Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       ZUR AKTUELLEN NEUSTRUKTURIERUNG DES
       ===================================
       KAPITAL- UND KLASSENVERHÄLTNISSES
       =================================
       
       Der Betrieb als Formationsbasis
       -------------------------------
       sozialökonomischen Strukturwandels
       ----------------------------------
       
       Jens Bünnig/Georg Fobbe/Uwe Höfkes
       
       1. Markierungspunkte  der Auseinandersetzung  - 2. Die Epoche der
       befriedeten Klassengesellschaft - 3. Epochale Krise und Neustruk-
       turierung der  Produktion -  4. Zwischen  "Japanisierung" und Er-
       neuerung der Gewerkschaftsbewegung
       
       Führen die  unübersehbaren Veränderungen  im  Produktionstyp  des
       heutigen Kapitalismus zugleich zu tiefgreifenden Veränderungen in
       den betrieblichen Formierungsbedingungen der Arbeiterklasse? Die-
       ser Frage  ist unser  folgender Diskussionsbeitrag  gewidmet. Wir
       beginnen mit  einer kritischen  Entgegensetzung zu den Thesen des
       IMSF, 1)  die als  Arbeitsgrundlage galten. Dabei beschränken wir
       uns auf  Schlüsselpunkte, die  unseres Erachtens die Unterschiede
       der Sichtweise betreffen.
       
       1. Markierungspunkte der Auseinandersetzung
       -------------------------------------------
       
       Proletarische Klassenlage als Gesamtkomplex
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       Die Formationsbasis  der Arbeiterklasse  ist ein  Lebens- und Ar-
       beitswelt übergreifender  Gesamtkomplex  proletarischer  Klassen-
       lage, innerhalb  dessen der  Betrieb eine bestimmte Funktion ein-
       nimmt. Der Begriff "proletarische Klassenlage" soll abgrenzen ge-
       gen einen  eindimensionalen Klassenbegriff,  der den Arbeiter nur
       als  A r b e i t e r  verortet (und insofern auf den Betrieb zen-
       triert ist);  ebenso aber gegen einen alltagssoziologischen Mili-
       eubegriff, in  dem der  Klassenbegriff um eine wesentliche Dimen-
       sion, die des  A r b e i t e r s,  verkürzt ist.
       Mit dem Begriff "proletarische Klassenlage" soll anderes verstan-
       den sein als "Betrieb plus proletarisches Milieu": Es geht um das
       Verständnis der  spezifischen Verschränkung  zwischen Lebens- und
       Arbeitssphäre oder  deren Dekomposition,  die als  je  bestimmtes
       Verhältnis  historisch  existieren  und  objektiv  und  subjektiv
       Klasse bestimmen.  Zur proletarischen Klassenlage gehört die exi-
       stentielle Situation von Fremdbestimmung, Ausbeutung, Beschränkt-
       heit der Bedürfnisse und der Mittel ihrer Befriedigung ebenso wie
       die sozialer,  politischer und  kultureller Unterdrückung. Klasse
       i s t,   unabhängig davon,  ob ihr  auch ein   K l a s s e n b e-
       w u ß t s e i n   je aktuell  entspricht. Jede Vergemeinschaftung
       der Klasse  setzt  allerdings  ein  rudimentäres  Bewußtsein  der
       Klassenlage voraus.  Insofern kommen  dem Betrieb,  aber auch dem
       proletarischen Milieu  wichtige gemeinschaftsbildende  Funktionen
       zu.
       
       Betrieb als Formationsbasis des Klassenverhältnisses
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       Der Betrieb  ist Ort des unmittelbaren Verhältnisses zwischen Ka-
       pital und  Arbeit und insofern zentraler Ort der kapitalistischen
       Klassengesellschaft, ihrer  Erfahrbarkeit wie  ihrer  Bekämpfbar-
       keit.  Das   gilt  unabhängig  von  der  jeweiligen  Verweildauer
       (Arbeitszeit) - womit gegen solche Interpretationen, die aufgrund
       eines bestimmten  Maßverhältnisses zwischen  Arbeits- und Lebens-
       zeit auf  Relevanz bzw.  Irrelevanz des  Betriebs schließen,  die
       qualitative Bestimmtheit von Klassenverhältnis betont ist. Allein
       die Auflösung  des Betriebs als  d e m  Ort kapitalistischen Pro-
       duzierens ändert  entscheidend das Klassenverhältnis: eine verän-
       derte "Topographie  der Arbeit"  (Heimarbeit z.B.) kann das Kapi-
       talverhältnis von  einem  K l a s s e n v e r h ä h n i s  in ein
       P r i v a t verhältnis   umwandeln; partiell  war und ist das der
       Fall und wird sich u.U. wieder erweitern.
       
       Betriebliches Klassenverhältnis als antagonistische Kooperation
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       Betrieb als Formationsbasis der Arbeiterklasse zu betrachten, be-
       deutet uns im Ansatz, die Klassenformation in ihrer grundlegenden
       Widersprüchlichkeit aufzufassen.  Als Ort  der Produktion ist der
       Betrieb zuallererst Ort eines kooperativen Prozesses zwischen Ka-
       pital und  Arbeit. Er ist sodann Ort einer spezifischen Kollekti-
       vierung/Vergesellschaftung/Vergemeinschaftung.  Er  ist  drittens
       Ort eines  fundamentalen tagtäglichen  "Klassenkampfes" und vier-
       tens Ort der "großen" Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit, als Ort
       von Macht-und Gegenmachtpositionen der Klassen.
       Bezogen auf  diese vier  Ebenen stellt der Betrieb eine Produkti-
       ons-, Sozial-  und Herrschaftsorganisation  dar, die  in ihrer je
       bestimmten historischen Form aufzufassen ist als Typus betriebli-
       cher Hegemonie.  Die Ausprägungen  dieser betrieblichen Hegemonie
       sind grundlegend  für die jeweiligen Typen gesellschaftlicher He-
       gemonie. Anders  ausgedrückt: Wir  gehen davon  aus, daß epochale
       Modelle kapitalistischer  Gesellschaft (Perioden kapitalistischer
       Entwicklung) sich  um die Achse einer Kongruenzbeziehung betrieb-
       licher und gesellschaftlicher Hegemonie herausbilden, und daß der
       "Wandel" der  epochalen Gesellschaftsmodelle aus der Störung die-
       ser Kongruenzbeziehungen resultiert, die von beiden Seiten ausge-
       hen  k a n n,  ihre systematische Grundlage aber im Entwicklungs-
       prozeß der materiellen Produktion besitzt.
       Mit dieser  Interpretation betonen wir gegenüber solchen Periodi-
       sierungsansätzen, die  neuerdings an  den langen  Wachstumszyklen
       ansetzen und  sich kritisch  gegen  traditionelle  Periodisierung
       (Früh-, Hoch-,  Spätkapitalismus, oder: Konkurrenz-, Monopolkapi-
       talismus, Staatsmonopolistischer  Kapitalismus usw.) richten, daß
       in materialistischer Sicht nicht der Typus von Staatsinterventio-
       nismus ("Keynesianismus", "Modell Deutschland" usw.), sondern der
       Typus betrieblicher Hegemonie auf der Grundlage jeweiliger spezi-
       fischer Typen  von Produktion,  Vergesellschaftung und  Konflikt-
       und Machtstrukturen entscheidend ist.
       Zugleich wollen  wir hervorheben, daß Formierung der Klasse immer
       ein Prozeß   m i t   und  g e g e n  Kapital ist, das Kapitalver-
       hältnis als  übergreifende  E i n h e i t  selbst noch den Gegen-
       satz der  Klassen betrifft. Ein solches Verständnis erscheint uns
       um so  wichtiger, als  nur so die reale Integration der Arbeiter-
       klasse in kapitalistische Gesellschaft anders als durch "Verrat",
       "Revisionismus" etc.  begriffen werden  kann. Es  ist  die  Zwie-
       schlächtigkeit der  Klassenkonstitution selbst, die die  p o l i-
       t i s c h e   Differenzierung  der  Klassenbewegung  hervorbringt
       (kommunistische/sozialdemokratische  -  revolutionäre/reformisti-
       sche Strömung).  Die Dominanz  der reformistischen  Strömung  ist
       epochal bestimmbar - ihre Auflösung ebenso!
       
       Reelle Subsumtion von Arbeit und Arbeiter unters Kapital
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       Der Produktionsprozeß  des Kapitals beruht von vornherein auf der
       unterworfenen Arbeit:  den Zweck des Produzierens setzt das Kapi-
       tal, sowohl  was die  Verwertung als  auch was die Gebrauchswert-
       seite anbelangt.  Die historische  Entwicklung von  der formellen
       zur reellen  Subsumtion der  Arbeit unters  Kapital betrifft  die
       produktionspolitische Gestaltung der Zweck-Mittel-Relation.
       Die klassen-  und  transformationstheoretische  Bedeutung  dieser
       Aussage bedarf  eines besonderen Hinweises. In einer entscheiden-
       den Dimension  ist der  Arbeiter von  vornherein als   N i c h t-
       s u b j e k t   der Produktion  aufzufassen: der des Produktions-
       zweckes.  W a s  produziert wird, bestimmt nicht er - die Art und
       Weise  der   gesellschaftlichen  Reproduktion   ist  aus   seinem
       Bewußtseins- und Willenshorizont als  A r b e i t e r  ausgeblen-
       det. Die  Arbeiterklasse als Gesellschafts- und Geschichtssubjekt
       unterliegt  einem  gesellschaftsspezifischen  Reduktionismus  auf
       einen bloß  instrumentellen Sinn von Arbeit. Als kritische Folie,
       vor deren  Hintergrund die Bedeutung dieses Reduktionismus zu re-
       flektieren ist,  muß der  Marxsche Arbeitsbegriff als gattungsge-
       schichtlicher Begriff von Arbeit verstanden werden: "Nicht daß er
       nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht
       im Natürlichen  zugleich seinen  Zweck, den  er weiß, der die Art
       und Weise  seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Wil-
       len unterordnen  muß" (MEW 23/193). Ein Defizit an Gesellschafts-
       kritik und  gesellschaftlicher Gestaltungskompetenz ist konstitu-
       tiv für die Arbeiterklasse als Gesellschaftssubjekt. Diese Grund-
       tatsache ist u. E. wesentlich für die klassengeschichtliche Wirk-
       samkeit des sozialdemokratischen (Klassen-)Politikmusters, das an
       diesem Reduktionismus  und dem  bloß instrumentellen Sinn der Ar-
       beit positiv  ansetzt. Eine  emanzipationstheoretisch konsequente
       Neubestimmung von Klassenbegriff und Klassenpolitik muß nicht nur
       durch die  zementierte Oberfläche  einer auf  Kritik der  Vertei-
       lungsweise des Kapitals fixierten Praxis auf die Ebene der Kritik
       der Produktionsweise  des Kapitals  vorstoßen, sondern  innerhalb
       deren die  Dimension von  Produktkritik und  Bedürfniskritik  er-
       schließen. Bloße  Interessenpolitik verfehlt im Ansatz eine eman-
       zipatorische Bedeutung von Klassenpolitik.
       Der historische Fortgang von der formellen zur reellen Subsumtion
       der Arbeit unters Kapital tendiert dahin, die residuale Subjekti-
       vität von  Arbeit innerhalb jenes objektiven Instrumentalismus zu
       tilgen. Das  System der Produktionsmittel legt fortschreitend Ar-
       beit operational  fest. Eben darauf richtet sich die Produktions-
       politik des Kapitals: Arbeit zum bloßen Appendix des Maschinensy-
       stems und  seines Taktes  zu machen  und den  Arbeiter in  diesem
       Sinne zum Funktionieren zu bringen, ihn entsprechend zuzurichten,
       um eine  lückenlose Kontrolle und Beherrschbarkeit der Arbeit als
       bloße Kapitalfunktion  herzustellen. Diese  produktionspolitische
       Tendenz des  Kapitals beruht  auf der  komplementären Entwicklung
       fortschreitender Entsubjektivierung der Arbeit und Entobjektivie-
       rung des  Kapitals.   E n t s u b j e k t i v i e r u n g   d e r
       A r b e i t:   alle geistigen  Elemente der Arbeit, das Produkti-
       ons- und  Arbeitswissen des Arbeiters zu enteignen, den Eigenwil-
       len des  Arbeiters bezüglich  der Art  und Weise der Durchführung
       ihm aufgetragener Tätigkeiten zu brechen; eben in diesem Arbeits-
       wissen und  darauf basierenden  Eigenwillen und Gestaltungsspiel-
       räumen im  Produktionsprozeß besteht jene residuale Subjektivität
       von Arbeit,  die dem  Kapital als Schranke seiner Produktionskon-
       trolle und  Gestaltungsautonomie entgegensteht.  E n t o b j e k-
       t i v i e r u n g  d e s  K a p i t a l s:  mit der Aneignung des
       Arbeitswissens des  Arbeiters die technisch-operational definier-
       ten Arbeitsvollzüge  lückenlos zu  normieren, Arbeit  synthetisch
       als Kapitalkraft  zu setzen;  in diesem  Sinne fungieren  Wissen-
       schaft und  Technik als der Arbeit enteignete subjektive Potenzen
       der Produktivkraft  des Kapitals  - und sind auch als spezifische
       Teile des Gesamtarbeiters im Produktionsprozeß präsent.
       
       Pathologie des industriellen Arbeiters
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       Der  spezifisch   kapitalistisch   gestaltete   Produktionsprozeß
       schließt Arbeit  als zerstörtes Gattungsvermögen des Menschen und
       - diese Arbeit als Lebenstätigkeit des Arbeiters - eine besondere
       Pathologie des  industriellen Arbeiters  ein. Die menschliche De-
       formation, die dem Arbeiter angetan, indem er den vom Kapital ge-
       setzten Funktionen annektiert wird, geht aus der zynischen Offen-
       heit hervor,  mit der  Taylor sein Ziel der Zurichtung des Arbei-
       ters formuliert: "abgerichteter Gorilla".
       Die Maschinerie,  zu deren  Anhängsel der  moderne Massenarbeiter
       wird, setzt  ein Mechanischwerden  der  Bewegungen  durch,  einen
       "neuen psycho-physischen  Nexus" (Gramsci), in dem der Bewegungs-
       ablauf der  Operationen körperlich-nervlich automatisiert ist. Im
       Unterschied zu  Gramscis These,  durch die völlige Mechanisierung
       der physischen Geste werde "das Gehirn frei für andere Beschäfti-
       gung gemacht",  gehen wir  davon aus, daß solcherlei Lebenstätig-
       keit geistig abstumpft und ruiniert, eine Vergewaltigung des Men-
       schen darstellt,  die ihn  tatsächlich auf  das  Niveau  des  Ar-
       beitstiers reduziert.
       
       Subjektivität als Gegenpol
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       Wohlgemerkt: Die  reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital ist
       ein fortlaufender  historischer Prozeß mit genannter Tendenz, die
       sich immer  wieder durch die praktisch geltend gemachte Subjekti-
       vität der  Arbeiter konfrontiert sieht - wie reduziert diese Sub-
       jektivität in ihrer Widersetzlichkeit, ihren Ansprüchen und Zwec-
       ken auch  sein mag.  Das Kapital  wird das Subjekt nicht los, auf
       dessen Abschaffung  es seine  ganze zynische  Arbeitswissenschaft
       richtet. Der Betrieb als Produktionsort bleibt Ort des kooperati-
       ven Prozesses  und des  sozialen Antagonismus - der Kampf um Kon-
       trolle über die Arbeit bleibt das dynamische Element der Entwick-
       lung des  kapitalistischen Produktionsprozesses.  Auf jeder  Ent-
       wicklungsstufe des  Systems der  Produktionsmittel, die das "Wie"
       der Produktion  epochal prägt,  restrukturiert sich  auch das be-
       triebliche Machtsystem,  bildet sich ein epochaler Typus betrieb-
       licher Hegemonie heraus, der in jeder seiner Varianten den Tatsa-
       chen Rechnung  trägt, daß  und wie die Arbeiter sich wehren. Ent-
       scheidende Bedeutung  kommt dabei  der Frage  zu, ob die Arbeiter
       einen bloß  instrumentellen Sinn  der Arbeit akzeptieren, ob sich
       mit der  fortschreitenden Zerstörung der Subjektivität der Arbeit
       eine Gleichgültigkeit  des Arbeiters gegen seine Tätigkeit durch-
       setzt, diese  ihn nur noch als Quelle von Lohn interessiert. Jen-
       seits des  "stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse" verwei-
       sen diese  Fragen auf  im weitesten  Sinne    k u l t u r e l l e
       Sachverhalte: in  ihnen bilden sich Selbstansprüche des Menschen,
       normative Leitideen  und Ethiken heraus, von deren Beschaffenheit
       wiederum rückwirkend die Akzeptanz für bzw. Widersetzlichkeit ge-
       gen bestimmte  Ausprägungen des Systems der Produktion, des sozi-
       alökonomischen Systems und der Herrschaftsordnung bestimmt ist.
       
       Dialektik der Befreiung
       -----------------------
       
       Das Proletariat  ist ebenso  Resultat kapitalistischer Produktion
       wie seiner  Selbstproduktion. Seine  Vergemeinschaftung vollzieht
       es in Kampf- und Lernzyklen (Vester), die von der je historischen
       Ausprägung proletarischer  Klassenlage abhängig  sind. Im  Prozeß
       solcher Vergemeinschaftung bildet sich Arbeiterkultur heraus: als
       je historischer  Ausdruck  von  Identitätsbewußtsein  und  Gegen-
       satzerfahrung. Nicht   e i n e   Arbeiterkultur  hat das Proleta-
       riat, sondern  viele historisch  spezifische. Dies kritisch ange-
       merkt zu  jenen Stimmungen  des "Untergangs  der Arbeiterklasse",
       weil   e i n e   epochale Form  von Arbeiterkultur vergangen ist.
       Sicherlich ist  die Dekomposition  des "proletarischen  Milieus",
       wie es  im 19.  Jahrhundert unter den Bedingungen von Massenelend
       und Not,  Enge der  Wohn- und  Lebensverhältnisse und staatlicher
       Repressionserfahrung  gewachsen  ist  und  seine  Vergemeinschaf-
       tungsformen als  Kampf- und  Notgemeinschaften beinhaltete,  seit
       Ende des  Zweiten Weltkriegs irreversibel. Das besagt aber nichts
       darüber, daß  sich  unter  den  Bedingungen  des  Umbruchs  eines
       epochalen Modells kapitalistischer Gesellschaft nicht neue Verge-
       meinschaftungs- und Kulturformen entwickeln können, die eben auch
       neue Ansprüche  und Wertorientierungen zum Ausdruck bringen. The-
       men, wie  sie heute  noch weitgehend außerhalb der Arbeiterschaft
       diskutiert werden,  wie "Sinnkrise  der Arbeit", "Technikkritik",
       "anders leben, anders arbeiten", "Ökologiekrise" etc. können sich
       durchaus mit  einer Neuformierung proletarischen Widerstandes in-
       nerhalb der Arbeiterschaft Gehör und Geltung verschaffen und eine
       neue Kultur von "Arbeiterschaft in Bewegung" mitprägen.
       Wenn sich  zunächst die  Gegenwehr der Arbeiter auf betrieblicher
       und gesellschaftlicher Ebene auch als "konservativ" ausnimmt, in-
       dem Motive der Verteidigung des Status quo vor der Krise dominie-
       ren  (Arbeitsplätze,   Lohn,  Arbeiterschutzrechte,   Sozialstaat
       etc.), liegt  in der Gegenwehr als  B e w e g u n g  die Möglich-
       keit einer  Transformation der  Motive und  Ansprüche, die ihrer-
       seits rückwirkt  auf die  Formen der Vergemeinschaftung im Wider-
       stand. Praktisch  ist ein  solches Umschlagen  der Motive und An-
       sprüche als Dialektik der Befreiung nur von Intensität und Umfang
       der Widerstandsbewegung abhängig.
       
       2. Die Epoche der befriedeten Klassengesellschaft
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       Der Zeitraum  seit Mitte  der 70er  Jahre mit seinen ausgeprägten
       Merkmalen einer  langandauernden Stagnationsperiode  gilt uns als
       Periode einer  umfassenden  Neustrukturierung  des  Kapitalismus,
       sowohl das  kapitalistische Weltsystem  als auch das kapitalisti-
       sche Gesellschaftsmodell  der vorangegangenen  Epoche betreffend.
       2)
       Das kapitalistische  Gesellschaftsmodell der vorangegangenen Epo-
       che hat  historisch erstmalig für eine lange Periode Vollbeschäf-
       tigung und  steigenden Lebensstandard der Massen in den kapitali-
       stischen Hauptländern  verzeichnen können. Dies wurde weniger au-
       ßergewöhnlichen ökonomischen  Nachkriegsbedingungen als  vielmehr
       dem bestimmten Typ des Staatsinterventionismus zugeschrieben, der
       sich auf  der Grundlage  des vorherrschenden wirtschaftstheoreti-
       schen Paradigmas  des Keynesianismus in den wichtigsten kapitali-
       stischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt hat. Po-
       litische Steuerungsfähigkeit  und -notwendigkeit  des Staates ge-
       genüber der kapitalistischen Wirtschaft gehörte ebenso unbestrit-
       ten zu diesem Typ des Staatsinterventionismus bzw. zur ihn recht-
       fertigenden ideologischen  Grundlage, wie  die klassenintegrative
       Funktion des  Staates. Diese  begründete sich im wesentlichen aus
       folgenden Einrichtungen:
       - der verfassungsmäßigen  Anerkennung der  Koalitionsfreiheit und
       des Streikrechts,
       - der Eingrenzung  sozialer Herrschaft  des Kapitals durch Arbei-
       terschutzrechte,
       - der sozialpolitischen  Sicherungsgarantie im  Sinne  des  Wohl-
       fahrtsstaates. Auf  dieser Grundlage  konnte sich  der Staat  die
       fundamentale Massenloyalität sichern. Der Klassenkampf wurde ein-
       gefriedet  durch   Rechtsnormen  und   staatliche   Vermittlungen
       (Verrechtlichung und  Verstaatung), wodurch  ihm der  unmittelbar
       politische Charakter genommen und sein politisches Konfliktpoten-
       tial auf die Ebene des Politiksystems abgelenkt wurde. Auf dieser
       Ebene des  Politiksystems dominierten  Parteien des  Volkspartei-
       typs, die  den epochalen  Sozialpakt zwischen  Kapital und Arbeit
       nach der  einen oder  anderen Seite vertraten. Der Sozialpakt im-
       plizierte jene  klassenintegrativen Funktionen des interventioni-
       stischen Staates ebenso wie eine entsprechende Verfassung der Ge-
       werkschaftsbewegung und ihr Politikmuster. Die sozialdemokratisch
       dominierten Gewerkschaften  Mittel- und  Nordeuropas  entsprachen
       dem mit dem Sozialpakt geforderten Typ der sozialfriedlichen, ko-
       operativen, aber mit nicht unerheblichen kollektiven Regelungspo-
       tentialen ausgestatteten  Gewerkschaftsbewegung am  meisten.  Die
       sozialdemokratische Hegemonie  innerhalb der Arbeiterklassen die-
       ser Länder  blieb um  so mehr  intakt, als der Produktivitätspakt
       zwischen Kapital  und Arbeit  auf betrieblicher Ebene nach seinen
       beiden Seiten  kohärent und funktionsfähig blieb, die Produktivi-
       tät weitgehend  uneingeschränkt gesteigert wurde und die Arbeiter
       ihren Anteil  daran nehmen  konnten. Massenkonsumismus auf dieser
       ökonomischen Grundlage  trug das  seine zur positiven Integration
       der Arbeiter,  zum Zerfall  ideologisch-kultureller Eigenständig-
       keit der Klasse und zur Ideologisierung im Sinne sozialdemokrati-
       scher Deutungsmuster und Wertorientierungen bei. 3)
       Die Kohärenz  dieses kapitalistischen  Gesellschaftsmodells einer
       befriedeten Klassengesellschaft  beruhte auf  der epochalen Drei-
       faltigkeit von  betrieblichem Produktivitätspakt,  Sozialpakt und
       Massenloyalität. Alle  drei Elemente waren zugleich Bedingung für
       eine außerordentliche  Akkumulationsbeschleunigung in  der  Nach-
       kriegszeit, wie sie auch umgekehrt von dieser abhingen.
       Betrachten wir die Produktionsbasis dieser kapitalistischen Nach-
       kriegsepoche, dann ergibt sich als epochales Kennzeichen die Aus-
       breitung eines  bestimmten  Typs  der  Produktion,  den  wir  als
       "Fordismus" bezeichnen wollen. Damit ist nicht gesagt, daß dieser
       Produktionstypus allgegenwärtig  sei - auch diesbezüglich ist der
       reale Kapitalismus  ein Nebeneinander  unterschiedlicher  Formen.
       Immerhin aber  dominiert der  fordistische  Produktionstypus  die
       großindustrielle Produktion  der Nachkriegszeit.  Fordismus steht
       für eine  spezifische Form  der Massenproduktion   u n d  der Ge-
       staltung des  Betriebs als  Sozialsystem, also auch für einen be-
       stimmten betrieblichen Hegemonietyp. 4)
       Der Fordismus  repräsentiert auf gegebener technologischer Grund-
       lage einer  immerhin hochentwickelten  Mechanisierung  als  "Ein-
       zweckmechanisierung"   oder    "Detroitautomation"   eine   erste
       vollentwickelte Stufe  der "reellen  Subsumtion der Arbeit unters
       Kapital". Er  basiert auf dem  T a y l o r - System insofern, als
       dessen systematische Arbeitsanalyse  u n d  Normierung der Arbeit
       Grundlage der  betrieblichen Arbeitsteilung wird. Der Taylorismus
       ist dabei  zugleich mit  der Weiterentwicklung  betrieblicher Ar-
       beitsteilung Grundlage für den technologischen Typus der Mechani-
       sierung und  dessen Entwicklung: eine Technologie der zerstückel-
       ten und  zerstörten Arbeit, innerhalb deren Arbeit von vornherein
       als anzupassende Restgröße befaßt ist.
       Der Fordismus  basiert aber  auch insofern auf dem Taylor-System,
       als dessen  Leitmotiv der  Kontrolle der  Arbeit durch Enteignung
       des  Arbeitswissens  und  dessen  Zentralisierung  im  Management
       zugleich eine entsprechende Erweiterung der kapitalistischen Lei-
       tungsfunktion einschließt:  eigene Abteilungen  für Arbeits-  und
       Zeitstudien, Arbeitsvorbereitung etc.
       Der Fordismus enthält aber jenseits der Prinzipien des Taylor-Sy-
       stems eine  spezifische Gestaltung  des  betrieblichen  Sozialsy-
       stems. Personalwirtschaft  als systematische  Auslese,  Schulung,
       Motivierung und  Kontrolle der  Arbeiter knüpft an arbeitswissen-
       schaftliche Befunde  (v. a. Arbeitspsychologie, Arbeitspädagogik)
       an, die  das  produktivitätsfordernde  Potential  des  Arbeiters,
       seine Arbeitsmotivation und seinen Leistungswillen, in den Dienst
       kapitalistischer Betriebsführung  zu stellen trachtet. Hier setzt
       zum einen  die Funktion des mit dem Fordismus eben  a u c h  syn-
       onym gesetzten  "hohen Lohns" an, zum anderen die systematisierte
       Aufspaltung der  Belegschaft in  Stamm- und Randbelegschaft sowie
       die Privilegierung  der Stammbelegschaft namentlich durch das Se-
       nioritätsprinzip.
       Hier liegt  auch der  Kern des  Fordismus als  bestimmtem Typ be-
       trieblicher Hegemonie. Der Fordismus beruht auf einem Produktivi-
       tätspakt zwischen Kapital und Arbeit, der einerseits zwar die Un-
       terwerfung der  Arbeit unter die Zwecke der Produktivitätssteige-
       rung durch  technische, produktions-  und arbeitsorganisatorische
       Maßnahmen bedeutet, andererseits aber die Leistungsmotivation der
       Arbeiter durch die im "hohen Lohn" enthaltene Beteiligung am Pro-
       duktivitätsgewinn zu  erhalten sucht. Hierzu gehört dann auch die
       betriebliche Sozialpolitik als auf Erhalt der Leistungsmotivation
       bzw. auf  Stimulierung der  Konkurrenz in der Belegschaft gerich-
       tete Privilegierung  der Stammbelegschaft. Der Produktivitätspakt
       impliziert einen  Basiskonsens zwischen  Kapital und  Arbeit, der
       als besondere Prozedur des Aushandelns von Leistung und Lohn, als
       "collective bargaining"  realisiert wird.  Das unterstellt zumin-
       dest die  Anerkennung betrieblicher  Interessenvertretung der Ar-
       beiter als gewerkschaftliche Organisation - und, sofern das Orga-
       nisationsprinzip der Gewerkschaft überbetrieblich ist, die insti-
       tutionelle Absicherung  des Einwirkungsrechts  der  Gewerkschaft.
       Die betriebliche  Hegemonieform des  Fordismus beruht demnach auf
       einer  s c h e i n demokratischen  Konstitution: Die motivations-
       und integrationsfördernde  Verteilungs"gerechtigkeit" ist nur als
       Vermittlungsverfahren zwischen  Kapital und  Arbeit realisierbar,
       von dem  aber die  reale Unterwerfung  der Arbeit  nicht tangiert
       ist.
       Es ist offenkundig, daß dieser scheindemokratischen Vermittlungs-
       funktion zwischen  Kapital und  Arbeit die westdeutsche Betriebs-
       verfassung der  Mitbestimmung eine  exemplarische Institutionali-
       sierungsform bietet.  Deren Einbettung in die aktienrechtlich be-
       stimmte Unternehmensverfassung  drückt  zugleich  die  ungetrübte
       Herrschaft des kapitalistischen Eigentums aus.
       Grundlage für  den Produktivitätspakt zwischen Kapital und Arbeit
       ist die Anerkennung seitens der Gewerkschaft, daß die Produktivi-
       tät systematisch  gesteigert werden soll - sofern dafür eben jene
       Produktivitätsbeteiligung der  Arbeiter zustande  kommt. Die  Zu-
       stimmung zur  systematischen Produktivitätssteigerung seitens der
       Gewerkschaften erfolgte in Westdeutschland mit der Beteiligung am
       REFA-System, das  in den  zwanziger Jahren zwar toleriert worden,
       aber durch seine Diskreditierung als Teil nationalsozialistischer
       Betriebspolitik nach  dem  Krieg  zunächst  umstritten  war.  Die
       zweite Seite  des Produktivitätspakts,  der "hohe Lohn", kam erst
       phasenverschoben ab  Ende der fünfziger Jahre zum Tragen, als die
       Massenarbeitslosigkeit im  Zuge der beschleunigten Kapitalakkumu-
       lation beseitigt  und die  Verhandlungsmacht  der  Gewerkschaften
       sich dementsprechend  gestärkt hatte. Seitdem entfaltete sich mit
       dem Konsumismus auf Basis steigender Lohneinkommen zugleich rück-
       wirkend jene  Monetarisierung der Gewerkschaftspolitik: alle Fol-
       gen der  systematisierten Produktivitätssteigerung für den Arbei-
       ter wurden "versilbert", die Gesundheit, Leib und Leben verkauft.
       Die eindimensionale  Ausrichtung  gewerkschaftlichen  Bewußtseins
       auf die  Lohnhöhe bzw.  die Verteilungsrelation  zwischen Kapital
       und Arbeit  hat nicht  wenig zur Akzeptanz jenes Produktionstypus
       des Fordismus  beigetragen -  eine Eindimensionalität,  die  sich
       schließlich seit  Ende des  epochalen Wachstumsprozesses, seitdem
       sich der  Kapitalismus in  einer umfassenden  Neustrukturierungs-
       phase befindet, rächen sollte.
       
       3. Epochale Krise und Neustrukturierimg der Produktion
       ------------------------------------------------------
       
       Der Übergang  zu einem  neuen Produktionstyp vollzieht sich heute
       auf drei  Ebenen: der  der neuen  Technologien auf  Grundlage der
       Computertechnik, der neuer Formen der Produktions- und Arbeitsor-
       ganisation und  der eines neuen Musters von betrieblicher Hegemo-
       nie. Computertechnik scheint das Kapital ein entscheidendes Stück
       seiner alten  Zielsetzung von  Autonomie näherzubringen.  Der mit
       Computertechnik durchsetzte  Produktionsprozeß erscheint perspek-
       tivisch als  selbstregulierender Organismus und lernender Automa-
       tismus, der  auf Leistung und Wissen des Arbeiters nur noch peri-
       pher angewiesen ist. Dennoch ist die "menschenleere Fabrik" nicht
       unmittelbar greifbare  Zukunft. Noch mehr gilt das für die gegen-
       wärtige Umstrukturierungsphase,  in der der lernende Automatismus
       allererst mit  dem Produktionswissen der Arbeiter, Techniker, In-
       genieure, Konstrukteure  etc. gefüttert werden muß. Computertech-
       nik  als   "universelle  Rationalisierungstechnologie"   (Briefs)
       spielt in  allen Bereichen des Betriebs ihre Rolle: in Fertigung,
       Forschung und  Entwicklung, Verwaltung und Management. Der dezen-
       trale Aufbau (Inseln) wird durch funktionale Koppelungen zu Netz-
       werken integriert,  die allmählich  "Hirn und  Nervenstränge" mit
       den  Maschinen  und  Aggregaten  verbinden  und  schließlich  den
       selbstregulierenden Organismus bei gleichzeitiger Zentralisierung
       seiner Steuerung durchs Management schaffen.
       Fürs Kapital  bietet Computertechnik drei entscheidende Nutzungs-
       dimensionen: die  Flexibilisierung der  Produktion, die Verbesse-
       rung der  Marktreagibilität und  die "Taylorisierung" der von der
       Arbeit abgetrennten  geistigen Elemente der Arbeit. Flexibilisie-
       rung der  Produktion meint  rasche  Umstellungsmöglichkeiten  der
       Produktionseinrichtungen auf  wechselnde Produkte. Grundlagen da-
       für werden  bereits im fertigungsbezogenen Konstruieren und durch
       Produktstandardisierung, Baukastentechnik  etc. gelegt.  Flexible
       Fertigung durchbricht  die fertigungstechnologische Entwicklungs-
       linie starrer  Einzweckautomatisierung mit  ihrem Zwang zu großen
       Serien und langwierigen Modell- und Produktwechseln. Hohe Wieder-
       verwendungsfähigkeit flexibler  Fertigungseinrichtungen über Pro-
       dukt- und Modellwechsel hinweg senkt den produktspezifischen Fix-
       kapitalaufwand, damit  zugleich die  Nutzschwelle der  Produktion
       mit daraus  resultierenden preis- und marktpolitischen Vorteilen.
       Besonders unter  den Bedingungen  verschärfter nationaler und in-
       ternationaler Konkurrenz  wird flexible  Fertigung zur  Bedingung
       der Konkurrenzfähigkeit.  Entgegen der  Ansicht, daß mit der Pro-
       duktionsflexibilisierung auf  Grundlage von  Computertechnik  der
       Gegensatz zwischen  Produktions-  und  Marktökonomie  tendenziell
       aufgehoben werde, 5) bleibt dieser Gegensatz für die kapitalisti-
       sche Produktionsweise  konstitutiv, wenn sich auch mit verbesser-
       ter Marktreagibilität  der Problemdruck  reduziert. Mit flexibler
       Produktion stehen flexible Kapazitäten zur Verfügung, die auf der
       Grundlage einer  Entkoppelung von  Betriebszeit  und  Arbeitszeit
       bzw. im  Zusammenhang mit  flexibler Arbeitszeit  variiert und an
       veränderte Marktsituationen  angepaßt werden  können. Das  Senken
       der Nutzschwelle  der Produktion  reduziert dabei  den Fixkosten-
       druck unterausgelasteter Kapazitäten, ohne ihn jedoch zu beseiti-
       gen. Die  "Ökonomie der  fixen Kosten" (Schmalenbach) bleibt ein-
       schließlich der  Formen ihrer  Bewältigung (Kartellisierung, Zen-
       tralisierung von Kapital) wirksam.
       Taylorisierung der  geistigen Elemente  der Arbeit  auf der Ebene
       der von der Handarbeit abgetrennten Kopfarbeit setzt an den stan-
       dardisierbaren und  normierbaren Bestandteilen der Kopfarbeit an,
       enteignet das  Produktionswissen der  Kopfarbeiter und unterwirft
       sie immer  weiter fortschreitend der Kontrolle durch kapitalisti-
       sche Leitung.  Perspektivisch  emanzipiert  sich  kapitalistische
       Leitung von  einer Abhängigkeit von Wissenschaft und seiner tech-
       nologischen Anwendung. Zugleich kann sie die mit der arbeits- und
       betriebswirtschaftlich systematisierten  reellen  Subsumtion  der
       (Hand-)Arbeit unters Kapital verbundene Wucherung delegierter Ka-
       pitalfunktionen aufräumen  und  potentielle  Gegenmachtpositionen
       einzelner  Kopfarbeitergruppen  innerhalb  des  Gesamtmanagements
       neutralisieren.
       Neue Formen  der Produktions-  und Arbeitsorganisation im Kontext
       fortschreitender Computerisierung  der Produktion  sind mit  fle-
       xibler Fertigungstechnik  ebenso verbunden  wie  mit  Ökonomisie-
       rungsanstrengungen des  Kapitals unter dem verschärften Druck der
       Konkurrenz. Der mit der vorangehenden Epoche der Massenproduktion
       auf Grundlage starrer Detroit-Automation verbundene Typ der inte-
       gralen Mammutfabrik  scheint überholt. Die in letzter Zeit inter-
       national Karriere  machenden Formen einer auf Reduzierung der Ka-
       pitalbindung angelegten  japanischen Managementmethoden weisen in
       die Richtung verringerter Fertigungstiefe bei gleichzeitiger Syn-
       chronisierung der  Produktionsabläufe zwischen einem Netz von Zu-
       lieferern und den dominanten Verarbeitern (Kanbansystem). Die In-
       ternationalisierung des produktiven Kapitals (multinationale Kon-
       zerne) führt zu einem Weltverbund von arbeitsteiliger Produktion,
       die bestenfalls hochgradig austauschbar ist und eine Produktions-
       politik der konzerninternen Konkurrenzwirtschaft ermöglicht.
       Mit der Flexibilisierung der Produktion geht Flexibilisierung der
       Arbeitssysteme einher  - sowohl  was ihre  qualitativ-inhaltliche
       Seite anbelangt als auch, was die quantitativ-zeitliche Seite be-
       trifft. Eine  starre Arbeitsorganisation, die an fixierte Einzel-
       berufe und Tätigkeiten und deren Verteilung an einzelne und Grup-
       pen von  Arbeitern gebunden ist, befindet sich unter mehreren Ge-
       sichtspunkten in  Auflösung: einerseits  von der  personalpoliti-
       schen Strategie  der Flexibilisierung  des Arbeitseinsatzes  her,
       zum anderen von der damit im Zusammenhang stehenden betrieblichen
       Qualifikationspolitik, zum  dritten von  Neuverteilungsstrategien
       der Arbeit  her, die mit dem Stichwort Gruppenarbeit belegt sind.
       Der allseits  flexible und  mobile Arbeiter, wie Marx ihn als Re-
       sultat des  Industriesystems mit seinen Umbrüchen und fortwähren-
       den betrieblichen  und branchenmäßigen Umstrukturierungen gesehen
       hat, wird  auf betrieblicher Ebene produziert. 6) Computerisierte
       Line-balancing-Systeme  in   der  Automobilindustrie  sorgen  für
       schichttägliche Umverteilung des betrieblichen Arbeitspotentials.
       Je flexibler  und mobiler  der Arbeiter,  desto knapper  kann die
       Stammbelegschaft kalkuliert, desto mehr wiederum die Fixkostenbe-
       lastung reduziert  werden. Besondere Vorteile impliziert auch das
       vom "japanischen  Modell" aufgenommene Konzept der Arbeitsgruppe:
       neben der Verringerung von indirekten Produktions- und Qualitäts-
       sicherungsfunktionen bietet  es vor  allem die Chance, einen Teil
       der Kontrollfunktionen  des Managements  an die  Gruppe und deren
       soziale Kontrolle  und Zwang  gegenüber dem einzelnen zu delegie-
       ren. Damit verbunden sind zugleich sogenannte neue Formen der Be-
       teiligung (Qualitätszirkel,  Vorschlagswesen etc.),  die fortlau-
       fend Produktionswissen der Arbeiter fürs Kapital aneignen und zur
       Effektivierung der Produktion einsetzbar machen.
       Die quantitativ-zeitliche Seite der Flexibilisierung der Arbeits-
       organisation ist  einerseits mit  der Straffung  der  Stammbeleg-
       schaften angesprochen,  andererseits mit den verschiedenen Formen
       der Arbeitszeitflexibilisierung,  dritterseits  mit  der  tenden-
       ziellen Entkoppelung von Betriebs- und Arbeitszeit. 7)
       Ein neuer Typ betrieblicher Hegemonie deutet sich an im Zusammen-
       hang mit  dem zweiten  allgemeinen Charaktermerkmal von Computer-
       technologie,  außer   universeller   Rationalisierungstechnologie
       ebenso "universelle Kontrolltechnologie" (Briefs) zu sein. Stein-
       müller hat  das herrschaftstechnologische Potential der neuen In-
       formations- und  Kommunikationstechnologien wie  folgt  bestimmt:
       Dezentralisierung der  Kontrolle bis  an die Grenzen der Unsicht-
       barkeit bei  gleichzeitiger Zentralisierung  der  Verfügung;  auf
       diese Formel  läßt sich in der Tat der Vorgang bringen, der heute
       als Welle  von Informationssystemen  und  ihrer  fortschreitenden
       Vernetzung in  den Betrieben  festzustellen ist. Die anscheinende
       Harmlosigkeit der  Zweckbestimmung verschiedener  Informationssy-
       steme, nur dem Lauf der technischen Anlagen und Aggregate zu die-
       nen, wie  sie nicht  nur unternehmerseitig behauptet, sondern ar-
       beitsgerichtsnotorisch ist,  erweist sich  als Ideologie,  sofern
       die spezifische  Subjekt-Objekt-Verkehrung zwischen  Arbeiter und
       Produktionsmittel zur  Kenntnis genommen  wird: Der Arbeiter wird
       im spezifisch  kapitalistisch gestalteten  Produktionsprozeß  zum
       "Anhängsel des  Maschinensystems". Jeder schlichte Fahrtenschrei-
       ber, der  "nur" den  Maschinenlauf registriert, wird unter dieser
       Voraussetzung zum herrschaftstechnologisch zu nutzenden Kontroll-
       instrument bezüglich  Leistung und  Verhalten des Arbeiters - und
       nicht nur  an der Maschine, sondern auch in den indirekten Berei-
       chen. Betriebsdatenerfassungssysteme  erheben und  werten  stati-
       stisch aus  auch die Tätigkeit der Reparaturkolonnen bzw. die ih-
       rer Einsatzleitung.  Die durch  Maschinenlauf  operational  defi-
       nierte Arbeitsleistung  bildet auch  die Grundlage  für bestimmte
       personalwirtschaftliche Verwendungszwecke  für integrierte Perso-
       nalinformationssysteme: namentlich  für Profilabgleiche  zwischen
       Arbeitsplatzdaten und Personaldaten, in denen der verdinglichende
       Charakter kapitalistischer  Leitung des Produktionsprozesses sei-
       nen entwickeltsten Ausdruck findet.
       Aber ein  neuer Typ  betrieblicher Hegemonie  des Kapitals  liegt
       nicht nur im Technologischen begründet. Sozialtechnologie gewinnt
       vor dem  Hintergrund der  Japan-Euphorie der  letzten Dekade eine
       neue Gewichtung. Denn der Produktivitätsvorsprung der japanischen
       Industrie in  bestimmten Bereichen  hat weniger  mit  technischen
       Vorsprüngen als  mit sozialtechnologischen Vorteilen zu tun. Ent-
       gegen der  Legendenbildung um  das sogenannte  japanische Modell,
       die von einem humaneren und demokratischeren Managementtyp wissen
       will, weisen  Dohse/Jürgens/Malsch auf,  daß spezifische Bestand-
       teile dieses  Modells nichts weiter als die brutale Praktizierung
       des allgemeinen  tayloristisch/fordistischen Produktionstyps  der
       vorangegangenen Epoche  darstellen. Sozialtechnologie geht aller-
       dings insofern  in einer andersgearteten Dimension in das japani-
       sche Modell  ein, als das Management mit dem Gruppenarbeitsansatz
       ein Stück Kontrolle an die Gruppe delegiert, als deren Selbstkon-
       trolle praktiziert  und Herrschaft  somit sozialtechnologisch als
       Quasi-Selbstbestimmung  wendet.  Solche  sozialtechnologisch  be-
       wirkte Steigerung  der Arbeitsproduktivität  ist allerdings nicht
       voraussetzungslos. Sie  ist gebunden  an ein System industrieller
       Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, innerhalb dessen Gewerk-
       schaft als das fungiert, was hierzulande vormals mit dem Ausdruck
       "gelbe Gewerkschaften"  belegt war:  Betriebsgewerkschaften, die,
       vom Arbeitgeber  selbst gefördert,  als verlängerter  Arm  seiner
       Kontrolle und  als Teil  des Arbeitsmanagements dienten. In Japan
       wurde dieses "vorteilhafte" System mit der Zerschlagung der mili-
       tanten Nachkriegsgewerkschaften  in  den  fünfziger  Jahren  eta-
       bliert. Seine  besondere Konvergenz  mit den  Anforderungen eines
       auf neuen  Technologien basierenden  neuen Produktionstyps beruht
       auf einer  ursprünglich gewaltsam hergestellten Subalternität der
       Arbeiterklasse.
       
       4. Zwischen "Japanisierung" und Erneuerung
       ------------------------------------------
       der Gewerkschaftsbewegung
       -------------------------
       
       Die Voraussetzungen  des epochalen Gesellschaftsmodells der Nach-
       kriegszeit sind seit Mitte der siebziger Jahre in die Krise gera-
       ten. Seitdem  setzte teils  als naturwüchsiger  Anpassungsprozeß,
       teils als bewußte Gesellschaftsgestaltung aus politischer Konzep-
       tion ein  Neustrukturierungsprozeß kapitalistischer  Gesellschaft
       auf allen Ebenen ein. 8) Entscheidend für den Verlauf und die Er-
       gebnisse dieses Prozesses ist u.E. die Frage, wie die drei Säulen
       jenes in  die Krise  geratenen Gesellschaftsmodells transformiert
       werden: betrieblicher  Produktivitätspakt, Sozialpakt und Produk-
       tion von Massenloyalität. Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage
       ist die  Entwicklung der Gewerkschaften und ihrer Politik. 9) Of-
       fenkundig ist,  daß mittlerweile  das System industrieller Bezie-
       hungen aus  der Balance  geraten, die  Gegenmachtposition der Ge-
       werkschaften geschwächt ist. Dennoch glauben wir nicht, daß damit
       bereits eine endgültige machtstrukturelle Entscheidung fürs Kapi-
       tal gefallen ist.
       Auf betrieblicher Ebene  k a n n  das Kapital den quasidemokrati-
       schen partnerschaftlichen  Typus von Hegemonie relativ leicht ab-
       lösen. Die neuen Technologien ermöglichen in Zukunft eine völlige
       Transparenz von  Produktion und  Personal, "gläserne  Fabrik" und
       "gläserne Belegschaft",  und auf  dieser Grundlage eine durchgän-
       gige Kontrolle als Perfektionierung von Herrschaft. Zugleich wer-
       den Elemente  einer neuen  Produktions-  und  Arbeitsorganisation
       eingeführt, die  unter dem Stichwort "Japanisierung" bekannt sind
       und zumindest  für die  Einführungs- und  Etablierungsphase eines
       neuen Produktionstypus  mit neuen Arbeitsformen zugleich neue Be-
       teiligungsformen einschließen,  die wesentlich auf Enteignung des
       Produktionswissens der  Arbeiter und Minimierung von Reibungsver-
       lusten in  der Implementationsphase  abstellen, andererseits aber
       den Schein  von humaneren  und demokratischeren  Beziehungen zwi-
       schen Kapital  und Arbeit  erwecken. Dadurch  verbessert sich die
       Akzeptanz gegenüber  dem sich  etablierenden neuen Produktionsty-
       pus, Arbeitszufriedenheit  und -motivation steigen. 10) Real aber
       ist damit ein Funktionsverlust betrieblich-gewerkschaftlicher In-
       teressenvertretung  verbunden,  weil  die  Partizipationsstruktur
       nicht mehr  im Rahmen des Dualsystems von Kapital und Arbeit ver-
       ortet ist,  sondern unter Umgehung der Organe betrieblich-gewerk-
       schaftlicher Interessenvertretung  direkte partizipatorische  An-
       bindung  ans   Management  erlaubt.   Der  neue  Produktionstypus
       schließt eine  neue Struktur  des Gesamtarbeiters  ein. Das  gilt
       sowohl für die gruppenmäßige Gliederung von Massenarbeiter, Fach-
       arbeiter und  Angestellten als auch für die personalwirtschaftli-
       che Strategie der Aufspaltung in Stamm- und Randbelegschaft. Mehr
       noch aber  und als  neues, in  seinen Auswirkungen noch gar nicht
       richtig abzuschätzendes  Moment betrifft die Umstrukturierung des
       Gesamtarbeiters dessen  Flexibilität. Länge der Arbeitszeit, Lage
       der Arbeitszeit, Ort der Arbeit können flexibilisiert, einheitli-
       che kollektiwertraglich  geregelte Arbeitsverhältnisse individua-
       lisiert werden.  Das bedeutet  zugleich eine tiefgreifende Dekom-
       position des  Gesamtarbeiters, die  eine einheitliche Interessen-
       vertretung gegen  das Kapital unmöglich macht, kollektive Schutz-
       funktionen demontiert und in Richtung gruppenpluralistischer Ver-
       tretungsstrukturen weist, innerhalb derer das Kapital sein Macht-
       potential effizienter auszuspielen imstande ist. Mit anderen Wor-
       ten: Die  Herausbildung eines  neuen Typs betrieblicher Hegemonie
       des Kapitals basiert allseitig auf einem Funktionsverlust der Ge-
       werkschaften, soweit  Gegenmachtpositionen, kollektivvertragliche
       Schutzregelungen und kollektive Schutzpolitik angesprochen sind -
       die Ordnungsfunktion der Gewerkschaften hingegen ist nach wie vor
       gefragt. Ohne  Gegenmacht und  kollektive Schutzpolitik aber läßt
       das Wahrnehmen  der Ordnungsfunktion  Gewerkschaft zum in die Ar-
       beiterschaft hinein  verlängerten Arm  des Managements entarten -
       eben das "japanische Modell" von "gelben Gewerkschaften".
       Da die  Richtung der  Entwicklung des  neuen Produktionstyps ein-
       schließlich des  Typs betrieblicher  Hegemonie allgemein im Sinne
       der "Japanisierung"  zu interpretieren  ist, das  "japanische Mo-
       dell" also  den Prototyp  eines neuen  epochalen  Produktionstyps
       darstellt, der - in welchen Variationen und Anpassungskorrekturen
       auch immer  - vom  Kapital angesteuert wird, seien hier abschlie-
       ßend zwei  Stellungnahmen zum  "japanischen Modell" angesprochen,
       die nicht  nur die Gegensätzlichkeit der Sichtweisen, sondern die
       Unentschiedenheit des Verlaufs des Umstrukturierungsprozesses an-
       deuten. Dohse/Jürgens/Malsch  11) vertreten die Position, daß das
       sogenannte japanische  Modell gar  nicht  modellhaft  aufzufassen
       ist, nicht  transferierbar ist  als beliebig  anwendbare Methode.
       Zwar stellt  dieses japanische Modell nichts anderes dar als eine
       zugespitzt  konsequente   Entwicklung  des  allgemeinen  taylori-
       stisch/fordistischen Produktionstyps.  Aber seine Realisationsbe-
       dingung besteht  in einem  bestimmten System industrieller Bezie-
       hungen zwischen  Kapital und Arbeit und einem damit unterstellten
       Typ von  Gewerkschaft, der  in Japan  erst durch Zerschlagung der
       militanten Nachkriegsgewerkschaftsbewegung  in den fünfziger Jah-
       ren zustande  kam. Insofern halten Dohse/Jürgens/Malsch das japa-
       nische Modell  nicht für applizierbar auf westeuropäische und US-
       amerikanische Verhältnisse.
       Ichiro Saga  hat demgegenüber spezifische Berührungen des japani-
       schen Modells mit der westdeutschen Betriebsverfassung behauptet.
       12) Die  betriebliche Interessenvertretungspolitik  hat in  West-
       deutschland zwar  ihren Zusammenhang  mit einer betriebsübergrei-
       fenden, von  den Gewerkschaften mitgestalteten kollektiwertragli-
       chen Normierung  - sie  bleibt nichtsdestoweniger  im  Mitbestim-
       mungsrahmen auf  eine praktizierte  Scheinharmonie der Interessen
       von Kapital  und Arbeit  bezogen, die an die Funktionstüchtigkeit
       des Produktivitätspakts  und dessen  Interessenreduktionismus ge-
       bunden ist.  Wenn irgendwo in den westlichen Metropolen des Kapi-
       talismus, dann kann sich das japanische Modell in der Bundesrepu-
       blik durchsetzen.
       Wir betonen, daß es im heutigen Neustrukturierungsprozeß nicht um
       ein direktes  Zerschlagen der Gewerkschaften geht, sondern um de-
       ren Schwächung,  Neupositionierung und  Kontrolle: mit  dem Ziel,
       die Subalternität  der Arbeiterschaft bei gleichzeitiger Befesti-
       gung des Scheins von Harmonie durchzusetzen und strukturell fest-
       zusetzen. Funktionsverlust  der Gewerkschaften  zu  organisieren,
       wird dabei  nach zwei  Seiten hin  verfolgt. Auf  der Ebene poli-
       tischrechtlicher Interventionen  wird die  Tarifhoheit demontiert
       und ein  politischrechtlicher Zwang  zu sozialfriedlichen  Formen
       der  Tarifauseinandersetzungen   eingeführt  -   die  freiwillige
       Selbstbindung der  gewerkschaftlichen Interessenvertretung an das
       Gemeinwohl, wie sie dem Sozialpaktmodell entsprach, durch Zwangs-
       bindung ersetzt. Auf der Ebene der industriellen Beziehungen wird
       das Feld  der Tarifpolitik  durch Tabuisierung der entscheidenden
       gewerkschaftlichen Orientierungen  einer "qualitativen Tarifpoli-
       tik" blockiert, gleichzeitig aber das Feld betrieblicher Regelun-
       gen für betriebsspezifische Lösungen geöffnet. Dadurch wird über-
       betriebliche kollektive  Gestaltungskompetenz der  Gewerkschaften
       gekappt und  mit der  Rückdämmung der  Gewerkschaften auf die Be-
       triebsebene eine "Verbetriebsratung" der Gewerkschaftspolitik ge-
       fördert. Beide Seiten, den Funktionsverlust der Gewerkschaften zu
       organisieren, haben  ihr exemplarisches Zusammenspiel im Arbeits-
       kampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche erlebt.
       Die Entwicklungstendenz  in Richtung  eines "japanischen Modells"
       betrieblicher Hegemonie  ist aber nur  e i n e  Tendenz im Prozeß
       der Neustrukturierung.  Eine andere  Tendenz deutet  sich an. Der
       sich etablierende  neue Produktionstypus  weist  auch  qualitativ
       neue Störanfälligkeiten  auf, an  deren Ausnutzung sich eine neue
       Dimension von  Gegenmacht festmachen kann. Eine Produktionsstruk-
       tur, die sich als nationale oder transnationale Verbundproduktion
       auslegt, ist im höchsten Maße vom Funktionieren der Infrastruktur
       abhängig. An dieser Infrastrukturabhängigkeit (Verkehrsnetze, In-
       formationsnetze etc.)  kann eine  Gegenwehrorientierung mit neuen
       intelligenten Kampfformen  ansetzen, um  Blockademacht als Bedin-
       gung für  Gestaltungsmacht auszuspielen.  Ebenfalls hat  sich be-
       reits im  Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche gezeigt, wie ver-
       wundbar eine  im Sinne der Kapitalkostenminimierung für Lagerhal-
       tung ausgerichtete  Produktionspolitik der  Synchronisierung  von
       Zulieferbetrieben  und  Verarbeitern  (Kanban-System)  ist.  Eine
       Handvoll Zulieferbetriebe  bestreiken zeitigt  weitreichende Fol-
       gen. Dieses  Gegenmachtpotential auszuschöpfen, verlangt wiederum
       nach neuen  Kampfformen. Schließlich  ist auch  der  betriebliche
       Produktionsverbund als auf Basis von Computertechnik und Informa-
       tionssystem integriertes  System leicht  zu stören  von einzelnen
       Stationen her.  Die betriebliche  Kampfform  des  Guerillastreiks
       kann den neuen Produktionstypus noch effizienter treffen als bis-
       her.
       Sofern sich  Gewerkschaft auf  diese potentiellen Machtpositionen
       bezieht, kann sie der kapitulatorischen Tendenz entgehen, auf der
       abschüssigen Bahn  einer Konzeption  des hinhaltenden Widerstands
       zu  operieren,  der  schließlich  kein  Widerstand  ist,  sondern
       Selbstpreisgabe.
       Damit dieses Gegenmachtpotential aktualisiert wird, bedarf es ei-
       ner Erneuerung  der Gewerkschaft.  Solche Erneuerung meint aller-
       erst die  als   B e w e g u n g   sozialen Widerstandes - nur als
       Bewegung wird Gewerkschaft auch zweckmäßige Kampf- und Mobilisie-
       rungsformen entwickeln,  die die  Kluft zwischen Organisation und
       Arbeiterschaft zu  überwinden imstande  sind, die  sich  jenseits
       bloßer Loyalitätsbindung  als Selbstschwächung gewerkschaftlicher
       Organisation herausgestellt  hat. Bewegung  werden zu wollen, im-
       pliziert den Bruch mit der Ordnungsfunktion und die Bereitschaft,
       Blockade- als  Chaosmacht konsequent  zu entwickeln - nur so wird
       sich gewerkschaftliches  Bewußtsein  als  kämpferisches,  gewerk-
       schaftliche Organisation als Kampforganisation wiederbeleben las-
       sen. Als  Kampforganisation schließt  Erneuerung der Gewerkschaft
       auch eine  andere Organisationsstruktur ein: statt der hochgradig
       eindimensionalen Zentralisierung,  die in  einer  hierarchischen,
       lückenlos von oben nach unten kontrollierten Apparatestruktur fi-
       xiert ist,  eine möglichst  dichte Basiskoordination, direktdemo-
       kratische Entscheidungsstrukturen und von unten her kontrollierte
       Führung und  Apparat. Schließlich  bedarf eine Erneuerung der Ge-
       werkschaftsbewegung auch  der inhaltlichen Revision gewerkschaft-
       licher Politik  in allen Bereichen, einer Wiederaneignung von Po-
       litik sozialistischer Transformation und einer Wiederbelebung der
       Befreiungsperspektive eines realen Humanismus.
       Es ist  nicht zu  übersehen, daß  solche Erneuerung  der  Gewerk-
       schaftsbewegung sich  durch den  Widerstand gewichtiger Teile des
       Apparates, das Sperrfeuer der offiziösen Sozialdemokratie und die
       Kriminalisierungsstrategien des  Staates hindurchvollziehen muß -
       andererseits aber  wird eine  Bewegung des  sozialen Widerstands-
       kampfes sich mit anderen sozialen und politischen Bewegungen ver-
       binden können und zum Teil einer Radikalkur gegen die reaktionäre
       Formierung der  Gesellschaft sein.  Innerhalb einer  solchen Per-
       spektive sozialer  und demokratischer  Erneuerung kommt  dem  be-
       trieblichen Kampf  eine Schlüsselstellung  zu: Ohne ihn wird sich
       die reaktionäre  Formierung der  Gesellschaft von  der Ebene  be-
       trieblicher Hegemonie  her durchsetzen; durch ihn allein kann ein
       Gegenwehrprozeß in Gang kommen, der in Verbindung mit anderen so-
       zialen und  politischen Bewegungen gesellschaftliche Gestaltungs-
       macht erobert.  Die Betroffenheit  durchweg aller Teile des indu-
       striellen Gesamtarbeiters,  der Massenarbeiter,  Facharbeiter und
       Angestellten durch  die  Etablierung  des  neuen  Produktionstyps
       stellt einen Resonanzboden für eine erneuerte Politik der Gewerk-
       schaftsbewegung dar,  die der  traditionellen Spaltung  innerhalb
       des Gesamtarbeiters  entgegenwirkt. In  diesem Sinne des Betriebs
       als Kampffeld kann er Formationsbasis einer Klassenbewegung sein.
       
       _____
       1) Abgedruckt als Einleitung zu diesem Band (Red.).
       2) Wie tiefgreifend  die  Strukturprobleme  des  kapitalistischen
       Weltsystems sind, deutet sich mit der vielbeschworenen Gefahr ei-
       nes Zusammenbruchs des internationalen Finanzsystems im Zusammen-
       hang mit  der "Schuldenkrise"  der Dritten  Welt an.  Im gleichen
       Kontext steht das Scheitern der entwicklungspolitischen Strategie
       des Nachkriegsimperialismus  und der  Paradigmenwechsel der  Ent-
       wicklungspolitik.
       3) Weder die  zerstörerischen Wirkungen des Faschismus auf Arbei-
       terkultur, -ideologie  und -bewegung noch die gewaltsame Ausgren-
       zung der  Kommunisten in  Westdeutschland sollen  dabei vergessen
       sein; aber  auch ohne  sie hätte  sich u. E. die epochale Tendenz
       zur sozialdemokratischen Hegemonie in der Arbeiterklasse durchge-
       setzt,
       4) Entstehungs- und Durchsetzungsgeschichte des Fordismus reichen
       in die  Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bzw. in die Zwischenkriegs-
       zeit  zurück.  Die  Rationalisierungswelle  der  zwanziger  Jahre
       brachte auch  in Westeuropa und namentlich in Deutschland wissen-
       schaftliche Betriebsführung  und Großserienfertigung  mit Normie-
       rung und  Standardisierung und  nach den  Produktionsmethoden der
       Fließfertigung in  Gang. Letzteres  wird systematisch  unter  rü-
       stungswirtschaftlichen Motiven in Deutschland während des Zweiten
       Weltkrieges gefördert.  Darin ist nicht zuletzt ein Grund für den
       relativen Produktivitätsvorsprung  der westdeutschen Industrie in
       Westeuropa nach dem Krieg zu sehen.
       5) Diese Ansicht  vertreten in  Anlehnung an  Sohn-Rethels Unter-
       scheidung von  Produktions- und Marktökonomie z.B. Brandt/Kündig/
       Papadimitriou/Thomae, Computer und Arbeitsprozeß, Frankfurt 1978.
       Der  entsprechende   Interpretationsansatz  ist   im  Frankfurter
       Institut für  Sozialforschung verbreitet  und u.E.  so fragwürdig
       wie die Sohn-Rethelsche Ausgangsthese.
       6) Hinweise auf  diese  Flexibilisierung  der  Arbeitssysteme  im
       "japanischen Modell"  enthält der  Aufsatz  Dohse/Jürgens/Malsch,
       Vom "Fordismus" zum "Toyotismus"? Die Japan-Diskussion in der Au-
       tomobilindustrie, West-Berlin 1984.
       7) Gerade dies  wird in  der jüngsten  Tarifauseinandersetzung um
       die 35-Stunden-Woche  deutlich, insbesondere an bei verschiedenen
       Autoherstellern bereits  verhandelten Modellen  der Flexibilisie-
       rung, bei  denen sich trotz im Durchschnitt der Jahresarbeitszeit
       reduzierter individueller  Wochenarbeitszeit Vorteile für die Un-
       ternehmer aufgrund  von verlängerten  Betriebszeiten und  höheren
       Anlagennutzungsgraden ergeben. Für die Beschäftigten heißt das u.
       a. mehr  Schichtarbeit, Preisgabe  der Fünftagewoche und saisonal
       Zehnstundentag.
       8) Auf der  politischen Ebene  ist mit  der "konservativen Wende"
       diese Neustrukturierung z.B. in der Sozialpolitik, Kulturpolitik,
       Medienpolitik etc. unübersehbar geworden. Es deutet sich u.E. ein
       neuer Typus des Staatsinterventionismus an, der nur vordergründig
       als Reprivatisierung  staatlicher  Aufgaben,  wirklich  aber  als
       fortschreitende Verstaatlichung  bzw. staatliche  Funktionalisie-
       rung privater und gesellschaftlicher Aktivitäten zu fassen ist.
       9) Wir folgen  der Modeströmung  des Zeitgeistes nicht, die soge-
       nannten neuen sozialen Bewegungen zum Ersatzsubjekt gesellschaft-
       licher Transformation  zu stilisieren.  Dennoch sind die übrigens
       gar nicht neuen sozialen und politischen Motive dieser "neuen so-
       zialen Bewegungen"  in ihrer emanzipationstheoretischen Bedeutung
       außerordentlich wichtig  und müßten  bei einer  Neuformierung von
       Arbeiterbewegung mit  aufgenommen werden. Ansonsten bleibt es bei
       der alten Einsicht, daß nur diejenigen, die das Kapital produzie-
       ren, es auch abschaffen können.
       10) Entsprechende Erfahrungen  liegen  mittlerweile  mit  solchen
       neuen Beteiligungsformen  z.B. bei  Hoesch mit dem "Beteiligungs-
       modell Kaltwalzwerk" vor.
       11) Vgl. Dohse/Jürgens/Malsch, a.a.O.
       12) Vgl. Bünnig, Folgen der Roboterisierung in der Automobilindu-
       strie am Beispiel Nissan/Japan, in: Revier 6/83.
       

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