Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       LEUGNET DER MARXISMUS DIE FRAUENFRAGE?
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       Eine Antwort an Frigga Haug
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       Ingeborg Nödinger / Alma Steinberg
       
       Die Art,  wie Frigga  Haug die  Möglichkeit zur Erwiderung nutzt,
       hat uns  erstaunt. Sie  wirft ihrer  Kritikerin Inkompetenz  vor,
       weist den  Vorwurf aber  nicht an der Sache selbst nach. Vielmehr
       setzt sie an zu einer Grundsatzkritik an den angeblichen Positio-
       nen der im Zusammenhang der Arbeiterbewegung organisierten Frauen
       - auf  die Argumente von Ute H.-Osterkamp geht sie nicht ein. Wir
       antworten hier  noch einmal auf Frigga Haug, weil es um theoreti-
       sche Kernfragen  des Verhältnisses  von Frauenbewegung und Arbei-
       terbewegung  geht   und  weil   die  Kritik   (die  eingestreuten
       "Hausnummern" wie  IMSF und  Marxistische Blätter sind da eindeu-
       tig) vor allem gegen die  m a r x i s t i s c h e  Auffassung von
       Frauenemanzipation gerichtet ist.
       
       I.
       
       Frigga Haug  ist angetreten,  das Verhältnis von Arbeiterbewegung
       und Frauenbewegung   n e u  zu bestimmen. Kritisierte sie vor ei-
       nigen Jahren  noch feministische  Gruppierungen, weil diese Klas-
       senunterdrückung und Frauenunterdrückung als voneinander unabhän-
       gig betrachteten  und "als , autonome Frauenbefreiungsgruppen ...
       nichts mit  einer 'männerdominierten Partei oder Organisation' zu
       tun haben  wollen", so  lautet ihr Einwand heute: Den inneren Zu-
       sammenhang von  Frauenbewegung und  Arbeiterbewegung, wie ihn die
       Marxisten feststellen,  gibt es  so nicht. Dies lasse sich sowohl
       an der  Geschichte der Arbeiterbewegung als auch an der marxisti-
       schen Frauenemanzipationstheorie nachweisen.
       Zum Beleg  baut sich Frigga Haug aus einigen Beispielen einen Po-
       panz, der  dann ohne  große Mühe  abzufertigen ist. So stellt sie
       nach einem  knappen Blick  auf die  Geschichte pauschal fest, die
       Arbeiterbewegung sei im großen und ganzen eine männliche Bewegung
       mit frauenfeindlichen  Tendenzen gewesen und habe für Fraueneman-
       zipation wenig übrig gehabt; führende Vertreter, Marx voran, hät-
       ten z.B.  eine männliche Denk- und Sprachform nie überwunden. Ist
       diese Fundamentalkritik auch stichhaltig? Hat Frigga Haug bei ih-
       rem Parforceritt  durch die Geschichte wirklich historisch analy-
       siert? Werden die bestimmenden Entwicklungslinien der Arbeiterbe-
       wegung nachgezeichnet?
       "Antworten, die  wir finden,  hängen ab  von der  Fragen, die wir
       stellen", heißt  es in  Frigga Hangs Text. Wie fragt sie nach der
       Haltung der  Arbeiterbewegung zur  Frauenemanzipation? Nicht  ge-
       fragt wird nach den prinzipiellen Unterschieden zwischen revisio-
       nistischen und revolutionären Positionen zur Frauenfrage - es ist
       einfach die  Rede von "der" Arbeiterbewegung. Man muß schon kräf-
       tig die  Augen verschließen,  um zu  übersehen, wie  sich mit der
       marxistischen Gesellschaftstheorie  die wissenschaftliche Theorie
       der Frauenemanzipation  entwickelte: Fünf  Jahre vor  Marxens Tod
       (1878) erscheint  August Bebels  "Die Frau  und der Sozialismus";
       wohlgemerkt: Der   p r a k t i s c h e   Führer der deutschen Ar-
       beiterbewegung, der bedeutendste Schüler, den Marx und Engels bis
       dahin in  Deutschland hatten, der im engsten Briefverkehr mit ih-
       nen steht,  widmet sein  erstes größeres  Buch  dem  Problem  der
       F r a u e n e m a n z i p a t i o n.  Und dieses Buch ist keines-
       wegs eine  eng   ö k o n o m i s t i s c h e  Analyse, sondern es
       behandelt alle  Seiten der historischen Entwicklung der Frauenun-
       terdrückung und  ihre in allen Sphären der gesellschaftlichen Be-
       ziehungen fortwirkenden Formen (natürlich nunmehr geprägt und be-
       festigt durch die spezifisch kapitalistischen Gesamtprozesse). Es
       gibt  also   im  Marxismus  und  in  der  Arbeiterbewegung  keine
       "Nichtexistenz" der Frauenfrage.
       Und was  das historische  Herangehen betrifft: Selbstverständlich
       gab und gibt es auch in der revolutionären Arbeiterbewegung keine
       automatische Umsetzung  grundsätzlicher Erkenntnisse ins Alltags-
       verhalten, gab und gibt es patriarchalische Tendenzen, Widersprü-
       che und  Auseinandersetzungen. Aber  kann man denn die Frage nach
       den  k o n k r e t e n  h i s t o r i s c h e n  B e d i n g u n-
       g e n   ausklammern, von  denen der  Umfang der Teilnahme und des
       Einflusses der  Frauen in der Arbeiterbewegung abhängen? Auch das
       Klassenbewußtsein setzt  sich bei  Männern wie  bei Frauen nur im
       ständigen harten  Kampf gegen  die überkommenen Denkweisen durch!
       Frauen wurde  die Organisierung  nicht nur durch patriarchalische
       Tendenzen in  der Arbeiterbewegung  erschwert, sondern sie hatten
       objektiv ungleich  mehr Hindernisse als die Männer zu überwinden.
       Koalitionsverbote, fehlende  Berufstraditionen und Organisations-
       erfahrungen erschwerten  z.B. ihre Organisierung. Subjektiv hemm-
       ten  traditionelle  Vorstellungen  von  der  weiblichen  nichtöf-
       fentlichen Stellung die Frauen am Eintritt in die Arbeiterorgani-
       sationen.
       Kann man  denn einfach  hinweggehen über den ungeheuren Druck der
       kulturellen Herrschaftsverhältnisse und Traditionen der kapitali-
       stischen Gesellschaft  auf  die  Arbeiter,  der  die  von  Bebel,
       Zetkin, Mehring  immer wieder angemahnte Durchsetzung emanzipati-
       onsfördernder Verhaltensweisen so sehr erschwert? Die Arbeiterbe-
       wegung war  nicht imstande, diese Bedingungen außer Kraft zu set-
       zen; vielmehr  war und  ist ja  gerade  ihre  Zielsetzung,  diese
       o b j e k t i v e n   ökonomischen, politischen, sozialen, patri-
       archalisch-kulturellen    Grenzen    zu    sprengen,    um    den
       s u b j e k t i v e n  Emanzipationsprozeß der Frau qualitativ zu
       ermöglichen, wobei  sich allerdings weitschauende Marxisten (vgl.
       Lenins Gespräche mit Clara Zetkin) über die Schwierigkeit und die
       Dauer dieses Prozesses keine Illusionen gemacht haben. Aus allem,
       was Lenin  in dieser Hinsicht gesagt hat, geht hervor, daß er So-
       zialismus nicht  bereits gleichsetzte  mit Emanzipation  der Frau
       auf allen  Gebieten, sondern als  V o r a u s s e t z u n g,  als
       Schlüssel zur allseitigen Emanzipation der Frau begriff.
       Wenn schon  von "zirkulärem  Denken" die  Rede ist:  Fragt  nicht
       Frigga Haug  die bisherige  Arbeiterbewegung, Männer  und Frauen,
       letztlich nur  danach, wie  weit der von Frigga Hang abstrakt und
       unhistorisch geforderte  "Umbau  der  Identitäten"  stattgefunden
       hat? Die  negative Antwort  ist mit der Frage schon programmiert.
       Die verallgemeinernde  Rede von der "weitgehend männlichen Arbei-
       terbewegung" verdrängt  Existenz und  Wirken  der  proletarischen
       Frauenbewegung. Sie verdrängt das unbestreitbare historische Fak-
       tum:  An   keiner  sozialen  Emanzipationsbewegung  früherer  Ge-
       schichtsperioden haben  Frauen einen so bedeutenden Anteil gehabt
       wie an den Kämpfen der Arbeiterklasse. Diese Frauen nahmen an den
       Kämpfen der  revolutionären Arbeiterbewegung  teil und  vertraten
       zugleich ihre  spezifischen Interessen  in Zeitschriften  wie der
       "Gleichheit", der  "Kämpferin", der "Kommunistin", in Frauenlese-
       und -schulungszirkeln, in Liedern wie "Brot und Rosen" und Losun-
       gen wie  "Dein Körper  gehört Dir".  Verdrängt wird die Tatsache,
       daß nicht  die damaligen Feministinnen, sondern die Arbeiterbewe-
       gung mit der KPD an der Spitze in der Weimarer Republik den brei-
       ten Kampf gegen den § 218 führte. 2)
       Während Frigga  Hang bei ihrer Geschichtsbetrachtung diese histo-
       rischen Gegebenheiten und Zusammenhänge großzügig übergeht, nimmt
       sie es mit Marxens Sprachformen wieder sehr genau. Rund 150 Jahre
       nach seinem  Tod werden, angeregt durch die Frauenbewegung, erst-
       mals patriarchalisch  geprägte Sprachformen  erforscht und kriti-
       siert. Frigga Hang, die vor wenigen Jahren noch gegen die "Mode",
       den "sexistischen  Charakter der  Sprache  aufzudecken",  polemi-
       sierte, 3) hält den Marxisten nun vor, daß Marx in seinen Sprach-
       formen ein Mensch seiner Zeit gewesen sei - daß er somit nicht in
       allen, sondern  nur in  den wesentlichen  Punkten die historische
       Entwicklung vorweggenommen hat.
       
       II.
       
       Zur marxistischen  Frauenemanzipationstheorie. In  ihrem  Artikel
       "Männergeschichte, Frauenbefreiung,  Sozialismus", stellt  Frigga
       Hang die These auf, der Klassenkampf beziehe sich auf das kapita-
       listische Ausbeutungsverhältnis  und sei im wesentlichen ein öko-
       nomischer Kampf-  oder  anders  ausgedrückt:  das    k a p i t a-
       l i s t i s c h e   Unterdrückungsverhältnis beschränke  sich auf
       den Produktionsbereich.  Im außerökonomischen  Bereich beobachtet
       sie dagegen,  "daß die Sozialstruktur dieser Gesellschaft auf der
       Frauenunterdrückung basiert". 4) Überbau und Reproduktionsbereich
       beruhten auf  Männermacht,  seien  gekennzeichnet  durch  Männer-
       privilegien, Männerwissenschaft,  männliche Kultur  und männliche
       Sprache. An  dieser Sicht  gesellschaftlicher Macht-  und  Unter-
       drückungsverhältnisse messend,  behauptet Frigga Haug: Die nur am
       ökonomischen Kampf  interessierte männlich  dominierte  Arbeiter-
       bewegung habe  die Frauenfrage  theoretisch in  der  Klassenfrage
       aufgelöst und damit ihre Nichtexistenz als eigenständiges Problem
       erklärt.
       Marxisten beiderlei Geschlechts beziehen sich in ihren Positionen
       zur Frauenfrage  auf die  von der revolutionären Arbeiterbewegung
       entwickelte Frauenemanzipationstheorie.  Wie wird  das Verhältnis
       von Frauenunterdrückung und Klassenunterdrückung dort behandelt?
       Es war  Engels, der, auf der Basis Marxscher Vorarbeiten, die be-
       sonderen  formationsübergreifenden,  geschlechtsspezifischen  Mo-
       mente der  Frauenunterdrückung herausarbeitete.  Er stellte fest:
       "Der erste  Klassengegensatz, der  in  der  Geschichte  auftritt,
       fällt zusammen  mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und
       Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der
       des weiblichen  Geschlechts durch  das männliche. " 5) "Diese er-
       niedrigte Stellung  der Frau  ... ist  allmählich beschönigt  und
       verheuchelt, auch  stellenweise in mildere Form gekleidet worden;
       beseitigt ist sie keineswegs." 6)
       Weiter zeigt  Engels: Die  Familienform - die Monogamie - und die
       Wirtschaftsform -  die häusliche  Produktionsgemeinschaft - waren
       bei der Entstehung des Privateigentums miteinander verbunden, pa-
       triarchalische Strukturen  und ökonomische  Strukturen waren  von
       Anfang an  verschränkt. "Sie  (die Monogamie - I.N./A.S.) war die
       erste Familienform,  die nicht auf natürliche, sondern auf ökono-
       mische Bedingungen  gegründet war,  nämlich auf den Sieg des Pri-
       vateigentums über  das ursprüngliche  naturwüchsige  Gemeineigen-
       tum." 7)  Patriarchalische Unterdrückung  ist nach  marxistischer
       Auffassung also Eigenschaft aller antagonistischen Klassengesell-
       schaften und  war stets mit den ökonomischen Herrschafts- und Un-
       terdrückungsstrukturen verbunden.  Die Formen  der  patriarchali-
       schen Unterdrückung sind jedoch immer konkret, eingebunden in die
       Reproduktion bestimmter ökonomischer Gesellschaftsformationen und
       damit in ihrem Charakter durch die grundlegenden Widersprüche und
       Bewegungsgesetze der  jeweiligen Formation  bestimmt. Es  ist ab-
       surd, dem Marxismus zu unterstellen, er habe einzig Klassenwider-
       sprüche anerkannt  und keinerlei  andere Widersprüche  in der Ge-
       sellschaft gesehen;  er hat  "nur" gezeigt, daß die Klassenwider-
       sprüche  in   den  antagonistischen   Klassengesellschaften   die
       l e t z t l i c h   e n t s c h e i d e n d e n   sind, weil  sie
       die in  den Produktionsverhältnissen  wurzelnden ökonomischen Ge-
       gensätze am unmittelbarsten zum Ausdruck bringen, und daß alle in
       der Gesellschaft wirkenden Widersprüche durch den Hauptklassenwi-
       derspruch beeinflußt,  gefärbt, mit ihm in der einen oder anderen
       Form verbunden sind.
       Es gibt  dem Kapitalismus  eigentümliche Unterdrückungsformen der
       Frau, die  sich im Produktionsbereich und im Reproduktionsbereich
       finden; an  welche jahrtausendealten Traditionen die Frauenunter-
       drückung in  unserer Gesellschaft  auch anknüpfen  mag - sie hält
       sich nicht  in erster  Linie durch die Wirkung solcher Ideologie,
       sondern sie fungiert und reproduziert sich als Teilmoment gesell-
       schaftlicher Verhältnisse,  deren Struktur bestimmt ist durch den
       ökonomisch fundierten  Widerspruch von  Lohnarbeit  und  Kapital,
       durch den Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie.
       
       III.
       
       Warum betonen Marxisten die doppelte Ausbeutung und Unterdrückung
       der Frauen  im ökonomischen  Bereich derart? Weil die spezifische
       Arbeitsteilung in  der Gesellschaft letztlich bestimmt wird durch
       die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Geschlechtsspezifi-
       sche Unterdrückung  im Produktionsbereich  heißt im Kern: weniger
       Lohn für Frauen. Frauen sind billige Arbeitskräfte - billiger als
       Männer, selbst  bei gleicher Qualifikation und gleichwertiger Ar-
       beit. Ihr  Lohn fehlt  der gesamten  Klasse - Männern wie Frauen.
       Nur ideologisch  läßt sich  diese Lohndiskriminierung  der Frauen
       rechtfertigen. Auf  die Heranziehung patriarchalischer Denkmuster
       bei der  Rechtfertigung der  Minderbezahlung weiblicher  Arbeits-
       kräfte zu  Beginn der  kapitalistischen Produktionsweise wies be-
       reits Clara  Zetkin hin.  Daß das ausschlaggebende Moment für das
       Kapital, die doppelte Ausbeutung der Frau aufrechtzuerhalten, das
       ökonomische Interesse  ist, zeigt  sich auch  daran, daß doppelte
       Unterdrückung  unter  entsprechenden  Bedingungen  ebenso  Männer
       trifft. Gastarbeiter, Farbige, ethnische und religiöse Minderhei-
       ten werden unter kapitalistischen Verhältnissen doppelt ausgebeu-
       tet. Im  Streben nach  Extraprofit nutzt  das Kapital überkommene
       rassistische und  nationalistische Diskriminierungsformen  ebenso
       wie die  patriarchalischen und fördert ihre Aufrechterhaltung und
       Reproduktion.
       Auf die  besondere Frauenunterdrückung  im Produktionsbereich ma-
       chen die  Marxisten aufmerksam  - nicht,  weil  sie  Frauenunter-
       drückung in  anderen Bereichen  nicht sehen, sondern weil die ge-
       schlechtsspezifische Ausbeutung  im Produktionsbereich  eine  we-
       sentliche Grundlage  für die  Aufrechterhaltung der  Frauenunter-
       drückung im  Reproduktionsbereich bildet. Die geschlechtsspezifi-
       sche Arbeitsteilung  kann z. B. so lange aufrechterhalten werden,
       wie Frauen wesentlich weniger verdienen als Männer; so lange wer-
       den sie es sein, die die Erwerbstätigkeit aufgeben oder teilzeit-
       arbeiten, wenn Kinder, mangels öffentlicher Erziehungseinrichtun-
       gen, privat versorgt werden müssen. Lohndiskriminierung läßt auch
       die ökonomische Abhängigkeit vom Mann wenigstens bis zu einem ge-
       wissen Grad  bestehen und  zieht wiederum  familiäre und sexuelle
       Abhängigkeiten nach sich. Dies ist eine der Formen, wie die kapi-
       talistischen Produktionsverhältnisse  auch  den  Reproduktionsbe-
       reich bestimmen.
       Patriarchalische Strukturen  in der  Mann/Frau-Beziehung reprodu-
       zieren sich  auch deshalb, weil Männer von ihnen profitieren. Die
       häusliche Frau  ist in vielen Situationen die für den Mann beque-
       mere Frau.  Sexistische Diskriminierung  der Kollegin  verschafft
       dem Kollegen  ein Gefühl  der Überlegenheit.  Die Interessen, die
       Männer mit solchen patriarchalischen und sexistischen Verhaltens-
       weisen durchsetzen,  sind  jedoch  kurzfristig.  Die  damit  auf-
       rechterhaltene  Ungleichheit  zwischen  den  Geschlechtern  nutzt
       letztlich - wie alle Diskriminierungs- und Unterdrückungsverhält-
       nisse in  der kapitalistischen  Gesellschaft - der Herrschaft des
       Kapitals und ist auch subjektiv für den Mann entwicklungshemmend.
       So wendet  sich die sexistische Diskriminierung der Kollegin etwa
       zum Nachteil des Mannes und zum Vorteil des Kapitals, wenn sie in
       ihrer entsolidarisierenden Wirkung Arbeitskämpfe schwächt. So ist
       der Mann  mit der  häuslichen Frau auch der Mann, der die Verant-
       wortung für  sein psychisches  und physisches Wohlbefinden abgibt
       und sich so in eine bequeme, aber einengende Abhängigkeit begibt.
       Das heißt:  Die männlichen  Proletarier unterdrücken Frauen nicht
       einfach, weil  sie Männer  sind, sondern  insofern und  weil  sie
       rückständig sind  und ihre  Klasseninteressen nicht erkennen (das
       gleiche gilt  für Frauen,  die gegen ihre eigenen Interessen han-
       deln).
       Der Abbau  männlichen Unterdrückerverhaltens  ist auch und gerade
       für die Männer und Frauen der Arbeiterbewegung notwendig. Verhal-
       tensveränderungen allein  können jedoch die durch staatliche Maß-
       nahmen verfestigte,  mit den kapitalistischen Produktionsverhält-
       nissen immer wieder neu erzeugte Tendenz zu Frauendiskriminierung
       und männlichem Unterdrückerverhalten nicht aufheben. Dazu ist die
       ökonomische und  soziale Befreiung der Gesamtgesellschaft von Ka-
       pitalherrschaft und  existenziellen Konkurrenzzwängen  notwendig.
       Solange sie nicht erkämpft ist, wird die ökonomische Ungleichheit
       auch Quelle sein für soziale, psychische, sexuelle Abhängigkeits-
       und Unterdrückungsverhältnisse zwischen den Geschlechtern.
       Das haben  die Klassiker  der marxistischen  Emanzipationstheorie
       durchaus gesehen.  Zwar stellten  sie das  historisch Neue heraus
       und betonten  die grundsätzliche Möglichkeit der Frau, erwerbstä-
       tig zu sein, eine gewisse ökonomische und soziale Selbständigkeit
       und damit  Gleichheit im Geschlechterverhältnis zu erreichen. Sie
       übersahen dabei  aber nicht, wie Frigga Hang unterstellt, die ob-
       jektiven und  subjektiven Hemmnisse,  die der  Gleichberechtigung
       der Geschlechter  innerhalb der  Arbeiterbewegung entgegenstehen.
       So heißt es bei Engels: "Erst die große Industrie unsrer Zeit hat
       ihr -  und auch nur der Proletarierin - den Weg zur gesellschaft-
       lichen Produktion  wieder eröffnet.  Aber so,  daß, wenn sie ihre
       Pflichten im  Privatdienst der  Familie erfüllt,  sie von der öf-
       fentlichen Produktion  ausgeschlossen bleibt  und nichts erwerben
       kann; und daß, wenn sie sich an der öffentlichen Industrie betei-
       ligen und  selbständig erwerben will, sie außerstand ist, Famili-
       enpflichten zu erfüllen ... Die moderne Einzelfamilie ist gegrün-
       det auf die offne oder verhüllte Haussklaverei der Frau". 8)
       Clara Zetkin bemerkt in einem Essay zu Ibsens "Nora": "Die ökono-
       mische Entwicklung  löst geistige  und materielle Kräfte aus, die
       im Proletariat das Verhältnis zum Mann und zur Familie revolutio-
       nieren und damit die Moral des Vorurteils und der Lüge fortfegen,
       welche die  Beziehungen der  Geschlechter vergiftet  und den Men-
       schen im  Weibe tötet  . ..  Aber was  wirkende objektive Tendenz
       ist, das setzt sich nur langsam subjektiv durch. Und so sind auch
       hier die  Helmers noch viel zu viele, mit denen die Proletarierin
       abrechnen muß, gerade wenn sie als Streiterin im Klassenkampf ihr
       Menschenrecht erobern will. " 9)
       Von der  Auflösung der  Frauenfrage in  der Klassenfrage, von der
       Nichtbeachtung der  Geschlechterunterdrückung durch die marxisti-
       sche Frauenemanzipationstheorie kann also nicht die Rede sein.
       
       IV.
       
       Wie gehen Marxistinnen heute mit dem Problem der Unterdrückung im
       Mann/Frau-Verhältnis um?  Frigga Hang  behauptet: Das vornehmlich
       private Mann/Frau-Verhältnis  werde in  sozialistischen Organisa-
       tionen der  Arbeiterbewegung als angeblich unpolitisches Verhält-
       nis gar  nicht erst  angesprochen. Feministische Aktivitäten, die
       sich auf diese Probleme beziehen, würden geleugnet oder diskrimi-
       niert. So und nicht anders habe sie es auf Konferenzen gehört, in
       marxistischen Publikationen gelesen.
       Zweifellos: "Der  Blickwinkel bestimmt  die Wahrnehmung",  und so
       ist es  Frigga Haug entgangen, daß ein Grundgedanke der marxisti-
       schen Beiträge auf der IMSF-Konferenz war: "Ausgangspunkt unserer
       politischen Arbeit  ist der  gesamte weibliche Lebenszusammenhang
       ..., nur dann können wir dem Problem der besonderen Unterdrückung
       der Frau gerecht werden". 10)
       Immer mehr Marxisten beiderlei Geschlechts sind heute der Auffas-
       sung: Allein  die Teilnahme  an der gesellschaftlichen Arbeit und
       an den  sozialen Auseinandersetzungen  reicht nicht  aus, um  den
       Emanzipationskampf voranzutreiben. Immer mehr Frauen bringen des-
       halb ihre Ansprüche auf selbstbestimmte Körperlichkeit und Sexua-
       lität, auf  gleichberechtigte Geschlechterbeziehung in die sozia-
       listische Politik ein und kritisieren patriarchalisches Verhalten
       in den  Organisationen der  Arbeiterbewegung. Anerkannt ist unter
       Marxisten auch: Feministische Initiativen und Selbsthilfeprojekte
       haben wesentlich dazu beigetragen, tabuisierte Formen der Frauen-
       unterdrückung öffentlich bewußt zu machen.
       Merkwürdigerweise hat  Frigga Haug diese marxistischen Positionen
       zum Privaten  und zu  den Feministinnen  nicht entdeckt. So fühlt
       sie sich  zur Aufklärung  berufen und will uns zeigen, durch wel-
       ches feministische  Tun das Persönliche politisch wird. Herausge-
       kommen ist  eine erstaunlich  simple und  willkürlich ausgewählte
       Aneinanderreihung feministischer  Aktivitäten, bar jeder Analyse.
       Nichts ist über die soziale Lage feministischer Frauen, die ihren
       Standpunkt erst  begreifbar werden läßt, zu erfahren. Nichts wird
       gesagt über feministische Ziele und Strategien und damit über die
       Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
       Marxistinnen unterscheiden  sich von  feministischen Frauen nicht
       dadurch, daß  sie, wie  Frigga Hang  unterstellt, private  Themen
       ignorieren und  verleugnen, sondern  dadurch, wie  sie an private
       Erfahrungen und  Probleme herangehen  (dazu hat  Ute H.-Osterkamp
       Wichtiges gesagt).  Sie fragen,  welche materiellen  Verhältnisse
       patriarchalische Unterdrückung  prägen und  immer wieder neu her-
       vorbringen, welchen  Nutzen und  Anteil die  Kapitalherrschaft an
       der privaten  Unterdrückung hat.  Danach zu  fragen, heißt nicht,
       alle gesellschaftlichen Widersprüche unmittelbar auf das Kapital-
       verhältnis zurückzuführen,  sondern heißt  aufzuzeigen,  wie  das
       ökonomisch  begründete  kapitalistische  Unterdrückungsverhältnis
       sich in vermittelten Formen fortsetzt, sich mit patriarchalischen
       Strukturen verschränkt, sich so verfestigt.
       Die Widersprüche  zwischen Männern und Frauen sind nicht die ein-
       zigen, die  in der Geschichte der Arbeiterbewegung tiefe Probleme
       aufgeworfen haben;  es gibt kurzfristige Interessengegensätze und
       damit mögliche Spaltungslinien zwischen Einheimischen und Auslän-
       dern, Alten  und Jungen, Qualifizierten und Ungelernten, Christen
       und Atheisten  usw. Die  Frage ist  doch: Welche Konsequenz zieht
       man daraus  für das  politische Handeln?  Marxisten beiderlei Ge-
       schlechts gehen  aus von einer theoretischen Grunderkenntnis, die
       Frigga Hang  meint revidieren  zu müssen: In jeder auf Ausbeutung
       beruhenden Gesellschaftsformation gibt es einen Grundwiderspruch,
       dessen Aufhebung  die Möglichkeit  erst schafft, viele andere Wi-
       dersprüche langfristig  im gesellschaftlichen  Maßstab zu  lösen.
       Marxistinnen beziehen  ihr Handeln  daher in der Konsequenz stets
       auf das Hauptziel der Beseitigung der Kapitalherrschaft durch die
       sozialökonomische Befreiung  der Arbeiterklasse  - ein  Punkt, zu
       dem sich  Frigga, Hang  mit ihren  Vorstellungen der Überlagerung
       von Widersprüchen  und Bewegungen  ausgesprochen vage äußert. Un-
       sere Herangehensweise  beinhaltet, daß Frauen im privaten Bereich
       nicht nur als Geschlechtswesen, sondern in entscheidender Instanz
       als Angehörige  bestimmter Klassen  und Schichten gesehen werden,
       und sie  verhindert, daß die doppelte Unterdrückung der Frau rein
       mechanisch als einfache Summe von patriarchalischer Unterdrückung
       im Reproduktionsbereich und ökonomischer Unterdrückung im Produk-
       tionsbereich begriffen  wird. Indem Frigga Hang genau diese Tren-
       nung vornimmt,  löst sie die Frauenfrage von ihrer sozialökonomi-
       schen Basis und reduziert sie auf eine ideologische Frage.
       
       _____
       1) Frigga Haug,  Für eine sozialistische Frauenbewegung, Argument
       Studienheft 15, Westberlin 1978, S. 22.
       2) Vgl. IMSF (Hg.), Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation 1889-
       1933, Frankfurt/M. 1973.
       3) Frigga Haug, Für eine sozialistische . . ., a.a.O., S. 22.
       4) Frigga Haug,  Männergeschichte, Frauenbefreiung,  Sozialismus,
       Das Argument 129, Westberlin 1981, S. 656.
       5) Friedrich Engels,  Der Ursprung  der Familie, des Privateigen-
       tums und des Staates, Berlin 1974, S. 76 (= MEW 21, S. 68).
       6) Ebenda, S. 66 (= MEW 21, S. 61).
       7) Ebenda, S. 75 (= MEW 21, S. 671 f.).
       8) Ebenda, S. 84 (= MEW 21, S. 75).
       9) Clara Zetkin,  "Henrik Ibsen",  zitiert aus:  Brot und  Rosen,
       Hrsg. Florence Hervé, Frankfurt/M. 1979, S. 76.
       10) Florence Hervé/Mechtild Jausen, Frauenunterdrückung und Orga-
       nisationsfrage, in: IMSF (Hrsg.), Wir wollen alles! Beruf - Fami-
       lie -  Politik. Frauenarbeit  und Frauenbewegung. Materialien der
       Frauenkonferenz des  IMSF vom 20./21. November 1982, Frankfurt/M.
       1983, S. 98.
       

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