Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       VORWORT
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       Der vorliegende  sechste Band  der  "Marxistischen  Studien"  er-
       scheint im  Karl-Marx-Jahr 1983. Er ist Problemen der Entwicklung
       und Formierung  der Arbeiterklasse  der Bundesrepublik  gewidmet.
       Veränderungen ihrer  sozialen Struktur und ihre Rolle im heutigen
       System der Klassenbeziehungen, die Entwicklung ihres sozialökono-
       mischen Kerns  wie ihrer  betrieblichen Basis,  aktuelle  gewerk-
       schaftliche und  politische Formierungs- und Differenzierungspro-
       zesse unter  den seit  Mitte der siebziger Jahre durch anhaltende
       Krisenprozesse,  Sozialabbau   und  Rechtsentwicklung  bestimmten
       Kampfbedingungen stehen im Mittelpunkt. Band 5 der "Marxistischen
       Studien" untersuchte  die Entwicklung der neuen sozialen Bewegun-
       gen; diese  Analysen verweisen ebenso wie die politische Entwick-
       lung der  letzten Jahre  auf die  Notwendigkeit, die Formierungs-
       und Entwicklungsprozesse  in der Arbeiterklasse als der ihren ge-
       schichtlichen Interessen  wie ihrem  sozialen Gewicht  nach  ent-
       scheidenden Kraft gesellschaftlicher Veränderung in der Bundesre-
       publik genauer  zu untersuchen.  Hierzu will der vorliegende Band
       einen Beitrag leisten.
       Er wird eingeleitet mit einem Auszug aus den Thesen, die das IMSF
       für die Konferenz "Karl Marx und das revolutionäre Subjekt in der
       Welt von  heute" vom  März 1983 in Trier ausgearbeitet hatte. Sie
       stellen in  gewissem Sinne  eine Klammer  der folgenden  Beiträge
       dar, indem  sie die längerfristig wirkenden Trends im staatsmono-
       polistischen System  der Bundesrepublik hervorheben. Lothar Peter
       argumentiert gegen  Auffassungen von  der  "Krise  der  Arbeiter-
       klasse", die  die gegenwärtigen Vergesellschaftungs- wie Fragmen-
       tierungsprozesse zur "Erosion" der Arbeiterklasse stilisieren und
       ihre Rolle als geschichtsveränderndes Subjekt zugunsten neuer so-
       zialer Bewegungen  in Frage  stellen (so Thesen von Gorz, Hirsch,
       Haug, Offe, Altvater u.a.)
       Sozialstrukturelle  Veränderungen  der  Arbeiterklasse  seit  den
       sechziger Jahren und ihre Struktur zu Beginn der achtziger Jahre,
       die Bestimmung  ihres sozialökonomischen  Kerns und die Rolle des
       Betriebs als  wesentliche Formierungsbasis der Klasse sind Gegen-
       stand des  Beitrags von Heinz Jung. Konzeptionen der "weiten" Ar-
       beiterklasse, die die Entwicklung lohnabhängiger Mittelschichten,
       darunter der Intelligenz, leugnen und damit das Verständnis wich-
       tiger sozialer und politischer Prozesse in der Bundesrepublik er-
       schweren, werden  zurückgewiesen. Die  siebziger und  beginnenden
       achtziger Jahre  sind eine  Periode der  raschen Einführung neuer
       Technologien. André  Leisewitz gibt einen Überblick über ihre ge-
       genwärtige Verbreitung,  untersucht ihre Bedeutung für die Verän-
       derung der technologischen Produktionsweise und behandelt Auswir-
       kungen ihrer  kapitalistischen Nutzung auf die Sozialstruktur und
       die Arbeitsbedingungen von Gruppen der Arbeiterklasse. Auf Unter-
       schiede in  der regionalen  Entwicklung der  Arbeiterklasse gehen
       Hermann Bömer und Ulrike Bohnenkamp mit einer Untersuchung von 16
       großstädtischen Zentren  der Bundesrepublik  ein. Es  zeigt  sich
       eine deutliche  Differenzierung nach  Beschäftigungsstruktur  und
       Rolle des  tertiären Sektors; die Krisenprozesse wirken in unter-
       schiedlichem Maße  in "dynamischen"  und "alten"  Zentren, jedoch
       bleiben auch  Zentren mit  moderner Wirtschaftsstruktur nicht von
       der Krise verschont.
       Dortmund ist  eines der "alten", besonders von der Stahlindustrie
       und ihrer Arbeiterklasse geprägten Zentren. Andreas Achenbach und
       Hermann Bömer  geben eine Darstellung des Linkspotentials und der
       demokratischen Bewegung  der Stadt  im Zusammenhang mit der Bewe-
       gung "Stahlwerk jetzt". Daß Verteidigungskämpfe zu offensiven ge-
       sellschaftspolitischen  Forderungen  führen  können,  zeigen  die
       Dortmunder Entwicklung und besonders die breite Aufnahme der For-
       derung nach  Verstaatlichung der  Stahlindustrie in den Stahlzen-
       tren des  Ruhrgebiets. Heinz  Thuer geht der Entwicklung und Aus-
       breitung der  Forderung nach  und untersucht hierbei auch die Be-
       deutung "informeller  Strukturen" zwischen  betrieblichen  Kadern
       sowie die Ursachen der unterschiedlichen Resonanz der Verstaatli-
       chungsforderung an Ruhr und Saar.
       Eine wesentliche  Entwicklungsdeterminante der Formierung der Ar-
       beiterbewegung sind  Sozialpolitik und  Herrschaftsstrategie  des
       Kapitals, wie  sie sich  in der  Politik der  Unternehmerverbände
       ausprägen.   Peter    Hinrichs   gibt   einen   Überblick   ihrer
       "Repolitisierung und  -ideologisierung" in den letzten Jahren so-
       wie der Strategie der "Sozialpartnerschaft auf schmalerer Basis".
       Die folgenden Beiträge behandeln unter verschiedenen Aspekten die
       Bedeutung des Betriebs als entscheidendes Erfahrungsfeld und For-
       mierungsbasis der  Arbeiterklasse. J.H.  von Heiseler geht Fragen
       der Bewußtseinsentwicklung  der Arbeiterklasse, u. a. Einstellun-
       gen zu  Technik und  Rationalisierung, nach.  Ursachen und Trieb-
       kräfte der  in den  letzten Jahren spürbar gewachsenen betriebli-
       chen Kampftätigkeit,  die sich  besonders in der gewachsenen Zahl
       von Betriebsbesetzungen  ausdrückt,  erörtern  Gert  Kautsch  und
       Bernd Semmler.  In den  Mittelpunkt stellen sie eine detaillierte
       Analyse von vier Betriebsbesetzungen in Frankfurter Metallbetrie-
       ben. Ein  Vergleich der  Betriebsrats wählen  in den  vergangenen
       Jahren zeigt zunehmende Polarisierung und politische Differenzie-
       rung auf  betrieblicher Ebene.  Zu den  neuen Momenten gehört die
       Herausbildung einer  größeren Zahl  linksoppositioneller  Listen.
       Klaus Pickshaus  untersucht Entstehungsbedingungen, Basis, Profil
       und Orientierung solcher  Listen  und  die damit verbundenen Ver-
       änderungen unter  jüngeren gewerkschaftlichen Kadern. Daß für die
       Kommunisten der Betrieb nach wie vor als erstrangige Lebenssphäre
       und Basis  sozialer Bewegungen  zentrales Arbeitsfeld  ist,  hebt
       Kurt Steinhaus in seiner Darstellung der Betriebsorientierung der
       DKP hervor.
       Im Mittelpunkt  der Rubrik Politische Ökonomie/SMK-Theorie stehen
       zwei Beiträge  über die  Wirtschaftskrise. Der  Beitrag von  Jörg
       Huffschmid gibt einen systematischen Überblick über die zentralen
       Entfaltungsfelder der kapitalistischen Krise und ihre Analyse. Im
       Mittelpunkt der  theoretischen Argumentation steht die Begründung
       des Nachfragedefizites  als Grundlage  der zyklischen und überzy-
       klischen Überakkumulation.  Der Verfasser charakterisiert die ge-
       genwärtige Entwicklungsvariante  als Austeritätspolitik  nach in-
       nen, Expansionspolitik  nach außen. Der Aufsatz von Bernhard Roth
       untersucht die  internationalen Finanzmärkte,  die internationale
       Schuldenproblematik und  den Stellenwert  der Zinsentwicklung für
       die zyklische  Entwicklung. Diese  Fragen sind  mehr und mehr von
       zentralem aktuellem Interesse, erscheint doch gegenwärtig ein in-
       ternationaler Finanzkollaps  als für  das kapitalistische  System
       und die Weltwirtschaft bedrohliche Möglichkeit.
       Die Untersuchung  von Michael  Ellwardt über  den  exemplarischen
       Fall der  Wettbewerbsgesetzgebung setzt  die Erörterung  der SMK-
       Problematik der  vergangenen  Jahrbücher  auf  einer  konkreteren
       Ebene fort.  Es geht  um das  Wechselverhältnis  von  staatlicher
       Spitzenbürokratie, Bundestagsparteien  und  Monopolverbänden  bei
       der Formulierung  und Durchsetzung  der Novellierung des Gesetzes
       über Wettbewerbsbeschränkung  von 1973  und  das  dabei  wirksame
       Kräfteparallelogramm.
       In der  folgenden Rubrik wenden sich zwei Beiträge wichtigen Tei-
       laspekten der Friedensbewegung zu. Die Haltung der Sozialdemokra-
       ten und der SPD hat wesentliche Bedeutung für die Entwicklung der
       Kämpfe um  Abrüstung und  Entspannung. Christoph  Butterwegge und
       Manfred Ossenbeck  führen aus, daß positive Ansätze hier bis weit
       ins Lager des sozialliberalen Integrationismus reichen. Vor allem
       die Militarisierung  der Gesellschaft, der Zugriff auf Frauen für
       die Bundeswehr  allgemein und  im medizinisch-sozialen Bereich im
       besonderen, ist  zum Auslöser für das Engagement vieler Frauen in
       der Friedensbewegung geworden. Der Aufsatz von Florence Hervé und
       Renate Janßen  macht deutlich, daß die weitere Klärung der Zusam-
       menhänge von  Patriarchat, sozialer Gewalt, Rüstung und Militari-
       sierung einen Schlüssel für das zukünftige Verhältnis von Frauen-
       und Friedensbewegung bildet.
       Krise und  von rechts  forcierte "geistige  Wende" setzen die Ge-
       sellschaftswissenschaften materiell  und ideologisch unter Druck;
       welche Folgen  zeichnen sich ab? H.J. Krysmanski geht aus von der
       Gefährdung der  Soziologie als institutionalisierte Fachdisziplin
       durch den  Abbau von  Sozialstaat und  analysiert die Hauptlinien
       der Reaktion darauf; seine These: Auch die herrschende Soziologie
       muß politischer  werden. Stellungnahmen anläßlich des 100. Todes-
       tages von  Marx lassen Tendenzen des Denkens in der Krise äußerst
       plastisch erkennen.  Winfried Schwarz  kennzeichnet  konservative
       und rechtssozialdemokratische  Bemühungen,  die  Bestätigung  der
       Marxschen Theorie durch die tiefe kapitalistische Krise hinwegzu-
       reden; vor  allem beschäftigt er sich kritisch mit Tendenzen bis-
       her an Marx orientierter linker Intellektueller, unter der Losung
       eines offeneren,  "polyzentrischen" Marxismus Grundpositionen von
       Marx über  Bord zu werfen (am Beispiel des "Argument"-Sonderbands
       100).
       Manfred Müller  und Wolfgang  Focke  interpretieren  einen  jetzt
       erstmals auf  deutsch vorliegenden  Marx-Text, der  wichtige Auf-
       schlüsse über  Marxens Auffassung der kapitalistischen Maschinen-
       technik als  adäquate stoffliche Gestalt des Kapitalverhältnisses
       als Herrschaftsverhältnis gibt. Ein weiterer Beitrag zur Marx-En-
       gels-Forschung ist  die Dokumentation  von Michael  Knieriem über
       den Aufenthalt  von Engels in der Schweiz 1849, wo er mit den Re-
       sten des Willichschen Freikorps Zuflucht suchen mußte.
       Der Diskussionsteil  wird eröffnet durch eine Kontroverse aus dem
       Zusammenhang der  Frauenbewegung. Die  Erwiderung von Frigga Haug
       auf Ute  H.-Osterkamps Kritik  der  Haugschen  Opfer-Täter-Thesen
       weitet sich  aus zur  Behauptung, der  "traditionelle"  Marxismus
       leugne die  Existenz einer  eigengewichtigen Frauenfrage; dagegen
       argumentieren Ingeborg Nödinger und Alma, Steinberg historischem-
       pirisch und theoretisch. Klaus Borchardt und Thomas Sauer bringen
       ihre Einwände  gegen das  von Heinz  Jung vertretene  Konzept der
       privatmonopolistischen Entwicklungsvariante  des SMK  vor; Werner
       Goldschmidt und  Ulrich Semmelrogge  setzen sich  mit  dem  IMSF-
       Staatsprojekt auseinander.  Den Thesen  von Winfried  Schwarz zur
       politischen Ökonomie  der Mietwohnung widersprechen Eva Haake und
       Matthias Lux.
       Zwei Berichte  informieren über  aktuelle theoretische  Debatten:
       Bei einer internationalen Tagung in Berlin ging es um die Auffas-
       sung der  globalen Probleme durch den Marxismus (Hellmuth Lange),
       und im  IMSF wurde über die Antwort der bundesdeutschen Arbeiter-
       bewegung auf  die kapitalistische  Einführung neuer  Technologien
       diskutiert (Stephan Voets).
       Die  ständige  Jahrbuch-Rubrik  "Ausländische  marxistische  For-
       schungsinstitute"   stellt    in   diesem   Jahr   den   Moskauer
       "Wissenschaftlichen Rat  zur Erforschung der Probleme von Frieden
       und Abrüstung" sowie die Marx Memorial Library in London vor.
       Aus beruflichen  Gründen ist  Dirk Hänisch  aus  dem  Beirat  der
       "Marxistischen Studien"  ausgeschieden; wir  danken ihm für seine
       Mitarbeit.
       
       Frankfurt am Main, August 1983
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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