Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       GLOBALE PROBLEME DER GEGENWART UND ARBEITERKLASSE
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       Hellmuth Lange
       
       Am 8./9. Juni 1983 fand in Berlin (DDR) ein Symposium zum genann-
       ten Thema statt. Die Veranstaltung wurde gemeinsam durch drei In-
       stitute getragen:  Das IMEMO (Institut für Weltwirtschaft und In-
       ternationale Beziehungen  der  Akademie  der  Wissenschaften  der
       UdSSR, Moskau),  das IPW (Institut für Internationale Politik und
       Wirtschaft, Berlin/DDR)  und das  IMSF (Institut für Marxistische
       Studien und Forschungen, Frankfurt/M.). 1)
       Das Thema "globale Probleme" mag angesichts der zunehmend konkre-
       ter werdenden  Debatten über  betriebliche und  außerbetriebliche
       Probleme des kapitalistisch verfaßten technischen Fortschritts in
       der Bundesrepublik  zumindest unter Marxisten zwei Fragen aufwer-
       fen. 1)  Ist das  Thema selbst nicht zu global gestellt?; und 2):
       Abstrahiert  eine  derartige,  räumlich  bestimmte  Fragestellung
       nicht von der inhaltlichen Spezifik der jeweiligen sozialökonomi-
       schen Verhältnisse  als zentraler  Determinante  des  technischen
       Fortschritts -  um den Preis einer Annäherung an bürgerliche, vor
       allem konvergenztheoretisch orientierte Welt- und Katastrophenmo-
       delle?
       Das Gegenteil ist der Fall. Das Berliner Symposium bestätigte in-
       soweit, was  sich bereits  auf der  Grundlage des  Buches von  W.
       Sagladin/I. Frolow  (dt.: Globale  Probleme der  Gegenwart,  Ber-
       lin/DDR, Dietz  1982) und  entsprechender Artikel  in den letzten
       Heften der  Deutschen Zeitschrift für Philosophie abzeichnet: Das
       Thema "globale  Probleme" ist  nicht nur  kein allgemeiner Ersatz
       für die  konkrete Untersuchung  der Probleme  des  kapitalistisch
       verfaßten technischen  Fortschritts in  einem Land. Es bezeichnet
       vielmehr jene Vermittlungszusammenhänge im Verhältnis von wissen-
       schaftlich-technischer und gesellschaftlicher Entwicklung, zu de-
       ren Lösung zwar mit je nationalen Mitteln beigetragen werden muß,
       von deren Lösung jedoch andererseits nicht weniger als der inter-
       nationale Gesamtzusammenhang  der gesellschaftlichen  Entwicklung
       wie auch  die Qualität der Lösung nahezu jedes Einzelproblems auf
       nationaler Ebene  abhängt. Eine Theorie und Strategie des techni-
       schen und  gesellschaftlichen Fortschritts, die die globalen Pro-
       bleme vernachlässigt, greift daher von vornherein zu kurz.
       Was sind  "globale Probleme"?  Es sind jene Probleme, die erstens
       die gegenwärtigen und künftigen Lebensinteressen aller Völker und
       Staaten -  der kapitalistischen, der sozialistischen und der Ent-
       wicklungsländer - berühren und, falls keine Lösung gefunden wird,
       mit dem  Ende der Zivilisation als solcher oder mit ernsten Rück-
       schritten in  den Lebensbedingungen  und in  der Entwicklung  der
       Produktivkräfte einhergehen,  deren Überwindung  zweitens gemein-
       same Anstrengungen  und das  Handeln aller Völker der Welt erfor-
       dert, und  die drittens trotz der Schwierigkeiten, die einem sol-
       chen Handeln  entgegenstehen, schon  heute keinen  Aufschub  mehr
       dulden (Maximowa).  Es sind dies zumindest a) die Verhütung eines
       Atomkrieges, b) die Schaffung von Bedingungen zur Überwindung der
       nachkolonialen  Unterentwicklung  (Hunger,  Armut,  Bevölkerungs-
       wachstum), c) eine stabile und zukunftsträchtige Beherrschung des
       gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur (Ressourcen, Ener-
       gie, Intensivierung und Zyklisierung ihrer Nutzung, Umweltschutz)
       unter Einschluß  einer entsprechenden  Nutzung der  Weltmeere und
       des Weltraums und d) eine menschenwürdige Perspektive der Lebens-
       und Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums und der Entfaltungs-
       möglichkeiten seiner Persönlichkeit (Charakter der Arbeit und der
       Freizeit, natürliche und zivilisatorische Lebensbedingungen - Um-
       welt, Urbanisierung  etc. -,  Bewußtseins- und Verhaltensmuster).
       Jedes dieser  Probleme besitzt  sowohl eine  außerordentlich kom-
       plexe innere  Gliederung als  auch ein jeweils recht spezifisches
       Profil: Die  Probleme a) und b) betreffen vor allem die Beziehun-
       gen zwischen  den Nationen; das Problem c) betrifft vor allem die
       Dimension Mensch  - bzw. Gesellschaft - Natur; das Problem d) be-
       zieht sich vor allem auf die Dimension Individuum - Gesellschaft.
       Gleichzeitig berührt  jedoch die  Lösung jedes  einzelnen der ge-
       nannten Probleme  stets auch  die anderen  genannten Dimensionen.
       Hierbei verlangt  ihre  Lösung  immer  sowohl  spezielle  gesell-
       schaftspolitische als  auch spezielle wissenschaftlich-technische
       Anstrengungen und Voraussetzungen.
       Das Berliner  Symposium diente  der Aufgabe, erstens die Spezifik
       der globalen  Probleme in  möglichst differenzierter Weise zu er-
       fassen, zweitens  einzelne dieser Probleme in ihren gegenwärtigen
       und zukünftigen  Dimensionen näher einzugrenzen und drittens die-
       jenigen Konsequenzen  der globalen Probleme zu bestimmen, die die
       internationale Arbeiterbewegung betreffen.
       Der Verlauf  des Symposiums machte deutlich, daß der mit der The-
       menstellung "globale  Probleme" verbundene  "Ansatz" außerordent-
       lich tragfähig  und fruchtbar  ist, und  zwar sowohl hinsichtlich
       der Überwindung von Widersprüchen bürgerlicher Katastrophenszena-
       rios der  Menschheitsentwicklung als auch hinsichtlich der anhal-
       tenden Unsicherheiten  und Unzulänglichkeiten  der  marxistischen
       Debatte über  das Verhältnis  von gesellschaftlichem  und wissen-
       schaftlich-technischem Fortschritt.  Die  eingehendere  Befassung
       mit dem  erreichten Diskussionsstand zum Thema "globale Probleme"
       erscheint aus  den genannten Gründen nicht zuletzt für die marxi-
       stische Debatte  in der  Bundesrepublik von besonderem Interesse.
       Einige Notizen  zu Einzelaspekten  der Themenstellung  und  ihrer
       Diskussion im Verlaufe des Symposiums mögen dies verdeutlichen.
       Die "globalen Probleme" dienen vielfach als Basis für die Entfal-
       tung von Katastrophenszenarios, die - zumindest in ihrer publizi-
       stischen Aufbereitung - erstens keine Gewichtung ihrer Einzelele-
       mente mehr erlauben und die zweitens eine überwältigende Eigenge-
       setzlichkeit und  eine entsprechende Aussichtslosigkeit hinsicht-
       lich der  sukzessiven Lösbarkeit  der globalen Probleme suggerie-
       ren. Angesichts  der lähmenden ideologischen und praktischen Fol-
       gen einer  solchen Darstellungsweise erscheint es zum einen gebo-
       ten, sowohl  den  Z u s a m m e n h a n g  zwischen den einzelnen
       globalen Problemen  als auch  die   r e l a t i v e  s a c h l i-
       c h e   E i g e n g e s e t z l i c h k e i t  der einzelnen glo-
       balen Probleme sorgfältig zu analysieren. In der Tat besteht eine
       unübersehbare Tendenz  zur gegenseitigen  Verflechtung  und  Ver-
       tiefung zwischen  den einzelnen  Problemen. So  bildet  etwa  die
       ungleiche Verteilung der materiellen und energetischen Ressourcen
       auf der  Erde  einerseits  und  die  damit  nicht  konvergierende
       Verteilung der  Produktionsstätten andererseits für sich genommen
       schon ein  ernstes Problem  auf  dem  Wege  zur  Bewältigung  des
       Hungers und anderer Konsequenzen der Unterentwicklung. Es begrün-
       det zudem  seitens der  imperialistischen Hauptländer ein starkes
       Interesse an  der Aufrechterhaltung  von Unterentwicklung  in der
       Dritten Welt,  weil dies  den billigsten  Zugriff erlaubt. Dieses
       Problem erscheint  immerhin noch auf dem Wege einer Demokratisie-
       rung der  internationalen wirtschaftlichen und politischen Bezie-
       hungen schrittweise lösbar. Die Lösung wird faktisch aber dadurch
       wesentlich erschwert,  daß der  Verbrauch seltener  Ressourcen in
       der militärischen Produktion signifikant höher ist als in der zi-
       vilen Produktion.  Damit erhöht sich die Gefahr einer definitiven
       Erschöpfung einzelner wichtiger Ressourcen (keineswegs aller) be-
       trächtlich. Ferner  erhöht sich  aus demselben Grunde die Neigung
       der imperialistischen  Hauptmacht, sich  den Zugriff  auf die be-
       treffenden Ressourcen  im Zweifelsfalle mit militärischen Mitteln
       zu sichern.  Dies wiederum führt zu einer beträchtlichen Erhöhung
       der Gefahr  eines Weltkrieges, die u. U. die Lösung jedes einzel-
       nen der  zuvor genannten globalen Probleme auf Dauer gegenstands-
       los macht.  Folglich bildet  die Überwindung der Kriegsgefahr das
       globale Problem  Nr. l - nicht, weil die anderen Probleme für die
       betroffenen Menschen  prinzipiell unwichtiger wären, sondern weil
       die Bewältigung  der Kriegsgefahr und die Reduzierung der Rüstung
       den politischen,  ökonomischen,  sozialen  und  wissenschaftlich-
       technischen Angelpunkt bildet, von dem die Lösbarkeit der übrigen
       globalen Probleme abhängt. Die Erforschung entsprechender Priori-
       tätsbeziehungen auch  zwischen den übrigen globalen Problemen und
       ihren Einzelaspekten  erscheint daher als eine strategische Frage
       ersten Ranges bei der Bewältigung der globalen Probleme.
       Aus dem gleichen Grunde ist auf der systematischen Unterscheidung
       zwischen a)  den Voraussetzungen für die Entstehung, b) den Ursa-
       chen und  Formen der  Zuspitzung und c) den Bedingungen einer Be-
       wältigung der einzelnen globalen Probleme zu insistieren. Auf je-
       der Stufe  besteht insbesondere  ein anderes  Verhältnis zwischen
       den relevanten  gesellschaftlichen und den entsprechenden wissen-
       schaftlich-technischen Faktoren.
       Hinsichtlich der  stofflichen Spezifik besitzen die globalen Pro-
       bleme zahlreiche   V o r l ä u f e r  in der vor- und frühkapita-
       listischen Geschichte.  Sie ergeben  sich in  aller Regel aus den
       durch die Produktionsverhältnisse gesetzten Schranken in der Nut-
       zung der  vorhandenen Produktivkräfte  und aus einem ungenügenden
       Stand ihrer  Entwicklung und Beherrschung (Krieg, Hunger, Umwelt-
       schäden).
       Die  Z u s p i t z u n g  derartiger Probleme zu globalen Proble-
       men ist mittelbar und unmittelbar an die Entfaltung der kapitali-
       stischen Ordnung  gebunden; unmittelbar, insoweit erst dieser Ge-
       sellschaftstyp  auf   seine  Universalisierung  im  Rahmen  eines
       weltumspannenden einheitlichen  Systems (des  "Weltmarkts" - und,
       zur Austragung  seiner Widersprüche,  historisch zum  ersten  Mal
       auch in  Form des  "Weltkrieges") dringt; mittelbar insoweit, als
       der Kapitalismus zugleich auch zu einer schrankenlosen Entfaltung
       der Produktivkräfte  gezwungen ist.  Die globalen  Probleme haben
       sich insofern  nicht neben den bisherigen gesellschaftlichen Pro-
       blemen, sondern  aus ihnen heraus und als ein Aspekt ihrer Wider-
       sprüche entwickelt.
       Allerdings spielen - innerhalb des damit gesetzten Rahmens - wis-
       senschaftlichtechnische  Entwicklungssprünge   eine   wesentliche
       Rolle bei  der Herausbildung der globalen Probleme. Sie haben be-
       stimmte Formen  der ökonomischen,  politischen und  militärischen
       Konfrontation ebenso  wie der  Zerstörung der  Natur erst möglich
       gemacht (etwa: Militärtechnik - Militärstrategie - Militärpolitik
       - Krieg).  Es erscheint  daher geboten,  von einer   r e l a t i-
       v e n   Eigenständigkeit des  Produktivkraftaspekts zu  sprechen,
       nicht zuletzt  deshalb, weil  die objektive Internationalität der
       Produktivkraftentwicklung auch  den Sozialismus  zwingt, sich  im
       wesentlichen des  vorhandenen, unter kapitalistischen Bedingungen
       bzw. unter den Bedingungen kapitalistischer Dominanz entwickelten
       Produktivkraftsystems zu  bedienen, so daß dessen Widersprüche z.
       T. auch  im Sozialismus fortwirken und durch den Sozialismus par-
       tiell reproduziert werden.
       Unbeschadet der eindeutig kapitalistisch bestimmten Ursprünge der
       globalen Probleme  haben sowohl der Kapitalismus wie auch der So-
       zialismus an  der Zuspitzung  einzelner Probleme zu globalen Pro-
       blemen teil,  allerdings in  sehr unterschiedlichem  Maße und mit
       einer prinzipiell  verschieden gerichteten  Dynamik: der  SMK  in
       verschärfender Weise  auf ganzer  Linie, der Sozialismus in dämp-
       fender Weise  und in sehr unterschiedlichem Maße. Der Sozialismus
       ist schon  heute die wichtigste Schranke gegenüber der imperiali-
       stischen Tendenz,  Interessenprobleme mit  militärischen  Mitteln
       auszutragen, der  Sozialismus fördert  auf politischer,  ökonomi-
       scher und  wissenschaftlich-technischer Ebene den Kampf gegen die
       Unterentwicklung. Andererseits hat der Sozialismus an der Umwelt-
       verschmutzung einen  nicht unbeträchtlichen  Anteil. Hinsichtlich
       einer Reihe  von Problemen  erscheint  es  sogar  gerechtfertigt,
       trotz der fundamentalen Unterschiede zwischen Sozialismus und Ka-
       pitalismus "von  einer Reihe  gemeinsamer Probleme"  zu sprechen,
       vor allem  hinsichtlich "der  Anpassung der.  .. Menschen  an die
       sich verändernden Bedingungen der natürlichen und gesellschaftli-
       chen Umwelt  im Zusammenhang  mit der wtR" im allgemeinen und der
       globalen Probleme  im besonderen.  Dies betrifft insbesondere die
       Formen der  Lebensführung, der  Persönlichkeitsentfaltung und der
       zwischenmenschlichen Beziehungen  (Maximowa), man  denke etwa  an
       die Konsequenzen  der Urbanisierung oder der wachsenden Bedeutung
       der Kommunikationsmedien.
       Wiederum anders  liegen die'  Verhältnisse  im  Zusammenhang  der
       B e w ä l t i g u n g   der globalen  Probleme. Bereits  mit  den
       heute entwickelten  Produktivkräften erscheinen  die Hauptbedürf-
       nisse der  Menschheit nach  Nahrung, Wohnung, Gesundheit und Bil-
       dung im  Verlauf des  ersten Viertels  des nächsten Jahrhunderts,
       wenn auch notdürftig, als stillbar; allerdings um den Preis einer
       globalen Zuspitzung  anderer, bereits heute beträchtlicher Wider-
       sprüche, vor  allem in  der Dimension Mensch-Natur. Somit besteht
       die heutige  Aufgabe hinsichtlich  der  Produktivkraftentwicklung
       unwiderruflich darin,  die industriellen Prozesse harmonischer in
       die Naturprozesse  zu integrieren,  "einen Kreislauf  des Stoffes
       und der  Energie im  System 'Gesellschaft und Natur' zu schaffen"
       (so schon  Marachow 1974). Dies verlangt sowohl umfangreiche wis-
       senschaftlich-technische Anstrengungen  als auch eine beträchtli-
       che Dynamik  des -  zielgerichteten - wirtschaftlichen Wachstums,
       ohne das  die entsprechenden  Entwicklungen nicht  zu finanzieren
       sind. Dies setzt allerdings die Fähigkeit zu entsprechenden poli-
       tischen Entscheidungen  voraus, und zwar nicht mehr allein in ei-
       nem Land,  sondern gerade  auch auf der Ebene der internationalen
       Beziehungen im  globalen Maßstab. Die Haupthindernisse, die einer
       Bewältigung der  globalen Probleme  im Wege  stehen, liegen damit
       bereits heute  weniger auf  wissenschaftlich-technischer als  auf
       politischer Ebene: Die materielle Globalisierung der Probleme er-
       folgt bis  heute ohne  die Ausbildung  entsprechender politischer
       Mittel zu  ihrer Bewältigung. Der Zustand der internationalen Be-
       ziehungen wird  damit zu  einem Faktor, der die globalen Probleme
       verschärft (Schmidt).  Dies ist um so mehr der Fall, als die glo-
       balen Probleme  und damit auch die darauf gerichteten Veränderun-
       gen der  internationalen politischen  Beziehungen selbst zu einem
       eigenständigen Feld  des Klassenkampfs geworden sind, welches den
       Verlauf und  die Erscheinungsweise  seiner  Widersprüche  modifi-
       ziert. Der Wettlauf mit der Zeit zur Lösung der globalen Probleme
       wird damit  nicht nur zu einem Element, sondern in gewisser Weise
       sogar zum Schrittmacher des Klassenkampfs. Die Entwicklungsländer
       werden von  der darin  begründeten Spezifik der globalen Probleme
       mit Abstand  am tiefsten betroffen. Aber auch die sozialistischen
       Länder werden  durch die Zuspitzung vor allem der Kriegsbedrohung
       aufs Empfindlichste  daran gehindert,  ihren Beitrag zur Eingren-
       zung und  Behebung der übrigen globalen Probleme in der Weise und
       in dem  Umfang zu erbringen, wie es den prinzipiellen Möglichkei-
       ten und Zielen dieses Gesellschaftstyps entspricht (Kischilow).
       Andererseits sind  selbst die  Kernländer des Imperialismus heute
       gezwungen, nicht  nur die  Perspektive des (zivilen und militäri-
       schen) Kampfes,  sondern auch die Perspektive der internationalen
       Zusammenarbeit zu  verfolgen. Die Bedeutung der globalen Probleme
       als solche und ihre Bedeutung für die innere Dynamik der imperia-
       listischen Staaten  gibt  dieser  Tendenz  neue,  starke  Impulse
       (Maier): Dies gilt für das Umweltproblem, in zum Teil beträchtli-
       chem Maß  auch für  das  Rohstoff-und  Energieproblem  (Simonjan,
       Rechtziegler) und  für den  erreichten Grad  der wirtschaftlichen
       und wissenschaftlich-technischen  Verflechtung. Die gegenwärtigen
       Rückschläge auf  dem Gebiet  der  internationalen  Zusammenarbeit
       sind selbst  noch eine  Reaktion auf  die relativen Fortschritte,
       die die  sozialistischen Länder  und die Entwicklungsländer unter
       den Bedingungen  der Entspannungspolitik gegenüber dem imperiali-
       stischen Lager auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen er-
       reichen konnten.
       Dessen Rückkehr  zur Politik  der Konfrontation  stellt nicht nur
       eine dramatische Verschärfung des Globalproblems Nr. l, der Welt-
       kriegsgefahr, dar; sie beeinträchtigt daneben auch die Lösbarkeit
       aller anderen  Globalprobleme. Andererseits besteht der Zwang zur
       partiellen Zusammenarbeit  trotzdem fort,  und das Gewicht dieser
       Tendenz wird in der weiteren Zukunft nicht ab-, sondern zunehmen.
       Speziell die  darin deutlich werdende Dialektik zwischen Konfron-
       tation und  Kooperation bestätigt  trotz aller offenkundigen Ver-
       flechtungs- und Kumulierungstendenzen die Notwendigkeit, die ein-
       zelnen globalen  Probleme unter  dem Gesichtspunkt  ihrer prakti-
       schen Lösbarkeit  möglichst sauber zu trennen und in ihrer jewei-
       ligen Spezifik und ihrem wechselseitigen Bezug hinsichtlich ihrer
       Funktion für  die Beförderung  und Nutzung von Kooperationspoten-
       tialen genauer  zu erfassen,  als dies  bis heute  geschehen ist.
       Erst auf  einer solchen Basis läßt sich eine tragfähige Strategie
       und Taktik der antiimperialistischen, demokratischen und soziali-
       stischen Kräfte  entwickeln. Gegenwärtig steht dieser Prozeß noch
       in seinen  Anfängen. Im  Rahmen des jeweiligen Betroffenseins und
       der jeweiligen  Möglichkeiten gilt  dies für die Perspektiven der
       Entwicklungsländer (Waulin);  es gilt für die Arbeiterbewegung in
       den entwickelten  kapitalistischen  Ländern  (Peter)  und  andere
       wichtige Potentiale  der demokratischen Kräfte in diesen Ländern,
       vor allem die Wissenschaftler und Ingenieure (Lange); und es gilt
       nicht zuletzt  -  wenngleich  auf  unverhältnismäßig  günstigeren
       Grundlagen -  hinsichtlich der  sozialistischen Länder,  und zwar
       sowohl bezüglich  einzelner Aspekte  ihrer  inneren  Entwicklung,
       etwa der  intensiven Ressourcennutzung, der Umweltschutzproblema-
       tik oder  auch der  Perspektiven der  Persönlichkeitsentwicklung,
       als auch bezüglich der internationalen Aufgaben und Möglichkeiten
       des Sozialismus (Maximowa).
       Zugleich bewirkt  die globale  Zuspitzung der  genannten Probleme
       jedoch, daß  -  wenn  auch  mit  zeitlichen  Verzögerungen  -  in
       entsprechender Breite  und  Vielfalt  neue  Widerstandspotentiale
       gegen die  betreffenden Gefahren  sich entfalten,  die ungeachtet
       zahlloser   sozialökonomischer,    sozialer,   politischer    und
       strategischer innerer  Differenzierungen zu  gemeinsamem  Handeln
       zusammenfinden. Der  zunehmend zentrale  Stellenwert,  der  trotz
       solcher Differenzen  zwischen den  verschiedenen  Teilpotentialen
       heute der  Friedensfrage im  Weltmaßstab eingeräumt  wird (in den
       sozialistischen Ländern,  im Kapitalismus  und auch  im Kreis der
       Entwicklungsländer), bringt  diese Tendenz  in  der  konzentrier-
       testen Weise  zum  Ausdruck.  Für  die  internationale  Arbeiter-
       bewegung ergeben  sich auf diesem Wege nicht allein neue Möglich-
       keiten des gemeinsamen Handelns (Nadel), sondern auch neue Aufga-
       ben. Zu  den Aufgaben  gehören zum einen weitsichtige Teilpoliti-
       ken, die  geeignet sind,  zur Linderung aktueller Teilprobleme in
       einzelnen Ländern,  z.B. der  Wirtschaftsund Sozialpolitik in der
       BRD (Römer),  in der Weise beizutragen, daß die Lösungsperspekti-
       ven zugleich als Beitrag zur längerfristigen Bewältigung der glo-
       balen Probleme  wirken (anstatt diese in neuer Weise zu verschär-
       fen). Zu den neuen Aufgaben gehören zum anderen bündnispolitische
       Beiträge, die  die Differenzen und Widersprüche innerhalb der de-
       mokratischen Kräfte  in den einzelnen Ländern und auf internatio-
       naler Ebene  in ihrer  relativen Stabilität  akzeptieren und  die
       zugleich geeignet  sind, die  Gemeinsamkeiten noch stärker in den
       Vordergrund treten  zu lassen.  Dies gilt in ganz besonderem Maße
       für die Friedensbewegung.
       In diesem Zusammenhang bestätigt sich eine Erkenntnis der theore-
       tischen Debatte um die globalen Probleme: Die subjektiven politi-
       schen Intentionen,  mit denen  einzelne Auffassungen  vorgetragen
       werden, und die Widersprüche, die diese prägen, sind gelegentlich
       sehr genau  von der  objektiven Funktion  zu trennen,  die diesen
       Auffassungen praktisch zukommt: Die Weltmodelle, wie sie seit Be-
       ginn der  70er Jahre vorgetragen wurden, liefen nicht zuletzt auf
       eine Verschleierung  der Verantwortung  hinaus, die  speziell den
       kapitalistischen Produktionsverhältnissen  für die Entstehung der
       globalen Probleme  zukommt. Gleichwohl bildeten sie in methodolo-
       gischer und  inhaltlicher Hinsicht  einen  durchaus  wesentlichen
       Denkanstoß für  die marxistische  Diskussion (Gärtner). Ähnliches
       gilt in  praktischer Hinsicht für die Friedensbewegung, vor allem
       in den  kapitalistischen Ländern  (Keusch): Selbst grobe Fehlein-
       schätzungen, wie  sie in  der Verbreitung  des Supermachttheorems
       zum Ausdruck  kommen, haben  bislang nicht  verhindert, daß  auch
       dessen Anhänger  praktisch zur Verbreiterung der Friedensbewegung
       erheblich beitragen.  Diesen Sachverhalt zu befestigen und weiter
       zu entfalten,  bildet zweifellos für die Marxisten eine der größ-
       ten Herausforderungen der Gegenwart und der absehbaren Zukunft.
       
       _____
       1) An dem Symposium nahmen als Referenten von seiten der drei In-
       stitute teil:  Für das  IMEMO Prof. M.M. Maximowa, Prof. N.S. Ki-
       schilow, Prof.  S.M. Nadel,  Prof. R.R. Simonjan, Prof. W.W. Wau-
       lin; für  das IPW  Prof. M.  Schmidt, Prof.  L. Maier,  Prof.  E.
       Rechtziegler; für  das IMSF  Dr. H.  Bömer, E.  Gärtner, Prof. H.
       Lange, Prof.  L. Peter,  Dr. J.  Reusch. In diesem Bericht werden
       nur die  Namen der Referenten genannt. Der Umfang der Beiträge zu
       den einzelnen Themenbereichen erlaubt es nicht, sie auch nur sum-
       marisch wiederzugeben.  Es werden  daher nur  die wichtigsten auf
       dem Symposium  diskutierten Problemfelder  benannt. Die  Beiträge
       werden als Publikation des IPW veröffentlicht.
       

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