klassen- und Systemgrenzen übergreifende Konfliktanalyse samt da-
       mit  einhergehender  "Bewegungsberatung"  (Interventionsmethode).
       16) In  Wirklichkeit aber  ist die  Sache genau umgekehrt, gerade
       wenn man  von der  Friedensbewegung ausgeht. Die Friedensbewegung
       ist nicht  zu begreifen  und auch nicht durch Forschung zu unter-
       stützen, wenn  nicht ihre  Bedeutung für  die internationalen und
       nationalen Klassenauseinandersetzungen herausgearbeitet wird. Das
       gilt sowohl  für die  Tatsache, daß sich mit der Abrüstungsforde-
       rung viele andere Schichten und Gruppen der Bevölkerung der wich-
       tigsten "weltpolitischen"  Forderung der  organisierten Arbeiter-
       klasse annähern als auch dafür, daß jede ernsthafte sozialwissen-
       schaftliche  Kriegsursachenforschung   auf  die  sozioökonomische
       Grundstruktur des Klassengegensatzes stoßen wird.
       
       3. Krise
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       Für die  Selbstverständigung  der  "offiziellen"  Soziologie  hat
       sich, wenngleich  nicht unwidersprochen,  der Begriff  der  Krise
       eingebürgert, als Formel sowohl für das Einwirken von allgemeinen
       geistigen und  Wirtschaftskrisen auf  das Fach als auch für fach-
       spezifische "Entwicklungshemmungen" (Lepsius). 17) Wie andere So-
       zialwissenschaften auch erfährt die Soziologie nach einem starken
       Ausbau von  Lehrfunktionen im  Tertiären Bildungssystem  und nach
       einer erfolgreichen  Diffusion sozialwissenschaftlicher Orientie-
       rungen in  der Zeitkultur und schließlich auch nach dem Einbau in
       die staatliche  Forschungspolitik in  den siebziger  Jahren jetzt
       nicht nur  Stagnation, sondern fast schon den Absturz. Diese kri-
       senhafte Entwicklungshemmung  wird innerhalb  des Fachs in erster
       Linie als  eine "legitimatorische  Krise" wahrgenommen, das heißt
       als Unfähigkeit  sich zu  verkaufen, und  sehr viel  seltener als
       "kognitive  Krise",  also  als  Unfähigkeit,  die  eigene  Gegen-
       standsentwicklung in  ihrem gesellschaftlichen Vermittlungszusam-
       menhang zu analysieren.
       So ist gerade auch die  P o l i t i s i e r u n g  der Soziologie
       in dem Sinne, daß sie zu einem Moment der gesellschaftlichen Pla-
       nungspraxis wurde, kaum wahrgenommen worden. Der mit diesem Poli-
       tisierungsprozeß verbundene hohe staatliche Finanzierungsaufwand,
       die Erweiterung  der  Einsatzbereiche  und  auch  methodologische
       Fortschritte in der Anwendungsproblematik (Sozialindikatoren) 18)
       wurden sozusagen  stillschweigend "mitgenommen", nicht bewußt ge-
       macht, nicht  zum Anlaß einer forschungsprogrammatischen Grundla-
       gendiskussion des Faches insgesamt. Die Abhängigkeit von der Ent-
       wicklung bestimmter  sozialstaatlicher Sektoren und ihrer Finanz-
       kraft und  die Notwendigkeit,  ein dem  technischen Entwicklungs-
       stand moderner angewandter Forschung angemessenes wissenschaftli-
       ches "Produktivkraftsystem"  samt entsprechender Infrastruktur zu
       erhalten, führte vielmehr zu einer pragmatischen, stückwerkelnden
       Ausbreitung von  Individualstrategien  einzelner  Forschergruppen
       und Spezialistenteams  und zur  thematischen und politischen Par-
       zellierung nutzungsorientierter  Forschung. 19) Einzig und allein
       in einer heute sichtbar werdenden dezidierten Hinwendung zum Pra-
       xiszusammenhang der   S o z i a l p o l i t i k  nimmt die fakti-
       sche Politisierung der Soziologie bewußtere Formen an. 20)
       Nun kann  man zwar davon ausgehen, daß es zumindest in Westeuropa
       auf absehbare  Zeit keine Alternative zu einer staatsmonopolisti-
       schen Reform-  und Integrationspolitik in Gestalt einer bürgerli-
       chen Demokratie mit mehreren Massenparteien und relativ autonomen
       Gewerkschaften geben  kann. Doch  bedeutet dies  noch  nicht  die
       Festlegung auf  eine bestimmte  Ausprägung des  Sozialstaats bzw.
       der Sozialpolitik,  zumal hier  massive Rücknahmen anstehen und -
       ausgehend von den USA - eine aggressive Militarisierung der Regu-
       lierungsapparate zu  verzeichnen ist.  Insofern stehen der Sozio-
       loge in der allgemeinen Wirtschaftskrise auch dann, wenn sie sich
       bewußt zu politisieren beginnt, auf den ersten Blick Einbettungs-
       möglichkeiten in  verschiedene politische Krisenlösungsstrategien
       zur Verfügung. Diese Strategien stehen historisch selbstverständ-
       lich in  einem Konkurrenzverhältnis  und besitzen folglich unter-
       schiedliche Zukunftschancen;  sie  sollen  hier  im  folgenden  -
       "gewichtet" -  in ihrem  Verhältnis zur Soziologieentwicklung zu-
       mindest erwähnt werden.
       
       3.1 Die "sozialreformistische" Krisenlösungsstrategie
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       Diese Strategie  richtet sich  zwar nicht  auf  die  ökonomischen
       Grundlagen der  Krise, also  auf die Reproduktionsschwierigkeiten
       des Kapitalismus,  und sie  vernachlässigt auch  die Gefahren der
       Militarisierung; mit  ihren Konzepten der Stärkung des Staatssek-
       tors, der  bewußten Steuerung  der gesellschaftspolitischen  Ent-
       wicklung, der Zurückdrängung der Regulierungsfunktionen des Mark-
       tes usw. bewegt sie sich aber auf dem Boden nicht nur der kapita-
       listischen, sondern  auch der transsystemaren Vergesellschaftung.
       Das heißt, diese Strategie enthält zumindest den Versuch, gesamt-
       gesellschaftlich anzusetzen,  gesellschaftliche Zusammenhänge be-
       wußt zu  steuern, und sie ist damit auch für Entwicklungsmöglich-
       keiten über die Systemgrenzen hinaus offen. Eine solche Offenheit
       aber gehört  auch zur  Minimalausstattung soziologischer  Theorie
       und Forschung,  so daß eine "sozialreformistische" Krisenlösungs-
       strategie in diesem Sinne zunächst einmal auch als ihr "normales"
       intellektuelles Milieu gelten kann.
       Hier sei noch einmal an den Bamberger Soziologentag erinnert. Die
       Programmatik des  Themas "Krise der Arbeitsgesellschaft?" war si-
       cherlich vom  sozialdemokratischen Konzept  einer neuen  Arbeits-
       zeitpolitik bestimmt,  vom Konzept  einer "Umverteilung  der  Ar-
       beit", um  "die drohende  Konfrontation zwischen Arbeitsbesitzern
       und Arbeitslosen"  zu verhindern,  Produktivitätsfortschritte be-
       schäftigungspolitisch auszugleichen  und nach Möglichkeit die Ar-
       beit zu  humanisieren. 21)  Zugleich entsprach  das Programm  den
       Forderungen der  Sozialdemokratie nach "neuen Mustern für Staats-
       interventionen in  einer modernen  Volkswirtschaft",  nach  einer
       "Theorie der Sozialpolitik, die auf die heutigen Probleme bezogen
       ist". 22)
       Einerseits wurde  denn auch  in den Verhandlungen dieses Soziolo-
       gentages die  für das  Kapital noch - bei entsprechender Lohnsen-
       kung -  akzeptable Integrationsstrategie der Umverteilung des Ar-
       beitsvolumens bei  gleichzeitiger Aufwertung des privaten Alltags
       außerhalb der  Arbeitswelt ("Wertewandel") sichtbar. Andererseits
       aber wurde  auch Systemveränderung  thematisierbar und  konkreti-
       sierbar: das  Hinüberwachsen in  einen Zustand, in dem Arbeit und
       Freizeit nicht mehr ohne weiteres getrennt, warenmäßig entfremdet
       zueinander stehen.  "Unsoziologisch" war,  daß diese Fragen gemäß
       den Prämissen traditioneller sozialdemokratischer Sozialstaatspo-
       litik unter  Ausklammerung des Rüstungsetats und insbesondere der
       Möglichkeit der  Intervention in  der Produktionssphäre, der Mög-
       lichkeit einer  "Produktionspolitik" diskutiert wurden. Doch kann
       in einer  - zumal  aus der Opposition heraus geführten - Grundla-
       gendiskussion auf  Dauer nicht  vergessen werden, daß die Kernbe-
       reiche soziologischer Forschung sich eben nicht nur auf Sozialpo-
       litik, sondern  auch auf "Industrie- und Betriebspolitik" umlegen
       lassen und daß dabei aus dem Doppeltrend von kapitalistischer Ra-
       tionalisierung und  Massenarbeitslosigkeit auch  die  politischen
       Perspektiven einer  durch  Produktivitätsfortschritte  erreichten
       realen Freisetzung  von Arbeitsvermögen  herausgearbeitet  werden
       können.
       Sozialreformistische Krisenlösungsstrategie  bedeutet auch  immer
       noch  Berücksichtigung  gesellschaftlicher  Interessengegensätze.
       Sie beschränkt damit tendenziell den Größenwahn, der in einem Ex-
       pertentum steckt,  das gesellschaftliche Praxis nur als Widerpart
       und nicht  als Moment  der eigenen Tätigkeit reflektiert und des-
       halb "interessenneutral",  "sachgesetzlich" in  die  Wirklichkeit
       eingreifen zu können glaubt. Dort, wo dem Großkapital die Zurück-
       drängung der sozialdemokratischen Strategie opportun erschien und
       gelungen ist,  kann eine aus der Opposition heraus geführte - und
       deshalb rücksichtslosere - Grundlagendiskussion auch die bisheri-
       gen Diskussionen  um eine professionelle Krise der Soziologie, um
       die Folgen  ihrer "Vertreibung  aus dem Elfenbeinturm" und um die
       Modalitäten der Anwendung soziologischen Wissens beeinflussen.
       Es ist  schon klar geworden, daß es nicht ausreicht, die Adressa-
       ten allem im administrativen Milieu zu suchen. Soziologische Kri-
       tiker der  Profession verlangen,  daß man sich als Experte zumin-
       dest in  die Rolle  eines Anwalts begeben sollte, der sich, unter
       Umgehung der Werturteilsfrage, "mit einem gewissen Dezisionismus,
       also ohne Anspruch auf den Besitz von Wahrheit oder die Anwendung
       objektiver Kriterien  im jeweiligen Fall, für die Verbreitung be-
       stimmter Fakten  und Überlegungen  einsetzt". 23) Ja, es wird als
       professionelle Strategie  die "Achtung  vor der Selbstbestimmung,
       Selbstverwaltung und Selbstverwirklichung soziologischer Erkennt-
       nisobjekte" und  ein "Bezug  soziologischer Erkenntnis und sozio-
       logischer Praxis auf die Lebenswirklichkeit der Betroffenen" ver-
       langt. 24)  Doch reichen  solche Annäherungen  angesichts der si-
       cherlich ebenfalls  in der sozialdemokratischen Strategie enthal-
       tenen Erfahrung  nicht aus,  daß Interessen sich gesellschaftlich
       erst in  organisierter Form durchsetzen lassen. Die "Betroffenen"
       haben ja  als arbeitende Bevölkerung eine Geschichte der bewußten
       Gestaltung ihres  eigenen Lebens hinter sich, in welche sich auch
       die soziologische  Intelligenz  ohne  Gesichtsverlust  einklinken
       könnte.
       Es geht  also um  die produktive Verbindung zu den Organisationen
       der Arbeiterbewegung,  insbesondere zu  den Gewerkschaften  - und
       das heißt auf der Ebene der im Fachzusammenhang zu vereinbarenden
       thematischen Orientierungen  derzeit vor  allem:  Der  durch  die
       staatliche Forschungspolitik  auf gezwungene  Übergang von  einer
       "produktionspolitischen" (Humanisierung des Arbeitslebens) zu ei-
       ner "sozialpolitischen"  Orientierung kann  nicht bewußtlos nach-
       vollzogen werden. "Sozialpolitik" nämlich, die erklärtermaßen al-
       lein der  Erhaltung und  dem Ausbau  der "internationalen Wettbe-
       werbsfähigkeit der  deutschen Wirtschaft" dienen soll, führt ohne
       Rückvermittlung auf  Fragen des  Wie und  Was der Produktion, auf
       Fragen der  Arbeitsbedingungen und  der Rangfolge  der Interessen
       und Bedürfnisse  aus der Sicht der arbeitenden Bevölkerung in die
       Bedingungen der  Möglichkeit dessen  hinein,  was  Franz  Neumann
       "totalitäre Monopolherrschaft" genannt hat. 25)
       Auf die antagonistischen Interessengegensätze in der Produktions-
       sphäre müssen  letztlich (wobei sich in den Vermittlungsschritten
       das Forschungsfeld  der Soziologie in einer historisch einmaligen
       Attraktivität auftut)  auch jene Positionen zurückgeführt werden,
       mit denen  heute ein  größerer Teil der Intelligenz, insbesondere
       aus dem öffentlichen Dienstleistungsbereich, aus ihrer objektiven
       Übergangsfunktion heraus  26) sympathisiert:  Einheit von Selbst-
       verwirklichung und kollektiver Solidarität (gegenüber dem bürger-
       lichen Konkurrenzprinzip),  Harmonisierung des Verhältnisses zwi-
       schen den Naturgrundlagen menschlicher Vergesellschaftung und dem
       Produktionsprozeß, Rebellion  gegen die  Trennung zwischen  einer
       instrumentalisierten und sinnentleerten Arbeitszeit und einer vom
       privaten Konsum  dominierten Freizeit,  die Forderung  nach einem
       Frieden ohne  Waffen und  die Verfechtung des Grundsatzes der di-
       rekten Demokratie.
       Schließlich gehört  in den  Kontext  einer  sozialreformistischen
       Krisenlösungsstrategie auch  die Art und Weise, wie sich das Fach
       Soziologie seine Theorieentwicklung zu organisieren versucht hat.
       Nach der  sicherlich durch  die gesellschaftstheoretische Brisanz
       des Soziologentags  von 1968  bewirkten langen Tagungspause stand
       Kassel 1974  im Zeichen eines  T h e o r i e v e r g l e i c h s.
       Verschiedene Ansätze  - Systemtheorie,  Verhaltenstheorie, Kriti-
       sche Theorie, Interaktionstheorie und historisch-materialistische
       Theorie -  sollten sich in der Auseinandersetzung mit dem Konzept
       der Evolution  bewähren. Das  war ein hochabstraktes Konzept, dem
       man praktischen  Bezug nur  in der Eskamotierung des Gedankens an
       Revolution zugestehen  konnte. Auf  der anderen  Seite sollte mit
       dem Theorievergleich offensichtlich - auf dem Höhepunkt der Inan-
       spruchnahme der  Soziologie für  sozialliberale Politikberatung -
       ein eminent  praktisches Bedürfnis  befriedigt werden:  Ein Markt
       der Theorien  sollte hergestellt werden, auf welchem die soziolo-
       gischen Praktiker  Entscheidungshilfen darüber  bekommen konnten,
       "in welcher  Theorie-Sprache sie ihr Problem formulieren und des-
       sen Lösung  suchen wollen".  27) Die seitherige Geschichte dieser
       Theorienkonkurrenz in  praktischer Absicht  ist mehr  als enttäu-
       schend. 28)  Ratlosigkeit als  theoretische Schlüsselattitüde ist
       in den  offiziellen Habitus des Fachs eingegangen: Das heißt, die
       Praxis ist  in die  Theorieentwicklung eingedrungen, ohne daß ihr
       nennenswerter Widerstand  in Gestalt  eines ernstzunehmenden  Be-
       griffs  von  gesellschaftlicher  Praxis  entgegengebracht  wurde.
       Einen solchen  Begriff vertreten ja allenfalls, und in dieser Ei-
       genschaft werden  sie dann  auch hofiert,  "Anti-Soziologen"  wie
       Helmut Schelsky  und Friedrich H. Tenbruck, die wenigstens darauf
       verweisen können, wie die wirklichen Kräfteverhältnisse in dieser
       unserer Gesellschaft (noch) beschaffen sind. 29) Vollends verkom-
       men mußte  die Theoriediskussion  dann in  Bamberg, als  man z.T.
       prominente Theoretiker  des Fachs dazu zwang, sich mit dem alber-
       nen Thema "Soziologische Theorien zwischen Zeitdiagnose und Suche
       nach universellen Prinzipien" zu beschäftigen, so als ob sich der
       G e g e n s t a n d  der Soziologie endgültig verflüchtigt hätte.
       Damals, in Kassel, wäre die Theoriediskussion vermutlich vorange-
       kommen, wenn  man Themen  aus der  damaligen gesellschaftspoliti-
       schen Praxis,  etwa zu  einer "aktiven  Strukturpolitik" oder zur
       Bestimmung von  - Lebensqualität"  gestellt hätte. Heute müßte es
       schon das Thema "Kriegsursachen" sein, das Theoretiker und sozio-
       logische Praktiker  auf dem  Laufenden hielte. Leider aber gehört
       das praktisch-politische  Interesse an  solchen Themen ebenso zur
       Tradition des  Sozialreformismus wie  ihre opportunistische  Ver-
       nachlässigung.
       
       3.2 Die "konservative" Krisenlösungstrategie
       --------------------------------------------
       
       Was ihren  derzeitigen, staatsfinanzaufwendigen Forschungsapparat
       betrifft, geht  die Soziologie  unter  einer  konservativen  For-
       schungspolitik  selbstverständlich  schlechten  Zeiten  entgegen.
       Stärkung des Marktes auf Kosten des Staates, Entlassung wichtiger
       Bereiche der  Gesellschaftspolitik aus  der Steuerung, Ausbau des
       Repressionsapparates (Stichwort  "Polizei"), Zerstörung des sozi-
       alstaatlichen Netzes  zugunsten von  Rüstungsausgaben, Aufblähung
       des Militär-Industrie-Komplexes: In den USA hat das alles bereits
       (neben der  schon erwähnten  Gefährdung der  Mittel für nationale
       Datensätze, Forschungszentren  und für  die Graduiertenförderung)
       zu Befürchtungen  Anlaß gegeben, man wolle die "Wissenschaft" aus
       den  Sozialwissenschaften  entfernen  und  durch  "Ideologie  und
       Selbstgerechtigkeit" ersetzen.  30) Ähnliches  will auch der neue
       Bundesforschungsminister, wenn  er  sich  von  den  Sozialwissen-
       schaftlern nur  noch Unterstützung  bei  der  Durchsetzung  neuer
       Technologien ("technology  assessment") erhofft und sie ansonsten
       auffordert, in  den ihnen  verbleibenden Nischen endlich wieder -
       praxisfern - "substantielle Bücher" zu produzieren. 31)
       Und in der Tat, der Soziologie bleiben im konservativen Milieu im
       wesentlichen nur  zwei Betätigungsfelder.  Das eine  ist  relativ
       neu. Es erwächst aus der Entwicklung der elektronischen Datenver-
       arbeitung und wird bestimmt durch die weitgehende Militarisierung
       dieses Bereichs  (dessen Verwissenschaftlichung  die  beteiligten
       Wissenschaftler notwendig  in die militärische Geheimhaltung hin-
       einzieht). Bestimmte  "kybernetische", "systemtheoretische"  For-
       schungsrichtungen finden  hier ein lukratives Anwendungsfeld, das
       wiederum eine  kommunikations-, informations-  und steuerungswis-
       senschaftliche Reife  ermöglichen dürfte, die sich auf andere An-
       wendungsgebiete computergestützter Kommunikationswissenschaft be-
       schleunigend auswirken kann, etwa in der Qualifizierung von Zivi-
       listen und  Soldaten im Militärapparat und schließlich im Ausbil-
       dungswesen insgesamt.  32) Hinzu  kommt, daß  solche Trends nicht
       nur  etwa   die  psychologische  Kriegsführung  "verwissenschaft-
       lichen", sondern  ganz allgemein  das Instrumentarium der Techno-
       logien der  Bewußtseinsbeeinflussung auf eine höhere Stufe heben.
       Das verlangt  ein größeres  inhaltliches Angebot. Damit aber wird
       ein zweites,  traditionsreiches  Betätigungsfeld  der  Soziologie
       auch  unter  konservativen  Vorzeichen  wieder  interessant:  die
       Ideologieproduktion.
       Es läßt  sich nicht von der Hand weisen, daß konservative Ideolo-
       gien innerhalb des Faches an Boden gewinnen. Die letzten Soziolo-
       gentage zeigen  das deutlich.  Der offene Anti-Kommunismus trifft
       kaum noch  auf Widerstand,  ob Sven-Gustav  Papcke einen "linken"
       Antikommunismus fordert  33) oder  ob Erwin K. Scheuch 1979 West-
       Berlin die  DDR schlechthin  als "deutsche Industriegesellschaft"
       vereinnahmt 34)  oder ob  schließlich in  Bamberg,  obgleich  der
       Marxsche Arbeitsbegriff  überall das Reden über Arbeit bestimmte,
       kaum  einer   der  Referenten   ohne  eine  Invektive  gegen  die
       "orthodoxen Marxisten"  auskam. Gutes  Gewissen schafft  die ver-
       meintliche Gefahr  der "Unterwanderung", auch bei der offenen Un-
       terstützung von Theorie- und Berufsverboten. Die These vom Gegen-
       satz zwischen  "überzogener" Gleichheit  und (bürgerlicher) Frei-
       heit, von Schelsky einst wieder in die Debatte geworfen, wird von
       Liberalen wie Dahrendorf weiterpropagiert. 35) F.H. Tenbruck (und
       in diesem Punkt viele andere mit ihm) wendet sich schon seit lan-
       gem gegen eine umfassende Reformpolitik mit der Möglichkeit über-
       greifender soziologischer  Theoriebildung und  gesellschaftlicher
       Planung und  René König  verlangt die  Rückkehr  zur  Popperschen
       "Stückwerk-Technologie". 36)  Viele andere  Stichworte wären fäl-
       lig. 37)  Das alles ist verbunden mit dem Entstehen privater For-
       schungsinstitute und  Forschergruppen, die in die Rolle konserva-
       tiver Think-Tanks und ihrer Besatzungen hineinwachsen wollen.
       Wie bewußt  die konservative ideologische Offensive geplant wird,
       zeigt beispielsweise  die Absicht der Thyssen-Stiftung, unter der
       unschuldigen Forschungsfrage  "Gibt es  eine Leipziger Schule der
       Soziologie?" in der Geschichtsschreibung der Soziologie neben den
       sogenannten "Kölner"  und "Frankfurter" Schulen eine weitere Tra-
       ditionslinie langfristig  und dauerhaft  zu verankern. Dabei geht
       es nicht  um die  Rettung einer "Schule", von der jeder weiß, daß
       es sie  nie gegeben  hat, sondern  um die Rettung eines Spektrums
       philosophisch-ideologischer Möglichkeiten, das mit Namen wie Hans
       Freyer, Theodor  Litt, Joachim Wach, Hugo Fischer, Günther Ipsen,
       Heinz Pfeffer,  aber auch  Carl Schmitt, Ernst Forsthoff, den Ge-
       brüdern Jünger,  selbstverständlich Arnold Gehlen und dann Helmut
       Schelsky und  schließlich mit  einer Reihe  jüngerer Ungenannter,
       die auf  dieser Grundlage  noch wirken wollen, verbunden ist. Die
       eigentlich  abgeschlossene   Destruktion  dieser  Traditionslinie
       (welche die  Verdienste vieler  jener  Autoren  nicht  schmälert)
       durch Schriften  wie Georg  Lukacs' "Die Zerstörung der Vernunft"
       soll durch  ein "Eindringen in die Vorurteilsstruktur" fachlicher
       Selbstverständigung rückgängig  gemacht werden;  man will  "große
       Themen" wie  das Verhältnis von "Volk" und Gesellschaft nicht den
       "linken" Soziologen  überlassen, und man denkt bei Leipzig natür-
       lich auch  an das  "Gesamtdeutsche" in  der Soziologie;  auch der
       "atlantischen" Bindung  ist man sich bewußt, wenn man betont, daß
       die offiziöse  Geschichte der  deutschen Soziologie  nicht in der
       BRD, sondern in den USA geschrieben wird. 38) Verstehend, lebens-
       philosophisch, irrationalistisch,  institutionistisch, ausgerich-
       tet auf einen disponiblen, opportunistischen Individualismus, der
       seine' innerweltlichen Chancen hart auf der Grundlage der Vertei-
       digung des  Bestehenden kalkuliert:  Solche Intellektuellen  wird
       man auch künftig brauchen, und so produziert die Thyssen-Stiftung
       ihnen mit einem gewissen Zynismus ihre Geschichte.
       
       3.3 Die "alternative" Krisenlösungsstrategie
       --------------------------------------------
       
       Da lobt  man sich  fast den  der Geschichte  entgegenzubringenden
       "Eigensinn" von  Negt und  Kluge oder gar Sloterdijks "Kritik der
       zynischen Vernunft"  39) als  Versuche, dem in der Wissenschafts-
       entwicklung angelegten  Antagonismus, der  sich auch im Gegensatz
       "sozialreformistischer" und  "konservativer" Soziologieprogramma-
       tik ausdrückt,  auf "alternative"  Weise zu entgehen. Solche Kri-
       senlösungstrategien des  Weder/Noch entstammen im allgemeinen ge-
       sellschaftlichen Gruppen,  die insofern  eine Funktion  in  Über-
       gangsprozessen haben, als sie nicht mehr für die aktive Verteidi-
       gung des  Bestehenden und sozusagen schon für den passiven Wider-
       stand zugunsten der Systemveränderungen zu gewinnen sind. Typisch
       für solche  Positionen ist  beispielsweise eine  Aussage auf  dem
       Kongreß "Zukunft  der Arbeit"  vom Herbst  1982: Da die Mächtigen
       heute so  mächtig seien,  daß man  an sie nicht herankomme, seien
       nicht gegen sie gerichtete Strategien, sondern ausschließlich So-
       lidarisierungstrategien unter den Abhängigen auf die Tagesordnung
       zu setzen. Jener Kongreß war ohnedies nicht nur als wissenschaft-
       licher Vorbereitungskongreß  für die  parlamentarische Rolle  der
       Grünen angesetzt  worden, sondern  von einigen Soziologen, welche
       "Vermittlungs- bzw.  theoretische Führungspositionen"  40) in den
       neuen sozialen  Bewegungen anzielen,  auch als politischer Vorbe-
       reitungskongreß für  den Bamberger  Soziologentag konzipiert. 41)
       Die Formeln des dort und anderswo entwickelten gesellschafts- und
       wirtschaftspolitischen  Konzepts  sind  bekannt:  eine  dualwirt-
       schaftliche Strategie  der Abkoppelung sinnvoller, nicht-entfrem-
       deter  "basisökonomischer"   Tätigkeiten  vom   formellen  Sektor
       (dessen Entfremdungslast  durch egalitaristische Verteilung mini-
       miert werden  soll); eine  linke Variante des Subsidiaritätsprin-
       zips: die  Strategie der  Selbstregulierung unter Ausblendung der
       Entwicklungsproblematik des Sozialstaats usw.
       Insgesamt handelt  es sich hier um experimentierende Konkretisie-
       rungen von Positionen, die, wie gesagt, für einen großen Teil der
       Intelligenz aus  dem öffentlichen  Dienstleistungsbereich Geltung
       gewonnen haben.  Bezüglich der  Soziologieentwicklung ist  allen-
       falls festzuhalten,  daß diese  Positionen wissenschaftlich  mit-
       hilfe eines  methodologischen Anarchismus  bewegt werden, der auf
       die Verabsolutierung  einer subjektivistischen  Erkenntnishaltung
       hinausläuft: Interessante  Problemstellungen  unter  Einbeziehung
       neuester Informationen  und neuesten  Klatsches werden  möglichst
       unsystematisch (und/möglichst  auf mehr  als tausend  Seiten oder
       ganz kurz,  als Thesen)  auf den  akernativen Markt geworfen. Als
       Beispiele für  diese Erscheinungsform  "alternativer  Soziologie"
       seien "Geschichte  und Eigensinn"  von Oskar  Negt und  Alexander
       Kluge 42)  sowie Michael Vesters "Thesen zur Klassen- und Schich-
       tenstruktur und  zu den Entwicklungsperspektiven der neuen sozia-
       len Bewegungen"  unter dem  Titel "Von neuen Plebejern, Emanzipa-
       tion und  Massenstreiks" 43)  genannt. Die wissenschaftliche Aus-
       einandersetzung mit  solchen Positionen ist schwierig: Einerseits
       ist man versucht, gewissermaßen nach dem Modell des Anti-Dühring,
       die Widersprüchlichkeit solcher Texte weitausholend einfürallemal
       nachzuweisen; andererseits  entziehen sich die Autoren der Kritik
       immer wieder  mit dem Hinweis, sie experimentierten ja nur im La-
       boratorium der  menschlichen Eigenschaften  herum. Der Primat der
       Praxis wird  damit zu einer Methode der Wirklichkeitsbewältigung,
       nach der  alles nur darauf ankomme, sich immer an der interessan-
       testen Stelle  gesellschaftlicher Bewegung  aufzuhalten. Oder wie
       Vester es  im Schlußsatz seiner Thesen formuliert: "Vor allem un-
       ser Politikbegriff  bedarf einer  Revision (vergleiche die Bonner
       Demonstrationen!)."
       
       4. Krisenüberwindung als Systemveränderung?
       -------------------------------------------
       
       Die Revision  des Politikbegriffs  ist der  Soziologie allerdings
       durch ganz  andere Bonner  Aktivitäten aufgezwungen worden, durch
       die Bonner "Sparmaßnahmen" nämlich. Wenn heute die entscheidenden
       Bedingungen der sozialen Funktion von Wissenschaft und damit auch
       zum Verhältnis  von Intellektuellen  und Massen  tatsächlich  i m
       S t a a t s h a u s h a l t   festgelegt werden, so muß es zu ei-
       ner Wissenschaftspolitik  im Sinne  einer von  den Wissenschaften
       ausgehenden Fachpolitik  kommen, die sich um die Spielregeln küm-
       mert, denen  die Verteilung der öffentlichen Finanzen unterworfen
       ist. Das  Problem der  privatmonopolistischen Aneignung eines we-
       sentlichen Teils  des gesellschaftlich  erzeugten Reichtums steht
       dann auch für die Soziologie als "Existenzproblem" auf der Tages-
       ordnung. "Alternative" Lösungen liegen in einem solchen Fall zwar
       nahe, können  sich aber  um die  Frage des Privateigentums an den
       Produktionsmitteln experimentierend  herumstehlen und tragen des-
       halb nicht.  "Sozialreformistische" Lösungen enthalten die Option
       für den  Sozialstaat und  damit für  eine gesellschaftliche  Kon-
       trolle privatmonopolistischer  Aneignungsmacht;  auch  "Konserva-
       tive" sehen  das Problem,  optieren aber für einen Wertewandel im
       Sinne der  Herstellung eines  kapitalfreundlichen Konsensus  über
       die gesellschaftliche Bedeutung des Staatshaushalts: so schwankte
       die Stimmung  auf dem  Bamberger Soziologentag denn auch zwischen
       einem "Hauch  von Großer  Koalition"  44)  und  einem  Hauch  von
       Revolution.
       Einige Fragen,  die wir  dort gestellt  hatten, 45)  gelten  auch
       heute noch: Wird es ausreichen, durch die Akzentuierung der sozi-
       alstaatlich-sozialpolitischen Option  der Soziologie  eine Finan-
       zierung ihres  Forschungsapparats zu sichern? Wird es nicht immer
       wichtiger herauszuarbeiten,  daß die sozialstaatliche Perspektive
       nicht mehr  auf die billige Weise realisiert werden kann, daß sie
       vielmehr zu  einer grundlegenden Revision der Verteilungsregelung
       der öffentlichen  Finanzen insbesondere  zuungunsten der Militär-
       ausgaben und  damit zu  einer friedenspolitischen  Option zwingt?
       Wird es  ausreichen, den  Bereich alternativer  Werte und Verhal-
       tensformen als  Erweiterung des  Interventionsspielraums und  als
       Legitimationsfolie für  eine "neue  Sozialpolitik" und nicht auch
       als Möglichkeit  der Systemveränderung  im Sinne  der Überwindung
       der wechselseitigen  Entfremdung von  Arbeit und Freizeit begrei-
       fen? Wird  es ausreichen, die Folgen des wissenschaftlich-techni-
       schen Fortschritts  für die "Arbeitsgesellschaft" zu konstatieren
       und nicht wahrzunehmen, daß im Augenblick - und zwar von den ver-
       schiedensten Seiten,  selbst gelegentlich aus Teilen der Alterna-
       tivbewegung heraus  - der Versuch gemacht wird, die Arbeiterbewe-
       gung hinter  alle Errungenschaften,  die sie  in ökonomischen und
       sozialen Auseinandersetzungen schon erreicht hat, zurückzuwerfen?
       Der Kampf um den Staatshaushalt, um eine der internationalen Kon-
       kurrenzlage des Monopolkapitals angemessene Form des integrieren-
       den Sozialstaats, findet heute, da eine neue nach rechts verscho-
       bene Konsensbasis  gefunden werden  soll, in  gewisser Weise  als
       S o z i a l s t r u k t u r p o l i t i k   statt. Das heißt, die
       Möglichkeiten sozialstruktureller Differenzierung, des Ausreizens
       der Interessen  verschiedener Gruppen  und Schichten der Bevölke-
       rung usw. werden mit zunehmender Bewußtheit ausgeschöpft; hieraus
       erklären sich  die Verschiebungen  im Parteienspektrum  zumindest
       ebenso wie  aus der  Entwicklung objektiver Klassenlagen. Die So-
       ziologie ist  in dieses  Spiel der Funktionalisierung der Sozial-
       struktur im  Kapitalverwertungsinteresse in besonderer Weise ver-
       strickt, auch  im Sinne  ihrer besonderen Kompetenz für derartige
       Aktivitäten. Auch  wenn die Sozialstrukturforschung zu stagnieren
       scheint, 46)  ist unübersehbar,  daß in diesem Punkt Politikbera-
       tung, ob ausgehend von Daniel Bell oder von Alaun Touraine, groß-
       geschrieben   wird.    Zugleich   wird   über   die   Frage   der
       "sozialstrukturpolitisch" Betroffenen  hinaus die  Frage nach dem
       sozialstrukturellen Ort der soziologischen Intelligenz akut.
       Wir sehen,  daß konservative und reaktionäre Kräfte in die Arbei-
       terbewegung und in die Alternativbewegung desorientierend hinein-
       wirken und  dabei an  partikulare Gruppeninteressen und bestimmte
       negative Erfahrungen  mit der  "Industriegesellschaft" anknüpfen.
       Zweifellos kann  eine sozialstaatliche  Politik nur weiterentwic-
       kelt werden,  wenn die sozialen Gruppen und Bewegungen in der Be-
       völkerung, die  auf die  Sicherung des Arbeitsplatzes und der so-
       zialen Leistungen angewiesen sind, sich solidarisieren, integrie-
       ren, politisch  in Bewegung  kommen. Insofern  ist auch  für eine
       "finanzpolitisch" im sozialstaatlichen Kontext verortete soziolo-
       gische Profession die Integration von Arbeiterbewegung und Alter-
       nativbewegung ein entscheidend wichtiges Thema. Dann muß man sich
       aber auch  fragen, wo, gerade unter sozialpolitischem Aspekt, das
       Gemeinsame zwischen  der "alten"  und der "neuen" Bewegung liegt.
       "Arbeitszeitpolitik" wird  ein zentraler Diskussionspunkt, an dem
       beide Seiten  voneinander lernen,  an dem sie aber auch gespalten
       werden können (z.B. von der demagogischen Polarisierung: hier Ar-
       beiter, dort Faulenzer). 47) "Friedenspolitik", zu der in der so-
       ziologischen Forschungstradition  vieles aufzuarbeiten  wäre, ist
       ein weiterer entscheidend wichtiger Punkt, an dem sich die besten
       Traditionen der  Arbeiterbewegung mit den fortschrittlichsten Po-
       sitionen der  neuen sozialen  Bewegungen treffen.  Gelänge es, in
       den notwendigen  nächsten Schritten  auf dem  Weg zum allgemeinen
       Ziel der Atomwaffenfreiheit und Blocküberwindung zwischen Gewerk-
       schaften und  Alternativbewegung auch mithilfe soziologischer Ar-
       gumentation einen Konsens herzustellen, ließe sich auch eine ganz
       andere Sozialpolitik durchsetzen, damit auch ein viel höheres Ni-
       veau der  Verwissenschaftlichung der  Politik, damit auch ein hö-
       heres Arbeitsplatzangebot für Sozialwissenschaftler usw..
       Man kann  diesem Gedanken auch unter dem Aspekt der gesellschaft-
       lichen Steuerung  des  wissenschaftlich-technischen  Fortschritts
       nachgehen: Soziologieentwicklung  ist auch  insofern in  den Gang
       der staatlichen  Forschungs- und  Technologiepolitik eingebunden,
       als diese in ihrer  i n d u s t r i e p o l i t i s c h e n  Wir-
       kung die Vermittlung von Wirtschafts- und Sozialpolitik unter den
       Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus bezweckt. Das
       heißt, Soziologie  bliebe eigentlich sehr nützlich bei der Beant-
       wortung einer  Frage, welche heute meist so gestellt wird: Welche
       sozialen und kulturellen Veränderungen folgen aus der sogenannten
       "dritten industriellen  Revolution", die letztlich nur in der ba-
       nal-schrecklichen Tatsache besteht, daß alle entwickelten kapita-
       listischen Industrieländer, und darunter insbesondere die westeu-
       ropäischen, unter  dem Druck  imperialistischer und  systemischer
       Konkurrenz auf  die  g l e i c h e  Technologiepolitik setzen? Es
       geht ja in allen Fällen tatsächlich um die gleichen wenigen tech-
       nologischen Spitzenbranchen:  Nukleartechnologie,  Datenverarbei-
       tung, Luft-  und Raumfahrt,  Roboterisierung,  Telekommunikation,
       Bio- und  Meerestechnik. 48) Diese scheinbar naturwüchsige Ökono-
       misierung des  wissenschaftlich-technischen Fortschritts,  welche
       die Krise  verschärfen   m u ß,  wird auch von gewerkschaftlicher
       Seite weitgehend  als unaufhaltsam angesehen. Die andere Form der
       Frage  nach  einer  industriepolitischen  Vermittlung  von  Wirt-
       schafts- und  Sozialpolitik: was ist der gesellschaftliche Inhalt
       der Fortsetzung  der "industriellen  Revolution" und wie kann sie
       geplant werden?  wird selten  gestellt. Auf  der Ebene  der  For-
       schungspolitik wäre  sie überdies nur in einem Prozeß der Klärung
       des Verhältnisses von Gesellschafts- und Naturwissenschaften for-
       mulierbar.
       Wenn in  der staatlichen  Forschungs- und Technologiepolitik (und
       in der  Bildungspolitik) -  wie das heute eklatant in den USA und
       zunehmend auch  in der  Bundesrepublik geschieht  -  der  gesell-
       schaftswissenschaftliche Steuerungs- und Verwissenschaftlichungs-
       anteil zurückgedrängt  wird und  diese Politiken  damit sozusagen
       naturwissenschaftlich  verkürzt   werden,  kann  Produktionspoli-
       tik/Industriepolitik letztlich  nur noch durch  e i n e n  Verge-
       sellschaftungsfaktor auf  dem notwendigen  Regulierungsniveau ge-
       halten werden: durch Militarisierung. 49) Und die Logik einer mi-
       litarisierten Industriepolitik führt in der imperialistischen und
       vor allem  in der  systemischen Konkurrenz notwendig nicht nur in
       eine Droh-  und Erpressungspolitik,  sondern, ausgehend  von  der
       produktionspolitischen Ermöglichung  der Führ-,  Begrenz- und Ge-
       winnbarkeit eines  ABC-Krieges, in  eine umfassende  Politik  der
       faktischen Kriegsvorbereitung.   D i e s e r  Vorgang der System-
       veränderung ist  heute das  entscheidende Problem, dem sich die -
       angesichts der  angesprochenen Dimensionen allerdings relativ un-
       bedeutende -  Fachdisziplin Soziologie auch in ihrer bürgerlichen
       Gestalt stellen, dessen Vermittlungsschritten zwischen Produktion
       und Überbau  beispielsweise sie  nachgehen muß. So oder so jeden-
       falls ist die gesellschaftliche Praxis des Kampfes um den Frieden
       ein Moment der Fachentwicklung der Soziologie geworden.
       
       _____
       *) Die folgenden Überlegungen wären ohne die Diskussionen in mei-
       nem Oberseminar  und insbesondere  mit Thomas Mies nicht zustande
       gekommen -  auch wenn  ich für Inhalt und Form allein verantwort-
       lich bin.
       1) Zu den  weiteren angewandten  Sozialwissenschaften, die  heute
       z.B. in den USA unter dem Druck einer reaktionären Wissenschafts-
       politik zusammenrücken müssen, gehören Psychologie, Ökonomie, De-
       mographie und  Politologie. Vgl. H.J. Krysmanski, Der Einfluß des
       Militär-Industrie-Komplexes auf  die amerikanische Wissenschafts-
       und Technologiepolitik,  in: Blätter für deutsche und internatio-
       nale Politik, 7/82, S. 841-860.
       2) Martin Nicolaus, The Professional Organization of Sociology: A
       View from Below, in: Nicholas M. Regush (ed.), Visibles and Invi-
       sibles. A  Primer for  a New  Sociological  Immagination,  Boston
       1973, S. 132 f.
       3) So Burkhart  Lutz in  seinem Vortrag "Gesellschaftliche Struk-
       turkrisen als  Herausforderung der  Soziologie" auf dem Bamberger
       Soziologentag.
       4) Vgl. Karl  Otto Hondrich, Entwicklungslinien und Möglichkeiten
       des Theorienvergleichs, in: M. Rainer Lepsius (Hrg.), Zwischenbi-
       lanz der  Soziologie. Verhandlungen des 17. Deutschen Soziologen-
       tags, Stuttgart 1976, S. 14-36.
       5) Sie können aus ihr etwas machen oder sie zerbrechen.
       6) K.H. Tjaden,  Naturevolution, Gesellschaftsformation,  Weltge-
       schichte, in: Das Argument 101, 19. Jg., Jan./Feb. 1977, S. 55.
       7) Davon zeugt beispielsweise auch das Ende des Starnberger "Max-
       Planck-Instituts zur  Erforschung der  Lebensbedingungen der wis-
       senschaftlich-technischen Welt",  dessen einschlägige Forschungen
       sowohl im Fach als auch beim zuständigen Direktor nur geringe Re-
       sonanz fanden.
       8) Vor allem aus den Jahren 1971 und 1972.
       9) Jürgen Habermas,  Klangfetzen fügen sich zu einer einzigen Me-
       lodie. Die  Kulturkritik der  Neokonservativen in  den USA und in
       der Bundesrepublik  / Über  eine Bewegung  von Intellektuellen in
       zwei politischen Kulturen, in: Frankfurter Rundschau, 3. Dezember
       1982, S. 10.
       10) Vgl. z.B. Daniel Bell, The Winding Passage. Essays and Socio-
       logical Journeys 1960-1980, New York 1980.
       11) Vgl. dazu  allgemein: Daniel Bell, Die Zukunft der westlichen
       Welt. Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt 1979.
       12) Vgl. z. B. Science, Vol. 211, S. 1397 ff.
       13) Vgl.  Alfons  Söllner,  Zur  Archäologie  der  Demokratie  in
       Deutschland. Analysen  politischer Emigranten  im  amerikanischen
       Geheimdienst, Frankfurt 1982.
       14) Joachim Matthes,  Soziologie: Schlüsselwissenschaft  des  20.
       Jahrhunderts?, in: ders. (Hrg.), Lebenswelt und soziale Probleme.
       Verhandlungen des  20. Deutschen  Soziologentages zu Bremen 1980,
       Frankfurt/New York 1981.
       15) Vgl. vor  allem die  Diskussionen aus  dem Themenbereich  II:
       Wertwandel, Politische Kultur und Arbeit.
       16) "Rufen wir  uns noch  einmal ins Gedächtnis, daß eine soziale
       Bewegung die  soziale Situation schafft und nicht auf sie antwor-
       tet, wie  es kollektives Verhalten tut. Die Forschungstechnik muß
       erlauben, das  Verhältnis der Akteure zur Praxis umzustürzen; un-
       ter dem  Verhalten, das  auf eine Situation antwortet, jenes Ver-
       halten zu  entdecken, das diese in Frage stellt .. . Genau das zu
       tun, hat  sich die  Methode soziologischer  Intervention zum Ziel
       gesetzt." Alain  Touraine, Soziale Bewegungen: Spezialgebiet oder
       zentrales Problem  soziologischer Analyse?,  Vortrag auf dem Bam-
       berger Soziologentag, zitiert nach dem Manuskript.
       17) Zur allgemeinen  Krisendebatte in  der Soziologie vgl. Thomas
       Luckmann, Philosophie,  Sozialwissenschaft und  Alltagsleben, in:
       Soziale Welt  24 (1973),  S. 137-168;  S. N.  Eisenstadt,  Einige
       Überlegungen zur  "Krise" in  der Soziologie,  in:  Kölner  Zeit-
       schrift für  Soziologie und  Sozialpsychologie 26 (1974), S. 473-
       491; Alvin  W. Gouldner,  Die westliche  Soziologie in der Krise,
       Reinbek 1974  (2 Bde.);  H.J. Krysmanski/P.  Marwedel (Hrg.), Die
       Krise in der Soziologie, Köln 1975; neuerdings: Ulrich Beck, Fol-
       geprobleme der  Modernisierung und die Stellung der Soziologie in
       der Praxis,  in: ders. (Hrg.), Soziologie und Praxis Sonderband l
       der "Sozialen  Welt", S.  1-23; Günter  Endruweit, Soziologie und
       Krise. Vorbemerkungen  der neuen  "Soziologie"-Redaktion, in: So-
       ziologie, Heft  1/1982, S.  11-15; eine umfassende Auswertung der
       Diskussion um  den Praxisbezug  der Soziologie  in den  siebziger
       Jahren in  der Bundesrepublik findet sich bei Vera Heitbrede, So-
       ziologie und Sozialpolitik in den siebziger Jahren. Anwendungsbe-
       zogene Grundlagenforschung  als  Praxisbezug  eines  akademischen
       Fachs im  Kontext sozialer  Erwartungen,  Magisterarbeit  Münster
       1983, der ich etliche Anregungen verdanke.
       18) Vgl. als  guten Überblick Reimund Emde, Sozialindikatoren und
       Systemvergleich, Campus Forschung Bd. 94.
       19) Vgl. Ulrich  Beck, Die Vertreibung aus dem Elfenbeinturm, in:
       Soziale Welt 31 (1980), S. 415-441.
       20) Vgl. Soziologie  und Sozialpolitik.  Sonderheft  19/1977  der
       Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, hrg. von
       Chr. v. Ferber und F.-X. Kaufmann, Opladen 1977.
       21) Willy Brandt in "Die Zeit" vom 9. Juli 1982, S. 23 f.
       22) Peter Glotz im "Vorwärts" vom 12. August 1982, S. 6.
       23) H. und M. Hartmann, Vom Elend der Experten: Zwischen Akademi-
       sierung und  Deprofessionalisierung, in:  Kölner Zeitschrift  für
       Soziologie und Sozialpsychologie 24 (1982). S. 223.
       24) Friedrich Fürstenberg,  Soziologie als "strategische" Wissen-
       schaft?,  in:  Österreichische  Zeitschrift  für  Soziologie,  VI
       (1981), S. 37.
       25) Franz Neumann,  Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalso-
       zialismus 1933-1944, Köln/Frankfurt 1977, insbes. S. 260 ff.
       26) Die Übergangsfunktion  wird in der Auseinandersetzung mit Da-
       niel Bell  sehr gut  in A.  Gärtner und F. Riessmarin, Der aktive
       Konsument in  der  Dienstleistungsgesellschaft.  Zur  politischen
       Ökonomie des tertiären Sektors, Frankfurt 1978, herausgearbeitet.
       27) Karl Otto Hondrich, a.a.O., S. 19.
       28) Vgl. Joachim  Matthes, Theorienvergleich in den Sozialwissen-
       schaften: Ein  Bericht über  die Diskussion seit dem Kasseler So-
       ziologentag, in:  K. M. Boke (Hrg.), Materialien aus der soziolo-
       gischen Forschung.  Verhandlungen des 18. Deutschen Soziologenta-
       ges vom  28. September  bis 1. Oktober 1976 in Bielefeld, München
       1978.
       29) Helmut Schelsky, Die Arbeit tun die anderen, München 1977; F.
       H. Tenbruck, Einführung in: M. Bock, Soziologie als Grundlage des
       Wirklichkeitsverständnisses, Stuttgart 1980.
       30) Science, Vol. 212, 17. April 1981 (Editorial)
       31) Forschungsminister Riesenhuber  in: Frankfurter Rundschau vom
       10. Dezember 1982, S. 14.
       32) Nachweisbar etwa  am Ausbau der pädagogischen Kapazitäten der
       Bundeswehrhochschulen. Vgl. M. Jopp, Bundeswehr und Gesellschaft,
       Frankfurt/M., New York 1983.
       33) S.G. Papcke,  Zur Legitimität  des Antokommunismus,  in: Neue
       Gesellschaft H. 5/1978 (25. Jhrg.), S. 387 ff.
       34) Tagesspiegel vom 19. April 1979.
       35) Ralf Dahrendorf,  Lebenschancen. Anläufe zur sozialen und po-
       litischen Theorie, Frankfurt 1979, S. 140.
       36) Vgl. R.  König, Gesellschaftliches Bewußtsein und Soziologie,
       in: Deutsche  Soziologie seit  1945. Sonderheft  1979 der  Kölner
       Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1979.
       37) Etwa aus  dem Vorspann  zu Habermas,  Klangfetzen fügen  sich
       ..., a.a.O.:  stille Kulturrevolution;  Mut zu  Erziehung, Fleiß,
       Gehorsam, Sauberkeit;  Sprachherrschaft der Intellektuellen; Ver-
       antwortung der  Schreibtischtäter für  den Linksterrorismus; Ende
       der avantgardistischen Kunst, Lob der Postmoderne; Mut zur natio-
       nalen Überlieferung,  zum moralisch  entlasteten Umgang  mit  der
       Vergangenheit;  Abwertung   der  Sozialkunde  zugunsten  des  Ge-
       schichtsunterrichts; Befreiung  der Wissenschaft  aus den Fesseln
       gesellschaftlicher Verantwortung; Abbau der sozialwissenschaftli-
       chen Fachbereiche  an den  Universitäten; Mut zu sozialer Auslese
       und Elitebildung;  Kritik der Gesamtschule; gegen die Psychologi-
       sierung des Alltags usw.
       38) Protokoll einer Arbeitstagung "Gab es eine 'Leipziger Schule'
       der Soziologie  und Sozialpsychologie?"  der Thyssen-Stiftung  im
       April 1982 in Aachen (und eigene Notizen).
       39) Frankfurt 1983
       40) Fred Karl, Zwischen Subkultur und alternativer Politik. Lite-
       ratur zu  den "neuen  sozialen Bewegungen", in: Blätter für deut-
       sche und internationale Politik, 7/1982, S. 861.
       41) Kongreß Zukunft der Arbeit. Materialienband, Bielefeld 1982.
       42) Oskar Negt  und Alexander  Kluge, Geschichte  und  Eigensinn,
       Frankfurt 1981; vgl. unsere Rezension "Alternative Wissenschaft?"
       in: Deutsche Volkszeitung Nr. 20, 13. Mai 1982, S. 11.
       43) Frankfurter Rundschau vom 5. April 1983.
       44) Hellmuth Lange  in  einem  Tagungsbericht  in  der  Deutschen
       Volkszeitung vom 11. November 1982.
       45) Die Krise des Sozialstaats und die Soziologie. Thesen zum So-
       ziologentag 1982 in Bamberg unter dem Titel "Krise der Arbeitsge-
       sellschaft?", in:  Blätter für  deutsche und internationale Poli-
       tik, 9/1982, S. 1128 f.
       46) Deutlich abzulesen an den Referaten des Themenbereichs I, So-
       zioökonomische Strukturprobleme  der industriell-kapitalistischen
       Entwicklung, des Bamberger Soziologentags.
       47) Vgl. C. Offe, K. Hinrichs, H. Wiesenthal (Hrg.), Arbeitszeit-
       politik. Formen  und Folgen  einer Neuverteilung der Arbeitszeit,
       Frankfurt/New York  1982; F.  Benseler, R.  G. Heinze,  A. Klönne
       (Hrg.), Zukunft der Arbeit. Eigenarbeit, Alternativökonomie? Ham-
       burg 1982.
       48) Krise als  Industrie- und  technologiepolitische Herausforde-
       rung. Ergebnisse  einer deutsch-französischen  Tagung  zum  Thema
       Wirtschaftsförderung und  Krisenbewältigung in Frankreich und der
       Bundesrepublik, Frankfurter Rundschau vom 18. April 1983.
       49) Rainer Rilling,  Militärische Forschung in der BRD, in: Blät-
       ter für deutsche und internationale Politik, 8/82, S. 938-967.
       

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