Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       WIE SIE ZU MARX STEHEN...
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       Hauptrichtungen des bundesdeutschen Umgangs mit Karl Marx
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       in seinem 100. Todesjahr
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       Winfried Schwarz
       
       I. Einleitung - II. Theorie und Methode von Marx angewandt - III.
       Die reaktionäre  Verzerrung zur Ersatzreligion - IV. Erbansprüche
       sozialdemokratischen Typs - V. Rückwärtsgang im "Argument"
       
       I. Einleitung
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       Wer die  konkreten Ziele  und Stoßrichtungen  der bundesdeutschen
       Reaktionen auf  den 100.  Todestag von Karl Marx am 14. März 1983
       und seinen  165. Geburtstag  am 5.  Mai 1983 verstehen will, darf
       die soziale  und politische  Lage unseres Landes nicht außer acht
       lassen. Es  befindet sich seit einigen Jahren unter dem unmittel-
       baren Druck  der kapitalistischen  Wirtschaftskrise, welcher  die
       Arbeiterklasse und  die Gewerkschaften Widerstand nur auf niedri-
       gem Niveau  entgegensetzen. Die Rechtskräfte erlangten bestimmen-
       den Einfluß  auf die  Entwicklung der Bundesrepublik, und auf der
       Linken kamen  Umgruppierungsprozesse in  Gang.  Der  militärische
       Konfrontationskurs des US-Imperialismus hat eine breite Massenbe-
       wegung für  den Frieden  hervorgerufen. Neue soziale Prozesse er-
       fordern ihre Interpretationen, die sich über ideologische Ausein-
       andersetzungen vermitteln;  in ihnen  wird der  Druck der  Bonner
       Rechtskoalition auf  eine geistige  Wende  nach  rückwärts  immer
       deutlicher spürbar.
       Schon immer  haben Gedenktage bzw. die um sie gruppierten Aktivi-
       täten den  Vorzug, daß in einem knappen Zeitraum und gleicher Si-
       tuation die  unterschiedlichsten gesellschaftlichen  Kräfte  ihre
       Positionen markieren. Erst recht verlangt die Selbstverständigung
       über Karl  Marx die Prüfung der eigenen Haltung zu den - eingangs
       genannten -  sozialen und politischen Konflikten. Geistig-ideolo-
       gische Tendenzen  werden wie in einem Vergrößerungsglas sichtbar.
       Die folgende  Bilanz des  Karl-Marx-Jahres befaßt  sich mit  vier
       hervorgetretenen Hauptrichtungen der aktuellen Marxbeschäftigung.
       1) Der Umfang der jeweiligen Darstellung entspricht nicht dem re-
       alen Gewicht  der Strömungen  innerhalb  der  Marxrezeption.  Der
       breite Raum  zur Behandlung  des  "Argument"  in  diesem  Beitrag
       rechtfertigt sich  dadurch, daß nur hier bedeutsame Positionsver-
       änderungen gegenüber früher zum Vorschein kamen - Positionsverän-
       derungen, die entschiedene Kritik herausfordern.
       
       II. Theorie und Methode von Marx angewendet
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       Die kämpferischen,  mit der praktischen marxistischen Arbeiterbe-
       wegung verbundenen  Marxisten waren die ersten, die mit Marx-Ver-
       anstaltungen an  die Öffentlichkeit  traten. Bereits  im  Oktober
       1982 stellte  das IMSF seine "Marxistische Woche" unter den Titel
       "Sechs Tage  mit Marx";  sie wurde  bewußt in  Köln durchgeführt,
       derjenigen deutschen Stadt, wo Marx am längsten politisch wirkte.
       Hier wie  auch in  dem kurz  danach gemeinsam mit der Wuppertaler
       Marx-Engels-Stiftung herausgegebenem  Sonder-Jahrbuch des IMSF ".
       .. einen  großen Hebel  der Geschichte" zeigte sich der besondere
       Charakter jener  Marxwürdigungen im  Unterschied zu  bürgerlichen
       oder neomarxistischen  und "kritischen"  Richtungen. Nicht stati-
       sche Konfrontation  Marxscher Gedanken  mit der heutigen Realität
       stand im  Zentrum, sondern  der Versuch,  auf der  Grundlage  der
       Theorie und  Methode von  Marx die gesellschaftlichen und politi-
       schen Probleme unserer Zeit zu analysieren. Das galt und gilt vor
       allem für die neuen Fragen wie Friedenskampf, Ökologie, Frauenbe-
       wegung.
       Der Aktualität  von Marx  im Sinne des Zugehens auf aktuelle Pro-
       bleme mit  den Erkenntnismitteln  des Marxismus  galten sämtliche
       Veranstaltungen und Publikationen solcher marxistischer Organisa-
       tionen wie DKP, MSB Spartakus, SDAJ, Marxistische Arbeiterbildung
       (MAB) u.a.  Politischer Höhepunkt  war zweifellos die internatio-
       nale Manifestation  "Karl Marx  ist Gegenwart"  am  12.  März  in
       Trier, auf  der der  DKP-Vorsitzende Herbert  Mies  die  Festrede
       hielt. Dieser von 800 Personen besuchten Kundgebung ging an glei-
       cher Stelle  eine wissenschaftliche  Konferenz des  IMSF und  der
       Marx-Engels-Stiftung voraus, die "Karl Marx und das revolutionäre
       Subjekt in der Welt von heute" zum Thema hatte, genauer: die Ein-
       heit der  drei revolutionären Hauptströmungen, nämlich der Arbei-
       terklasse an  der Macht,  der Arbeiterklasse  in den entwickelten
       kapitalistischen Ländern  und der  antiimperialistischen  Befrei-
       ungsbewegungen in  der "Dritten  Welt". Dazu erarbeitete das IMSF
       Thesen unter  dem gleichen Titel. Abgeschlossen wurden die um den
       14. März gruppierten Aktivitäten mit einer Studienfahrt nach Lon-
       don zu  den Wirkungsstätten  von Karl Marx. Am Grab auf dem High-
       gate-Friedhof legten am Todestag Heinz Jung, Leiter des IMSF, Ro-
       bert-Jean Longuet,  ein Urenkel  von Karl  Marx, und Herbert Mies
       für die  DKP gemeinsam Kränze nieder. 2) Als letzte zentrale Ver-
       anstaltung wurde  in Wuppertal der 165. Geburtstag von Marx am 5.
       Mai mit  einem Referat von Heinz Jung (IMSF) über die bürgerliche
       Marxkritik gewürdigt.
       Kennzeichnend für  die Marxbehandlung des kämpferischen Marxismus
       waren indessen  weniger die  zentralen Gipfelveranstaltungen. Von
       größerer Bedeutung waren die auf lokaler Ebene entfalteten Basis-
       aktivitäten vom  Lesezirkel über  die  Diskussionsrunde  bis  zur
       stadtbezogenen Marxwoche.  In der  Durchführung beteiligten  sich
       politische Kräfte weit über den Rahmen der kommunistischen Partei
       hinaus -  z.B. parteilose Marxisten und Marxisten in der SPD - an
       Veranstaltungen. 3)
       
       III. Die reaktionäre Verzerrung zur Ersatzreligion
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       Auf bürgerlicher  Seite wurde  der publizistische Umgang mit Karl
       Marx bereits anderthalb Jahre vor seinem Todestag eingestimmt. Im
       Herbst 1981  erschien mit einer Startauflage von 50000 Exemplaren
       eine neue, über 600 Seiten umfassende Marx-Biographie (Karl Marx.
       Sein Leben  und seine  Zeit, München/Zürich 1981). In literarisch
       anspruchsvoller Darstellung  formulierte  der  Verfasser  Richard
       Friedenthal, was  im März 1983 als einheitliches Marxklischee von
       der bundesdeutschen  Presse gepredigt  wurde: "Marx  schuf  einen
       neuen Glauben"  (ebenda, S. 265). Der Marxismus sei keine Wissen-
       schaft, mit der sich ernsthafte Auseinandersetzung lohne, sondern
       eine Ersatzreligion, eine Heilslehre, die auf das Proletariat nur
       deshalb eine  gewisse Faszination ausüben kann, weil sie ihm eine
       besondere Rolle  zu- und  das Paradies auf Erden verspricht. Marx
       war laut Friedenthal "von sich überzeugt bis zur Selbstvergottung
       und zum Messianismus, der nun bei ihm nicht auf das jüdische Volk
       bezogen, sondern  auf das  Proletariat übertragen  wurde, das ihm
       als das  von der  'Geschichte' auserwählte Volk galt" (ebenda, S.
       225). 4)
       Bestimmt hätten  auch ohne Friedenthal die Gedenkbeiträge zu Marx
       von den  großen überregionalen  Zeitungen bis zum lokalen Winkel-
       blättchen den gleichen Grundinhalt gehabt. 5) Denn die politische
       Denunziation des Marxismus als Pseudoreligion mit dem Proletariat
       als "Diesseitserlöser"  ist sicher  keine neue  Idee; sie tauchte
       bereits in  den zwanziger  Jahren auf.  Interessant ist indessen,
       daß dieses  konservative und  geistig so  anspruchslose Deutungs-
       schema im  Jahre 1983  so eindeutig  meinungsbildend wurde - ganz
       anders als  etwa 1968, zum 150. Geburtstag von Marx, wo die Suche
       nach dem  "unbefleckten" Marx  unter dem  "erstarrten" Leninismus
       sowie die  theoretische Kritik der Marxschen Ökonomie vorherrsch-
       ten. In  diesem Jahr,  angesichts von  Massenarbeitslosigkeit und
       Dauerkrise, ließen  die bürgerlichen Marxkritiker verständlicher-
       weise die  Finger vom  "Kapital", und selbst der "junge" Marx war
       ihnen offensichtlich zu brisant.
       Statt dessen  wird dem  Zeitungsleser eben  der Marxismus als ge-
       fährliche Ersatzreligion präsentiert, so gefährlich deshalb, weil
       die  Anhänger   von  Marx   durch   die   pseudowissenschaftliche
       "Heilsgewißheit" zu  einem Fanatismus getrieben würden, der ihnen
       jedes Mittel,  selbst den  Terror, zur Durchsetzung des irdischen
       Paradieses recht  mache. Dantes  Inferno bzw., in der Sprache der
       "Zeit", der  "Archipel GULAG"  seien die zwingende Konsequenz des
       Marxismus.
       Der "Entlarvung"  des Marxismus  als reine Machtlehre diente auch
       die biographischen  Darstellung der Marxschen Lebensverhältnisse.
       In den selben Artikeln, die das angeblich religiöse Geheimnis des
       Marxismus "lüfteten",  fanden sich  oft spaltenlange Auslassungen
       über machtgierige  Eiferei,  persönliche  Heuchelei  und  private
       Herrschsucht bei  Marx, über  diktatorische Gelüste selbst gegen-
       über dem  intimsten Freundeskreis. Nur scheinbar unvermittelt ne-
       beneinander stehen  persönliche Verunglimpfungen und Verzerrungen
       der Marxschen  Lehre. Denn die biographische Verleumdung ist dazu
       da, die  These abzustützen, daß der ganze Marxismus in seiner Ge-
       stalt als diesseitsreligiöse Inanspruchnahme des Proletariats für
       den Privatzweck  von Karl  Marx nichts  anderes ist  als der  zur
       Theorie gewordene dämonische Machtwille seines Begründers.
       Marxisten sollten  sich hüten,  die Phrase von der Diesseitsreli-
       gion nur  als Dummheit abzutun. Was in der böswilligen Verzerrung
       als Verhältnis  zwischen Prophet  (gescheitertem  natürlich)  und
       auserwähltem Volk  kritisiert wird,  meint den innersten Kern des
       Marxismus: das  Verhältnis des wissenschaftlichen Sozialismus zum
       weltverändernden Subjekt.  Wie auch immer verstellt und versteckt
       - im  Jahre 1983 steht im Zentrum der reaktionären Marxkritik die
       wissenschaftliche Entdeckung  der weltgeschichtlichen  Rolle  der
       Arbeiterklasse. Diese  Entdeckung wird  bestritten, wenn  von Er-
       satzreligion und Heilslehre die Rede ist.
       Nach dieser Kurzdarstellung des Grundtyps bürgerlicher Marxkritik
       sei eine  Nachbemerkung zum  Verhalten der  staatlichen und halb-
       staatlichen Institutionen erlaubt. Daß die Bundesregierung in ei-
       ner Auflage  von 8,35  Millionen ein  5-DM-Stück mit Marx-Porträt
       herausgegeben hat 6), ist das erzwungene Eingeständnis selbst der
       Kräfte, die  Marxisten mit Berufsverbot belegen, daß der in Trier
       geborene Marx  im Ausland als einer der "größten Deutschen" gilt.
       7) Was  den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und das Fernsehen be-
       trifft, so war dort Grundzug, daß die Diskussionen ohne Vertreter
       des revolutionären Marxismus stattfanden, übrigens sehr zum Scha-
       den für  die Lebendigkeit  der Sendungen  selbst. Positiv erwähnt
       werden müssen  hier die  Hochschulen, an  denen unzählige  Vorle-
       sungsreihen, Gastvorträge,  Spezialseminare,  Podiumsdiskussionen
       etc. stattfanden.  Das Positive besteht schon darin, daß der Wis-
       senschaftler Karl Marx an vielen Universitäten nach vielen Jahren
       zum ersten  Mal wieder aus der Versenkung auftauchte. Die univer-
       sitäre Marxrezeption erreichte zwar nicht die Breite der endsech-
       ziger Jahre,  doch wurde immerhin demonstriert, daß trotz Berufs-
       verboten Karl Marx nicht zum Schweigen gebracht worden ist. 8)
       
       IV. Erbansprüche sozialdemokratischen Typs
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       Marxwürdigungen durch Marxisten in der SPD wurden schon angespro-
       chen. Diese  Sozialdemokraten sind  im folgenden  nicht  gemeint.
       Wenn zwei  typisch sozialdemokratische  Varianten des Umgangs mit
       dem Todestag von Karl Marx charakterisiert werden, geht es um Äu-
       ßerungen bestimmender Parteirepräsentanten. 9)
       Die spezifisch rechtssozialdemokratische Behandlung von Karl Marx
       ist seine  partielle Reklamation, d.h. positiver Bezug auf solche
       Bestandteile, welche  der pragmatischen Tagespolitik nicht wider-
       sprechen, bei  Negation, bestenfalls Ignorierung der Einheitlich-
       keit des  Marxismus als revolutionärer Theorie und bei ausgepräg-
       ter Stoßrichtung  gegen die  Weiterentwicklung des  Marxismus zum
       Marxismus-Leninismus. 10)
       Beim Parteivorsitzenden Brandt äußert sich das so: Auf der Bonner
       Konferenz im Februar (Frankfurter Rundschau: "Sozialdemokratische
       Leichenfeier mit  linken Lücken")  bezeichnet er  Marx als  einen
       großen Denker  des 19. Jahrhunderts, als einen für die Geschichte
       der Arbeiterbewegung  bedeutenden Theoretiker, als jemanden, des-
       sen Analysen  "vielfach richtig" waren, dessen Kategorien und Me-
       thoden in  einigen Teilen "auf faszinierende Weise modern geblie-
       ben" sind;  sein Gesamturteil jedoch lautet: "Seine Antworten er-
       wiesen sich  vielfach als  falsch, seine  Hoffnungen  als  trüge-
       risch." Und  was ist von Marx geblieben? "Tiefe, unverwechselbare
       Spuren in  unserem Denken." 11) Das war es denn. Der Eindruck ei-
       ner "Leichenfeier"  ist durchaus verständlich. So redet man hier-
       zulande eben von Toten. Damit meine ich nicht nur die Phrasenhaf-
       tigkeit und  Unklarheit der  Sprache, sondern auch dies: Wenn die
       Gedanken von  Marx, die ja im 19. Jahrhundert gedacht wurden, das
       "moderne" Denken  "mitgestaltet" haben,  in dieses  "eingegangen"
       sind, und sei es auch mit "tiefen Spuren", dann soll damit gesagt
       sein, daß  der Marxismus  im modernen  Geistesleben  verschwunden
       ist. Er  hat keine  selbständige Existenzberechtigung  mehr neben
       den  angeblich  so  zeitgemäßen  Wissenschaften  der  Soziologie,
       Volkswirtschaftslehre und  sonstigen Disziplinen des bürgerlichen
       sozialwissenschaftlichen Betriebs.
       Hochgelobt von  der Presse  erschien der einzige bürgerliche Sam-
       melband zum  Jubiläum. 12)  Hier kommt  die buntscheckige, in der
       Bundesrepublik und  Westberlin wirkende  "Marxbeschäftigung"  der
       älteren Generation  zu Wort  (die 18  Autoren sind  alle über 50,
       zwei Drittel  über 60  Jahre alt).  Darunter sind viele Renegaten
       der kommunistischen  Bewegung und  sogenannte Dissidenten aus so-
       zialistischen Ländern. Ernsthaftere bürgerliche Marxforscher sind
       nur ausnahmsweise vertreten. Nachfolgend soll nur auf Richard Lö-
       wenthal eingegangen werden, weil er zu den einflußreicheren sozi-
       aldemokratischen Autoren  zählt und in seinem Beitrag ("Die Lehre
       von Karl  Marx und ihr Schicksal") typisch rechtssozialdemokrati-
       sche Partialvereinnahmung von Marx betrieben wird.
       Auch Löwenthal kommt zunächst nicht ohne die Phrase von der Dies-
       seitsreligion aus  und philosophiert  sogar seitenlang  über  die
       "Lehre von der Verwirklichung des Heils auf dieser Erde". Dennoch
       reicht  ihm   Religionsähnlichkeit  nicht   zur   Erklärung   der
       "ungeheuren Wirkung" des Marxismus. Dessen Eigentümlichkeit sieht
       er in seinem Doppelcharakter: außer der "diesseitigen Heilserwar-
       tung" enthalte er auch "wissenschaftliche Analyse".
       Anerkennung  findet  z.B.  die  "wissenschaftliche  Analyse"  der
       "Tendenz zur  Konzentration wirtschaftlicher Macht"; auch den Zu-
       sammenhang zwischen  Klassenstrukturen und  den ökonomischen Ver-
       hältnissen akzeptiert  Löwenthal. Er verzichtet darauf, die These
       vom diktatorischen Eiferer auf die Person Marx' anzuwenden, wenn-
       gleich er  diesen Knüppel  voll auf  Lenin niedersausen läßt. Bei
       den ökonomischen  Gesetzen schränkt Löwenthal aber sofort warnend
       ein. Keineswegs  dürften sie als "Universalschlüssel" der gesell-
       schaftlichen Entwicklung  überbewertet werden. Vielmehr seien sie
       nur ein  "wesentlicher Faktor"  unter anderen. Hier habe Marx ge-
       irrt. "Weit unterschätzt" habe er den Wirkungsbereich des Staates
       in modernen  Gesellschaften. Die zu enge Anbindung des Staates an
       die ökonomischen Mächte, die Marx dazu verleitete, in allen kapi-
       talistischen Staaten  mit Notwendigkeit  die Diktatur  der  Bour-
       geoisie verkörpert  zu sehen,  sei nur  der Zeitgebundenheit  der
       Wahrnehmung zu  verdanken, entstamme  "einer Zeit  vor der vollen
       Entfaltung der modernen Demokratie".
       Was erreicht  der Autor, wenn er Marxens Theorie des Staates (ist
       gleich Diktatur  unabhängig von der politischen Form) freundlich-
       schulterklopfend als Fehler mit den empirischen Zeitverhältnissen
       entschuldigt? Zunächst  entschuldigt Löwenthal  seine eigene Par-
       tei, welche  der Marxschen Theorie zufolge schließlich in der Re-
       gierung jahrzehntelang die Klassenherrschaft der Bourgeoisie ver-
       waltet hätte.  Doch Löwenthal  geht mit  seiner "Autonomisierung"
       des kapitalistischen  Staates noch  weiter. Die "Ersetzung(!) des
       Kapitalismus durch  eine staatlich gesteuerte Mischform" habe den
       Marxismus im Westen zur Bedeutungslosigkeit verdammt.
       Im Grunde  ist es  makaber, wenn  führende Sozialdemokraten (auch
       Brandt schloß  sich Löwenthal  an) die  "Mischform" und die neuen
       "wirtschaftlichen Steuerungsmöglichkeiten"  des modernen  Staates
       gegen Marx  ins Feld  führen. Man fragt sich nämlich, was die SPD
       überhaupt 13 Jahre lang mit den staatlichen Steuerungsmöglichkei-
       ten geleistet  hat, daß  sie nun von der ökonomischen Krise über-
       schwemmt und von den daraus entstandenen konservativen Reaktionen
       weggespült wurde.  Rächte sich  hier nicht  unmittelbar praktisch
       die sozialdemokratische  Abkehr von  Marx, einschließlich  seiner
       Staatstheorie? Lernfähigkeit  bei  dieser  Partei  vorausgesetzt,
       könnte ihr  Marx wieder  weiterhelfen. Allerdings der ganze, kein
       vom Opportunismus und Pragmatismus zurechtgestutzter.
       
       V. Rückwärtsgang im "Argument" 13)
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       Der vorliegende  "Argument"-Sonderband 14) darf vor allem deshalb
       Aufmerksamkeit beanspruchen,  da der Leser Auskunft über Positio-
       nen und Trends bestimmter an Marx orientierter Gruppen linker In-
       tellektueller erwarten  kann. Zwar  kommen nicht, wie es die Her-
       ausgeber behaupten,  "die wichtigsten  theoretischen und  politi-
       schen Tendenzen  des Marxismus  unseres Landes  zu Wort" - es sei
       denn, man  überläßt die  Marxismusdefinition den  Herausgebern -,
       aber unwichtig  sind die  präsentierten Positionen und Strömungen
       nicht. 15)
       In der Einleitung bleibt die Titelbegründung noch bei allgemeinen
       Floskeln über "kritische Neulektüre von Marx", "konstruktive Kri-
       tik", "Beitrag  zur  marxistischen  Lernfähigkeit",  Bemühung  um
       "einen Marx von morgen", "vielstimmigen Beitrag zur marxistischen
       Lernfähigkeit" in  "'ökumenischem' Sinn" usw. Es waltet das Bemü-
       hen, im Marxverständnis Kreativität und Modernität zu demonstrie-
       ren, um  ja nicht  in den  Geruch  der  Unbelehrbarkeit  und  des
       "Dogmatismus" zu  kommen -  beides Verdikte,  mit denen man heute
       wie eh  und je den kämpferischen, mit der marxistischen Arbeiter-
       partei verbundenen Marxismus belegt. Natürlich bedarf eine derar-
       tige Orientierung der legitimatorischen Zugabe, denn: kein Retter
       ohne Notfall.  Und das ist die "Krise des Marxismus", aus der die
       Verfasser das  beste zu machen gedenken. "Aktualisierung" ist so-
       mit programmatisch gemeint.
       Wir greifen  etwas vor: Der Band beginnt mit der Aufforderung zur
       "kritischen Neulektüre"  und endet  mit einem  Satz, der die kaum
       verklausulierte Aufforderung  zum Sturz,  zur Abschaffung des so-
       zialistischen Staates  enthält. Jene  geistige Strömung,  die  im
       "Argument" dominiert,  befindet sich  gegenwärtig unter dem Druck
       der Krise  und der  "geistigen Wende"  nach dem Aufbruch der 60er
       und 70er  Jahre im Rückwärtsgang. Es handelt sich dabei nicht nur
       um einen  BRD-internen Prozeß,  sondern diese Tendenz charakteri-
       siert mehr  oder weniger auch die sogenannte Eurolinke, als deren
       Bestandteile sich die Herausgeber und die meisten Autoren verste-
       hen. Die  Preisgabe oder der leichtfertige Umgang mit Marxschen -
       ganz zu  schweigen von  Leninschen - Positionen stehen hier nicht
       erst heute auf der Tagesordnung. Insofern sind die in diesem Son-
       derband sichtbaren  Tendenzen auch in einen größeren Zusammenhang
       zu stellen.
       Es könnte  geltend gemacht werden, daß man Strömungen des Lesepu-
       blikums mitvollziehen  muß, wenn  man bei  ihm  Einfluß  behalten
       will. Insofern  könnte die Dialektik-Inszenierung des "Argument"-
       Herausgebers W.F.  Haug, nämlich  unterschiedliche Meinungen  und
       Positionen in  Diskussionszusammenhänge zu  bringen, für  sich in
       Anspruch nehmen, Unterschiede und Gegensätze, die ohnehin vorhan-
       den sind,  zum produktiven  Austrag zu bringen. Letzteres ist je-
       doch deshalb  nicht der  Fall, da  faktisch Abgrenzungs- und Aus-
       grenzungspraktiken gegen  links in  Gang gekommen  sind - und das
       trotz oder  gerade mithilfe  des proklamierten "ökumenischen Gei-
       stes", des  Pluralismus und  "Polyzentrismus". Bis  auf Ausnahmen
       sind in diesem Band die Literaturverzeichnisse dafür dokumentari-
       sche Belege.  Zum Schaden für das wissenschaftliche Niveau werden
       Arbeiten aus der DDR, der UdSSR usw. schon gar nicht mehr reflek-
       tiert.
       Der Einleitungsbeitrag ist von W.F. Hang verfaßt und verdient we-
       gen seines  programmatischen Charakters besondere Aufmerksamkeit.
       Haug tritt  an, um  dem  "Polyzentrismus"  im  Weltmarxismus  mit
       "neuem Denken"  Rechnung zu  tragen (S.  9).  Sein  Plädoyer  für
       "marxistische Ökumene"  ist im  ersten Schritt eine Anklage gegen
       Auslegungsmonopole in Sachen Marxismus: gegen den Monopolanspruch
       e i n e r    Partei,  gegen  den  Monopolanspruch  der    F o r m
       P a r t e i  und überhaupt gegen das Ansinnen, "den marxistischen
       Standpunkt durch den Apparat festlegen zu lassen" (S. 14).
       Wenn der  Autor mit  "Polyzentrismus" die  Notwendigkeit scharfen
       Meinungsstreits und intensiver wissenschaftlicher Debatten meint,
       dann rennt  er bei  den von  ihm gemeinten Marxisten offene Türen
       ein. Möglicherweise  entspringt seine Sorge um eine Verengung je-
       nes Marxismus, der sich einer Partei verpflichtet weiß, aber auch
       einer Unkenntnis der offenen marxistischen Diskussion z.B. in der
       Sowjetunion oder der DDR.
       Aber Haug scheint "Polyzentrismus" weitergehend zu verstehen. Für
       ihn sieht  die Wirklichkeit  so aus,  daß "gewisse  Parteien" die
       wissenschaftliche   Theorie   den   politischen   Zwecken   ihrer
       "autoritären Staatssozialismen"  (S. 10) unterordnen, anstatt daß
       sich umgekehrt  "Forderungen an  die Partei  (und ihre Führungen)
       vom Standpunkt  des Wissenschaftlichen  ergeben". Ist Haug demzu-
       folge für  eine wissenschaftlichere Parteipolitik? Mitnichten. Er
       fordert für  den Marxismus  eine neue  Entwicklungsbahn außerhalb
       einer Orientierung  an praktischen Kampforganisationen überhaupt,
       nämlich die  Vielfalt "anderer  gesellschaftlicher Formen und In-
       stitutionen, in  denen sich der Marxismus eigenständig entwickeln
       kann" (S. 14).
       Gewiß, marxistische  Theorie kann  sich auch weiterentwickeln au-
       ßerhalb der wichtigsten Organisationsform der revolutionären Pra-
       xis, die  selbständige Arbeiterpartei heißt. Sogar ohne Orientie-
       rung auf  diese. Obgleich, um keine Mißverständnisse aufkommen zu
       lassen, Karl  Marx selbst  jene revolutionäre  Arbeiterpartei für
       eine unverzichtbare'  Erfolgsbedingung der  sozialen Emanzipation
       erklärte und  seine Wissenschaft für  s i e  betrieb. Es ist auch
       zuzugestehen, daß  es Perioden in sozialistischen Ländern gab, wo
       marxistische Wissenschaft  durch pragmatische  Unterordnung unter
       ein falsches  Praxisverständnis stark eingeengt wurde. (Daß diese
       Perioden Vergangenheit  sind, zeigt heute schon die Mannigfaltig-
       keit der verlegten Literatur und der theoretischen Diskussion.)
       Möchte Haug  also die  marxistische Wissenschaft  vor Deformation
       schützen? Das  wollen jene  Marxisten, die in der Kampfpartei die
       höchste Organisationsform  verändernder Praxis  sehen, auch. Doch
       während gerade   d i e s e   (in  der Praxis  parteiorientierten)
       Marxisten   k e i n e n   Allein-Erkenntnisanspruch erheben, ver-
       langt Haug von der marxistischen Wissenschaft nicht nur Selbstän-
       digkeit, sondern darüber hinaus die vollständige  T r e n n u n g
       der Wissenschaft  von der Orientierung an einer politischen Orga-
       nisation. Die  Frage liegt  auf der  Zunge, wer  hier  eigentlich
       "ökumenischer" ist: Kämpferische Marxisten, welche Marxismus auch
       ohne Parteiorientierung  gelten lassen,  oder diejenigen,  welche
       Partei mit Zerstörung des Marxismus identifizieren, den Bannfluch
       im Munde?
       Für Haug steckt die Deformation des Marxismus bereits in der Ver-
       knüpfung mit  Parteipolitik überhaupt.  Nur noch wenig verklausu-
       liert spricht er der politisch organisierten Arbeiterbewegung das
       Recht ab,  wissenschaftliche Erkenntnisse  in  den  Dienst  ihres
       Kampfes für  die soziale  Emanzipation zu stellen: "Die Logik des
       wissenschaftlichen Prozesses  ist unvereinbar... mit der Subordi-
       nation unter Logiken der politischen Organisation" (S. 18).
       Was soll  der Marxismus dann noch sein? Abstrakter Selbstvervoll-
       kommnungsprozeß einer  autonomen Wissenschaft? Was ist das Krite-
       rium für  Marxismus? Haug weicht solchen Fragen aus, und indem er
       dies tut,  bleibt der  Eindruck unwiderlegt bzw. wird bekräftigt,
       daß Orientierung  auf revolutionäre Praxis, daß positiver wissen-
       schaftlicher Bezug  auf die Arbeiterbewegung nicht mehr Basiskon-
       sens des Marxismus sein soll. Der Angriff auf die Parteiorientie-
       rung erweist  sich als Attacke gegen die Praxisorientierung über-
       haupt.
       Jener "Polyzentrismus",  der in  Wahrheit nicht  produktiven Mei-
       nungsstreit über  den kürzesten  Weg der  Menschheit zur bewußten
       Gestaltung ihres  Lebensprozesses meint,  sondern die Öffnung des
       Marxismus für allerlei Strömungen, die mit diesem Ziel nichts ge-
       mein haben,  wird von  Haug  wissenschaftstheoretisch  begründet.
       Zunächst erfolgt  der terminologische Vorschlag, in Zukunft statt
       von Marxismus lieber von wissenschaftlichem Sozialismus zu reden.
       Denn dadurch würde die "Wissenschaftlichkeit" stärker betont, die
       Eigenständigkeit des  wissenschaftlichen Prozesses  auch begriff-
       lich gewürdigt.  Und dann:  "Dieser Prozeß  ist notwendig kontro-
       vers, vielstimmig, vorangetrieben von Divergenzen, von Tendenzen,
       die gegeneinander selbständig bleiben müssen" (S. 18). In der Tat
       ist dies der einzige Anspruch, den Haug noch an den wissenschaft-
       lichen Sozialismus stellt, zumindest im vorliegenden Beitrag. Ab-
       strakte Diskussionskultur  verschiedenster Denkansätze,  die sich
       selbst genügt  und sich  selbst vergnügt  in der  Buntheit  ihres
       vielstimmigen Konzerts.  Nicht einmal die Frage nach der Erkennt-
       nisleistung, der  Wahrheitsannäherung jenes  "vielzentrigen" Wis-
       senschaftsbetriebs wird  mehr gestellt.  Warum auch? Die autonome
       Wissenschaftsentwicklung kann ihr Wahrheitskriterium per se nicht
       außerhalb ihrer  selbst haben,  etwa in der revolutionären Praxis
       einer Klasse.
       Marxisten von Marx über Lenin und Luxemburg bis Gramsci haben nie
       ein Hehl gemacht aus ihren Anliegen, die Wissenschaft an der Pra-
       xis zu  orientieren, und sie haben gleichzeitig nie die immanente
       Logik wissenschaftlicher  Aneignung von  Realität  in  Frage  ge-
       stellt; sie  haben nicht in Frage gestellt den Meinungsstreit als
       Mittel des  Erkenntnisfortschritts, allerdings,  was keine Einen-
       gung, sondern  Schärfung ist,  auf der Grundlage des theoretisch-
       methodologischen Instrumentariums des Marxismus. Stets notwendige
       O f f e n h e i t  des Marxismus  f ü r  n e u e  P r o b l e m e
       haben sie  nicht verwechselt  mit   Ö f f n u n g   des Marxismus
       f ü r   andere,  ihm  theoretisch  und  methodisch    f r e m d e
       S t r ö m u n g e n.  Und es ist keine Unterordnung unter die Lo-
       gik der  politischen "Organisation", wenn Erkenntnissuche auf die
       Praxis des  Klassenkampfes und die praktische Wirksamkeit der Ar-
       beiterbewegung und einer marxistischen Partei angelegt ist.
       Weder hat marxistische Forschung ein ausschließlich pragmatisches
       Wissenschaftsinteresse  (ist  das  "Kapital"  nicht  theoretische
       Grundlagenforschung par  excellence?), noch  erleidet  die  Suche
       nach Wahrheit  Schaden, wenn  sie verbunden  wird mit der weltge-
       schichtlichen Perspektive  der Befreiung  der Arbeiterklasse. En-
       gels sprach  es so  aus: "Je rücksichtsloser und unbefangener die
       Wissenschaft vorgeht,  desto mehr  befindet sie  sich in Einklang
       mit den  Interessen und Strebungen der Arbeiter." Er sah Einheit,
       wo Haug  einen Gegensatz  konstruiert. Auf  die Bewährung  seiner
       wissenschaftlichen  Erkenntnisse  in  der  revolutionären  Praxis
       (diese ist  in erster  Linie Praxis der Arbeiterklasse, ist nicht
       zuletzt Tätigkeit  der marxistischen  Partei),  auf  Überprüfung,
       Korrektur und Weiterentwicklung seines Wissens innerhalb des Pro-
       zesses der  Weltveränderung durch  das revolutionäre Subjekt kann
       der Marxismus um den Preis seiner Selbstaufgabe nicht verzichten.
       Jedes marxistische  Denken muß  daran  gemessen  werden,  was  es
       p o s i t i v     mit  dem   Anliegen  von  Marx  verbindet,  die
       p r a k t i s c h e   Emanzipation der arbeitenden Klasse wissen-
       schaftlich zu  befördern. Ein konstruktives Verhältnis zur Arbei-
       terbewegung im  eigenen Land,  die Suche  nach einem  produktiven
       Platz im  weltgeschichtlichen Befreiungskampf  der Menschheit vom
       Imperialismus (was ein zumindest nicht feindseliges Verhältnis zu
       den sozialistischen  Ländern und  zur marxistischen  Partei  ein-
       schließt), das ist eine Plattform, breit genug, um darauf frucht-
       bar über  angemessene Wege und Mittel der marxistischen Forschung
       wie über praktische Politik zu streiten. Jenseits dieser Verstän-
       digungsgrundlage wird  jede Denkrichtung,  wofür auch  immer  sie
       sich hält,  sich entweder  zu wirkungslosem Seminarmarxismus wan-
       deln oder den Übergang zur "neutralen" Marxologie antreten.
       Haugs "Polyzentrismus"  ist aber  faktisch schon zum Kampfbegriff
       gegen jene  Verständigungsplattform geworden. "Der Polyzentrismus
       des Weltmarxismus ist unwiderrufliche Wirklichkeit geworden", be-
       hauptet er,  um im  gleichen Atemzug zur Ausgrenzung aller Nicht-
       Polyzentristen aufzurufen:  "Eine zunehmend  wichtige  Grenzlinie
       innerhalb des  Marxismus bestimmt  sich danach, ob eine bestimmte
       politisch-theoretische  Formation   diesem  Sachverhalt  Rechnung
       trägt oder  nicht" (S.  31). Was  soll das anderes heißen als daß
       alle, die  Meinungsstreit, Diskussion,  Auseinandersetzung  nicht
       mit "Polyzentrismus"  gleichsetzen, deren Kriterien für Marxismus
       oder Nicht-Marxismus  i n h a l t l i c h e r  Natur sind und al-
       lein die  Annahme oder das Aufgeben marxistischer Grundpositionen
       betreffen, jenseits dieser "Grenzlinie" stehen? 16)
       Der Beitrag  von K. Holzkamp fällt ebenso wie diejenigen von K.H.
       Tjaden und F. Deppe aus der Gesamttendenz des Bandes heraus. Eine
       "Krise des  Marxismus" weist Holzkamp genauso zurück wie die Not-
       wendigkeit einer  "Aktualisierung von  Marx". In  solchen Formeln
       realisiere sich  ein "Nachgeben  des eigenen Kopfes gegenüber dem
       Druck des herrschenden Konsenses" (S. 63) bei denen, die glauben,
       angesichts neuer politischer und wissenschaftlicher Entwicklungen
       nur ernst genommen zu werden, wenn sie den Marxismus durch Hinzu-
       fügung von Elementen außerhalb seiner kategorial-methodologischen
       Grundlage "modernisieren". Eine derartige Öffnung - dies schreibt
       Holzkamp in  Haugs Stammbuch  -, führe  zu einer Selbstzerstörung
       des Marxismus,  weil damit  seine  spezifische  Erkenntnisschärfe
       schwinde. Holzkamp beschreibt auch den auf die vermeintliche Öff-
       nung des Marxismus folgenden Ächtungsmechanismus: Der erkenntnis-
       theoretisch relativistische,  undogmatische "Marxismus"  wird  in
       letzter Konsequenz den Marxismus, der an umfassender Wahrheitsan-
       näherung mit seinen eigenen Erkenntnismitteln festhält, als anma-
       ßend vom  wissenschaftlichen Dialog  exkommunizieren mit  der Be-
       gründung, er schließe sich durch seinen Dogmatismus ja selbst aus
       der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern aus (S. 63).
       Obwohl hier  das Verhalten  der "Argument"-Redaktion  korrekt be-
       schrieben wird, ist es m. E. ungenügend, Revisionismus (und darum
       handelt  es   sich)  nur   auf  der   psychologischen  Ebene  des
       "subjektiven Revisionismus" zu erfassen; er ist eine theoretisch-
       ideologische Tendenz.  Holzkamps Bestimmung  ist schwer zu unter-
       scheiden von dem Phänomen des Opportunismus.
       K.H. Tjaden argumentiert in jeder Hinsicht gegen die Grundtendenz
       des Bandes. Sein Beitrag nimmt die Marxschen Aussagen und Ansätze
       zum Verhältnis  von Ökonomie  und Ökologie  produktiv auf.  Offen
       wendet er  sich wie  Holzkamp gegen das "Aktualisierungs"-Konzept
       und implizit gegen Haugs Leitmotiv von der "Krise des Marxismus".
       Er bezieht  auch die DDR-Diskussion mit ein. Vor allem aber zeigt
       Tjaden an  der Sache, daß dieses Vorgehen tatsächlich zu Erkennt-
       nisgewinn führt. Er demonstriert, daß die Anwendung der Marxschen
       Bestimmungen des  Gesetzes vom  tendenziellen Fall der Profitrate
       eine solide  Grundlage  zum  Verständnis  jenes  kapitalistischen
       Wachstumstyps ist,  der per  Steigerung der  Arbeitsproduktivität
       und massenhafter  Aneignung von  Stoffen und  Kräften der  außer-
       menschlichen Natur die ökologische Krise herbeigeführt hat.
       Obwohl sich  F. Deppe  in seinem Beitrag nicht ausdrücklich gegen
       das Konzept des Bandes ausspricht, tut er dies der Sache nach: in
       der Darstellung  wichtiger Elemente  der Politiktheorie  von Karl
       Marx und  in ihrer  Anwendung vor allem auf die neuere Diskussion
       über und im Anschluß an A. Gramsci.
       Wenden wir  uns nun  den Beiträgen zu, die gewissermaßen den der-
       zeitigen "Argument"-Kern  repräsentieren und  damit wohl auch die
       Intention des  Herausgebers. Bei F. Hang geht es vor allem um die
       nochmalige Darlegung der Intention und der Theoriekomponenten des
       Projekts Automation  und Qualifikation.  An Marx  kritisiert sie,
       wie er  die zwei Reiche "Freiheit und Notwendigkeit" faßt und vor
       allem, worin  seine Analyse  des  kapitalistischen  Fabriksystems
       falsch  sei.   Die  "industriesoziologischen  Beschreibungen"  im
       "Kapital" kritisierten  Dequalifikationsprozesse  ("Verelendungs-
       diskurs") und  mäßen  sie  am  Maßstab  eines  "utopischen  Hand-
       werksmeisters";  diese   Position  werde   durch   mit   moderner
       Automationsarbeit verbundene  Höherqualifikation Lügen  gestraft.
       M.E. stellt  Marx vielmehr,  auch empirisch, den Umstand dar, daß
       das soziale  Herrschaftsverhältnis zwischen  Kapital  und  Arbeit
       auch technologisch  sich seinen  feindlichen Ausdruck  gegen  die
       lebendige Arbeit  verschafft. 17)  Der Autorin,  welche die  neue
       Produktivkraft Automation die letzten Privilegien von Männern ge-
       genüber  Frauen,  Kopf-  gegenüber  Handarbeit,  Fach-  gegenüber
       Hilfsarbeitern und  von Meistern  gegenüber  sonstigen  Arbeitern
       niederreißen sieht, würde die stets erneute Kontrolle jener imma-
       nenten "Auflösungstendenzen"  durch das  Kapital  nicht  so  viel
       Kopfzerbrechen bereiten,  wenn sie sich über die Formspezifik des
       Kapitals klarer  wäre: darüber, daß seine Grundtendenz die aktive
       Unterwerfung der menschlichen Arbeitsqualifikation, welchen Stand
       diese auch  immer erreicht  hat, unter  den Verwertungszweck ist,
       woraus ihre  Deformation und  Blockierung folgt.  Leider geht der
       Verfasserin auch  völlig die  Fähigkeit ab, auf vorgetragene Ein-
       wände ernsthaft einzugehen (z.B. auf die Kritik Lothar Peters).
       Eine besondere  Dreistigkeit -  der Begriff ist in vollem Bewußt-
       sein gewählt - im Umgang mit Marx dokumentiert M. Jäger, Er macht
       aus Marx einen Schwärmer für Dezentralismus und Kommunalismus und
       bleibt wohl  allein deshalb bei einem verbalen Marx-Bezug, um die
       Autorität von  Marx gegen  Lenin und  den Sozialismus  zu nutzen.
       "Lenin dagegen,  der nicht nur Staatszentralist war, sondern auch
       behauptete, Marx  sei ein  solcher gewesen, muß revidiert werden"
       (S. 124).  Marx wird  als Naivling  vorgestellt; der  Stellenwert
       dieser Frage, nämlich als Organisationsform des Staates, bei Marx
       und in  der Geschichte  wird unterschlagen. Jäger will seinen Le-
       sern aufschwätzen,  die Kommunalisierung  der Gesellschafts-  und
       Staatsverfassung sei  die Straße der Emanzipation - und das immer
       und überall.  Wie bekannt,  war jedoch die Kommunalisierung viel-
       fach eine  konservativ-reaktionäre  Bewegung  (z.B.  während  der
       französischen Revolution  die föderalistische Bewegung der Giron-
       disten). Überall  dort, wo  die Bourgeoisie als Klasse noch zahl-
       reich und  stark ist,  befestigt gerade  der Kommunalismus,  ihre
       Herrschaft. Daß  Marx aus  der auf  die Stadt  Paris beschränkten
       Kommune von  1871 niemals  den "Dezentralismus"  verabsolutierte,
       beweist seine gesamte historische Praxis. Aber wenn man nach wei-
       teren 100 Jahren praktischer Erfahrungen des Klassenkampfes - man
       stelle sich  eine "dezentralisierte"  Abwehr der Konterrevolution
       und   Intervention   1918-1920   in   Rußland   oder   gar   eine
       "dezentralisierte" Überwindung der faschistischen Militärmaschine
       im 2. Weltkrieg vor - das allen Ernstes als "marxistische Staats-
       theorie" ausgibt,  dann ist der sprichwörtliche Elfenbeinturm des
       bürgerlichen Intellektuellen noch ein Hort des Realismus, vergli-
       chen mit solcher Art "Marxismus".
       K.E. Lohmann  vertritt die Branche der staatlich etablierten bür-
       gerlichen Sozialismus-Forschung,  in der  sich in den 70er Jahren
       auch linker  Anspruch geltend machte, und zwar zweifellos mit be-
       stimmten innovatorischen  Impulsen. Aber  vom  marxistischen  An-
       spruch ist  da nichts  mehr übrig.  Die marxistisch-leninistische
       Sozialismustheorie  wird   gar  nicht   zur   Kenntnis   genommen
       (Literaturliste). Der Verfasser schwimmt voll im Sog der Sowjeto-
       logie, für  die sich  der Staat im Sozialismus total verselbstän-
       digt hat  und das Staatspersonal zur herrschenden Klasse geworden
       ist. Es  versteht sich  von  selbst,  daß  in  dieser  Sicht  der
       "Staatssozialismus" in  der UdSSR, der DDR usw. mit dem Marxschen
       Sozialismus nichts  zu tun hat, was in die schon erwähnte Auffor-
       derung zur Bekämpfung und Abschaffung des sozialistischen Staates
       mündet.
       Relativ knapp können die übrigen Beiträge abgehandelt werden, die
       dem Umkreis  der anderen  im Herausgeberkreis  vertretenen  Zeit-
       schriften entstammen. Die "spw" (sozialistische politik und Wirt-
       schaft), die  sich als Organ von Marxisten und Sozialisten in der
       SPD versteht,  ist nur mit einem Beitrag von D. Albers vertreten.
       18) Er  versucht, Marx  durch die  Brille des Austromarxismus und
       eines eurokommunistisch  oder  eurosozialistisch  interpretierten
       Gramsci zu  sehen. Hier  setzen auch seine Strategie-Überlegungen
       an. Bei  aller Respektierung seines Schemas der Abfolge von mitt-
       lerweile  fünf  marxistischen  "Generationen",  ihrer  jeweiligen
       Stärken und  Schwächen, gehörte zu einer historisch korrekten Be-
       standsaufnahme doch die Feststellung, daß der Sturz der bürgerli-
       chen Ordnung  bisher nur  durch die ungeliebten Parteien des Mar-
       xismus-Leninismus erreicht  wurde - einschließlich einer Entwick-
       lung jenseits des Kapitalismus. Dies sollte auch Klarheit darüber
       einschließen, daß  es eine antikapitalistische Strategie ohne die
       Auseinandersetzung mit  Leninschen Grundideen und ohne die Zusam-
       menarbeit mit  kommunistischen Parteien kaum geben dürfte. Es gab
       Zeiten, in  denen diese  Sichtweise gute  Tradition des Stamokap-
       Flügels der Jusos war.
       Die  Zeitschrift  "Prokla"  (und  politisch  das  "Sozialistische
       Büro") ist  mit Beiträgen  von Altvater, Hirsch und Wolf präsent.
       Abgesehen von  der Diskussion  der Frauenfrage  scheint die Rolle
       der Zeitschrift  als Themenmacher  der Vergangenheit anzugehören.
       19) E.  Altvater beschäftigt sich mit dem Charakter der derzeiti-
       gen Krise. Sein Fazit: Es handelt sich um eine Formkrise, die vor
       allem die institutionalisierten Formen der Klassenbeziehungen und
       der Arbeitsorganisation  in der  Fabrik betrifft.  Bei dieser De-
       skription bleibt  es. Die  Ursache, warum  aus  einer  zyklischen
       Krise eine  Formkrise wird,  ist außer  Sicht. Die ganze aktuelle
       Diskussion über  Zyklizität und  Überzyklizität  der  Krise  wird
       ignoriert. Vor  einigen Jahren hatte der Verfasser ein entwickel-
       teres Problembewußtsein.
       J. Hirsch  bringt zwar  nichts wesentlich Neues, aber dies sollte
       auch nicht immer erwartet werden und Kriterium sein. Er knüpft an
       die Staatsableitungsdebatten  an und  analysiert die gegenwärtige
       Krise mit  Orientierung auf  politisch-strategische Konzepte. Die
       interessanten Gedanken  betreffen die  Zusammenhänge zwischen be-
       stimmten Produktionstypen und Hegemonieverhältnissen - allerdings
       mehr nach  "hinten" als  auf Gegenwart  und Zukunft  bezogen.  Es
       bleibt   undeutlich,   ob   nun   die   Krisenreaktion   in   der
       "Durchfordisierung" von  Staat und  Gesellschaft besteht  oder ob
       eben die Krise des "Fordismus" auch neue Reaktionsmuster erwarten
       läßt. Ebenfalls  nicht erläutert  wird, worin denn nun in den Ba-
       sisbeziehungen die  Ablösung des "Fordismus" besteht. Das theore-
       tische Grundproblem von Hirsch ist die Identifizierung von ökono-
       mischen und  Klassenverhältnissen, also im Anschluß an Poulantzas
       die Soziologisierung  der politischen Ökonomie. Gerade hier hätte
       die originäre "Befragung" von Marx nützlich sein können.
       F.O. Wolf  putzt seinen  Beitrag zu Grundlagen und Strukturen des
       Staates mit  dem modischen  Flair der aktuellen Diskussionsthemen
       (Ökologie, Frauenbewegung) auf. Er sieht faktisch den Staat schon
       heute auf  vielen Gebieten  "absterben". Was  den sozialistischen
       Staat betrifft,  so spreizt  der Autor  sich ganz  als orthodoxer
       Leninist (gegen  die Existenz von Staat im Sozialismus) - eine im
       Rahmen dieses  Bandes zumindest  originelle Position.  Nur hat er
       leider Lenin  schlecht gelesen  (vgl. "Staat  und Revolution", LW
       25, S. 483).
       Als für  die Konstruktion des Sonderbands auffällig kann vermerkt
       werden, daß  die Richtungen  der sogenannten  Frankfurter  Schule
       (Offe, Schmidt,  Negt, Habermas)  nicht zu  Wort kommen oder - da
       Marx für  sie vielleicht  kein Thema  mehr ist  - kommen wollten.
       Letzteres könnte  sowohl aus  der aktuellen  Entwicklung als auch
       infolge ihres  sonstigen Schweigens zu diesem Anlaß vermutet wer-
       den. 20)
       Wenn, wie  gegenwärtig, der  Druck auf  die linke Intelligenz zu-
       nimmt, muß  der theoretische  Konsens über Marx brüchiger werden,
       wenn nicht der politische Zweck des Klassenkampfs und der revolu-
       tionären Überwindung  des Kapitalismus  erkenntnis- und diskussi-
       onsleitend bleibt  und die  Aneignung der  Marxschen Theorie  be-
       stimmt. Die  Deutlichkeit der hier vorgetragenen Kritik insbeson-
       dere gegenüber  der gegenwärtig im "Argument" dominierenden Rich-
       tung, entspringt  dem aktuellen  Anlaß. Der Anspruch, als Marxist
       zu diskutieren, kann nur dann - objektiv und subjektiv - akzepta-
       bel sein,  wenn marxistische  Grundpositionen  aufrecht  erhalten
       werden, da  er sonst  weder dem Gebot der wissenschaftlichen noch
       der individuellen Aufrichtigkeit gerecht wird.
       
       _____
       1) Die nachfolgende  Analyse stützt  sich auf bzw. ergänzt: Vier-
       teilige Serie  in "Unsere  Zeit" (UZ) in der 1. und 2. Aprilwoche
       "Bundesdeutsches Gedenken  zum 100.  Todestag von  Karl Marx"; W.
       Schwarz, Zwei  Richtungen bürgerlicher  Marxkritik, in: Marxisti-
       sche Blätter,  Nr. 3/83;  H. Jung  und W. Schwarz, Bundesdeutsche
       Marxrezeptionen und  Merkwürdigkeiten im  100.  Todesjahr  -  ein
       Überblick der Haupttendenzen, in: Marx ist Gegenwart. Materialien
       zum Karl-Marx-Jahr 1983, Frankfurt/M. 1983.
       2) Der Band  "Marx ist  Gegenwart", Frankfurt/M. 1983, gibt nicht
       nur den  Verlauf der Trierer Veranstaltungen in den einzelnen Re-
       debeiträgen wieder, sondern informiert auch über sämtliche um den
       Todestag herum  gruppierten Aktivitäten,  von denen hier die Rede
       ist.
       3) Es verwundert  nicht, daß  die Tageszeitung  der  DKP  "Unsere
       Zeit" (die  auch spezielle  Thesen zum  Karl-Marx-Jahr veröffent-
       lichte) über einen längeren Zeitraum Karl Marx in den Mittelpunkt
       stellte. Wie für Veranstaltungen, so ist auch für die Publizistik
       nur eine exemplarische Wiedergabe dessen möglich, was positiv zum
       Marxismus Bezug  genommen hat. Hervorzuheben sind die Marx-Nummer
       der Zeitschrift  "Marxistische Blätter"  (Heft 2/83),  die  Serie
       "Karl Marx und die Gewerkschaften heute" in der Monatszeitschrift
       für  Gewerkschafter  "nachrichten",  entsprechende  Ausgaben  der
       Zeitschriften "Kultur  und Gesellschaft",  "kürbiskern" oder  die
       anläßlich des  Karl-Marx-Jahres verlegten Bücher im Verlag Marxi-
       stische Blätter,  im Dortmunder Weltkreis-Verlag oder im Pahl-Ru-
       genstein-Verlag, die nachfolgend aufgeführt werden:
       Schlag nach  bei Marx. Kleines Marx-Wörterbuch von Richard Kumpf,
       Frankfurt/M. 1983.
       Josef Schleifstein, Marxismus und Staat, Frankfurt/M. 1983.
       Marx ist  Gegenwart. Materialien  zum Karl-Marx-Jahr  1983, hrsg.
       vom IMSF, Frankfurt/M. 1983.
       Karl Marx  - Philosophie,  Wissenschaft, Politik. Dialektik, Band
       6, Redaktion: Hans Jörg Sandkühler und Kurt Bayertz, Kohl 1983.
       Heinrich Billstein/Karl Obermann, Marx in Köln, Köln 1983.
       Stefan Siegert, Karl Marx geht um ..., Dortmund 1983.
       Winfried Schwarz,  Aufbruch. Aus dem Leben des Karl Marx (Roman),
       Dortmund 1982.
       4) Im Jahr 1983 erschien eine weitere, 200 Seiten umfassende bür-
       gerliche Marx-Biographie:  Walter  Büchner,  Karl  Marx,  München
       1983.
       5) Folgender Kurzanalyse  liegen die  Sonderbeiträge zu  Marx aus
       sämtlichen überregionalen  Tages- und  Wochenzeitungen sowie  aus
       einer  großen  Zahl  lokaler  Zeitungen  zugrunde.  Magazine  der
       "Alternativszene" wurden  nicht vollständig ausgewertet. Indessen
       ist dort  kein spezifisches  Marxbild erarbeitet worden, das sich
       nicht aus  den vier Hauptströmungen zusammensetzen ließe - so je-
       denfalls der Partialeindruck.
       6) Die Edition  wurde noch unter sozialdemokratischer Regierungs-
       verantwortung  beschlossen.   Der  Spruch   auf  dem   Münzenrand
       "Wahrheit als  Wirklichkeit und Macht" stellt allerdings eine ins
       Nichtssagende bzw.  ins Gegenteil  getriebene Verzerrung  der  2.
       Feuerbachthese dar:  "In der  Praxis muß der Mensch die Wahrheit,
       i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens bewei-
       sen."
       7) In der  Tat kokettierte  selbst der (aus Rheinland-Pfalz stam-
       mende) CDU-Kanzler Kohl bei seinem Moskau-Besuch im Juli 1983 mit
       "meinem Landsmann Karl Marx" (vgl. Frankfurter Rundschau, 7. Juli
       1983).
       8) An dieser Stelle muß die informative Dokumentenausstellung des
       Historischen Archivs  der Stadt Köln vom 3. März bis 20. Mai 1983
       erwähnt werden:  "Karl Marx  und Köln/l842-1852/Briefe-Texte-Bil-
       der-Faksimiles". Einige  Dokumente  wurden  erstmalig  veröffent-
       licht, die  das Bild der politischen Aktivitäten von Marx in die-
       ser Stadt abrunden. (Ausstellungskatalog beim Historischen Archiv
       der Stadt Köln, Severinstraße 222-228.)
       9) Die offizielle  Sozialdemokratie überging  keineswegs den 100.
       Todestag. Anfang  Februar veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stif-
       tung (FES)  in Bonn eine "wissenschaftlich-politische Konferenz",
       im März  folgte in Verbindung mit der Deutschen UNESCO-Kommission
       ein dreitägiger  internationaler Kongreß  in Trier  "Karl Marx in
       Afrika, Asien und Lateinamerika", das Karl-Marx-Geburtshaus wurde
       als modernes  Museum neueröffnet,  und  im  Trierer  Stadttheater
       wurde von  der FES,  der Landesregierung  Rheinland-Pfalz und der
       Stadt Trier gemeinsam ein Festakt begangen.
       Besonders bemerkenswert ist das März-Heft des Theorie-Organs "Die
       Neue Gesellschaft".  In der Einleitung steht Ungewöhnliches: "...
       wir erinnern an Karl Marx - nicht obwohl, sondern weil wir uns um
       Aktualität bemühen."  Ein wirkliches  Novum für diese Zeitschrift
       ist der Abdruck einer sachlichen Diskussion "Nach 100 Jahren: Was
       bleibt von  Karl Marx?" zwischen Vertretern der SED (wie O. Rein-
       hold) und  der SPD (P. Glotz). Im Rahmen der internationalen FES-
       Tagung kam  es erstmalig zu mehr oder weniger offiziellen Kontak-
       ten zwischen  SPD und SED, eine neue Tendenz, die durch die Teil-
       nahme von  SPD-Vertretern an der Marx-Konferenz der SED in Berlin
       im April  unterstrichen wurde. Es ließe sich wünschen, daß derar-
       tige Begegnungen  zu entsprechenden  Schritten innerhalb der Bun-
       desrepublik führten.
       10) Vgl. E.  Fromm/R. Raffel, Tendenzen der gegenwärtigen bürger-
       lichen Marxismuskritik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie,
       Berlin, Nr. 2/1983, S. 162.
       11) Zitate nach  dem hektographierten  Redemanuskript,  in:  SPD-
       Pressedienst vom 3. Februar 1983, Bonn.
       12) O. K: Flechtheim (Hrsg.), Marx heute. Pro und contra, Hamburg
       1983.
       13) Die Auseinandersetzung  mit dem  "Argument"-Sonderband verar-
       beitet zu großem Teil Manuskripte von Heinz Jung.
       14) Argument -  Sonderband AS 100, Aktualisierung Marx', Westber-
       lin 1983, herausgegeben von Detlev Albers (Zeitschrift für sozia-
       listische Politik  und Wirtschaft),  Elmar Altvater (Probleme des
       Klassenkampfs), Wolfgang Fritz Haug (Das Argument).
       15) Nicht zu bestreiten sind die Wirkung von "Argument"-Ideen auf
       Teile der sozialwissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz
       und ein  darüber vermittelter Einfluß auf die politische Linke in
       der Bundesrepublik und Westberlin. Im Unterschied zu Manfred Buhr
       (vgl. Deutsche  Zeitschrift für  Philosophie 6/83,  S. 661) sieht
       deshalb der  Verfasser in  der Auseinandersetzung  mit derartigen
       Positionen keine  unangebrachten "Überhöhungen  von  Zufälligkei-
       ten".
       16) Auch Robert  Steigerwald  kritisiert  in  derselben  Richtung
       Haugs Aufsatz,  "der anfangs die Beliebigkeit oder Unverbindlich-
       keit des  Marxismus, dann  aber die Verbindlichkeit der Haugschen
       Les- und  Denkweise darlegt".  In: Gibt  es vor  lauter Marxismen
       keinen Marxismus mehr? Rezension des Argument-Sonderbands in Heft
       3/83 der "Marxistischen Blätter", S. 122 ff.
       17) Vgl. dazu  im vorliegenden  Band  Näheres  bei  M.  Müller/W.
       Focke, die den Forschungsprozeß von Marx hinsichtlich dieses The-
       mas untersuchen.
       18) Mit einer  stärkeren Akzentuierung der Legitimität der Arbeit
       und Organisierung  von Marxisten  in der SPD äußert der Verfasser
       ähnliche Gedanken nochmals im Theorie-Organ der SPD "Die Neue Ge-
       sellschaft" (Nr. 3/1983).
       19) Erneute Bestätigung  ist Heft 50 "Marx und der Marxismus" vom
       März 1983.  Am ausgeprägtesten tritt die opportunistische Tendenz
       gegenüber den  neuen sozialen  Bewegungen im  Beitrag Alexa Mohls
       hervor. Durchaus  mag ihre  "emanzipationstheoretische Lesart der
       Marxschen Kapitaltheorie"  emanzipatorisches Handeln  "in den al-
       ternativen Bewegungen eingelöst" finden. Wenn sie Marx allerdings
       unterstellt, er  habe die  revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse
       nicht aus  ihrer objektiven Lage, sondern aus der "revolutionären
       Kühnheit" der  zeitgenössischen Arbeiter begründet, dann ahnt man
       zwar, worauf  die Autorin  hinauswill, ist aber von ihrer fröhli-
       chen Unbekümmertheit  überrascht: Aus dem in der Tat beachtlichen
       Aufschwung von  alternativen Massenbewegungen  neben den betrieb-
       lich-gewerkschaftlichen Kämpfen  heute leitet  Mohl den  histori-
       schen Wechsel  der revolutionären Rolle ab. "Auch in ihrer Kampf-
       praxis demonstrieren die neuen sozialen Bewegungen, daß die Marx-
       schen Bestimmungen  emanzipatorischen Handelns  eher auf  sie als
       auf die alte Arbeiterbewegung zutreffen" (S. 74).
       Auf gleicher Linie, allerdings in der gespreizten Begrifflichkeit
       der "Kritischen Theorie", bietet D. Hassenpflug (angestoßen durch
       ein Buch von Schmied-Kowarzik) die soundsovielte "Rekonstruktion"
       des historischen  Materialismus an. Es kommt zunächst das Übliche
       heraus: Das  Kapital schwebt  als selbständiges  Subjekt über der
       gesellschaftlichen Praxis  der Menschen,  weil diese  ihre eigene
       Subjektivität in  jenes "entfremdet" haben. Während aber die bis-
       herigen "Entfremdungstheoretiker"  keinen Ausweg aus jener Misere
       boten als  das "Sich-die-Entfremdung-aus-dem-Kopfe-schlagen", was
       verständlicherweise wenig  bewirkte, hat  Hassenpflug eine zumin-
       dest originellere  Lösung. Flugs  erinnert er sich, daß kapitali-
       stische Gesellschaft  kapitalistische Industriegesellschaft  ist.
       Also befreit man sich vom Kapital, indem man sich von - Industrie
       befreit. Dem  alternativen Ökobauern,  falls er in den Besitz der
       Prokla 50  geraten ist, schlägt das Herz höher, wenn er seine Tä-
       tigkeit mit solch erhabenem Schlußsatz gewürdigt sieht: "Die Phi-
       losophie der  Praxis lebt in ihrem Anderen, in der die entfremde-
       ten  Verhältnisse  wirklich  aufhebenden  Praxis,  in  der  indu-
       striekritischen Bewegung" (S. 98).
       20) Eine Ausnahme  macht O.  Negt, der  vier Seiten als "Brief an
       Karl Marx"  in der Westberliner Literaturzeitschrift "Freibeuter"
       publiziert hat,  die von  mehreren anderen  Blättern nachgedruckt
       wurden. Die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse abzuschreiben,
       ist bekanntlich  altes Gedankengut  der "Kritischen Theorie". Als
       Ersatz dienten  1968 die Studenten. Was liegt für Negt näher, als
       heute  die   neuen  sozialen   Bewegungen  und  Widerstandsformen
       "außerhalb des (von Marx; W.S.) zum Kollektiv-Subjekt aufgewerte-
       ten Proletariats"  zu bemühen,  selbstverständlich  im  Gegensatz
       dazu. Undialektisch  ist dieses  Unternehmen Negts,  weil er ver-
       gißt, daß  Gesellschaft Totalität  (einst ein  Lieblingswort  der
       "Kritischen Theoretiker")  ist, somit  Arbeiterklasse und  andere
       Schichten keinen prinzipiell verschiedenen gesellschaftlichen Wi-
       dersprüchen ausgesetzt  sind. Anstatt  zu analysieren,  warum auf
       die gleichen sozialen Widersprüche der kapitalistischen Produkti-
       ons- und  Reproduktionsform Arbeiter  und Mittelschichten  unter-
       schiedlich reagieren,  um zu einer antikapitalistischen Zusammen-
       führung beider  Kräfte beizutragen,  versimpelt Negt das Problem,
       indem er  zum absoluten  und  unhinterfragten  Ausgangspunkt  der
       neuen Initiativen  den reinen-Wunsch  erklärt,  "in  alter  Weise
       nicht mehr leben zu wollen".
       Für jenen  neuen Willen  keine andere Begründung als sein empiri-
       sches Dasein  aufzubieten, nenne  ich einen oberflächlichen, ver-
       engten Ansatz.  Daß ausgerechnet  Negt den  Vorwurf der Verengung
       auf Marx richtet, dessen Theorie doch die subjektiven Vorstellun-
       gen der  Menschen mit  ihrer sozialen  Lebenslage  zu  vermitteln
       trachtet, ist  fatal genug.  Hier sitzt der Autor vollständig dem
       bürgerlichen Zerrbild  auf, daß  Marx  nur  ökonomische  Faktoren
       kenne und  sonst nichts.  Aber Kenntnis  von Marx  zeichnet  auch
       sonst nicht  den "essayistischen Nekrolog" des "enttäuschten Phi-
       losophen" (Zeitschrift "Revier") aus.
       

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