Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       BILDUNGSWESEN
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       Karl-Heinz Heinemann/Werner Rügemer
       
       Bildung 2000
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       1. Verkürzte Szenarien, kleine Auswahl: im Jahr 2000
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       Szenario I a
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       Pressekonferenz des  Bundesbildungsministers (CDU),  konservative
       Regierung der  harten Linie.  Die  Konferenz  findet  in  Herren-
       berg/Schwäbische Alb  statt, im  Bildungszentrum der IBM Deutsch-
       land. Journalisten  sind nicht  anwesend; der  Leiter des Ausbil-
       dungszentrums, 36  Jahre alt, seit zwei Jahren zugleich Bildungs-
       minister, läßt von seinem Arbeitszimmer eine Erklärung ins Bonner
       Ministerium überspielen, wo die Journalisten vor dem Monitor sit-
       zen; die  Rede und  ein Foto  des Ministers erhalten sie zugleich
       als Speicherinhalt ihrer mitgebrachten Reiseschreibmaschinen. Der
       Kernsatz, der  abends auf den Bildschirmen der privaten Haushalte
       erscheinen wird, lautet: "Die Vorbereitungen für den Eintritt un-
       seres Bildungswesens ins dritte Jahrtausend haben sich verzögert.
       Ich kann Ihnen jedoch bekanntgeben, daß die genauen Kriterien für
       die Aussonderung  der 31,67 Prozent Lernunfähigen jedes Jahrgangs
       nun als Verordnung vorliegen. Die Standardschulzeit ist auf sechs
       Jahre festgelegt  und wird  von 62,58 Prozent jedes Jahrgangs ab-
       solviert. 5,75  Prozent werden nach 10 Jahren zum Abitur geführt.
       Das Curriculum 'Deutschland auf dem Weg zu den Sternen' wird mor-
       gen an  die Direktoren  unserer  Bildungseinrichtungen  ausgelie-
       fert."
       
       Szenario I b
       
       Pressekonferenz des  Bundesbildungsministers (CDU),  konservative
       Regierung der  weichen Linie. Die Konferenz findet im Essener Dom
       statt, zusammen mit dem Erzbischof. Der Minister verweist vor den
       zahlreich in  schwarzen Anzügen erschienenen Journalisten auf die
       unangefochtene Rolle,  die die Kirchen für die geistige Orientie-
       rung der  Bevölkerung und der schulpflichtigen Jugendlichen spie-
       len. Zur  Linken des  Ministers sitzt  die Bundesvorsitzende  des
       Deutschen Elternrats, die an die gewachsene Bedeutung der Familie
       für Betreuung,  Unterweisung und  Erziehung der  Jugend erinnert,
       gerade in einer Zeit, in der für einen Teil ein Schulbesuch weder
       sinnvoll noch  finanzierbar sei.  Ein  Vertreter  der  Wirtschaft
       macht auf  die vielfältigen Bildungsangebote der Unternehmen, ge-
       rade für Problemgruppen wie Frauen, Behinderte, Ausländer und Ar-
       beitslose, aufmerksam.
       
       Szenario II
       
       Pressekonferenz der Bildungsministerin (SPD) der Regierungskoali-
       tion aus  SPD, FDP  und einem Teil der GRÜNEN. Im Bonner Ministe-
       rium unterstreicht  die Ministerin,  daß ihre  Partei großen Wert
       darauf gelegt  habe, nicht nur wie bisher eine weibliche Ministe-
       rin, sondern  zwei im  Bundeskabinett zu  haben, deshalb  sei sie
       sehr froh, gerade mit dem Ressort Bildung betraut worden zu sein.
       Es sei  unerträglich, daß  nach wie  vor mehr als ein Drittel der
       Jugendlichen von  der Schule  in die  Arbeitslosigkeit  entlassen
       würde, ohne  daß die  Schule sich auf diese Situation eingestellt
       habe. "Unsere  Schule darf nicht länger nur einer kleinen Minder-
       heit dienen,  während gut 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler
       ihre Ausbildung  nach den UNESCO-Kriterien als Analphabeten been-
       den."
       Neben dem  sozialpolitischen Programm  der neuen Regierung, jedem
       ein arbeitsfreies  Grundeinkommen zu  sichern, stehe die Aufgabe,
       auf ein  erfülltes, sinnvolles  Leben außerhalb  der  Zwänge  der
       Lohnarbeit vorzubereiten.  Zunächst gehe es um die Bekämpfung der
       Jugendarbeitslosigkeit und  der damit unmittelbar zusammenhängen-
       den Erscheinungen jugendlicher Delinquenz, vor allem in den Groß-
       städten. Als erste Maßnahmen sind vorgesehen: Die Umwandlung mög-
       lichst vieler  Sekundarstufenschulen in Ganztagsschulen. Für die-
       ses Programm  sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre 50 000 ar-
       beitslose Lehrerinnen  und Lehrer eingestellt werden. Überall, wo
       sich eine ausreichende Zahl von "Gründern" findet, können Gesamt-
       schulen oder auch freie Schulen eröffnet werden.
       In leerstehenden Schulen werden Jugendzentren eingerichtet, teil-
       weise mit  Jugendwerkstätten, in  denen man eine zweijährige Aus-
       bildung zum  Industriewerker, Büroassistenten  und verwandten Be-
       rufen absolvieren  kann. "Wir brauchen nicht mehr Leistungsdruck,
       sondern soziale  Freiräume, in denen wir lernen können, friedlich
       miteinander umzugehen  und Konflikte auszutragen." Vorgesehen ist
       die Schaffung eines dichten Netzes von Drogenberatungsstellen und
       Therapiegruppen für Suchtkranke, aber auch für jugendliche Krimi-
       nelle. Selbsthilfeprojekte,  Werkstätten und Dienstleistungsgrup-
       pen, die bereits im Rahmen des Programms "Licht für die Schatten-
       wirtschaft!" als  förderungswürdig anerkannt  wurden, können  die
       Einrichtung von  Freizeitwerkstätten und  Ausbildungsplätzen voll
       finanziert bekommen. Darüberhinaus werden überbetriebliche kommu-
       nale Ausbildungszentren eingerichtet. Alle Firmen, die nicht min-
       destens 8  Prozent ihrer Belegschaftsstärke als Ausbildungsplätze
       zur Verfügung  stellen, sollen  ab dem nächsten Jahr eine Ausbil-
       dungsabgabe zahlen.
       
       Szenario III
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       In der  Werkshalle von  Daimler-Benz in  Sindelfingen findet  ein
       Pressefest der  Vereinigten Linksregierung  statt, die  gemeinsam
       von SPD,  Grünen und Friedensliste gebildet wird. Die Bildungsmi-
       nisterin von  der sozialistischen  Fraktion der Grünen stellt der
       Belegschaft von  Daimler-Benz und  den zahlreichen  Besuchern das
       Bildungs- und  Erziehungsprogramm der neuen Regierung vor, die im
       Parlament eine gute Zwei-Drittel-Mehrheit hat.
       Bisher waren  30 Prozent  der Jugendlichen arbeitslos. Nun werden
       sie dringend  gebraucht. Ohne die Unterstützung vor allem der Ju-
       gend wird  sich das  Programm der demokratischen Wende nicht ver-
       wirklichen lassen.  Jugendliche, arbeitslose Techniker und Natur-
       wissenschaftler werden gebraucht bei der Umwandlung der Rüstungs-
       produktion zu  friedlichen Zwecken,  der Bekämpfung des Waldster-
       bens und  der Erprobung neuer Verkehrslösungen, wie es im Techno-
       logieförderungsprogramm der neuen Regierung vorgesehen ist.
       Die Vereinigte  Linksregierung wendet sich an die Jugend, vor al-
       lem die  Arbeitslosen, mit  der Bitte  um Mithilfe.  Sie will Ar-
       beitsbrigaden in  die jungen Nationalstaaten in Mittelamerika und
       Afrika entsenden,  um dort beim Aufbau einer nationalen Industrie
       helfen zu können. Lehrerstudenten sollen einen Teil ihres Prakti-
       kums in diesen Brigaden ableisten können.
       In den  neugeschaffenen Stadtteilzentren werden - bezahlte - Mit-
       arbeiter benötigt.  Diese Zentren sollen die lokalen Kommunikati-
       onsstrukturen entwickeln,  Dienstleistungen und  Pflege für  alte
       und kranke Menschen organisieren, Spielmöglichkeiten, Gruppen und
       Betreuung für Kleinkinder schaffen, Spielplätze in Ordnung halten
       und ein  Freizeitangebot für  Jugendliche organisieren.  Aufgaben
       des Umweltschutzes sollen sie vor Ort wahrnehmen.
       Die Schulen  arbeiten mit  den Stadtteilzentren  eng zusammen und
       übernehmen wichtige  kulturelle Aufgaben.  Ebenso kooperieren sie
       mit den  Betriebsräten und Gewerkschaftsorganisationen der Firmen
       in ihrem  Einzugsbereich. Sie erarbeiten ein Programm für gemein-
       same Freizeit- und berufliche Fortbildungsveranstaltungen. Lehrer
       und Schüler sind verantwortlich für die Errichtung von Volkshoch-
       schulfilialen in den Stadtteilen und den Gemeinden auf dem Lande,
       in denen  Alphabetisierungskurse, Deutsch  für Ausländer, Einfüh-
       rung in neue Technologien, Arbeitswissenschaft und Kurse für kul-
       turelle Aktivitäten angeboten werden.
       Die in  den Schulen  vorhandenen Videoanlagen  werden genutzt, um
       ein regionales  Fernsehprogramm herzustellen  und in das örtliche
       Kabelnetz einzuspeisen.  Auch dafür  sind die Schulen selbst ver-
       antwortlich. In  den Schulen werden für jedermann zugängliche Bi-
       bliotheken und  Mediotheken eingerichtet,  die auch Zugang zu den
       zentralen Datenbanken ermöglichen.
       Die Schulzeit  in der  neu aufzubauenden demokratischen Einheits-
       schule wird auf zehn Jahre verkürzt. Bis zur Verabschiedung neuer
       Lehrpläne für  Polytechnik sind alle Schulen selbst dafür verant-
       wortlich, sich  in ihrer  Region Projekte zu suchen, in denen die
       Schüler eigenständig in der Produktion oder bei öffentlichen Auf-
       gaben mitarbeiten können. Dabei sollen Unterrichtsinhalte und Ar-
       beitsaufgaben der Schülerinnen und Schüler eng verzahnt sein. Das
       Bildungsministerium schreibt  einen Wettbewerb  für  die  Schulen
       aus, bei  dem Lösungen  für die Konversion von Rüstungsproduktion
       und umweltschädlichen Produkten und Verfahren gesucht werden.
       Alle Sonderschulen  werden aufgelöst.  In  allen  Einheitsschulen
       werden Beratungszentren  eingerichtet, die  in Zusammenarbeit mit
       den Eltern  und Klassenlehrern individuelle Förderprogramme nicht
       nur für die bisherigen Sonderschüler erarbeiten. Die Sonderschul-
       lehrer arbeiten  in den  Einheitsschulen mit  und bieten Fortbil-
       dungsmaßnahmen für die Kolleginnen und Kollegen an.
       Für Kleinkinder  und Säuglinge  ab dem  sechsten Monat  wird eine
       ganztägige Betreuung  in Krippen  und Kindergärten  gesichert, um
       allen Frauen  eine Berufstätigkeit  ohne Benachteiligungen zu er-
       möglichen. Arbeitern und Angestellten steht ein einmonatiger Bil-
       dungsurlaub zu, der zur beruflichen, politisch-gesellschaftlichen
       oder auch  zur allgemeinen Weiterbildung genutzt werden kann. Ne-
       ben staatlichen  Bildungszentren können  auch  selbstorganisierte
       Bildungsmaßnahmen besucht  werden.  Die  Berufsbildung  geschieht
       weiter in  den Betrieben, in Zusammenarbeit mit örtlichen Ausbil-
       dungszentren. Verantwortlich sind die Ausbildungszentren, die der
       staatlichen Schulaufsicht unterstehen.
       In einer Grundsatzrede setzt sich die neue Bildungsministerin mit
       dem Vorwurf  auseinander, die Bildungsreform widerspreche den An-
       forderungen der  wissenschaftlich-technischen Entwicklung und sei
       industriefeindlich. Sie beginnt ihre Ausführungen mit einem Zitat
       aus Marx' "Kapital": "Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt
       nur als  überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstören-
       den Wirkung  eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hin-
       dernisse stößt, macht die große Industrie durch ihre Katastrophen
       selbst es  zur Frage  von Leben und Tod, den Wechsel der Arbeiten
       und daher  möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines
       gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner nor-
       malen Verwirklichung die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu
       einer Frage  von Leben und Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elen-
       den, für  das wechselnde  Exploitationsbedürfnis des  Kapitals in
       Reserve gehaltenen,  disponiblen Arbeiterbevölkerung  zu ersetzen
       durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Ar-
       beitserfordernisse; das  Teilindividuum, den  bloßen Träger einer
       gesellschaftlichen Detailfunktion,  durch das  total  entwickelte
       Individuum, für welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen
       einander ablösende Betätigungsweisen sind..."
       Sei es nicht das Ziel der konservativen Bildungspolitik der letz-
       ten Jahre gewesen, die Arbeiter und Angestellten zu mehr Flexibi-
       lität zu  bewegen, die Bereitschaft zu fördern, sich umzuschulen?
       Freilich hätte  man bisher  gehofft, dies  marktförmig zu regeln:
       Jeder sollte  selbst für seine Weiterbildung verantwortlich sein,
       sich für  Monate beurlauben  lassen, um einen Fortbildungskurs zu
       besuchen, für teures Geld sich per Btx einen Fortbildungskurs auf
       den heimischen  Terminal liefern  lassen. Bisher  bedeutete  mehr
       Flexibilität für die Arbeiter und Angestellten mehr Existenzunsi-
       cherheit. Weiterqualifizierung gab es nur für die 30 Prozent, die
       es geschafft hatten, in eine qualifizierte Position einzurücken.
       Nun stelle  man sich nicht nur eine Demokratisierung der Bildung,
       sondern auch  eine Umverteilung der Arbeit vor: In einem dreijäh-
       rigen Stufenplan  wird die 30-Stunden-Woche eingeführt; die Löhne
       werden nicht  reduziert und  in der Zukunft am durchschnittlichen
       Produktivitätsfortschritt orientiert.
       So berechtigt  das Anliegen  sei, in den Schulen und Bildungsein-
       richtungen neue  Methoden zu  erproben, um die Schule als lebens-
       fremde Zwangsanstalt  aufzulösen: Die  Lösung des  Problems liege
       nicht in  den Methoden und auch nicht im Verzicht auf die Öffent-
       lichkeit des  Bildungswesens, sondern im Gegenteil in einer engen
       Verzahnung von  Öffentlichkeit und  Bildungseinrichtungen, in der
       Übernahme öffentlicher Verantwortung durch die Schulen und in ih-
       rem Ausbau  zu  öffentlichen  Kulturzentren.  Das  polytechnische
       Prinzip spielt  bei der  Verbindung von Schule und Leben die ent-
       scheidende Rolle.  In den  Schulen soll nicht in erster Linie die
       Bedienung von Computern eingeübt werden, vielmehr sollen die all-
       gemeinen Grundlagen  der neuen Technologien so vermittelt werden,
       daß alle über ihren Einsatz mitbestimmen können und befähigt wer-
       den, solche  technischen Lösungen  zu realisieren, die die Arbeit
       erleichtern und anreichern, Arbeitszeit einsparen und den gesell-
       schaftlichen Reichtum erhöhen.
       In einem  500-Milliarden-Investitionsprogramm werden zunächst so-
       viele Arbeits-  und Ausbildungsplätze  geschaffen, daß  alle  ar-
       beitslosen Erwachsenen und Jugendlichen einen Platz bekommen. Der
       gleichfalls anwesende  Bundeskanzler (SPD)  ging eindringlich auf
       die enormen  Schwierigkeiten ein, die das Volk der Bundesrepublik
       bei der  Durchsetzung des  geplanten Gesamtprogramms haben werde,
       sowohl mit Gegnern im Inneren wie auf dem Weltmarkt ; ohne Betei-
       ligung der  Jugendlichen, Lehrer  und der  Bevölkerung  insgesamt
       werde sich nichts durchsetzen lassen.
       
       2. Anfänge
       ----------
       
       Ende der  60er und insbesondere in den 70er Jahren ereignete sich
       nicht nur eine Bildungsexpansion, d.h. ein Anwachsen der Schüler-
       zahlen und  der durchschnittlichen  Schulzeit, sondern  auch  der
       größte Schub  demokratischer Bildung  und Erziehung, den die Bun-
       desrepublik Deutschland  in ihrer  Geschichte erfahren  hat. Hun-
       derttausende von  Jugendlichen, Studenten  und Erwachsenen  jeden
       Alters taten  sich in Arbeitsgruppen, Bürgerinitiativen und demo-
       kratischen Bewegungen  zusammen: Sie  lernten aus  Betroffenheit,
       aus Interesse, selbstorganisiert.
       Begonnen hatte  es in  den 60er Jahren mit der Außerparlamentari-
       schen Opposition und dem Zerfall der CDU-Herrschaft. Was wurde da
       alles gelernt: die Geschichte der kolonialistischen Unterdrückung
       durch Frankreich  und die USA, die Geschichte der Befreiung durch
       die nationalen  demokratischen Kräfte  mit Ho  Chi  Minh  an  der
       Spitze; die  Rolle der  Sexualität im menschlichen Zusammenleben;
       die Ursachen des Faschismus und der Gründung der BRD; manche hat-
       ten sich  auch mit Marxismus beschäftigt, das "Kapital" studiert.
       Danach in  den 70er Jahren ging es auf wesentlich breiterer Basis
       weiter und hat in den 80er Jahren noch an Umfang und Tiefe gewon-
       nen: Wieviel Kenntnisse wurden da in Bürgerinitiativen und sozia-
       len Bewegungen  angeeignet über  Verkehrsplanung, Kernkraft,  Um-
       welt, Frauengeschichte  und -interessen,  Frieden und  Abrüstung,
       Computer, Geschichte des Faschismus, Geschichte von unten ...
       Diese Entwicklung hängt auf vielfältige Weise mit der Bildungsre-
       form zusammen,  die 1969 von der sozialliberalen Regierung einge-
       leitet wurde.  Die Dauer  und das  Niveau der  Bildung haben sich
       seit Ende  der 60er Jahre beträchtlich erhöht: Die Auszubildenden
       sind heute  zu Beginn ihrer Ausbildung im Durchschnitt zwei Jahre
       älter als  1960; die Zahl der Abiturienten und Studenten hat sich
       im gleichen  Zeitraum vervielfacht. Die Ansprüche der Bevölkerung
       und der  Jugendlichen an  eine noch  bessere Bildung sind dadurch
       keineswegs befriedigt,  sondern eher  noch erweitert  worden. Vom
       schulorganisatorischen Ergebnis  her hat  diese Reform nicht sehr
       weit geführt,  die Gesamtschulen  (etwa 150 in der BRD) sind wohl
       das wichtigste. Aber der subjektive Faktor hat sich geändert: die
       gewerkschaftlich ausgerichtete  Mehrheit der  Studenten  und  der
       Studentenbewegung; die  progressivste  Lehrerschaft  in  der  Ge-
       schichte des  kapitalistischen Deutschland (stünde unseren Lehre-
       rinnen und  Lehrern bei  all ihren  komplizierten  Selbstzweifeln
       diese Tatsache  doch einmal  klar vor  Augen!); die  Suche vieler
       junger Eltern  nach partnerschaftlichen  Verhaltensweisen und Er-
       ziehungsformen; die vielen Jugendlichen, die lernbegierig bleiben
       und trotz  deprimierender  Lebensaussichten  nicht  den  Neonazis
       nachlaufen; die Hunderte arbeitsloser Lehrer, die in Selbsthilfe-
       projekten pädagogisch  wirksam bleiben  und sich  etwas zum Leben
       verdienen wollen...
       
       3. Grenzen und Strategien
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       Die sozialdemokratische  Regierung, die  der Bildungsreform  1969
       "oberste Priorität"  geben wollte,  hat von  Anfang an  nicht die
       Grenzen gezeigt, die im Kapitalismus lagen. Wer als Grundsatz des
       gesellschaftlichen Lebens  anerkennt, daß  es nur wenige wirklich
       Verantwortliche für  den Kernbereich der Produktion gibt, nämlich
       die privaten  Produktionsmittelbesitzer, der  wird -  mit welchen
       Zusatzbegründungen und  Abfederungen immer - in der Bildung nicht
       einen anderen  Grundsatz verwirklichen  können, nämlich der Mehr-
       heit, d. h. den Nicht-Verantwortlichen, eine breite Allgemeinbil-
       dung zu verschaffen.
       Auch die  spontanen und  selbstorganisierten Bildungs- und Erzie-
       hungsprozesse kommen  an ihre  Grenzen, wenn  sie den Staat nicht
       für sich, sondern gegen sich haben. In allen lebenswichtigen Fra-
       gen, die  auch die Ausgangspunkte für die geschilderten Bildungs-
       prozesse gewesen  sind - also Umwelterhaltung, Abrüstung, Ausbil-
       dungsplätze und  so fort -, sind bei aller Eigentätigkeit von Be-
       troffenen und  Engagierten doch letztlich staatliche Entscheidun-
       gen und  Maßnahmen notwendig. Und es wird zweifellos der tatsäch-
       lichen Gewalt  des   S t a a t e s  bedürfen, Abrüstungsmaßnahmen
       auch gegen  den Willen  der mächtigen  "Betroffenen", nämlich Rü-
       stungskonzerne,  Großkapital  und  Bundeswehrgeneralität,  durch-
       zusetzen, ebenso  etwa ein umfangreiches Investitionsprogramm für
       Arbeit und  Bildung in die Wege zu leiten, das Millionen Arbeits-
       und Ausbildungsplätze  bringen soll, Millionen Menschen den Anal-
       phabetismus überwinden  helfen soll,  hunderttausende Lehrer ein-
       stellen soll,  Millionen benachteiligten  Bürgerinnen und Bürgern
       zu ihren  Rechten verhelfen  soll. All dies ist nur möglich, wenn
       Volksbewegungen da  sind, die  sich zugleich  auf die  Dauer  des
       Staates bedienen können.
       Die Bildungsexpansion  seit Ende der 60er Jahre hat zwar auch für
       viele Jugendliche  (und inzwischen  Erwachsene) aus Arbeiterfami-
       lien nicht  geringe Verbesserungen  gebracht -  wenn man den Ver-
       gleichsmaßstab der  vor der  Bildungsexpansion bestehenden,  noch
       größeren sozialen  Bildungsungleichheit nimmt -, aber die eigent-
       lichen Gewinner  waren die  schon immer  Bevorzugten: die Mittel-
       schichten. Ähnliche  Ergebnisse zeigt die Geschichte der BRD seit
       1968 auch  unter anderen  Aspekten, die  eng mit der Bildungsent-
       wicklung zusammenhängen.  Die aktive  Beteiligung an der Politik,
       an sozialen  und politischen  Bewegungen hat  insbesondere in den
       Mittelschichten zugenommen, nicht so sehr in der Arbeiterklasse.
       Wollen wir  also die "spontanen" Prozesse aus der sozialliberalen
       Regierungsära nicht einfach, unter neuen Bedingungen, fortführen,
       so müssen  wir auch  auf die Verallgemeinerung der demokratischen
       Potentiale dringen.  Dies kann  nur über  den Staat gelingen (ja,
       nach der  Abschaffung des  Staates, wenn  es auch  keine privaten
       Machtgrundlagen mehr  gibt, da wird der nicht-staatlichen Aktivi-
       tät eines jeden keine solche Grenze gesetzt sein; aber zuvor müs-
       sen wir  den Staat  qualitativ verändern und mit seiner Hilfe die
       Reste der  nicht-staatlichen Gewalt,  etwa auf  der Grundlage des
       privaten Produktionsmittelbesitzes, beseitigen. Ja, danach...)
       
       Henning Keese-Philipps
       
       In Zukunft ein Grünes Bildungswesen?
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       Ein seltsamer  Gedanke, über  die Zukunft  eines Bereichs des ge-
       sellschaftlichen  Lebens   zu  schreiben,  dem  eigentlich  keine
       tatsächliche Zukunft  zu prophezeien  ist -  keine "neue" Zukunft
       jedenfalls. Zu eindeutig sind Beschlüsse und Programme der Wende-
       politik oder sozialdemokratischer Formulierungskünste als schnöde
       Bauernfängerei, Luftblasenpolitik  oder "gegen das Finanzministe-
       rium nicht  zu realisierende  Vorstellungen" zu entlarven. Beson-
       ders bei  intensiver Betrachtung der tatsächlichen Veränderungen,
       wenn z.B.  die Planungsstrukturen  der Gesamtschule mit den heute
       existierenden verglichen  werden und  dabei als  ziemlich  letzte
       Übereinstimmungen die  unüberschaubare Größe  und  die  Orientie-
       rungslosigkeit und  Anonymität der  Schüler und Lehrer übrigblei-
       ben.
       Kein politisches  Ressort ist  - trotz aller Wendefürsten - einer
       ähnlichen linearen Degeneration ausgesetzt wie jenes, das sich um
       Bildung und  Ausbildung zu  sorgen hat.  Die Misere des Gesamtsy-
       stems schlägt  sich hier  fundamental  nieder.  Ausbildungs-  und
       Schulzeit dienen mehr und mehr der Zielsetzung, die Arbeitslosen-
       statistik zu  kaschieren, diese  nicht auf die reale Zahl von 3,5
       bis 4  Millionen anwachsen zu lassen und Jugendlichen eine Chance
       in einem desolaten Beschäftigungssystem vorzugaukeln.
       In dieser  Situation über  grün-alternative Perspektiven des Bil-
       dungswesens nachzudenken, muß aus verschiedenen Gründen problema-
       tisch sein.
       A. Bildungspolitische Ansätze  können und  dürfen nicht  isoliert
       von anderen  gesellschaftlich relevanten  Entscheidungen  gesehen
       werden. Schulpolitik  beispielsweise in  einer Avantgardeposition
       der evolutionären  Entwicklung zu  sehen, ist politisch, soziolo-
       gisch und pädagogisch ein Irrglaube.
       B. Die mir  bekannten vergleichbaren  Industrienationen zeigen in
       gesellschaftlichen Krisensituationen  tendenziell  eine  ähnliche
       Reaktion: Sie vernachlässigen Aufgaben und Weiterentwicklungen im
       Bildungssektor. Sowohl  dessen finanzielle Unterstützung als auch
       das politische  Gewicht seiner Vertreter (letzteres strebt in der
       BRD seit  dem Ableben des Deutschen Bildungsrates unermüdlich ge-
       gen Null)  lassen  zunehmend  nach.  "Utopien"  im  Bildungswesen
       scheinen in dieser Situation keinen Platz zu haben.
       C. In bisher nicht gekannter Weise nehmen Vertreter von mächtigen
       gesellschaftlichen Gruppen  Einfluß bei  der  Strukturierung  und
       Ausstattung von Bildungsinstitutionen sowie der didaktischen Aus-
       gestaltung und  Formulierung von  Qualifikationsmerkmalen.  Gegen
       die Macht  der Computerfirmen  und Wirtschaftsverbände  in Zusam-
       menarbeit mit  Politikern ähnlicher Gesinnung - aber manchmal un-
       terschiedlichem Parteibuch - anzugehen, kann hier erstmal nur be-
       deuten, der  Praxis eine  bessere Theorie  entgegenzusetzen.  Die
       allgemeine Sensibilisierung und, daraus folgernd, gesellschaftli-
       che Machtverschiebungen  sind hier  grundsätzlich  notwendig,  um
       auch die Praxis nachhaltig zu beeinflussen.
       Wenn ich  trotzdem grün-alternative  Bildungsvorstellungen ernst-
       haft formuliere  und dieses Unterfangen für wichtig und notwendig
       halte, dann aus folgenden Gründen:
       1. Die Argumentation  der obenstehenden  Punkte B  und C ist zwar
       prinzipiell richtig, ist aber nicht vollkommen "schlüssig". Zudem
       muß gerade  in gesellschaftlichen  Krisenzeiten  gegen  die  ver-
       stärkte Vernachlässigung  des Bildungswesens und die Einflußnahme
       von profitorientierten Kräften eine inhaltlich fundierte Gegenpo-
       sition gefunden werden, um Veränderungen einzuleiten.
       2. Trotz der  Wahlniederlagen auf  Landesebene 1985  sprechen die
       politische Substanz der Grünen, Entwicklungen in der Gesellschaft
       durch internationale  und absehbare  nationale Krisensituationen,
       die Politik  der Altparteien  spätestens nach  der Bundestagswahl
       1987 für ein Ansteigen in der Wählergunst und damit auch für Mög-
       lichkeiten der stärkeren Einflußnahme.
       3. Kurz- und  mittelfristige Einflußnahme  der Grünen ist im Bil-
       dungsbereich möglich  bzw. Tatsache  - der  SPD-Parteiapparat ist
       ebenfalls nicht  homogen. Um  so wichtiger  für die  Grünen, über
       Perspektiven Klarheit  zu gewinnen.  Diese "Klarheit" als revisi-
       onsfähiger Stand  der Diskussion, also der fortgesetzte bildungs-
       politische Diskurs,  kann durch  Meinungsäußerungen wie diese ge-
       fördert worden.
       4. Bildung ist  seit vielen  Jahren kein wahlpolitisch relevantes
       Thema in  der BRD. Berichte aus den Schulen zeigen aber deutlich,
       daß Suchtkrankheiten,  Suizidfälle, Vandalismus  und andere Reak-
       tionen auf  bestehende Perspektivlosigkeit  und die Schwächen der
       Regelschulen die  bereits vorhandenen  Negativsymptome  zu  einem
       großen gesellschaftlichen  Problem werden  lassen und  damit auch
       die Bildungspolitik verstärkt in die öffentliche Diskussion brin-
       gen werden.
       Aus Platzgründen  habe ich  mich entschieden,  meine Ausführungen
       auf Fragen  und Überlegungen  des Schulbereichs zu konzentrieren,
       um wenigstens einige wenige Gedanken konsequent ausformulieren zu
       können. Die  "Abkopplung  vom  Beschäftigungsbereich"  sowie  die
       Nichtberücksichtigung von  vorschulischer, Weiter-  und Erwachse-
       nenbildung erfolgen hier also aus rein technischen Gründen.
       
       Aufgaben der Schulausbildung
       ----------------------------
       
       Nach der offensichtlichen Abkopplung von Bildungs- und Beschäfti-
       gungssystem wird  die Frage  nach der  Aufgabe von  Schulen immer
       lauter gestellt, zumal jetzt das "positive Element" (Arbeitsplatz
       für Akzeptieren von Lernstreß und Bevormundung) wegfällt. Es gel-
       ten zwar  immer noch  die gleichen Argumente von rechts außen bis
       zur DKP,  daß "Kinder mehr und besser lernen" und "die Leistungen
       erbracht werden"  müssen, doch  erkennen zunehmend mehr Jugendli-
       che, daß  ein immer  kleiner werdender  Anteil  eines  Jahrganges
       tatsächlich nach  langer Schulzeit  in Lohn und Arbeit kommt, die
       anderen die  gleichen Leiden  ertragen müssen,  aber nichts  bzw.
       sehr wenig  davon haben. Deswegen erhebt sich notwendig die immer
       aktuelle und  oft vergessene  Frage nach  dem Sinn  und Zweck von
       Schule, zumal  die reine Wissensvermittlung schon jetzt, aber be-
       sonders in naher und mittlerer Zukunft, von privaten und staatli-
       chen Medienträgern  übernommen werden wird. Da bleiben doch - und
       diese Aufgabe  kommt der Schule besonders in den heutigen Krisen-
       zeiten zu  - in vollem Ausmaß "nur" die Ziele, die von kritischen
       Erziehungs- und  Sozialwissenschaftlern vor 15 bis 20 Jahren for-
       muliert worden  sind: Verhaltensweisen von Heranwachsenden beein-
       flussen und  formen, an Fremdbestimmung und Machtverhältnisse ge-
       wöhnen und  die "Gerechtigkeit der gegebenen Ordnung" akzeptieren
       lernen -  Schule bekommt immer mehr und direkter eine  k u s t o-
       d i a l e  F u n k t i o n.
       
       Grundsätzliches und Individuelles
       ---------------------------------
       
       Die Entscheidung,  Schulen  als  Mittel  der  Machterhaltung  und
       -stabilisierung zu  nutzen und die betroffenen Kinder und Jugend-
       lichen zu  immer mehr Leistung, Konkurrenzverhalten und Anpassung
       (hier unterscheiden  sich übrigens Schulen in Ost und West wenig)
       und damit profit- oder/und wachstumsorientiert zu erziehen, rich-
       tet sich  direkt gegen das Individuum. Sie bedeutet in ihrer Kon-
       sequenz die  Nichtberücksichtigung  von  Persönlichkeitsmerkmalen
       und Individualität,  um nämlich  gesellschaftlich wünschenswerte,
       "handhabbare" und kalkulierbare Bausteine im Gesamtsystem zu for-
       men. Dabei  heißt die Zielsetzung "gesellschaftlicher Nutzen" und
       wird definiert  nach der Steigerung des Bruttosozialprodukts oder
       der Planerfüllung,  nicht aber nach der menschlich(er)en Meßlatte
       "Lebensqualität". Die Entscheidung für das Erziehen zur (System-)
       Konformität zeigt  aber auf  der Erscheinungsebene psychische und
       gesellschaftliche Folgen,  die für  das Wertesystem der politisch
       Verantwortlichen entlarvend sind.
       Besonders die Sozialisationswirkung der Schulen, die grundsätzli-
       che Akzeptierung  von Hierarchien,  der methodische  Ansatz, Ler-
       nende als  Variable anzusehen,  die sich an den Vorstellungen und
       Entscheidungen der Lehrenden (bzw. der Bildungspolitiker) zu ori-
       entieren haben,  und die absolutistische Festlegung von Rahmenbe-
       dingungen des Lernens formen Denkmuster, die allgemein im Erwach-
       senenleben und  speziell im Berufsleben weiter praktiziert werden
       und zu einer lautlosen Eingliederung führen sollen.
       Persönlichkeitsmerkmale -  und damit spezielle Interessen und Fä-
       higkeiten - werden ungeachtet psychischer Folgen unterdrückt oder
       überlagert. Depression  und Resignation  auf individueller, Jasa-
       germentalität und  moralloser Opportunismus  mit  den  Leitzielen
       Leistung und Anpassung auf gesellschaftlicher Ebene sind die Fol-
       gen.
       
       In den Schulen: Leben lernen
       ----------------------------
       
       Der Fremdbestimmung  und Normierung  von Köpfen und Denken in den
       Schulen und  damit auch den angesprochenen Folgen setzen die Grü-
       nen ein  Bildungs- und  Schulsystem entgegen,  das besonders zwei
       Grundsätzen genügt:  1. Schule  darf von  seiten des Schulträgers
       nicht zur  Auslese von  "guten" oder  schlechten Schülern genutzt
       werden, sie  darf auch  nicht  die  Interessen  des  Schulträgers
       transportieren und  so ideologisch  genutzt werden. 2. Die Grünen
       akzeptieren und  fördern die Individualität von Lernenden und un-
       terstützen Lehr- und Lernmethoden, die die Betroffenen bestimmend
       und mitbestimmend als Subjekt des Lernprozesses ansehen.
       Bei dem  Versuch, diese  Grundsätze mit  Inhalt zu  füllen,  wird
       schnell deutlich,  daß die  Grünen nicht etwa ein reformistisches
       Modell der Regelschule propagieren, sondern das bestehende System
       aufgrund der  benannten "Mängel" ablehnen und durch ein neues er-
       setzen wollen  - ein Unterfangen, das folgerichtig aus den gegen-
       sätzlichen Vorstellungen von "gesellschaftlichem Leben" zu erklä-
       ren ist.  Das Landtagswahlprogramm  der Grünen  in NRW 1985 zeigt
       exemplarisch, wie "Grüne Schulen" aussehen sollen oder schon aus-
       sehen. Es formuliert Grundsätze, die für alle Bildungseinrichtun-
       gen gelten sollen wie
       - Lernen ohne  psychischen und  physischen Druck,  also auch ohne
       Selektion;
       - eine allseitige  und ganzheitliche Bildung, die eine Entfaltung
       der Persönlichkeit zuläßt;
       - die Freiwilligkeit  des Lernens  und damit  ein  hohes  Maß  an
       Selbstbestimmung für die Lernenden;
       - den engen  Zusammenhang von  Leben, Lernen  und Arbeiten in der
       Praxis;
       - den Abbau  bürokratisch-dirigistischer Einflußmöglichkeiten und
       das Zugestehen  von mehr  Eigenständigkeit für  die am Lernprozeß
       Beteiligten;
       - die Überschaubarkeit von Bildungseinrichtungen;
       - die starke  Berücksichtigung und allgemeine Anerkennung von so-
       zialem Lernen im schulischen Alltag.
       Diese Grundsätze  lassen erkennen, daß nach den Vorstellungen der
       Grünen die  Schulen nicht  mehr nur Institutionen der Wissensver-
       mittlung in  Verbindung mit  dem Transport gesellschaftstragender
       Ideologie- und Wertemuster, sondern Lebens- und Lernraum für Kin-
       der und  Jugendliche sein  sollen, in  dem die  Unterstützung und
       Förderung individueller  Talente und  Fähigkeiten, aber  auch die
       Befassung mit  persönlichen Fragen  und  Problemen  Raum  findet.
       Statt der  vorgegebenen Lehrpläne und Richtlinien bestimmen jetzt
       die Betroffenen  selbst über  Intensität und  Art der Lernphasen.
       Das Primat der kontrollierbaren normierten Leistung im kognitiven
       Bereich wird  durch die  Unterstützung  allseitiger  (Persönlich-
       keits-)Bildung ersetzt.
       
       Schulen ohne Auslese...
       -----------------------
       
       Eine der  von den  Grünen NRW  propagierten Schulen ist die inte-
       grierte Sekundarstufe I-Schule, eine Neuschöpfung, die konsequent
       an den  theoretischen Überlegungen  der Gesamtschulplaner ansetzt
       und diese weiterentwickelt. Diese realpolitische Linie formuliert
       Inhalte, die noch vor zehn Jahren programmatisch auch von der SPD
       als linksliberale Propaganda - so muß heute vorläufig resümierend
       formuliert werden  - vertreten worden sind. Die Vereinheitlichung
       der Schulabschlüsse  nach der  Sekundarstufe I soll dafür sorgen,
       daß  ohne   Aussonderung  und  deren  negative  Folgen  und  ohne
       Leistungsdifferenzierung die  Entwicklung  von  Kindern  und  Ju-
       gendlichen gefördert  wird. Konzeptionell  erinnert dieses Modell
       an den  Begriff "Einheitsschule", zumal sie auch die Sekundarstu-
       fen von Haupt- und Realschulen sowie der Gymnasien ersetzen soll.
       Inhaltlich, methodisch  und organisatorisch  sollen  diesen  Bil-
       dungsinstitutionen aber weitgehende Freiräume zugestanden werden,
       um auf  Spezifika von Schulen, Klassen und auch Individuen einge-
       hen zu  können und  nicht durch bürokratische Einschränkungen die
       Phantasie und  Experimentierfähigkeit und  damit Flexibilität und
       Selbstbestimmung einzuschränken.
       
       ...und Sanktionen
       -----------------
       
       Neben den  (nach grüner Mehrheitsfmdung in NRW...) von den Grünen
       dann staatlich  verordneten integrierten  Sekundarstufe I-Schulen
       werden in  besagtem  Landtagswahlprogramm  besonders  alternative
       Schulen herausgehoben. Schulen, die es jetzt schon in sehr gerin-
       ger Anzahl gibt und die in der Regel ohne Genehmigung - also nach
       herrschendem Recht  "illegal" mit Verletzung der Schulpflicht für
       betroffene Eltern - arbeiten. Diese Alternativschulen formulieren
       den Grundsatz,  daß die  Lernenden in erheblichem Maße selbst be-
       stimmen können, wann, was, wo, wieviel und mit welcher Intensität
       sie arbeiten  wollen. Den  Lehrkräften  stehen  keine  Sanktionen
       (Zensuren, Nachsitzen,  Nichtversetzung) zur  Verfügung, um ihnen
       den Willen  der Erwachsenen aufzuzwingen. Die alltägliche Selbst-
       bestimmung ist  damit auch gleichzeitig eine Selbstverantwortung,
       die den  Kindern und Jugendlichen eine Konsumentenrolle unmöglich
       macht und eigene Initiative und Interessenvertretung abverlangt.
       Damit stehen Alternativschulen - die inhaltlich nicht mit Reform-
       schulen wie  Waldorf-, Peter-Petersen- oder Montessori-Schulen zu
       verwechseln sind - in direktem Gegensatz zu Regelschulen, die den
       Lernenden durch  Verordnungen, Leistungsprinzipien  und Lehrpläne
       eine Rolle  zuweisen, die auch im späteren "Ernst des Lebens" für
       den Erhalt  der gesellschaftlichen  Systematik wünschenswert ist:
       konsumierend ohne  eigene Initiative  (bzw. diese  nur in eng ge-
       stecktem Rahmen)  und fremdbestimmt. Die politische Dimension der
       Entscheidung für  oder gegen spezielle Schulformen wird deutlich,
       wenn die  enorme Sozialisationsmacht  dieser Institutionen  unter
       Berücksichtigung langfristiger Multiplikation - durch die schuli-
       sche Sozialisation  als Eltern  beispielsweise  -  berücksichtigt
       wird.
       
       Umgang mit neuen Technologien im Bildungswesen
       ----------------------------------------------
       
       Das vermehrte Auftreten von Computern in Schulen und die fragwür-
       dige Weissagung, daß zukünftig BASIC wichtiger wäre als Englisch,
       hat die  Bundesarbeitsgemeinschaft der  Grünen im  Herbst 1984 zu
       einer Tagung  veranlaßt, auf  der Positionen  und Argumentationen
       zum Eindringen  der neuen  Technologien in den gesamten Bildungs-
       sektor diskutiert  wurden. Für  den Schulbereich  wurde unter Be-
       rücksichtigung der  hier dargestellten  kurzen Analyse  der  Wir-
       kungsweise von Regelschule festgestellt, daß die Computerisierung
       der Schulen aus verschiedenen Gründen nicht von den Grünen unter-
       stützt werden  kann. Besonders  die absolute Vernachlässigung des
       Beziehungsaspekts (Kommunikation  zwischen Mensch  und  Maschine,
       Mechanisierung des  Lernens, Verstärkung  der Objektsituation der
       Lernenden, Überbewertung  von abstrakten  Lernelementen) und  die
       Langzeitwirkungen von  Computerunterricht  wie  Akzeptanzbildung,
       Interessensicherung der  Computerindustrie  (Rationalisierungsbe-
       strebungen) und  Überwachungs-  und  Kontrollmöglichkeiten  geben
       Anlaß, die  neuen Technologien  im schulischen  Alltag nicht  als
       Schulfach,  sondern,   wie  andere  Inhalte  auch,  als  soziales
       Phänomen der  Gesellschaft zu  behandeln, welches  mit all seinen
       Auswirkungen  kritisch   zu  betrachten   ist.  Der   zusätzliche
       Informatikunterricht, der  von  konservativen  Bildungspolitikern
       eingeführt und  auch von  kommunistisch  orientierten  Vertretern
       gefordert wird,  verschärft die Situation von Schülern in doppel-
       ter Hinsicht. Neben zunehmendem Leistungsdruck und Anhäufung wei-
       teren Lernstoffes (beides erschwert die Reflexion anderer Lernin-
       halte, fördert  also unkritisches Konsumverhalten) ist die Fremd-
       bestimmung im  Informatikunterricht durch  vorgegebene  Programme
       hohen Abstraktionsgrades  nirgends so auffällig wie hier. Die Ab-
       hängigkeit und  damit auch die Manipulationsfähigkeit der Lernen-
       den vom  "großen Bruder" Lehrplan wird in keinem Fach so deutlich
       und begründet  u.a. das große Interesse verschiedener Kultusmini-
       ster an der Einführung von Computerunterricht in den Schulen.
       
       Quintessenz
       -----------
       
       In einer  krisengeschüttelten gesellschaftlichen Situation werden
       die Grünen große Probleme haben, ihre bildungspolitischen Utopien
       auch nur  ansatzweise  zu  verwirklichen.  Das    "a n a r c h i-
       s t i s c h e   E l e m e n t"  ihrer Überlegungen im Bildungswe-
       sen, das  Erreichen von  Selbstbestimmung, Selbstregulierung  und
       Selbstverantwortung,  widerspricht   deutlich  den   herrschenden
       Politikvorstellungen. Die  Distanzierung von absoluter Leistungs-
       orientierung an  sich und deren Folgen kollidiert mit Wachstums-,
       Profitsteigerungs- und  auch Plansollsteigerungsutopien, die zwar
       schon jetzt  nicht mehr  aufrechterhalten werden können, die aber
       in den  Wirtschaftssystemen in Ost und West unerläßlich sind (und
       es gibt  kein System, das z.B. auf qualitativem Wachstum oder gar
       Konsumverzicht basiert)  und deswegen  auch weiterhin  auf Kosten
       der sogenannten Dritte-Welt-Staaten angestrebt werden. Die Grünen
       sind nicht  willens, Kindern  die Realisierung von Tagträumen und
       die Erfüllung  von Wünschen  vorzuenthalten, schon  gar nicht zur
       Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse, die nicht nur durch
       wahnwitzige  Rüstungsausgaben   den   Lebensraum   der   Menschen
       gefährden bzw.  jetzt schon zerstören. Ihre Vision ist die aktive
       Teilnahme von  Kindern, Jugendlichen  und  Erwachsenen  in  ihrem
       gesellschaftlichen  Raum,   die   Einflußnahme   in   dezentralen
       Strukturen, die  einzelnen Personen die Chance zur Mitsprache und
       Mitentscheidung bei gesellschaftlich relevanten Prozessen bietet,
       bei denen der Mensch - und nicht das System - bestimmender Faktor
       ist. Der  Abbau von  machtschwangeren bürokratischen  "übergeord-
       neten" Institutionen, der Abbau der strukturellen Fremdbestimmung
       in den  Schulen und die tatsächliche Emanzipation des Individuums
       sind Zielvorstellungen,  die im Bildungswesen Voraussetzungen für
       angstfreies,  selbstbestimmtes  und  sinnvolles  Lernen  schaffen
       würden.
       

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