Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       UMWELTPOLITIK
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       Arnim Bechmann
       
       Evolutionäre Umweltpolitik -
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       Anregungen für den Aufbruch zum Durchbruch
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       Die meisten  Analysen sind  einig in  der  Zukunftsprognose:  Uns
       droht nicht  die alles  auf einmal vernichtende Katastrophe, son-
       dern anhaltendes Siechtum. Das bisherige umweltpolitische Instru-
       mentarium ist  allein zu  schwach, um diese Gefahr abzuwehren. Es
       wirkt statt  dessen tendenziell in Richtung einer Deformation un-
       serer Gesellschaft,  d. h., in ökologischer Sicht tendiert unsere
       Gesellschaft dazu, eine Prothesen- und Gebrauchsregelgesellschaft
       zu werden. Ich spreche von Prothesengesellschaft, weil wir unsere
       ökologischen Bedürfnisse nur noch mit Hilfe komplizierter techno-
       logischer Prothesen erfüllen können.
       * Wasser gibt es fast nur noch aus Klär- und Aufbereitungswerken.
       * Einigermaßen saubere  Luft ist  ohne komplizierte  Filter- oder
       Entgiftungssysteme nicht mehr zu haben.
       * Müll kann  bestenfalls auf  gut  gesicherten  Deponien  und  in
       schwierigen Fällen  nur mit  komplizierten Technologien  "aus dem
       Verkehr" gezogen werden.
       * Lebensmittel sollen intensiv gewaschen oder geschält werden.
       * Lärm muß  durch Lärmschutztechnologien  abgewehrt  werden.  Ge-
       brauchsregelgesellschaft, weil  das Leben  in einer  Welt von ge-
       fährlichen Chemikalien  und Schwermetallen  nur dann einigermaßen
       sicher ist,  wenn man  die Regeln  kennt, nach denen diese Stoffe
       genutzt werden  müssen. Diese  Regeln würden unseren Alltag total
       dominieren -  wenn wir  sie wirklich  alle einhalten wollten. Die
       Öko-Bücher des  Jahres 1984 quellen über von "Verbrauchertips und
       Verhaltensregeln". Bei Nr. 99 dieser Regeln habe ich aufgehört zu
       zählen. Ohne  einen gut programmierten Personalcomputer werde ich
       niemals lernen, sie alle zu beherrschen. Doch auch dessen Produk-
       tion verursacht  wiederum Umweltbelastungen in Form von gefährli-
       chen chemischen Abfallstoffen.
       
       Der gesellschaftliche Kontext: Krise
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       Unsere Gesellschaft  kann, so  wie sie heute organisiert ist, die
       ökologischen Gefahren,  Belastungen  und  Zerstörungen,  die  sie
       selbst schafft, nicht abwenden. Sie hat aber nicht nur mit diesen
       Problemen zu kämpfen.
       - Die anhaltende Arbeitslosigkeit,
       - wiederholte Strukturkrisen innerhalb der Wirtschaft,
       - das ressourcenverschlingende Wettrüsten,
       - der Nord-Süd-Konflikt einschließlich seiner ökonomischen Folge-
       probleme setzen  die Industriestaaten  (und nicht  nur diese)  in
       einen historisch  fast einmaligen  Veränderungsdruck, der z.B. im
       Zusammenbruch bzw.  im Umbruch  von Sozialstrukturen (Dorfgemein-
       schaft, Kleinfamilie),  Technologien (Stahlerzeugung, Bürotechno-
       logien), Wertvorstellungen  (Fortschrittsglaube)  einen  Ausdruck
       findet.
       - Ohne  es nochmals  ausführlich zu  belegen, halte ich fest: Die
       Industriestaaten und unter ihnen die Bundesrepublik befinden sich
       in einer  ernsten, langfristig wirkenden Krise. Krise heißt hier:
       systemverändernder Umbruchprozeß,  dessen Endresultat  noch nicht
       abzusehen ist.  Oder politologisch korrekt ausgedrückt: Bedrohung
       unseres Gesellschaftssystems (einschließlich seiner Stoffwechsel-
       beziehungen zur  Natur), die sich mit normalen, routinierten, in-
       stitutionalisierten und  internationalisierten Mitteln der Stabi-
       litätssicherung nicht  mehr abwenden läßt. (Genau das ist für die
       ökologische Bedrohung der Fall.)
       Echte Krisen können verschieden enden:
       - als  Katastrophe,  d.h.  als  Systemzusammenbruch  (Untergangs-
       krise);
       - als Konsolidierung mit neuer Struktur, d.h. als Übergang in ein
       neues Entwicklungsstadium (Entwicklungskrise);
       - als  Reinigung   einer  Struktur  von  temporären  Verzerrungen
       (Reinigungskrise).
       Wenn das Modell der Krise die ökologische und die gesellschaftli-
       che Situation,  in der  wir uns  befinden, tatsächlich zutreffend
       erfaßt bzw. beschreibt, so hat das Konsequenzen für unser umwelt-
       politisches Planen und Handeln.
       (1) In der  Krisensituation ist  es analytisch  kaum möglich, die
       wahre Qualität  der erlebten  Krise zu  bestimmen. Das heißt kon-
       kret, viele von uns Umweltschützern erleben die ökologische Krise
       als Untergangskrise,  obwohl es  vielleicht sogar  eine  Entwick-
       lungskrise ist.  Allerdings, wenn  die Umweltkrise  eine Entwick-
       lungskrise ist,  dann wird  sich die  Gesellschaft, die  an ihrem
       Ende entstehen  wird, grundlegend  von der  heutigen Gesellschaft
       unterscheiden. Das  sei allen  "Problemverharmlosern" und "Unter-
       den-Teppich-Kehrern" deutlich gesagt.
       (2) Krisen lösen  sich nicht durch traditionelles Verhalten. Ohne
       neue Impulse  von außen oder neue autonome Reaktionen des betrof-
       fenen Systems  bedeuten Krisen  Untergang. Systeminnovation  wird
       überlebensnotwendig. Wenn  wir die ökologische Krise als Entwick-
       lungskrise nützen wollen, so müssen wir neuartige Reaktionsformen
       und Verhalten  in unserer  Gesellschaft entwickeln und unterstüt-
       zen. Dies ist eine alte Erkenntnis der Alternativbewegung und des
       New Age Movements. Doch woran erkennt man die in diesem Sinne un-
       terstützungswürdigen Entwicklungstendenzen  und -faktoren?  "Neu-
       heit" allein  garantiert noch keinesfalls Krisenüberwindung. Dies
       zeigen  uns   die  Schatten,  die  Computertechnologie  und  Gen-
       technologie bereits werfen.
       Auch vergangene  Gesellschaften haben  ökologische Krisen  produ-
       ziert. Manche  haben, ökologisch  gesehen,  als  Untergangskrisen
       geendet, wie  z.B. die  durch Bewässerung  verursachte Versalzung
       der Böden  Mesopotamiens oder die endgültige Zerstörung von Wald-
       ökosystemen im  Mittelmeerraum. Andere  haben zu Neuentwicklungen
       provoziert, wie z. B.
       - die durch  Übernutzung der  Wälder hervorgerufene Holzkrise des
       Mittelalters, die die Kohlenutzung auslöste;
       - die unter dem Zeichen der Trangewinnung fast vollzogene Ausrot-
       tung der Wale im 19. Jahrhundert, die schließlich zur Nutzung des
       Erdöls als Brennstoff führte.
       Als Reaktion  auf Umwelt- und Ressourcenkrisen wurden in der Ver-
       gangenheit unterschiedliche  Strategien  entwickelt.  Die  Unter-
       schiede in  Art und  Umfang ihrer Wirkungen sind beträchtlich. Zu
       diesen Reaktionsstrategien auf Krisen zählen
       - die Verdrängungsstrategie.  Sie verdrängt  die Folgen  von  na-
       turzerstörenden Handlungen solange, bis es zu spät für erfolgrei-
       che Rettungsaktionen ist (Abholzen der Apenninen);
       - die Sparstrategie.  Sie versucht,  zerstörerische Eingriffe  in
       den Naturhaushalt  durch Sparen möglichst weitgehend zu beschrän-
       ken (Techniken und Verhalten der Energieeinsparung);
       - die Bewirtschaftungsstrategie.  Sie zielt darauf ab, die in die
       Krise geratenen  ökologischen Ressourcen  unter dem Gesichtspunkt
       der nachhaltigen  Nutzbarkeit zu  bewirtschaften. Dies  geschieht
       häufig  mit   Hilfe  planerischer  und  ökonomischer  Instrumente
       (traditionelle Forst- oder Wasserwirtschaft);
       - die konservative  Substitutionsstrategie. Sie ersetzt eine pro-
       blematische Form  der Naturnutzung durch eine andere bereits ent-
       wickelte Art der Naturnutzung (vom Auto zur Schiene);
       - die innovative Substitutionsstrategie. Sie ersetzt eine proble-
       matische Form  der Naturnutzung  durch eine neue, bis dahin nicht
       entwickelte oder  eingesetzte Form  (Energiegewinnung aus Biogas,
       Atomkraftwerke für Kohlekraftwerke);
       - die Strategie  ökologisch reifer  Produktion. Sie gestaltet na-
       türliche und  soziale Systeme  so, daß  in ihnen langfristig alle
       Abbaustoffe wiederverwendet  werden und  daß das Prozeßenergieni-
       veau konstant gehalten wird. Sie ist bisher vor allem in ökologi-
       schen Klimasystemen  realisiert worden.  Es gibt aber auch einige
       traditionelle menschliche  Nutzungsformen, die sich an ihr orien-
       tierten. Zu  ihnen zählen  z.B. die Büffeljagd nordamerikanischer
       Indianer oder die Haubergwirtschaft im Siegerland.
       Politik in Zeiten des Umbruchs hat weitreichende Optionen. In den
       Extremfällen kann  sie sich  dem Wandel mit aller Macht entgegen-
       stellen (Restauration),  oder sie  kann ihn  bewußt  unterstützen
       (Evolution). Tut  sie letzteres,  so wirkt sie gewollt oder nicht
       systemverändernd. Staatliche Politik hat bisher fast überall vor-
       rangig restaurativ reagiert. Doch muß das so bleiben?
       Wie könnte  evolutionäre Umweltpolitik  aussehen?  Abstrakt  läßt
       sich die  Antwort leicht  formulieren. Evolutionäre Umweltpolitik
       zielt darauf  ab, eine ökologisch reife Produktion durchzusetzen.
       Doch was  bedeutet dies  konkret? Hierauf zu antworten, fällt we-
       sentlich schwerer.
       
       Das Konzept evolutionärer Umweltpolitik
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       Evolutionäre Umweltpolitik  ist für  sich allein sicherlich weder
       in der  Lage,  eine  ökosoziale  Evolution  auszulösen  noch  sie
       zielorientiert zu  steuern. Dafür  sind die durch die ökologische
       Krise ausgelösten,  systemverändernden  Prozesse  zu  umfassender
       Struktur. Evolutionäre Umweltpolitik wird aber versuchen,
       - ökologisch wünschenswerte Systemveränderungen frühzeitig zu er-
       kennen und nach besten Kräften zu unterstützen;
       - selbst Prozesse  auszulösen, die  systemevolutionären Charakter
       haben. Sie  wird dabei das Risiko eingehen müssen, daß diese Pro-
       zesse ihrer Führung entgleiten;
       - restaurativen Tendenzen  entgegenzuwirken und  sie zu attackie-
       ren;
       - neue verändernde Kräfte zu wecken anstatt bestehende zu kanali-
       sieren.
       Evolutionäre Umweltpolitik  kann heute  keine konkrete Utopie der
       angestrebten Zukunft  vorweisen. Sie  kann aber  angeben, wie die
       nächsten Schritte  in die  angestrebte Richtung  aussehen können.
       Sie besitzt  keinen fertig  vorgegebenen Kanon  umweltpolitischer
       Instrumente und  kein ausreichendes  Set durch  eine  ökologische
       Ethik fundierter  Verhaltensdogmen bzw.  -normen. Sie  kann  aber
       eine  handlungsorientierte  umweltpolitische  Strategie  angeben.
       Dieses  Handlungskonzept   wird  hier   mit  der   Strategie  der
       "Ökologisierung von Nutzungsmustern" bezeichnet.
       
       Die Ökologisierung von Nutzungsmustern als handlungsorientiertes
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       Leitbild evolutionärer Umweltpolitik
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       Menschliche Gesellschaften  nehmen der  Natur gegenüber eine dop-
       pelte Rolle  ein. 1.  Sie nutzen Natur für ihre Lebenszwecke. Das
       heißt, sie greifen in Naturprozesse ein, indem sie Stoffe und En-
       ergien entnehmen, Ökosysteme formen und umgestalten, Abfallstoffe
       und Energien  nach der  Nutzung an Natur abgeben. Wir sprechen in
       diesem Sinne vom Stoffwechselprozeß zwischen Gesellschaft und Na-
       tur.
       Der Stoffwechselprozeß zwischen Gesellschaft und Natur wird durch
       Arbeit vollzogen und durch menschliches Verhalten gesteuert. Die-
       ses Verhalten  ist jedoch  keine autonome  Größe. Es strukturiert
       und bildet sich aufgrund der individuellen Sozialisation der men-
       schlichen Individuen.  Diese wiederum  werden von vielen Faktoren
       beeinflußt, zu  denen u.a.  persönliche Vorprägungen (Erbanlagen,
       biologische Grundstrukturen),  elternhausbezogene Einflüsse,  ge-
       sellschaftlich vermittelte Einflüsse (soziale Umwelt), das beste-
       hende Recht,  die bestehenden  sozialen Institutionen, bestehende
       gesellschaftliche Machtverhältnisse, das gesellschaftlich vorhan-
       dene Wissen  und vieles mehr gehören. Der Stoffwechselprozeß zwi-
       schen Gesellschaft  und Natur  ist damit  - wenn  auch nicht aus-
       schließlich - ein sozialer Prozeß.
       2. Menschen eignen  sich nicht nur Natur an. Sie sind auch Natur.
       Das heißt, ihr Leben läuft unter Naturgesetzen ab. Dies gilt auch
       dann, wenn sie diese Naturgesetze nicht verstehen. (In dieser Si-
       tuation befinden  wir uns  nach wie  vor.) Die durch Menschen ge-
       schaffene, gestaltete  oder zerstörte  Natur wirkt  mittelbar und
       unmittelbar auf  ihre Lebensprozesse  zurück. Menschen  und  men-
       schliche Gesellschaften  sind Naturwesen  und bilden damit Subsy-
       steme in  übergeordneten Ökosystemen.  Die ökologische Krise läßt
       uns dies schmerzlich spüren.
       Der Stoffwechselprozeß  zwischen Gesellschaft und Natur kann sehr
       unterschiedliche Gestalt  haben, und  dies sowohl im Hinblick auf
       die Art  und Weise,  d. h. auf die Qualität und Quantität, wie in
       den Naturhaushalt  eingegriffen  wird,  als  auch  bezüglich  der
       Struktur, der  Form und  der Verhaltensweisen  der naturnutzenden
       Gesellschaften. Jäger,  Sammler, Ackerbauern und Viehzüchter, an-
       tike Stadtstaaten  und moderne  Industriegesellschaften haben je-
       weils wesentlich voneinander verschiedene Stoffwechselbeziehungen
       zwischen Gesellschaft  und Natur geschaffen. Sie haben damit auch
       jeweils eine  andere Natur  in und  um sich herum hervorgebracht.
       Ökologisch ausgereift waren diese Stoffwechselverhältnisse jedoch
       niemals. Keines  von ihnen stellte eine im umfassenden Sinne öko-
       logische Klimax dar.
       Gedanklich und  bis zu  einem gewissen  Grade auch praktisch läßt
       sich nun der gesamte Stoffwechselprozeß zwischen Gesellschaft und
       Natur, den eine bestimmte Gesellschaft konstituiert, in miteinan-
       der verflochtene  Teilkomponenten zerlegen. Diese Teilkomponenten
       nenne ich  Nutzungsmuster. Beispiele  solcher Nutzungsmuster sind
       u.a.
       - die Landwirtschaft,
       - die Forstwirtschaft,
       - der Siedlungsbau,
       - das Verkehrssystem,
       - der Bergbau,
       - das System industrieller Produktion, welches wiederum in Sekto-
       ren und Branchen untergliedert werden kann,
       - das Konsumverhalten  und die  Lebensgewohnheiten. Jedes  dieser
       Nutzungsmuster
       - dient einem mehr oder weniger konkreten, gesellschaftlich fest-
       gelegten Zweck  (wir nennen  ihn oft  auch gesellschaftliches Be-
       dürfnis);
       - basiert auf  Stoffwechselbeziehungen zwischen  Gesellschaft und
       Natur;
       - beruht auf Erkenntnissen (mögen sie auch unvollkommen sein) von
       Naturgesetzen;
       - wird mit Hilfe von Arbeitsmitteln und Technologien vollzogen;
       - vollzieht sich durch eine Vielzahl aufeinander abgestimmter Ar-
       beitsprozesse;
       - setzt bei den beteiligten Menschen bestimmte physische, psychi-
       sche, kommunikative und kooperative Fähigkeiten, Fertigkeiten und
       Leistungspotentiale voraus.
       Jede konkrete  Nutzung der  Natur und  damit jedes Nutzungsmuster
       besitzt zu  einem gegebenen Zeitpunkt feste Strukturen, die durch
       die eingesetzte  Technologie, die  konkreten Verhaltensweisen der
       Menschen, die  psychische Beschaffenheit  der Natur  usw. geprägt
       werden. Nutzungsmuster sind offensichtlich nicht nur kulturabhän-
       gig, sondern  sie können auch innerhalb bestimmter Kulturen vari-
       ieren bzw.  sich verändern.  Die Entwicklung  der  Landwirtschaft
       oder der  Energieerzeugung während  der vergangenen 50 Jahre legt
       dafür ein beredtes Zeugnis ab.
       Die Faktoren,  die auf die Entstehung und Formung eines Nutzungs-
       musters einwirken, haben unterschiedliche Gewichte. Dies kann un-
       terschiedliche Ursachen haben. Die Gewichte können
       - auf Naturgegebenheiten beruhen. (Naturgesetze können nicht ver-
       ändert, sondern lediglich besser genutzt werden);
       - durch die  bestehende Gesellschaftsstruktur  bestimmt sein, wie
       z.B. der  Einfluß der  ökonomischen Faktoren  in kapitalistischen
       Gesellschaften oder der Einfluß von Parteihierarchien in soziali-
       stischen Gesellschaften;
       - sich aus  Erfahrungen aus der Vergangenheit herleiten, die sich
       in der  Sozialisation und dem Wertesystem der in diesem Nutzungs-
       muster tätigen Menschen niederschlagen.
       Die Einflußgrößen,  die die Gewichte der Faktoren eines Nutzungs-
       musters bestimmen, sind,
       - soweit sie  gesellschaftlichen Ursprungs  sind, selbst wiederum
       Wandlungsprozessen (Geschichte, sozialer Wandel) unterworfen;
       - soweit sie  direkt naturhaft gesteuert werden, eventuell unver-
       änderbar (Naturgesetze) oder nur innerhalb der im gesamten Kosmos
       ablaufenden Evolution veränderbar (Naturgeschichte, biologische -
       und soziale? - Evolution).
       Die Faktoren,  die ein  Nutzungsmuster beeinflussen,  sind offen-
       sichtlich miteinander  verflochten. Die  Ursachen der  Entstehung
       und Veränderung  eines Nutzungsmusters  übersteigen die Faktoren,
       die das  Nutzungsmuster prägen.  (Man kann auch sagen, sie liegen
       hinter diesen Faktoren.) Nutzungsmuster sind, wie wir ja auch aus
       der Geschichte  wissen, Wandlungsprozessen unterworfen. Ihre Ent-
       wicklung ist  ein Ausfluß  der evolutionären und der geschichtli-
       chen Entwicklung  des Stoffwechselprozesses  von Natur  und  men-
       schlicher Gesellschaft.  Gleichzeitig prägen wiederum einmal ent-
       standene Nutzungsmuster  diesen Prozeß  in  beachtlichem  Umfang.
       (Dies wird z.B. an der von Marx ausführlich beschriebenen asiati-
       schen Produktionsweise  ebenso deutlich  wie  an  der  "modernen"
       chemo-industriell geformten Landwirtschaft, die über das "Konzept
       der grünen Revolution" weltweit tradierte Gesellschaftsstrukturen
       und Ökosysteme zerstört hat.)
       Das Verhältnis  von Nutzungsmustern  zu staatlicher  Politik  ist
       mehrdeutig. Die Veränderung von Nutzungsmustern kann zweifelsohne
       durch staatliche  Politik beeinflußt  werden. Sie  konnte  jedoch
       bislang nicht  durch diese Politik programmiert, d.h. zielgerich-
       tet gesteuert  werden. (Das ist auch theoretisch begründbar [vgl.
       Staatsdiskussion].) Die  verschiedenen, z.T. durch Menschen nicht
       bewußt beherrschbaren  Faktoren, die  ein Nutzungsmuster  prägen,
       lassen es  unwahrscheinlich erscheinen, daß in absehbarer Zukunft
       eine von  politischen Instanzen betriebene, wirksame, zielgerich-
       tete Steuerung von Nutzungsmustern möglich sein wird.
       Nutzungsmuster beeinflussen  ihrerseits die  Politik,  indem  sie
       einen Kampfplatz,  Spielregeln, Rahmenbedingungen  und Notwendig-
       keiten für Politik darstellen bzw. schaffen. Die Durchsetzung und
       Veränderung von Nutzungsmustern erfolgt - wenn auch nicht alleine
       - durch  Politik. Sie  schafft damit zugleich Ausgangssituationen
       für weiteres politisches Handeln.
       Politik, die  verändernd in  ein Nutzungsmuster  eingreift,  wird
       fast stets  auch Folgewirkungen  im gesamten  Nutzungsmuster  und
       auch in der umgebenden Gesellschaft auslösen. Das heißt, sie läßt
       sich nicht auf einen Faktor begrenzen, denn beginnt sich ein Fak-
       tor zu  wandeln, so  verändern sich  seine Beziehungen zu anderen
       Faktoren, was  diese Faktoren  wiederum  unter  Veränderungsdruck
       setzt und Wandlungsprozesse auslöst.
       Entstehungs- und  Entwicklungsprozesse von und in Nutzungsmustern
       sind kompliziert.  Sie können  auf der  abstrakten Ebene, auf der
       ich hier  argumentiere, nicht  befriedigend  beschrieben  werden.
       Dennoch will ich im folgenden andeuten, wie Nutzungsmuster bewußt
       zum Zielbereich  einer neuen Phase der Umweltpolitik gemacht wer-
       den können.
       
       Die Strategie der "Ökologisierung von Nutzungsmustern"
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       Wir alle  wünschen uns  eine ökologisch  langfristig intakte  Le-
       bensumgebung und  Welt. Von ihr sind wir jedoch heute weiter ent-
       fernt denn  jemals in  der Geschichte  der Menschheit. Weder ein-
       zelne umweltpolitische  Instrumente oder  Maßnahmen noch  die ge-
       samte auf  Technologieverbesserung und Reglementierung ausgerich-
       tete Umweltpolitik haben dies wesentlich ändern können. Diese Po-
       litik ist auf innere Reformen unserer Gesellschaft angelegt.
       Die Industriegesellschaften und mit ihnen die ganze Welt befinden
       sich in einer andauernden ökologischen Krise. Eine Umweltpolitik,
       die diese  Krise beenden  will, darf  nicht bei  inneren Reformen
       stehenbleiben, obwohl  sie dort beginnt. Sie muß auf Systemverän-
       derung zielen,  oder sie  wird  als  Versagen  enden.  Akute  und
       schleichende Umweltzerstörung,  schneller Ressourcenverbrauch und
       das Anwachsen technologischer Risikopotentiale haben eine gemein-
       same Wurzel:  ökologisch unverträgliche Nutzungsmuster, d.h. Nut-
       zungsmuster, die  in der gesellschaftlichen Praxis zur Zerstörung
       der inner- und der außermenschlichen Natur führen. Umweltpolitik,
       die langfristig  erfolgreich sein will, sollte zum Schutz und zur
       Entwicklung menschlicher  Lebensprozesse (Natur für Menschen) und
       der äußeren Natur (Natur für sich) führen.
       Diese Art  der Umweltpolitik  - und  wer will guten Gewissens für
       weniger plädieren? - sollte dort ansetzten, wo die Ausgangspunkte
       (nicht jedoch  stets die  "letzte Ursache")  von Umweltzerstörung
       liegen. Diese  Ansatzpunkte sind  die Komponenten der Nutzungsmu-
       ster. Eine  auf Krisenlösung gerichtete Umweltpolitik sollte also
       darauf zielen, Nutzungsmuster ökologisch wünschenswert zu gestal-
       ten. Das  heißt, sie sollte anstreben, Nutzungsmuster zu ökologi-
       sieren. Solch  eine konsequent  auf die  Ökologisierung von  Nut-
       zungsmustern gerichtete  Umweltpolitik strebt danach, Nutzungsmu-
       ster evolutionär  weiterzuentwickeln. Ich  nenne sie deshalb evo-
       lutionäre Umweltpolitik (bzw. Umweltpolitik der 3. Generation).
       Wie sieht  diese evolutionäre  Umweltpolitik konkret aus? Und wie
       unterscheidet sie  sich von  der heute vorherrschenden technokra-
       tisch-vorsorgenden,  reglementierenden   Umweltpolitik?  Pauschal
       kann man diese Fragen vielleicht folgendermaßen beantworten: Evo-
       lutionäre Umweltpolitik  beinhaltet zwar wesentliche Bestandteile
       herkömmlicher Umweltpolitik. Sie geht jedoch im konkreten wesent-
       lich über sie hinaus.
       (1) Das Zielsystem  evolutionärer Umweltpolitik  gleicht dem  der
       herkömmlichen Umweltpolitik  weitgehend. Sie versucht diese Ziele
       jedoch nicht  einzeln und  absolut, sondern miteinander verbunden
       und bezogen auf konkrete Nutzungsmuster zu erreichen. Dies bedeu-
       tet z.B.,  bezogen auf das Nutzungsmuster Landwirtschaft, daß sie
       nicht in erster Linie versucht, korrigierend in die derzeit herr-
       schende Form  der Landwirtschaft  einzugreifen, sondern  daß  sie
       sich bemüht,  Formen des  Landbaues durchzusetzen,  die insgesamt
       ökologischen Kriterien  genügen. Dies sind vor allem der biologi-
       sche, der organische und der biologisch-dynamische Landbau.
       (2) Evolutionäre Umweltpolitik  will Umweltschäden  vermeiden und
       gleichzeitig Nutzungsmuster  so umbauen,  daß sie möglichst keine
       Umweltzerstörung auslösen  und keine  ökologischen  Risiken  auf-
       bauen. Das  heißt, sie will nicht reparieren, sondern radikal (im
       Sinne von an die Wurzel gehen) umgestalten.
       (3) Evolutionäre  Umweltpolitik   formuliert  möglichst  konkrete
       Leitbilder und  Szenarien, die  angeben, wie  das jeweilige  Nut-
       zungsmuster aussehen  soll, wenn  es ökologisch  umgestaltet sein
       wird, bzw.  wie es  aussehen würde, nachdem es umgestaltet worden
       wäre. Das  Energieszenario des  Freiburger ÖKO-Instituts  ist ein
       Beispiel für solch ein Leitbildszenario.
       (4) Evolutionäre Umweltpolitik  formuliert  Szenarien  und  Über-
       gangsstrategien, die  angeben, wie  die Ökologisierung eines kon-
       kreten Nutzungsmusters  ablaufen könnte. Für diese Art von Szena-
       rien und Übergangsstrategien gibt es bisher nur wenige Beispiele.
       Das von  Müller-Reißmann und  Schaffner  ausgearbeitete  Szenario
       "Ausstieg aus der Kernenergie" gehört zu ihnen.
       (5) Evolutionäre Umweltpolitik bezieht prinzipiell alle bekannten
       Faktoren ein, die dasjenige Nutzungsmuster prägen, welches ökolo-
       gisiert werden  soll. Sie  würde z. B. bei der Durchsetzung einer
       umweltverträglichen Landwirtschaft  nicht nur  die technische Um-
       stellung auf  Formen des ökologischen Landbaus anstreben, sondern
       abgestimmt damit  zugleich die  Forschung in dieser Richtung för-
       dern, ökonomische Unterstützung schaffen, versuchen, auf das Ver-
       halten von Landwirten und Konsumenten einzuwirken usw.
       (6) Evolutionäre Umweltpolitik  versucht, auch  solche  Faktoren,
       die das  Nutzungsmuster formen,  zu stimulieren,  die sie  selbst
       nicht steuern  kann. Das  heißt, sie geht das Risiko der Verselb-
       ständigung von Veränderungsprozessen ein, da sie unterstellt, daß
       neuartige Entwicklungen  zukunftsoffener Handlungsspielräume  be-
       dürfen. Sie  würde z.  B. im Bereich Landwirtschaft und Ernährung
       verstärkt die  Erforschung von Methoden des ökologischen Landbaus
       einschließlich der  anthroposophischen Grundlagen der biologisch-
       dynamischen Landwirtschaft  fördern oder  die Öffentlichkeit über
       sie aufklären.  Evolutionäre Umweltpolitik  würde "Bioläden"  und
       Verbraucherkooperativen von  Produkten des  ökologischen Landbaus
       fördern, auch wenn diese eher Unruhe als Ruhe in den Nahrungsmit-
       telmarkt hineintragen.
       (7) Evolutionärer Umweltpolitik ist es wichtiger, Prozesse auszu-
       lösen, die  in Richtung  ökologischer Fortschritt  verlaufen, als
       vorab bestimmte  Ziele mechanisch  durchzusetzen. Sie würde, wenn
       sie das  Waldsterben eindämmen  will, nicht  das  Katalysatorauto
       oder das  Tempo 100 zum alles entscheidenden Kampfplatz erklären,
       sondern auch  bewußt unkonventionelle  Wege  zur  Bekämpfung  der
       Waldschäden systematisch und umfassend ausprobieren.
       (8) Evolutionäre Umweltpolitik  wird in  erster Linie die innova-
       tive Substitutionsstrategie  und die  Strategie ökologisch reifer
       Produktion verfolgen. Der Spar- und der Bewirtschaftungsstrategie
       sowie der  konservativen Substitutionsstrategie wird sie nur vor-
       übergehende Bedeutung  zumessen. Die  Verdrängungsstrategie  wird
       sie nicht praktizieren.
       (9) Evolutionäre Umweltpolitik  entwickelt bereits  in der Kritik
       des Bestehenden  ein konkretes,  positives Gegenkonzept. Sie wird
       nicht der  abstrakten Negation  einer als nicht wünschenswert er-
       kannten Realität  huldigen. Das  heißt, für  sie sind  dezentral,
       kein Wachstum,  Basis, Selbstversorgung nicht von vornherein öko-
       logisch wünschenswerter  als zentral,  Wachstum, hierarchisch ge-
       gliedert oder Markt. Eine Wertung dieser Prinzipien erscheint ihr
       nur in  bezug auf  die Struktur  eines konkreten  Nutzungsmusters
       oder einer  konkreten Gesellschaft  sinnvoll.  Sie  unterscheidet
       sich damit  von manchen  Varianten sogenannter  "alternativer Um-
       weltpolitik". Evolutionäre  Umweltpolitik will bestehenden Struk-
       turen nicht ihr unmittelbares Gegenteil gegenüberstellen, sondern
       sie will bestehende Systeme ökologisch evolutionieren.
       (10) Evolutionäre Umweltpolitik  ist nicht nur staatliche Umwelt-
       politik. An ihr haben alle Institutionen und Gruppen teil, die an
       der Ökologisierung eines konkreten Nutzungsmusters teilhaben. Sie
       kann daher durchaus widersprüchliche Elemente enthalten. Sie wird
       auch bewußt und gezielt die Innovationen, Verhalten und Erfahrun-
       gen von  Außenseitern sowie von potentiellen bzw. realen ökologi-
       schen Pionieren  aufgreifen. In  Evolution und Kreativität steckt
       auch das  Risiko des  Scheiterns. Evolutionäre Umweltpolitik wird
       in vielen konkreten Einzelfällen dieses Risiko tragen.
       Evolutionäre Umweltpolitik zielt also auf Systemveränderung, ohne
       jedoch Systemveränderung  vorauszusetzen. Viele Elemente heutiger
       Umweltpolitik können  auch Bestandteile  einer evolutionären  Um-
       weltpolitik sein.  Allerdings, evolutionäre Umweltpolitik geht in
       ihrer Geschlossenheit  und in  ihrem Umfang weit über heutige Um-
       weltpolitik hinaus.
       Evolutionäre Umweltpolitik  orientiert sich  in ihren  Handlungen
       nicht am  platten Erfolgsdenken  noch an abstrakten, manchmal mo-
       ralinsäuerlich vorgetragenen  Grundprinzipien (Realos oder Funda-
       mentales). Evolutionäre Umweltpoltik beurteilt Entscheidungen und
       Handlungen danach,  ob und inwieweit sie zur langfristigen Ökolo-
       gisierung eines oder mehrerer konkreter Nutzungsmuster beitragen.
       Sie ist  auf Systemevolution,  und zwar auf die Evolution des ge-
       samten Gesellschaftssystems,  angelegt. Sie  will wesentlich mehr
       als reine  Machtumverteilung. Sie  glaubt, daß  die "neue Gesell-
       schaft" bereits  in der alten heranwächst. Evolutionäre Umweltpo-
       litik kann  daher nur  in Zeiten des tiefgehenden gesellschaftli-
       chen Umbruchs  betrieben werden.  Ist dies  der Fall, so wird sie
       den Umbruch  fördern und  dazu beitragen,  ihn in ökologisch wün-
       schenswerte Bahnen zu lenken.
       
       Rolf Czeskleba-Dupont
       
       Die Einheit von Natur- und Arbeitsorientierung als Aufgabe
       ----------------------------------------------------------
       antikapitalistischer Umwelt- und Ressourcenpolitik
       --------------------------------------------------
       
       Es geht  mir im  folgenden darum,  mit Blick auf konkrete umwelt-
       und ressourcenpolitische  Aufgaben den  Marxschen  Arbeitsbegriff
       gegen dualistische  Auffassungen des  Verhältnisses von Natur und
       Arbeit zu  verteidigen, um  die Vermittlung von Naturmomenten als
       gesellschaftliche Aufgabe begreifen zu können. Am Beispiel alter-
       nativer Energiepläne zeigt sich, daß sie ohne einheitliche Natur-
       und Arbeitsorientierung  zwar technische Einzelalternativen, aber
       kaum gesellschaftliche  Übergänge zuwege  bringen. Diese  Aufgabe
       hängt vielmehr mit den Aufgaben antikapitalistischer Politik ins-
       gesamt zusammen.  Dabei erscheint besonders die Vereinheitlichung
       der grundlegenden Orientierungen von Bedeutung, mit denen die Ar-
       beiterbewegung einerseits, die neuen sozialen Bewegungen anderer-
       seits an die Lösung extraktiver Ressourcen-, aber auch rezirkula-
       tiver Umweltprobleme (Abfallwirtschaft) herangehen.
       
       1. Was heißt Einheit von Natur- und Arbeitsorientierung?
       --------------------------------------------------------
       
       In seiner programmatischen Streitschrift "Der andere Fortschritt.
       Verantwortung statt  Verweigerung" wendet  Oskar Lafontaine  sich
       gegen "sich auf Marx berufende Sozialisten aller Schattierungen",
       indem er  ihnen vorwirft:  "Die  Entfaltung  der  Produktivkräfte
       wurde mehr  und mehr (ihr) sich verselbständigendes Ziel" 1). Un-
       termauert wird dieser Vorwurf durch einen Hinweis auf Lenins Ein-
       führung des Taylor-Systems in der Sowjetunion.
       Offen bleibt  in Lafontaines  Schrift allerdings, ob das, im Fall
       der Sowjetunion,  weltgeschichtlich zu verstehende Faktum notwen-
       digerweise mit  der Berufung  von Sozialisten  auf Marx zusammen-
       hängt. Lafontaine nennt zwar die Marxsche Kategorie einer tätigen
       Auseinandersetzung mit  der Natur und zitiert diesbezügliche Cha-
       rakterisierungen der  historischen Leistung  der Bourgeoisie  aus
       dem Manifest  der Kommunistischen  Partei. Er ruft sie aber unter
       der Prämisse  in die  Schranken: "... hat doch vor allem er, Karl
       Marx, einen Arbeitsbegriff entwickelt und hinterlassen, der,  i n
       d e r  V e r z e r r u n g  d u r c h  s e i n e  A n h ä n g e r
       (Hervorhebung RCD),  mehr Krieg  als Frieden  mit der  Natur ver-
       heißt". Wiederum  bleibt die  Frage offen, ob Marx die behauptete
       Verzerrung durch seine Anhänger vorprogrammiert hat oder nicht.
       Nur en  passant erwähnt  Lafontaine unter  Hinweis auf  Marx, was
       sowohl theoretisch-programmatisch  zum Leitfaden antikapitalisti-
       scher Produktivkraft-Entwicklung  genommen wurde  2) als auch un-
       mittelbar einsichtig  ist, wo  es sich um die ökologische Heraus-
       forderung  innerhalb  kapitalistischer  Gesellschaftsverfassungen
       handelt:   "d a ß   A u s b e u t u n g   d e r  N a t u r  u n d
       A u s b e u t u n g   d e s    M e n s c h e n    e i n a n d e r
       b e d i n g e n".   Man sollte meinen, dieser Bedingungszusammen-
       hang sei  von grundlegender  Bedeutung, wenn  man, wie Lafontaine
       dies inzwischen praktisch-politisch als möglich demonstriert hat,
       ökologische Probleme in der Tradition der Arbeiterbewegung lösbar
       machen will (vgl. unten 3).
       Marx selber maß der  N a t u r b e d i n g t h e i t  d e r  A r-
       b e i t  jedenfalls ganz entscheidende Bedeutung bei, wie aus den
       einleitenden  Passagen   seiner  "Randglossen  zum  Programm  der
       deutschen Arbeiterpartei"  von 1875  hervorgeht: "...denn  gerade
       aus der  Naturbedingtheit der  Arbeit folgt,  daß der Mensch, der
       kein anderes  Eigentum besitzt  als seine  Arbeitskraft, in allen
       Gesellschafts- und  Kulturzuständen der  Sklave der  anderen Men-
       schen sein  muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Ar-
       beitsbedingungen gemacht  haben. Er  kann nur mit ihrer Erlaubnis
       arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben" 3).
       Mit dem  angeführten Passus  über die Naturbedingtheit der Arbeit
       wandte Marx  sich gegen Verzerrungen des Arbeitsbegriffes, die er
       für politisch  verhängnisvoll hielt.  Gegen den Beginn des ersten
       Paragraphen des Gothaer Programms ("Die Arbeit ist die Quelle al-
       les Reichtums  und aller  Kultur") wendet er ein: "Die Arbeit ist
       n i c h t   d i e   Q u e l l e   alles Reichtums. Die  N a t u r
       ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen be-
       steht doch  wohl der  sachliche Reichtum!)  als die  Arbeit,  die
       selbst nur  die Äußerung  einer Naturkraft  ist, der menschlichen
       Arbeitskraft". 4)
       Marx steht hier in der Tradition der klassischen politischen Öko-
       nomie, ohne aber den Kardinalfehler auch eines Adam Smith zu tei-
       len, nämlich "der Arbeit  ü b e r n a t ü r l i c h e  S c h ö p-
       f u n g s k r a f t   anzudichten" 5).  Vielmehr heißt es noch im
       14. Kapitel  des  "Kapital"  zu  der  polit-ökonomisch  zentralen
       Kategorie produktive  Arbeit: "Die obige ursprüngliche Bestimmung
       der produktiven  Arbeit (als  Prozeß zwischen  Mensch und  Natur,
       RCD), aus der Natur der materiellen Produktion selbst abgeleitet,
       bleibt  immer   wahr  für   den  Gesamtarbeiter,  als  Gesamtheit
       betrachtet" 6).
       K.H. Tjaden  hat wiederholt  darauf aufmerksam  gemacht, daß eben
       eine solche umfassende Betrachtungsweise notwendig ist, um zu be-
       urteilen, worin  das produktive Potential einer Gesellschaftsform
       besteht: im "längerfristigen, gesamträumlichen Verhältnis von ge-
       sellschaftlich verfügbarer  (lebendiger und vergegenständlichter)
       Arbeitskraft und  gesellschaftlich erzielter (aneignender und er-
       neuernder) Naturnutzung"  7). In einen derartigen Produktivkraft-
       begriff geht  ein reproduktives Moment ein, das nicht zuletzt auf
       die reproduktiven  Erfordernisse der beiden Urbildner des gesell-
       schaftlichen Reichtums  bezogen ist,  die Erde  und den Arbeiter,
       oder: Naturumwelt und Bevölkerung.
       Eine solche Auffassung gesellschaftlicher Systeme als Vermittlung
       von Naturmomenten ermöglicht es, die in der Tat verselbständigten
       Ziele einer "Produktion um der Produktion willen" in den Arbeits-
       und Lebenszusammenhang  konkreter Gesellschaften  zu re-integrie-
       ren. So  ist zu  fragen, auf  welche Weise die Lösung von Umwelt-
       und Ressourcenfragen von der Entfaltung des gesamtgesellschaftli-
       chen Arbeitsvermögens abhängt und diese befördern kann.
       
       2. Antikapitalistische Stoßrichtung zwischen Einzel-
       ----------------------------------------------------
       und Gesamtalternative
       ---------------------
       
       Auf einzelnen Gebieten der Umwelt- und Ressourcenproblematik lie-
       gen heute tiefgreifende Alternativkonzepte vor, die oft wesentli-
       che Fortschritte in der denkenden Vorwegnahme einer öko-technolo-
       gisch weiterentwickelten  Naturaneignung darstellen  8). Was  die
       Problematik des gegenüber der regionalen Entwicklung verselbstän-
       digten Energiesektors  angeht 9), so sind hier vor allem die Stu-
       dien des  Freiburger Öko-Instituts  zur  Energiewende  sowie  der
       strukturell entsprechende  dänische Alternativplan AE83 zu nennen
       10). Beide  Szenarien leisten eine systematische Einbeziehung des
       technischen Fortschritts  in die  Analyse und Prognose stoff- und
       energiewirtschaftlicher Ketten  von der Quelle bis zur Rezirkula-
       tion in die Umwelt (energiespezifisch als Wärme 11).
       Der dänische Alternativplan AE83 verallgemeinert für Gesamt-Däne-
       mark bis  2030 die  technischen Fortschritte, die im Rahmen eines
       von der  EG geförderten Demonstrationsprojektes seit 1981 mit der
       Realisierung des nordjüt-ländischen Projektes Dorfenergie in vier
       Ortschaften verwirklicht werden 12). Das technologische Kernstück
       ist dabei  nicht sosehr  die Biogas-Gemeinschaftsanlage als viel-
       mehr die  gasmotorisch  betriebene  Kraft-Wärme-Anlage,  bei  der
       Elektrogeneratoren und  Wärmepumpen in  Tandem-Schaltung gefahren
       werden. Das  in der  BRD aus industriellen Anwendungen zur Spitz-
       lastdeckung bekannte  Tandem-Prinzip 13) wird hier für die Grund-
       last-Deckung des  örtlichen Kraft-  und  Wärmebedarfs  verwendet,
       d.h. für  eine Art  Kraft-Wärme-Inseln, die  anders als  die her-
       kömmlichen Kraft-Wärme-Werke  nicht zum  Absatz-Zwang  von  über-
       schüssiger Elektrizität zumal in kalten Winternächten führen 14).
       Der öko-technologische  Inhalt des dänischen Alternativplanes ist
       insofern als  weitergehender Fortschritt gegenüber demjenigen der
       "Energiewende"  anzusehen.   Während   sich   die   Autoren   der
       "Energiewende" aber eingehend mit der Frage einer Übergangs-Ener-
       gieressource befaßt  haben (umweltfreundliche  Kohlenutzung  15),
       fehlen ressourcenbezogene  übergangsstrategische Überlegungen bei
       den Verfassern des AE83. Und dies, obwohl ihren Vorstellungen ge-
       rade durch  die staatliche Energiepolitik seit Ende der siebziger
       Jahre Tür und Tor geöffnet wurde: Das dänische Parlament beschloß
       endgültig am  29. März 1985, daß künftige öffentliche Energiepla-
       nung ohne  Einbeziehung von  Atomkraft zu betreiben sei. Dies ist
       wiederum auf  dem Hintergrund zu sehen, daß die seit Oktober 1984
       auf eigene Nordsee-Quellen umgestellte Erdgasversorgung Dänemarks
       endgültig als  gesichert gelten kann. Hauptwidersacher waren hier
       - wie  früher in  der BRD  - die  auf den Wärmemarkt angewiesenen
       Atomkraft-Planer 16).
       Zumal seit  Inkrafttreten der dänischen "Wende"-Politik Ende 1982
       gehörte es  zum guten Ton in der Forschungspolitik, den technolo-
       gischen Inhalt des staatlichen Erdgas-Projektes und seiner Anwen-
       dungsfelder eher  lächerlich zu  machen. Hinweise  auf die ausge-
       zeichnete Kompatibilität  von Erdgas- und Biogasversorgungssyste-
       men 17)  galten daher als wenig zukunftsträchtig. Zudem wurde die
       Übernahme von Prinzipien einer Reproduktionspreis-Bildung von den
       Elektrizitäts- auf die Erdgasgesellschaften, wie sie im dänischen
       Gesetz über die Wärmeversorgung 1979 beschlossen worden war, eher
       argwöhnisch betrachtet.  Statt eine  Erweiterung desselben  Prin-
       zips, das  die Einberechnung  zukünftiger Investitionen in gegen-
       wärtige Verbraucherpreise  gestattet, zu fordern - man hat diesem
       Prinzip ja  gerade durch die alternativen Konzeptionen einen ver-
       nünftigen Inhalt  gegeben -,  folgten die AE83-Verfasser eher der
       gängigen Hochjubelung der Marktwirtschaft. Sie forderten Besteue-
       rung der Vermögen der Elektrizitätsgesellschaften, um deren Fonds
       zu zerschlagen,  ohne daß  der Aufbau alternativer Fonds für ihre
       eigenen ehrgeizigen  Investitionspläne gesichert  oder  auch  nur
       prinzipielle Klarheit über deren Konstruktion geschaffen war.
       Hierzu ist  zu bemerken, daß die Bildung zentraler Fonds, die un-
       ter maßgeblichem Einfluß gewerkschaftlicher Organe stehen sollten
       und aus betrieblichen Überschüssen zu finanzieren wären, seit den
       siebziger Jahren  zentrales Thema  gewerkschaftlicher  Mitbestim-
       mungsforderungen in Dänemark ist (Wirtschaftsdemokratie). Zu die-
       ser Frage  verhielten sich die AE83-Autoren aber ebensowenig, wie
       es größeres  Aufsehen bereitete, was das dänische Parlament intra
       muros verabschiedete, als auf dem Vorplatz die von Sozialdemokra-
       tie und  Gewerkschaften einberufene  Großkundgebung gegen den Re-
       gierungseingriff in den Rahmentarif-Konflikt mit über 100 000 De-
       monstrationsteilnehmern vonstatten  ging: eben  den genannten Be-
       schluß über  öffentliche Energieplanung  ohne Atomkraft.  Nur ein
       Teil der  dänischen Gewerkschafter  war in dieser Frage aktiv ge-
       worden, seit  sie 10  Jahre zuvor  Aktualität gewonnen hatte. Für
       die Ausübung  politischen Drucks reichte dies aus, nicht aber für
       konsequente Einflußnahme  auf die politisch-ökonomische Zielrich-
       tung alternativer Pläne. Erst eine bewußt systemtransformierende,
       d.h. im  Ansatz antikapitalistische  Stoßrichtung hätte eine bes-
       sere Zusammenfassung der Kräfte der Arbeiter- und der Alternativ-
       bewegung in  diesen Kämpfen  ermöglicht. Trotz Divergenzen in den
       Vorstellungen von langfristigen Gesamtalternativen hätte man ver-
       eint und  in bestimmter  Negation die  kapitalistische Ausbeutung
       von Natur  und Menschen  zurückdrängen können. Ohne Konvergenz in
       einer einheitlichen Natur- und Arbeitsorientierung verbleiben der
       gewerkschaftliche wie  der ökologische Protest hingegen der Herr-
       schaft der Kapitalverwertung unterworfen.
       In Erkenntnis  dieser Sachverhalte  begann der amerikanische Bio-
       loge und Umweltpolitiker Barry Commoner bereits 1979, sein in der
       "Radikalen Energiewirtschaft" entworfenes Konzept einer kulturell
       spezifizierten Emanzipations-Strategie  von der Konzernherrschaft
       in politisch-organisatorische  Praxis zu  übersetzen.  So  kandi-
       dierte er  1980 gegen Reagan u.a. im amerikanischen Präsidential-
       Wahlkampf, um  die links-populistische  Citizen Party aufbauen zu
       können. 1984  war er  als Vize-Kampagnenleiter für Jesse Jacksons
       Regenbogen-Koalition tätig,  um die gemeinsamen Probleme von eth-
       nischen Minoritäten,  Arbeiter-, Frauen-, Umwelt- und Friedensbe-
       wegung aufgreifbar  zu machen:  "Der Arbeiterbewegung  fehlt noch
       immer die  Macht, sich dem Recht eines Konzerns entgegenzusetzen,
       der eine  ganze Stahlstadt  brutal verlassen  und zu ökonomischem
       Ruin verurteilen  kann; Frauen haben noch immer nicht das selbst-
       verständliche Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, das ih-
       nen ebenso wie den Männern zusteht; Vorkämpfer für die Umwelt ha-
       ben noch  immer nicht  ein Mitbestimmungsrecht bezüglich der Pro-
       duktionsentscheidungen, die darüber bestimmen, welche neuen Gifte
       auf uns losgelassen werden; die Friedensbewegung erfährt noch im-
       mer ihre Machtlosigkeit gegenüber einem anscheinend indiskutablen
       Fazit, daß  wir und  die UdSSR  Feinde sein müssen" 18). Commoner
       zufolge gelang  es Jesse  Jackson tendenziell, eine Konvergenz in
       der Divergenz  von alten und neuen sozialen Bewegungen herzustel-
       len, indem  er entgegen dem neo-konservativen Egoismus Einsichten
       in die gemeinsame Lage beförderte: "...solch eine Weißwäscher-Li-
       ste progressiver Positionen (wie Mondale oder Hart sie durchs Zu-
       mundereden hervorbrachten,  RCD) kann  niemals eine    K o a l i-
       t i o n   hervorbringen. Nur  wenn jede  Wählergruppe in der Lage
       ist zu  sehen, wie  ihr eigenes  Interesse mit  anderen verbunden
       ist, kann  anderes erreicht  werden  als  noch  eine  jener  vor-
       übergehenden, sich  selbst aufhebenden Allianzen, deren Überreste
       die traurige Landschaft progressiver Politik in den USA pflastern
       helfen" 19).
       Gewiß erfordert die Lösung der hiermit angesprochenen Bündnisfra-
       gen weitergehende Diskussionen aktueller Klassenverhältnisse. Da-
       bei ist  es der  Anspruch einer kapitalismusspezifischen Klassen-
       analyse, "objektive  Widersprüche herauszufinden, die die Klassen
       in ihrem  Gegeneinander und  Untereinander  einschließlich  ihrer
       ideologischen, politischen  und ökonomischen  Ausdrucksformen be-
       stimmen" 20).  Wie Hickel  hierzu treffend bemerkte, ist es dabei
       aber mit  dem  "spröden  Definitionsraster  einer  Glaubens-  und
       Standpunktslogik" nicht  getan. Vielmehr sind Basistrends und Al-
       ternativkonzepte gesellschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten auf
       ihre "Kapitalismus-Verträglichkeit" (K.H. Tjaden) zu hinterfragen
       und praktisch zu erproben.
       
       3. Ansätze energie- und umweltpolitischer Transformation
       --------------------------------------------------------
       
       Kapitalismus-Unverträglichkeit bescheinigt  jedenfalls die  däni-
       sche Elektrizitätsgesellschaft  ELSAM, der früher u.a. die Betei-
       ligung an  Brokdorf-Investitionen verwehrt wurde, den neueren Be-
       schlüssen jener  Parlaments-Mehrheit, die  für  ihre  Kritik  der
       Nato-Raketenaufrüstung bekannt ist: "Elektrizitätsabnehmer sollen
       in den  kommenden Jahren Milliarden mehr für ihren Strom bezahlen
       aufgrund einer  Reihe politischer  Beschlüsse im  Jahre 1984... -
       Kurz vor  Weihnachten beschloß  ELSAMs Vorstand,  Kohlenkäufe  in
       Südafrika abzuwickeln.  Aufforderungen  des  Parlaments  folgend,
       wird der Import billiger und schwefelarmer südafrikanischer Kohle
       1990 ganz  aufgehört haben. - Mehrere Kraftwerksblöcke sollen vor
       1995 mit Entschwefelungsanlagen ausgerüstet sein, um einen Parla-
       mentsbeschluß zur  Halbierung von Schwefeldioxid-Ausstößen zu er-
       füllen. -  Das Fünswerk wird umgebaut, um mit Erdgas beheizt wer-
       den zu  können. Infolge  eines politischen Beschlusses sollen die
       Kraftwerke nämlich  in den  nächsten 5-6 Jahren das Erdgas anwen-
       den, das  nicht an  andere Parteien  verkauft werden kann. Erdgas
       ist 2-3  mal so  teuer wie  Kohle. -  Kernkraft, die  große wirt-
       schaftliche und  umweltmäßige Vorteile  hat, darf nicht länger in
       die dänische  Energieplanung eingehen" 21). Verschwiegen wird da-
       bei, welche Rolle die Elektrizitätsgesellschaften bei der Zurück-
       drängung des  Erdgas-Anwendungsbereiches in Dänemark spielten und
       daß die  als kumulative Belastung aufgelisteten Punkte sich teil-
       weise kompensieren.  Offensichtlich übernehmen  hier  öffentlich-
       rechtliche Gesellschaften  die Rolle  eines Staates im Staate mit
       dem verselbständigten  Ziel der Aufrechterhaltung bestimmter Pro-
       duktionen um der Produktion willen.
       In Verbindung  mit dem  Rahmentarif-Streik um Ostern wurde in der
       bürgerlichen Presse  bekannt, daß die Bevölkerung Aalborgs beson-
       ders hart  vom Streik  betroffen wurde,  da die  Kessel im Kraft-
       Wärme-Werk der  ELSAM dort ausgingen. Verschwiegen wurde der Hin-
       tergrund der  gewerkschaftlichen Aktion: daß nämlich ein Austritt
       der öffentlich-rechtlichen  Kraftwerke aus  dem Gesamtverband der
       Arbeitgeber gefordert wurde.
       Eine konkrete Aufgabe umwelt- und ressourcenpolitischer Transfor-
       mation besteht  daher in der Fortsetzung jener Aufklärungsarbeit,
       für die  die dänische OOA (Organisation zur Aufklärung über Atom-
       kraft) seit  1974 steht und die wesentlich von gewerkschaftlichen
       Vertrauensleuten mitgetragen  wurde (vgl.  Fn. 9).  Ende Mai 1985
       wurde durch  die offizielle  Aufgabe der  etwa ein Dutzend reser-
       vierten Areale  für AKWs ein neuer Anfang ermöglicht. Bekanntlich
       ist es  beneidenswert, von  allzu ehrgeizigen Plänen frei zu sein
       (Brecht).
       Galt dies  in der  AKW-Frage für Dänemark, aber nicht für die BRD
       und die  USA, so könnte es sich umgekehrt verhalten auf einem an-
       deren, neuerdings  erst  auf  seine  alarmierendsten  Seiten  hin
       durchleuchteten Bereich  der Umwelt-  und Ressourcenpolitik,  der
       kommunalen Müllverbrennung. Zur Ablösung der noch vorherrschenden
       Mülldeponierung setzen  die New  Yorker Stadtbehörden z. Zt. hart
       auf die  Einführung großer  Müllverbrennungs-Anlagen (MVAs).  Dem
       widersetzten sich  unter Hinweis auf ein unakzeptables Dioxin-Ri-
       siko sowohl der Community Council von Brooklyn als auch drei Com-
       munity Councils in der unmittelbaren Umgebung der ersten MVA, des
       Brooklyn Navy Yard Resource Recovery Project  22).
       Zum Widerstand der Bürgergruppen wesentlich beigetragen haben die
       1984 veröffentlichten neuen Studien des CENTER FOR THE BIOLOGY OF
       NATURAL SYSTEMS/Queens  College über  die Dioxin-Risiken von MVAs
       23). CBNS  zufolge muß mit über 1000 zusätzlichen Krebsfällen pro
       1 Million  New Yorker Einwohnern gerechnet werden, wenn die erste
       Großanlage gebaut wird. Als akzeptabel gilt allenfalls ein Risiko
       von 1  zu 1 Million 24). Prinzipiell verdient diese Art der Risi-
       kobewertung zumal  in Europa  mehr Beachtung,  da man hier Grenz-
       wert-Betrachtungen vorzieht.  Gegenüber deren abstrakt-isolieren-
       dem Zugang  zur Dioxin-Problematik  muß es als entscheidendes um-
       weltpolitisches Plus  der von CBNS angewandten krebsstatistischen
       Risikobewertung gelten,  daß diese  die wohl  nicht unerheblichen
       regionalen  Unterschiede   der  Luftverunreinigung  mit  primären
       krebserzeugenden Stoffen  (Automobile, Chemie)  in die  Bewertung
       des Risikos  miteinbezieht Der co-kanzerogenen Wirkung von Dioxi-
       nen und  Furanen als  Verstärker primärer  Kanzerogene wird damit
       erst vollauf  Rechnung getragen.  Hinzu kommt, daß CBNS eine neue
       Theorie der  Dioxin-Synthese in  MVAs entwickelt  hat, derzufolge
       diese erst  in kälteren  Anlagenteilen bis  in  die  Schornstein-
       Spitze erfolgt.  Mit der herrschenden Theorie der Dioxin-Synthese
       in den  Öfen  der  MVAs  wird  damit  auch  die  Strategie  eines
       "Crackens"  dieser  chlorierten  aromatischen  Kohlenwasserstoffe
       hinfällig. 25) Da CBNS zufolge Aromaten in MVAs hauptsächlich aus
       der unvollständigen  Verbrennung  von  Lignin  stammen,  die  auf
       Flugasche-Teilchen chloriert  werden, empfiehlt sich dagegen eine
       vorgängige Sortierung in Lignin- bzw. Chlorquellen.
       Neben der  vorgängigen Sortierung ist allerdings noch eine andere
       kausale Prinziplösung  des  Dioxin-Problems  aus  MVAs  technisch
       nachgewiesen:  Bei     N i e d e r t e m p e r a t u r - Pyrolyse
       von Müll und Klärschlamm kann die Bildung aromatischer Kohlenwas-
       serstoffe umgangen werden, sofern eine Erhitzung über 320 °C aus-
       geschlossen wird.  Bei diesem  Prozeß entsteht  gleichzeitig  ein
       kanzerogen-freies hochwertiges Öl 26).
       Die neue  Saarbrücker Landesregierung  unter Oskar Lafontaine hat
       Ende April einen Stopp gegen den Bau einer MVA in Völklingen ver-
       fügt. Gelingt  es ihr, diese negative Maßnahme durch positive In-
       novationen  wie   die  Niedertemperatur-Pyrolyse   von  Müll  und
       Klärschlamm zu  ergänzen 27), so würde sie sich zweifellos an die
       Spitze einer  Umweltbewegung gegen  die Dioxin-Gefahr setzen, die
       eine ähnliche  Dynamik entfalten dürfte, wie es die antimonopoli-
       stische Umweltbewegung gegen das DDT (Hans Roos) in den 60er Jah-
       ren tat 28).
       
       _____
       1) Oskar Lafontaine,  Der andere Fortschritt: Verantwortung statt
       Verweigerung Hamburg 1985 S. 204.
       2) K.H. Tjaden,  What does  'the productive forces will burst the
       capitalist relations  of production' mean? An approach to antica-
       pitalist political  strategy, in:  Rethinking Marx.  Hrsg. von S.
       Hänninen und L. Paldán, Argument Sonderband AS 109, S. 173.
       3) Karl Marx,  Kritik des  Gothaer Programms.  Mit Schriften  und
       Briefen von  Marx, Engels  und Lenin  zu den Programmen der deut-
       schen Sozialdemokratie, 5. Aufl., Berlin 1969, S. 17.
       4) Ebd.
       5) Ebd.
       6) Karl Marx,  Das Kapital:  Kritik der politischen Ökonomie, Er-
       ster Band, MEW 23, S. 531 f.
       7) K.H. Tjaden,  Gesellschaftliche Produktivkraft und ökonomische
       Gesellschaftsformation. Thesen zur Genese und Perspektive kapita-
       listischer Mensch-Natur-Beziehungen,  in: Dialektik 9, Ökologie -
       Naturaneignung - Naturtheorie, Köln 1984, S. 63.
       8) Hartmut Bossel,  Ökotechnik -  neue Richtung  des  technischen
       Fortschritts, in:  Interdisziplinäre Technikforschung.  Hrsg. von
       G. Ropohl 1981, S. 47-58.
       9) Rolf Czeskleba-Dupont,  Der Energiesektor als Problem regiona-
       ler Entwicklung:  Thesen zur natur- und arbeitsorientierten Bela-
       stungsanalyse, in:  Regionale Krisen  und Arbeitnehmerinteressen.
       Materialien zur arbeitnehmerorientierten Raumordnungs- und Regio-
       nalpolitik, StadtPlan 6, Köln 1981, S. 211-241.
       10) Florentin Krause  u.a., Energie-Wende: Wachstum und Wohlstand
       ohne  Erdöl  und  Uran.  Ein  Alternativ-Bericht  des  Öko-Insti-
       tuts/Freiburg, Frankfurt am Main 1980; Niels I. Meyer u.a., Ener-
       gie für die Zukunft: Alternativer Energieplan 1983 (dänisch), Ko-
       penhagen 1984.
       11) Hartmut Bossel,  Neue Gesichtspunkte  für die  Energieversor-
       gung, in: Sonnenenergie und Wärmepumpe Nr. 1/1981, S. 6-18.
       12) Vgl.   meinen    Beitrag   zur    Fachtagung    Umweltwissen-
       schaft/Umweltpolitik des  BdWi, Marburg/Lahn 1981 (Energiepolitik
       und Ökonomie der Naturressourcen am Beispiel Dänemark).
       13) R. Regner, Kombinationstechnik GWP/BHKW Tandem-Heizkraft-Wär-
       mepumpe, VDI-Berichte 455, S. 1-11.
       14) Vgl. Fnl2.
       15) Dieter Teufel u.a., Kohle - Übergangsstrategie für die Ökolo-
       giebewegung, Frankfurt am Main 1981.
       16) "...empfahl sich für die großen Stromproduzenten der Einstieg
       in die  Kernkraft nicht  zuletzt  als  eine  Anti-Gas-Strategie",
       Joachim Radkau,  Aufstieg und  Krise der deutschen Atomwirtschaft
       1945-1975, Reinbek 1983, S. 213.
       17) Barry Commoner,  Radikale Energiewirtschaft: Konkrete Kursän-
       derung in  der Energiepolitik (The Politics of Energy, dt.), Mün-
       chen 1980, bes. S. 135 ff.
       18) Barry Commoner,  Jackson's candidacy  will compel  Reagan  to
       face basic issues, in: New York Newsday, 20.2.1984.
       19) Barry Comnioner, The case for Jackson, in: Voice, 3.4.1984.
       20) Rudolf Hickel,  Kapitalfraktionen:  Thesen  zur  Analyse  der
       herrschenden Klasse, in: Kursbuch 42, Dez. 1975, S. 141.
       21) Vgl. die dänische Tageszeitung INFORMATION vom 14. 5. 85.
       22) Persönliche Mitteilung von Barry Commoner, New York.
       23) Barry Commoner  u.a., Environmental  and economic analysis of
       alternative municipal solid waste disposal technologies, 4 Bände,
       CBNS 1984 (c/o Queens College, Cuny, Flushing/New York 11367).
       24) Otto Hutzinger, Dioxine - Ökochemie, Expositions- und Risiko-
       analyse, Grenzwertermittlung,  in: Schriftenreihe  Chemie + Fort-
       schritt, Nr.  1/1985, Dioxin in der Umwelt. Hrsg. vom Verband der
       Chemischen Industrie e.V., S. 33.
       25) Commoners ursprüngliche  Beiträge von  1981/82 sind  insofern
       überholt, vgl.  Rolf Czeskleba-Dupont,  Die  Verbindung  von  Um-
       welt-/Energiepolitik und  der Verbesserung  der Arbeits-  und Le-
       bensbedingungen der  Arbeitnehmer am  Beispiel des  Ansatzes  von
       Barry Commoner, in: BdWi-Forum, Nr. 51/52, 1983, S. 44.
       26) E. Bayer,  M. Kutubuddin,  Öl aus Klärschlamm, in: Korrespon-
       denz Abwasser, Nr. 6/1982, S. 377-381.
       27) Peter Voelskow,  Spanisch-deutsches Projekt einer Gesamt-Ent-
       sorgung/Verwertung von Müll, Klärschlamm und Holzabfällen mit Se-
       kundärprodukten von  sehr hohem  Marktwert, in: Abfallverwertung,
       Referatesammlung zum 5. abfallwirtschaftlichen Fachkolloquium 25.
       und 26. April 1985 Kongreßhalle Saarbrücken. Kommunaler Abfallbe-
       seitigungsverband Saar  und Institut für Siedlungswasserbau, Was-
       sergüte und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart.
       28) Rolf Czeskleba-Dupont,  Was man  unbedingt kennen  sollte, um
       die Grünen  zu verstehen:  Ökologische Kritik  1962-1976, in: Um-
       weltfragen, Kommentierte Bibliographie (1), Argument Studienhefte
       SH 50, S. 3-19.
       
       Walter Hollitscher
       
       Ökologie unter verkommenden ökonomischen Verhältnissen
       ------------------------------------------------------
       
       Die politisch-ökonomischen  Verhältnisse unter den monopolkapita-
       listischen Bedingungen, welche seit der Jahrhundertwende vorherr-
       schen, wurden  von Lenin  - als er in der ersten Jahreshälfte von
       1916 "Der  Imperialismus als  höchstes Stadium  des Kapitalismus"
       verfaßte - schon als "faulender, parasitärer und absterbender Ka-
       pitalismus" gekennzeichnet.  Diese Merkmale  bestimmen noch heute
       die nicht-sozialistische  "Halbwelt", in welcher an drei Milliar-
       den der  nahezu fünf  Milliarden Erdenbewohner zu leben gezwungen
       sind. Jedoch  hat - diese so lange schon sterbende - Gesellschaft
       einen Grad  der Fäulnis und des Parasitentums hervorgebracht, für
       welche die deutsche Sprache das Wort "Verkommenheit" bereitstellt
       (englisch: "depravity").  Ich würde  vorschlagen, sich  seiner zu
       bedienen!
       Heute konzentrieren einige wenige Super-Riesenkonzerne Produktion
       und Handel der kapitalistischen Welt in ihrer Hand, wie Hans Kalt
       (in seiner  jüngsten Schrift:  "Das Finanzkapital in Österreich",
       Wien 1985)  treffend feststellt. Zugleich leiden hunderte Millio-
       nen Menschen  an Hunger  und suchen dutzende Millionen in hochin-
       dustrialisierten kapitalistischen  Staaten Lebende nach (schlecht
       bezahlter) Arbeit,  die ihnen  zumindest eine ärmliche Wohnung zu
       mieten und  sich dürftig zu bekleiden gestattet; da betäuben Mil-
       lionen ihre  leibliche und seelische Misere mit alt- und neumodi-
       schen Suchtgiften, welch letztere oft aufs Profitabelste von Che-
       mie-Konzernen "entwickelt" und bedenkenlos auf den Markt geworfen
       werden.
       Als der  große österreichische  Dichter und  Satyriker Karl Kraus
       während der I. Weltkriegsjahre (1915 - 1917) sein Werk "Die letz-
       ten Tage der Menschheit" schrieb (es erschien zuerst in den roten
       Heften seiner  Zeitschrift "Die  Fackel"), waren  der  Menschheit
       "letzte Tage"  von ihm zwar gezählt und aufs Erschütterndste poe-
       tisch gestaltet,  sind jedoch  heute - siebzig Jahre nach Bucher-
       scheinungsbeginn -  trotz schrecklichster II. Weltkriegswiederho-
       lung und  Abermillionen weiterer  Opfer bis  zum Tag, da ich dies
       schreibe, von  denen als  "letzte"  verhindert  worden,  die  der
       Menschheitszukunft zu  dienen bemüht  und (wie ich zuversichtlich
       hoffe) fähig  sein werden,  ihre Endgültigkeit zu verhindern, die
       heute zum erstenmal in der geschriebenen Geschichte möglich wäre,
       was eine  historisch   v ö l l i g  neue Situation darstellt: Die
       Menschheit könnte  sich ausrotten  durch  einen  "globalen  Atom-
       krieg", jedoch   a u c h   -  weniger spektakulär - durch protra-
       hierte ökologische Fehlgriffe und Katastrophen, also die Unfähig-
       keit,  die  "rationelle  Gestaltung  des  Stoffwechsels  zwischen
       Mensch und  Natur" (Marx) zu bewerkstelligen. "Dabei können diese
       ökologischen Weltprobleme nicht allein auf die Verschmutzung, Be-
       lastung, Vernichtung  und Verwüstung  der Natur reduziert werden;
       sie beinhalten auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen
       gearbeitet und  gelebt wird, und betreffen somit die Stellung des
       Menschen in der Gesellschaft" (Horst Paucke, Deutsche Zeitschrift
       für Philosophie,  3/1985, S.  209).  Und  ebendort  weiter:  "Der
       Sozialismus kann  die globalen Probleme unserer Zeit nicht allein
       für die  ganze Welt lösen. Dazu bedarf es der Anstrengungen aller
       Völker auf  unserem  Planeten,  gemeinsamer  Bemühungen  und  der
       Zusammenarbeit auf der Grundlage der friedlichen Koexistenz."
       Aus solchen  Erwägungen schlug ich - seit nunmehr geraumer Zeit -
       vor, daß  Marxisten von heute sich des Ausdrucks "Politische Öko-
       logie" bedienen,  gleichwie die  Klassiker (in den Worten von Sir
       William Petty,  1623 -  1687) die Ökonomie als "Politische Ökono-
       mie" der  kapitalistischen Produktionsweise  verstanden und  ihre
       Klassenabhängigkeit bewiesen  und ihre  Wandelbarkeit begrifflich
       konkretisierten: seitdem es Klassen gibt und solange es sie geben
       wird. Wer  die Ökologie  nicht als  Politische Ökologie begreift,
       hat sie  entgesellschaftlicht und somit ihren Gegenstand verfehlt
       - sei  es aus Unwissenheit, sei es aus Realitätsverleugnung. (Und
       für beides vergibt die herrschende Ausbeuterklasse "Gute - Dienst
       - Prämien".)  Für eine  zeitgemäße "Kritik der Politischen Ökolo-
       gie" ist's  höchste Zeit. Laßt uns endlich damit systematisch be-
       ginnen!
       Denn seitdem  es gesellschaftliche Klassen gibt - noch-nicht-ant-
       agonistische  (etwa  Bauern,  Handwerker,  vorwiegend  Ideell-be-
       schäftigte), antagonistische  und nicht mehr antagonistische, wie
       im heute sich rasant verbreitenden sozialistischen Anfangsstadium
       des Kommunismus  - gibt  es auch Klassenwidersprüche (sei es ant-
       agonistische, oder auch nichtantagonistische, wie im Sozialismus,
       welche der  Lösung bedürfen,  um nichtantagonistisch zu bleiben).
       Dies gilt für die Politische Ökonomie wie für die Politische Öko-
       logie.
       Die imperialistischen Länder haben heute eine, die ganze Welt ge-
       fährdende,  V e r k o m m e n h e i t  erreicht, von der auch wir
       Marxisten keine  angemessenen Erwartungsvorstellungen  hatten und
       die es heute zu thematisieren, theoretisch zu erfassen und propa-
       gandistisch-agitatorisch (nicht  nur in  der "Schönen  Literatur"
       der Dichtung,  sondern ebenso  in der  "unschönen Literatur"  der
       Wissenschaften) darzustellen  und abzuwehren  gilt. Dazu ist, wie
       für jede  berufsrevolutionäre Tätigkeit,  die Vereinigung  dreier
       s e h r   schwer kombinierbarer Haltungen erforderlich: Nachdenk-
       lichkeit (um  das Neue der Wirklichkeit zu begreifen), Entschlos-
       senheit (um  sie zum Besseren zu verändern) und Leidenschaftlich-
       keit, um zu beidem möglichst viele mitzureißen.
       Erinnere ich  mich, der ich 1911 geboren wurde, an meine Kindheit
       und Jugend, so traten mir der Parasitismus, der Verfaulungsprozeß
       und die  Krisenhaftigkeit dieser Zeit in Form des Luxus der Einen
       und der Armut der Vielen, in Form des I. Weltkriegs, der Berichte
       über seine  Greuel und  bald darauf,  als ich erwachsen wurde, in
       Gestalt der  Weltwirtschaftskrise von 1929 entgegen. (Lange zuvor
       schon im  Lenin-Todesjahr 1924, war ich seiner Bewegung - der Ju-
       gend zuerst  und bald darauf der Partei - beigetreten, die meinem
       Leben Sinn und Zweck verleihen sollte, von der Zeit des 13-jähri-
       gen bis zum Heute des 75-jährigen und solange es noch währt.)
       Jedoch etwa nach dem II. Weltkriegsgemetzel wurde die "neue" Ver-
       kommenheit  immer   deutlicher.  Hatte   Karl  Kraus   noch   der
       "Journaille" seiner  Tage treffend  nachgesagt, "sie  geben's  so
       billig, daß  es an Unbestechlichkeit grenzt", haben ihre Nachfah-
       ren von  heute nicht  nur ihr Einkommen, sondern ihre Lust am Er-
       sinnen zuvor  unerhörter Verleumdungen  alles Guten  in der Welt!
       Oft entsinne ich mich Karl Krausens Ausruf vom Vortragspult: "Was
       für eine Welt!" Und er meinte damit das, was er - der des Marxis-
       mus Unkundige - so treffend und kurz "die Bürgerwelt" nannte.
       Daß es  noch schlimmer  im langen Sterbensprozeß des Kapitalismus
       kommen konnte,  beobachten wir jetzt, da sich die Herrschaftsfor-
       men der  reaktionärsten  Strömungen  der  monopolistischen  Bour-
       geoisie in  der Allgemeinen  Krise des  Kapitalismus seit den II.
       Weltkriegszeiten neu  gestalten: Der  Faschismus erreichte  seine
       national-modifizierten Verkommenheitsformen zum Beispiel in Polen
       unter Pilsudski  (1926), in  Italien unter Mussolini, in Deutsch-
       land unter  Hitler, der  1933 seine Diktatur errichtete. Wo immer
       er auftrat,  bediente er  sich zum Zwecke der Spaltung der Massen
       verschiedener Formen  des  Rassismus:  einer  pseudo-biologischen
       Doktrin, welche  jede allgemeine  Menschlichkeit ausschließt  und
       jegliche  Schandtat   gegen  die  als  minderwertig  denunzierten
       "Rassen" herausfordert.
       Nach dem  Sieg über  den Hitler-Faschismus  im II. Weltkrieg, der
       die Stärke und Kampfkraft der Welt des Sozialismus allen sich ge-
       gen den  Faschismus Vereinigenden  welthistorisch erwiesen hatte,
       begann als neue Verkommenheitsströmung der Versuch der Geschlage-
       nen, ihre  Verbrechen zu  dissimulieren, um  Voraussetzungen  für
       ihre spätere  Wiederholung vorzubereiten.  Die  Verlogenheit  der
       verkommenden Bürgerwelt  erreicht dabei  ungeahnte Gestalten  und
       Dimensionen, deren  Aufdeckung und Bekämpfung uns, ihren Gegnern,
       das Äußerste  an diagnostischen,  propagandistischen,  agitatori-
       schen und  organisatorischen Kräften  abverlangt und  bis zum Tod
       des "sterbenden Kapitalismus" abverlangen wird. Wer da nicht aufs
       Aufrichtigste sagt,  was ist, begibt sich eines Teils der mobili-
       sierbaren Kampfeskräfte!
       Wer da  glaubt, die rassistische Verkommenheit würde mit dem Sieg
       über das NS-Regime überwunden sein, verkannte ihre Unentbehrlich-
       keit für  die Erhaltung der bürgerlichen Halbwelt von heute. Will
       diese ihr  Ausbeutungsregime noch  weiterhin "sichern", so bedarf
       sie  der   Denunzierung  eines  Gutteils  der  Ausgebeuteten  als
       "Halbmenschen", halbtierisch - nicht ganz menschlich. So etwa der
       "Schwarzen" in  Südafrika gleichwie  der "afroamerikanischen" Ne-
       gerbevölkerung der  USA und der lateinamerikanischen "Nicht-ganz-
       Weißen".
       Manche vermeinten, die Nachkommen der Opfer der entsetzlichen NS-
       "Juden"-Ausrottungen würden  durch das Schicksal der Millionenop-
       fer gegen  rassistische Parolen  und Mordaufrufe gefeit sein. Je-
       doch, zum  Beispiel in  Israel, wiederholen gewisse Ideologen des
       Zionismus die  seinerzeitige Losung Shabotinskis: "Tötet die Ara-
       ber und  vernichtet alles  Arabische!" Moshe  Dayan erklärte, man
       dürfe die  arabischen Probleme nur unter militärischem Aspekt se-
       hen (berichtete vor kurzem - laut "Neue Zeit", Juli 1985, Nr. 29,
       S. 16  - der  "Miami Herald"  in den  USA). Andere Israeli fühlen
       sich von  einer Ideologie  angezogen, welche die Exklusivität der
       "jüdischen Rasse"  (!) betont  und die Ausrottung der "arabischen
       Untermenschen"  auf   die  Flagge  mit  dem  Davidstern  schreibt
       ("Volksstimme", Wien, 23. Juli 1985, S. 4).
       Und die sogenannte "gelbe Rasse" der "Mongolen" (ohne die die an-
       tike Kultur  nicht für Europa bewahrt worden wäre), die einen be-
       trächtlichen Teil  der irdischen  Milliarden  von  Erdenbewohnern
       ausmacht,  wird   je  nach  antisozialistischem  Tagesbedarf  als
       "Verbündete"  oder   "Rassengegner"  beansprucht.  Wer  das  ohne
       "heiligen Zorn"  (um mit einem Bibelwort zu reden) mitanhört oder
       gar dabei  mittut, verdient wahrhaft, daß man  i h m  die Mensch-
       lichkeit abspricht.
       Um die Verkommenheitsgefahr am Beispiel meiner Heimat Österreich,
       der sogenannten  "Insel der Seligen" und seiner vielgerühmten So-
       zialpartnerschaftszustände zu  illustrieren, so ist sie jetzt ein
       Beispielsfall der  Suchtgiftszene -  der sich nicht wenige Öster-
       reicher weit  entrückt wähnten. Es geht ums Kokain (an dessen Er-
       forschung seinerzeit  niemand anderer  als  Sigmund  Freud  teil-
       hatte). Den  jungen Österreichern  werden heute  von den  Kokain-
       "Dealern" (Verkäufern)  "Top"-Leistungen auf  allen Gebieten ver-
       sprochen: Kreativität,  sexuelle "Höhenflüge", bestes berufliches
       "Funktionieren". Selbst  Kinder werden schon zum Kokain-Schnupfen
       verführt. Der Süchtiggewordene gibt in Österreich 40 000 - 60 000
       Schilling monatlich für seinen für ihn unwiderstehlich gewordenen
       Drang aus  - eine  Summe, die  schnellstens in  die  Kriminalität
       führt, da  sie nur  für "Top"-(Spitzen)-Verdienende erschwinglich
       ist. Verständlich,  daß Kokain  zum  Milliardengeschäft  geworden
       ist. Der  "weiße Schnee" wird von der Pharmaindustrie synthetisch
       ergänzt: "Pervitin"  und "Preludin"  treten als "Ergänzungen" zum
       Kokain am Pharma-Markt auf. Ob die Öffentlichkeit unserer Gesell-
       schaft sich  das über  ihre Krankenkassen bezahlen läßt, den Hohn
       zum Schaden fügend?!
       Genug der  Verkommenheits-Kasuistik, an  deren  e r s t e  Stelle
       ich, hierzulande, die Käuflichkeit und ihre gesellschaftliche To-
       lerierung durch  die Herrschenden und ihre Massenmedien zu setzen
       geneigt wäre.
       

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