Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       WERFTBESETZUNG UND UMBRUCHPERIODE DER ARBEITERBEWEGUNG
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       Fritz Fiehler/Holger Geißelbrecht
       
       1. Schiffbaukrise, Massenarbeitslosigkeit und Privatisierung - 2.
       HDW Hamburg:  Umgruppierung einer Belegschaft und die Dynamik des
       offenen Betriebskampfes  - 3. Notwehr, "allein vorwärtstreibende"
       Kampfform oder Signal?
       
       Die  Krise   des  Kapitals  offenbart  das  Klassenschicksal  der
       "modernen Arbeiter,  die nur  so lange leben, als sie Arbeit fin-
       den, und  die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Ka-
       pital vermehrt".  1) In der gegenwärtigen Periode der Überakkumu-
       lation stehen  spekulierendes Kapital  und Massenarbeitslosigkeit
       einander gegenüber.  Aber es  geht nicht mehr allein um Krise und
       Folgen, sondern um Politik mit der Krise. Die ganze Abwälzung der
       Krisenfolgen auf  den Rücken  der Arbeiterklasse, die Parteinahme
       der Regierung für das Kapital und die Politik der Entsolidarisie-
       rung schälen  das politische  Ziel des Kapitals heraus: die Krise
       in die  Gewerkschaften hinein  zu verlängern.  "Man kann  ohne zu
       übertreiben oder zu dramatisieren feststellen, daß sich die deut-
       schen Gewerkschaften  - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auf die
       veränderte Lage noch nicht klar genug eingestellt haben. Sie sind
       in die Defensive geraten. In weiten Bereichen, auch in vielen Be-
       trieben, breitet  sich  Furcht  aus,  Lähmungserscheinungen  sind
       nicht zu übersehen." 2)
       Die Werftbesetzungen  in Hamburg  und Bremen  im Herbst 1983 sind
       als ein  Signal für  die Arbeiterbewegung gewertet worden. 3) Be-
       findet sich die Arbeiterklasse in einer Umbruchperiode? Da in den
       Werftbesetzungen Schwächen  und Stärken,  Fraktionierung und Ver-
       einheitlichung, Resignation  und Politisierung  miteinander  ver-
       quickt sind, läßt ihre Betrachtung Schlußfolgerungen für das Ver-
       ständnis der  gegenwärtigen Klassenkampfsituation  zu. Welche Be-
       dingungen haben  den Werftbesetzungen zugrunde gelegen? Inwiefern
       hat die Dynamik des offenen Betriebskampfes Veränderungen der Be-
       legschaften bewirkt? Warum erlitten die Belegschaften Niederlagen
       und wie  wurden diese  verarbeitet? Welche  Probleme stellen sich
       nach den  Besetzungen? Diese  Fragen sollen  hier in erster Linie
       anhand der HDW-Besetzung in Hamburg erörtert werden. 4)
       
       1. Schiffbaukrise, Massenarbeitslosigkeit und Privatisierung
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       Die kapitalistische Weltwirtschaftskrise 1981/82 hat zur erneuten
       Zuspitzung der  Werftenkrise, zur  industriellen Auszehrung Nord-
       deutschlands und  zur rigorosen  Durchsetzung der  sozialreaktio-
       nären Wirtschaftspolitik der Bundesregierung beigetragen.
       1. Der erneute  Einbruch im  krisengeschüttelten Schiffbau  macht
       die bisherige Anpassungspolitik der Werften ("Abschmelzen der Be-
       legschaften", Konzentration  auf  Spezial-  und  Marineschiffbau,
       Überwintern mit Reparatur-und Diversifikationsarbeiten etc.) hin-
       fällig. Kapitalvernichtung, Produktivkraftsteigerung und Verdrän-
       gungskonkurrenz beschleunigen  sich, ganze Werke und Werften ste-
       hen zur  Disposition. Diesen Krisenprozessen entspringen Entsoli-
       darisierungstendenzen, da das Nebeneinander von Überarbeit, Kurz-
       arbeit und Entlassungen die gewerkschaftliche Einheit untergräbt.
       5)
       2. In Wechselwirkung  mit dieser  Schiffbaukrise steht  die Krise
       der norddeutschen  Region. 6)  In Hamburg  nimmt die Zahl der Ar-
       beitslosen von  30 000   1981 auf annähernd  80 000 Ende 1983 zu.
       Wirtschaftspolitische Konzepte  des Senats (Ersatz niedergehender
       durch aufsteigende  Branchen -  Schiffbau/ Luftfahrzeugbau  - und
       beschäftigungspolitische Verpflichtungen öffentlicher Unternehmen
       - HEW/Fernwärmeerzeugung,  zweiter Arbeitsmarkt) scheitern an ih-
       rer Unzulänglichkeit  oder werden  von den  Krisenwirkungen über-
       holt. 7)
       3. Da die  HDW-Werft dem  Salzgitter-Konzern angehört, treten die
       Stahlkrise, die  sozialreaktionäre Wirtschaftspolitik und Länder-
       gegensätze (Kiel/  Hamburg) als  weitere Bedingungen  hinzu.  Die
       bisherige Funktion  der Staatsunternehmen,  Stütze für marktwirt-
       schaftlich gefährdete  oder nicht regulierbare Betriebe, Branchen
       und Regionen  zu sein,  verkehrt sich  in ihr Gegenteil: rigorose
       Geschäftspolitik, engere  Anbindung ans marktwirtschaftliche Kal-
       kül, Kapitalvernichtung  und/oder Privatisierung.  8)  Gerade  in
       Zeiten marktwirtschaftlicher Amputation von Staatsunternehmen ha-
       ben sich das Einverständnis von Gewerkschaften und Sozialdemokra-
       tie mit  der Ergänzungsfunktion und auch die Ressentiments gegen-
       über Verstaatlichungen  sowie der Mangel an programmatischen Vor-
       stellungen über  mögliche Gestaltungsfunktionen  in der Struktur-
       und Beschäftigungspolitik  als Nachteil  für die Kampfbedingungen
       erwiesen. 9)
       
       2. HDW Hamburg: Umgruppierung einer Belegschaft und die Dynamik
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       des offenen Betriebskampfes
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       Für die  Werftbesetzung hat die Aktionsleitung eine hervorragende
       Rolle gespielt.  Die  unterschiedlichen  Kräfte  der  Belegschaft
       konnten zu  einer  betrieblichen  Aktionseinheit  zusammengeführt
       werden. Die  Aktionsleitung erwies  sich als  fähig für ihre Auf-
       gabe, weil  sie alle  Kräfte integrieren  konnte und Autonomie im
       Kampf entwickelte. Die betriebliche Aktionseinheit machte die au-
       ßerbetriebliche möglich.  10) Was  führte die  Belegschaftskräfte
       zusammen, welche  Vorstellungen wurden  mit der Aktion verbunden,
       warum zerfiel  sie nach  der Niederlage, wer waren ihre Erben und
       wie veränderte sich die hegemoniale Struktur im Betrieb?
       
       2.1 Krise der Sozialpartnerschaft oder das Ende der "Ära Peters"
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       Die Geschichte  der Werftarbeiter zeichnet sich durch einen über-
       durchschnittlichen  Organisationsgrad,  traditionsreiche  gewerk-
       schaftliche Kämpfe  und die Entwicklung linker Kräfte aus. 11) In
       den sechziger und siebziger Jahren herrschte in der betrieblichen
       und gewerkschaftlichen  Interessenvertretung eine  sozialpartner-
       schaftliche Orientierung  vor, die  mit ihrem exponierten Vertre-
       ter, dem  langjährigen Betriebsratsvorsitzenden  Peters, als "Ära
       Peters" in  die Geschichte  eingegangen ist. Die "Ära Peters" un-
       terstellt sowohl  den Schiffbauboom  bis zur  Mitte der siebziger
       Jahre als  auch die ersten Anpassungsprozesse zu Beginn der Krise
       bei noch  vorhandenen betrieblichen  Verteilungsspielräumen sowie
       den Draht  nach Bonn.  Mit der  Subventionspolitik konnten einige
       Widersprüche verdeckt  werden. Die  sozialdemokratische Hegemonie
       über SPD-Betriebsgruppe,  Positionen in Gewerkschaft, Betriebsrat
       und Vertrauenskörper  ruhte damals  auf einem  breiten Konsens in
       der Belegschaft. Die ersten unternehmerischen Anpassungsmaßnahmen
       wurden seitens  Peters unter  Berufung auf  die "Mitverantwortung
       der Arbeitnehmer"  durch "Diplomatie",  "Interessenausgleich" und
       "soziale Abfederung" mitgetragen. 12)
       Die anhaltende Krise im Schiffbau macht immer neue Anpassungsmaß-
       nahmen notwendig.  Zustimmung zu Anpassungsmaßnahmen ergibt nicht
       die geringste  Perspektive.  Die  sozialpartnerschaftlich  orien-
       tierte Betriebs-  und Gewerkschaftspolitik führt zu einer Demora-
       lisierung  der   Belegschaft.  Fassungslos  stellt  Loderer  eine
       "Blockade gegenüber gewerkschaftlichen Vorschlägen" 13) fest. Die
       widersprüchliche Verarbeitung  wird in  Untersuchungen  deutlich,
       nach denen die Werftarbeiter die Arbeitsplätze ihres gesamten Be-
       triebes gefährdet  sehen und  zugleich für  sich individuelle Lö-
       sungsmöglichkeiten für  erreichbar halten.  Obwohl das  Ende  der
       Wachstumsära zur Kenntnis genommen wird, erscheint die Schiffbau-
       krise begrenzt  auf ein Branchenproblem. Die Bereitschaft zur An-
       passung erfolgt in der Hoffnung auf eine längerfristige Bestands-
       sicherung. Die  Krise wird  als wesentlich  ökonomisch verursacht
       betrachtet, vom  Staat die  Begrenzung der  Krisenfolgen erwartet
       und von  der Gewerkschaft  die Erhaltung des Reallohnniveaus ver-
       langt. 14)
       Die Orientierungskrise  in der Betriebs- und Gewerkschaftspolitik
       löst unterschiedliche  Reaktionen aus:  Tendenzen zu  Rückzug und
       Suche nach  individuellen Lösungen, Entfremdung gegenüber der Ge-
       werkschaft und  zunehmende Kritik an der selbstherrlichen Politik
       des Betriebsratsvorsitzenden.  Die sich herausbildende Opposition
       gegenüber offizieller Betriebsrats- und Gewerkschaftspolitik kon-
       zentriert sich  auf das Betriebsgeschehen und rekrutiert sich un-
       ter aktiven  Gewerkschaftlern, Sozialdemokraten  und Linkskräften
       unterschiedlicher Richtung.  15) Der  Streit um das Unternehmens-
       konzept '79  und den  "Programmlohn" sowie die administrative Art
       der Listenaufstellung  seitens der  IG Metall  führen zum offenen
       Konflikt, nämlich  zu einer  zweiten Liste "Aktive Metaller", die
       auf Anhieb  1981 die  Betriebsratsmehrheit gewinnt. Die IG Metall
       reagiert mit Funktionsverbot, Ausschluß etc. 16)
       
       2.2 Betrieblich-hegemoniale Krise, Polarisierung
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       und die Rolle der DKP-Werftbetriebsgruppe
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       Während sich 1981/82 erneut die Krise zyklisch zuspitzte, die Ge-
       werkschaften sich nur unzulänglich vom Niedergang der soziallibe-
       ralen Koalition  absetzen konnten  17) und  Hamburger Senat sowie
       die SPD  sich in  eine politische  Krise verstrickten,  boten der
       Aufschwung der  Kämpfe gegen  Sozialabbau,  Umweltzerstörung  und
       Aufrüstung, der  Dialog der  Linkskräfte sowie die einzelnen auf-
       flackernden Widerstände in den Betrieben Chancen, die Blockierung
       notwendiger gewerkschaftlicher  Abwehrkämpfe zu  überwinden.  Bei
       HDW wurden  Voraussetzungen geschaffen,  die Entfremdung  der Ge-
       werkschaftsmitglieder von  ihrer Organisation und Rückzugstenden-
       zen zu  stoppen, aber  auch die  Polarisierung gewerkschaftlicher
       Aktivisten in  "Aktive Metaller"  und IG  Metall in  der Bewegung
       aufzuheben. "Ausgehend von der gewerkschaftlichen Spaltung anläß-
       lich der  Betriebsrätewahlen 1981, standen die Mitglieder der DKP
       vor der Notwendigkeit, die auseinanderstrebenden Kräfte für Posi-
       tionen der  gewerkschaftlichen Einheit  zu gewinnen, den Vertrau-
       ensleutekörper zu stärken und Betriebsrat und Vertrauensleute für
       eine Zusammenarbeit zu gewinnen." 18) Diese Orientierung ging von
       der Unterscheidung  zweier wesentlicher Strukturen des betriebli-
       chen Kampfes aus, der des Betriebsrates und der der gewerkschaft-
       lichen Vertrauensleute.  Während der Betriebsrat an die jeweilige
       Stellung des  Unternehmens, an  die Bestimmungen des Betriebsver-
       fassungsgesetzes und  an die  unmittelbare Behauptung  der Beleg-
       schaftsinteressen und  -rechte gebunden  ist, stellt  der gewerk-
       schaftliche Vertrauenskörper durch seine Vermittlungsaufgabe zwi-
       schen Belegschaft  und Gewerkschaft  ein wesentliches  Instrument
       zur Entwicklung  von Klassenautonomie  dar. Während der Betriebs-
       ratsarbeit neben  dem Tarifrecht  die überragende  Rolle  in  der
       Schutzfunktion der  Gewerkschaften zukommt,  gewinnen die gewerk-
       schaftlichen Vertrauensleutekörper  in Zeiten  des Umbruchs,  der
       Krise und  der Klassenzusammenstöße vorrangige Bedeutung für Klä-
       rung und Verbreitung von Gestaltungskonzepten. Die Erneuerung der
       Vertrauensleutearbeit bei HDW verlangte damit sowohl die Verände-
       rung der  IG-Metall-Politik zur Werftenkrise wie eine Überwindung
       des in  der Betriebsratsarbeit  der "Aktiven Metaller" angelegten
       Betriebssyndikalismus.
       
       2.3 Die Entwicklung von Alternativen zum Unternehmenskonzept
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       Die Verwandtschaft  des Unternehmenskonzeptes  '83 der HDW AG mit
       dem Geist  der sozialreaktionären  Wende wurde  schon  durch  den
       Zeitpunkt seiner Bekanntgabe deutlich; es folgte Bundestagswahlen
       und der  Landtagswahl in Schleswig-Holstein auf dem Fuße. 19) Für
       die betriebliche  Situation bei  HDW Hamburg  zeichnete sich eine
       Verschärfung nach  zwei Seiten  hin ab, durch den Angriff seitens
       des Vorstands  auf alle  betrieblichen Leistungen  und Rechte und
       durch die  existentielle Bedrohung  der Arbeitsplätze  überhaupt.
       20) Die  Antwort der Belegschaft von HDW Hamburg: Warnstreik. 21)
       Die vom  Verband der deutschen Schiffbauindustrie und den Länder-
       regierungen der Küste Beschlossene Vernichtung von 9 000 Werftar-
       beitsplätzen zeigte  unmißverständlich, daß  betrieblicher  Kahl-
       schlag Folge  und Teil  einer allgemeinen  Strategie des Kapitals
       war. Ein  weiteres Verbleiben  des Kampfes  in den  betrieblichen
       Grenzen, die  Suche nach  Lösungen im  Rahmen der Branche und Be-
       schränkung auf alternative Projektpläne wären fatal gewesen.
       Das  von  fortschrittlichen  Kolleginnen  und  Kollegen  verfaßte
       "Manifest zur  Verteidigung der  Arbeitsplätze bei HDW" eröffnete
       die Perspektive:  "Wenn wir  unseren Kampf  als Teil einer großen
       Bewegung zur  Verteidigung von Arbeitsplätzen, die überall in der
       Bundesrepublik im  Entstehen ist, betrachten, dann können wir op-
       timistischer sein,  als es mancher Kollege im Augenblick ist. Un-
       ser Streik  war ein  Schritt hin zu dieser Bewegung, wie auch der
       Kampf der  Kollegen von Video Color in Ulm, von VFW in Speyer zu-
       sammen mit der ganzen Stadt, von VDM, Adler und Rockwell-Golde in
       Frankfurt und  der Kollegen von Heckel im Saarland, die ihren Be-
       trieb besetzten." 22) Die Bildung von HDW-Solidaritätsinitiativen
       in  Altona   und  Wilhelmsburg,  die  Entstehung  einer  HDW/MAN-
       Fraueninitiative, die  Werftenkonferenz in Bremen von Werftarbei-
       tern, Gewerkschaftern  und progressiven  Wissenschaftlern und der
       auf wachsenden  Druck  hin  von  IG  Metall  und  SPD  initiierte
       "Bürgerprotest für  die Rettung  der Werften",  an dem sich knapp
       13 000 Hamburger/innen  beteiligten, verschafften der Belegschaft
       Selbstbewußtsein und  außerbetriebliche Verankerung.  Mitte  Juni
       1983 stellt  die IG  Metall Hamburg eine Alternative zur Vernich-
       tung von  HDW Hamburg und zum Ende des Schiffbaus in Hamburg vor:
       Öffentliche Aufträge  für HDW  Hamburg, eine  noch  zu  gründende
       "Gesellschaft für Umwelttechnik" auf dem MAN/HDW-Gelände, Weiter-
       bildung von Beschäftigten und die Beteiligung von Hamburg am HDW-
       Kapital. 23)
       
       2.4 Im Streik gelten andere Gesetze
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       Die Zuspitzung  der rechtlichen Auseinandersetzung um die Massen-
       entlassung, das  Zusammenrücken der  verschiedenen  Belegschafts-
       kräfte, die  enge Zusammenarbeit  linker Gewerkschafter auch über
       HDW hinaus,  das Wirksamwerden  kämpferischer Tendenzen im IG-Me-
       tall-Vertrauenskörper   und   der   Hungerstreik   der   HDW/MAN-
       Fraueninitiative führten  zur Entscheidung für die Betriebsbeset-
       zung. Bezeichnenderweise  stellt die  auslösende Aktion, der Hun-
       gerstreik der HDW/MAN-Fraueninitiative, den Zusammenhang zwischen
       der betrieblichen Arbeitsplatzvernichtung und der gesellschaftli-
       chen Massenarbeitslosigkeit her und macht durch seine Protestform
       die soziale  Ungerechtigkeit, die soziale und psychische Verelen-
       dung bei  Arbeitslosigkeit eindringlich.  Mit ihrer  Entscheidung
       zur Betriebsbesetzung ging die Belegschaft weit über den bisheri-
       gen Aktionsrahmen  hinaus: Es war die erste Besetzung eines Groß-
       betriebes. 24) Neun Tage hat die Belegschaft der HDW im September
       1983 dem  Kapital die Verfügungsgewalt über seine Produktionsmit-
       tel entzogen.
       Ein Arbeitskampf hat seine eigenen Regeln. Das gilt vor allem für
       eine nach  geltender Rechtsprechung "illegale" Betriebsbesetzung.
       Die gesetzliche  Interessenvertretung (Betriebsrat) muß zugunsten
       der neuen,  autonomen Kampfstruktur und von deren Organen zurück-
       treten. Schon  vor Beginn  der Besetzung hatte sich eine Aktions-
       leitung gebildet,  in der alle wichtigen Gruppierungen der Beleg-
       schaft vertreten waren. Nur die beiden Streiksprecher (Mitglieder
       der IG-Metall-Vertrauenskörperleitung)  waren gewählt, um die an-
       deren Kollegen  der Aktionsleitung  vor möglichen Repressalien zu
       schützen. Es gab Verantwortlichkeiten für Torbewachung, Finanzen,
       Verpflegung, Kultur  und andere Bereiche. Täglich wurden drei Be-
       legschaftsversammlungen abgehalten,  auf denen  die Aktionsorien-
       tierung gegeben wurde. 25) Eine inhaltliche Diskussion kam aller-
       dings zu kurz. Problematisch war auch die parallele Verhandlungs-
       politik des  Betriebsrats, der  sich zugunsten der Aktionsleitung
       auf seine  rechtlichen Aufgaben  hätte  beschränken  müssen.  Das
       "duale System"  konnte in der Aktion nicht völlig zugunsten einer
       einheitlichen Interessenvertretung überwunden werden.
       
       2.5 Abbruch der Besetzung und Rückkehr
       --------------------------------------
       in den betrieblichen Alltag
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       Als die  Front des  Gegners keinen  Millimeter ins Wanken geriet,
       vielmehr Druck  und Drohungen  zunahmen, wurden innerhalb der Be-
       legschaft Probleme  offenbar, die den unterschiedlichen Erwartun-
       gen, 26)  aber auch  einer unterschiedlichen objektiven Situation
       (Ausländer, Kollegen  in weniger betroffenen Bereichen usw.) ent-
       sprangen. Erst  im Verlaufe  der Besetzung  haben die Kolleginnen
       und Kollegen  Unternehmerschaft und  Staat als  ihre Gegner sowie
       deren Konzept der Wende klarer erkannt. "Unser Gegner war stärker
       als zunächst  gedacht. Vielen  war schnell  klar, daß  Ahlers und
       sein Vorstand  nur Handlanger  sind. Aber die Bundesregierung ist
       ja nicht  nur Eigentümer der HDW und des Salzgitter-Konzerns. Sie
       ist auch  Interessenvertreter der  anderen Werft-  und  Stahlkon-
       zerne, der Banken und Versicherungen, überhaupt der ganzen Unter-
       nehmerschaft ...  Aber nicht  nur  gegen  diesen  Interessenblock
       mußte die  HDW-Belegschaft antreten,  um die Arbeitsplätze zu er-
       halten. Fast automatisch mußte sie den Kampf gegen das politische
       Konzept der  'Wende' richten: Ein Konzept zur Abwälzung der kapi-
       talistischen Krise  auf die Bevölkerung, zum Abbau aller demokra-
       tischen Errungenschaften,  aller sozialen  Leistungen  sowie  der
       Löhne und Gehälter." 27) Die HDW-Belegschaft ist mit ihrer Beset-
       zung über sich selbst hinausgewachsen. "Du glaubst gar nicht, wie
       schnell die  Kollegen lernen, ihre Besetzung selbst zu organisie-
       ren. Da  mußte niemand mühsam bei der Stange gehalten werden. Die
       waren einfach  motiviert. Und  da konntest du nur staunen, welche
       Fähigkeiten und  Entschlossenheit der  einzelne entwickelt."  28)
       Die Kritik  an der Sozialpartnerschaft und das Zusammenrücken der
       betrieblichen und  gewerkschaftlichen  Funktionäre  werden  immer
       wieder hervorgehoben.  "Jahrelang haben wir mit dem Vorstand ver-
       handelt und  Gespräche geführt.  Wir waren vor der Fusion der Ho-
       waldtswerke mit  der Deutschen  Werft 22 500.  Heute sind wir nur
       noch 4000 und bald keiner mehr. Mit Verhandlungen und Sozialpart-
       nerschaft kommen  wir nicht mehr weiter. Heute sind wir durch den
       Kampf Freunde  geworden." 29)  Für längere  Klärungs- und Verein-
       heitlichungsprozesse wird  der Belegschaft  keine Zeit  gelassen.
       Unverzüglich läßt  der Vorstand den betroffenen Kollegen die Ent-
       lassungsschreiben zuleiten,  verbunden mit dem Vorschlag, bis zum
       Kündigungsdatum zu Hause zu bleiben. "Diese Offensive wurde gegen
       eine Belegschaft  gerichtet,  deren  Kampfbedingungen  sich  ver-
       schlechtert hatten. In der Belegschaft gab es jetzt zwei Interes-
       senlinien. Einerseits  die der  Gekündigten  nach  einem  'akzep-
       tablen' Sozialplan.  Andererseits  die  der  'Verbliebenen'  nach
       akzeptablen Arbeitsbedingungen." 30)
       Während der  Kampf für  einen Sozialplan  mit einem 20prozentigen
       Abstrich abgeschlossen  wurde, erreichte der Vorstand bei der Ar-
       beitszeitregelung nicht  nur die  Aufhebung  des  Überstundenboy-
       kotts, sondern  auch die  Flexibilisierung der Arbeitszeit. "Ins-
       besondere bei  der Zustimmung zu Verhandlungen über die 'flexible
       Arbeitszeit' stellte  der Betriebsrat  kurzfristige  betriebliche
       Erwägungen über  gewerkschaftspolitische -  über den  Tag hinaus-
       gehende -  Erwägungen. Denn zweifellos wird mit dieser 'flexiblen
       Arbeitszeit' nicht  die  Kampfposition  der  IG  Metall  für  die
       Auseinandersetzung um  die 35-Stunden-Woche  gestärkt.  Dies  un-
       terstreicht noch  einmal hautnah die Notwendigkeit einer einheit-
       lichen, an  die Gewerkschaft  gebundenen Interessenvertretung  in
       den Betrieben."  31) Der  betriebliche Alltag  zerriß die Einheit
       der Aktionsleitung,  ließ die  Gegensätze unter den Belegschafts-
       kräften wieder  hervortreten und die betriebliche Tagespolitik an
       die erste  Stelle rücken. Dennoch gelang der Einstieg in eine Er-
       neuerung der  gewerkschaftlichen Vertrauensleutearbeit.  Die Ver-
       trauensleutesitzungen wurden  vorübergehend geöffnet, Verhandlun-
       gen  um   die  Wiederaufnahme  der  ausgeschlossenen  RGOler  und
       "Aktiven Metaller"  begannen,  und  die  IG  Metall  machte  sich
       Schritt um  Schritt das  "Signal von  HDW" zu  eigen. Für die Be-
       triebsratswahlen 1984  konnte eine  gemeinsame  gewerkschaftliche
       Liste aufgestellt  werden, der  auch ein  gemeinschaftliches Pro-
       gramm der IG-Metall-Kandidaten zugrundelag. Mit den Stimmerfolgen
       für den  bisherigen Betriebsratsvorsitzenden  H. Mahler  und  den
       Vorsitzenden der Vertrauenskörperleitung, O. Kock, hat die Beleg-
       schaft gute Ausgangsbedingungen für eine einheitliche Interessen-
       vertretung geschaffen,  die allerdings  in Zeiten  der  relativen
       "Ruhe" ständig  wieder gefährdet  ist. Trotz der materiellen Nie-
       derlage der  Werftbesetzung und  der Schwächung  der  Belegschaft
       durch die  Entlassungen und den Aderlaß an gewerkschaftlichen Ak-
       tivisten kann nicht von vorherrschenden resignativen Tendenzen in
       der Restbelegschaft gesprochen werden. Die Rekonstruktion gewerk-
       schaftlicher Kampfkraft  schöpft trotz  aller  Rückschläge  immer
       wieder aus  den positiven Erfahrungen des Kampfes und dem Bewußt-
       sein, die  Massenentlassungen nicht widerstandslos hingenommen zu
       haben.  Ähnliche   Tendenzen  sind  auch  in  der  HDW-Arbeitslo-
       seninitiative (als  ein Ergebnis  des Kampfes) festzustellen. 32)
       Der eigentlich  erwartete resignative Umschlag ist offensichtlich
       wegen der  Verarbeitungsmöglichkeiten innerhalb  der  Belegschaft
       durch politische  Parteien, Gruppen,  Betriebszeitungen und damit
       wegen der offenen Auseinandersetzung in der betrieblichen und re-
       gionalen Öffentlichkeit nicht eingetreten.
       
       3. Notwehr, "allein vorwärtstreibende" Kampf form oder Signal?
       --------------------------------------------------------------
       
       Die offiziellen  IG-Metall-Organe (Vorstand,  Bezirksleitung  und
       Verwaltungsstelle) haben die Vorbereitung zur Besetzung nicht be-
       trieben, erst  zwei Tage  nach der  Besetzung erschien  das erste
       Flugblatt über den "Notwehrakt" der HDW-Belegschaft; eine Solida-
       ritätserklärung vom Vorstand aus Frankfurt blieb aus, und der So-
       lidaritätsstreik auf  allen Werften  war kurz  und unvollständig.
       Dennoch: "Die  IG Metall  auf der  HDW - das sind die Mitglieder,
       Vertrauenskörper und  Leitung -  hat in diesen Tagen einen Sprung
       nach vorn in der Verteidigung der Arbeitsplätze gemacht. So waren
       die Vertrauensleute  das Rückgrat  der Besetzung.  Die IG-Metall-
       Ortsverwaltung hat uns solidarisch unterstützt, und das nicht nur
       durch den öffentlichen Aufruf zur Demonstration als Auftakt, son-
       dern auch  durch klare  Parteinahme für die Besetzung sowie durch
       stetige persönliche  Beratung der IG-Metall-Sekretäre und materi-
       elle Hilfe  jeder Art  bis zuletzt...  Aber wieweit ist in der IG
       Metall schon  verstanden worden,  daß die Antwort auf das Konzept
       der 'Wende'  ein klares gewerkschaftliches Gegenkonzept sein muß,
       das  auf  breiten  und  überregionalen  Widerstand  der  Arbeiter
       setzt?" 33) Insbesondere im Zuge der Vorbereitungen für den Kampf
       um Arbeitszeitverkürzung  nimmt sich  die IG  Metall des "Signals
       von HDW"  an. Der 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Hamburg, J.
       Müllner, erklärt auf dem Gewerkschaftstag 1983 der IG Metall: "Es
       wäre für  uns als  Organisation fatal,  diese Aktion als Episode,
       als Ausrutscher  abzutun. Sie  war in der Tat ein Signal, das uns
       nicht nur  auffordert nachzudenken, sondern das uns verpflichtet,
       eine Weiterentwicklung  vorheriger Kämpfe mit in Betracht zu zie-
       hen. Hier wurde die Wirksamkeit gewerkschaftspolitischen Handelns
       in der  Krise neu problematisiert. Die Dimension der immer bruta-
       leren Kahlschlagsaktionen,  die wir  ja landauf,  landab erleben,
       ist es, die uns zu diesem Überdenken bundesweit zwingen muß." 34)
       Zu Beginn  des Jahres  1984 legt  die IG Metall eine Bestandsauf-
       nahme und  Vorschläge für  ein Beschäftigungsprogramm  Küste  35)
       vor, die  sich als  Konkretisierung des "50-Mrd.-DM-Programms zur
       Schaffung von Arbeitsplätzen und Verbesserung der Lebensqualität"
       des DGB verstehen. Die Überlegungen gehen von einer unmittelbaren
       Bedrohung von  30 000 Arbeitsplätzen  allein im  Metallbereich an
       der Küste  aus, kritisieren  die "aus  heutiger Sicht fehlerhafte
       Gestaltung" bisheriger Programme und verweisen auf die Folgen bei
       der Schließung  von Schiffbaubetrieben,  die als Träger möglicher
       Innovationen für  die Region  genutzt werden könnten. Während für
       die Seite  der öffentlichen  Nachfrage auf  den Gebieten Energie,
       Umweltschutz, Städtebau,  Verkehr und  Bildung ein  überzeugendes
       Programm vorgestellt  wird, bleiben die Überlegungen zur Entwick-
       lung der  regionalen Produktionskapazität  ohne Rahmenplanung und
       Vergesellschaftung unzulänglich.
       Die GAL in der Hamburger Bürgerschaft und die Grünen im Bundestag
       nehmen sich der Forderungen der kämpfenden Werftbelegschaften an.
       Allerdings wird  dies weithin  als "parlamentarische  Kopfgeburt"
       empfunden, da  es an  zusammenhängender Begründung  mangelt.  "Zu
       diesen übergreifenden  Zusammenhängen, die eigentlich ein Konzept
       regionaler und sektoraler Strukturpolitik erfordern würden, haben
       wir uns  keine Gedanken  gemacht." 36)  Ausgetüftelte  kommunali-
       sierte Alternativprojekte  werden nachgeschoben.  37)  Mit  ihrer
       Überzeugung, die Werftenkrise sei endgültig, mit der Entgegenset-
       zung von Schiffbau und "sinnvoller Produktion", mit den überzoge-
       nen Erwartungen gegenüber Alternativproduktion und Dezentralisie-
       rung sowie  mit der  Ablehnung von Verstaatlichung und Rahmenpla-
       nung blenden die Grünen alle gesellschaftspolitischen Bedingungen
       und Konsequenzen aus ihren Überlegungen aus. 38)
       Die DKP maß der Besetzung die Bedeutung einer Machtprobe zwischen
       einer Belegschaft und den zur sozialreaktionären Wende entschlos-
       senen Unternehmern  nebst Bundesregierung bei. Für die Umbruchpe-
       riode von  Belegschaft und  Arbeiterbewegung war Orientierung der
       Kommunisten/innen, "daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstu-
       fen, welche der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat durch-
       läuft, stets  das Interesse der Gesamtbewegung vertreten." 39) Im
       Werftenprogramm der  DKP wird sowohl die Forderung nach Verstaat-
       lichung der  Werften erhoben  als auch  unterhalb dieser Schwelle
       ein Programm  für den Erhalt der Arbeitsplätze, für Umstrukturie-
       rung der  Produktion und Arbeitszeitverkürzung vorgeschlagen. 40)
       Die Entgegensetzung  von Verstaatlichung und alternativer Produk-
       tionspolitik ist  im Verständnis  der Marxisten  überwunden. "Das
       Staatseigentum an  den Produktivkräften  ist nicht die Lösung des
       Konflikts, aber  es birgt  in sich das formelle Mittel, die Hand-
       habe der Lösung." 41)
       Die Politik  der Hamburger  Sozialdemokratie und  des Senats  war
       zunächst bestimmt durch die Überzeugung, den Rückgang des Schiff-
       baus durch den Aufbau der Raum- und Luftfahrzeugindustrie auffan-
       gen zu können. Diese Politik ist spätestens mit der Krise 1981/82
       gescheitert. Im  Glauben an die gegenwärtige konjunkturelle Bele-
       bung ist  der erneute  Versuch  unternommen  worden,  sowohl  den
       "Standort  Hamburg"  mittels  einer  Wirtschaftsförderungsgesell-
       schaft zu  verteidigen als auch Handlungsspielraum durch eine er-
       neute Haushaltssanierung  zu gewinnen. Was heißt das für HDW Ham-
       burg? In einer Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft geht der
       Senat von  einem weiteren  Rückgang des  Schiffbaus aus  und ver-
       pflichtet sich  zur Schaffung  von Ersatzarbeitsplätzen.  Während
       eine Minderheitsbeteiligung am Widerstand Schleswig-Holsteins ge-
       scheitert sei,  würde eine  Mehrheitsbeteiligung die  Finanzkraft
       des Senats  überfordern. "Den  Gesetzen des Marktes und dem Zwang
       zu einer  dauerhaft rentablen  Produktion könnte  sich  auch  die
       Stadt Hamburg  als Unternehmer  nicht entziehen." 42) Ebenso wird
       die geforderte "Gesellschaft für Umwelttechnik" abgelehnt, da ein
       "Konkurrenzvorsprung anderer Unternehmen", fehlendes Know-how und
       die durch schwerindustrielle Fertigung geprägten "technischen und
       handwerklichen  Fähigkeiten  der  Werftarbeiter"  dies  unmöglich
       machten. Da eine gezielte Auftragsvergabe die Pflicht zur Gleich-
       behandlung anderer Unternehmen verletze, bleibt nur noch der Auf-
       trag für eine Studie über den Bau von Energiestationen. 43)
       Die Werftarbeiterschaft ist mit dem Großkapital und der Bundesre-
       gierung zusammengestoßen. Die Werftbesetzungen richteten sich ge-
       gen den  Strudel  von  Produktionseinschränkungen  und  sinkender
       Nachfrage und  verlangten das gesellschaftliche "bewußte Eingrei-
       fen"  44)  gegen  den  freien  Lauf  der  Marktgesetze.  Für  ein
       "bewußtes Eingreifen", dem die Anerkennung der gesellschaftlichen
       Natur der  Produktivkräfte zugrunde  liegt, mangelt  es an  wirt-
       schaftspolitischer Programmatik, gewerkschaftspolitischer Autono-
       mie und  politisch-kultureller Hegemonie der Kräfte der Arbeiter-
       bewegung. 45) Der Umbruch der Arbeiterbewegung vollzieht sich da-
       her widersprüchlich und mühevoll.
       Betriebsbesetzungen haben  gegen Ende  der sechziger  und in  den
       siebziger Jahren  in Italien,  Großbritannien und  Frankreich für
       Gewerkschaften und  Arbeiterparteien den  Beginn von Umbruchperi-
       oden markiert,  46) die wirtschaftspolitische  Probleme wie  auch
       Spannungen in  der arbeitenden  Klasse reflektierten. In der Bun-
       desrepublik traten  sie erstmals  im Zusammenhang  mit der  Krise
       1974/75 auf,  um dann  1981/82 zu größerer Bedeutung zu gelangen.
       47) Wirkten diese Betriebsbesetzungen zunächst als Sonderentwick-
       lung neben  der Gewerkschaft,  so erhielten  die Werftbesetzungen
       1983 gewerkschaftspolitische  Bedeutung. 48)  Betriebsbesetzungen
       unterstellen einen  wesentlichen Wechsel im wirtschaftlichen Ent-
       wicklungsgang, Aufkündigung  bisheriger Auseinandersetzungsformen
       zwischen Lohnarbeit  und Kapital,  Einbrüche bei  den errichteten
       gewerkschaftlichen Schutzwällen, Bewußtseinsprozesse und Mentali-
       tätswechsel in  der Arbeiterschaft,  ungleiche Entwicklungen  von
       Belegschaften, Verunsicherung von Stammbelegschaften, Spannungen,
       Brüche und  Fraktionierungen innerhalb  der Abteilungen  und  ein
       Überdenken gewerkschaftlicher  Positionen, ihrer  Schutz- und Ge-
       staltungsfunktion. 49)  Bei Besetzungen kann in wenigen Tagen ein
       Lernprozeß festgestellt  werden, der  sonst in  ungleich längeren
       Zeiträumen sich  vollzogen hätte; doch wären das Aufrichten eines
       alleinigen Maßstabs "Besetzung" oder gar eine "Politik der Beset-
       zung" für  die Arbeiterbewegung falsch, da solche Aktionen allein
       angesichts der  gegenwärtig ungleichen Entwicklung nur Gegensätze
       verschärfen würden.  Wohl aber  können Belegschaften  sich  gegen
       Massenentlassungen und  Betriebsstillegungen erfolgreich  mit Be-
       setzungen zur  Wehr setzen,  wenn sie  Gewerkschaften hinter sich
       wissen, die  sowohl ökonomische  als auch  politische  Gegenmacht
       bilden wollen.  "Autonome Gewerkschaftspolitik  wird stets danach
       zu beurteilen  sein, inwieweit  sie nicht  nur  Forderungen  auf-
       stellt, sondern  auch Strategien  zu ihrer Durchsetzung praktisch
       zu entwickeln vermag. Die eigene Kraftentwicklung in den ökonomi-
       schen und  gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen wird da-
       mit zu einem wesentlichen Faktor der Entwicklung des Bewußtseins,
       der Kampfbereitschaft und -fähigkeit der Lohnabhängigen." 50)
       Zu Beginn  des Jahres  1984 hält  die Talfahrt der Schiffbauindu-
       strie an,  haben die Großwerften 75 Prozent ihrer Kapazitäten von
       1975 vernichtet und ist für 19 437 von 49 000 Beschäftigten Kurz-
       arbeit angemeldet. Der weitgehende Vollzug der geplanten Vernich-
       tung von  9000 Arbeitsplätzen  bedeutet über die ökonomische Wir-
       kung hinaus  Demoralisierung, Aderlaß an gewerkschaftspolitischen
       Kräften und Druck auf die verbliebenen Belegschaften. Die gewerk-
       schaftliche Politik  läuft auf  Betriebsebene Gefahr, zermürbt zu
       werden. Die  erwiesene Bedeutung  der Vertrauensleutearbeit macht
       nicht nur  die Notwendigkeit betriebs- und branchenübergreifender
       Gegenkonzepte deutlich,  sondern trägt  auch  der  gleichzeitigen
       Verschärfung der Klassenauseinandersetzungen um Arbeit und Sozia-
       les Rechnung.
       
       _____
       1) K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4,
       S. 468.
       2) L. Mahlein, Gewerkschaften heute, Frankfurt/M. 1983, S. 6.
       3) Eine ausführliche politische Bewertung der Lehren der Werftbe-
       setzung hat  in der  UZ -  Zeitung der DKP stattgefunden. Vgl. H.
       Geißelbrecht, Neun  Tage waren wir die "Herren" auf der Werft, UZ
       13.12.83;  H.   Jahn/H.D.  Riechers,   Aufrecht  durchs  Tor,  UZ
       20.12.83; W.  Gehrcke,  Die  Stadt  kämpft  um  die  Werften,  UZ
       28.12.83; H.  Hoffmann, Rolle  der Kommunisten  bei der Besetzung
       der Werft,  UZ 6.1.84;  H. Giersiepen/K. Pickshaus, So lautet die
       Lehre Nr. 1: Nur wer kämpft, kann gewinnen, UZ 13.1.84.
       4) Siehe dazu auch: L. Bading, Klassenstruktur und politische Be-
       wegung. Beispiel  Hamburg: Gewerkschaftliche und neue soziale Be-
       wegungen. Soziale Bewegungen Heft 15, Frankfurt 1984.
       5) Vgl. die  Schilderung der  Betriebsräte Reinken und Sörgel bei
       Klöckner über  das Gegeneinander  der Belegschaften im Streit der
       "feindlichen Brüder"  um Stahlquoten  und über den Lernprozeß für
       eine  betriebliche   Gewerkschaftspolitik,  die   sich  aus   der
       "Umklammerung" mit  dem "eigenen"  Unternehmer löst und betriebs-
       übergreifend werden  muß. Sörgel/Reinken, Alle in einem Boot, in:
       Gruber/Sörgel (Hg.), Stahl ohne Zukunft, Hamburg 1984, S. 108 ff.
       6) Vgl. zur  Schiffbaukrise als Teil der Überakkumulationsperiode
       Memorandum 83, Qualitatives Wachstum, Arbeitszeitverkürzung, Ver-
       gesellschaftung -  Alternativen zu Unternehmerstaat und Krisenpo-
       litik, Köln 1983, S. 210 ff; Heseler/Kröger (Hg.), Stell Dir vor,
       die Werften  gehören uns, Hamburg 1983, S. 21 ff; J. Koch, Zu ei-
       nigen Problemen der internationalen Strukturkrise im kapitalisti-
       schen Schiffbau, in: Wirtschaftswissenschaft 3/1984, S. 407ff; L.
       Hajen, Krise  des Schiffbaus,  in: Hamburg Studien, Opladen 1983,
       S. 132  ff. Gemäß einer Untersuchung der IG Metall wird allein in
       der Metallindustrie an der Küste eine Arbeitsplatzvernichtung von
       30000 erwartet. Vgl. GEWOS, Bestandsaufnahmen zum Beschäftigungs-
       programm Küste, Hamburg 1984.
       7) Vgl. F.  Fiehler, Arbeitsplatz  Hamburg, in: Marxistische Stu-
       dien. Jahrbuch  des IMSF 4, Frankfurt/M. 1981, S. 276; L. Bading,
       Beispiel Hamburg,  in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5,
       Frankfurt/M. 1982, S. 107 ff.
       8) Die Politik  der Privatisierung  darf dabei  nicht als Rückzug
       des Staats verstanden werden. Vgl. IMSF, Der Staat im staatsmono-
       polistischen Kapitalismus der Bundesrepublik, IMSF-Beiträge 6/II,
       Frankfurt/M. 1982, S. 205 ff.
       9) Über die  Gestaltungsmöglichkeiten  öffentlicher  Unternehmen:
       "Die Verstaatlichung  der Werften  bringt neue  Möglichkeiten der
       Übereinstimmung von direkter Werftenpolitik und einer Ausrichtung
       der staatlichen  Haushaltspolitik an diesen Zielen. Der Staat als
       Auftrag- und  Kreditgeber sowie als Besitzer der Produktionsstät-
       ten könnte direkter und konkreter planen und eher gesellschaftli-
       che Notwendigkeiten  über privatkapitalistische Profiterwartungen
       stellen." Werftprogramm der DKP, Entwurf, Düsseldorf 1983, S. 23.
       10) Vgl. W.  Gehrcke, Die Stadt kämpft um die Werften, UZ 28. 12.
       1983.
       11) Vgl. H. Hoffmann, Rolle der Kommunisten bei der Besetzung der
       Werft, UZ 6.1.1984.
       12) Für die AG Weser charakterisiert ihr Betriebsratsvorsitzender
       H. Ziegenfuß  diese Periode folgendermaßen: "Die AG Weser schwamm
       in Geld, entsprechend konnte der Betriebsrat ohne große Auseinan-
       dersetzungen Erfolge  vorweisen. Es  ist das Grundprinzip sozial-
       partnerschaftlichen Umgehens  miteinander, daß man in Verhandlun-
       gen immer  etwas herausholt.  Zwar bekommt man letztlich weniger,
       als man  mit Kampfmaßnahmen  durchsetzen kann, doch man erhält es
       ohne große  Auseinandersetzungen und Risiken. Obwohl man sich da-
       mit in Gefahr begibt, das 'gesunde Empfinden' für die eigenen In-
       teressen zu  verlieren, die Auseinandersetzung zu scheuen beginnt
       und das  Kämpfen verlernt."  In: Heseler/Kröger  (Hg.), Stell Dir
       vor. ...a.a.O., S. 119.
       13) E. Loderer, Aspekte der strukturellen Krisen im Metallbereich
       - aus  der Sicht der IG Metall, in: Gewerkschaftliche Monatshefte
       10/83, S. 119.
       14) Vgl. M.  Schumann u.a.,  Rationalisierung,  Krise,  Arbeiter,
       1982, S. 528 ff.
       15) Vgl. K.  Pickshaus, Politische  Differenzierungen im  Großbe-
       trieb. Zur Herausbildung linksoppositioneller Betriebsratslisten,
       in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 211.
       16) Vgl. H. Mahler, Sie schmeißen raus, sie machen dicht, in: He-
       seler/Kröger (Hg.), Stell Dir vor..., a.a.O., S. 97 ff.
       17) Vgl. C.  Götz, Für  eine Wende  zur sozialen Demokratie, Köln
       1984, S. 18f.
       18) H. Hoffmann, Rolle der Kommunisten ..., a.a.O.
       19) Die Belegschaft  erfuhr am 15. 3. 1983 durch die BILD-Zeitung
       von dem  Konzept. Insgesamt  sollten bei  HDW 2150  Arbeitsplätze
       vernichtet werden.
       20) Auf einer  Pressekonferenz stellt der Vorstand von HDW im Fe-
       bruar 1983 die Lage des Unternehmens vor und läßt dabei den nicht
       eingeladenen Betriebsratsvorsitzenden  H. Mahler vor die Tür set-
       zen. Vgl.  "Bei HDW  wird das Klima rauher", in: Hamburger Abend-
       blatt 28.2.1983.  Fortan werden  zustehende  Rechte,  vereinbarte
       Leistungen und Informationsverpflichtungen zunehmend gebrochen.
       21) Es erfolgte  ein insgesamt  fünftägiger Warnstreik  Ende März
       1983, der  auch Betriebsversammlungen und einen Marsch in die In-
       nenstadt während der Arbeitszeit umfaßte.
       22) Manifest zur  Verteidigung der Arbeitsplätze bei HDW, in: GEW
       Hamburg (Hg.),  Arbeitsplatzvernichtung und Gegenwehr am Beispiel
       der HDW Hamburg, Hamburg 1984, S. 11.
       23) Entgegen der  Legendenbildung in  Kreisen der Grünen über die
       HDW-Besetzung als  Aufstand für  Alternativproduktion muß auf die
       Verbindung von  Produktionspolitik und Verstaatlichung in den be-
       trieblichen und  gewerkschaftlichen Forderungen verwiesen werden.
       Darüber hinaus  waren die Grünen vor der Besetzung mit einer sehr
       starken Abgrenzung gegenüber den betrieblichen Kämpfen befaßt.
       24) Vgl. G.  Hautsch/B. Semmler, Betriebsbesetzung, Soziale Bewe-
       gungen -  Analyse und  Dokumentation des  IMSF  13,  Frankfurt/M.
       1983.
       25) Vgl. H. Geißelbrecht, Neun Tage ..., a.a.O.
       26) Ebenda.
       27) A. Müller-Goldenstedt/C. Matthiesen, (Mitglieder der Aktions-
       leitung), Einige Überlegungen zur HDW-Besetzung aus betrieblicher
       Sicht, in: taz 29.9.1983.
       28) "Daß wir  überhaupt gekämpft  haben, ist  entscheidend",  in:
       Hamburger Rundschau 22.9.1983.
       29) R. Söchtig,  Mitglied der  Vertrauenskörperleitung  bei  HDW,
       SPD-Mitglied und  jahrelang einer der Hauptverfechter einer sozi-
       alpartnerschaftlichen Linie,  in: IG-Metall-Jugend  Hamburg,  Die
       Solidarität muß weitergehen, Hamburg, o.J.
       30) H. Jahn/H.D. Riechers, Aufrecht durchs Werktor ..., a.a.O.
       31) Ebenda.
       32) Vgl. H. Jahn/H. D. Riechers, a.a.O.
       33) A. Müller-Goldenstedt/C. Matthiesen, Einige Überlegungen ...,
       a.a.O.
       34) Zit. n.  H. Giersiepen/K. Pickshaus, So lautet die Lehre ...,
       a.a.O.
       35) Vgl. GEWOS,  Bestandsaufnahme zum  Beschäftigungsprogramm Kü-
       ste, Hamburg  1984; IG Metall, Vorschläge für ein Beschäftigungs-
       programm Küste, Hamburg 1984.
       36) H. Fülle/P. Schaar, Die Bürgerschaft beschließt..., in: Krise
       der Werften - Krise der Regionen, Bonn 1984, S. 57.
       37) Vgl. R. Fücks, Werften, alternative Produktion und Vergesell-
       schaftung, in: Krise der Werften ..., a.a.O., S. 41 ff.
       38) Vgl. U.  Tischer, Bericht  vom 1. Betriebsbesetzer-Hearing im
       Deutschen Bundestag, in: Moderne Zeiten 5/1984, S. 29 ff.
       39) K. Marx/F. Engels, Manifest..., a.a.O., S. 474.
       40) Vgl. Werftenprogramm der DKP, a.a.O.
       41) F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, S. 260.
       42) Mitteilung des  Senats an  die Bürgerschaft, Arbeitsplätze im
       Hamburger Schiffbau  bei den  "Howaldtwerke Deutsche Werft AG" in
       Hamburg (HDW), Hamburg 3. 4. 1984, S. 4.
       43) Ebenda, S. 8.
       44) Vgl.  E.  Loderer,  Aspekte  der  strukturellen  Krisen  ...,
       a.a.O., S. 639.
       45) Vgl. F.  Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Mar-
       burg 1981, S. 129.
       46) Vgl. G.  Hautsch/B. Semmler, Betriebsbesetzungen ..., a.a.O.,
       S. 7.
       47) Ebenda.
       48) Vgl. H.  Giersiepen/K. Pickshaus,  So lautet  die Lehre  ...,
       a.a.O.
       49) Vgl. L.  Mahlein, Gewerkschaften  heute, a.a.O.; C. Götz, Für
       eine Wende  zur sozialen  Demokratie, a.a.O.;  F. Steinkühler, An
       Schwierigkeiten mangelt  es uns  wahrlich nicht, in: Probleme des
       Klassenkampfs 54, 1984, S. 33 ff.
       50) F. Deppe,  Grundsatzprogramm und  gewerkschaftliche Autonomie
       in: G.  Arndt u.a., DGB-Programm '81 - untersucht für die Praxis,
       Frankfurt/M. 1981, S. 44.
       

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