Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       VORWORT
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       Mit dem  Jahr 1985  konnten wir die Konzeption der "Marxistischen
       Studien" erweitern.  Sie sollen  künftig in halbjährlichen Liefe-
       rungen zum  Frühjahr und  Herbst erscheinen. Jeweils ein Band pro
       Jahr soll  der Erweiterung der Themen und wissenschaftlichen Dis-
       ziplinen über die Arbeitsrichtungen des IMSF hinaus dienen und in
       enger Kooperation  mit Kollegen  der  entsprechenden  Fachgebiete
       entstehen. Hier  liegt der  erste Band  dieser Art vor; in seinem
       Mittelpunkt stehen Beiträge zur Analyse der jüngsten Geschichte.
       Scharfe Auseinandersetzungen  über den  Charakter jenes  histori-
       schen Abschnitts,  der mit  der militärischen  Niederlage des Fa-
       schismus in  Deutschland und Japan begann, haben in der Bundesre-
       publik wieder  deutlich gemacht:  Bei der  Bewertung der globalen
       Veränderungen in  den vergangenen  40 Jahren  stoßen unvereinbare
       Klasseninteressen aufeinander.  Imperialistische Politik  ist ge-
       prägt von  dem Impuls, diese Veränderungen - den Verlust weltwei-
       ter Herrschaftspositionen - zurückzurollen.
       Die Beiträge  des ersten  Blocks sollen einige Aspekte der unmit-
       telbaren Vorgeschichte  unserer Gegenwart,  ihrer Bedingungen und
       Resultate, näher beleuchten; dies erhellt zugleich den weltweiten
       Bezugsrahmen für  die Entwicklungen  in der  Bundesrepublik. Kurt
       Steinhaus untersucht  Entwicklungstendenzen  des  internationalen
       Kräfteverhältnisses zwischen  Sozialismus und  Imperialismus, die
       vom militärischen Sieg der Sowjetunion und ihrer Verbündeten über
       den Hitler-Faschismus  ausgegangen sind.  Bernd Greiners Fallstu-
       dien zur  Krisenpolitik der  US-Administration geben detaillierte
       Einblicke in die Rolle von Militäreinsatz und atomarer Kriegsfüh-
       rungsmöglichkeit für die Globalstrategie der westlichen Führungs-
       macht. Frank  Deppes Betrachtung wichtiger Tendenzen in der west-
       europäischen Arbeiter-  und Gewerkschaftsbewegung  läßt erkennen,
       wie kompliziert  und ungleichmäßig  - nach  Abschnitten des  Vor-
       marschs und  der Erfolge - die Einstellung auf veränderte Formie-
       rungs- und Kampfbedingungen erfolgt.
       Christian Mährdel geht dem Verhältnis von nationaler und sozialer
       Befreiung für die Beseitigung und nach dem Ende politischer Kolo-
       nialherrschaft nach und analysiert ihre Bedeutung für den weltre-
       volutionären Prozeß.  Dieter Boris  stellt die komplizierten For-
       mierungsprozesse der  Arbeiterklasse in  Lateinamerika anhand der
       Bildung von  Gewerkschaften gegenüber  den dominierenden transna-
       tionalen Konzernen dar.
       Die beiden anschließenden Aufsätze behandeln recht unterschiedli-
       che Gegenstände  der etwas  weiter zurückliegenden  jüngeren  Ge-
       schichte. In  diesem Band  sind sie - über ihre besonderen Themen
       hinaus - zu lesen unter dem Gesichtspunkt der Vorgeschichte jener
       Entwicklungen, die  die Arbeiterbewegung nach 1945 durchlief. Das
       Verhältnis der  beiden großen  Arbeiterparteien auf lokaler Ebene
       ist Gegenstand von Georg Fülberths Beitrag; er öffnet Forschungs-
       perspektiven auf  dieses bisher  ungenügend erschlossene  Gebiet.
       Ditte Gerns geht am Fallbeispiel der Reichswerke "Hermann Göring"
       den Beziehungen  von Großkapital  und NS-Staat und der Herausbil-
       dung staatsmonopolistischer Strukturen nach.
       Einheitsbestrebungen und  durch sie geprägte Versuche organisato-
       rischen Neubeginns  jenseits bisheriger Trennungslinien hatten in
       der Rekonstitutionsphase der Arbeiterbewegung sofort nach Kriegs-
       ende große Bedeutung. Mit umfangreichem Quellenmaterial schildert
       Wulf D.  Hund die  Gründung der  "Sozialistischen Freien  Gewerk-
       schaft" in  Hamburg und  die Rolle der britischen Besatzungsmacht
       bei der  Sprengung dieses Versuchs. Dem Einfluß US-amerikanischer
       Modelle und Institutionen bei der Neuformierung der Klassenbezie-
       hungen in  der Industrie sowohl von seiten der Gewerkschaften wie
       des Managements  und bei der Strategieentwicklung der sozialdemo-
       kratischen Führung  gilt der  Beitrag von  Wolfgang  Kreuter  und
       Joachim Oltmann.  Ihre These: Bei der Stabilisierung bürgerlicher
       Herrschaft nach dem Krieg spielte die Rezeption des US-amerikani-
       schen Hegemonietyps eine wesentliche Rolle.
       Bedeutung, Mechanismen  und Argumentationen  administrativer  und
       juristischer Mittel  bei der Ausschaltung von Kommunisten aus Be-
       trieben belegen  die von Christian Seegert kommentierten Materia-
       lien - ein Blick auf die gewaltsame Seite des Wiederaufbaus kapi-
       talistischer Klassenherrschaft  mit vielen aktuellen Bezügen. An-
       hand von  Ergebnissen neuerer  Publikationen stellen  Josef Ehmer
       und Rupert  Herzog die  These auf,  daß in Österreich die Gewerk-
       schaften wesentlich  stärker als in anderen westeuropäischen Län-
       dern nach  1945 in die Restauration kapitalistischer Wirtschafts-
       verhältnisse eingebunden  waren; auch hier mußten aber klassenau-
       tonome Kräfte ausgeschaltet werden.
       Beiträge aus  der Marx-Engels-Forschung  haben einen festen Platz
       in den  "Marxistischen Studien", ebenso Berichte über Forschungs-
       einrichtungen und  Wissenschaftsentwicklungen. Michael  Knieriems
       Miszelle klärt,  was es  mit der  Eintragung von  Karl  Marx  und
       Friedrich Engels  als Taufpaten  im Taufbuch einer Hamburger Kir-
       chengemeinde auf  sich  hat.  Dieter  Kramer  berichtet  von  der
       "Linzer Konferenz"  im Herbst  1984 und stellt dabei kurz die Ar-
       beit der  Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewe-
       gung (ITH)  vor. Reinhard  Müller informiert  über Bestände,  Ar-
       beitsmöglichkeiten und  Arbeitsformen von Thälmann-Bibliothek und
       Thälmann-Archiv in  Hamburg. Der Kritik am philosophischen Ansatz
       von Laclaus  Populismuskonzept ist der Beitrag von Rolf Petri ge-
       widmet. Andre  Leisewitz berichtet von einer IMSF-Diskussion über
       Kern/Schumanns Studie "Ende der Arbeitsteilung?".
       Abschließend wollen  wir über  die weitere Jahrbuchplanung infor-
       mieren. Band 9 steht unter dem Schwerpunktthema "Perspektiven des
       BRD-Kapitalismus und  Alternativen der  Linken" und  erscheint im
       Herbst 1985.  Band 10 (Frühjahr 1986) wird Beiträge von Psycholo-
       gen, Pädagogen,  Philosophen zur  Diskussion um marxistische Per-
       sönlichkeitstheorie  enthalten.  Band  12  hat  den  Arbeitstitel
       "Internationale Tendenzen  der  Marx-Engels-Forschung",  Band  14
       "1789-1989: Zur Aktualität der Revolutionstheorie".
       
       Februar 1985
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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