Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       WEGE UND MÖGLICHKEITEN DER GESELLSCHAFTLICHEN
       =============================================
       UND WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG UNGARNS
       ========================================
       
       Erzsébet Gidai
       
       1. Die  neuen Anforderungen und die Antworten der 70er Jahre - 2.
       Plan und  regulierter Markt:  Weiterentwicklung des  Systems  der
       Wirtschaftsführung -  3. Beschäftigung,  Bildung und Struktur der
       Arbeitskräfte -  4. Einkommensverteilung  und Differenzierung der
       Einkommen - 5. Tendenzen und Möglichkeiten der Entwicklung
       
       1. Die neuen Anforderungen und die Antworten der 70er Jahre
       -----------------------------------------------------------
       
       In der  sozialökonomischen Entwicklung  Ungarns haben sich in den
       vergangenen 40  Jahren Veränderungen  von historischer  Bedeutung
       vollzogen, deren Ergebnisse auch im internationalen Vergleich als
       beachtlich bezeichnet  werden können. Zwischen 1950 und 1980 sind
       das Nationaleinkommen  auf das Fünffache, die Industrieproduktion
       auf das  Neunfache, der  Grundmittelfondsbestand  der  Volkswirt-
       schaft auf  das 4,2fache  und der Privatverbrauch der Bevölkerung
       auf das Vierfache angestiegen. Die Schaffung sozialistischer Pro-
       duktionsverhältnisse war  die Grundlage  zur  Gewährleistung  von
       Existenzsicherheit und  Vollbeschäftigung. Wichtig  war aber auch
       die Verwirklichung  der kostenlosen  Schulbildung und  ärztlichen
       Versorgung. Die  Ergebnisse in  der Landwirtschaft sind besonders
       herausragend:  In  der  landwirtschaftlichen  Pro-Kopf-Produktion
       steht Ungarn heute international an 6. Stelle.
       Die positiven  quantitativen Ergebnisse  waren aber nicht mit der
       notwendigen qualitativen  Veränderung gepaart. So ist die ungari-
       sche Wirtschaft  in den  80er Jahren durch strukturelle Probleme,
       Spannungen, Rückständigkeit  in der  wissenschaftlich-technischen
       Entwicklung charakterisiert.  Neben den  strukturellen  Problemen
       führte das  niedrige Niveau der wirtschaftlichen Effektivität zur
       Verminderung der  Effektivität der  Investitionen, der Produktion
       und der  Exportfähigkeit. Die  Wurzeln der sich verstärkenden Wi-
       dersprüche der  80er Jahre  liegen in der Vergangenheit. Die Ant-
       wort auf  die Anforderungen  der 70er Jahre war eine schwere Prü-
       fung.
       In diesem  Jahrzehnt wurde die ungarische Wirtschaft, ähnlich wie
       die anderer  Länder, mit  Veränderungen der  weltwirtschaftlichen
       Bedingungen konfrontiert,  die ihre  Rahmenbedingungen  gründlich
       veränderten. Die  Weltwirtschaftskrise von  1973/74 schuf für die
       ungarische Wirtschaft  eine neue Lage, deren Erkenntnis und Aner-
       kennung eine  geraume Zeit erforderte. Der Anpassungsprozeß wurde
       verzögert, weil  die Rohstoff-  und  Energieversorgung  gesichert
       war, das  die Verluste  finanzierende Budget  noch funktionierte,
       die Wirtschaftsführung  die Verschlechterung  der terms  of trade
       als Übergangszustand  betrachtete und deshalb kein neues Programm
       ausgearbeitet wurde. Das Plansoll wurde nicht korrigiert.
       Seit Mitte der 70er Jahre war die ungarische Wirtschaft mit einem
       immer angespannteren Gleichgewicht konfrontiert. Es mußte erkannt
       werden, daß die Wirkungen der durch die Weltwirtschaftskrise aus-
       gelösten Prozesse  dauerhafter Natur waren und die unvorteilhafte
       Weltmarktlage die  Absatzbedingungen verschlechterte, was die in-
       neren Disproportionen  verstärkte.  Das  Wirtschaftswachstum  zur
       Mitte der  70er Jahre war durch die Einbeziehung äußerer Ressour-
       cen möglich gewesen. Diese Möglichkeiten verminderten sich jedoch
       mit der Verschlechterung der terms of trade.
       Es ist bekannt, daß die ungarische Wirtschaft eine äußerst offene
       Wirtschaft ist,  deren Gleichgewichtsprobleme aus den 70er Jahren
       diesen Grundzug  verstärkten. Damals  machte der  Export fast die
       Hälfte des  Volkseinkommens aus.  Die 'Mängel einer grundsätzlich
       auf Endprodukte  konzentrierten Industrieproduktion  wurden Mitte
       der 70er Jahre deutlich, weil dies zur stufenweisen Verschlechte-
       rung der  Außenhandelsbilanz beitrug. Eine Erhöhung des Volksein-
       kommens um  l %  erhöhte den  Import um 2%, wobei sich der Export
       nur um  1/2 % erhöhte.  Daraus folgte,  daß das schnelle Wachstum
       die Außenhandelsbilanz ständig verschlechterte, da deren Defizite
       eine wachsende Verschuldung der Volkswirtschaft nach sich zogen.
       Als die Bedeutung der fortlaufenden Verschlechterung der terms of
       trade erkannt  wurde, wurden  1977 und  1978 Entscheidungen  über
       einen neuen Weg des Wachstums und eine entsprechende Wirtschafts-
       politik getroffen.  Im Zentrum der neuen Wirtschaftspolitik steht
       statt der Erhaltung des Wachstumstempos die Wiederherstellung des
       volkswirtschaftlichen Gleichgewichts, die Umformung der Produkti-
       ons- und  Außenhandelsstruktur. Kernpunkte waren die Verminderung
       des Wachstumstempos sowie die Abstimmung von Export und Import im
       Interesse des Gleichgewichts der Außenhandelsbilanz, also die Un-
       terstützung des  Exports und  die Beschränkung  des Imports. Nach
       der Wende  von 1978  wurde die wirtschaftliche Restriktion konse-
       quent verwirklicht.  Dies bedeutete  die Begrenzung des Wachstums
       des Volkseinkommens und des Inlandsverbrauchs.
       Degressiver Inlandsverbrauch  im  Rahmen  eines  kaum  wachsenden
       Volkseinkommens bedeutete,  daß der Verbrauch der Bevölkerung und
       die Investitionen  vermindert werden  mußten. Um die weitere Ver-
       schlechterung der  Außenhandelsbilanz zu  vermeiden,  wurde  1979
       eine strenge  Importregelung zum Stopp der Erhöhung des Rohstoff-
       imports eingeführt.  Mit Hilfe von Finanzregelungen wurde der Er-
       satz der  Importrohstoffe durch  Inlandsrohstoffe angespornt. Die
       Möglichkeiten dazu waren aber begrenzt, da die Importbeschränkung
       infolge Rohstoffverknappung  auch die  Industrieproduktion beein-
       trächtigte.
       Die Drosselung  des Inlandsverbrauchs  hatte jedoch nicht nur auf
       die Akkumulation, sondern auch auf den Endverbrauch Auswirkungen.
       Konnte die  Bremsung der Akkumulation im Rahmen des Jahresbudgets
       verwirklicht werden,  so erforderte  das Einfrieren  des Bevölke-
       rungsverbrauchs eine Reihe miteinander abgestimmter Maßnahmen auf
       dem Sektor  der Preis- und Lohnpolitik. Das Wachstum des Bevölke-
       rungsverbrauchs konnte  mit der Senkung bzw. Beschränkung des zur
       Verfügung stehenden  und für den Verbrauch verwendeten Einkommens
       bzw. einer entsprechenden Verbraucherpreispolitik realisiert wer-
       den. Das Netto-National-Produkt zu Marktpreisen erhöhte sich 1981
       und 1984  durchschnittlich um  1,2%. Das Volkseinkommen Ende 1983
       war aber  nur um  6,4% größer  als 1978. In fünf Jahren wuchs das
       Volkseinkommen nur  um die jahresdurchschnittliche Rate der Peri-
       ode 1968  bis 1975.  Die Entwicklung  der wichtigsten  volkswirt-
       schaftlichen Kennziffern  von 1979  bis 1984 ist in der folgenden
       Tabelle zusammengefaßt.
       
       Kennziffer und
       Maßeinheit                1979   1980   1981   1982   1983   1984
       
       Jährlicher Zuwachs des
       Nationaleinkommens in %    1,5   -0,8    2,0    2,3    1,0    1,9
       Jährlicher Zuwachs der
       Industrie-Produktion in %  2,4    0,5    2,8    2,4    0,8    3,4
       Jährlicher Zuwachs der
       Investitionen in %         3,0   -5,9   -5,6   -2,8   -0,6   -5,0
       Jährlicher Zuwachs der
       landwirtschaftlichen
       Produktion in %           -1,5    4,6    2,0    7,3    1,5    4,6
       Jährlicher Zuwachs des
       Verbrauchs der Bevölkerung
       in %                       2,1    1,7    1,5    1,4    1,2    1,0
       Jährlicher Zuwachs des
       Reallohnes (pro Kopf) in % 1,8    1,2    0,8   -0,5   -2,1   -2,5
       Jährlicher Zuwachs des
       Realeinkommens (pro
       Beschäftigten) in %        2,4    1,5    1,2    0,8    0,6    0,5
       Exportzuwachs
       pro Jahr in %             10,5    1,5    2,6    7,2    9,5    6,8
       Importzuwachs
       pro Jahr in %             -3,0   -1,2    0,2    0,1    4,0    1,1
       Bevölkerung            10710,1       10712,8       10700,2
       in 1000 Pers.                 10709,5       10710,9       10678,8
       _____
       Quelle: Statistische Jahrbücher
       
       Die Restriktionspolitik  verwirklichte  mit  der  Drosselung  des
       Wachstumstempos zur  Wiederherstellung des Gleichgewichts und zur
       Sicherung der  Zahlungsfähigkeit erfolgreich  den eingeschlagenen
       Kurs.
       1982 schloß  die Außenhandelsbilanz  mit positivem Saldo, und der
       Schuldenstand des  Landes wurde etwas niedriger. War hinsichtlich
       der Mengenkennziffern  die Begrenzung des Wirtschaftsniveaus auch
       erfolgreich, so  wurden die  auch früher  schon drückenden Quali-
       tätsprobleme noch  stärker. Eine  strukturelle  Umgestaltung  der
       Wirtschaft fand nicht statt, der Rückstand in der Technikentwick-
       lung vergrößerte  sich, die  Effektivität der  Arbeit stagnierte,
       und infolge der negativen Auswirkungen vor allem der Preissteige-
       rungen auf  das Lebensniveau entstanden soziale Spannungen. Diese
       drückten sich  aus  in  der  Differenzierung  der  Einkommen,  in
       Mehreinkommen ohne  entsprechende Qualitätsarbeit,  die mit soge-
       nannten Tricks  erlangt wurden.  Die Anfang der 80er Jahre einge-
       führten Kleinunternehmen  (wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften,
       wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Großunterneh-
       men)  verstärkten   diese  Tendenz.  Nachteile  hatten  besonders
       Schichten wie  Rentner, jugendliche Berufsanfänger und kinderrei-
       che Familien.
       In dieser  komplizierten Entwicklungsphase der Wirtschaft entfal-
       tete sich  die Diskussion  über die  Weiterentwicklung der  Wirt-
       schaftsleitung. Mit  dem Beschluß  des ZK der USAP vom April 1984
       wurde mit  der Weiterführung der Wirtschaftsreformen von 1968 be-
       gonnen. Dies  sowie die Notwendigkeit der Dynamisierung der Wirt-
       schaft wurde auf dem XIII. Parteitag der USAP im März 1985 disku-
       tiert und in einem Beschluß festgelegt. 1)
       
       2. Plan und regulierter Markt:
       ------------------------------
       Weiterentwicklung des Systems der Wirtschaftsführung
       ----------------------------------------------------
       
       Das Jahr  1985 bedeutet  einen Wendepunkt der Wirtschaftsentwick-
       lung in  dem Sinne,  daß die  Maßnahmen zur Weiterentwicklung der
       Wirtschaftsleitung nunmehr kontinuierlich eingeführt werden. Dies
       spielt auch eine wichtige Rolle für die langfristige Wirtschafts-
       strategie. Grundlegende  Ziele sind die Steigerung der Effektivi-
       tät der  Wirtschaft, die  Förderung des wirksameren Wirtschaftens
       mit dem  gesellschaftlichen Eigentum  und die Vorwärtsentwicklung
       des Landes. Die konkreten Aufgaben sind:
       1. Die Entfaltung  des Unternehmerverhaltens. Dies beinhaltet die
       wachsende Koordinierung und die konsequente Anwendung der zentra-
       len Wirtschaftslenkung, die wesentliche Verminderung der Vorgaben
       durch alte Verordnungen sowie die verstärkte Beteiligung der Lei-
       tungen und Betriebskollektive am Betriebserfolg.
       2. Die Steigerung  der Rolle und des Wirkungsfeldes des regulier-
       ten Marktes.  Dies setzt  eine größere  Mobilität der Ressourcen,
       d.h. die  Entwicklung solcher  Formen auf dem Gebiet der Arbeits-
       kräfte- und  Produktionsmittelverteilung voraus,  die zur Steige-
       rung des Volkseinkommens beitragen.
       Diese Probleme  werfen die  Frage des Zusammenhangs zwischen Pla-
       nung und  Regulierung, Plan  und Markt  auf. Mit  der Reform  des
       Wirtschaftsmechanismus von 1968 wurde die Beziehung zwischen Pla-
       nung und  Regulierung theoretisch  definiert. Dementsprechend ist
       das Hauptziel  der Planung  die Festlegung der Haupttendenzen der
       Volkswirtschaftsentwicklung, die  Schaffung der  dazu notwendigen
       Rahmenbedingungen. Die Regulierung bestimmt demgegenüber den Rah-
       men der  unmittelbaren Aktivität  der Betriebe. So werden nur die
       wichtigsten Fragen  zentral entschieden,  die Teilprobleme werden
       durch die lokalen Organe im Rahmen der Wirtschaftsregulierung ge-
       löst.
       In der  Praxis haben diese theoretisch definierten Funktionen die
       Erwartungen nicht  erfüllt, weil  die Bedingungen  der indirekten
       Regulierungen beschränkt  waren. So wäre vor allem die Ausbildung
       des regulierten  Marktes notwendig  gewesen, was  aber wegen  der
       Zentralisierung der Wirtschaft, der kontinuierlichen Umverteilung
       und Mangelwirtschaft  sowie der unvorteilhaften Auslandsbeziehun-
       gen nur in geringem Umfang verwirklicht werden konnte. Heute müß-
       ten vor  allem Felder  des regulierten Marktes geschaffen werden;
       hier muß  die auf  normativer Regulierung  beruhende Leitung ver-
       wirklicht werden.  Wo das aber nicht möglich ist, muß die Planung
       eine größere Rolle spielen. Der regulierte Markt muß sich vor al-
       lem auf  die Warenproduktion  ausdehnen.  Die  Steigerung  seiner
       Rolle bedeutet, daß sein Wirkungskreis und seine Funktion auf dem
       Binnenmarkt und  in den internationalen Beziehungen, vor allem in
       der Zusammenarbeit unter den sozialistischen Ländern, wächst.
       Das Geltendmachen  des Weltmarktprinzips wird auch in der Zukunft
       eine wichtige  Rolle spielen. Mit der Steigerung der Selbständig-
       keit der Betriebe müssen die Marktautomatismen eine größere Rolle
       für die  Befriedigung der  Verbrauchernachfrage erhalten. So ver-
       breitet sich  die Zone,  in der die Marktkategorien und der Markt
       eine aktive  Rolle spielen.  Die zentrale  Leitung  bezieht  sich
       grundsätzlich auf  die  Regulierung  der  grundlegenden  Prozesse
       (z.B. Umgestaltung der Struktur, Sozialpolitik usw.).
       3. Die Umgestaltung  des Institutionensystems.  Dies bedeutet die
       Bildung solcher  Institutionen und die Ausarbeitung eines solchen
       Systems, das  den Unternehmen  effektiv  Möglichkeiten  verleiht,
       ihre Wirtschaftstätigkeit zu differenzieren und auszuwählen. Dies
       bedingt die  Umgestaltung der  Leitungsformen der  Unternehmen in
       folgenden Richtungen:
       - Bildung von  Unternehmensräten als  Leitungsgremien. Der Unter-
       nehmensrat besteht  aus dem Direktor als dem Vertreter der Unter-
       nehmensleitung, den  von der  Belegschaft  gewählten  Delegierten
       (sie stellen  die Hälfte des Unternehmensrates), 1/6 der Mitglie-
       der werden vom Unternehmensdirektor ernannt, 2/6 bestehen aus den
       Leitungen der Betriebe, Abteilungen usw.
       - Die Einrichtung der Generalversammlung der Belegschaft als Lei-
       tungselement. Im  allgemeinen wird  diese Leitungsform bei Unter-
       nehmen mit  weniger als  1000 Beschäftigten eingeführt. In diesem
       Falle sind alle Belegschaftsmitglieder Mitglieder der Generalver-
       sammlung, die den Direktor und die Leitung in geheimer Abstimmung
       wählt. Zu  den Aufgaben  der Generalversammlung  gehört die  Ent-
       scheidung über  die Strategiefragen  des Unternehmens (mittelfri-
       stige Pläne, Organisationsveränderungen usw.).
       - Die dritte  Form der  Unternehmensleitung entspricht dem bisher
       bestehenden Institutionensystem, nach dem das Unternehmen vom Di-
       rektor geführt  wird. Dazu gehören vor allem Unternehmen, die un-
       ter Verwaltungsaufsicht  stehen (Kommunalbetriebe und die dem Mi-
       nisterrat direkt unterstellten Unternehmen).
       Die Weiterentwicklung  des Regulierungssystems  macht es möglich,
       daß die Unternehmen in der Zukunft über die Verwendung und Erwei-
       terung der  zur Verfügung  stehenden Mittel selbständig entschei-
       den; ihre  Entscheidungsrechte betreffen  dann die Bestimmung der
       Unternehmensstrategie, der  Zusammenarbeit mit  anderen Unterneh-
       men, der Inanspruchnahme von Material- und Arbeitskräfte-Ressour-
       cen usw. Damit wird auch die Kapitalwanderung zwischen den Unter-
       nehmen möglich.  Die Zurückhaltung  von Mitteln wird überflüssig,
       freiwerdende Mittel  können an anderen Stellen des Reproduktions-
       prozesses, also  in anderen  Unternehmen, wirksam  werden.  Diese
       größere Selbständigkeit  wird wahrscheinlich  die Differenzierung
       der Unternehmen  erhöhen; die erfolgreichen Unternehmen werden in
       eine bessere,  die weniger erfolgreichen in eine schlechtere Lage
       kommen - das kann den notwendigen Strukturwandel beschleunigen.
       Zur Unterstützung  der selbständigeren  Unternehmen wurde mit der
       Weiterentwicklung der  Staatsorgane und  Institutionen  begonnen.
       Neue Ministerien  wurden  zur  Ausarbeitung  der  Strategien  für
       Zweige bzw.  gesellschaftliche Sphären gebildet (so für die Indu-
       strie, die  Berufsausbildung usw.), organisatorische und funktio-
       nelle Veränderungen  wurden im  Bank- und Kreditwesen in Gang ge-
       setzt.
       Zu den  Reformprozessen gehören  auch die neuen Kleinunternehmen,
       die in  den letzten Jahren entstanden. Nennenswert sind vor allem
       die wirtschaftlichen  Arbeitsgemeinschaften und die wirtschaftli-
       chen Arbeitsgemeinschaften  innerhalb  der  Großunternehmen,  die
       nach Ablauf  der Normalarbeitszeit  tätig sind  und in denen 1981
       130 000 - 140 000 Werktätige arbeiteten.
       Man kann  schon heute  bei der Weiterentwicklung der Wirtschafts-
       leitung erkennen,  daß es  einer längeren  Zeit bedarf,  bis  die
       richtigen Lösungen gefunden werden und sie sich im Prozeß der In-
       teressen- und Meinungsauseinandersetzungen verwirklichen können.
       
       3. Beschäftigung, Bildung und Struktur der Arbeitskräfte
       --------------------------------------------------------
       
       Die Bevölkerungszahl Ungarns zeigt eine anderen europäischen Län-
       dern vergleichbare  abnehmende Tendenz.  Diese wird nach den vor-
       liegenden Prognosen in den nächsten zwei Jahrzehnten noch stärker
       zur Geltung  kommen. 2)  Im Falle  der unveränderten Geburts- und
       Sterberaten des  Jahres 1980 wird die Bevölkerung Ungarns bis zum
       Jahre 2000  von 10,7  Millionen des  Jahres  1984  um  210 000  -
       280 000  abnehmen.   Die  Abnahme   der  Bevölkerung   wird   mit
       Überalterung  verbunden   sein,  was  bedeutet,  daß  der  Anteil
       jenseits des  arbeitsfähigen Alters  (Frauen ab 55 Jahren, Männer
       ab  60   Jahren)  ein  Fünftel  der  Bevölkerung  betragen  wird.
       Gleichzeitig wird die Quote der noch nicht Arbeitsfähigen (bis 19
       Jahre) von 22% im Jahre 1980 bis 1990 auf 19,7% und bis zum Jahre
       2000 auf  18,4% sinken. Langfristig muß so mit einer Verminderung
       der arbeitsfähigen  Bevölkerung  gerechnet  werden.  Infolge  der
       ungünstigen demographischen  Lage und  der nur  langsamen techni-
       schen Entwicklung besteht für Berufe mit geringen Qualifikationen
       und geringem  Sozialprestige  (Hilfsarbeiter,  Bauarbeiter  u.a.)
       Arbeitskräftemangel. Mit  dieser Tendenz muß man noch langfristig
       rechnen. Die  Steigerung des  Anteils der älteren Menschen bringt
       für die Sozialpolitik die Aufgabe der Sicherung des Realwerts der
       Renten und  eines angemessenen  Lebensniveaus sozial  schwächerer
       Schichten. Bevölkerungspolitik muß somit als Gesellschaftspolitik
       praktiziert werden.  Selbst eine langfristige Bevölkerungspolitik
       kann  diese   Aufgaben  nur   teilweise  lösen.  Für  die  aktive
       Erwerbsbevölkerung gilt in Auswirkung der Restriktionspolitik der
       80er Jahre:  ein Rückgang  des Umfangs  und Anteils der Arbeiter-
       klasse, das Ansteigen der Anzahl der LPG-Bauern, die Verminderung
       des Anteils der Angestellten- und Intellektuellen-Gruppen und das
       leichte  Ansteigen   der  an  die  neuen  Kleinunternehmensformen
       gebundenen Kleinproduzenten ab 1981.
       Die Umgestaltung der Struktur der Arbeitskräfte steht in direkter
       Wechselwirkung mit  der Entwicklung  der Bildung.  Die wichtigste
       Strukturveränderung ist  das weitere Anwachsen der nichtmanuellen
       Beschäftigten. Während ihr Anteil 1970 24% der Erwerbstätigen be-
       trug, wird für das Jahr 2000 ein Anteil von 37% erwartet. Dagegen
       ergibt sich  die Verminderung der manuellen Arbeiter im wesentli-
       chen aus  der Abnahme  der Hilfsarbeiter. Ein Wachsen der Fachar-
       beiteranteile ist gleichfalls charakteristisch. Diese Veränderun-
       gen vollziehen  sich in  bescheidenem Tempo.  Es ist bekannt, daß
       die Arbeitskräftestruktur  der entwickelten Länder schon vor mehr
       als einem Jahrzehnt jenen Anteil der nichtmanuellen Beschäftigten
       erreicht hatte,  den Ungarn  im Jahre  2000 erreichen wird. Diese
       Umgestaltungen können  nur sehr  begrenzt  durch  das  ungarische
       Schulsystem verwirklicht und vermittelt werden, da zum System der
       Mittelschulen neben  den zum  Reifezeugnis führenden Schulen auch
       die Facharbeiterausbildungsschulen  gehören. Deshalb  wird  wahr-
       scheinlich die Anzahl der hier ausgebildeten Fachkräfte mittlerer
       und höherer  Stufe bis  zum Ende des Jahrtausends nicht zunehmen,
       obwohl 80  - 90%  einer Altersklasse  in Mittelschulen lernen. In
       unserem Schulsystem  kann nur  ein  Drittel  der  jeweiligen  Al-
       tersklasse das  Abitur ablegen. Die Anzahl der Beschäftigten, die
       ohne entsprechende  Schulausbildung Facharbeitertätigkeiten  aus-
       üben, wird  voraussichtlich von  291 000 auf 62 000 sinken. Unter
       den Fachkräften  können sich  Anzahl und Anteil derer mit höherer
       Qualifikation am  dynamischsten entwickeln:  Die Anzahl der Hoch-
       schulabsolventen wird im Jahre 2000 ungefähr 350 000 betragen.
       Die Anzahl und der Anteil der manuellen Arbeiter werden sich ver-
       mindern. Die  Zahl der  Arbeitsplätze, die Fachkräfte mit Fachar-
       beiterausbildung erfordern, wird bis zum Jahre 2000, im Vergleich
       zu 1970,  um 40-50 % wachsen Ihr Anteil wird sich von 28% auf 45%
       erhöhen. Die  Anzahl der angelernten Arbeiter wird sich kaum ver-
       ändern; die  Anzahl der Hilfsarbeiter wird aber auf etwas weniger
       als die  Hälfte absinken  (1970 betrug  ihre Anzahl 1 250 000, im
       Jahr 2000 sind kaum mehr als eine halbe Million zu erwarten). 3)
       Die Anzahl  der Beschäftigten mit der heutigen Qualifikation wird
       in ihrer  Gesamtheit den  Anforderungen der  von der Prognose des
       Arbeitskräftebedarfs ermittelten  Arbeitsplätze  entsprechen.  In
       den nichtmanuellen  Berufen sind etwas mehr, in den manuellen we-
       niger Bewerber  zu erwarten.  Bei nichtmanuellen Berufen wird bei
       Beschäftigten mit  Mittelschulbildung ein  Überschuß, bei Arbeit-
       nehmern mit  Universitätsausbildung ein  Mangel zu erwarten sein.
       Die Anzahl der Beschäftigten mit Facharbeiterausbildung wird ent-
       sprechend der Prognose die Anzahl der Fachschulbildung erfordern-
       den Arbeitsplätze übersteigen.
       Die Angebotsprognose  nach Qualifikationsstufen zeigt an, daß Vo-
       lumen und Struktur der Arbeitskräfte auf die wirtschaftliche Ent-
       wicklung einen  positiven Einfluß ausüben werden. Das größere An-
       gebot an  Arbeitskräften mit  Fachausbildung wird  den  Betrieben
       eine Auswahl ermöglichen; Fachkräfte, die den komplizierteren An-
       forderungen nicht gewachsen sind, werden also einfachere Arbeiten
       ausüben müssen.  Die Abnahme  wird von  den Berechnungen auch da-
       durch unterstützt,  daß in den voraussichtlichen Arbeitskräftebe-
       stand nicht nur die Absolventen von Vollzeitschulen, sondern auch
       jene von Abendkursen eingehen. Die Erhöhung der Erwachsenenquali-
       fizierung darf  nicht vernachlässigt  werden. Je  höher der  Bil-
       dungsstand, desto  wichtiger die  Erwachsenenqualifizierung. Auf-
       grund der Prognose werden sich 10% der Beschäftigten mit Fachaus-
       bildung, 40% der Beschäftigten mit nichtmanueller Mittelschulqua-
       lifikation, 30%  der Beschäftigten  mit höherer Qualifikation aus
       Absolventen von Abend- und Fernunterrichtslehrgängen rekrutieren.
       Bei der Deckung des Arbeitskräftebedarfs sollte man auch qualita-
       tive Aspekte  (Arbeitskultur, Innovationsfähigkeit) beachten. Die
       hier wirksamen  Faktoren sind:  der Aufbau des Fachausbildungssy-
       stems, das  Niveau und  die Auswahl des Lehrstoffs, die Eigenart,
       Methode und Wirkung der Berufsvorbereitung.
       Aufgrund der Prognose wird sich die Umgestaltung des Arbeitskräf-
       tebedarfs auch in seiner Zweigstruktur fortsetzen: Der Anteil der
       in der Produktion Beschäftigten wird sich vermindern; auf den In-
       frastrukturgebieten müssen  wir mit einem wachsenden Anteil rech-
       nen. Zwischen  1970 und 1980 hat sich der Anteil der Produktions-
       sphäre an den Gesamtbeschäftigten um 6%-Punkte vermindert, in den
       folgenden 20 Jahren ist eine weitere Verminderung um 8%-Punkte zu
       erwarten (im  Jahre 2000 wird allerdings noch mehr als die Hälfte
       der Beschäftigten in Zweigen der Produktion arbeiten). Daraus er-
       gibt sich, daß der Anteil der im Tertiär-Sektor Beschäftigten zu-
       nehmen wird: in den folgenden 20 Jahren allerdings kaum schneller
       als während der vorhergehenden 10 Jahre.
       Die Berufsstruktur  wird in  hohem Maße von der Zweigstruktur der
       Arbeitskräfte bestimmt werden. Dies wird sich auch auf die Quali-
       fikationsentwicklung auswirken  (z. B.  werden sich in der verar-
       beitenden Industrie anspruchsvollere Arbeitsanforderungen auswei-
       ten; durch  das Anwachsen der Infrastrukturzweige wird der Anteil
       höher qualifizierter Arbeitskräfte zunehmen). Der Bedarf an Hoch-
       schulabsolventen wird größer. Der Bedarf an Fachkräften kann sich
       in einigen  Industrie-, Verkehrs- und landwirtschaftlichen Berei-
       chen wesentlich  ausweiten. Die  erforderlichen  beruflichen  und
       Qualifikationsstrukturen der  Arbeitskräfte und  der  Output  des
       Bildungswesens werden  sich nur dann in Übereinstimmung befinden,
       wenn eine  Anpassung des Bildungswesens an die zu erwartenden Be-
       dürfnisse erfolgt.
       Das am  19.4.1985 verabschiedete neue Bildungsgesetz dient diesem
       Ziel. Es betont die Einheit von Bildung und Erziehung, von Grund-
       schul-, Mittelschul- und Hochschulausbildung. Es hat die Aufgabe,
       die Vermittlung  von Allgemeinbildung  und Fachwissen zu fördern.
       Im Bildungswesen  müssen alle  Funktionen der  Kultur zur Geltung
       gelangen: Allen  Menschen muß  die Aneignung  der geistigen Werte
       ermöglicht werden. Gleichzeitig muß das Bildungswesen die Einord-
       nung der  Individuen in  die Gesellschaft befördern. 4) Zur wich-
       tigsten Aufgabe  der Beschäftigungspolitik  werden die Abstimmung
       von Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften und die Sicherung der
       Vollbeschäftigung gehören.
       In diesem  Zusammenhang spielt die Vorstellung von Vollbeschäfti-
       gung eine  Rolle. Dabei wird die Bedeutung gesellschaftlich nütz-
       licher Arbeit  stärker betont werden müssen. Dazu gehört auch die
       Weiterentwicklung des  grundsätzlich an  Erwerbsarbeit gebundenen
       Systems der  Existenzsicherung, wobei  die soziale  Sicherung  in
       Form staatsbürgerlicher  Rechte auszubauen  und zu  stabilisieren
       ist. Die  Stärkung und  Entwicklung einer die Existenz sichernden
       Sozialpolitik gibt  die Möglichkeit,  die Löhne und die Einkommen
       stärker zu differenzieren sowie die Rolle der materiellen Anreize
       zu erhöhen.
       
       4. Einkommensverteilung und Differenzierung der Einkommen
       ---------------------------------------------------------
       
       Das Prinzip der Einkommensverteilung ist in einer sozialistischen
       Wirtschaft die  Verteilung nach der Arbeitsleistung. Die Änderun-
       gen   der    letzten   Jahre    in   den   Eigentumsverhältnissen
       (Kleinunternehmen im  Dienste der  Bevölkerung, Umgestaltung  der
       Organisationsstruktur der  Unternehmen) haben  die Einkommensver-
       teilung in Richtung auf Differenzierung der Einkommen beeinflußt.
       Es ist  wichtig, daß im staatlichen und genossenschaftlichen Sek-
       tor die  Einkommensverhältnisse grundsätzlich  nicht  modifiziert
       werden. Es  ist aber  zu erwarten,  daß die Durchsetzung des Lei-
       stungsprinzips mit  der Weiterentwicklung  des Systems  der Wirt-
       schaftsleitung die  Lohndifferenzierung de:  Betriebe  vergrößern
       wird, d.h., die erfolgreich arbeitenden Unternehmen werden gegen-
       über weniger erfolgreichen höhere Löhne zahlen.
       In Verbindung mit der Einkommensverteilung stehen die Ausbreitung
       der Ware-Geld-Beziehungen und die wachsende Rolle des Kleineigen-
       tums im  Mittelpunkt des Interesses. Es ist damit zu rechnen, daß
       die Differenzierung der Einkommen der verschiedenen gesellschaft-
       lichen Schichten  und Gruppe:  größer werden  wird. Es  kann  ein
       großes Problem  werden, wenn  zur geleisteten  nützlichen  Arbeit
       nicht im  Verhältnis stehende  Einkommen, die  aus der Ausnutzung
       von Mängeln  und Preisaufschlägen oder anderen Spekulationsmomen-
       ten entstehen,  auftreten. Das  expandierende  Kleineigentum  hat
       eine nützliche  ökonomische Funktion bei der Überwindung von Man-
       gelerscheinungen. Mit  dem Bedeutungszuwachs  der "zweiten  Wirt-
       schaft" hängt es auch zusammen, daß der hier ausgeübten Tätigkeit
       nicht nur differenzierende, sondern auch eine gewisse einkommens-
       ausgleichende Rolle  zukommt. Sie  spielt: eine  unerläßliche und
       notwendige Rolle  bei der Ergänzung der Einkommensquellen für im-
       mer größere Schichten der Bevölkerung. 3/4 der Bevölkerung arbei-
       ten heute  in irgendeiner  Form in der sogenannten "zweiten Wirt-
       schaft" (90%  der Dorfbevölkerung üben solche Tätigkeiten bereits
       aus). Die  Arbeitstätigkeit in der Freizeit bedeutet in Wirklich-
       keit natürlich eine Verlängeruni der Arbeitszeit. Einige Untersu-
       chungen haben  unter Zugrundelegung  der 5-Tage-Woche  ermittelt,
       daß sich  die durchschnittliche  Tagesarbeitszeit auf  16 Stunden
       erhöht hat. Langfristig muß das dem Gesundheitszustand der Bevöl-
       kerung abträglich sein. Eine negative Wirkung besteht heute schon
       darin daß sich die Intensität in der Hauptarbeitszeit verringert.
       Ferner werden eine ungleichmäßige Beteiligung der einzelnen Grup-
       pen an  der "zweiten Wirtschaft" und dementsprechende Einkommens-
       unterschiede festgestellt. Diese Tendenzen können sich zu gesell-
       schaftlichen Problemen ausweiten.
       Daß die  wachsende Differenzierung der Einkommen zu einem gesell-
       schaftlichen Problem  geworden ist,  ergibt  sich  auch  aus  dem
       schwächeren Wirtschaftswachstum.  Darin ist eine sinkende Tendenz
       der Reallöhne und ein nur schwaches Steigen der Realeinkommen In-
       begriffen. Dazu kommen noch de: sinkende Anteil der direkten Loh-
       neinkommen aus  dem sozialistischen Sekte: am Gesamteinkommen der
       Bevölkerung und  die Überbewertung  der Einkommensquellen anderen
       Charakters, z.B.  der "zweiten  Wirtschaft". Das Einkommensniveau
       jener gesellschaftlichen Schichten und Gruppen, die ihr Einkommen
       ausschließlich oder  in erster  Linie aus ihrer Arbeit in der so-
       zialistischen Wirtschaft  erzielen, bleibt hinter den Gruppen mit
       höherem Einkommen  weit zurück. Der Abstand zwischen den höchsten
       und den  niedrigsten Einkommen  wird weiter anwachsen. Die Diffe-
       renzierung nach  den Einkommensquellen wird ebenfalls in den ein-
       zelnen Gruppen und zwischen ihnen zunehmen. Eine der Aufgaben der
       Weiterentwicklung der  Wirtschaftsleitung ist  es, wirksamere und
       vernünftigere Tätigkeitsformen  für die  kleinen  Unternehmen  zu
       entwickeln und gleichzeitig die in der sozialistischen Wirtschaft
       ausgeübten Tätigkeiten nach ihrer Effektivität zu honorieren.
       Große Vermögen  können durch  Besteuerung vermindert  werden. Die
       Lage der  Niedrigbezahlten, vor allem der benachteiligten Schich-
       ten wie  der jugendlichen  Berufsanfänger, der  Rentner und Mehr-
       Kinder-Familien muß mit sozialpolitischen Mitteln verbessert wer-
       den. Die  Mehrheit der  in benachteiligter  und schlechter finan-
       zieller Lage Lebenden kann keine Mehrarbeit in den Kleinunterneh-
       men leisten  und damit  auch keine  Ergänzungseinkommen erzielen.
       Das erste  Ziel der  Sozialpolitik ist die Gewährung sozialer Si-
       cherheit und  die Verminderung  der von der Arbeitsleistung unab-
       hängigen  gesellschaftlichen   Ungleichheiten.  Zuwendungen   und
       Dienstleistungen müssen  besser der  Sozial- und Einkommenssitua-
       tion angepaßt  sein. Zur Lösung dieser Aufgabe haben die 1985 ge-
       troffenen Maßnahmen  positiv beigetragen, die vor allem die Fami-
       lien mit  Kindern betreffen  (z.B. die  Einführung der neuen Form
       des  Kinderpflegegeldes,   die  Erhöhung  der  Mutterschaftshilfe
       usw.).
       
       5. Tendenzen und Möglichkeiten der Entwicklung
       ----------------------------------------------
       
       In Verbindung mit den seit Mitte der siebziger Jahre auftretenden
       Gleichgewichtsproblemen und  den Möglichkeiten  der Anpassung  an
       veränderte Außenbedingungen hat sich eine Annäherung unterschied-
       licher Diskussionspositionen  zur  weiteren  Entwicklung  Ungarns
       vollzogen.
       1. Positionen zur  nach außen offenen Wirtschaft des Landes. Dazu
       werden zwei  Meinungen vertreten. Die eine betont die Zweckmäßig-
       keit des  außenwirtschaftlichen Abschließens des Landes, da damit
       die nationalen  Eigenarten vor negativen äußeren Wirkungen besser
       geschützt werden könnten. Der anderen Meinung nach würde ein sol-
       ches Abschließen  auf alle  Fälle zum Zurückbleiben des Landes im
       internationalen Wettbewerb  und zur  Konservierung seines techni-
       schen Niveaus  führen, weshalb  die Wichtigkeit der Offenheit des
       Landes betont wird und der Weg zur Milderung des gestörten Außen-
       handelsgleichgewichts in der Steigerung des Exports gesehen wird.
       2. Positionen zur  Entwicklung der  Zweigstruktur bzw. der Zweig-
       präferenz. Es geht hier um die Bestimmung der Basiszweige für die
       volkswirtschaftliche Entwicklung  unter den veränderten Bedingun-
       gen. Hierzu werden vier verschiedene Standpunkte vertreten.
       Eine Position  geht von der Preissteigerung der Energieträger und
       dem hohen  Importanteil Ungarns  aus sowie  von der Tatsache, daß
       die Rohstoffversorgung  auf den  traditionellen Märkten  (aus den
       sozialistischen Ländern,  vor allem  aus der  Sowjetunion)  immer
       schwieriger wird. Deshalb solle die Entwicklung der einheimischen
       Bergbauindustrie und  der verarbeitenden Industrie stärker betont
       werden. Die  Entwicklung des  Energiesektors solle eine Verminde-
       rung des  Energieimports und  sogar  Energieexporte  ermöglichen.
       Diese Position  wird durch  die Gestaltung  der Energiepreise und
       der Einkaufsmöglichkeiten  abgestützt. Dieser  Sektor hat  in den
       letzten Jahren  wesentlich zu  unserem konvertiblen Export beige-
       tragen (wir  denken hier vor allem an den Export von Ausrüstungen
       zur Erdölverarbeitung und von Elektroenergie nach Westeuropa).
       Demgegenüber hat  inzwischen jener  Standpunkt viele Anhänger ge-
       wonnen, wonach der Kapitalbedarf des Bergbaus und der primär ver-
       arbeitenden Industrie die Entwicklungsmöglichkeiten der verarbei-
       tenden Industrie  einschränkt, obwohl nur die verarbeitende Indu-
       strie in  der Perspektive  den Export  dynamisch  steigern  kann.
       Dementsprechend müsse der eigene Bergbau durch Steigerung der En-
       ergieimporte und  durch  maximale  Energieeinsparung  kompensiert
       werden, um  die dadurch  freiwerdenden Mittel auf die Entwicklung
       der verarbeitenden  Industrie zu  konzentrieren.  Ein  Durchbruch
       soll mit  der Erhöhung ihres technischen Niveaus und ihrer inter-
       nationalen Konkurrenzfähigkeit erreicht werden.
       Der dritte Standpunkt sieht die Möglichkeit der Problemlösung vor
       allem in  der beschleunigten  Entwicklung  der  Lebensmittelindu-
       strie. Seine Anhänge: fordern die kraftvollere Entwicklung dieses
       Sektors. Diese  Meinung wird dadurch abgestützt, daß die Produkte
       der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie auf den soziali-
       stischen Märkten  harte Waren  sind und auch auf der kapitalisti-
       schen Märkten  verkauft werden  können,  sogar  unter  sich  ver-
       schlechternden Bedingungen.
       Die vierte  Position hebt  die Entwicklung der Infrastruktur her-
       vor. Danach  ist die Akkumulationsfähigkeit des Landes wesentlich
       größer als  unter der  Bedingungen der  heutigen Restriktion. Ein
       Ziel der  Restriktion ist  die Beschränkung  des konvertiblen Im-
       portbedarfs; gleichzeitg werden aber dadurch auch jene Zweige be-
       grenzt, deren  Importbedarf nur einen Bruchteil des Importbedarfs
       der verarbeitenden  Industrie ausmacht.  Ihre Beschränkung  trag:
       kaum zur Verminderung des Importbedarfs bei, kann aber zur Quelle
       gesellschaftlicher Spannungen werden. Ein solches Gebiet ist spe-
       ziell der  Wohnungsbau und  im allgemeinen  die Infrastruktur. Es
       wird vorgeschlagen, de; Bedarf der Bevölkerung mit einem wachsen-
       den Dienstleistungsangebot  zu kompensieren, denn in den nächsten
       Jahren kann der Verbrauch materielle: Güter infolge des darin in-
       volvierten Importbedarfs  kaum erhöht  werden. Die  Grenze dieser
       Konzeption liegt  in  der  Finanzierung  der  Infrastruktur,  die
       hauptsächlich aus  staatlichen Quellen  erfolgen muß.  Denn  eine
       weitere Belastung  des Budgets  wird in den nächsten Jahren nicht
       möglich sein. Diese Position könnte nur dann verwirklicht werden,
       wenn die heutigen Preisverhältnisse und Finanzierungsformen durch
       eine allgemeine  Preis- und  Lohnreform  grundsätzlich  verändert
       würden.
       3. Positionen zur  Entwicklung des Wirtschaftsmechanismus. Danach
       liegt die Ursache der Wirtschaftsprobleme des Landes vor allem in
       der Inkonsequenz  bei der  Verwirklichung der  Reform  des  Wirt-
       schaftsmechanismus vor  1968. Sie habe deshalb eine optimale Res-
       sourcenverteilung und  eine entsprechende  strukturelle Umgestal-
       tung nicht  sichern können.  In dieser  Sicht ist  die wichtigste
       Voraussetzung zur  Anpassung an die veränderten weltwirtschaftli-
       chen Bedingungen die Weiterentwicklung des Wirtschaftsmechanismus
       und eine  Ressourcenverteilung nach  den Kriterien der Effektivi-
       tät.
       Die Vertreter der verschiedenen Standpunkte treten nicht mit Aus-
       schließlichkeitsanspruch auf,  fordern jedoch  die Beachtung  der
       von ihnen hervorgehobenen Aspekte. Die Betonung unterschiedlicher
       Aspekte könnte  langfristig zu unterschiedlichen Strukturverände-
       rungen führen,  weshalb die verschiedenen Varianten als effektive
       Alternativen zu begreifen sind. 5)
       Die Herausarbeitung  möglicher Entwicklungswege  ist für die Ent-
       wicklung  der  strategischen  Konzeption  wichtig.  Es  ist  aber
       gleichzeitig nötig,  ein konsistentes  System der  langfristigen,
       mittelfristigen und  operativen Planung  zu schaffen.  Dazu dient
       der VII.  Fünfjahrplan (1986-1990),  der recht  niedrige Zuwachs-
       raten veranschlagt.  Er sieht die Konsolidierung und langsame Be-
       lebung der sozialökonomischen Entwicklung vor. Es wird zweckmäßig
       sein, einen  bedeutenden Teil  unserer materiellen  und geistigen
       Ressourcen auf  einige ausgewählte  Gebiete zu konzentrieren: auf
       die Entwicklung  und Verbreitung der Elektronik, auf die Entwick-
       lung der  Computerisierung, Automatisierung  und  Robotertechnik,
       auf die  Anwendung der modernen Methoden der Produktionsorganisa-
       tion, auf  die Produktion zweckmäßiger Maschineneinrichtungen und
       chemischer Produkte für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie,
       auf die  Entwicklung und  Verwendung biotechnischer Methoden, auf
       die Ausnutzung unserer Naturschätze, auf die Einführung material-
       sparender Technologien.  Die Durchführung  der für Energieeinspa-
       rung sowie  Nutzbarmachung der  Abfälle und  der sekundären  Roh-
       stoffe ausgearbeiteten  Zentralprogramme muß  konsequent  fortge-
       setzt werden.
       Die der  technischen Entwicklung  dienende Infrastruktur muß ver-
       bessert werden.  Wir müssen  die Unternehmen  und die technischen
       Fachleute stärker  zur  Anwendung  des  wissenschaftlichen  Fort-
       schritts, der technologischen Neuerungen und der neuen arbeitsor-
       ganisatorischen Methoden  veranlassen. Die Produktion der am öko-
       nomischsten herstellbaren  Produkte muß sich dynamisch erweitern.
       Durch grundlegende  Änderungen müssen mit Verlust arbeitende Pro-
       duktionen ökonomisiert werden. 6)
       Neben der  Schaffung entsprechender  Fonds zur Steigerung der so-
       zialen Sicherheit  der Bevölkerung und zur Erhöhung ihres Lebens-
       niveaus ist  die Ausarbeitung  und Begründung einer komplexen und
       langfristigen  gesellschaftspolitischen  Strategie  erforderlich,
       die die  umfassende Weiterentwicklung der sozialistischen Produk-
       tionsverhältnisse beinhaltet.
       
       _____
       1) Beschluß des  XIII. Parteitages  des USAP  über die Arbeit und
       die weiteren  Aufgaben der  Parte:  -  Beilage  der  Tageszeitung
       "Nèpszabadság" vom 30. März 1985.
       2) Die demographischen Prognosen schätzen die Bevölkerung Ungarns
       Ende des Jahrtausends auf 10 Millionen.
       3) In Ungarn  besteht die  8jährige Grundschulpflicht.  Vgl.  Dr.
       Gábor Koncz,  Dr. Dóra  Vámos. Prognose von Bildungs- und Kultur-
       verhältnissen und  die Möglichkeit alternativer Strategien in den
       80er und 90er Jahren (Manuskript).
       4) Das Ausbildungsgesetz  wurde am  18. April  1985 in  der Früh-
       jahrs-Parlamentstagung angenommen.  Vgl. "Népszabadság"  vom  19.
       April 1985.
       5) Diese Probleme sind aus verschiedener Sicht behandelt bei: Dr.
       Erzsébet Gidai, Zukunftsforschung und die Zukunft; Karoly Lorant,
       Schlüsselfragen der  Wirtschaftspolitik in der zweiten Hälfte der
       achtziger und in den neunziger Jahren (vor dem Erscheinen).
       6) Vgl. Beschluß des XIII. Parteitags der USAP.
       

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