Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       EIN BISHER UNVERÖFFENTLICHTER MARX-TEXT LIEGT VOR.
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       Zum Erscheinen des MEGA-Bandes II/3.6, der die Hefte XIX bis
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       XXIII des Manuskripts "Zur Kritik der politischen Ökonomie"
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       enthält.
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       Manfred Müller/Wolfgang Focke
       
       I. Zur Theorie des relativen Mehrwerts - II. Über die Reprodukti-
       onstheorie - III. Ergänzungen zur Geschichte der Mehrwerttheorie
       
       Am Vorabend  des 165.  Geburtstages und  des 100.  Todestages von
       Karl Marx.  erschien ein neuer Band der Marx-Engels-Gesamtausgabe
       (MEGA ²),  das Buch  II/3.6, das den letzten Teil des Manuskripts
       "Zur Kritik  der politischen Ökonomie" (1861-1863) enthält. Damit
       liegt das  Manuskript -  der zweite Entwurf des "Kapital" - voll-
       ständig vor.  Das erste  Buch, im  Jahre 1976 publiziert, und das
       sechste bergen insgesamt Grundsätzliches über den Produktionspro-
       zeß des Kapitals, nämlich Darlegungen zur Verwandlung von Geld in
       Kapital, zur Produktion des absoluten und des relativen Mehrwerts
       sowie zur Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital, sind also The-
       men des  späteren ersten  Bandes des  "Kapital" gewidmet. Es ist,
       mit Friedrich  Engels' Worten, "die erste vorhandne Redaktion da-
       für". 1)  Die Bücher  zwei bis  vier umfassen "eine ausführliche,
       kritische Geschichte des Kernpunkts der politischen Ökonomie, der
       Mehrwertstheorie". 2) Marx überschrieb sie mit "Theorien über den
       Mehrwert". Im  fünften Buch schließlich findet sich die ursprüng-
       liche Fassung  einiger grundlegender  Erkenntnisse  des  späteren
       dritten Bandes  des "Kapital", so der Verwandlung von Mehrwert in
       Profit, der Theorie des Durchschnittsprofits und des Gesetzes vom
       tendenziellen Fall  der Profitrate,  sowie eine  Ausarbeitung zum
       Thema "Das merkantile Kapital. Das im Geldhandel beschäftigte Ka-
       pital".
       Die Anordnung  des Textes  bzw. die  Reihenfolge der  Bücher  er-
       scheint nur auf den ersten Blick problematisch, denn darin wider-
       spiegeln sich  der spezifische  Charakter und  die Entstehungsge-
       schichte des  Manuskripts von  1861-1863. Als Marx im August 1861
       mit der  Arbeit am  "3. Kapitel: Das Kapital im Allgemeinen" - so
       lautet der  Untertitel des Manuskripts - begann, gedachte er eine
       Reinschrift für  den Druck  anzufertigen. Während  er für bereits
       gewonnene Erkenntnisse nach einer möglichst vollkommenen, endgül-
       tigen Darstellungsweise  suchte, kamen ihm jedoch Bedenken, bear-
       beitete er  bisher unzureichend  geklärte Probleme und schuf neue
       wesentliche Elemente  seiner Kritik  der bürgerlichen politischen
       Ökonomie, wobei das Manuskript immer mehr die Merkmale eines For-
       schungsmanuskripts annahm.  So sind  hier erstmals, über die Aus-
       gangsthesen hinausgehend,  in reifer Form entwickelt: die Theorie
       des Durchschnittsprofits  und des  Produktionspreises, die  Lehre
       von den  besonderen Formen  des Mehrwerts:  industrieller Profit,
       Rente und Zins, sowie wesentliche Elemente der Reproduktions- und
       Krisentheorie. Das  geschah vor  allem in  den "Theorien über den
       Mehrwert".
       Der besondere  Stellenwert des  Manuskripts von  1861"1863 resul-
       tiert nicht  zuletzt daraus,  daß hier  der endgültige Aufbauplan
       für Marx'  Hauptwerk, der die folgerichtige und in sich geschlos-
       sene Darstellung  des ökonomischen  Bewegungsgesetzes des Kapita-
       lismus enthält,  zur Reife  gelangte. 3) Die Darstellung der bür-
       gerlichen Produktionsverhältnisse, wie sie im 1859 veröffentlich-
       ten ersten  Heft von  "Zur Kritik  der politischen Ökonomie" noch
       abstrakt gegeben  wurde, sollte  durch den theoretischen Nachweis
       des antagonistischen  Widerspruchs zwischen  Kapital und  Lohnar-
       beit, die systematische Darstellung des Mehrwerts in "reiner" Ge-
       stalt, unabhängig  von seinen  besonderen  Formen:  industrieller
       Profit, Rente  und Zins,  konkretisiert werden.  Es  entwickelten
       sich schließlich  alle wesentlichen Voraussetzungen für eine Dar-
       stellung des  Mehrwerts im umfassenden Sinne. Die wissenschaftli-
       che Begründung für die welthistorische Aufgabe der Arbeiterklasse
       wurde vollendet. 4)
       Für die  Herausbildung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von
       Marx waren  die Jahre von 1857 bis 1863 eine entscheidende Phase.
       5) Im  Januar 1863  beendete Marx die Niederschrift der "Theorien
       über den  Mehrwert", wobei auch der endgültige, nahezu umfassende
       Aufbauplan für den späteren ersten und dritten Band des "Kapital"
       entstand. Kurz zuvor hatte er Kugelmann nicht nur mitgeteilt, daß
       der zweite  Teil nun  endlich fertig  sei, "d.h.  bis  zum  Rein-
       schreiben und  der letzten  Feilung für  den Druck". 6) Er nannte
       auch erstmals  den Titel für sein Hauptwerk. Es sollte "Das Kapi-
       tal" heißen und "Zur Kritik der politischen Ökonomie" nur als Un-
       tertitel tragen.  Als sich  Marx nun den Heften I bis V des Manu-
       skripts von  1861-1863 zuwandte,  wo die  Verwandlung von Geld in
       Kapital sowie  die Produktion  des absoluten  und relativen Mehr-
       werts behandelt  werden, bemerkte er offenbar, daß für eine Rein-
       schrift nicht  alle Voraussetzungen  gegeben waren:  Es  bedurfte
       mindestens noch der Erforschung einiger grundlegender Aspekte der
       Theorie des  relativen Mehrwerts, insbesondere der kapitalistisch
       angewandten Maschinerie.  Marx begann  damit im Heft XIX, das in-
       haltlich an  Heft V  anschließt; und  er führte durch die erneute
       Bearbeitung eine  definitive Lösung des Problems herbei. Hier und
       in den  folgenden Heften ist jene grundlegende Form der Mehrwert-
       produktion erstmals umfassend dargestellt, 7) sind auch wesentli-
       che Aspekte  der Reproduktionstheorie  systematisch behandelt  8)
       und noch  aufschlußreiche, Marx'  Geschichte der  Mehrwerttheorie
       ergänzende Materialien  zusammengetragen. Der im MEGA-Band II/3.6
       edierte Text  ist daher  beachtenswert  für  die  Geschichte  des
       "Kapital". Indem Marx seine Absicht aufgab, die Niederschrift des
       Manuskripts bei  Heft XVIII abzuschließen, bewältigte er schließ-
       lich eine wichtige Etappe in Richtung einer vollkommenen Darstel-
       lung des kapitalistischen Produktionsprozesses.
       
       I. Zur Theorie des relativen Mehrwerts
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       Als Marx  sich erneut  der Analyse kapitalistisch angewandter Ma-
       schinerie widmete,  äußerte er  gegenüber Friedrich  Engels:  "Es
       sind da einige kuriose Fragen, die ich bei der ersten Bearbeitung
       ignorierte." 9)  In jener  Bearbeitung kennzeichnete Marx die Ma-
       schinerie vor  allem unter  dem Gesichtspunkt des Verwertungspro-
       zesses des  Kapitals. Er unterschied die drei Produktionsmethoden
       des relativen  Mehrwerts: die  einfache Kooperation, die manufak-
       turmäßige Arbeitsteilung  sowie die auf Maschinerie beruhende In-
       dustrie voneinander,  formulierte das  Gesetz des relativen Mehr-
       werts und  verwies auf  die Folgen kapitalistisch angewandter Ma-
       schinerie für  die Arbeiterklasse. Gestützt auf ein umfangreiches
       empirisches Material zur Geschichte von Wissenschaft und Technik,
       das in  den Heften XIX und XX kritisch verarbeitet wurde, erfaßte
       er nunmehr  den Entwicklungsprozeß  vom Werkzeug zur Maschine und
       begriff gleichermaßen  seinen inneren,  notwendigen  Zusammenhang
       mit der  Herausbildung kapitalistischer  Produktionsverhältnisse.
       Marx begründete,  inwiefern die  auf Maschinerie gegründete Indu-
       strie und  die kapitalistische  Konkurrenz als das Resultat eines
       historischen Prozesses aufzufassen sind; und realisierte als Kon-
       sequenz auch  in der  Darstellung die Einheit von stofflichem In-
       halt und  gesellschaftlicher Form.  Denn er ging stets davon aus,
       wie in  dem angeführten  Brief unterstrichen  ist, daß die Fragen
       der Technik  "Sehr wichtig"  sind, "wo es sich darum handelt, den
       Zusammenhang menschlicher  Gesellschaftsverhältnisse mit der Ent-
       wicklung dieser materiellen Produktionsweise nachzuweisen". 10)
       Die für  jenen Manuskriptteil in der Literatur gelegentlich anzu-
       treffende Bezeichnung  "Hefte über Technik" o. ä. ist deshalb ir-
       reführend oder mindestens nicht ganz zutreffend. Sie widerspricht
       dem theoretischen  Gehalt dieses  Textes, suggeriert eine von den
       kapitalistischen  Produktionsverhältnissen  abgehobene,  verselb-
       ständigte Technik-Auffassung, die Marx niemals vertrat. 11)
       In der  "Deutschen Ideologie"  ist hypothetisch festgestellt, daß
       sich die  materielle Produktion  jeweils in  konkret-historischer
       Art und  Weise gestaltet, die Produktivkräfte und Produktionsver-
       hältnisse der  betreffenden Gesellschaft  in einer  spezifischen,
       nicht wiederholbaren  Wechselbeziehung stehen. Wie es hier heißt,
       ist das  gesellschaftliche Verhältnis  durch das  natürliche  be-
       dingt, mit  ihm zusammenhängend  und von ihm erzeugt. 12) Und das
       muß in  der "wirklichen  Darstellung" 13) seinen Ausdruck finden.
       Sie muß  im einzelnen begründen, inwiefern der Produktion des un-
       mittelbaren Lebens  auf einer  bestimmten Entwicklungsstufe  eine
       bestimmte  Stufe   des  gesellschaftlichen  Zusammenwirkens  ent-
       spricht. Marx  betonte deshalb  auch in  der "Einleitung"  zu den
       "Grundrissen": "Alle  Production ist Aneignung der Natur von Sei-
       ten des  Individuums innerhalb  und vermittelst  einer bestimmten
       Gesellschaftsform." 14)
       In dem Sinne kam Marx in den "Grundrissen" zur Unterscheidung von
       absolutem und relativem Mehrwert, wobei er dem relativen Mehrwert
       einen besonderen  Stellenwert in der Darstellung des ökonomischen
       Bewegungsgesetzes der  bürgerlichen Gesellschaft beimaß. Die Pro-
       duktion des relativen Mehrwerts bestimmte er als die Form, in der
       "der industrielle  und unterscheidend  historische Character" 15)
       der kapitalistischen  Produktionsweise unmittelbar  zum  Ausdruck
       kommt. Vor  allem besäße das Kapital in der Maschinerie seine ad-
       äquate Gestalt als Gebrauchswert innerhalb des Produktionsprozes-
       ses. Sie ist "eine durch das Capital selbst gesetzte und ihm ent-
       sprechende Form". 16)
       Diese These  präzisierte Marx  im Manuskript  von  1861-1863.  Er
       stellte hier  fest, daß die industrielle Revolution nicht von der
       Antriebskraft ausging, sondern von einem Mechanismus, der den Ar-
       beitsprozeß selbst  verwandelt, indem er die menschliche Hand er-
       setzt und  "die Bearbeitung, die direkte Wirkung auf den zu bear-
       beitenden Stoff"  17) übernimmt.  Es ist  nicht mehr das Werkzeug
       des Arbeiters,  sein Instrument, "dessen Leistung von seiner Vir-
       tuosität abhängt  und seine  Arbeit zum  working process als Ver-
       mittler bedarf",  18) sondern ein technisches Mitte, das Arbeits-
       funktionen verrichtet:  die Arbeitsmaschine.  Der Verdrängung des
       Arbeitswerkzeugs durch  die Arbeitsmaschine  folgte  als  nächste
       Entwicklungsstufe schließlich  die Einführung  der Dampfmaschine;
       ein Prozeß,  den Marx  als zweite industrielle Revolution 19) an-
       sah. Kritisch  vermerkte er:  "Sieht man [...] nur auf die Trieb-
       kraft, so übersieht man gerade das, was  h i s t o r i s c h  den
       Wendepunkt bezeichnet."  20) Denn  wesentlich ist  die Entstehung
       der Arbeitsmaschine.  Sie bildete,  wie gesagt, den Ausgangspunkt
       für die  Umwälzung in  der Produktion, und von ihr führte der Weg
       zur Maschinerie als Verbindung von Arbeits- und Bewegungsmaschine
       sowie Transmissionsmechanismus. Und eben durch diese industrielle
       Revolution ist  der Arbeitsprozeß  innerhalb des kapitalistischen
       Produktionsprozesses charakterisiert.
       Die industrielle  Revolution führte  zur vollständigen Herausbil-
       dung der kapitalistischen Produktionsweise und zu deren endgülti-
       gem Sieg.  Die historische  Aufgabe und Berechtigung des Kapitals
       war es,  ein umfassendes System von Produktionsarten und ein rei-
       ches System von Bedürfnissen zu schaffen. Die Tendenz, dabei alle
       überlieferten historischen  Verhältnisse zu revolutionieren, alle
       historischen Schranken  und  Vorurteile  niederzureißen,  gründet
       sich letztlich  in jener Entwicklung der Produktivkräfte. 21) Das
       Kapital schafft, indem es die Produktivkräfte der gesellschaftli-
       chen Arbeit  entwickelt und  mit ihnen  die Anwendung  der Natur-
       kräfte, der Wissenschaft und der Maschinerie auf die unmittelbare
       Produktion erst  ermöglicht, einerseits  eine veränderte  Gestalt
       der materiellen  Produktion. Auf Basis dieser veränderten Produk-
       tion entwickelt  sich andererseits  das Kapital, "dessen adäquate
       Gestalt daher  nur bestimmten  Entwicklungsgrad  der  materiellen
       Productivkräfte entspricht".  22) Also  entstehen die  qualitativ
       neuen Produktivkräfte  "theils als  Folge, theils  als Basis  der
       Entwicklung des Capitalverhältnisses". 23)
       Es heißt  in den  "Grundrissen", die weitere Forschung grundsätz-
       lich orientierend, daß die Widersprüche im Kapitalverhältnis völ-
       lig zu  entwickeln sind; gemeint war offensichtlich vor allem der
       "Grundwiderspruch". 24) Marx sah ihn wohl als die bewegende Ursa-
       che für  die kapitalistische  Produktionsweise an.  In dem  Sinne
       konnte es innerhalb der Theorie des relativen Mehrwerts nicht al-
       lein darum gehen, die notwendige Übereinstimmung zwischen Maschi-
       nerie und Kapital zu erfassen. Es mußte auch das widersprüchliche
       Verhältnis beider  Seiten deutlich  werden; erst dann war das We-
       sentliche über  deren gesetzmäßige  Einheit ausgesagt. Das hatten
       Marx und  Engels grundsätzlich schon in der "Deutschen Ideologie"
       festgestellt, indem  sie nachdrücklich  auf den  Widerspruch zwi-
       schen Produktivkräften  und Produktionsverhältnissen  als  Quelle
       und Triebkraft  der gesellschaftlichen  Entwicklung  verwies.  Es
       wird hier  gesagt, daß  alle Revolutionen  in diesem  Widerspruch
       ihren Ursprung  haben.  25)  Zunächst  sind  die  Produktionsver-
       hältnisse zwar  bedingt durch die Entwicklung der Produktivkräfte
       und ebenso  die bestimmte  Bedingung, unter  der die Gesellschaft
       produziert und  diesen Prozeß  fördert -  in Tempo  und  Richtung
       beeinflußt. Aber  sie werden  schließlich  zu  "sehr  empirischen
       Fesseln  und  Schranken"  für  fortgeschrittenere,  entwickeltere
       Produktivkräfte, so  daß der  Übergang zu einer qualitativ neuen,
       höheren Produktionsweise notwendig wird. 26)
       Wie Marx  vermittelst der  Theorie des  relativen  Mehrwerts  er-
       klärte, erscheinen  die gesellschaftlichen Produktivkräfte in der
       bürgerlichen Gesellschaft  als Mächte  des  Kapitals,  tritt  den
       Lohnarbeitern der gesellschaftliche Charakter ihrer Arbeit gewis-
       sermaßen kapitalisiert  gegenüber. "Und  dieß nimmt um so realere
       Form an,  je mehr  einerseits ihr  Arbeitsvermögen  selbst  durch
       diese Formen  so modificirt wird, daß es in seiner Selbstständig-
       keit, also   a u s s e r   diesem  capitalistischen  Zusammenhang
       ohnmächtig wird, seine selbstständige Productionsfähigkeit gebro-
       chen wird,  anderseits mit  der Entwicklung  der Maschinerie auch
       technologisch die  Bedingungen der  Arbeit als die Arbeit beherr-
       schend erscheinen  und zugleich sie ersetzen, unterdrücken, über-
       flüssig machen in ihren selbstständigen Formen." 27) Mit wachsen-
       der Kapitalverwertung - begründete Marx die grundlegende Form der
       Mehrwertproduktion, konkretisiert  durch die Akkumulationstheorie
       - weiten  sich also  die Macht und der Reichtum des Kapitals aus,
       während die  Abhängigkeit des Lohnarbeiters und seine Entfremdung
       gegenüber dem Kapital zunehmen. Die Beziehung zwischen Lohnarbeit
       und Kapital, in den Entwicklungsformen Kooperation und Manufaktur
       nur latent als Gegensatz vorhanden, entfaltet sich auf der Grund-
       lage kapitalistisch angewandter Maschinerie und Wissenschaft "zum
       feindlichen Widerspruch".  28) Er wird, bedingt durch die Maschi-
       nerie und  große Industrie,  "zum vollständigen Widerspruch". 29)
       Der Antagonismus  zwischen Lohnarbeit und Kapital verschärft sich
       permanent. Überhaupt  nehmen alle  Widersprüche der  kapitalisti-
       schen Produktionsweise "um so größre Dimensionen an..., je weiter
       sich die Productivkraft entwickelte". 30)
       Mit diesen  Feststellungen über die widerspruchsvolle Entwicklung
       der kapitalistischen  Produktionsweise  verband  Marx  allgemeine
       Schlußfolgerungen über die Herausbildung materieller und sozialer
       Voraussetzungen für  die ausbeutungsfreie, kommunistische Gesell-
       schaft. Seine  Aussagen über  die Verwandlung der Wissenschaft in
       eine unmittelbare  Produktivkraft gehören  in diesem Zusammenhang
       zu den  prägnantesten. Bereits  in den "Grundrissen" äußerte Marx
       die Ansicht,  daß sich  mit der wachsenden Rolle der Wissenschaft
       im Produktionsprozeß  hier auch  die Stellung des Menschen grund-
       sätzlich verändert;  seine nunmehr  beherrschende Stellung erfor-
       dere gleichermaßen  und bedinge unvermeidlich, daß er sich ebenso
       zur Kombination  seiner verschiedenen Tätigkeiten und zur Gestal-
       tung der gesellschaftlichen Beziehungen verhält, also den Gesamt-
       prozeß bewußt steuert. 31)
       Im zweiten  Entwurf des  "Kapital" wurden  diese Überlegungen von
       Marx erheblich  vervollkommnet: eben durch die eingehende Charak-
       teristik der maschinellen Produktion im Kapitalismus und schließ-
       lich durch  Darlegungen zur Wissenschaftsentwicklung in einzelnen
       Ländern. Er  verwies auf  das historische Verdienst des Kapitals,
       den   "w i s s e n s c h a f t l i c h e (n)  F a c t o r  zuerst
       mit Bewußtsein  und auf einer Stufenleiter entwickelt, angewandt"
       32) zu  haben, wie  das in keiner vorhergegangenen Gesellschafts-
       formation der  Fall war.  Auf der mit dem Kapital vorausgesetzten
       Entwicklungsstufe der  Gesellschaft, mit den neuen Produktionsbe-
       dingungen und  den vergleichsweise bedeutend gewachsenen Möglich-
       keiten wird  die Wissenschaft  zu einem "selbstständigen Factor",
       "zu einer  Function des Productionsprocesses". 33) Marx vertiefte
       damit seine  bereits in  den "Grundrissen" entwickelte These, daß
       die Verwandlung  der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktiv-
       kraft ein  gleichermaßen revolutionierendes Element für den Über-
       gang vom Kapitalismus zum Kommunismus sein würde wie es Maschine-
       rie und  Fabrik für  die Herausbildung  und den Sieg des Kapitals
       waren.
       
       II. Über die Reproduktionstheorie
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       In  seinem   Vorwort  zur  Erstausgabe  des  zweiten  Bandes  des
       "Kapital" äußerte  Friedrich Engels über das Manuskript von 1861-
       1863 u.a.:  "So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die
       gegenwärtige Ausgabe  des Buch  II zu  benutzen". 34)  Es enthält
       tatsächlich noch keinen selbständigen Abschnitt über den Zirkula-
       tionsprozeß des  Kapitals, aber offensichtlich wurde die Darstel-
       lungsweise dafür  im wesentlichen  gefunden.  So  vervollkommnete
       Marx hier  einerseits verschiedene  Elemente bzw.  Begriffe,  die
       während der  Arbeit an den "Grundrissen" als Bestimmungen des Ka-
       pitals entstanden waren: die Metamorphose des Kapitals als Waren-
       kapital, als  Geldkapital und  als produktives Kapital, sowie die
       Formbestimmtheiten des  produktiven Kapitals als fixes und zirku-
       lierendes Kapital.  Das trifft  ebenfalls für die Betrachtung des
       Umschlags des  Kapitals zu,  wie ihn  Marx u.a. in der Umschlags-
       zeit,  der   Produktionszeit  und  Zirkulationszeit  unterschied.
       A n d e r e r s e i t s  bildete sich aber auch das Kernstück des
       späteren zweiten Bandes des "Kapital" heraus, die Darstellung der
       Reproduktion und  Zirkulation des  gesellschaftlichen Gesamtkapi-
       tals.
       Marx sprach  erstmals in  Heft XXI des Manuskripts von 1861-1863,
       einleitend zum  Punkt "IV)  Rückverwandlung von Mehrwert in Kapi-
       tal", von  der Darstellung des wirklichen Reproduktionsprozesses,
       wie sie im zweiten Abschnitt gegeben werden muß. 35) Dort sollten
       die "nähern Bedingungen dieses Processes" betrachtet werden, wäh-
       rend hier "das rein Formelle festzustellen" 36) sei. In dem Sinne
       entwickelte Marx zunächst seinen Begriff von der Akkumulation als
       Bildung und  beständige Erneuerung des Kapitals sowie der antago-
       nistischen Beziehung  von Kapital und Lohnarbeit. Er bestimmt al-
       les Kapital, auch wenn es mit Beginn des kapitalistischen Produk-
       tionsprozesses noch  aus der  persönlichen Leistung seines Besit-
       zers resultierte, "als Mehrwerth, i.e. Surplusarbeit, i.e. verge-
       genständlichte unbezahlte  fremde Arbeit".  37) Also  werden  die
       Lohnarbeiter grundsätzlich  mit den  Ergebnissen ihrer Arbeit be-
       zahlt. Durch die Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital wird der
       äquivalente Austausch  zwischen Kapital  und Lohnarbeit,  wie  er
       sich in  der Zirkulation  vollzieht, zur bloßen Form, schlägt das
       Eigentumsrecht des einzelnen an seinen Produkten um in das Eigen-
       tumsrecht auf fremde Arbeit und ihre Ergebnisse. In diesem Prozeß
       werden, wie  Marx unterstrich,  vor allem die Trennung der Arbeit
       von den  Produktionsmitteln und damit die kapitalistischen Aneig-
       nungsverhältnisse stets  aufs neue  reproduziert, sogar erweitert
       reproduziert.
       Indem Marx  die "einfache"  Bestimmung der  Akkumulation  entwic-
       kelte,  vervollkommnete  er  die  Darstellung  der  grundlegenden
       Struktur des  Kapitals, wie  sie unmittelbar im Produktionsprozeß
       entsteht. Auf dieser Stufe der Abstraktion zeigt sich das Kapital
       zunächst und  vor allem als ein in den sozialen Verhältnissen der
       Produktion gegründeter,  sich in ihm erhaltender und ständig ver-
       tiefender Widerspruch zwischen Kapital und Lohnarbeit. Die Spezi-
       fik des Manuskripts von 1861-1863 besteht nun darin, daß Marx in-
       nerhalb des  Punktes "Rückverwandlung  von Mehrwert  in  Kapital"
       über die  "formelle" Darstellung des kapitalistischen Akkumulati-
       ons-  und   Reproduktionsprozesses,  die   sich  bereits  in  den
       "Grundrissen" vorfindet, wesentlich hinausging. Er traf hier auch
       Aussagen über  die "reellen"  Bedingungen dieses  Prozesses,  fi-
       xierte die grundlegenden Realisierungsbedingungen für das gesell-
       schaftliche Gesamtprodukt. In Heft XXII formulierte Marx erstmals
       systematisch diese Bedingungen bei einfacher Reproduktion und ge-
       langte an die Erkenntnis jener bei erweiterter Reproduktion dicht
       heran.
       Wichtige Voraussetzungen für die Erarbeitung dieser Theorie schuf
       Marx in  vorangegangenen Heften  des Manuskripts,  den  "Theorien
       über den  Mehrwert". Hervorzuheben ist insbesondere seine Ausein-
       andersetzung mit  dem sogenannten Smithschen "Dogma", dessen Irr-
       tum darin  bestand, daß sich der gesamte Wert des gesellschaftli-
       chen Produkts  in Revenue  auflöse. In  dieser Kritik entwickelte
       Marx die  Ausgangsthesen seiner  Reproduktionstheorie, 38) die im
       folgenden in  der Analyse des "tableau économique" von F. Quesnay
       und auch in der kritischen Betrachtung der Ricardoschen Akkumula-
       tionstheorie eine Weiterentwicklung erfuhren.
       Auf dieser Grundlage und mit der Prämisse, daß die Produktion als
       ein sich  kontinuierlich erneuernder  Prozeß angesehen werden muß
       und das Realisierungsproblem eines gesellschaftlichen Gesamtkapi-
       tals unabhängig  vom auswärtigen  Handel zu  betrachten ist,  er-
       kannte Marx  drei wesentliche Bedingungen für die einfache Repro-
       duktion. Mit einem Rückblick auf frühere Ausführungen schrieb er:
       "Bleibt die  Productionsleiter dieselbe - wiederholt sich die Re-
       production in demselben Umfang - so muß das Product der Producen-
       ten, die  c o n s t a n t e s  C a p i t a l  produciren, so weit
       es aus   v a r i a b l e m    C a p i t a l    (Arbeitslohn)  und
       S u r p l u s p r o d u c e     besteht  -   also  überhaupt  die
       R e v e n u   dieser Klasse  darstellt, exact  = sein dem  c o n-
       s t a n t e n   C a p i t a l,   das die Klasse jährlich braucht,
       die   C o n s u m t i o n s m i t t e l   producirt."  39)  Damit
       wies  Marx  ausdrücklich  auf  eine  grundlegende  Realisierungs-
       bedingung hin,  nämlich daß  die Summe des variablen Kapitals und
       des Mehrwerts  der Produktionsmittel produzierenden Abteilung dem
       konsumierten konstanten Kapital der Konsumtionsmittel herstellen-
       den Abteilung  entsprechen muß.  Aus dieser  Feststellung ergeben
       sich zwei  weitere Bedingungen, um eine gleichbleibende Reproduk-
       tion zu  gewährleisten. So muß der gesamte Produktenwert der Pro-
       duktionsmittel erzeugenden  Abteilung ausreichen,  um das gesamte
       konstante Kapital  beider Abteilungen der gesellschaftlichen Pro-
       duktion zu ersetzen. Drittens bedeutet das, daß der Produktenwert
       der Konsumtionsmittelproduktion  der Summe des variablen Kapitals
       und des Mehrwerts beider Abteilungen entsprechen muß. 40)
       Diese knappen,  resümierenden Bemerkungen waren der Ausgangspunkt
       für eine  Analyse, wie  sich jene Realisierungsbedingungen verän-
       dern, wenn  der Mehrwert  in Kapital  zurückverwandelt  wird  zum
       Zwecke der  Akkumulation, der  erweiterten Reproduktion. Als eine
       Voraussetzung dafür  erkannte Marx:  "Damit ein  Theil  des  Sur-
       plusproduce in Surpluscapital verwandelt werden kann, muß d'abord
       ein Theil  desselben in einer Form reproducirt sein, worin er als
       a d d i t i o n e l l e s  v a r i a b l e s  C a p i t a l  die-
       nen kann." 41)
       Die gleiche Bedingung besteht für die Bereitstellung zusätzlichen
       konstanten Kapitals.  Nachdem Marx einige Möglichkeiten der Rück-
       verwandlung des  Mehrwerts in zusätzliches variables und konstan-
       tes Kapital erläutert hatte, äußerte er folgenden, für die erwei-
       terte Reproduktion wichtigen Gedanken: "Da das constante Capital,
       das Klasse  I anwendet  (die Lebensmittel producirende) erweitert
       wird, kann der Theil des Products das Klasse II producirt und das
       sich in  variables Capital  und surplusproduce auflöst, erweitert
       werden. Aber das constante Capital theils in natura, theils durch
       Austausch vermittelte  Theilung des  surplusproduce kann sich di-
       rekt erweitern,  ohne Austausch mit Klasse I, an deren Production
       es so keine direkte Schranke hat. Ebenso findet der Austausch von
       constantem Capital  hier direkt gegen Surplusproduce der Klasse I
       statt (nicht  gegen ihr  constantes Capital).  Es verwandelt sich
       für die Klasse II in additionelles variables, für die Klasse I in
       additionelles constantes Capital." 42)
       Hier deutete  Marx an,  wie sich  mit dem zusätzlichen konstanten
       Kapital für  eine Produktionserweiterung  von  Konsumtionsmitteln
       die für  die einfache  Reproduktion  festgestellten  Proportionen
       verändern, d.h. der Produktenwert der Produktionsmittel produzie-
       renden Abteilung  wächst. Demzufolge  verlangt die erweiterte Re-
       produktion ein deutliches Anwachsen der Summe des variablen Kapi-
       tals und  des Mehrwerts  jener Abteilung,  die  Produktionsmittel
       herstellt, gegenüber  dem konsumierten Kapital der Abteilung, die
       Konsumtionsmittel produziert.  Ebenso wichtig ist der Hinweis auf
       die relative Unabhängigkeit der Markterweiterung für Produktions-
       mittel u.  a. m. Darüber hinaus befinden sich in diesem Heft wei-
       tere Aussagen  zu den Austauschbeziehungen der beiden Abteilungen
       der gesellschaftlichen  Produktion im  Prozeß der erweiterten Re-
       produktion. Interessant sind auch die Erkenntnisse zu der sich im
       Prozeß des Fortschritts der Akkumulation ständig erhöhenden orga-
       nischen Zusammensetzung des Kapitals und der Auswirkungen auf die
       Lage der  Arbeiterklasse sowie zur Rolle der Wissenschaft in die-
       sem Prozeß. 43)
       Ganz offensichtlich  angeregt durch  François  Quesnays  "tableau
       économique", schuf Marx dazu eine zusammenfassende und übersicht-
       liche Darstellung  der Reproduktionstheorie  in Form mehrerer Ta-
       bellen. Sie enthalten alle grundlegenden Realisierungsbedingungen
       des gesellschaftlichen  Gesamtprodukts, wurden  allerdings später
       im "Kapital"  durch eine  andere  Darstellungsweise  ersetzt.  In
       Marx' Brief an Friedrich Engels vom 6. Juli 1863 sind wesentliche
       Erkenntnisse dieser  Forschungen zur  Reproduktionstheorie  knapp
       zusammengefaßt und  durch eine  Tabelle ergänzt.  44) Lenin,  der
       diesen Brief  studierte, wertete  das Forschungsresultat  mit den
       Worten: "Band  II im  Entwurf (I,  II Reproduktionsprozeß  etc.).
       Klar!!" 45)
       
       III. Ergänzungen zur Geschichte der Mehrwerttheorie
       ---------------------------------------------------
       
       Bemerkenswert sind  Marx' Studien zur Vervollkommnung der geplan-
       ten Theoriegeschichte,  die er in der letzten Phase der Arbeit am
       Manuskript von 1861-1863 leistete. Er spricht in dem Brief an En-
       gels vom  29. Mai 1863 von einer durch Krankheit bedingten, mehr-
       wöchigen Unterbrechung  dieser Arbeit.  Allerdings sei  er in der
       Zwischenzeit nicht  müßig gewesen,  sondern habe  u. a. "allerlei
       Literaturhistorisches in  Bezug auf den von mir bearbeiteten Teil
       der politischen  Ökonomie" 46)  gelesen und exzerpiert. Es ist in
       sogenannten Beiheften enthalten, die durch ihn selbst von A bis H
       gekennzeichnet wurden.  Hauptsächlich interessierten  Marx polit-
       ökonomische Werke aus der Periode der ursprünglichen Akkumulation
       des Kapitals.  Einige Resultate  dieses erneuten  Quellenstudiums
       fanden dann  Eingang in  die Hefte XXII und XXIII des Manuskripts
       von 1861-1863. Sie enthalten eine historische Skizze über William
       Petty, knapp  kommentierte Auszüge  aus Schriften von Thomas Hob-
       bes, John Locke, David Hume, Joseph Massie u.a.
       Ganz  offensichtlich   sind  Marx'   Untersuchungen    e i n e r-
       s e i t s   ein Zeichen dafür, daß er seine theoriegeschichtliche
       Analyse zeitlich  auszudehnen  gedachte.  Er  begann  seine  Dar-
       stellung der  "Theorien über  den Mehrwert" zwar ursprünglich mit
       einer Kritik der monetaristischen und merkantilistischen Anschau-
       ungen von  James Steuart,  dessen Hauptwerk  1767  erschien,  des
       physiokratischen Systems  von Turgot, der seine wichtigste Arbeit
       1766 vorlegte,  und der  Auffassungen von  Adam Smith  als  eines
       Klassikers  der   bürgerlichen  politischen  Ökonomie,  der  sein
       "Wealth of  Nations" 1776 veröffentlichte. Nunmehr entschied sich
       Marx aber,  jene in  der Periode  von 1691  bis 1752 erschienenen
       Schriften von  Petty, Locke, North, Hume u.a. mit in die Betrach-
       tung einzubeziehen. Bekräftigt wird das auch durch eine Feststel-
       lung über  den Gegenstand des theoriegeschichtlichen Teils seines
       Hauptwerkes aus dem Jahre 1867: Er soll "die Geschichte der Poli-
       tischen Ökonomie  seit Mitte  des 17. Jahrhunderts" 47) umfassen.
       Schließlich wies  Marx in dem von ihm für den "Anti-Dühring" ver-
       faßten Punkt  "X. Aus der 'Kritischen Geschichte'" wohl ausdrück-
       lich darauf hin, daß die Darstellung bei Petty, dem Begründer der
       modernen politischen Ökonomie, beginnen muß und die Schriften von
       Locke bis  Hume zu  berücksichtigen hat.  Denn diese  Periode ist
       "für die  Erforschung der  allmählichen Genesis  der  politischen
       Ökonomie die bedeutendste". 48)
       Andererseits deutet Marx' historische Skizze über Petty unbedingt
       darauf hin,  daß sich  der Gegenstand  der  geplanten  Theoriege-
       schichte  über   den  Mehrwert  inhaltlich  geweitet  hatte.  Die
       "Theorien über  den Mehrwert" entstanden als historische Betrach-
       tung zum  Mehrwert "rein"  als solchem, unabhängig von seinen be-
       sonderen, verwandelten  Formen: industrieller  Profit, Rente  und
       Zins. Hier  sollte nur  kritisch dargelegt werden, welche Auffas-
       sungen die  bürgerliche politische  Ökonomie zu  den spezifischen
       Bedingungen für  den Ursprung des Mehrwerts sowie zum Prozeß sei-
       ner Bildung  besaß, inwieweit  von ihr die Verwandlung des Geldes
       in Kapital sowie die Produktion des absoluten und relativen Mehr-
       werts analysiert  worden waren.  Im Verlauf der Untersuchung ging
       Marx jedoch über diesen Gegenstand wesentlich hinaus. Er betrach-
       tete nicht  nur die  bürgerlichen Mehrwerttheorien,  sondern auch
       "Wert- und  Preistheorien, Profit-,  Durchschnittsprofit-, Grund-
       renten-und Zinstheorien.  Faktisch bildete  sich also  eine Theo-
       riegeschichte über  den Mehrwert  im umfassenden Sinne heraus: Es
       entstand der   R o h e n t w u r f   für  den  vierten  Band  des
       "Kapital", wie Marx die "Theorien über den Mehrwert" später kenn-
       zeichnete. 49)  Und daß diese geplante literargeschichtliche Dar-
       stellung in  der Grundanlage  und der Breite der behandelten Pro-
       bleme als  ausgearbeitet gelten  konnte, wird  in gewisser  Weise
       durch Marx'  historische Skizze  über Petty bestätigt. Sie erfaßt
       dessen Ansichten  von produktiver  und unproduktiver  Arbeit, vom
       Wert, vom "Wert der Arbeit" sowie von Mehrwert, Rente und Zins.
       Während der  Arbeit am  Manuskript von 1861-1863 schuf Marx seine
       endgültige, später im "Kapital" verwirklichte Konzeption des all-
       gemeinen Begriffs  vom Kapital.  Sie beinhaltet vor allem die zu-
       sammenhängende, in sich geschlossene Darstellung der Theorien von
       der Verwandlung der Werte in Produktionspreise sowie vom Mehrwert
       und seinen  besonderen Formen:  industrieller Profit,  Rente  und
       Zins. Die  Herausbildung dieser  Konzeption bewog  Marx dazu, die
       Darstellung gegenüber  dem ersten Heft von "Zur Kritik..." (1859)
       zu verselbständigen,  also die Veröffentlichung seiner Theorie in
       der Form  zwangloser Hefte nicht weiterzuführen, sondern eben das
       "Kapital" fertigzustellen. Wiederum mußte die Verwirklichung die-
       ses Planes  eigentlich zwangsläufig  auch zur  Idee von einer ge-
       schlossenen, auf die Geschichte der Wert- und Mehrwerttheorie zu-
       gespitzten  Darstellung   als  unverzichtbarer   Bestandteil  des
       "Kapital" führen.  Sie liegt  in den "Theorien über den Mehrwert"
       vor, die  die Entwicklung  der kapitalistischen  Produktionsweise
       erfaßt, widergespiegelt durch die bürgerliche politische Ökonomie
       in ihren  verschiedenen Richtungen bzw. Schulen; und sie wird vor
       allem durch  die historische  Skizze über Petty m einem wesentli-
       chen Punkt ergänzt.
       
       _____
       1) Friedrich Engels,  Vorwort zu: Karl Marx, Das Kapital. Zweiter
       Band, in: MEW, Bd. 24, S.S.
       2) Ebenda.
       3) Siehe dazu  auch: Der zweite Entwurf des "Kapitals". Analysen.
       Aspekte. Argumente,  Berlin 1983. Dieser Sammelband, dessen Auto-
       ren zugleich die Herausgeber des Manuskripts von 1861-1863 in der
       MEGA sind,  enthält wichtige Ergebnisse der wissenschaftlich edi-
       torischen Arbeit an diesem Manuskript.
       4) Dieser zweite,  allerdings noch  nicht in  sämtlichen  Punkten
       völlig ausgearbeitete  Entwurf des  "Kapital"  umfaßt  etwa  1500
       Handschriften-Seiten. Sie  waren in ihrem Gesamtzusammenhang bis-
       her nicht  publiziert; und  650 Seiten gelangen sogar erstmals in
       der Sprache  des Originals  an die  Öffentlichkeit. Diese  Seiten
       liegen bereits in russischer Sprache vor. Siehe dazu die Bände 47
       und 48  der zweiten russischen Werkausgabe der Werke von Marx und
       Engels: Socinenija,  Tom 47, Moskva 1973; Socinenija, Tom 48, Mo-
       skva 1980.
       5) Siehe dazu  W.S. Wygodski, Die Geschichte einer großen Entdec-
       kung, Berlin 1967; W. Tuchscheerer, Bevor "Das Kapital" entstand,
       Berlin 1968;  W. Jahn/R.  Nietzold, Probleme  der Entwicklung der
       Marxschen politischen Ökonomie im Zeitraum von 1850 bis 1863, in:
       Marx-Engels-Jahrbuch,  Nr.   1,  Berlin  1978;  W.  Schwarz,  Vom
       "Rohentwurf" zum  "Kapital", Westberlin  1978; M. Müller, Auf dem
       Wege zum  "Kapital", Berlin 1978; G.A. Bagaturija/W. S. Wygodski,
       Ekonomitscheskoe nasledie Karla Marksa, Moskva 1976.
       6) Karl Marx  an Ludwig Kugelmann vom 28. Dezember 1862, in: MEW,
       Bd. 30, S. 639.
       7) Siehe dazu  J. Jungnickel,  Die Entwicklung  der marxistischen
       Theorie vom  relativen Mehrwert  in den  Jahren 1859-1863,  Phil.
       Diss., Berlin Juni 1981, Masch.-Exemplar.
       8) Siehe dazu W. Müller, Zum Stand der Ausarbeitung der Marxschen
       Theorie über die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftli-
       chen Gesamtkapitals im ökonomischen Manuskript von 1861-1863, in:
       Arbeitsblätter zur  Marx-Engels-Forschung, Nr.  11, Halle (Saale)
       1980.
       9) Karl Marx  an Friedrich  Engels vom  28. Januar 1863, in: MEW,
       Bd. 30, S. 320.
       10) Ebenda, S. 321.
       11) Aus seiner  umfänglichen, u.a.  für das  Manuskript von 1861-
       1863 genutzten,  Materialsammlung veröffentlichten  H. P.  Müller
       und R.  Winkelmann unlängst  einige Teile - Exzerpte von Marx zur
       Geschichte von  Maschinerie und  Industrie sowie  zur Technologie
       (Karl Marx:  Die technologischhistorischen  Exzerpte. Historisch-
       kritische Ausgabe...  Mit  einem  Vorwort  von  Lawrence  Krader.
       Frankfurt am  Main... 1981;  Karl Marx: Exzerpte über Arbeitstei-
       lung, Maschinerie  und Industrie. Historisch-kritische Ausgabe...
       Mit einem  Vorwort von  Lawrence  Krader.  Frankfurt  am  Main...
       1982). Sie  deklarieren für  den wissenschaftlichen  Apparat  und
       ausführliche Kommentare  zwar "editorisch-interpretatorische  Un-
       voreingenommenheit", erfüllen  diesen hohen  Anspruch aber nicht.
       Wie  könnte  Marx'  Auffassung  von  sozialer  Arbeit  sonst  auf
       "gesellschaftliche Vermittlung" schlechthin, auf "das Problem der
       produzierenden Einheit  und seiner  sozialen Organisation"  redu-
       ziert werden;  und ihm zugleich ein "technologischer Maschinenbe-
       griff" unterstellt werden?!
       12) Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. Er-
       stes Kapitel,  in: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Bd. 1, Ber-
       lin 1981,  S. 220,  231. Siehe  auch Karl Marx an Pawel Wassilje-
       witsch Annenkow  vom 28.  Dezember 1846,  in:  MEW,  Bd.  27,  S.
       452/453.
       13) Karl Marx/Friedrich  Engels, Die  deutsche Ideologie.  Erstes
       Kapitel, a.a.O., S. 213/214.
       14) Karl  Marx,   Ökonomische  Manuskripte   1857/58.  In:   Karl
       Marx/Friedrich Engels  Gesamtausgabe (MEGA  ²). Zweite  Abteilung
       "Das Kapital"  und Vorarbeiten.  Band 1,  Teil 1. Berlin 1976. Im
       folgenden: MEGA ² II/l.l bzw. II/1.2. Hier: MEGA ² II/1.1, S. 25.
       15) MEGA ² II/1.2, Berlin 1981, S. 640.
       16) Ebenda, S. 571.
       17) Karl Marx  an Friedrich  Engels vom 28. Januar 1863, in: MEW,
       Bd. 30, S. 320.
       18) Karl Marx,  Zur Kritik  der politischen  Ökonomie (Manuskript
       1861-1863), in:  Karl Marx/Friedrich  Engels Gesamtausgabe  (MEGA
       ²). Zweite  Abteilung "Das Kapital" und Vorarbeiten. Band 3, Teil
       6. Berlin 1982. Im folgenden: MEGA ² II/3.6. Hier: MEGA ² II/3.6,
       S. 1950.
       19) Siehe ebenda, S. 1917.
       20) Ebenda (Herv. im Original).
       21) Siehe MEGA ² II/1.2, S. 322/323.
       22) MEGA ² II/3.6, S. 2142.
       23) Ebenda.
       24) MEGA ² H/1.1, S. 264 und 162.
       25) Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. Er-
       stes Kapitel, a.a.O., S. 257.
       26) Siehe ebenda, S. 223 und 265.
       27) MEGA ² II/3.6, S. 2162.
       28) Ebenda, S. 2014 (Herv. im Original).
       29) Ebenda, S. 2056.
       30) Karl Marx,  Zur Kritik  der politischen  Ökonomie (Manuskript
       1861-1863), in:  Karl Marx/Friedrich  Engels Gesamtausgabe  (MEGA
       ²). Zweite  Abteilung "Das Kapital" und Vorarbeiten. Band 3, Teil
       4. Berlin 1979, S. 1248.
       31) Siehe MEGA ² II/1.2, S. 581/582.
       32) MEGA ² II/3.6, S. 2062 (Herv. im Original).
       33) Ebenda, S. 2060.
       34) Friedrich Engels,  Vorwort zu Karl Marx: Das Kapital. Zweiter
       Band, in: MEW, Bd. 24, S. 8.
       35) Siehe MEGA ² 11/3.6, S. 2245.
       36) Ebenda, S. 2216.
       37) Ebenda, S. 2220 (Herv. im Original).
       38) Siehe W.S.  Wygodski, Wie "Das Kapital" enstand, Berlin 1976,
       S. 93.
       39) MEGA ² II/3.6, S. 2257/2258 (Herv. im Original).
       40) Siehe ebenda.
       41) Ebenda, S. 2258 (Herv. im Original).
       42) Ebenda, S. 2259/2260.
       43) Siehe ebenda, S. 2260-2262.
       44) Siehe Karl  Marx an  Friedrich Engels  vom 6.  Juli 1863, in:
       MEW, Bd. 30, S. 362-367.
       45) W.I. Lenin,  Konspekt zum "Briefwechsel zwischen Marx und En-
       gels. 1844-1883", Berlin 1963, S. 374.
       46) Karl Marx  an Friedrich Engels vom 29. Mai 1863, in: MEW, Bd.
       30, S. 350.
       47) Karl Marx  an Sigfrid  Meyer vom 30. April 1867, in: MEW, Bd.
       31, S. 543.
       48) Friedrich Engels,  Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen-
       schaft (Anti-Dühring), in: MEW, Bd. 20, S. 221.
       49) Karl Marx  an Sigmund  Schott vom  3. November 1877, in: MEW,
       Bd. 34, S. 307.
       

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