Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       MASSENMEDIEN UND MASSENKOMMUNIKATION
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       Klaus Betz
       
       Die "neuen Medien" - Emanzipations- oder Herrschaftsmittel?
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       oder: Gegen eine linke "Mach-mit-Bewegung"!
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       "Hören wir  auf, uns  zu entschuldigen, wenn wir unsoziale Folgen
       der Technik  anprangern! Das  fortwährende Bekenntnis zum techni-
       schen Fortschritt'  schafft den ideologischen Rahmen, in dem seit
       langem blindlings  kapitalistisch genutzte  Technik und  sozialer
       Fortschritt gleichgesetzt werden". 1) Detlef Hensches Appell mar-
       kiert eine deutliche Wende in der gewerkschaftlichen Technologie-
       politik. Ganze  Einzelgewerkschaften wie die IG Druck und Papier,
       die Gewerkschaft  Handel, Banken  und Versicherungen, die Gewerk-
       schaft Erziehung  und Wissenschaft,  teilweise auch  die Deutsche
       Postgewerkschaft, die  ÖTV und  zunehmend auch der DGB-Bundesvor-
       stand wenden  sich heute gegen die tradierte Form gewerkschaftli-
       cher Technikbejahung  im Kapitalismus  und nehmen  eine kritische
       Position zum "technischen Fortschritt" ein.
       Dieser Sinneswandel ist in der Hauptsache Resultat eigener Erfah-
       rung. Sowohl  "vor Ort",  in den Betrieben und Verwaltungen, sind
       Gewerkschafter in zunehmendem Maße mit der Einführung neuer Tech-
       niken konfrontiert  und müssen  sich  dazu  verhalten,  als  auch
       spielt der  Einsatz der  - in  der Regel  elektronischen und com-
       putergestützten -  Technik eine  immer größere Rolle in gesamtge-
       sellschaftlichen Konfliktfeldern zwischen Arbeit und Kapital.
       Ergonomische wie  arbeitsorganisatorische Konzepte als Handlungs-
       anleitungen für Betriebs- und Personalräte reichen angesichts der
       Vielfalt einzelner  Techniken und  der Massivität  ihrer  Einfüh-
       rungsstrategien kaum mehr aus. Bremsen, Verzögern oder Verweigern
       drängen sich  als -  auf Dauer  sicherlich untaugliche - spontane
       Reaktionen  auf.  Gewerkschaftliche  Technologieberatungsstellen,
       vorwiegend auf der mittleren Ebene nach Branchen und Regionen in-
       stalliert, versuchen, diese Defizite wettzumachen und dabei nicht
       als "Feuerwehren"  zur nachträglichen  Bekämpfung  eines  bereits
       entstandenen Flurschadens  zu fungieren. Auf der tarifpolitischen
       Ebene begegnen  die Gewerkschaften  einer geballten Flexibilisie-
       rungsstrategie des  Kapitals, flankiert  von einer entsprechenden
       Wirtschafts- und Sozialpolitik der "Wende-Regierung". Wie hierbei
       die "Flexibilität  der Technik" auch als soziales Kampfmittel ge-
       gen die  Gewerkschaften genutzt wird, mußte beispielsweise die IG
       Dru-Pa im  Arbeitskampf um die 35-Std.-Woche 1984 schmerzlich er-
       leben: Durch  Auslagerungen und hausinterne Tätigkeitsverlagerun-
       gen - z.B. auf leitende Angestellte - konnten die Unternehmer den
       Streikzielen der  Gewerkschaft teilweise  ausweichen und z.B. die
       Herausgabe von  Tageszeitungen  trotz  Arbeitskampf  ermöglichen.
       Diese Erfahrungen  alarmierte nicht  nur die  IG Dru-Pa.  Auch in
       anderen Bereichen, in welchen neue Technologie massenhaft zur An-
       wendung gelangt,  könnten sich  die Kampfpositionen  zum Nachteil
       der Gewerkschaften verändern - die HBV kann davon in Kürze ebenso
       betroffen sein wie die DPG, die ÖTV und andere.
       Schließlich fürchten die DGB-Gewerkschaften mit Recht um ihre so-
       ziale Basis.  Die Massenarbeitslosigkeit  wirkt sich  schon heute
       auf die  Mitgliederzahlen negativ aus. Ein weiterer Rationalisie-
       rungsschub in den personalintensiven Dienstleistungsbereichen und
       im öffentlichen  Dienst droht zu einem ernsten Problem zu werden.
       Das nunmehr eingeleitete Umdenken innerhalb der Gewerkschaften in
       bezug auf  die neuen  Techniken hat  also durchaus  reale Hinter-
       gründe.
       
       Technologiekritik versus Produktivkraftentfaltung?
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       Die innergewerkschaftliche  Entwicklung  eines  technologiekriti-
       schen Ansatzes  korrespondiert  mit  einer  Umorientierung  eines
       (immer noch  kleinen) Teils  von  Wissenschaftlern  weg  von  den
       Fleischtöpfen des  Kapitals und  hin zu  einer verantwortlichen -
       weil an  den Interessen  der Menschen ausgerichteten - Forschung.
       Dieser Annäherungsprozeß  beruht zum einen auf der Erkenntnis der
       eigenen Verantwortung  für die Resultate ihrer Arbeit - nicht um-
       sonst sind  es Atomphysiker,  Biochemiker oder  Computerexperten,
       die sowohl  der Technologiedebatte  wie auch der Friedensbewegung
       entscheidende Impulse geben ", zum anderen bringt auch die zuneh-
       mende Polarisierung  innerhalb der  "wissenschaftlichen  Intelli-
       genz" -  bedingt durch  Akademikerarbeitslosigkeit einerseits und
       Elitebildung andererseits - die gemeinsame Interessenlage von In-
       telligenz und Arbeiterklasse deutlicher zum Ausdruck.
       Schließlich gewinnen marxistische Positionen zu Zeiten der ökono-
       mischen und  sozialen Krise des Kapitalismus, zunehmender Umwelt-
       zerstörung und  physisch-psychischer Belastungen des Menschen so-
       wie angesichts der Hochrüstung an Aktualität. Analysen und Erklä-
       rungen sind  hierbei ebenso gefragt wie Strategien und Handlungs-
       anleitungen.
       Konfrontiert mit  dem beschleunigten Diffusionsprozeß neuer Tech-
       nologien in  allen Arbeits- und Lebensbereichen, geraten nun aber
       der Anspruch  auf gesellschaftliche Analyse und die Notwendigkeit
       einer  Strategiefindung   auf  seiten   der   Linken   in   einen
       (scheinbaren) Widerspruch.  Die auch unter Marxisten unterschied-
       liche Herangehensweise  an das "Phänomen" neue Technologie ist m.
       E. auf  eben diesen  Widerspruch zurückzuführen  und weniger  auf
       Differenzen in  der Rezeption der "Klassiker". Nur so ist es wohl
       erklärbar, daß sich derzeit Positionen diametral gegenüberstehen,
       die in  dieser Ausschließlichkeit  sich nie  und nimmer  auf Karl
       Marx berufen  können. Weder  kann aus der Marxschen Kapitalismus-
       Analyse abgeleitet  werden, daß  der Produktivkraftentfaltung  im
       Kapitalismus eine "Fortschrittlichkeit" schlechthin zukommt, noch
       bietet Marx einen geeigneten Kronzeugen dafür, daß die Produktiv-
       kräfte im Kapitalismus sich notwendigerweise und zur Gänze zu De-
       struktivkräften entwickeln.
       Ohne die gebotene Eile zu übersehen, sollte doch Zeit genug sein,
       sich grundsätzlichen Fragen zu stellen und aus ihrer Beantwortung
       auch Rückschlüsse  für die  gegenwärtige Strategiedebatte zu zie-
       hen. Womit  kann beispielsweise legitimiert werden, daß eine Pro-
       duktivkraftentwicklung gutgeheißen  wird, die  Pershing-, Dioxin-
       und AKW-"Unfälle"  hervorruft? Sind dies nur die "Spuren", welche
       der Kapitalismus  an den  Produktivkräften hinterläßt,  oder  muß
       dies nicht  generelle Zweifel an der Sinnhaftigkeit mancher Tech-
       nologien hervorrufen?  Oder wie  kann behauptet  werden, daß  die
       derzeitige Entwicklung  der Technologie  im Kapitalismus  bereits
       "Planungsqualitäten" beinhaltet, die in Richtung Sozialismus wei-
       sen, wenn  diese "gesellschaftliche  Planung" Massenarbeitslosig-
       keit, soziales  Elend und  damit die Deformierung der  H a u p t-
       p r o d u k t i v k r a f t,     n ä m l i c h    d e s    M e n-
       s c h e n,   bewußt einkalkuliert? Wie kann schließlich übersehen
       werden, daß  die Entwicklungen  auf den  Gebieten von  Rüstungs-,
       Bio- und  von  Informations-  und  Kommunikationstechnologien  in
       erster Linie  der Macht- und Systemerhaltung des Kapitals dienen?
       Sollte nicht  eine Verständigung hierüber erzielt werden, ehe man
       sich überlegt,  welche einzelne Anwendungsform neuer Technologien
       auch unter  kapitalistischen Bedingungen  nützlich  und  sinnvoll
       sein könnte?  Auch scheint  mir der  Verweis darauf, daß die eine
       oder  andere   Technologie  unter  geänderten  gesellschaftlichen
       Verhältnissen fortschrittlich  genutzt werden  könnte,  zumindest
       solange der  Analyse wie  der Strategiefindung eher hinderlich zu
       sein, als nicht daraus Forderungen und Kampfpositionen entwickelt
       werden.
       Daß der Weg zum Sozialismus nicht der Entfaltung des Widerspruchs
       von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen allein überlas-
       sen werden  kann, dürfte  unter Marxisten  eigentlich  unstrittig
       sein. Fragen  wir doch  nach dem  "subjektiven Faktor",  nach dem
       "revolutionären Subjekt"!  Richten wir unsere Aufmerksamkeit dar-
       auf, wie der Mensch - und dabei insbesondere die Arbeiterklasse -
       von der  neuen Technologie und den sie begleitenden ökonomischen,
       politischen   und    ideologischen    Bedingungen    in    seinen
       "emanzipatorischen Fähigkeiten"  beeinflußt wird.  Und lassen wir
       uns dabei  nicht vom  Vorwurf der  "Maschinenstürmerei" oder  der
       "Technikfeindlichkeit" irre  machen, wenn  wir erkennen, daß eine
       bestimmte Technik  unter den  gegebenen gesellschaftlichen Bedin-
       gungen schlichtweg abzulehnen ist, weil sie gegen unsere Interes-
       sen entwickelt und eingesetzt wird.
       
       Die "neuen Medien" im Konzept der Herrschenden
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       Wenden wir  uns unter diesen Prämissen nun den "neuen Medien" zu.
       Hierbei haben  wir es im wesentlichen mit der Zusammenführung der
       Computertechnologie mit  dem Medien-  und dem Fernmeldebereich zu
       tun. Eine  erste (Test-)Form  dieser Verknüpfung  ist  der  Bild-
       schirmtext (Btx), wobei Großrechner (der Post und einzelner Kapi-
       tale), das  Fernmeldenetz (der  Post) und die Telefonapparate und
       Fernsehgeräte (der  einzelnen Firmen  und Haushalte)  miteinander
       verbunden sind.  Auch wenn Btx sich momentan zum Flop entwickelt,
       soll bei  aller (berechtigten) Schadenfreude nicht übersehen wer-
       den, daß  die "Schmetterlingsentfaltung"  der "neuen Medien" noch
       bevorsteht. Die beim Benutzer befindlichen Endgeräte sollen durch
       entsprechende elektronische  Zusatzgeräte und durch Mikrocomputer
       erweitert bzw.  ersetzt werden,  so daß  ein  computergesteuerter
       Austausch von  Texten, Daten,  Bildern und Sprache zwischen Teil-
       nehmern untereinander sowie zwischen Großrechnern und Mikrocompu-
       tern möglich  wird. "Mensch  - Maschine  - Dialog"  oder gar "Ma-
       schine - Maschine - Dialog" nennt man das dann...
       Die technischen  Voraussetzungen werden  gerade erst  geschaffen:
       Digitalisierung des  Fernmeldenetzes, massenhafte  Produktion ge-
       eigneter Endgeräte,  "Umrüstung" verschiedener  Arbeitsabläufe in
       Büros   und    Dienstleistungseinrichtungen   auf    Formen   der
       "elektronischen Selbstbedienung"  bzw. der  "elektronischen Fern-
       oder Heimarbeit",  Öffnung interner Netze ("Local Area Networks")
       gegenüber den  Postnetzen, die spätere Ersetzung des schmalbandi-
       gen Fernsprechkabels durch die Glasfasertechnik usw. usf.
       Alle diese  bereits eingeleiteten  oder in  Planung  befindlichen
       Entwicklungen im Bereich der "neuen Medien" dienen - so die These
       - der Herrschaftsabsicherung. Sie dienen der Stabilisierung eines
       Systems, das  - nicht  nur in  der Krise - in hohem Maße instabil
       geworden ist.  Ideologische Wertvorstellungen  geraten ebenso ins
       Wanken wie  wirtschaftliche  Grundlagen  der  "freien  Marktwirt-
       schaft", soziale  Probleme bleiben  ungelöst, politische Prozesse
       drohen den Herrschenden zu entgleiten. In einer derartigen Situa-
       tion kommen neue Mittel der Stabilisierung wie gerufen. Ökonomie,
       Ideologie und  Politik als Stützpfeiler auch der kapitalistischen
       Gesellschaft sollen  u.a. mit  Hilfe neuer Medientechnologien ze-
       mentiert werden.
       - Im Bereich der  Ö k o n o m i e  spielen die Rationalisierungs-
       potentiale der "neuen Medien" (in ihrer Gesamtheit als Informati-
       ons- und  Kommunikationstechniken) die  entscheidende Rolle.  Die
       damit verbundene  Steigerung der  Arbeitsproduktivität soll nicht
       nur zur  Vermehrung der  Profitmasse der Kapitale führen, sie ist
       gleichzeitig ein  wichtiges Moment  der Herrschaft  des  Kapitals
       über die  Lohnarbeit und berührt zudem die Kampfkraft der Organi-
       sationen der Arbeiterklasse.
       - Für den  Bereich der  bürgerlichen  I d e o l o g i e  bekommen
       die eigentlichen  "neuen Medien"  ihren Sinn.  Breitbandkabel und
       Satellit sind die technologischen "Argumente" für die derzeit be-
       triebene Unterordnung von Hörfunk und Fernsehen unter die Gesetze
       des Kapitals,  indem der private und kommerzielle Rundfunk durch-
       gepowert und  gleichzeitig dem öffentlich-rechtlich organisierten
       Rundfunk das Wasser abgegraben wird.
       - Im Bereich der  P o l i t i k  schließlich versprechen sich die
       Herrschenden von  den "neuen  Medien" vor  allem ein effektiveres
       Kontroll- und  Frühwarnsystem, um  sozialen und  politischen Kon-
       flikten wirksamer begegnen zu können.
       An dieser  Stelle soll  den verschiedenen Szenarien über die Aus-
       wirkungen der  "verkabelten Gesellschaft"  kein neues hinzugefügt
       werden. 2)  Ich möchte  es dabei belassen, auf die Gefahren einer
       unkontrollierten und  widerstandslos hingenommenen Einführung der
       "neuen Medien"  hinzuweisen: auf Vereinzelung, Entsolidarisierung
       und Beraubung  sozialer Kompetenzen durch Arbeitslosigkeit, durch
       Dezentralisierung und  Flexibilisierung der  Arbeit. Auf das Zer-
       reißen gesellschaftlicher  Zusammenhänge durch die Herrschaft der
       "Chaoten" über  alle Massenmedien  und die  daraus  resultierende
       Atomisierung von  Bewußtsein. 3)  Auf  die  Perfektionierung  des
       staatlichen Kontroll-  und Überwachungssystems, welches - die hi-
       storischen Erfahrungen zeigen es - im entscheidenden Moment immer
       gegen die organisierte Arbeiterklasse angewendet wird.
       
       Gegen eine linke "Mach-mit-Bewegung"
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       Wenn ich nach den vorangegangenen Überlegungen erst jetzt zum ei-
       gentlichen Thema,  zur Frage  nach den "alternativen Nutzungsmög-
       lichkeiten" neuer  Medientechniken, gelange,  so möge mir der ge-
       duldige Leser  dies verzeihen.  Der gewählte Umweg über das Nach-
       zeichnen gewerkschaftlicher  Technologiepolitik, über  die gegen-
       wärtigen Schwierigkeiten der linken Strategiedebatte und über die
       Vergegenwärtigung der  Funktionsbestimmung neuer  Technologie  im
       Kapitalismus schien  mir  erforderlich,  um  meine  Position  zur
       "Gretchenfrage" -  Mitmachen oder Verweigern? - zu verdeutlichen,
       die in der Tat auf eine Ablehnung hinausläuft.
       Ablehnen heißt  nun allerdings  nicht, den  Kopf in  den Sand  zu
       stecken, um  daran zu ersticken, wie es Norbert Blüm oder ein an-
       derer der  Bonner Strategen  unlängst den  gewerkschaftlichen und
       alternativen Neinsagern  wünschte. Gemeint  ist vielmehr eine Be-
       sinnung auf  die eigenen   P o s i t i o n e n,   auf  gemeinsame
       K a m p f z i e l e,   auf eine  Konzentration der   K r ä f t e.
       Alle drei  Momente sehe  ich aber durch die von Teilen der Linken
       propagierte "Mach-mit-Bewegung" tangiert:
       - Eigene   P o s i t i o n e n  wie die der marxistischen Gesell-
       schaftsanalyse, der  Bestimmung des  Gegners, der Auseinanderset-
       zung mit  dessen ideologischen  und politischen Argumenten drohen
       m. E.  mit der  unkritischen Hinwendung zur Computer- und Medien-
       technologie aufgegeben  zu werden.  Die Faszination  der Technik,
       die realitätsferne  Vorstellung von  deren emanzipatorischen Mög-
       lichkeiten (in  einer "Assoziation  freier  Menschen"?)  bedeutet
       nichts anderes, als einer modernen Variante jener Mystifikationen
       aufzusitzen, die  Karl Marx im "Kapital" als "falschen Schein der
       Wirklichkeit" enthüllt  hat. Hier  wie dort  wird die Erscheinung
       mit dem  Wesen der  Sache, ihren  gesellschaftlichen Bedingungen,
       verwechselt.
       - Gemeinsame   K a m p f z i e l e   wie der  Sozialismus geraten
       demjenigen außerhalb  des Blickwinkels,  der gebannt auf einzelne
       Anwendungsmöglichkeiten von  neuen Technologien  starrt und dabei
       die macht-  und systemstabilisierenden  Momente jener Technologie
       ignoriert. Dies heißt nicht, auf das Ausnutzen von systemimmanen-
       ten Widersprüchen bei der Einführung neuer Technologien - etwa im
       Bereich der  Kupferverkabelung - zu verzichten, sofern hieran ei-
       gene Positionen verdeutlicht werden können.
       - Die Konzentration  der  K r ä f t e  ist spätestens da aufgege-
       ben, wo  die Ebene der gesamten Gesellschaft, ihrer Institutionen
       und Machtzentralen,  verlassen wird, um "in kleinen, überschauba-
       ren Einheiten" isoliert zu operieren.
       Die gegenwärtigen  Versuche, einen  "alternativen  Gebrauch"  der
       "neuen Medien"  zu bewerkstelligen,  weisen m.E.  diese Tendenzen
       auf. Sei es das Konzept der "lokalen Radios", das sich - überfor-
       dert oder angewidert - von der "großen Politik" verabschiedet, um
       in der - politisch weitgehend bedeutungslosen - Kommune eine neue
       Art medial  vermittelter Kommunikation  zu etablieren; sei es die
       Bewegung   der    "freien   Radios",    die   sich    u.a.    als
       "Gegenöffentlichkeit" zum "etablierten" Rundfunk verstehen; seien
       es die  Versuche in  Ludwigshafen und  Westberlin, Sendezeiten im
       "offenen Kanal"  eines kommerziell organisierten Kabelprojekts zu
       ergattern.
       Keiner dieser  Ansätze scheint  mir geeignet,  mehr als  eine be-
       grenzte Öffentlichkeit  zu erreichen.  Bewußt verzichtet  man  ja
       auch auf  eine politische Einflußnahme auf überregionale Entwick-
       lungen im  Bereich des  Kabel- oder Satellitenfernsehens wie auch
       auf die  notwendige Reform der öffentlich-rechtlichen Rundfunkan-
       stalten. Außerdem  sind alle  diese Versuche  - im Unterschied zu
       den Kabelprojekten  - jederzeit  "rückholbar", da  sie - im Falle
       der illegalen  "freien Radios" - ständig der behördlichen Verfol-
       gung ausgesetzt  sind bzw. da sie - im Falle von legalen "lokalen
       Radios" und  "offenen Kanälen" - mit ökonomischen und rechtlichen
       Fesseln zu leben haben, die je nach politischer Bedeutung und in-
       haltlicher Brisanz  der vermittelten Inhalte lockerer oder straf-
       fer gehandhabt werden können.
       Anstelle der  optimistisch bis  verzweifelten "Mach-mit-Bewegung"
       von Teilen der Linken wünschte ich mir eine medien- und technolo-
       giepolitische "Koalition  der Vernunft",  die  mit  einheitlichen
       Forderungen auftritt  und ins Zentrum ihrer Ziele die Veränderung
       der politischen  und  sozialen  Rahmenbedingungen  stellt,  unter
       denen "neue  Medien" und neue Technologien schlechthin entwickelt
       und eingeführt  werden. Gewerkschaftliche Forderungen nach Mitbe-
       stimmung, Kontrolle  und Arbeitszeitverkürzung  gehören in  einen
       derartigen Forderungskatalog  ebenso wie die demokratische Verän-
       derung der bereits existierenden Institutionen gesellschaftlicher
       Kommunikation, der  Rundfunkanstalten. Auch will mir nicht in den
       Sinn, daß  eine zentrale  Parole der  Studentenbewegung - nämlich
       "Enteignet Springer!" - gerade heute nicht mehr gültig sein soll,
       wo eben  dieser Springer  mit aller  Macht  auf  die  Bildschirme
       drängt...
       
       _____
       1) Hensche, Detlef,  Es wird Zeit, auch einmal nein zu sagen, in:
       Hochschule der  Künste, Berlin/ Deutscher Gewerkschaftsbund, Lan-
       desbezirk Berlin (Hrsg.), Technik -Kultur - Gesellschaft Westber-
       lin 1985, S. 37.
       2) Zu empfehlen  ist in  diesem Zusammenhang wegen seines bislang
       kaum vorliegenden  Faktenreichtums: Kubicek,  Herbert/Arno  Rolf,
       Mikropolis, Hamburg 1985.
       3) Vgl. hierzu:  Hoffmann, Burkhard,  Die Desorganisation von ge-
       sellschaftlichem Bewußtsein durch kapitalistisch verfaßte Massen-
       medien am  Beispiel von  BILD,  in:  Betz,  Klaus/Andreas  Kaiser
       (Hrsg.), Wissenschaft  zwischen  Krieg  und  Frieden,  Westberlin
       1983, S. 218-223.
       
       Karl Pawek
       
       Die elektronischen Medien sind das Zeitgemäßeste und
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       faszinierendste Instrumentarium, Menschen vom Kulturschutt
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       und Ideologiemüll zu befreien
       -----------------------------
       
       Wer über  Alternativen nachdenkt, muß die Bedingungen kennen. Die
       elektronischen Medien  erscheinen nicht  in einem  ordnungsfreien
       Raum, sind  nicht nur  Technologie. Ihr einziger Zweck in unserer
       kapitalistischen Gesellschaft  ist die Profiterzielung durch Kon-
       sum und Rationalisierung. Jeder Linke weiß es, die entsprechenden
       Szenarien liegen zu Dutzenden vor. Doch sie erweisen sich als un-
       produktiv und  ähnlich erhellend  wie eine Kerze im Sturm. In der
       Diskussion um die elektronischen Medien haben Klischees die Phan-
       tasie erstickt.
       Angenommen, die  westlichen Besatzungsmächte hätten sich nach der
       Befreiung unseres Landes vom Nationalsozialismus darauf geeinigt,
       auf dem  Gebiet der späteren BRD nur eine beschränkte Anzahl aus-
       schließlich öffentlich-rechtlicher Zeitschriften zuzulassen. Oder
       sie hätten  darauf bestanden,  Buchverlage ausschließlich öffent-
       lich-rechtlich zu  organisieren. Es gäbe also kein KONKRET, keine
       DVZ, keine  UZ, nicht die hundert kleinen, aber höchst informati-
       ven und  lesenswerten Blätter.  Tausende Bücher,  gewiß nicht die
       unwichtigsten, wären  ungedruckt geblieben,  wenn die  formal der
       Öffentlichkeit, de  facto den  Parteien, in  ihrer  überwiegenden
       Mehrheit letztlich  dem Kapital verpflichteten Zeitschriften- und
       Buchräte über  die Veröffentlichung von Inhalten zu bestimmen ge-
       habt hätten.
       Müßten wir  nicht eine Kommerzialisierung solch öffentlich-recht-
       licher Medien Zeitschrift und Buch als befreiend empfinden? Warum
       aber hat  dann die Linke jahrelang die von englischen Besatzungs-
       soldaten dekretierte Rundfunkordnung vehement verteidigt? Hat sie
       sich von  ein paar Nischen, die ihr überlassen waren auf Widerruf
       (nicht durch  die Bevölkerung,  sondern durch Gremienmitglieder),
       so sehr  blenden lassen?  Machte sie  die Angst  blind, sie könne
       auch noch die wenigen mitternächtlichen Programmreservate verlie-
       ren?
       Die Lächerlichkeit linker Medienpolitik und -analyse ("Rettet den
       NDR" =  Kämpft für ein seichtes Werberahmenprogramm) ist nur kul-
       turpolitisch zu  erklären. Wie  schon  die  Väter  das  Kino  als
       "Theater des  kleines Mannes"  verachtet haben,  verachten unsere
       konservativen und  fortschrittlichen Kultureliten  die elektroni-
       schen Medien.  Je massenhafter  ein  Medium  verbreitet  ist,  je
       leichter es  technisch reproduzierbar  ist, desto  minderwertiger
       erscheint es  ihnen. Das  Fernsehen wird auf dieser Negativ-Skala
       nurmehr vom Rummelplatzvergnügen übertroffen.
       Aus Untersuchungen  wissen wir,  daß Fernsehkritiker ihr Publikum
       für dümmer  halten, als  es ist. Eine schlechtere Meinung vom Pu-
       blikum haben  nur noch linke Medientheoretiker. Ihren Zukunftsvi-
       sionen zufolge  sind die Menschen unterhaltungsgeil, abgestumpft,
       blöde, süchtig  nach der  ununterbrochenen Berieselung.  Auf  die
       schlichte Idee, daß sich die Menschen nur nehmen, was sie zur Be-
       friedigung ihrer  Bedürfnisse bekommen, und daß sie diese Befrie-
       digung eben  nur bei  den Angeboten der Springer, Mohn, Burda und
       Bauer (vorgegaukelt)  finden, weil wir linke Erziehungsdiktatoren
       ihnen nie eine akzeptable Alternative angeboten haben, kommen sie
       nicht.
       Alternativen brauchen  Phantasie, Verachtung aber tötet sie. Des-
       wegen ist  es sinnlos,  über  einen  alternativen  Mediengebrauch
       nachzudenken, solange  wir nicht  bereit sind, uns die elektroni-
       schen Medien  zu erobern  - und  dies nicht  aus der reaktionären
       kulturkritischen Position,  dadurch das Schlimmste zu verhindern,
       sondern in  der lustvollen  Gewißheit, daß mit den elektronischen
       Medien das  zeitgemäßeste, vielfältigste, faszinierendste und ef-
       fektivste Instrumentarium  vorhanden ist, viele Menschen vom Kul-
       turschutt und Ideologiemüll zu befreien.
       Eine Fortschrittsbewegung,  die nicht  willens ist,  sich der  am
       weitesten entwickelten  Produktionsmethode zu  bedienen, hat sich
       aufgegeben. Die  Ängste vor  einem Datenmißbrauch erinnern an das
       Verhalten kleiner  Kinder, die sich der Kontrolle durch den mäch-
       tigen Vater entziehen wollen, die sich Verstecke bewahren wollen,
       in denen  sie ihre geheimen Wünsche leben können. Aber angesichts
       der unaufhaltsamen  technologischen Entwicklung (deren Unaufhalt-
       samkeit zu  leugnen, Marx  bis zur Bedeutungslosigkeit revidiert)
       kann es doch nicht mehr um die vergebliche Bewahrung von Freiräu-
       men gehen,  nur um die Emanzipation vom Vater/Staat, um die Über-
       windung seiner  Macht. Nur  wer glaubt,  etwas Verbotenes zu tun,
       die Verbote also verinnerlicht hat, fürchtet sich davor, entdeckt
       zu werden.  Warum sollen  die Behörden nicht wissen, was ich tue,
       lese, mit  anderen bespreche? Warum soll ich mich verbergen, wenn
       ich nur  meine Rechte  in Anspruch  nehme? (Wo  es allerdings  um
       meine Pflichten  als Sozialist  geht, kann  kein Computer mich an
       einem konspirativen Verhalten hindern.) Mit linken Hasenfüßen je-
       denfalls ist dem Fortschritt nirgendwo gedient.
       Plötzlich soll  der älteste  Traum der Menschheit, von der Arbeit
       befreit zu werden, falsch sein? Zweifellos ist es die Aufgabe der
       Gewerkschaften, ihre  Mitglieder vor den Folgen der Rationalisie-
       rung zu  schützen -  und sei  es bis zum eigenen Untergang. (Denn
       selbstverständlich wird  eines Tages  auch die heute existierende
       Gewerkschaftsbewegung historisch  ähnlich überholt  sein wie wei-
       land das Gildewesen.) Aufgabe der Linken aber ist es, die gesell-
       schaftsverändernde Potenz  der elektronischen Rationalisierung zu
       analysieren, um auf der Grundlage der Analyse traditionelle Stra-
       tegien zu  überwinden, neue  zu entwickeln.  Wirklich wichtig ist
       jedoch nicht,  ob es  hierzulande gelingt,  diesen oder jenen Ar-
       beitsplatz zu  erhalten, wichtig  ist vielmehr  die Tatsache, daß
       Rationalisierung im  Kapitalismus eine heute noch unvorstellbare,
       das System  gefährdende Arbeitslosigkeit bedeutet, während Ratio-
       nalisierung im  planwirtschaftlichen Sozialismus  eine ungeheure,
       das System  stabilisierende Produktionssteigerung, eine gewaltige
       Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums zur Folge hat. Daraus
       ergeben sich  einige (auch  äußerst gefährliche  )  Konsequenzen,
       über die nachzudenken, auf die vorbereitet zu sein überlebensnot-
       wendig ist.
       Die Ohnmacht  der Linken in unserem Land und ihre traditionellen,
       auf vorelektronischen Verhältnissen fußenden Denkschemata (die zu
       überwinden eine  neue, sehr  intensive Beschäftigung mit Marx und
       dem von  ihm entwickelten Instrumentarium notwendig macht) lassen
       es als  unsinnig erscheinen,  sich über "anzustrebende Alternati-
       ven" den Kopf zu zerbrechen. Wagen wir daher sehr viel bescheide-
       ner nur einige Prognosen.
       Im Bereich  Rundfunk und Fernsehen wird sich zuerst die Großtech-
       nologie Satellitenempfang  durchsetzen. Dies  hat mehrere Gründe.
       Zum einen  soll die Satellitennutzung den militärisch-industriel-
       len Bereich mitfinanzieren. Die Entscheidung für den Bau bzw. die
       Finanzierung von  Kommunikationssatelliten war lange vor der Neu-
       gestaltung unserer  Rundfunkverhältnisse gefällt worden. Satelli-
       tenrundfunk gibt  es also,  weil Satelliten genützt werden müssen
       aus ökonomischen,  vor allem  Wettbewerbsgründen. Die europäische
       Weltraumindustrie kann nur ihre Produkte verkaufen, wenn sie sich
       im Betrieb bewährt haben. Für die größten Verleger/Filmhändler in
       der BRD  bedeutet Satellitenfernsehen die Ausschaltung bzw. Redu-
       zierung der lästigen und teuren Konkurrenzphase. Die immensen Ko-
       sten dieser  Technologie erlauben  es nur  wenigen Veranstaltern,
       sich hier  zu engagieren.  Man bleibt  auch in dieser schwierigen
       Umbruchphase unter sich. Außenseiter haben keine Chance, der Ver-
       teilungsschlüssel  kann  einfach  übernommen  werden.  Der  Staat
       schließlich als  Agentur der Eigentümer an den Produktionsmitteln
       braucht bei der Satellitentechnologie keine systemkritischen Pro-
       gramminhalte zu  fürchten. Satellitenrundfunk  ist die  zentrali-
       stischste und  daher am besten kontrollierbare Form der Rundfunk-
       versorgung. Die  finanzielle Beteiligungsschwelle  garantiert Sy-
       stemkonformität.
       In dieser  ersten Phase der Umgestaltung unserer Medienlandschaft
       wird sich grundsätzlich an den bisher entwickelten Programmstruk-
       turen nichts  ändern. Es  wird kaum  Innovationen geben (die Höhe
       des Kapitaleinsatzes und die Abhängigkeit von Einschaltzahlen er-
       lauben keine  Experimente), die  Programme  bleiben  größtenteils
       austauschbar, Heino  und Rosenthal  hören sich bei Springer nicht
       anders an  als bei  der ARD.  Der Anteil US-amerikanischer Serien
       und Spielfilme  am kommerziellen Satellitenprogramm kann kaum hö-
       her sein  als bei ARD und ZDF. Im Bereich der politischen Sendun-
       gen ist  vor allem von RTL/Bertelsmann eine unabhängigere Haltung
       zu erwarten. Hier muß die regierungsamtlich-staatstragende Hofbe-
       richterstattung von  TAGESSCHAU und "heute" die Konkurrenz fürch-
       ten. Qualitativ  neue Sendeformen  und -inhalte  können erst  vom
       Nahbereichsradio und  -fernsehen etwa  ab 1987  erwartet werden -
       vorausgesetzt, die  kreative Linke (eigentlich ein Pleonasmus, in
       der BRD  eher ein  Widerspruch) vermag die medialen Möglichkeiten
       zu nutzen. In ihrer bisherigen Form versammeln Rundfunk und Fern-
       sehen ihre Abnehmer vor den Apparaten, um sie - in der Konsumhal-
       tung vereinzelt - mit einer beschränkten Anzahl von Programmen zu
       bedienen. Neu  am Nahbereichsradio  mit Hunderten Sendern überall
       in der  BRD könnte weniger eine Regionalisierung oder gar Lokali-
       sierung der  Programme sein, sondern sein neues, aus dem billigen
       Betrieb und  seiner Gewöhnlichkeit resultierendes Selbstverständ-
       nis. Rundfunk  wäre dann  nicht mehr  eine Veranstaltung, sondern
       ein Zustand  ununterbrochener Kommunikation,  an der  sich  jeder
       nach Lust und Laune beteiligen kann.
       Als äußerst  flüchtige Medien  eignen sich Rundfunk und Fernsehen
       kaum für gründliche Darstellungen, Analysen, vertiefende Informa-
       tionen. Dies  leisten Zeitschriften,  Bücher, Video, Speicherpro-
       gramme, die wiederholt verfügbar sind, sehr viel besser. Die Vor-
       stellung von  Rundfunk  und  Fernsehen  als  Bildungsinstrumenten
       stammt aus  der Schriftkultur,  berücksichtigt nicht die spezifi-
       schen Eigenschaften  der elektronischen  Medien und  mußte  daher
       scheitern.
       Die tatsächliche Nutzung der Medien durch die Bevölkerung entwic-
       kelte sich  in eine  andere Richtung. Radio wird kaum noch bewußt
       gehört, sondern  als Hintergrundgeräusch empfunden, wobei der Hö-
       rer ähnlich  reagiert wie ein Mensch auf der Straße oder in einer
       Gesellschaft: Unbewußt kontrolliert er alle hörbaren Impulse; si-
       gnalisiert ihm seine Hirn-Kontrollinstanz Relevanz (z.B. über ein
       Signal im Straßenverkehr, einen Begriff im Gespräch), schaltet er
       auf bewußten  Empfang um.  Langsamer zwar, aber doch ganz ähnlich
       ändert sich  der Gebrauch  des Fernsehens.  Die Fernbedienung er-
       laubt den  bequemen Programmwechsel  und fördert so die Erfahrung
       des Fernsehens als Zustand, später als Begleitumstand. Zweit- und
       Drittgeräte in  anderen Räumen  machen das Fernsehen ortsunabhän-
       gig. Auch bei uns wird sich das US-amerikanische Fernsehverhalten
       durchsetzen, wobei  die hier herrschende Vorstellung, US-Amerika-
       ner würden  tatsächlich jeden Tag sechs Stunden fernsehen, absurd
       ist. Nur die Apparate sind sechs Stunden lang eingeschaltet, aber
       sie fungieren  die meiste  Zeit wie  Fenster. Passiert etwas, das
       einen interessiert, schaut man hin, wie man an das Fenster tritt,
       wenn es  auf der  Straße kracht.  Ist allerdings ein Straßenumzug
       angekündigt (ein interessierendes Programm), rückt man sich einen
       Stuhl zurecht.
       Neue Technologien  werden diese Entwicklung beschleunigen. Inter-
       essierende Einzelsendungen  können schon heute unabhängig von ih-
       rer Ausstrahlungszeit über Videorecorder gesehen werden. In naher
       Zukunft wird  der Zuschauer  den gewünschten Film, die Dokumenta-
       tion einzeln  abrufen bzw. sich bei Liveübertragungen hinzuschal-
       ten können. Jenes Programm aber, das heute unsere Vorstellung von
       Rundfunk und  Fernsehen noch  prägt, wird  sehr viel  beiläufiger
       werden.
       Im gleichen  Maß, in  dem es  seinen Veranstaltungscharakter ver-
       liert, öffnet  es sich der Teilnahme, wird es kommunikativ. Viele
       kleine, spontane  statt perfekte  Rundfunk- und  Fernsehstationen
       könnten den  Gebrauch von  Rundfunk ebenso selbstverständlich ma-
       chen wie  den Gebrauch  des Telefons.  Man hört  zufällig, mischt
       sich ein,  erfährt Wirklichkeit, teilt Erfahrung mit. Das Bedürf-
       nis der  Menschen nach  einer Teilnahme an der Kommunikation wird
       zumeist unterschätzt.  Als im  Frühjahr das Bremer Fernseh-Regio-
       nalmagazin "Buten  & Binnen"  seine Zuschauer  aufforderte,  ihre
       Liebesgedichte einzusenden, erhielt die Redaktion innerhalb weni-
       ger Tage  über 500  Briefe. Seither liest in jeder 18-Uhr-Ausgabe
       dieses Magazins ein Einsender seine Gedichte vor - trotz der rie-
       sigen Schwellenangst  vor dem  Betreten einer öffentlich-rechtli-
       chen Anstalt,  trotz der Einschüchterung durch technische Großap-
       paraturen und Perfektionszwänge.
       Wieviel kreativer,  öffentlicher, demokratischer  und damit  auch
       relevanter könnten  diese billigen  Nahbereichsradios sein, würde
       es gelingen,  sie der  staatlichen Aufsicht,  also der  Kontrolle
       durch die Herrschenden zu entziehen. Aber wir lebten nicht in der
       BRD, würde sich nicht bereits jetzt eine gegenteilige Entwicklung
       abzeichnen. Noch  kennt man  nicht die  Frequenzen, noch besitzen
       wir kaum  Vorstellungen von  den Inhalten,  doch sicher ist schon
       jetzt daß  wiederum berufene Vertreter der gesellschaftlich rele-
       vanten Gruppen  - wie  bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten -
       für die systemstabilisierende Ausgewogenheit sorgen werden. Diese
       Gremien als Garanten öffentlicher Kontrolle über kommerzielle In-
       teressen zu  verstehen, ist  ein gründliches  Mißverständnis. Sie
       sollen nur Notbremsungen rechtfertigen.
       Denn verdächtig ist hierzulande nicht der Kapitalist. Was er tut,
       um durch  größtmögliche Einschaltzahlen  sein Vermögen zu mehren,
       ist gut  getan im  Sinne der  Herrschenden. Verdächtig  sind  nur
       jene, die  zwecks Aufklärung,  zwecks Förderung der Emanzipation,
       zwecks Weckung  des persönlichen  wie politischen Bewußtseins In-
       halte medial verbreiten wollen. In ihren Händen könnte ein derart
       billiges und  effektives Medium  wie der  Rundfunk gefährlich ge-
       sellschaftsverändernde Wirkung  zeigen. Vor  allem die Gleichzei-
       tigkeit von  Senden und Empfangen, die Mobilität der Sendeanlagen
       und die  Unkontrollierbarkeit der  Empfänger  zwingen  die  Herr-
       schenden seit der Erfindung dieses. Mediums, sich die Kontrollge-
       walt zu  bewahren. Druckerzeugnisse müssen einen langen und zeit-
       aufwendigen Weg  zurücklegen, bis  sie den  Empfänger  erreichen.
       Während des  Transportes haben  die Behörden  viele Möglichkeiten
       einzugreifen, notfalls  den Vertrieb  zu verhindern  (z.B.  durch
       Beschlagnahmeaktionen beim  Buchhandel). Rundfunk  und  Fernsehen
       hingegen, soweit  sie über  Ätherwellen verbreitet  werden,  sind
       kontrollierbar erst, wenn sie ihren Empfänger bereits erreichen.
       Wir Linken  in diesem  Land sollten  unser legalistisches  Denken
       überprüfen. Die  Berufung auf  Gesetze eignet sich zur Agitation,
       aber die Gesetze - nicht nur die Berufsverbote beweisen es - bil-
       den für Herrschaftsfremde keinen Schutz. So müßte es im Interesse
       der Linken  liegen, eine  völlig staatsunabhängige,  rein kommer-
       zielle Rundfunkyerfassung  zu schaffen,  in  deren  Rahmen  fort-
       schrittliche Programme ebensowenig zu verhindern sind wie repres-
       sive, verdummende  Kommerzprogramme. Im Unterschied zu den Volks-
       verächtern in  allen politischen  Lagern habe  ich keine Zweifel,
       daß die  Menschen ein  sehr feines  Gespür dafür haben, was ihnen
       nutzt und was sie nur ruhigstellt.
       Da ein  solcher stäatsfreier  Rundfunk in  der BRD  auf absehbare
       Zeit undenkbar  ist, kann  fortschrittliche Rundfunkarbeit  neben
       der Nutzung aller Freiräume im öffentlich-rechtlichen wie kommer-
       ziellen Radio und Fernsehen nur bedeuten, die freie und daher il-
       legale Rundfunkbewegung  zu unterstützen.  Und hier gilt, was den
       Umgang mit  allen Medien, Daten- und Informationssystemen bestim-
       men sollte: Die Linke muß alternative Gebrauchsmöglichkeiten auf-
       zeigen, muß deutlich machen, daß es sich um großartige, nützliche
       Erfindungen handelt,  die unsere  menschlichen Sinnesorgane  ver-
       vollkommnen, unsere  Körperfertigkeiten  vervielfachen.  Nur  ihr
       Mißbrauch, nicht jedoch ihre technischen Eigenschaften machen sie
       gefährlich, reduzieren  sie -  keineswegs widerspruchsfrei  -  zu
       Herrschaftsmitteln. An  diesem Gegensatz  zwischen  humanen  Nut-
       zungsmöglichkeiten und  kapitalistischem Gebrauch  zeigt sich der
       gefährlich erbärmliche  Zustand des  Kapitalismus. Noch vermag er
       die meisten  aus seinem  Antrieb entstandenen  Erfindungen zu be-
       herrschen, aber er kann sie nicht mehr in einem fortschrittlichen
       Sinne nutzen wie einst die Dampfmaschine oder die Elektrizität.
       Die Aufsplitterung  von Rundfunk und Fernsehen kann die ideologi-
       sche Dressur  erschweren, Informationssysteme können Herrschafts-
       und Elitewissen  demokratisieren, der elektronische Rationalisie-
       rungsschub kann das Herrschaftssystem direkt gefährden (durch die
       Befreiung des Menschen von der Arbeit als Voraussetzung des Nach-
       denkens über  sich selbst  und die  ihn umgebenden  Verhältnisse;
       durch die  Vernichtung von  Arbeitsplätzen in  einem jede sozial-
       partnerschaftliche Illusion  zerstörenden Ausmaß).  Voraussetzung
       dafür aber ist, daß uns Informationssysteme nicht unheimlich sind
       aus Unkenntnis.  Es gibt  in diesen  Bereichen keine andere anzu-
       strebende Alternative,  als sie  kennen- und nutzenzulernen, denn
       sie willkürlich  zu beherrschen,  fehlt uns noch die Macht. Diese
       zu erobern  aber wird nicht gegen die Elektronik oder im Verzicht
       auf sie möglich sein, sondern nur durch die Kenntnis ihrer physi-
       kalischen, informationstheoretischen,  ökonomischen  und  gesell-
       schaftlichen Eigenschaften und die Anwendung ihrer Möglichkeiten.
       

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